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Best of 12/2013-02/2021
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Best of 2005-2013

 
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Das sieht doch gut aus. Diese Munition sollte allemal für ein paar Tage reichen. Wie ich lese, käme die Bundeswehr ja auch immerhin einige Stunden hin, bis ihre Reserven verballert wären. Dafür haben sie aber erstklassige Unternehmensberater, die im Krisenfall dem Feind mit Stellenabbau drohen können.

Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter, wie unser täglicher Gegenteiltag im Kindergarten der atlantischen Medien die Niederlage Russlands feiert, weil den Russen seit Monaten täglich die Munition ausgeht. Der Nachschub funktioniert nicht, die Moral ist ganz schlimm, sie fliehen in Scharen.

Sieg! Sieg! Sieg!

Derweil werden Bakhmut und Avdiivka eingekreist, irgendwie fliegen den gebeutelten Ukrainern täglich zehntausende Granaten um die Ohren und von den 100.000 Toten, die Uschi v.d.L. gestern für ein paar Sekunden wenigstens erwähnte, wenn auch nicht im Geringsten bedauert, lässt Prawda-Selenski heute 90.000 wiederauferstehen. Ostern im Advent. Dazu ein Zitat vom Feindsender:

"Ich habe den Eindruck, dass sie unsere Stellungen mit ihren eigenen Leichen zupflastern wollen […] Man kann es unmöglich irgendwie anders nennen. Sie entsorgen einfach den aktivsten Teil der männlichen Bevölkerung." Aus Gründen kompletter Verblendung glaubt der Autor an die Darstellung des Feindes. Er behauptet dabei, das ergebe sich aus dem Fortgang der Ereignisse an der Front, über die er sich mehrfach täglich desinformieren lässt.

Seine Tochter hat ihn derweil belehrt, dass man manche Dinge kommen sieht, wenn man die Augen nicht verschließt. Noch ein Zitat, im Anschluss an das Titelfoto:
"Ich weiß schon immer: Wenn der Gin jetzt kommt, wird das nicht gut enden." Das, um ein vorletztes Zitat anzuschließen, noch einmal vom Feindsender:

Kinder lieben die NATO

"Jemand, der sich ernsthaft Gedanken über Kriege macht, [hätte darauf geachtet], es nicht dazu kommen zu lassen, weil das Ergebnis, das letztlich eintreten wird, von vorneherein absehbar war.
Das war der Zeitpunkt, an dem vernünftige Menschen sich Gedanken darüber gemacht hätten, welche Folgen ein Krieg bringt, und darüber nachgedacht hätten, wie viele wohl sterben würden, wie viele Häuser und ganze Orte danach in Schutt und Asche liegen werden, wie viele Kinder elternlos bleiben werden. All diese Dinge bringen Kriege nun bekanntlich einmal mit sich. Im Dezember des letzten Jahres war ein passender Moment für solche Gedanken, auch für die Überlegung, dass da ein Winter kommen wird, der für jeden schwer wird, der kein Dach über dem Kopf hat.
"

Und zum Abschluss noch einmal ein weiterer Satz des Jahrhunderts zum Kontrast, einer von den Guten, nein, der Besten überhaupt: "Nun werden Eltern beim Frühstück von ihren Kindern gefragt: Mama, was sind eigentlich Atomwaffen? Andere wiederum sagen: Ich mag die Nato wirklich." Das Praktische am Spätkapitalismus ist ja die große Auswahl. Man kann sich die Wirklichkeit aussuchen, die man sich leisten kann, und sie kaufen.

 
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Teil vier der Serie über große und kleine Stars im Netz. Als alter Betablogger habe ich sie kommen und gehen sehen. Hier ein Nachtritt, dort eine Hommage, und alles völlig anonym, wie sich versteht.

Eigentlich Versicherungsmathematiker, fühlte sich Sven Bürger zu Höherem berufen. Seine ersten Versuche mit surreal-psychoanalytischen Kurzgeschichten scheiterten an erheblicher Verspätung. Nach einigen unspektakulären Plagiatsvorwürfen wurde ihm seine profunde Unkenntnis der Literaturgeschichte sowie allgemein Ignoranz gegenüber anderen Autoren zugute gehalten und er von allen, auch künftigen Anklagen freigesprochen.

Reformation am Ruder

Bürger führte mit häufig wechselnden Partnern den Webauftritt "Siegelwächter", auf dem er sozialdemokratische Kritik an den Verhältnissen übte. Insbesondere wurde er hochgeschätzt als Entdecker von Auswüchsen, Gier und Gaunereien zum Schaden der Sozialen Marktwirtschaft. Seine strikt konstruktiven Ansätze wurden vor allem von Liberalen und Konservativen innerhalb der Sozialdemokratie geschätzt. "Siegelwächter" wurde inzwischen von der Kindertheatergruppe "Quermirabellen" übernommen, die dort täglich das Stück "Püntes und der Wolf" aufführt.

Schnell entwuchs Bürger einer Schmuddelecke, in der er sporadisch, unfreiwillig und ohne sein Wissen Kontakt zu Linksextremen hatte. Nur mit einiger Not entkam er der Radikalisierung durch das Internet. Bürger schloss sich einer sozialdemokratischen Bewegung unter Führung eines Sozialdemokraten aus der Gruppierung "Sozialdemokraten in der SPD" an und begann, zunächst in Streitschriften zum Ausdrucken, später volldigital, frühsozialdemokratische Ideen mithilfe spätsozialdemokratischer Techniken als Kritik am sozialdemokratischen Establishment zu etablieren. Als innovativ gelten dabei seine Anleihen bei Impfgegnern und Putintrollen.

Durch den engen Kontakt zu sozialdemokratischen Ökonomen schulte er seine Analysen des Marktgeschehens (Stichwort: "Allokation") und lernte, sich mit einem Finger am Kopf zu kratzen. Als Autor von Bestsellern wie "Vom Harz zu Hartz" und "Keine Ahnung von Fußball, aber Libuda zitieren" zeigt er sich auch immer wieder volksnah. Bürger gilt als harmlos und unbewaffnet. Auf Nachfrage konnte niemand genau sagen, wann und wo er zuletzt gesehen wurde oder wie er heute aussieht.

 
ef

Die USA haben für ihre politischen Interessen ganz selbstverständlich auch die (jüngere) Geschichte ausgebeutet und das Narrativ des Siegs der Guten gegen die Bösen aufgesetzt. Die Blaupause des Naziregimes, seinerseits Zeiterscheinung und auf vielen Ebenen einen extremer Sonderfall, diente fortan als Projektion aller Feinde des 'Westens'.

Das Nazireich hatte Besonderheiten, die sich erstklassig für jedes Greuelmärchen eigneten: Es war extrem hierarchisch aufgebaut, der Treueeid wurde auf den Führer persönlich geleistet, der der allmächtigen Partei vorstand. Die Gewaltenteilung war de facto aufgelöst. Alle staatlichen Institutionen dienten der Partei und ihrer kruden Ideologie.

Schnittmuster

Die Medien waren nicht nur gleichgeschaltet, sondern das beherrschende Massenmedium (Radio) erstens neu und zweitens ganz in der Hand des Regimes. Folgerichtig wurde im Krieg dann auch schon das Hören fremder Sender schwer betraft. Die Todesstrafe wurde willkürlich verhängt. Zudem zeichnete das Regime ein historisch einmaliger Vernichtungswille und dessen Umsetzung aus. All diese kumulierenden Effekte hatten jeweils benennbare Gründe; um ein Narrativ aufzusetzen, ist es aber angezeigt, diese zu verschleiern und nur die Erscheinungen zu nutzen.

Nach dem Sieg über die Nazis – deren Personal fast vollständig übernommen wurde, um die BRD unter Kontrolle zu bringen – wurde also der Schrecken der Naziherrschaft jedes Mal heraufbeschworen, wenn es galt, einen Krieg zu rechtfertigen. Die Projektion unfassbarer Greuel eines diktatorischen Regimes mit einem sadistischen Herrscher, das aus Vergnügen quält und mordet, wurde zum beherrschenden Muster. Projiziert wurde dieses zunächst vor allem auf kommunistische Feinde, später auf muslimische, aktuell auf Russland. Das US-Regime sorgte u.a. dafür, dass die großen Medienproduzenten (Hollywood, TV-Serien) solche ideologisch aufgeladenen Muster bedienten.

Ende der Geschichte

Betrachtet man im Gegensatz dazu Russland bzw. die Sowjetunion und deren Propaganda, hat man dort das Dritte Reich als Endstufe des Kapitalismus betrachtet und es versäumt, propagandistisch ein haltbares Narrativ dazu zu kreieren. Der Feind war nicht eine Erzählfigur, er hatte auch kein Gesicht; er war der abstrakte Imperialismus mit seinen ausführenden Mächten im Westen. Obendrein war das Gute das Kollektiv. Nicht Super-Vladimir war der Held, der für seine Taten bewundert wurde, sondern der Sozialismus, für dessen Sieg alle Anstrengungen unternommen wurden. Spätestens nach dessen Fall musste erst ein passabler Nationalismus entwickelt werden, der an dessen Stelle treten konnte.

Nach dem Ende des Kalten Krieges hatte das neue Russland weder ein Feindbild zur Verfügung, noch eine Strategie, die eines solchen bedurft hätte. Eher nationalistisch als imperialistisch orientiert – Russland hatte sehr mit sich selbst zu tun, um sich neu aufzustellen, im Kapitalismus anzukommen und neue Hierarchien zu bilden – reagierten die Russen erst spät auf die vom Westen immer wieder zurückgewiesene ausgestreckte Hand. Bis heute gibt es nicht einmal ein festes Feindbild für NATO und EU. Es nützt einfach nichts in einer Zeit, in der sich die Weltpolitik ohnehin vom Imperium abwendet. Die rituellen Nazivergleiche perlen derweil ab. Das sind Märchen vom Westen für den Westen.

 
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Teil drei der Serie über große und kleine Stars im Netz. Als alter Betablogger habe ich sie kommen und gehen sehen. Hier ein Nachtritt, dort eine Hommage, und alles völlig anonym, wie sich versteht.

Schon als Sechsjähriger machte Fifi von der Leiter von sich reden, als er in Zeh Doppelplus eine Endlosschleife hexadezimal reverse ins BIOS eines nuklear betriebenen Bügeleisens kompilierte. Außerdem irgendwas mit Bibliotheken. Seine einzige Bezugsperson war bis dahin eine Plüschente, die er "Wurzelauskuh" nannte.

Als Teenager versorgte Fifi die örtliche Ritter- und Trachtengruppe mit Kettenhemden, die er aus Büroklammern in einem Neun-Nadel-Drucker von Mannesmann montieren ließ. Dieser erste 3D-Drucker steht heute in einem Technikmuseum auf dem Dachboden einer Schreinerei auf Spiekeroog, wo er Ziel zahlreicher Wallfahrer aus der Kirche des Heiligen MacGyver ist.

Bahnbrechend

Nach dem tragischen und bis heute ungeklärten Verschwinden seiner Ente Wurzelauskuh in einem selbstgebauten Teilchenbeschleuniger gründete er den wohl erfolglosesten Versuch aller Zeiten, ein Webdesign zu entwickeln. Die so entstandene 'Blogsoftware' gilt bis heute als Geburtsstunde des Digitalen Dada.

Von der Leiters Errungenschaften als Publizist bestehen in erster Linie darin, weniger doof zu sein als seine Leser, deren Inkompetenz er ihnen in täglichen Übungen süffisant vor Augen führt. Kritik und Anregungen erreichen ihn dabei nur per digitaler Postkarte (den Älteren noch bekannt als "E-Mail"). Die Intransparenz dieses Verfahrens ermöglicht es ihm, virtuelle und selbstgemalte Zuschriften zu behandeln, als seien sie real.

Darüber hinaus spricht er auch gern mit seinem Kumpel vom russischen Häckerverein "Zeh drei" und nimmt die Gespräche auf Kassette auf. Das so produzierte Audio-Fanzine gilt als kult und lockt mitunter sogar semiprominente Gäste an. Wenig Persönliches ist über von der Leiter bekannt. Es heißt, er spiele gern Bosonentennis im Lokalen Netzwerk mit blutjungen elektromagnetischen Avataren und mampfe gern Popcorn aus der Mikrowelle.

 
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Teil zwei der Serie über große und kleine Stars im Netz. Als alter Betablogger habe ich sie kommen und gehen sehen. Hier ein Nachtritt, dort eine Hommage, und alles völlig anonym, wie sich versteht.

Schon im Teenageralter weltberühmt als Model für unsägliche Kopf-und Gesichtsbehaarung, wurde Gaga Loco das Leben in München bald zu klein und er übersiedelte von der Hauptstadt der Bewegung in die Preußenmetropole, die einzige deutsche Stadt, die ihm seiner Größe angemessen erschien. Er zog eine letzte Line, um einen harten Entzug zu durchleiden, bei dem er den Koks mit Schampus substituierte, und begann sein neues, größeres Leben.

Die große Welt

Auch in der Hauptstadtszene fühlte er sich bald wohl, weil wichtig und lud sich so lange zu allen großen Events ein, bis niemand mehr daran zweifelte, dass er wohl der Ehrengast sein müsse. Stets nahm er ungefragt auf der Bühne Platz, bis er sich in die Herzen aller Digitalredakteure der großen Verlagshäuser genäselt hatte. Geschätzt wurde er vor allem für abgebrochene Studiengänge, wirtschaftlichen Misserfolg und seine gefälligen Reden, die weder Fachpublikum noch Laien je überforderten. Zu spät wurde bekannt, dass er auch einen bis dahin erfolgreich verschwiegenen Abschluss vorweisen konnte.

Als Mann von Prinzipien (zu nennen ist hier vor allem Peter) landete er schließlich am chicen großen Schreibtisch im chicen hellen Büro eines ehemals chicen Magazins. Schon bald gab der letzte Ressortleiter den Versuch auf, ihm klarzumachen, was man eigentlich von ihm wollte, sodass er künftig seine Themen frei wählen konnte. Endgültigen Kultstatus bei der Mitte der Mitte der Mitte (aka Elite) verlieh ihm der Rant über jüdisch-bolschewistische Lumpenpazifisten, der ihm den nach Thilo Sarrazin benannten Pressepreis Endamadawisa ("Endlich darf man das wieder sagen") einbrachte.

Mit seinem Hund Goldie und Frau Eva lebt Loco zurückgezogen in einer Souterrainbutze unter Berlin-Mitte. Der leidenschaftliche Volkswagenfahrer macht gern Urlaub in Berchtesgaden und liebt Schlagermusik. Er ist bekennend autosexuell, spendet aber gelegentlich an handverlesene Zuschauerinnen.

 
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Mit diesem Beitrag beginnt eine kleine Serie über große und kleine Stars im Netz. Als alter Betablogger habe ich sie kommen und gehen sehen. Hier ein Nachtritt, dort eine Hommage, und alles völlig anonym, wie sich versteht.

Adolf Onnso ist eine Kunstfigur von Heiner Müller. Nach einer Klage von Heiner Müller durfte Heiner Müller sich nicht Heiner Müller nennen, weil es den ja schon gab. Zunächst trug sich Müller mit dem Gedanken, sich aus Trotz und verletztem Stolz Stewart Granger zu nennen, da dieser ja eigentlich James Stewart hieß. Auf Anraten seiner Anwälte und weil es sich ohnehin besser anhört, hob Müller schließlich den Onnso aus der Taufe.

Ursprünglich aus Santiago de Compostela stammend, musste er vor einem Mob intriganter Weiber fliehen, die sich von ihm abgelehnt fühlten. Er sah keine andere Möglichkeit, als mit dem Minifahrrad seines Schwagers über die Pyrenäen und durch die Alpen ins Exil am Tegernsee zu pedalieren. Dort verdingte er sich zunächst als Bibliothekar und Experte für Sammeltassen.

Aufstieg und Verblassen

Seine Publikationen über Publikationsplattformen und das karge Leben der unteren Oberschicht erregten bald die Aufmerksamkeit der wichtigsten Zeitungsverlage. Insbesondere der Feuilletonchef eines extraseriösen Blattes verwechselte Müller mit einem Journalisten und verschaffte ihm Zugang zur Szene.

Adolf Onso ließ sich von jedem Verlag kaufen, der ihm ledergebundene Originale von de Sade oder Karl May bieten konnte. Dabei entwickelte er sich vom anfangs kritischen Netizen über den konservativen Zeitzeugen hin zur Referenz für Rechtskonservative und Duweißtschonwelche. Seine Spezialgebiete sind Fingerzeige auf 'Linke' und das Zerschlagen von Meißner Porzellan.

Infolge seiner eifrigen Fingerzeige entwickelte Onso mit der Zeit eine Spastik. Er ließ sich davon aber nicht beeinträchtigen und nutzte vielmehr den dauerhaft abgespreizten kleinen Finger, um seine mit handgestickten Initialen versehenen Taschentücher zu trocknen.

Onnso verstarb mutmaßlich schon vor einigen Jahren völlig unbemerkt an buchstäblicher Langeweile.

 
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Wie bereits eingehender dargelegt, ist vor allem die deutsche sogenannte 'Außenministerin' dazu übergegangen, an die Stelle von Diplomatie ein eiferndes Gepöbel zu setzen. Wo Deeskalation und vorsichtiges Auftreten über Jahrhunderte den Ton bestimmten, wo einst selbst die ärgsten Feinde zum friedlichen Austausch fanden, schreit sie der Welt ihren Hass, ihre Kriegslust und ihre fanatische Selbstüberschätzung entgegen.

Befeuert durch die amerikanisch-atlantische Arroganz, sich für die einzig relevante Kultur der Welt zu halten, und zuletzt vor allem durch das Gebrüll und die hemmungslose Eskalationsrhetorik eines Selenski und seiner Faschisten, haben eben Eiferer wie das grüne Strebermädchen ohne Qualifikation Hochkonjunktur.

Westliche Dekadenz

Die Ansicht, es gehe viel besser in der internationalen Politik, wenn man gar nicht mehr mit den zahlreichen Feinden redet, sondern öffentlich über sie urteilt und spottet, hat sich im Wertwesten zu einer Epidemie entwickelt. Das betrifft eben nicht nur den Wortlaut und die Peinlichkeit des Auftretens, sondern es führt zum Verlust jeder Kultur der Kommunikation. Drei aktuelle Beispiele illustrierten das aufs Deutlichste:

Der kanadische Premierminister Trudeau hielt es für eine gute Idee, vertrauliche Inhalte eines Gesprächs mit dem chinesischen Staatspräsidenten der Presse zu erzählen. Xi, der nicht nur andere Vorstellungen von diplomatischen Beziehungen hat, sondern auch – ganz im Gegensatz zur westlichen Ansicht – eine Weltmacht mit entsprechendem Selbstbewusstsein vertritt. Hier kann man hören, wie es klingt, wenn er einen unbedeutenden Kollegen wie Trudeau verfrühstückt. Der Wortlaut bleibt dabei höflich.

Dass der Umgang mit Russland unterirdisch ist, wissen wir. Es ist ja nur die größte Atommacht der Welt, die zudem über Hyperschallwaffen verfügt, mit der sich der Westen in einem Stellvertreterkrieg befindet. Da pfeift man auf alle Manieren und führt 'vertrauliche' Gespräche gar im Beisein von Journalisten, ohne das Gegenüber davon auch nur zu unterrichten.

Ruiniert

Absurd wird es schließlich, wenn zu einer Konferenz der Organisation, die genau für solche Fälle gegründet und institutionalisiert wurde, der wichtigste Vertreter ausgeladen wird. Was hat ein Lawrow schon mit Sicherheit in Europa zu tun? Der Stuhlkreis des Kindergartens West tagt lieber allein.

Dass es sich bei all dem nicht um eine Konzession an gesellschaftliche Förmlichkeit handelt, sondern um die einzige Option, zu einem friedlichen Umgang zu finden, geht den Fanatikern gar nicht mehr ein. Dass man damit nicht nur Kriege verhindert, sondern auch wirtschaftliche Beziehungen festigt, haben sie vergessen – ganz im Gegensatz zu Russland, China, Indien und selbst dem Sultan von Ankara. Wer hier wen nicht mehr braucht, wäre die Frage gewesen. Die Zukunft heißt "BRICS".

 
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Die junge Frau wird von Männern gern angeguckt und lässt sich gern sehen. Ihre Jeans ist extrem kurz, oben lugt ein Stringtanga hervor. Bauchfrei, knappes T-Shirt, kein BH. So betritt sie die Kneipe, und es dauert nicht lange, bis ein Mann an sie herantritt und sie fragt, was sie denn so vorhätte am Abend, wobei er ihr an den Allerwertesten fasst. Sie verabreicht ihm eine Ohrfeige.

Er brüllt sie an, was ihr einfalle. Sie kommt kaum zu einer Antwort, da hat sich schon die halbe Dorfstube um die beiden versammelt. "Schlampe!", ruft eine aus der zweiten Reihe. "Ja ganz recht, was bist du für ein Flittchen?", will ein Kerl wissen. Man macht ihr deutlich, dass so etwas nichts in ihrer Runde verloren hat, unverschämt, vulgär und unmoralisch. Untragbar.

Dieselbe Szene in einer Großstadt-Bar. Ein junger Mann packt sich den übergriffigen Typ, eine Frau schreit: "Drecks-Chauvi!" Die Begrabschte selbst legt noch eine nach. Man schleift das alte Schwein vor die Tür und wirft ihn in die Gosse. Er solle sich zu seinen toxischen Steinzeit-Kameraden trollen.

Toxische Schlampigkeit

Welche ist jetzt die richtige Moral? Die, die über Jahrhunderte dafür gesorgt hat, dass eine gewisse Sittlichkeit herrschte und Frauen wie Männer nicht öffentlich sexualisiert auftraten – wozu selbstverständlich auch aufreizende Kleidung und ebensolches Verhalten gehörten? Die Moral, nach der das Weib sich nicht zu beschweren hat, dass der Kerl sich nimmt, was sie ihm so provokativ darbietet?

Oder die neue Moral, nach der Frauen die Freiheit haben, sich zu kleiden, wie sie wollen, sich zu bewegen, wie und wo sie wollen, ohne dafür von Männern, die Frauen nur als Lustobjekte betrachten, belästigt zu werden? Die Moral, nach der das Verhalten des toxischen Cis-Angreifers als Vergewaltigung zu gelten hat?

Ein alter pädagogischer Sinnspruch sagt: Der Dumme fragt: "Ist es so recht?", der Kluge fragt: "Was passiert dann?" Moral ist unvereinbar mit Rationalität. Wo diese nach Ursachen und Wirkungen fragt, legt jene unabhängig von Umständen, Wirklichkeit und Perspektive fest, was gut und böse ist. "Richtig" und "falsch" der Moral widersprechen unmittelbar den logischen Kategorien.

Entweder oder

Rationalität enthält sich daher jedes moralischen Urteils. Sie betrachtet die Möglichkeiten des Verlaufs der Ereignisse nach Wahrscheinlichkeiten. Dazu orientiert sie sich selbstverständlich an den zeitlichen und örtlichen Begebenheiten, auf die Moral keinerlei Rücksicht nimmt. Realität ist fließend und veränderlich, Moral ist, einmal auf ihre Werte festgelegt, starr und unbeweglich.

Gerade, wo sie (ggf. angesichts übermächtiger Kräfte in der Wirklichkeit) sich flexibel versucht, zerbricht sie daher in die Absurdität des Mehrfachstandards. Moral, die für den einen gilt und den anderen nicht, hier ja, dort nein, offenbart ihre Sinnlosigkeit. Daher ist es angezeigt, auf sie zu verzichten, auch und gerade, wo man sich seiner 'moralischen Werte' sicher wähnt.

Ganz besonders gilt das für 'moderne' Moral, deren Begriff schon den Hinweis auf die Mode in sich trägt. Moral ist vergänglich, ihre eifrigen Verfechter gebärden sich aber regelmäßig wie die Hüter einer ewigen Wahrheit. Wohin man schaut, Paradoxie und Absurdität. Ihre ärgsten Feinde sind Rationalität, Vernunft und Logik.

 
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Vor allem in Deutschland mit seiner extrem engen Medienöffentlichkeit hat man nicht einmal ansatzweise verstanden, was "Diktatur" bedeutet. Der Trend zur Verkindlichung des Publikums steigert diese Inkompetenz noch ins Bodenlose, wo die politische Mittelschichtsmitte nur mehr Märchen erzählt, der Journalismus vom Storytelling zum Fairytaling übergegangen ist.

Die Sucht zur Projektion sitzt tief. Hitler, das absolute Grauen, lugt an allen Enden aus dem Narrativ, mitsamt seiner grausamen Bande, die Deutschland überfallen und zum Weltkrieg gezwungen haben. Das absolut Böse, das niemand kommen sah und erst vom weißen Ritter besiegt wurde, dem Guten, dem alle seitdem Dank schulden.

Diesmal hellwach

Das nächste Mal sind wir wachsam. Wo immer in der Welt Hitlers und ihre grausamen Banden auftauchen, um Auschwitze zu machen und Weltkriege anzuzetteln, treten wir ihnen entgegen: Milosevic, Saddam, Gaddafi, Assad, Putin, Lukaschenko, Xi. Sie sind Diktatoren. Ihnen gehorcht ihr ganzes Land. Sie befehligen grausame Banden, die morden, foltern und vergewaltigen. Gegen sie kämpft die Bundeswehr mit der NATO für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit.

Das ist bis hierher kein Stück übertrieben. Der implizite Befehl lautet: Lass dich berieseln, tauche ein in die Erzählung, stelle keine Fragen, schau nicht aus dem Fenster. Jede Abweichung davon entlarvt diesen Mist als eine Beleidigung jedes Intellekts. Nazis in der Bundeswehr, Angriffskriege der NATO mit Millionen Toten, Geostrategie, Kapitalinteressen, Think Tanks, Medieneigentum, Parteienherrschaft – das muss alles ausgeblendet werden.

Vor allem aber herrscht eben die Projektion. Was die Nazis waren und was über sie erzählt wird, wird allem übergestülpt, das der Wertewesten als Feind erkennt. Dass selbst wirklich mächtige Politiker wie Xi oder Putin keine knallharte Hierarchie einer kriegerischen Ordnung befehligen, sondern komplexen Staaten mit all ihren Instanzen, Interessensgruppen und gewachsenen Strukturen vorstehen, stört die Erzählung nur.

Antichrist

Nur so bleibt die Erzählung eindimensional. Nur so können die Interessen und Entscheidungen von Staaten, ihren Kapitalen und Apparaten personalisiert werden. Nur so kann das Ammenmärchen von Schurken und Helden, Guten und Bösen funktionieren. Alles andere, jede erste Differenzierung, würde zwingend zu komplexen Betrachtungen, Relativierungen und schwer verständlichen Analysen führen.

Der ausdrückliche Feind dieser Märchenerzählung ist daher auch die Relativierung. Gegen sie wird ein Tsunami an Moral aufgetürmt, eine Welle, die alles unter sich begräbt, was nicht absolut gut oder absolut böse ist. Die Projektion der Diktatur, die keiner Überprüfung in der Wirklichkeit standhält, ist dabei so wichtig, weil nur sie die Figur der bösen Allmacht ermöglicht. Der je aktuelle Hitler ist der Teufel. Mit ihm spricht man nicht. Ihn treibt man aus.

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