politik


 
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Quelle: pixabay

Da wird mir immer schwindlig. Wie muss es erst Lesern ergehen, die sich zurecht über die Dreistigkeit von Amtsträgern erregen und dann hier zu lesen kriegen, das sei alles irrelevant. Wir müssen reden. Nicht zuletzt über erstens die allgemeine Entwicklung und zweitens über die Personalie Friedrich Merz - um dann noch meine zähe Kritik am Humanismus durchzukauen. Kommt, das kriegen wir hin!

Augenrollen! Ist POTUS Trump noch ein Beispiel oder so etwas wie das Gegenteil - der Beleg dafür, dass man immer mit allem rechnen muss und im nächsten Moment schon mit dem Gegenteil? Ich möchte hier eine alte These gelten lassen: dass das System nicht zufällig korrumpiert, sondern programmgemäß und dass mit fortdauernder Krise das Zerbröseln der Säulen 'normal' ist. Trump ist Symptom dafür, dass der Extremismus der 'Mitte' die Hülle der Zivilisation absprengt. Es geht um Macht. Die wird für viele umso attraktiver, je rücksichtsloser und absurder sie genutzt wird.

Der schon wieder

Gesittet hingegen geht es noch im deutschen Vaterland zu, das gehört sich so und hat es als Vorbild bis nach Hollywood geschafft - in der Figur von Hans Landa, dargeboten von Christoph Waltz. Dies als Stimmungsbild. Bei uns sind sie adrett und sachlich, bar hinderlicher Emotionen, wenn es darum geht, die allseits geschätzten schmerzhaften Entscheidungen® zu treffen. Der Ton ist ruhig, der Anzug sitzt, ein calvinistischer Hintergrund von großem Vorteil. Juristenfamilie, nicht weit vom Stamm, bestens vernetzt. Karriere vorprogrammiert. Willkommen bei Bundeskanzler Friedrich Merz!

Passend ist diese 'Personalie' schon, weil sie sich bei allem Ehrgeiz, der seine Nähe zur Eitelkeit nicht verbergen kann, daherkommt, als sei sie keine. Es geht nie um 'ihn', sondern immer ums Ganze, Wohlstand, Arbeitsplätze, Vaterland. Was er nicht weiß: Er ist tatsächlich nicht mehr als ein Produkt, austauschbar, aber man nimmt am liebsten die, deren Züchter man kennt. Beste Hard- und Software, man weiß genau, welches Dann auf ein Wenn folgt.

Was hinten rauskommt

Ich finde diese Beispiele sehr geeignet für den Grundgedanken, dass es keine Personen gibt, die Einfluss haben auf die relevanten Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Es sind die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Spielräume schon immer eng sind und sich weiter verengen. Clowns wie Trump sind nur scheinbar ein Gegenbeleg. Was sie vielmehr belegen, ist dass der ganze Zinnober und die Masken verzichtbar sind. Da erhebt sich einer über alle Regeln, zuerst die des Anstands, und was ändert es? Nach dem adretten eloquenten Schwarzen ein alter weißer Trampel. Wo ist der Unterschied jenseits der Ästhetik?

Nur ein Humanismus, der sich nie von seinen religiösen Wurzeln hat befreien können, kann hier suggerieren, irgendeine Instanz 'Mensch' hätte einen entscheidenden Einfluss auf den Lauf der Welt. Was sind die Wechsel von Bush zu Obama zu Trump gegen die Kontinuität von Guantanamo und den Krieg gegen den Teil der muslimischen Welt, der sich nicht mit Dollars hat kaufen lassen? Was ist Warren Buffet in Zeiten einer Sturmflut von Kapital auf der verzweifelten Suche nach Profit? Was sind sogenannte "Sozialisten" in einer vollautomatischen Produktion? Der Mensch - das Maß aller Dinge?

 
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Jetzt geht es ums Ganze. Köpfe müssen rollen, Posten neu besetzt werden. Die Richtigen ans Ruder, am besten ein starker Mann! Lindner schwächelt, aus dem Hintergrund könnte Kubicki schießen. Kemmerich ist nicht zu halten. Wer ist Kemmerich? Kramp-Karrenbauer hat ihre Autorität verspielt. Welche Autorität? Können Walter-Borjans und Esken Vorsitz? Welcher Partei überhaupt? Droht im März der Merz? Worüber lacht Habeck? Und wo ist schon wieder Behle, wenn er dringend gebraucht wird?

Habe ich eigentlich schon einmal nach einer Analyse gefragt? Einer Situationsbeschreibung wenigstens? Der Benennung eines Problems, wenn schon nicht dessen Lösung? Ja? Dauernd, penetrant und wiederholt? Und warum macht das dann niemand? Wir schalten kurz um auf die letzten Zuckungen der besseren Zeiten, unmittelbar vor der Zombieapokalypse: Es ward der wunderbare Spruch: "Universe is such a strange place (Das Universum ist so ein seltsamer Ort)". Es war in Star Trek, Urheber der HoloDoc, das Hologramm eines medizinischen Notfallprogramms. Er erschien zunächst stets mit der Aufforderung: "Bitte nennen Sie die Art des medizinischen Notfalls! ("Please state the nature of the medical emergency)!".

Hängt sie!

In einer zeitgemäßen, zumal deutschen Serie müsste er nach Schuldigen fragen, harte Konsequenzen fordern (die niemals folgen) und aus der Situation den für ihn größten Vorteil schlagen. Dabei winkte ihm der größte Erfolg, wenn das Schiff brennend und die Crew halbtot auf ein Schwarzes Loch zu taumelten. Ich weiß, dass die Analogie spätestens in dieser Szene aufhört, eine zu sein, aber wer will sich denn noch mit der Realität befassen, die für eine halbwegs seriöse Fiktion einfach nicht mehr taugt?

Das Desaster in einem der fünf neuen Schrottländer könnte im Rahmen dessen, was hier als "Politik" firmiert, nicht größer sein; mit nur einem wenig Abstand betrachtet, ist es aber nicht einmal ein Problem. Es ist eine bescheuerte Debatte um irrelevante Personen, symbolische Handlungen und Symptome, derer es nicht mehr bedurft hätte, um die Krankheit zu diagnostizieren.

Da ist kein Monster ...

Ohne in eine raffinierte Differenzialdiagnose einzusteigen, also auf einem Niveau, das auch solche Mediziner erreichen, deren Eltern sie durch das Gymnasium gepeitscht und in den Kittel gezwungen haben, lässt sich doch erkennen: Das politische System ist in einer unumkehrbaren existenziellen Krise. Alle Korrekturen sind mithin darauf angewiesen, dies zu (an)erkennen und sich auf die Suche nach Ursachen und Alternativen zu begeben.

Dem steht freilich im Wege, dass die ökonomischen Grundlagen, sprich, der fucking Kapitalismus und die damit einhergehende Krisenverschärfung aka "Parlamentarische Demokratie" nicht ausgesprochen, nicht angesprochen und schon gar nicht infrage gestellt werden dürfen. Allein deshalb wären sie schon nicht zu retten. Ich sitze also im Restaurant am Ende des Universums und schaue der Welt beim Untergang zu. Mal sehen, was danach kommt.

 
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Ein ganz interessantes Thema reißt Epikur heute an, er nennt es "Angst und Macht". Man könnte sicher mehrere Bücher darüber schreiben. Meine Erfahrung mit dem Schlimmsten hat mich unter anderem gelehrt, dass erstens die Ängste des Alltags plötzlich sehr klein werden und zweitens selbst der Tod eine Herausforderung ist, der man sich stellen kann. Ich schrieb den Artikel damals nach Uenas Krebsdiagnose, dem ersten in einer Reihe von Todesurteilen.

Der Angst, zumal wenn sie Gewissheit wird, aufrecht zu begegnen, ist für mich eine der wichtigsten Fähigkeiten - oder zumindest Bemühungen. Sich klein zu machen, endet in der totalen Ohnmacht. Deshalb reagiere ich auch - übrigens auch schon vor dieser Erfahrung - allergisch auf Versuche, Menschen klein zu machen oder zu halten. Dies ist auch Verbunden mit der Konstruktion von 'Safe Spaces'. Die Illusion von Sicherheit ist kaum besser als die Forderung danach. Eine 'sichere' Gesellschaft ist organisierte Paranioa. Die Menschen aka Bürger werden darin infantilisiert - wie die Kinder muss man sie schützen (am Ende vor sich selbst), behüten, bewachen und bevormunden.

Kniet nieder

Der Gipfel dieser perfiden Strategie hat eine Formel: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." Eine so kranke Ansage kann nur von einem Innenminister kommen, insbesondere einem deutschen. Hintergrund war die Absetzung eines Fußballspiels wegen angeblicher Terrorgefahr. Wie ein kleines Kind, das von seinen Propellereltern vor der Wirklichkeit 'geschützt' wird, deren Wirkung davon nicht beeinflusst wird und für die jede Begründung dem Unheimlichen weicht, spielt hier ein Minister dieses Spiel gleich mit der gesamten Bevölkerung.

Diese besteht freilich aus erwachsenen Menschen, gegenüber denen er sich zu verantworten hat. Geheimniskrämerei im Angesicht einer - wie es ja wörtlich heißt - "abstrakten Bedrohungslage" setzt die Behörden, die solchen Spuk für überwachungsstaatliche Maßnahmen benutzen, in den Stand, jegliche Kontrollen zu umgehen. So wurde bislang noch jede Diktatur aufgezogen. Der staatliche Übervater reißt die Handlungskompetenz an sich, um eine finstere Bedrohung abzuwenden. Dass de Maizière es fertigbringt, von einer drohenden Verunsicherung zu faseln, die er damit erst auslöst, ist der Dummdreistigkeit geschuldet, die fehlende Kompetenz durch Eifer kompensiert.

Dergleichen findet in der Regel deutlich subtiler statt, nicht nur 'politisch', sondern auf vielen Ebenen. An der Schnittstelle zum Alltag der Massen hat der Staat ein Angstregime errichtet, das mit dem Namen "Hartz" verbunden ist. So schwierig es ist, dem zu widerstehen, so notwendig ist es, denn hier sprießt der Keim der Diktatur besonders gut. Solidarität tut Not, und vielleicht ist der Tod der SPD eine Chance dazu. Es kann ja nicht nur Arschlöcher wie die von der AfD geben, die gegen die Angst eine Hasskultur entwickeln.

p.s.: Nette Comedy zur zitierten und ähnlichen Pressekonferenzen (YT, ZDF).

 
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Schon oft wurde hier festgestellt, dass Sozialdemokratie gescheitert ist, weil sie beim Versuch, Kapital und Arbeit zu 'versöhnen', am Ende immer zum Kapital steht. Das ist aber gar nicht so, weil sie irgendwie böse oder moralisch korrupt wäre, nicht einmal ihre Bosse. Es liegt in der Struktur der Sache. Nun ist es leider so, dass Sozialdemokraten die Sozialdemokratie am wenigsten verstehen. Ihr Grundirrtum macht sie zu einer politischen Witzfigur.

Zwischen Arbeit und Kapital steht nach Ansicht der Sozen der Staat. Ein weiterer furchtbarer Irrtum. Wenn man sich gerade aktuell umschaut, wird das sehr deutlich. Die Nationalismen von den USA über die Türkei, Ungarn bis hin zu Deutschland weisen darauf hin, was der moderne Staat eigentlich ist, nämlich vornehmlich ein nationales Vehikel zur Vertretung von Interessen, die wiederum zuerst die des Kapitals sind. Leuchtende Beispiele dafür: die Politik "America First" mit Frackinggas, Schwerindustrie, Strafzöllen und 'Sanktionen', aber auch die 'Deutsche Autos zuerst'-Politik der Bundesregierungen.

Schland First

Dass ein Feigenblatt namens "Klimapaket" noch kritisiert wird, weil es "der Wirtschaft" schade, versteht sich von selbst. Deutschland über alles; unsere schönen Exporte verteuern sich! Die Kumpanei bei Manipulationen in der Autoindustrie, ständige Flugbegleiter der Bundesregierung aus der Industrie - es gibt erstens keine Unabhängigkeit des Staats vom Kapital und zweitens schon gar keine Gegnerschaft.

Die aber wäre Voraussetzung für die Kontrolle des Staates über Wirtschaft, für das Einhegen® derselben, für wirksame Regulierungen. Das kapiert die Sozialdemokratie aber nicht, dass es hier die Strukturen sind, die Machtverhältnisse, die Bedingungen für das Mögliche und Unmögliche, die jedwede Kontrolle verhindern. Sie glauben lieber an den Weihnachtsmann, es fehle nur der politische Wille®, man müsse diesen nur herstellen. Unsinn. Selbst wenn ihn alle Beteiligten hätten, würde das noch immer an den Strukturen scheitern.

Immer dieselbe Wand

Die Kontrolle der Wirtschaft durch den Staat kann nur funktionieren, wenn dieser jene an sich reißt. Ein autoritärer Staat, wie ihn Steinzeitkommunisten fordern, kann das, und selbst der holt sich die Pest ggf. durch den Außenhandel ins Haus. Ein politisches Vehikel, das Kapitalismus ausdrücklich fördert und aus ästhetischen Gründen umbenennt (soziale Marktwirtschaft®, my ass!) wird aber durch das Kapital kontrolliert, nicht umgekehrt. Das zeigt nicht zufällig alle Erfahrung.

Deshalb ist Sozialdemokratie gescheitert, und zwar zum drölften Mal. Ihr könnt das endlich zur Kenntnis nehmen und euch überlegen, was daraus folgt; welcher Strukturen es bedarf, um politisch wenigstens die furchtbarsten Entwicklungen verhindern zu können - oder ihr könnt das tote Pferd "man müsste nur wollen" weiter reiten, getreu dem Motto: Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

 
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Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F054975-0011 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA 3.0

Tomasz Konicz benennt einige schwere Symptome des Zerfalls einer Parlamentarischen Demokratie in den USA. Er nennt es "Oligarchie im Panikmodus" oder auch, präziser, das Entgleiten der "Kontrolle über den politischen Prozess".

Es war mir selbst bereits aufgefallen, dass in hiesigen Medien offenbar niemand ein Problem darin sieht, wenn für die vorgeblich 'linke' Variante des US-Establishments ein Milliardär ins Rennen gehen will. Die Netzwerke der Superreichen funktionieren zwar intern offenbar noch gut, sie verlieren aber den Anschluss an die Mittelschicht, die bislang in ihrem Sinne das Geschäft besorgt hat. Konicz bringt es auf die Formel, dass die sich nicht mehr einfach kaufen lässt.

Jeder gegen jeden

Derweil findet in den Institutionen, namentlich hier der Justiz, der faschistische Putsch bereits statt. Die unter den rechten (GOP/Republikaner) schon immer gepflegte Tradition, Richterposten mit ideologischen Handlagern zu besetzen, vollzieht sich derzeit mit immensem Druck. Juristische Qualifikation ist eher hinderlich; Fanatismus ist gefragt. Dass sie damit einen massiven, unversöhnlichen Konfikt mit der großen Mehrheit der Bürger heraufbeschwören, ficht sie nicht an.

Während also die rechte Säuberung im Staat bereits läuft, ist es eine andere Schicht derselben Ideologie, die aggressiv mit "Bürgerkrieg" droht für den Fall, dass sich dem jemand entgegenstellt. In dem Maße, in dem sie die Mittelschicht verliert, bindet die dem Faschismus nicht abgeneigte Oligarchie den niedersten Plebs an sich, religiöse wie politische Eiferer, die durch keinerlei Beziehung zu Aufklärung, Rechtsstaat oder Kultur gebremst werden. Diese amerikanischen Taliban warten nur darauf, dass sie endlich den Befehl hören, alles Moderne und Unchristliche zu vernichten.

Krise? Welche Krise?

Die im Establishment als nachgerade linksradikal geltenden Sozialdemokraten wie Bernie Sanders sind in diesem Stadium eine letzte Hoffnung auf ein bisschen politische Stabilität; sie aber haben keinen Rückhalt in den verkrusteten Machtstrukturen. Industrie, Militär und Oligarchie betrachten sie als Feinde. Der Teil des Volkes, der sich nicht durch sie repräsentiert fühlt, ebenfalls, angereichert durch eine Paranoia, die der amtierende Präsident in ungeahnten Dimensionen befeuert.

Zu glauben, dieses Pulverfass könne ein "Bündnispartner" sein, fällt nur Menschen ein, die das Märchen des westlichen Narrativs auch dann noch mit der Wirklichkeit verwechseln, wenn der POTUS ihnen persönlich den Totalen Krieg erklärt. Da kann man nix machen, das sind doch die Guten®. Alles andere ist Antiamerikanismus. Derweil sorgt Amerika selbst dafür, dass von ihm nichts übrig bleibt, dem noch jemand folgen könnte. Wir brauchen wohl wieder einen eigenen Führer.

 
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Ich tue mich nicht nur schwer, das Meiste dessen, was aktuell als "links" bezeichnet wird, so zu akzeptieren. Was ich von Soizaldemokratie halte, muss ich hier nicht wiederholen. Tatsächlich haben auch die ganzen anderen Strömungen, deren Anhänger sich als links verstehen, den Begriff völlig zersetzt; den Rest gibt ihm die Wahrnehmung derer, die sich anderswo verorten. Die Konzepte sind schon immanent, in sich, widersprüchlich. Bestes Beispiel ist das Konglomerat von Rassisten und Sexisten, die sich ein "Anti-" davor pinseln und leider keine Ahnung haben, was das eigentlich ist.

Eine Ideologie, die jemanden wegen seiner Hautfarbe abwertet, ist rassistisch. Die ideologische Abwertung eines Geschlechts ist Sexismus. Dabei spielt es keine Rolle, ob die vorgeblich Minderwertigen oder Wertlosen Schwarze, Weiße oder Blaue sind, die Minderwertigen und Bösen Männer oder Frauen. Ausgebeutete kranke alte Menschen, die ihr Leben lang für ihre Familien gesorgt haben, als "privilegiert" zu brandmarken und ihnen eine Art Täterschaft zu unterstellen, weil sie Alteweißemänner® sind, ist widerwärtig. Begriffe wie "toxische Männlichkeit" "Manspreading", "Mansplaning" und Ähnliches entspringen Hirnen, die aggressive Diskriminierung für gut und gerecht halten. Sie sind dasselbe wie Geschwafel über Hexen und Untermenschen.

Immer wieder gleicher

Was traditionell als links firmierte, führte Gleichheit im Schilde. Alle Menschen sollen gleich sein - niemand hat weniger Rechte, niemand ist minderwertig. Der Gipfel dessen, was diese Linke stets bekämpfte, waren Ideologien, die Angehörigen bestimmter Gruppen qua Geburt einen Makel zuordneten und sie deshalb herabstuften. Dieser Gedanke führt in der Konsequenz dazu, dass Hierarchien abzulehnen sind - in diesem Bezug hat die organisierte Linke in ihrer Geschichte schreckliche Fehler gemacht. Das, was sich heute so nennt, kriegt zum Teil gar nicht genug von Hierarchien und abgestufter Wertigkeit.

Andere 'linke' Gruppen, die sich anderen ideologischen Dogmen verschrieben haben, stehen im krassen Widerspruch zu den beschriebenen. Zwar haben sie nichts mit den o.g. Diskriminierungen zu schaffen, dafür pflegen sie ihre eigenen, etwa die Antideutschen, die sich besondere Meriten verdient haben durch ihre Vernichtungsphantasien wie den Einsatz einer israelischen Atombombe oder den infantil-zynischen Jubel über "Bomber Harris". Deren Antinationalismus kippt teils ins Gegenteil, vor allem aber rechtfertigt er Massenmord - als Konsequenz aus dem Holocaust. Nazienkel at their best.

All diesen Strömungen ist - im Gegensatz zur Linken nach Marx - eine Unwissenschaftlichkeit gemein, die sie in Form von Pseudowissenschaft gar an die Unis gebracht haben. Satirische Beiträge sind hier nicht mehr von universitären zu unterscheiden, einzig das Resultat steht fest. Das hat die Katholische Kirche kaum besser gemacht. Das Weltbild ist geschlossen, Diskurs wird nirgends als solcher wahrgenommen. Man muss niemanden mehr überzeugen außer sich selbst. Es weht irgendeine Fahne über dem Camp (wie neuerdings bei "Extinction Rebellion", die in unfreiwilliger Komik im NSDAP-Design daherkommt).

Wo der Feind steht

Bestimmend ist einzig die Identität, die wiederum ist geklaut. Man ist Anti, insofern ein Spiegelbild der Pros. Das Feindbild schweißt zusammen und die Soldaten der Bewegung wachen nicht einmal auf, wenn sie exakt dasselbe tun wie die Bösen, nur eben als die Guten. Was darf das Gute? Alles. Was tun wir mit dem Bösen? Wir vernichten es. Dies exakt ist übrigens der Erfolg von Moral mit ihrem Konzept von Gut und Böse, weswegen ich sie auch rundweg ablehne. Ethik wie gesagt ist die Wissenschaft der sozialen Ordnung.

Unter diesen Umständen muss ich darauf verzichten, links sein zu wollen. Aktuell ergibt der Begriff keinen Sinn. Er wird freilich dennoch weiterhin in aller Munde bleiben. Das Spiel ist auch zu lustig: Rechte erkennen ihrerseits in jedem verbohrten Deppen jener 'Linken' einen veritablen Feind, der ihre Reihen zusammenhält. Viel Feind, viel Ehr', viel Identität. Dem allgemeinen Trend politischer Dekadenz folgend, hat sich auch hier die Herrschaft des Rückenmarks etabliert.

Tatsächlich nicht konsensfähig - wohlgemerkt in der sogenannten Linken - scheint das Prinzip zu sein, in dem ich das Urmotiv dessen sehe, was ich einmal unter dem Begriff verstanden habe: "Keine Herren, keine Sklaven". Auf niemanden mehr herabblicken, niemanden bespucken, so ganz ohne Führer und Gefolgschaft soll es offenbar nicht sein. Dann am Arsch, Genossen, ohne mich!

 
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Ich genieße weiterhin in dieser Mischung aus Schauer und Faszination, wie sich der Kollege Kay Sokolowsky mit den Niederungen des Parteipersonals kontaminiert, halte aber weiterhin einen gewissen Ekelabstand von derlei Versuchen. Ganz prinzipiell will ich aber noch einmal die vom Verein Empörten quasi erniedrigen.

Als ein fader Typ mit Doppelnamen und einer drögen Tante an seiner Seite eine 'Wahl' gegen eine Irrelevante und den großen Minister 'gewann', versammelten sich auf der Empore zunächst, wie es der Kult verlangt, die Braven und Korrupten. Ein weiterer Tiefpunkt, ach was, ein Untergang, stellten die neuen Parteimaskottchen doch alles infrage, was in den vergangenen Jahrzehnten zur Beruhigung der Märkte und ihrer Eigentümer beigetragen hatte. Und obendrein die Große Koalition!

Revolution ...

Kurz darauf, als die vermeintlichen Revoluzzer bereits alle Lampen geputzt hatten, hallte es von der Gegentribüne: "Verrat!" Aus der SPD. Da keimte Hoffnung auf - hätten sie wirklich endlich das V in "SPD" gefunden? Wüssten sie plötzlich, wo sie waren? Keine Sorge, so viel Erkenntnisschock muss da nicht verdaut werden. Morgen setzen sie wieder auf die Basis®, ihren treuen Dackel, mit dem der Schwanz 'Fraktion' so lustig wedelt und warten auf den nächsten guten Mann®.

Dabei hatten sie zuletzt bereits zwei, die auf dem Weißen Pferd eingeritten waren. So viel Scherz muss sein, wie sonst soll man sich über so etwas wie Hannover hinweg trösten? Aber zurück zum Thema: Die wilden Rebellen, Reformer der Reformer (ja, lieber George, wir sind völlig durcheinander mit den Wörtern, bedeutet "Reform" doch längst Reaktion und Unterdrückung, aber als Gegensatz zur Revolution passt er noch so gerade), jene der Linken® also, drohten eine Koalition zu verlassen. Nicht, sich gegen das Kapital zu wenden; auch nicht, irgendetwas an den Machtverhältnissen zu ändern. Nur halt: Mal nicht gleich ganz und gar im politischen Rektum des Kapitals zu verschwinden.

... und Realismus

Kaum waren die Rebellen also an der innerparteilich-innerparteilichen 'Macht', stellten sie aber fest: Keiner da. Nix los. Nicht mal Teil eines Teils des Gesetzgebungsverfahrens, seinerseits Nebenschauplatz eines Unterausschusses der realen Macht. Macht man denn da? Guckt ein Stüfchen höher, wo die Fraktion sitzt, in jener Anstalt, deren Insassen zumindest das Gefühl einer Entscheidungskompetenz spazieren führen dürfen. Hat sich denn da geändert? Aha, nix. Oder doch: Von oben schallt es herab: „Schnauze, oder wir verprügeln eure Frauen und Kinder!“

"Blöd", erkennt der neue Unterchef vom Unterchef. Machen wir denn da? Rebellion? Ach nee, haben wir ja gerade, deshalb stehen wir ja hier. Und sonst? Erst mal die Lage beruhigen, um neue Kraft zu schöpfen. Vielleicht ein paar Lampen putzen. Und ein paar Plakate kleben, auf denen vor den bösen roten Horden gewarnt wird. Gute Idee, das sorgt für Konsens, und Konsens war ja immer schon der Weg.

 
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Eigentlich mag ich ja Demos, Radau und Rebellion, aber die Treckerrallye gestern und heute entlockt mir diesen Mix aus Gähnen und Zähnefletschen, der quasi symbolhaft für mein derzeitiges Verhältnis zum Politischen ist. Was wollen sie denn so?

Bauern. Beschweren sich, dass (Umwelt-)Auflagen der Bundesregierung kleine Höfe kaputtmachen, weil die sich die nötigen Investitionen nicht leisten können. Das können nur Großbetriebe bzw. Konzerne. Ach was, echt jetzt? Es gibt Gesetze, die Konzentrationsprozesse auslösen? Im Kapitalismus? Ja leck' mich fett!

Kinders, das Kapital braucht Spielplätze. Was sollen die mit kleinen bis mittleren Höfen in Familienbesitz, die man nicht kaufen kann, geschweige denn übernehmen, ausschlachten und ausspucken? Ach so, sie wollen sie kaufen, übernehmen, ausschlachten und ausspucken. Kapital will kaufen und profitieren. Na sowas!

Das Echo

Und jetzt wird es hart für euch, Freunde: Wer hat denn Jahrzehnte lang zu 80% CDU/FDP gewählt? Hm? War ich das? Waren das die linken Spinner hier draußen? Die Dödel aus der Stadt? Wohl eher nicht. Jetzt kriegt ihr die Quittung für eure Treue zu Papst, Vaterland und Kapital und entdeckt auf einmal den Aufstand. Krasse Rebellen seid ihr!

Nun, ihr seid ja die Fleißigen, Ehrlichen und Gläubigen, die immer gewusst haben, dass die Faulpelze von Gott und seinem Markt bestraft werden. Dass sie gefälligst Initiative zeigen sollen, Eigenverantwortung®! Jetzt nach (noch mehr) staatlichen Hilfen zu schreien, das ist doch Sozialschmarotzerei, oder?

Setzt euch gefälligst eine Hüpfburg auf die Weide und kauft euch Ponys, um damit verwöhnte Mittelschichtsblagen zu bespaßen; baut aus eurer Scheune einen Gourmettempel für solvente Großkotze oder macht aus eurer kleinen Farm eine Location für rustikale Porn-Events. Lasst euch gefälligst etwas einfallen! Immerhin habt ihr noch Land und Besitz, aber das kann sich verdammt schnell ändern, wenn man einmal überflüssig geworden ist.

 
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Einer der vielen Romane, die ich nie schreiben, jedenfalls nicht fertigstellen werde, ist die Geschichte eines 'Preppers', vielmehr seiner Familie. Der Alte Herr ist selbstverständlich Nationalist (in seinem Verständnis ein "Patriot", was ja etwas völlig anderes ist), autoritärer Gesinnung (die Einen nennen es "konservativ", die Anderen verweisen auf Farbe und Geruch) und glaubt nichts von dem ganzen Klimbim, das die Linken verzapfen. So wie diese kommunistische Verschwörungstheorie vom Klimawandel.

Er aber ist vorbereitet ("prepared", daher "Prepper"), auf den von Juden und Kommunisten angezettelten Bürgerkrieg sowie ein mögliches Armageddon, womöglich auch in der Geschmacksrichtung Zombieapokalypse. Alles eingekellert: Nahrung für Monate, Wasserreinigungsanlage, Gasfilter, Brennstoffzellen, Batterien, Sprit, Benzin, Notstromgenerator, Knarren, Munition und SUV.

An die Möse

Während Linke über solche Spinner nur lachen können, kommt es wie es kommen muss: Das Wetter dreht durch, Klima kaputt, Noch mehr Hitze, Brände, Überschwemmungen, das Ende des Kapitalismus weil der Zivilisation. Die Linken haben also recht, und die Prepper überleben. Es gibt schlimmeres als ein Volk von Telefondesinfizierern, und hier haben wir sie, die neue Menschheit. Unser Protagonist, so viel Rache muss sein, stirbt aber bald nach Eintreten der Katastrophe an Wundbrand, weil er sich in den Fuß schießt und Antibiotika für jüdisches Gift hält.

Warum erzählt er das? Nun, weil unter anderem das Niveau der Weltpolitik auf Kindergartenniveau gesunken ist. Jede Beleidigung, Lüge, Unterstellung - gern alls In Kombination - ist willkommen. Während einige noch immer taub und strunzdumm die politischen Feinde "Machthaber", "Populisten" oder "Autokraten" nennen, ist der größte Freund ein kleinkindlicher Troll, der stolz darauf ist, Frauen "an die Möse zu packen", nur in Kategorien wie "supersupergut" oder "ganz ganz böse" kommuniziert und ein Mobbing pflegt, das nicht einmal ein Schulbully in seiner eigenen Gang wagt.

Wäre das wiederum so unerhört, dass erstens wenigstens irgendein Außenpolitiker diesem Affen einmal sagen würde, dass er einer ist und es zweitens im Vergleich zu anderen Halb- und Dreiviertelaffen eine eigene Kategorie wäre, man könnte es ja als vergänglichen Einzelfall abtun. Ist es aber nicht; vielmehr gibt es Blödheiten, Gepöbel und Stammtischgehabe in allen Abstufungen, weltweit und ohne eine Insel, auf die man sich davor retten könnte.

Nichts ist unmöglich

Die Autorität hat ihre Maske abgelegt, ohne die sie nicht mehr wirkt. Auch und gerade die Demokratiesimulation des 20. Jahrhunderts war darauf angewiesen, dass die Massen ihren Stellvertretern ein Maß an Autorität verliehen, ohne das die Befehlsketten reißen. Eine soziale Ordnung, an die niemand glaubt, zerfällt. Immer. Eine Autorität, die sich ganz unverhohlen selbst lächerlich macht, wirkt nur noch bei denen, die sich unbedingt unterwerfen wollen. Mit diesen lässt sich kein Staat mehr machen, sehr wohl allerdings ein faschistischer Pöbel, vor dem der Rest sich fürchtet.

Dieses Muster wiederholt sich immer wieder. Wenn die religiösen, sozialen und politischen Formationen sich nicht mehr mit Sinn aufladen lassen, wenn die Mächtigen und ihre Vertreter keine Legitmation mehr haben, bleibt nur Abwendung von der Ordnung oder blinder Gehorsam gegenüber einer, mit der man sich identifizieren kann. Ein einfaches, eine Zeitlang stabiles 'Wir', das stets auf ein feindliches 'Ihr' bzw. 'Die' angewiesen ist. Das ist kein Verdienst irgendeiner gefährlichen politischen Kraft, sondern schlicht das Symptom der Dekadenz.

 
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Wisst ihr, wie wir 1975 das Ende der Naziherrschaft gefeiert haben? Ach was, das war ja schon 30 Jahre her. Wer wollte das schon wissen? Ach doch, ja: Dresden, das arme Dresden! So viel Trauer! Überhaupt war der Schwerpunkt der Bewältigung vom Grauen Star geprägt Selbst Walter Scheel, der immerhin wusste, dass da auch Juden betroffen waren, meinte:

"Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk" und bediente brav das Narrativ: "Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden."

Gute, Böse, Opfer

Nee klar: Wer tot ist, leidet nicht mehr (und die Nachkommen sind ja alle gut drauf). Selbstverständlich haben die guten Deutschen (immer die Mehrheit) der guten Sache gedient.

Alles paletti, hat doch einer der größten Großdeutschen überhaupt ganz rechtzeitig Tacheles geredet, der noble Herr Adenauer:

"Das deutsche Volk trägt diese schwerste Zeit seiner Geschichte mit heldenhafter Stärke, Ausdauer und Geduld, mit einer geduldigen Stärke, die stärker ist als alle Not. Ich habe mich seit 1933 oft geschämt, ein Deutscher zu sein, in tiefster Seele geschämt: vielleicht wusste ich mehr als manche andere von den Schandtaten, die von Deutschen an Deutschen begangen wurden, von den Verbrechen, die an der Menschheit geplant wurden."

Seziert das bitte selbst.

Tätervölker, relativ

"Im Großkapital aber waren Juden durchaus maßgebend." Sicher, da muss man was machen. Hat er auch, im direkten Anschluss endlich. Die Juden waren nicht schuld an ihrer Vernichtung, endlich hatte es mal einer gesagt. Dass für Adenauer die Nazis "Sozialisten" waren, zieht sich derweil quer durch seinen Vortrag. 1946.

Mein Money Quote:

"Aber wir wollen nur den treffen, der wirklich schuldig ist; die Mitläufer, diejenigen, die nicht andere unterdrückten, die sich nicht bereicherten, keine strafbaren Handlungen begangen haben, soll man endlich in Ruhe lassen." Endlich! 1946. Bereichern tun sich nur Sozialisten. Weiß man doch. Unmoralisches Pack!

Stirn und Faust

Ich bin ein Mensch, insofern zu mehr als 90% Affe, und meine Reaktion ist demgemäß: Meine Faust will in diese Schädel, in denen Hirne sitzen, die ihre Dummheit durch Dreistigkeit kompensieren wollen. Ich will Rache. Ich will diesen Gefühllosen Drecksäcken Erkenntnis und ein Minimum an Empathie einprügeln, bis ihr Zustand aus physiologischen Gründen zu ihrem Geschwätz passt. Genau deshalb habe ich es aber weder mit Moral noch mit Gewalt. Sprache ist das Medium der Vernunft; leider steht sie meist im Dienst der Affen.

Nein, ich wäre sehr für so etwas wie Geschichtsbewusstsein, wozu gehört, das sagt der Begriff, dass man weiß, was sich so geschichtlich zugetragen hat. Das Gegenteil davon ist zweitens Verdrängung und erstens die Pflege von Feindbildern. Was mir bleibt an somatischer Reaktion, ist das kalte Kotzen, das tut nur mir weh. Rational ist es die holde Ironie: Allen geht es besser. Danke, Kohl!

Mein Beitrag zum lächerlichen Jahrestag schließlich ist die Erinnerung an meinen ersten Gedanken zur nationalbesoffenen Glückseligkeit damals: "Den Kater werdet ihr nicht überleben". So sind sie halt, die Miesmacher.

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