journalismus


 
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"Claus Weselsky ist Chef der Lokführer-Gewerkschaft. Das ist ihm zu wenig. Nur deshalb legt er Deutschland lahm", so das Schulhofmobbing die glasklare Analyse eines führenden Medienproduktes, das kürzlich noch verlautbaren ließ, was unter "Qualität" im Zusammenhang mit Journalismus zu gelten hat. Die müssen es also gewusst haben.

Auf den Tag fünf Jahre ist das jetzt her, und man muss bitter enttäuscht sein, dass die kaum verhohlene Aufforderung, dem Volksverräter auf die Pelle zu rücken, die einige Wochen später erging, nicht recht gehört wurde. Dem hohen Qualitätsanspruch von Verlag und Redaktion genügend, haben diese ihre Kunden mit Fakten versorgt und die Adresse des Nämlichen veröffentlicht. Der aber lebt immer noch. Schande!

Mission vollenden

Ein Sudelede aus dem Internet hatte dunnemals die Stirn, Folgende Hassrede an seine willenlose Gefolgschaft zu halten:
"Das 'Doxxen', also die Veröffentlichung von Adresse, Telefonnummer und anderer privater Daten, wie es zuletzt durch die deutsche Hetzpresse gegenüber dem Chef der GdL stattgefunden hat, ist das endgültige Niederklatschen des Niveaus politischer Propaganda auf den harten Boden der faschistischen Gesinnung." Die meisten Kommunistenversteher sind selbser Kommunisten. Das wusste ja schon Silvio I.

Also was jetzt? Ich will hier die Kultur des Erinnerns pflegen und aufleben lassen: Es wurde längst der Beweis erbracht, dass nur ein gedungener Schuft so tief sinken kann, sein Vaterland in die Wettbewerbsunfähigkeit streiken zu wollen. Ein normaler Gewerkschaftsführer verhält sich hingegen konstruktiv. Erinnern will ich hier deshalb an den unterlegenen Gegenspieler und Berufskollegen Norbert Hansen, seines Zeichens oberster Vertreter der vernünftigen Gewerkschaft Transnet. Der hat sich so vernünftig, rational, konstruktiv und heldenhaft verhalten, dass er sich damit sogar für einen Posten im Vorstand der Deutsche Bahn qualifizierte. Sänk ju forr träwweling in the Guts of Capital!

Weselsky aber, der "nur", will heißen ausschließlich, mehr sein will als er ist, ist noch immer nicht mehr, ergo will er weiter das Land kaputtmachen. Stoppt ihn also endlich, bevor es zu spät ist und die Bahn durch etwas Furchtbares ersetzt werden muss, das es nicht ist. Okay, den muss man zweimal lesen. Schafft ihr schon. Guten Abend, das Wetter!

 
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Ich hatte schon ausgeholt, um meiner Lieblingspostille "Telepolis" eine reinzuhauen wegen der überschriftlichen Frage, ob Kapitänin Rackete jetzt die "neue Greta Thunberg" sei. Wir befinden uns in der Zeit der wild wuchernden Narrative, und ich wundere mich, wieso mein Buch eigentlich kein Bestseller ist.

Relotius ist überall, und fragt mal da draußen, wer das eigentlich ist. In der Regel erntet man mit der Frage nur Mundgeruch. Es schadet nicht, wenn leeres Geschwätz, erfundene Stories und kühne Lügen auffliegen. Es wird nach wie vor eine Welt wie aus dem Groschenroman präsentiert, und zwar eben nicht in der Goldenen Gala Revue, sondern vom kritischen® seriösen® Journalismus®.

Geschichte wird gemacht

Am besten junge attraktive Frauen, gern auch mal ebensolche Männer, alternativ Kinder, hilflos, große Augen, Nahaufnahme. Das ist hip, das zieht an, das ist Wahrheit viernullachtzehn. Jeder weiß, wer Greta Thunberg ist. Jeder weiß, die macht was mit Klima, Zukunft und Umwelt und jeder weiß, dass wenn man die Grünen wählt ... ach, lassen wir das. Alte weiße Männer haben jedenfalls keine Konjunktur.

Kurz auf den anderen Kanal, wo die Einen Irre sind und die Anderen die Guten. Nachdem die NATO-freundliche Presse seit Jahren Russland vorwirft, in anderen Ländern herum zu hacken (Cyber Cyber), was böse sei, wurde neulich sehr offensiv berichtet, dass die USA dasselbe machen, was gut sei. Neben der Geschichtsvergessenheit, an die wir uns schon gewöhnt hatten, erleben wir jetzt also den informationellen Salto mortale rückwärts. Foul is fair, aber sicher!

Aufschrei

Auch zum Dritten noch kurz gehüpft: Amri wird nicht aufgeklärt, die NSU für 120 Jahre in Schutz genommen, in Bundeswehr, Polizei und den 'Diensten' tummeln sich die Nazis und ein Politiker wird von einem hingerichtet. Wie sie jetzt überall die Autobahnen sperren, Groß- Ring-, Raster- und Schleppnetzfahndungen durchziehen, wie sie Sympathisanten verhaften und aus ihren Jobs kärchern und die linke Presse Folter und Todesstrafe fordert! Das ist Deutschland hier.

Wie gesagt, das steht alles schon im Buch, nur dass sie scheinbar jetzt erst richtig aufdrehen. Wo bleibt der Aufschrei, der Exodus kompetenter Journalisten aus den Redaktionen, die Gründung ganz neuer Medien? Tzia. Und was macht Telepolis? Widersetzt sich einmal mehr dem Trend. Leseempfehlung für alle, die sich noch mit Inhalten befassen.

 
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Eine der vielen Fragen, die der deutsche Journalismus auf seinem Weg zur Hölle sich nicht effektiv stellt, ist die nach dem Grund für den Verlust seiner Autorität. Das hieße nämlich zuallererst, sich dieser Autorität gewahr zu werden. Journalismus war, solange er 'funktionierte', Autorität, auch und gerade dort, wo er liberal war.

Man könnte das aufziehen anhand der verinnerlichten Zensur, die von Preußen bis hin zu den Alliierten gewisse Selbstbeschränkungen erwartete, wobei diese wiederum die Beschränkung des Personals durch Verlag und Chefredaktion nach sich zieht. Man kann es auch festmachen am Tendenzschutz, der dem Verlag das Recht einräumt, die politische Richtung seiner Veröffentlichungen festzulegen.

Chefsache

Schließlich sind die Hierarchien in den Verlagen steil und hart. Heute haben wir eine Landschaft, in der obszön bezahltem Spitzenpersonal Schreibsklaven gegenüber stehen, die von ihrem Job nicht leben können. Aber schon zu den 'Glanzzeiten' etwa eines "Spiegel", herrschte Chef Augstein über eine Riege weiterer Hähnchen, die ihrerseits hoch über dem Bodenpersonal kreisten. Das "Sturmgeschütz der Demokratie" war vor allem militärisch organisiert. Demokratisch war es nie.

Aus Preußentum und Faschismus hervorgegangen, war auch Adenauers Deutschland autoritär, eine Disziplin, in der die DDR tadellos mithielt. Die Grundhaltung deutscher Zeitungsleser, so kann man grob sagen, hat sich bis zur Jahrtausendwende nicht geändert. Was gedruckt wurde oder in der "Tagesschau" kam, wurde als Wahrheit betrachtet, Dies verdankte sich vor allem der Untertanenmentalität in publizistischen Fragen, nicht etwa der Qualität der Beiträge.

Das Abdrucken handverlesener Leserbriefe war das Maximum an Demokratie, das der Journalismus kannte. Nach 1989 kam noch einmal ein dankbares, weil ahnungsloses Publikum dazu. Kurz darauf brach die Hölle los: Die im Osten hatten bemerkt, dass sie vereimert wurden und das Internet bot plötzlich echte Quellenvielfalt. Darauf war offenbar niemand im Betrieb vorbereitet.

Nach der Trennung

Die aktuelle Generation von Chefjournalisten hat noch den Anspruch auf Autorität, ohne sie je ausfüllen zu können. Zudem wird ihnen diese ohnehin nur mehr vom rapide aussterbenden Teil ihres Publikums zugebilligt. Die Sturmgeschütze wurden folgerichtig verlassen und es folgte ein Rückzug in den Bunker, aus dem auf Verschwörungstheoretiker und Feindversteher geschossen wird.

Das ist in aller Kürze der stand der Dinge. Die Fehler wurden schon lange vor dem Störfeuer aus dem bösen Internet gemacht. Außer in einigen mutigen Experimenten hatte Journalismus nie etwas mit Demokratie am Zettel, und selbst jene Experimente (vor allem die TAZ) wurden zugunsten einer geschäftigen Hochnäsigkeit eingestellt. Das Resultat ist nicht bloß ein Umsatzproblem. Es ist flächendeckendes Desinteresse. Eine Ganze Generation guckt lieber Filmchen bei YouTube.

 
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Sie jammern und jammern, lassen ihre Anwälte von Gericht zu Gericht ziehen, um sie am eigenen Ast sägen zu lassen mit Ideen wie 'Leistungsschutzrecht' und 'Urheberrecht', während sie noch so blöd sind, selbst ständig dagegen zu verstoßen: Journalistische Verlage. Nun wundern sie sich, dass nicht nur ihre Papierabonnenten aussterben, sondern auch für ihre Online-Auftritte niemand zahlen will. Ach was!

Ich will bei der Gelegenheit einmal mit dem Qualitätssterben anfangen, das ich in den vergangenen Jahren erlebt habe. Nicht dass man vorher von der Wucht ihrer Größe erschlagen worden wäre, aber es geht immer noch drunter und sie haben jede Türkante gemeistert, egal, wie tief sie lag. Als das anfing mit dem Online-Journalismus haben sie noch viel ausprobiert, das hat sich inzwischen erledigt und zu einer Ödnis entwickelt, die man kaum öder erfinden kann.

Damals ...

Von den Zeiten, als Experimente wie TAZ oder Pardon erschienen, will ich nur kurz sprechen. Erstere hatte linken bis linksradikalen Charme, war extrem debattenfreudig und auf nichts festgelegt. Krude Pornographie-Zitate trafen auf radikalen Feminismus, diverse linke Strömungen beharkten sich und irgendwo muss ja auch der bürgerliche Ton hergekommen sein, der die TAZ heute zu einer von vielen macht. Es gab echte! Meinungsvielfalt.

Im Netz hatte ich über die Zeit einige Favoriten, lange gehörte die Frankfurter Rundschau dazu. Die war häufig gegen den Strich gebürstet, zwar sozialdemokratisch, aber wach, nicht nur über Hessen fand ich hier Infos, die es woanders nicht gab, und sie hatten dort sogar den Mut, mein Blog zu verlinken (wenngleich das recht fix wieder korrigiert wurde). Auch dieses Angebot wurde 'erfolgreich' umstrukturiert.

Ausgerechnet die FAZ hat es dann gewagt, sich Debatte ins Haus zu holen, weil ihr der Unfall Frank Schirrmacher passiert ist. Debatte kriegst du, wenn du andere Meinungen gelten lässt und die eigene nicht für das Maß aller Dinge hältst. Zweifel ist das wichtigste Mittel guten Journalismus'. Zweifel an allem, auch an dem, was man gerade für wahr und richtig hält.

Deckel drauf

Was haben wir inzwischen? Zentralredaktionen. Einer der Todesstöße. Sie haben es ja sogar geschafft, Zentralredaktionen für ihre Lokalteile einzurichten. Überall dasselbe, wortgleich, bildgleich und obendrein meist von der Agenturmeldung abgeschrieben. Wer braucht das? Wer soll dann auch noch "mehrere Abos" abschließen? Kidding me? Oder für ein 'Nachrichtenmagazin', das neben fünf Meldungen über Frauenfußball Kindergeschichten ("bento") serviert, die sich dem Niveau der "Bravo" von unten nähern?

Im Hintergrund ist das Bild kein besseres; die 'politischen' Kräfte von Grün bis AfD sind allesamt neoliberal und außenpolitisch macht es sich sogar 'die Linke' inzwischen bei den Atlantikern gemütlich. Diese Klientel wird nur mehr mit Propaganda eingedeckt, allem voran die unsägliche Verdachtsberichterstattung.

Es soll ein Krieg geführt werden? Der Böse soll ja Böses getan haben, das muss reichen. Was Saddam seine WMD ist Assads Giftgas oder Irans Tankerangriffe. Hinter all dem steckt ohnehin Putin® und wenn nicht, dann "freut" es ihn eben, was auch böse ist. Für diese Hetze soll man also auch noch zahlen? Ja nee ist klar. Dann kaufe ich auch lieber ein Fußball-Abo fürs Fernsehen.

 
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Einer der wenigen, die angesichts des Falls Strache nicht in die kindische Empörung eingestimmt, sondern sondern Zusammenhänge aufgezeigt hat, war Tomasz Konicz. Um ehrlich zu sein, interessiert mich weder Strache, noch finde ich etwas Neues an all dem. Man kann aber hier recht anschaulich erkennen, was der Unterschied zwischen Kritik und deren Gegenteil, Affirmation, ist.

Es sind wie so oft die Massenmedien, deren Produzenten ihre Werke noch ernsthaft als 'kritisch' etikettieren, während sie es sich in der tiefsten Affirmation gemütlich gemacht haben. Statt nüchterner Erklärungsversuche mit der gebotenen Distanz zum Gegenstand wird distanzlose Empörung geübt.

Noch ein Einzelfall

Diese Empörung funktioniert nur, weil erstens das Ereignis unter den Hand zur Sensation aufgeblasen wird und zweitens gar nicht erst versucht wird, es in so etwas wie einen Zusammenhang zu setzen. Es muss unbedingt ein Einzelfall sein, ein Unfall, ein Blitz aus heiterem Himmel. Kritik, die mit Recht so heißt, ist aber der Feind solch zusammenhanglosen Tamtams.

Affirmation hingegen will, das alles so bleibt wie es vermeintlich ist, wobei sie so tun muss, als sei eigentlich alles in Ordnung. Die aktuellen Plakate der CDU etwa triefen vor dieser reaktionären Haltung. Weiter gehen nur die ganz Rechten: Deren Weltbild kommt derweil auch noch gewollt 'kritisch' daher, weil sie eben nicht bloß wollen, das alles so bleibt. Sie wollen vielmehr, dass es wieder so wird, wie es in kitschiger Verklärung einer beliebigen Vergangenheit angeblich einmal war.

Kritik hingegen ist gegenüber wünschenswerten oder unerwünschten Umständen zunächst grundsätzlich unentschieden. Sie analysiert den Ist-Zustand, vergleicht ihn mit (geschichtlichen) Erfahrungen und fragt danach, wie ein Ereignis in den Rahmen dieser Erfahrungen passt. Nach einem solchen Prozess kann man sich über 'Strache' nicht mehr ernsthaft aufregen. Gerade da, wo die Empörung derzeit nicht gespielt ist, ist sie zutiefst unkritisch.

Update: Ich habe in den letzten Satz das nicht ganz irrelevante Wort "nicht" eingefügt.

 
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Abb.: Steinkauz Brückmeier (Serviervorschlag)

Ein hoher Angestellter des Kladden-Konzerns erkennt in der SPD den Klassenfeind. Es droht ein Linksrutsch, schon wieder! Nachdem bereits die Parteilinkenahles® den Parteivorsitz erobert hat, schickt sich jetzt ein radikaler an, die Partei für Enteignungen zu missbrauchen. Dass sogar die Parteilinkenahles® sich davon distanziert, beweist, wie extremistisch die Kräfte zu Werke gehen, die jetzt die SPD spalten wollen.

Alle moderaten Kräfte wie Olaf Scholz, Johannes Kahrs und der Experte für Parteigeschichte, Sigmar Gabriel, warnen und mahnen. Sie fürchten um den Erfolg den Partei und die Sozialegerechtigkeit®. Wir erinnern uns: Noch vor einigen Jahren planten Sozialisten den Coup der eiskalten Enteignung® aka Erbschaftssteuer, die unsere Leistungsträger® im Zweifel um ihr Elternhaus hätten bringen können. Damals rettete die SPD den Sozialenfrieden®.

Foul is Fair

Jetzt kommen aus der eigenen Partei Stimmen, die unsere Leistungsträger® wieder enteignen wollen - diesmal von den Elternhäusern ganzer Bezirke. Ginge es nach Revoluzzern wie Kevin Kühnert, würden am Potsdamer Platz nur noch Sozialhilfeempfänger wohnen und Leistungsträger® am Stadtrand unter unwürdigen Bedingungen hausen. Derweil korrigiert Vorsitzendenahles endlich den Irrtum von der Arbeiterpartei: Die SPD ist "Facharbeiterpartei", also keine für ungelerntes Kroppzeug, Schmarotzer oder Akademiker - gegen Letztere wirkt seit Achtundsechzig die bekannte Allergie.

Das Spitzenpersonal der Facharbeiterklasse, namentlich Heiko Maas, besorgt zeitgleich den internationalen Klassenkampf und verteidigt unsere Freiheit® in Caracas. Dort hat es einen Machthaber® und seinen Herausforderer®. "Herausforderer®" ist, wenn man versucht, das amtierende linke Staatsoberhaupt mit Teilen der Armee zu stürzen und sich selbst zum Chef zu erklären. Das findet die SPD gut. Like!

Lesen Sie morgen an dieser Stelle: "Putins Brückenkopf in Südamerika" und wie gemäßigte Rebellen® die Handchirurgie fördern.

 
hn

Warum gibt es in dieser Welt kaum ein Dutzend Menschen, die in der Lage sind, Texte zu verstehen und sich dann sinnvoll darüber öffentlich zu äußern? Mit "Texte" und "verstehen" meine ich dabei nicht einfach, dass man den Inhalt korrekt wiedergeben kann, sondern im Zusammenhang den Inhalt, den Stil, die Hintergründe und vor allem die Rahmenbedingungen berücksichtigt, unter denen ein Text zustande kommt.

Es ist so erbärmlich, dass schon die überwiegende Mehrheit der 'Leser', die sich nach erfolgloser Lektüre dazu aufschwingen, 'Autoren' sein zu wollen, den Unterschied zwischen einem Satz und einem Absatz nicht erkennen. Sie sind völlig blind für die Unterschiede zwischen Texten, in denen ein Zusammenhang dargelegt wird, Texten, die einem bestimmten Produktionsweg folgen und etwa dahergerotzem Gequatsche, das halt irgendwer aufschreibt. Für sie sind offenbar die einzig relevanten Kriterien: ist irgendwo nachzulesen und hat eine gewisse Anzahl von 'Lesern'.

Könnte man wissen

Nur so konnte es geschehen, dass eine Arena für Trolle, Dogmatiker und Vollidioten anderer Art zur meistzitierten Textsammlung der Gegenwart wurde. Dabei könnte einem schon auffallen, dass wie Milch und Zucker, heiß und kalt oder Gin und Tonic, die Kombination "Twitter" und "Empörung" längst unzertrennlich ist.

Man kann ja über den klassischen Journalismus sagen, was man will, aber aber selbst der schlechteste Bericht, der blödeste Kommentar oder die Fußballergebnisse aus der Kreisliga bieten mehr Inhalt und Kontext als als das Gemecker und Gepose 'auf Twitter', was ja schon in der Absicht der jeweiligen Äußerungen liegt.

Hastenichgehört

Man stelle sich vor, jedes Wort, vor allen die unachtsamen, die wütenden und die besoffenen, die man im Leben so von sich gibt, würden sämtlich aufgeschrieben und veröffentlicht. Sodann kämen die Geier angesegelt, pickten die sensationellsten heraus und zögen dann auch noch 'Schlüsse' aus diesen Auswürfen menschlicher Unzulänglichkeit!

Vor allem Letzteres nervt mich zunehmend: Nicht nur, dass das dümmste Gelalle zweit- und drittverwertet wird; die vermeintlich ach so überlegenen Kommentatoren haben es dann schon immer gewusst und beglücken ihr Auditorium mit den großartigen Erkenntnissen, die sie aus den Untiefen der Jauchegrube schöpfen. Als letztes Glied in der Kette stehen schließlich die Schwachmaten der dritten Ableitung, die das auch noch feixend konsumieren. Verschont mich damit. Bitte!

Regierungen werden (vom heimischen Journalismus) nicht mehr herausgefordert.

John Pilger

Ich erwähnte neulich am Rande die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit politischer Entscheidungen. Dass Politik - genauer: bürgerliche Politik, denn denn diese Einschränkung ist damit gemeint - so wenig Einfluss hat, liegt vor allen an den Rahmenbedingungen. Die Spielräume, die der Kapitalismus ihr lässt, sind nicht groß.

Umso heftiger ist ihr Versagen zu kritisieren, wo sie noch das bisschen leisten könnte, das man von ihr erwarten darf. Was sie sich an 'liberalen' Werten auf die Fahnen geschrieben hat - Meinungsvielfalt, Pluralismus, Freiheit und vor allem das sie definierende Element der Debatte - wird nur noch behauptet und findet nicht mehr statt. Weder im Parlament noch in den Medien.

Kein Gegner

Es ist dies das Ergebnis der Dekadenz, die sich gleichzeitig im politischen Betrieb und im begleitenden journalistischen Orchester ausgebreitet hat. Sie lässt sich auf die Formel bringen: "Wer aus dem Konsens ausschert, beleidigt die Majestät".

Folgerichtig reagiert die Funktionselite, die das Geschäft besorgt, so unsouverän wie ihre Haltung erwarten lässt, nämlich beleidigt und daher im gefühlten Recht, den Gegner seinerseits nach Herzenslust abzuwerten und vor allem auszugrenzen. Die neuen Medien begleiten diesen Prozess ihrerseits via Twitter und Co., indem eifrig Kinderkacke in den Ventilator geschaufelt wird.

Nach meiner Erfahrung vollzieht sich dieser Prozess mit wachsender Geschwindigkeit seit dem Ende des Kalten Krieges, seitdem also keine Gegenmacht mehr dazu nötigt, sich zu stellen, zu argumentieren und wenigstens besser zu sein als das, was man ablehnt. Mit dem Ruf "Geh' doch nach drüben!" war ja immerhin eine Handlungsoption verbunden.

So nicht!

Die bürgerlich-neoliberal-kapitalistischen Filterblasen haben eine undurchdringliche Haut aus aktiver und passiver Beleidigung. Die ehemals kritische Linke, die sich einmal durch Bildung und Sachargumente auszeichnete, hat es sogar geschafft, mithilfe sprachlicher Minenfelder dafür zu sorgen, dass weder Freund noch Feind lebendig den Zugang zum Diskurs erreicht. Es herrscht die hohe Kunst, die Waffen des Gegners gegen sich selbst zu richten.

Dabei wäre es die vornehme Aufgabe bürgerlicher Politik und Publizistik, den jeweils stärksten Gegner zu finden und zu attackieren, um sich mit ihm zu messen - nicht um als schon vorab feststehender Sieger vom Feld zu gehen, sondern im Bemühen um das beste Argument über sich und die Welt etwas zu lernen. Davon hielte sie ausnahmsweise kein Finanzierungsvorbehalt ab. Nein, das ist schiere Ignoranz.

 
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Ist das nicht eine wunderbar grauenhafte Überschrift? So etwas muss man sich leisten können. Ich war eben in Früher® unterwegs, meinem Blogarchiv, bei dessen Lektüre mich so oft das Gefühl überkommt, unter all dem, was früher besser war, wäre auch meine Schreibe zu verorten. Ist aber gar nicht so. Kommentare zum politischen Tagesgeschäft und deren journalistische Begleitung sind oft einfach nur öde. Dennoch will ich heute wieder einmal einen Artikel würdigen.

Das ehemalige Magazin "Spiegel" stellt nämlich eine Frage, die richtige sogar an der richtigen Stelle. Sodann wird die ganze Chose in das Schwarze Loch der eigenen Geschwätzigkeit gezogen, das ich eben "Relotius-Singularität" nennen will. Was dabei herauskommt, ist ein Haufen Irrelevanz, der sich wie ein Verblödungs-Tsunami über den Leser ergießt.

Nicht wichtig

Es geht um die Pflege in Deutschland. Milena Hassenkamp fragt: "Oder sollte man nicht lieber die Arbeitsumstände so verbessern, dass auch Menschen in Deutschland den Job machen wollen? Mit einem besseren Gehalt? Oder geringerer Belastung?" und kommt zu dem Schluss: "Für Pflegekraft Anastasija stellen sich diese Fragen nicht." Damit ist das Thema also erledigt. Puh!

Was erfahren wir zum Komplex, wie ist die Sachlage, was die Argumente? Für die preiswürdige Topjournalistin folgende: Sie 'berichtet', wie das Wetter ist, wie Anastasija aussieht, wie sie sich schminkt, woher sie kommt, welche persönlichen Beziehungen sie pflegt, ihre Essgewohnheiten, bla bla BLA. Und eben, dass sie sich nicht fragt.

Vergessen Sie es!

Dafür antwortet eine angebliche Pflegedienstleiterin: "Wenn ich die Stellen nicht besetzen kann, werden die Arbeitsbedingungen schlechter ...". Die Arbeitsbedingungen werden also schlechter, wenn man nicht Lohndrücker einstellt, was dazu führt, dass die Arbeitsbedingungen schlechter werden. Da kann man nichts machen. Aber Anastasija interessiert das eh nicht, und die ist ja das Thema hier.

Angesichts solch erbärmlicher Propaganda wundere ich mich nicht, wenn Geistesgrößen mit vergleichbarer Kapazität den Schluss ziehen, man müsse sich gegen Ausländer wehren, die vom Merkel-Regime hergelockt werden, um den Volkskörper zu schwächen. Und überhaupt: Wer nicht für Anastasija ist, ist gegen Anastasija. Wie komme ich jetzt darauf? Worum geht es gerade? Moment, nur ein Werbespot, dann geht es weiter!

 
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In einem schlecht hinter einer Bezahlschranke versteckten Artikelchen erzählt uns Annette Großbongardt in Relotius-plus Manier von Steinen, ditschen und Treppen. Eigentlich aber geht es um Zwangsadoptionen durch "das DDR-Regime". Bevor ich inhaltlich darauf eingehe, muss das an prominenter Stelle notiert werden, denn es ist die wohl meist angewendete Waffe des BRD-Narrativs in Bezug auf die Vergangenheit ihres Teilstaats: Was immer dort jemand in staatlichen Einrichtungen tat, sofern man es moralisch verurteilen kann, ging auf das Konto des 'Regimes'.

Während auf dieser Seite der geistigen Mauer vor allem die Verbrechen öffentlicher Einrichtungen entweder bloß "Pannen" sind oder die Verfehlungen Einzelner, ist jede Missetat des Ostens eine des Unrechtsstaats®. Einige Beispiele dazu: In der BRD wurden Heimkinder zu medizinischen Experimenten missbraucht. Man hatte dazu niemanden um Erlaubnis gefragt, nicht die Eltern und schon gar nicht die Betroffenen selbst, sondern sich auf die Diskretion der kooperierenden Heime verlassen.

Regime des Kapitals

Niemand kommt hier auf die Idee, ein (kapitalistisches) Regime dafür verantwortlich zu machen, und weil das ja ohnehin ausgeschlossen ist, fragt der kritische Journalismus® hier auch gar nicht erst danach, wie etwa die Heime und Kliniken dazu motiviert wurden, diese Menschenversuche durchzuführen. Zusammenhänge mit dem politisch-ökonomischen System interessieren hier schlicht nicht.

Auch was die zigtausend Fälle von Kindesvergewaltigungen anbetrifft, die größtenteils in kirchlichen Einrichtungen stattfanden, spricht niemand von 'Regime'. Niemand stellt die Frage nach den Verflechtungen von Kirchen und Staat, niemand die nach Machtstrukturen, die so etwas ermöglichen. Einzelfälle, so weit das Auge sieht. Man stelle sich vor, das hätte es in Heimen der DDR gegeben!

Eigenverantwortung

Schließlich: Wenn es eine Staatsräson gibt, die hier von Behörden gnadenlos durchgezogen wird, wenn es ein ersichtliches Interesse an einem Behördenregime im Dienst von Kapitalinteressen gibt, so ist das jenes, das unter "Hartz-Gesetze" bekannt ist. Mitarbeiter, die ihre "Kunden" genannten Opfer schikanieren, aushungern, demütigen; es sind auch hier tausende Fälle bekannt, die meist am Rande der Legalität für ein Klima der Angst sorgen, das Lohnabhängige gefügig macht. Wo das definitiv illegal wird oder nachweislich Todesopfer fordert, sind es wieder Einzelfälle.

Das westliche Narrativ ist völlig blind für die Realität in der DDR und damit auch für die eigene. Nicht bloß, weil jene in Geschichtsvergessenheit versinkt und sich umso leichter zum Instrument der Propaganda machen lässt, sondern weil die Maßstäbe von vornherein extrem unterschiedlich sind. Legte man die, welche stets gegen die DDR angelegt werden, auch auf die BRD an, sie wären genau so falsch, könnten aber durchaus für die eine oder andere Erkenntnis sorgen. Umgekehrt gilt selbstverständlich dasselbe.

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