journalismus


 
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Abb.: Steinkauz Brückmeier (Serviervorschlag)

Ein hoher Angestellter des Kladden-Konzerns erkennt in der SPD den Klassenfeind. Es droht ein Linksrutsch, schon wieder! Nachdem bereits die Parteilinkenahles® den Parteivorsitz erobert hat, schickt sich jetzt ein radikaler an, die Partei für Enteignungen zu missbrauchen. Dass sogar die Parteilinkenahles® sich davon distanziert, beweist, wie extremistisch die Kräfte zu Werke gehen, die jetzt die SPD spalten wollen.

Alle moderaten Kräfte wie Olaf Scholz, Johannes Kahrs und der Experte für Parteigeschichte, Sigmar Gabriel, warnen und mahnen. Sie fürchten um den Erfolg den Partei und die Sozialegerechtigkeit®. Wir erinnern uns: Noch vor einigen Jahren planten Sozialisten den Coup der eiskalten Enteignung® aka Erbschaftssteuer, die unsere Leistungsträger® im Zweifel um ihr Elternhaus hätten bringen können. Damals rettete die SPD den Sozialenfrieden®.

Foul is Fair

Jetzt kommen aus der eigenen Partei Stimmen, die unsere Leistungsträger® wieder enteignen wollen - diesmal von den Elternhäusern ganzer Bezirke. Ginge es nach Revoluzzern wie Kevin Kühnert, würden am Potsdamer Platz nur noch Sozialhilfeempfänger wohnen und Leistungsträger® am Stadtrand unter unwürdigen Bedingungen hausen. Derweil korrigiert Vorsitzendenahles endlich den Irrtum von der Arbeiterpartei: Die SPD ist "Facharbeiterpartei", also keine für ungelerntes Kroppzeug, Schmarotzer oder Akademiker - gegen Letztere wirkt seit Achtundsechzig die bekannte Allergie.

Das Spitzenpersonal der Facharbeiterklasse, namentlich Heiko Maas, besorgt zeitgleich den internationalen Klassenkampf und verteidigt unsere Freiheit® in Caracas. Dort hat es einen Machthaber® und seinen Herausforderer®. "Herausforderer®" ist, wenn man versucht, das amtierende linke Staatsoberhaupt mit Teilen der Armee zu stürzen und sich selbst zum Chef zu erklären. Das findet die SPD gut. Like!

Lesen Sie morgen an dieser Stelle: "Putins Brückenkopf in Südamerika" und wie gemäßigte Rebellen® die Handchirurgie fördern.

 
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Warum gibt es in dieser Welt kaum ein Dutzend Menschen, die in der Lage sind, Texte zu verstehen und sich dann sinnvoll darüber öffentlich zu äußern? Mit "Texte" und "verstehen" meine ich dabei nicht einfach, dass man den Inhalt korrekt wiedergeben kann, sondern im Zusammenhang den Inhalt, den Stil, die Hintergründe und vor allem die Rahmenbedingungen berücksichtigt, unter denen ein Text zustande kommt.

Es ist so erbärmlich, dass schon die überwiegende Mehrheit der 'Leser', die sich nach erfolgloser Lektüre dazu aufschwingen, 'Autoren' sein zu wollen, den Unterschied zwischen einem Satz und einem Absatz nicht erkennen. Sie sind völlig blind für die Unterschiede zwischen Texten, in denen ein Zusammenhang dargelegt wird, Texten, die einem bestimmten Produktionsweg folgen und etwa dahergerotzem Gequatsche, das halt irgendwer aufschreibt. Für sie sind offenbar die einzig relevanten Kriterien: ist irgendwo nachzulesen und hat eine gewisse Anzahl von 'Lesern'.

Könnte man wissen

Nur so konnte es geschehen, dass eine Arena für Trolle, Dogmatiker und Vollidioten anderer Art zur meistzitierten Textsammlung der Gegenwart wurde. Dabei könnte einem schon auffallen, dass wie Milch und Zucker, heiß und kalt oder Gin und Tonic, die Kombination "Twitter" und "Empörung" längst unzertrennlich ist.

Man kann ja über den klassischen Journalismus sagen, was man will, aber aber selbst der schlechteste Bericht, der blödeste Kommentar oder die Fußballergebnisse aus der Kreisliga bieten mehr Inhalt und Kontext als als das Gemecker und Gepose 'auf Twitter', was ja schon in der Absicht der jeweiligen Äußerungen liegt.

Hastenichgehört

Man stelle sich vor, jedes Wort, vor allen die unachtsamen, die wütenden und die besoffenen, die man im Leben so von sich gibt, würden sämtlich aufgeschrieben und veröffentlicht. Sodann kämen die Geier angesegelt, pickten die sensationellsten heraus und zögen dann auch noch 'Schlüsse' aus diesen Auswürfen menschlicher Unzulänglichkeit!

Vor allem Letzteres nervt mich zunehmend: Nicht nur, dass das dümmste Gelalle zweit- und drittverwertet wird; die vermeintlich ach so überlegenen Kommentatoren haben es dann schon immer gewusst und beglücken ihr Auditorium mit den großartigen Erkenntnissen, die sie aus den Untiefen der Jauchegrube schöpfen. Als letztes Glied in der Kette stehen schließlich die Schwachmaten der dritten Ableitung, die das auch noch feixend konsumieren. Verschont mich damit. Bitte!

Regierungen werden (vom heimischen Journalismus) nicht mehr herausgefordert.

John Pilger

Ich erwähnte neulich am Rande die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit politischer Entscheidungen. Dass Politik - genauer: bürgerliche Politik, denn denn diese Einschränkung ist damit gemeint - so wenig Einfluss hat, liegt vor allen an den Rahmenbedingungen. Die Spielräume, die der Kapitalismus ihr lässt, sind nicht groß.

Umso heftiger ist ihr Versagen zu kritisieren, wo sie noch das bisschen leisten könnte, das man von ihr erwarten darf. Was sie sich an 'liberalen' Werten auf die Fahnen geschrieben hat - Meinungsvielfalt, Pluralismus, Freiheit und vor allem das sie definierende Element der Debatte - wird nur noch behauptet und findet nicht mehr statt. Weder im Parlament noch in den Medien.

Kein Gegner

Es ist dies das Ergebnis der Dekadenz, die sich gleichzeitig im politischen Betrieb und im begleitenden journalistischen Orchester ausgebreitet hat. Sie lässt sich auf die Formel bringen: "Wer aus dem Konsens ausschert, beleidigt die Majestät".

Folgerichtig reagiert die Funktionselite, die das Geschäft besorgt, so unsouverän wie ihre Haltung erwarten lässt, nämlich beleidigt und daher im gefühlten Recht, den Gegner seinerseits nach Herzenslust abzuwerten und vor allem auszugrenzen. Die neuen Medien begleiten diesen Prozess ihrerseits via Twitter und Co., indem eifrig Kinderkacke in den Ventilator geschaufelt wird.

Nach meiner Erfahrung vollzieht sich dieser Prozess mit wachsender Geschwindigkeit seit dem Ende des Kalten Krieges, seitdem also keine Gegenmacht mehr dazu nötigt, sich zu stellen, zu argumentieren und wenigstens besser zu sein als das, was man ablehnt. Mit dem Ruf "Geh' doch nach drüben!" war ja immerhin eine Handlungsoption verbunden.

So nicht!

Die bürgerlich-neoliberal-kapitalistischen Filterblasen haben eine undurchdringliche Haut aus aktiver und passiver Beleidigung. Die ehemals kritische Linke, die sich einmal durch Bildung und Sachargumente auszeichnete, hat es sogar geschafft, mithilfe sprachlicher Minenfelder dafür zu sorgen, dass weder Freund noch Feind lebendig den Zugang zum Diskurs erreicht. Es herrscht die hohe Kunst, die Waffen des Gegners gegen sich selbst zu richten.

Dabei wäre es die vornehme Aufgabe bürgerlicher Politik und Publizistik, den jeweils stärksten Gegner zu finden und zu attackieren, um sich mit ihm zu messen - nicht um als schon vorab feststehender Sieger vom Feld zu gehen, sondern im Bemühen um das beste Argument über sich und die Welt etwas zu lernen. Davon hielte sie ausnahmsweise kein Finanzierungsvorbehalt ab. Nein, das ist schiere Ignoranz.

 
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Ist das nicht eine wunderbar grauenhafte Überschrift? So etwas muss man sich leisten können. Ich war eben in Früher® unterwegs, meinem Blogarchiv, bei dessen Lektüre mich so oft das Gefühl überkommt, unter all dem, was früher besser war, wäre auch meine Schreibe zu verorten. Ist aber gar nicht so. Kommentare zum politischen Tagesgeschäft und deren journalistische Begleitung sind oft einfach nur öde. Dennoch will ich heute wieder einmal einen Artikel würdigen.

Das ehemalige Magazin "Spiegel" stellt nämlich eine Frage, die richtige sogar an der richtigen Stelle. Sodann wird die ganze Chose in das Schwarze Loch der eigenen Geschwätzigkeit gezogen, das ich eben "Relotius-Singularität" nennen will. Was dabei herauskommt, ist ein Haufen Irrelevanz, der sich wie ein Verblödungs-Tsunami über den Leser ergießt.

Nicht wichtig

Es geht um die Pflege in Deutschland. Milena Hassenkamp fragt: "Oder sollte man nicht lieber die Arbeitsumstände so verbessern, dass auch Menschen in Deutschland den Job machen wollen? Mit einem besseren Gehalt? Oder geringerer Belastung?" und kommt zu dem Schluss: "Für Pflegekraft Anastasija stellen sich diese Fragen nicht." Damit ist das Thema also erledigt. Puh!

Was erfahren wir zum Komplex, wie ist die Sachlage, was die Argumente? Für die preiswürdige Topjournalistin folgende: Sie 'berichtet', wie das Wetter ist, wie Anastasija aussieht, wie sie sich schminkt, woher sie kommt, welche persönlichen Beziehungen sie pflegt, ihre Essgewohnheiten, bla bla BLA. Und eben, dass sie sich nicht fragt.

Vergessen Sie es!

Dafür antwortet eine angebliche Pflegedienstleiterin: "Wenn ich die Stellen nicht besetzen kann, werden die Arbeitsbedingungen schlechter ...". Die Arbeitsbedingungen werden also schlechter, wenn man nicht Lohndrücker einstellt, was dazu führt, dass die Arbeitsbedingungen schlechter werden. Da kann man nichts machen. Aber Anastasija interessiert das eh nicht, und die ist ja das Thema hier.

Angesichts solch erbärmlicher Propaganda wundere ich mich nicht, wenn Geistesgrößen mit vergleichbarer Kapazität den Schluss ziehen, man müsse sich gegen Ausländer wehren, die vom Merkel-Regime hergelockt werden, um den Volkskörper zu schwächen. Und überhaupt: Wer nicht für Anastasija ist, ist gegen Anastasija. Wie komme ich jetzt darauf? Worum geht es gerade? Moment, nur ein Werbespot, dann geht es weiter!

 
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In einem schlecht hinter einer Bezahlschranke versteckten Artikelchen erzählt uns Annette Großbongardt in Relotius-plus Manier von Steinen, ditschen und Treppen. Eigentlich aber geht es um Zwangsadoptionen durch "das DDR-Regime". Bevor ich inhaltlich darauf eingehe, muss das an prominenter Stelle notiert werden, denn es ist die wohl meist angewendete Waffe des BRD-Narrativs in Bezug auf die Vergangenheit ihres Teilstaats: Was immer dort jemand in staatlichen Einrichtungen tat, sofern man es moralisch verurteilen kann, ging auf das Konto des 'Regimes'.

Während auf dieser Seite der geistigen Mauer vor allem die Verbrechen öffentlicher Einrichtungen entweder bloß "Pannen" sind oder die Verfehlungen Einzelner, ist jede Missetat des Ostens eine des Unrechtsstaats®. Einige Beispiele dazu: In der BRD wurden Heimkinder zu medizinischen Experimenten missbraucht. Man hatte dazu niemanden um Erlaubnis gefragt, nicht die Eltern und schon gar nicht die Betroffenen selbst, sondern sich auf die Diskretion der kooperierenden Heime verlassen.

Regime des Kapitals

Niemand kommt hier auf die Idee, ein (kapitalistisches) Regime dafür verantwortlich zu machen, und weil das ja ohnehin ausgeschlossen ist, fragt der kritische Journalismus® hier auch gar nicht erst danach, wie etwa die Heime und Kliniken dazu motiviert wurden, diese Menschenversuche durchzuführen. Zusammenhänge mit dem politisch-ökonomischen System interessieren hier schlicht nicht.

Auch was die zigtausend Fälle von Kindesvergewaltigungen anbetrifft, die größtenteils in kirchlichen Einrichtungen stattfanden, spricht niemand von 'Regime'. Niemand stellt die Frage nach den Verflechtungen von Kirchen und Staat, niemand die nach Machtstrukturen, die so etwas ermöglichen. Einzelfälle, so weit das Auge sieht. Man stelle sich vor, das hätte es in Heimen der DDR gegeben!

Eigenverantwortung

Schließlich: Wenn es eine Staatsräson gibt, die hier von Behörden gnadenlos durchgezogen wird, wenn es ein ersichtliches Interesse an einem Behördenregime im Dienst von Kapitalinteressen gibt, so ist das jenes, das unter "Hartz-Gesetze" bekannt ist. Mitarbeiter, die ihre "Kunden" genannten Opfer schikanieren, aushungern, demütigen; es sind auch hier tausende Fälle bekannt, die meist am Rande der Legalität für ein Klima der Angst sorgen, das Lohnabhängige gefügig macht. Wo das definitiv illegal wird oder nachweislich Todesopfer fordert, sind es wieder Einzelfälle.

Das westliche Narrativ ist völlig blind für die Realität in der DDR und damit auch für die eigene. Nicht bloß, weil jene in Geschichtsvergessenheit versinkt und sich umso leichter zum Instrument der Propaganda machen lässt, sondern weil die Maßstäbe von vornherein extrem unterschiedlich sind. Legte man die, welche stets gegen die DDR angelegt werden, auch auf die BRD an, sie wären genau so falsch, könnten aber durchaus für die eine oder andere Erkenntnis sorgen. Umgekehrt gilt selbstverständlich dasselbe.

 
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Die kleine Farbenrebellion des französischen Proletariats ist unter anderem eine Orgie der Symbolpolitik. Es beginnt halt damit, dass die gelbe Weste als Erkennungszeichen die Strategie vor allem der NATO, ihrer Geheimdienste und Netzwerke kopiert, die sie so oft erprobt hat. Organgene Revolution, Zedern- Tulpen-, Rosenrevolution, aber auch die notorischen "Weißhelme" sind Ansätze, über ein Symbol oder eine Farbe eine bestimmte Identität zu konstruieren.

Daran kann dann beliebiger Inhalt geknüpft werden, sofern ein gemeinsamer Feind, in der Regel eine Regierung, angegriffen werden soll. In den westlichen Medien sind die Gefärbten gemeinhin die Guten, über die man kaum etwas erfährt - vor allem nicht, wenn sie Gewalt ausüben oder die verzweifelte Lage anderer Menschen ausnutzen. Grundsätzlich sind sie "gemäßigt", auch wenn sie brutal morden; sie sind "Retter", auch wenn sie niemandem helfen; sie "rebellieren" gegen ein "Regime", auch wenn sie gewählte legitime Regierungen stürzen. Wir sehen sie, wie sie lachen oder Kinder in Sicherheit bringen.

Der Mob

Nicht so die Gelbwesten, die nur deshalb nicht ausschließlich als sinnlos brutale Extremisten dargestellt werden können, weil die Polizei ihr Möglichstes tut, um sie an Brutalität zu überbieten. Tatsächlich ist ihre Revolte eine Reihe wilder Unmutsäußerungen und sie sind keine auch nur annähernd homogene Bewegung. Umso einfacher erscheint es daher den Medien der Reichen, ihnen unlautere Motive zu unterstellen.

In Frankreich plappert es aus der Filterblase der Massenmedien, die (noch aktiven) Gelbwesten seien rechtsradikale Schwulenfeinde. Für Marine Le Pen, bei der Präsidentschaftswahl Macrons Gegnerin und große Teile der Rechten war der Protest gegen die "Ehe für alle" eine gemeiname Basis. Jetzt erscheint es offenbar opportun, dies den Protestlern an die Schuhe zu kleben.

Sagen, was ist

Wenn das alles ist, was die Propaganda heute noch leistet, um ihre Gegner zu diskreditieren, wird man noch mehr Polizei brauchen, die sinnlos Leute niederknüppelt, denn dieser Unsinn überzeugt niemanden mehr. Insofern ist die mediale Reaktion hilflos, denn sie kittet die Widersprüche, auf die der Mob reagiert, nicht, sondern vergrößert sie und gibt ihnen auch noch ein gut sichtbares und sehr hässliches Gesicht. So viel zur Symbolpolitik, die ja 'nur' ein Teil des Überbaus ist.

Nun bin ich ja der Ansicht, dass gerade in den Narrativen und damit auf der Ebene der Symbole die Widersprüche erkennbar werden. Nach der Theorie ist, auch das will ich gar nicht leugnen, hingegen das 'Sein', die ökonomische Wirklichkeit, entscheidend für das, was geschieht. Es stellt sich also die Frage, ob es denn so etwas wie eine Rationalität des Faktischen gibt und wie man sie formulieren kann. Gibt es eine Sprache für das, was ist, die nicht in die Widersprüche dessen, das sein soll, verwickelt ist?

 
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Der Terror ist auf den Straßen. Wie können sie nur, diese Gelbwesten! Pantoufle fasst hier schon einmal sehr gut zusammen, was damit auf sich hat, und ich ergänze mit dem Hinweis darauf, was ich Herrn Misik bei Gelegenheit meinerseits zu seiner großen Weisheit geantwortet hatte. Wissen sie denn nicht, diese Proleten, dass sie am Untergang des Abendlandes werkeln, im Auftrag Putins und der Dummen Linken, der Dummen Rechten und eben nicht der Schlauen Liberaldemokraten?

Was haben sie denn eigentlich gegen die Politik, die den freien Westen seit fast vierzig Jahren Freiheit und Welt verschafft? Arbeitsplätze und Wohlstand, Wachstum und fairen Wettbewerb? Ach, sie merken das nicht, weil sie nichts davon haben! Hätten sie doch bloß Misik gelesen oder wenigstens den Figaro oder unsere Liberopresse, die da singt: "Mit seiner Präsidentschaft wollte Emmanuel Macron ein "Heldenepos der Demokratie" erzählen. Mittlerweile regiert er mit dem Rücken zur Wand. Wie konnte es so weit kommen?"

Unsere Farben

Ja, wie nur? Macron hat uns doch alle gerettet, vor Le Pen, Putin und Kroatien. Ihr seid sogar Weltmeister, was wollt ihr denn noch? Wer sind diese Leute? Und dann gehen sie hin, ziehen sich alle dieselben Klamotten an und machen Randale. Was soll das sein? Revolution in Gelb? Für Gelb? Gelbe Revolution? Wo gib't denn sowas? Das kann ja nur Putins Idee gewesen sein. Anständige Menschen machen keine Farbenrevolutionen in freien Westen!

Schließlich haben sie ihn doch auch selbst gewählt. Es ist doch ihr Präsident. Wie kann man denn gegen die eigene Staatsmacht aufbegehren? Sehen sie denn nicht, dass sie in der besten aller Welten leben? Können sie ums Verrecken keine Verantwortung zeigen - oder sich wenigstens so verhalten, dass ein wohlerzogener, gut gebildeter Vertreter der vierten Gewalt® sie versteht?

 
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"Experten" - wo immer das dran steht, verbirgt sich Religion, Verkündung, Dogmatik, Unwucht und kognitive Steppenlandschaft. Heute habe ich mir mal zwei hierher gekarrt, die weder eingeladen waren noch kommen wollten, sondern ihren gesalbten Sachverstand ohne Widerstand nur genüsslich woanders verbreiten.

Der erste ist ein "Schlafmediziner" mit einer knallharten Meinung zur (künftig ausbleibenden) Zeitumstellung und die schlimmen Folgen einer dauerhaften Sommerzeit. Dafür gibt es schon satt Punkte hier - doof argumentiert und dann noch voll daneben, das zählt.

Zunächst wäre da die merkwürdige Verkettung, dass Schichtarbeit einen problematischen Schlafrhythmus nach sich zieht, dann ein hektischer Übergang zum "Jetlag", an den man sich gewöhne und dann schließlich Warnung vor dem Grauen der ewigen Sommerzeit - einen Zusammenhang sucht man vergeblich, aber das ist auch nicht nötig:

Und Gott schuf den Wecker

"Aber bei einer generellen Umstellung hat das ganz andere Auswirkungen, weil wir monatelang an unserem Schlaf sparen." Hä? Weil der "Licht-Dunkel"-Wechsel sich ändert? Das tut er so also nicht? Und "dann gehen die Kinder im Frühling und Herbst noch länger im Dunkeln zur Schule"? Da fehlt jetzt ja nicht nur der Winter, es fehlt vor allem an Verständnis, aber das ja schon gleich am Anfang:

"Alle Lebewesen auf dieser Erde leben in der „normalen“, von der Natur vorgegebenen Zeit - und das ist die Winterzeit." Wie denkwürdig bescheuert, denn die anderen "Lebewesen" haben weder Uhr noch Kalender, und so banal ist das wirklich. Hier liegt so eine Art Zeitfetisch vor, ähnlich dem Geldfetisch, weil der Experte davon ausgeht, dass die Welt eben so ist wie sie ist und schon immer so war.

Was aber würde wirklich geschehen? Käme es dazu und alles andere bliebe wie es ist, würde man wohl feststellen, dass die Anfangszeiten für Schule und Büro in Deutschland, dem Land manisch-bekloppter Frühaufsteher, wohl nachjustiert werden müssen - was der Experte am Ende sogar selbst andeutet. Denn das ist die eigentlich Message der Befragten, die Sommerzeit wollen: Ich will nicht so ewig früh auf der Matte stehen und trotzdem abends noch ein bisschen Licht genießen. Das ist machbar - wenn auch nicht in Deutschland.

Acrylamid macht glücklich

Auf den anderen Experten bin ich nur gestoßen, weil er so aggressiv annonciert wurde: Er sei ein "renommierter Lebensmittel-Experte". Oh, dachte ich, jetzt also auch bei Telepolis dieser Schwachsinn. Gibt es auch unrenommierte? Und siehe da, das 'Interview' ist dem gemäß - unter aller Sau. Es gibt keinen Millimeter Distanz zwischen Frager und Befragtem, beide steigern sich in eine Orgie der Einigkeit.

Die herrscht darüber, dass 'gesundes' Essen Tinnef ist, woraus folgt, dass Acrylamid harmlos sein muss, weil ja schon Neandertaler geröstet haben, und 'Bio' ist auch scheiße, was für Pussies und kein Stück besser als Genfood von Glyphosat getränkter toter Krume. Alles dasselbe, im Zweifel ist fett und verbrannt besser, weil lecker, und Broccoli schmeckt bitter.

Wenigstens Letzteres hätte sich der Fachexperte für Food-Lobbyismus verkneifen können, zeigt es doch nicht nur, dass seine Expertise sich in Industrie fördernden Klischees erschöpft, sondern er offenbar noch nie wem begegnet ist, der kochen kann. Vor allem nimmt es wunder, dass einer, der sich in Sachen Geschmack bereits als stocktaub erwiesen hat, im Gemüse plötzlich Bitterstoffe entdeckt.

Die Lösung wäre so einfach: Alles in der Friteuse ziehen lassen, bis der Lack dunkelblau glänzt und das Ganze in ein Kilo Schokolade einwickeln - lecker! Das hat uns damals auch nicht geschadet.

 

Ich möchte nicht, dass jemand, der 1500 Euro Grundeinkommen hat und keine Perspektive auf einen Beruf, auf die Idee kommt, fünf Kinder zu kriegen.

Spätestens mit diesem von Christoph Butterwegge "sozialreaktionär" genannten Statement hat sich Richard David Precht nicht nur als Philosoph disqualifiziert, sondern auch den Stab von seinem nicht minder reaktionären Kollegen Sloterdijk übernommen. Was deutsche Medien als Vorzeigephilosophen herumreichen, ist schon recht bezeichnend für den jeweiligen Zeitgeist. Mit Adorno und Marcuse war in den späten 60ern ein Denken am Werk, das versucht hat, das unbegreifliche Geschehen zu verstehen und unmöglich zu machen. In deren Fußstapfen verschwand bereits der Sozialdemokrat Habermas, der Vernunft zwanghaft restaurieren wollte, wo sie längst gescheitert war.

Inzwischen turnen Schwätzer vor den Kameras herum, die nur mehr eine medial passende Attitüde beherrschen. Ich hatte Precht bislang für harmlos gehalten, weil er halt belangloses Zeugs ohne Relevanz und Tiefgang von sich gegeben hat. Das hat sich mit dem da oben erledigt, denn es ist relevant, wenn das Schwiegersohnmodell, das eben den "Philosophen" als solchen berufsmäßig darstellt, seine obszöne Naivität dem Klassenkampf von oben zur Verfügung stellt.

Geschwätz mit Wirkung

Warum hat er sich disqualifiziert? Als Philosoph habe ich den Anspruch, Gedanken, die ich für relevant halte, zu Ende zu denken - so weit ich eben komme. Was Precht da veranstaltet, ist das Gegenteil. Das beginnt mit "Ich möchte nicht ...". Es ist vollkommen belanglos, was Sie wollen oder nicht, Precht. Danach fragt Sie niemand, und es ist schon gar nicht Aufgabe eines Philosophen, seine angebliche Ausbildung dazu zu missbrauchen, unreflektiert seine Präferenzen hervorzuwürgen. Wollen Sie nicht? Dann gehen Sie doch nach China!

Weiter geht's mit "… Perspektive auf einen Beruf ...". Mit welchem Recht? Auf welcher Weltsicht beruht der Anspruch, jemand müsse einem "Beruf" nachgehen, um zu leben und sich fortzupflanzen zu dürfen? Wüsste dieser Hanswurst irgend etwas, es fiele ihm auf, dass er da auf genau der Straße marschiert, die vom protestantischen Eifer über die Zuteilung von Lebensrechten an die Rampe führt. Mir ist unerklärlich, wie ein gebildeter Mensch so etwas sagen kann ohne zu kotzen. Zudem ist selbst die neoliberale Ideologie an der Stelle gnädiger, geht sie doch davon aus, dass jeder Mensch 'aktiviert' werden kann. Für Precht sind das Penner, die für immer verloren sind.

Lebensunwert

Nächster Punkt: "... auf die Idee kommt ..." - schon der Gedanke daran erscheint Precht unverschämt. Minderleister haben demnach zu verinnerlichen, dass ihnen das Recht, eine Familie zu gründen, nicht (uneingeschränkt) zusteht. Sie haben sich dem völlig zu unterwerfen und selbst in Gedanken nicht dagegen aufzubegehren. Schließlich: "... fünf Kinder ..." - wieso fünf? An dieser Stelle hat Prechts Gesellschaft zwei Möglichkeiten: Entweder sie schreibt per Strafgesetz exakt vor, wer unter welchen Bedingungen wie viele Kinder haben darf oder er verbietet es bestimmten Bevölkerungsgruppen ganz.

Selbst wenn man hier nicht konsequent an Zwangssterilisation denkt, ist diese prechtsche Gesellschaft schlicht faschistisch, wenn sie das real durchsetzt, was er da "möchte". Hier öffnet sich dann immerhin der Rettungsfallschirm, der die Aussage, er sei ein Faschist, in dieser Form nicht zulässt. Seine Willensbekundung bezieht sich ja wiederum auf die Ideenwelt der Minderleister. Diese sollen ja von selbst das tun bzw. lassen, was von Staats wegen bewirkt eben Faschismus wäre. Es ist eine idealistische Ansicht, die er formuliert. Viel besser macht es das nicht, zumal das Bild von dem Verlierer, der sich fünf Kinder hält, die er sich nicht leisten kann, ein Stereotyp bedient, das schon 'richtig' verstanden werden wird.

 
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Quelle: Worldmapper (CC BY-NC-SA 4.0)

Einige entsetzliche Dinge haben sich am heutigen Tage ereignet, die mich am Leben verzweifeln lassen - vor allem an der Moral der Menschen. Wie kann man nur, frage ich mich, wohlwissend, dass es darauf keine Antwort geben kann - an dem Tag, an dem der HSV als letztes Gründungsmitglied aus der Fußball-Bundesliga absteigt, einen "European Song Contest" veranstalten? Werden wir demnächst an Karfreitag den CSD feiern? Was ist nur aus der Pietät der Menschen geworden in diesem Land?

Also sitze ich hier und öffne meine zweite Flasche Fusel, obwohl ich schon seit gestern Morgen besoffen bin. Ohne das ganze Kiffzeugs gäbe ich eine echt traurige Figur ab. Vielleicht tröstet es mich ja, dass im Fernsehen heute "die schönsten Fernsehmomente Deutschlands" gezeigt werden und ein "deutsches Jahrhunderttalent" im Schach entdeckt wurde. Deutschland geht es also gut. Deutschland. Deutschland. Deutschland. Ach, und bald ist ja Fußball-WM beim Dopingputin. Da ist auch wieder Deutschland.

Experten: Deutschland ...

Schauen wir kurz beim Deutschlandexperten rein, beim Fleischhauer-Jan. Der findet, klagen gegen Abschiebung sollten Geld kosten. Die nämlich "explodieren", weil sie nix kosten. Der Asylant an sich kommt eigentlich nur hierher, weil er gern mal für lau klagen will, und nicht etwa, weil wir bei ihm daheim ganz andere Sachen explodieren lassen für unser Geld®. Dabei wird ihm dann auch noch geholfen, leck mich am Arsch, und zwar von, ja da schlägt es doch vierzehn, An-wäl-ten!

Aber nicht mit dem Fleischhauer Jan, dem Rechtsexperten für das Gute! Wir erinnern uns: In Sachen Strafrecht ist für ihn Karl Binding das Maß der Dinge, jener große deutsche Autor des Standardwerks "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens". Der Jan weiß noch, was gute Zeiten waren. In Rechtsdingen ist er eine Instanz des deutschen Journalismus.

Es macht mich manchmal echt müde, wenn ich so durch die Medien surfe, macht aber nix, so lange genügend Koks auf dem Spiegel wartet. Wenigstens sind wir hier immer sicherer. Nach CSU-Land kriegt auch NRW jetzt sein Polizeiermächtigungsgesetz, was auch dringend nötig ist. Zuletzt hatte sich doch allzu oft gezeigt, dass die Bullen zu blöd sind, ihre Aussagen anständig abzusprechen an der Arbeit der Polizei häufiger gezweifelt wurde. Da hilft jetzt der Gesetzgeber. Danke, Gesetzgeber!

... und der Dope

Zum Schluss noch einmal zurück zum Fußball und ins böse Putinland. Hajo Seppelt darf nicht zur WM einreisen. Dieser verdammte Diktator und seine antidemokratische Pressezensur! Deutschlands fanatischster Russenhasser im Sportjournalismus kritischster Dopingexperte soll seine vorbildlich investigative Arbeit nicht tun dürfen. Wir sollten auch dieser Diktatur endlich den Krieg erklären Demokratie und Menschenrechte bringen.

Der Säzzer, der ein rechter Zyniker ist, meint dazu, das sei ja auch wirklich unsouverän, wenn man diesen Hajo davon abhält, sich zum Seppelt zu machen. Wir haben schließlich auch Anspruch auf gutes Entertainment für unsere Rindfunkgebühren - genau wie auf guten Dope, verdammt nochmal!

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