journalismus


 
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Einmauern, das Pack, und Ruhe ist!

Ich bin sicher, da wird eine Menge übertrieben - was die akute Lage nicht besser macht. Die Medienindustrie hobelt sich nicht nur einen auf der Gruselharmonika, sie greift wie immer alles auf, aus dem sich ein wenig Affekt, Empörung, Betroffenheit quetschen lässt. Einzelfälle werden an die so produzierte Öffentlichkeit gezerrt, umso höher, je abstruser das Verhalten der Irren sich gestaltet, die man da vorführen kann, Es bedarf dabei - weniger noch als allgemein schon üblich - auch keiner Fakten; Gerücht reicht völlig aus, 'Berichte' Einzelner, die gar nicht prüfbar sind

Wovon redet der Mann? Von der neuen Pest zunächst. Obwohl jeder weiß, dass die Grippe gefährlicher ist - wenn auch nicht für den einzelnen Infizierten, wird das Kranzvirus behandelt wie eine Mischung aus Ebola und Schnupfen - tödlich und unentrinnbar ansteckend. Es ist weder noch. Dazu hatte ich mich bereits in ausreichender Länge geäußert. Es kommt jetzt aber ein Aspekt hinzu: Die Metaebene lässt sich nämlich auch noch ausschlachten.

Herrenrasse bedroht

Alles, was irgendwie chinesisch sein könnte, vor allem jeder, der irgendwie asiatisch aussieht, ist vermeintlich verdächtig. Herrlich! Die dümmsten Vollidioten unter den zeitgemäßen Rassisten geraten in den Fokus - als Story über das Böse, das "Dastutmannicht". Wie dämlich sind sie aber auch - ein Effekt, der gern mitgenommen wird: das Besserwissen der Anderen - dass sie nicht erkennen, was sie da tun! Alle Asiaten zu verdächtigen, ist (mathematisch) wie alle Menschen zu verdächtigen, nur dass die® halt anders, ähnlich, alle gleich, eben aussehen wie diese verkeimte Rasse eben aussieht. Wohl ungewollt aktuell ist daher diese wunderbare Anleitung zum Faschismus.

Die Gelegenheit, auf eine vermeintlich homogene Gruppe herabzublicken, ergibt sich hier gleichermaßen für die Rassisten wie für das genau so abgerichtete restliche Konsumentenvolk, das sich von Medien zur Freakshow bitten lässt. Guckt euch das an, was für Idioten! Das sind bei anderer Gelegenheit diejenigen, denen man unter denselben Bedingungen zustimmt, so lange es eben das Urteil über Gruppen betrifft, denen man nicht angehört. Mit solchen Affekten und Konditionierungen lässt sich Aufmerksamkeit, sprich: Profit machen. Man könnte die Angelegenheit auch sachlich betrachten, als lösbares medizinisches Problem. Wie langweilig!

So wie es die andere mit dem Umstand befasste Industrie tut, ganz kühl und kalkulierend: Die Pharmaindustrie, deren Vertreter sich den Scharen derer anschließen, die Satiriker und Literaten endgültig überflüssig machen. Es gibt ein Recht auf Profit, soundso muss eine Marge aussehen bei der und der Investition, so berechnet sich auch der Preis fürs Leben. Wir wollen aber mal nicht so sein, ein paar Glückliche lassen sie am Spiel teilnehmen. Lebensnotwendige Medizin per Lotterie oder eben gegen Cash - für Millionäre. Das Perverse daran ist das Normale daran. Gemeinhin kann sich etwa ein Bundesbürger das Überleben leisten. In anderen Teilen der Welt hingegen sterben sie massenhaft an unseren Eigentumsrechten. Aber wen interessieren schon Afrikaner? Das ist Alltagsrassismus, millionenfach tödlicher.

 
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Ein ganz interessantes Thema reißt Epikur heute an, er nennt es "Angst und Macht". Man könnte sicher mehrere Bücher darüber schreiben. Meine Erfahrung mit dem Schlimmsten hat mich unter anderem gelehrt, dass erstens die Ängste des Alltags plötzlich sehr klein werden und zweitens selbst der Tod eine Herausforderung ist, der man sich stellen kann. Ich schrieb den Artikel damals nach Uenas Krebsdiagnose, dem ersten in einer Reihe von Todesurteilen.

Der Angst, zumal wenn sie Gewissheit wird, aufrecht zu begegnen, ist für mich eine der wichtigsten Fähigkeiten - oder zumindest Bemühungen. Sich klein zu machen, endet in der totalen Ohnmacht. Deshalb reagiere ich auch - übrigens auch schon vor dieser Erfahrung - allergisch auf Versuche, Menschen klein zu machen oder zu halten. Dies ist auch Verbunden mit der Konstruktion von 'Safe Spaces'. Die Illusion von Sicherheit ist kaum besser als die Forderung danach. Eine 'sichere' Gesellschaft ist organisierte Paranioa. Die Menschen aka Bürger werden darin infantilisiert - wie die Kinder muss man sie schützen (am Ende vor sich selbst), behüten, bewachen und bevormunden.

Kniet nieder

Der Gipfel dieser perfiden Strategie hat eine Formel: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." Eine so kranke Ansage kann nur von einem Innenminister kommen, insbesondere einem deutschen. Hintergrund war die Absetzung eines Fußballspiels wegen angeblicher Terrorgefahr. Wie ein kleines Kind, das von seinen Propellereltern vor der Wirklichkeit 'geschützt' wird, deren Wirkung davon nicht beeinflusst wird und für die jede Begründung dem Unheimlichen weicht, spielt hier ein Minister dieses Spiel gleich mit der gesamten Bevölkerung.

Diese besteht freilich aus erwachsenen Menschen, gegenüber denen er sich zu verantworten hat. Geheimniskrämerei im Angesicht einer - wie es ja wörtlich heißt - "abstrakten Bedrohungslage" setzt die Behörden, die solchen Spuk für überwachungsstaatliche Maßnahmen benutzen, in den Stand, jegliche Kontrollen zu umgehen. So wurde bislang noch jede Diktatur aufgezogen. Der staatliche Übervater reißt die Handlungskompetenz an sich, um eine finstere Bedrohung abzuwenden. Dass de Maizière es fertigbringt, von einer drohenden Verunsicherung zu faseln, die er damit erst auslöst, ist der Dummdreistigkeit geschuldet, die fehlende Kompetenz durch Eifer kompensiert.

Dergleichen findet in der Regel deutlich subtiler statt, nicht nur 'politisch', sondern auf vielen Ebenen. An der Schnittstelle zum Alltag der Massen hat der Staat ein Angstregime errichtet, das mit dem Namen "Hartz" verbunden ist. So schwierig es ist, dem zu widerstehen, so notwendig ist es, denn hier sprießt der Keim der Diktatur besonders gut. Solidarität tut Not, und vielleicht ist der Tod der SPD eine Chance dazu. Es kann ja nicht nur Arschlöcher wie die von der AfD geben, die gegen die Angst eine Hasskultur entwickeln.

p.s.: Nette Comedy zur zitierten und ähnlichen Pressekonferenzen (YT, ZDF).

 
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Der "Spiegel" hat ein geheimes! Netzwerk! enttarnt!, das auf Facebook mit Fake-Profilen arme Sünder, scheue Rehe und unschuldige arglose Nutzer manipuliert!!1! Puutiin! Uuhuhuhuu! Lässt auch keine drei Zeilen auf sich warten. Sie sind überall, die Schergen aus dem Darknet, die im Auftrag! des Bösen (Putin, Putin, Iran, China, Hacker) unsere schöne Demokratie mit Informationen zerstören.

Dabei knüpfen sie Kontakte, und zwar "offenbar"! - immerhin kann das ehemals um Nachrichten bemühte Magazin also darauf verweisen, eingeräumt zu haben, dass das ganze Getöse und Gefasel nicht etwa auf Informationen beruht, sondern - tadaa! auf Gerüchten. Offenbar, mutmaßlich, wie man aus Kreisen erfuhr, bla, blabla, blablabla.

Dessen Name nicht genannt ...

Der Hammer, unerhört: Die Fake-Gestalten, die sich sich selbst ausdenken, erzählen Geschichten. Erfinden irgendwelche Hintergründe, die gar nicht stimmen, Charaktere, die nicht existieren, Ereignisse, die nicht stattgefunden haben, und zwar um dadurch authentischer zu erscheinen. Dieser Putin! Als nächstes (Trump wurde auch kurz erwähnt) kommt dann Erdogan, dann verschwindet der knallhart recherchierte Tinnef gnädig hinter einer Bezahlschranke; gerade rechtzeitig, ehe der Kopf totgelacht und -fazialpalmiert ein letztes Mal auf die Tastatur sinkt.

Die rundgelutschten Stereotypen böses Internet®, Fake News®. böse Böse® (PutinTrumpErdoganKim) sorgen bereits dafür, dass der Niveaulimbo unter der Türkante virtuos gelingt. Die schon aufreizende Distanzierung vom eigenen Geschwätz (offenbar®) liefert gleich das Geständnis dazu; fertig ist der dreiste Versuch, mit billigen Schauergeschichten Lesern die seriösen Medien® als Zuflucht vor dem bösen Wolf anzudienen.

Aber, Freunde, in diesem brutalen Brandanschlag auf harmlose Schädelbewohner akribisch die Methoden eines gewissen Claas Relotius auszubreiten, um sie Hui Buh in die Schuhe zu schieben, das ist so bescheuert, das knackt sogar den Bunker meines Oberstübchens, das statt von Hirnhaut längst von fingerdicker Hornhaut umsäumt wird. Ist nicht euer fucking Ernst. Hört auf, Leute, was soll denn dann Rosenmontag erst von euch kommen?

 
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"Claus Weselsky ist Chef der Lokführer-Gewerkschaft. Das ist ihm zu wenig. Nur deshalb legt er Deutschland lahm", so das Schulhofmobbing die glasklare Analyse eines führenden Medienproduktes, das kürzlich noch verlautbaren ließ, was unter "Qualität" im Zusammenhang mit Journalismus zu gelten hat. Die müssen es also gewusst haben.

Auf den Tag fünf Jahre ist das jetzt her, und man muss bitter enttäuscht sein, dass die kaum verhohlene Aufforderung, dem Volksverräter auf die Pelle zu rücken, die einige Wochen später erging, nicht recht gehört wurde. Dem hohen Qualitätsanspruch von Verlag und Redaktion genügend, haben diese ihre Kunden mit Fakten versorgt und die Adresse des Nämlichen veröffentlicht. Der aber lebt immer noch. Schande!

Mission vollenden

Ein Sudelede aus dem Internet hatte dunnemals die Stirn, Folgende Hassrede an seine willenlose Gefolgschaft zu halten:
"Das 'Doxxen', also die Veröffentlichung von Adresse, Telefonnummer und anderer privater Daten, wie es zuletzt durch die deutsche Hetzpresse gegenüber dem Chef der GdL stattgefunden hat, ist das endgültige Niederklatschen des Niveaus politischer Propaganda auf den harten Boden der faschistischen Gesinnung." Die meisten Kommunistenversteher sind selbser Kommunisten. Das wusste ja schon Silvio I.

Also was jetzt? Ich will hier die Kultur des Erinnerns pflegen und aufleben lassen: Es wurde längst der Beweis erbracht, dass nur ein gedungener Schuft so tief sinken kann, sein Vaterland in die Wettbewerbsunfähigkeit streiken zu wollen. Ein normaler Gewerkschaftsführer verhält sich hingegen konstruktiv. Erinnern will ich hier deshalb an den unterlegenen Gegenspieler und Berufskollegen Norbert Hansen, seines Zeichens oberster Vertreter der vernünftigen Gewerkschaft Transnet. Der hat sich so vernünftig, rational, konstruktiv und heldenhaft verhalten, dass er sich damit sogar für einen Posten im Vorstand der Deutsche Bahn qualifizierte. Sänk ju forr träwweling in the Guts of Capital!

Weselsky aber, der "nur", will heißen ausschließlich, mehr sein will als er ist, ist noch immer nicht mehr, ergo will er weiter das Land kaputtmachen. Stoppt ihn also endlich, bevor es zu spät ist und die Bahn durch etwas Furchtbares ersetzt werden muss, das es nicht ist. Okay, den muss man zweimal lesen. Schafft ihr schon. Guten Abend, das Wetter!

 
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Ich hatte schon ausgeholt, um meiner Lieblingspostille "Telepolis" eine reinzuhauen wegen der überschriftlichen Frage, ob Kapitänin Rackete jetzt die "neue Greta Thunberg" sei. Wir befinden uns in der Zeit der wild wuchernden Narrative, und ich wundere mich, wieso mein Buch eigentlich kein Bestseller ist.

Relotius ist überall, und fragt mal da draußen, wer das eigentlich ist. In der Regel erntet man mit der Frage nur Mundgeruch. Es schadet nicht, wenn leeres Geschwätz, erfundene Stories und kühne Lügen auffliegen. Es wird nach wie vor eine Welt wie aus dem Groschenroman präsentiert, und zwar eben nicht in der Goldenen Gala Revue, sondern vom kritischen® seriösen® Journalismus®.

Geschichte wird gemacht

Am besten junge attraktive Frauen, gern auch mal ebensolche Männer, alternativ Kinder, hilflos, große Augen, Nahaufnahme. Das ist hip, das zieht an, das ist Wahrheit viernullachtzehn. Jeder weiß, wer Greta Thunberg ist. Jeder weiß, die macht was mit Klima, Zukunft und Umwelt und jeder weiß, dass wenn man die Grünen wählt ... ach, lassen wir das. Alte weiße Männer haben jedenfalls keine Konjunktur.

Kurz auf den anderen Kanal, wo die Einen Irre sind und die Anderen die Guten. Nachdem die NATO-freundliche Presse seit Jahren Russland vorwirft, in anderen Ländern herum zu hacken (Cyber Cyber), was böse sei, wurde neulich sehr offensiv berichtet, dass die USA dasselbe machen, was gut sei. Neben der Geschichtsvergessenheit, an die wir uns schon gewöhnt hatten, erleben wir jetzt also den informationellen Salto mortale rückwärts. Foul is fair, aber sicher!

Aufschrei

Auch zum Dritten noch kurz gehüpft: Amri wird nicht aufgeklärt, die NSU für 120 Jahre in Schutz genommen, in Bundeswehr, Polizei und den 'Diensten' tummeln sich die Nazis und ein Politiker wird von einem hingerichtet. Wie sie jetzt überall die Autobahnen sperren, Groß- Ring-, Raster- und Schleppnetzfahndungen durchziehen, wie sie Sympathisanten verhaften und aus ihren Jobs kärchern und die linke Presse Folter und Todesstrafe fordert! Das ist Deutschland hier.

Wie gesagt, das steht alles schon im Buch, nur dass sie scheinbar jetzt erst richtig aufdrehen. Wo bleibt der Aufschrei, der Exodus kompetenter Journalisten aus den Redaktionen, die Gründung ganz neuer Medien? Tzia. Und was macht Telepolis? Widersetzt sich einmal mehr dem Trend. Leseempfehlung für alle, die sich noch mit Inhalten befassen.

 
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Eine der vielen Fragen, die der deutsche Journalismus auf seinem Weg zur Hölle sich nicht effektiv stellt, ist die nach dem Grund für den Verlust seiner Autorität. Das hieße nämlich zuallererst, sich dieser Autorität gewahr zu werden. Journalismus war, solange er 'funktionierte', Autorität, auch und gerade dort, wo er liberal war.

Man könnte das aufziehen anhand der verinnerlichten Zensur, die von Preußen bis hin zu den Alliierten gewisse Selbstbeschränkungen erwartete, wobei diese wiederum die Beschränkung des Personals durch Verlag und Chefredaktion nach sich zieht. Man kann es auch festmachen am Tendenzschutz, der dem Verlag das Recht einräumt, die politische Richtung seiner Veröffentlichungen festzulegen.

Chefsache

Schließlich sind die Hierarchien in den Verlagen steil und hart. Heute haben wir eine Landschaft, in der obszön bezahltem Spitzenpersonal Schreibsklaven gegenüber stehen, die von ihrem Job nicht leben können. Aber schon zu den 'Glanzzeiten' etwa eines "Spiegel", herrschte Chef Augstein über eine Riege weiterer Hähnchen, die ihrerseits hoch über dem Bodenpersonal kreisten. Das "Sturmgeschütz der Demokratie" war vor allem militärisch organisiert. Demokratisch war es nie.

Aus Preußentum und Faschismus hervorgegangen, war auch Adenauers Deutschland autoritär, eine Disziplin, in der die DDR tadellos mithielt. Die Grundhaltung deutscher Zeitungsleser, so kann man grob sagen, hat sich bis zur Jahrtausendwende nicht geändert. Was gedruckt wurde oder in der "Tagesschau" kam, wurde als Wahrheit betrachtet, Dies verdankte sich vor allem der Untertanenmentalität in publizistischen Fragen, nicht etwa der Qualität der Beiträge.

Das Abdrucken handverlesener Leserbriefe war das Maximum an Demokratie, das der Journalismus kannte. Nach 1989 kam noch einmal ein dankbares, weil ahnungsloses Publikum dazu. Kurz darauf brach die Hölle los: Die im Osten hatten bemerkt, dass sie vereimert wurden und das Internet bot plötzlich echte Quellenvielfalt. Darauf war offenbar niemand im Betrieb vorbereitet.

Nach der Trennung

Die aktuelle Generation von Chefjournalisten hat noch den Anspruch auf Autorität, ohne sie je ausfüllen zu können. Zudem wird ihnen diese ohnehin nur mehr vom rapide aussterbenden Teil ihres Publikums zugebilligt. Die Sturmgeschütze wurden folgerichtig verlassen und es folgte ein Rückzug in den Bunker, aus dem auf Verschwörungstheoretiker und Feindversteher geschossen wird.

Das ist in aller Kürze der stand der Dinge. Die Fehler wurden schon lange vor dem Störfeuer aus dem bösen Internet gemacht. Außer in einigen mutigen Experimenten hatte Journalismus nie etwas mit Demokratie am Zettel, und selbst jene Experimente (vor allem die TAZ) wurden zugunsten einer geschäftigen Hochnäsigkeit eingestellt. Das Resultat ist nicht bloß ein Umsatzproblem. Es ist flächendeckendes Desinteresse. Eine Ganze Generation guckt lieber Filmchen bei YouTube.

 
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Sie jammern und jammern, lassen ihre Anwälte von Gericht zu Gericht ziehen, um sie am eigenen Ast sägen zu lassen mit Ideen wie 'Leistungsschutzrecht' und 'Urheberrecht', während sie noch so blöd sind, selbst ständig dagegen zu verstoßen: Journalistische Verlage. Nun wundern sie sich, dass nicht nur ihre Papierabonnenten aussterben, sondern auch für ihre Online-Auftritte niemand zahlen will. Ach was!

Ich will bei der Gelegenheit einmal mit dem Qualitätssterben anfangen, das ich in den vergangenen Jahren erlebt habe. Nicht dass man vorher von der Wucht ihrer Größe erschlagen worden wäre, aber es geht immer noch drunter und sie haben jede Türkante gemeistert, egal, wie tief sie lag. Als das anfing mit dem Online-Journalismus haben sie noch viel ausprobiert, das hat sich inzwischen erledigt und zu einer Ödnis entwickelt, die man kaum öder erfinden kann.

Damals ...

Von den Zeiten, als Experimente wie TAZ oder Pardon erschienen, will ich nur kurz sprechen. Erstere hatte linken bis linksradikalen Charme, war extrem debattenfreudig und auf nichts festgelegt. Krude Pornographie-Zitate trafen auf radikalen Feminismus, diverse linke Strömungen beharkten sich und irgendwo muss ja auch der bürgerliche Ton hergekommen sein, der die TAZ heute zu einer von vielen macht. Es gab echte! Meinungsvielfalt.

Im Netz hatte ich über die Zeit einige Favoriten, lange gehörte die Frankfurter Rundschau dazu. Die war häufig gegen den Strich gebürstet, zwar sozialdemokratisch, aber wach, nicht nur über Hessen fand ich hier Infos, die es woanders nicht gab, und sie hatten dort sogar den Mut, mein Blog zu verlinken (wenngleich das recht fix wieder korrigiert wurde). Auch dieses Angebot wurde 'erfolgreich' umstrukturiert.

Ausgerechnet die FAZ hat es dann gewagt, sich Debatte ins Haus zu holen, weil ihr der Unfall Frank Schirrmacher passiert ist. Debatte kriegst du, wenn du andere Meinungen gelten lässt und die eigene nicht für das Maß aller Dinge hältst. Zweifel ist das wichtigste Mittel guten Journalismus'. Zweifel an allem, auch an dem, was man gerade für wahr und richtig hält.

Deckel drauf

Was haben wir inzwischen? Zentralredaktionen. Einer der Todesstöße. Sie haben es ja sogar geschafft, Zentralredaktionen für ihre Lokalteile einzurichten. Überall dasselbe, wortgleich, bildgleich und obendrein meist von der Agenturmeldung abgeschrieben. Wer braucht das? Wer soll dann auch noch "mehrere Abos" abschließen? Kidding me? Oder für ein 'Nachrichtenmagazin', das neben fünf Meldungen über Frauenfußball Kindergeschichten ("bento") serviert, die sich dem Niveau der "Bravo" von unten nähern?

Im Hintergrund ist das Bild kein besseres; die 'politischen' Kräfte von Grün bis AfD sind allesamt neoliberal und außenpolitisch macht es sich sogar 'die Linke' inzwischen bei den Atlantikern gemütlich. Diese Klientel wird nur mehr mit Propaganda eingedeckt, allem voran die unsägliche Verdachtsberichterstattung.

Es soll ein Krieg geführt werden? Der Böse soll ja Böses getan haben, das muss reichen. Was Saddam seine WMD ist Assads Giftgas oder Irans Tankerangriffe. Hinter all dem steckt ohnehin Putin® und wenn nicht, dann "freut" es ihn eben, was auch böse ist. Für diese Hetze soll man also auch noch zahlen? Ja nee ist klar. Dann kaufe ich auch lieber ein Fußball-Abo fürs Fernsehen.

 
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Einer der wenigen, die angesichts des Falls Strache nicht in die kindische Empörung eingestimmt, sondern sondern Zusammenhänge aufgezeigt hat, war Tomasz Konicz. Um ehrlich zu sein, interessiert mich weder Strache, noch finde ich etwas Neues an all dem. Man kann aber hier recht anschaulich erkennen, was der Unterschied zwischen Kritik und deren Gegenteil, Affirmation, ist.

Es sind wie so oft die Massenmedien, deren Produzenten ihre Werke noch ernsthaft als 'kritisch' etikettieren, während sie es sich in der tiefsten Affirmation gemütlich gemacht haben. Statt nüchterner Erklärungsversuche mit der gebotenen Distanz zum Gegenstand wird distanzlose Empörung geübt.

Noch ein Einzelfall

Diese Empörung funktioniert nur, weil erstens das Ereignis unter den Hand zur Sensation aufgeblasen wird und zweitens gar nicht erst versucht wird, es in so etwas wie einen Zusammenhang zu setzen. Es muss unbedingt ein Einzelfall sein, ein Unfall, ein Blitz aus heiterem Himmel. Kritik, die mit Recht so heißt, ist aber der Feind solch zusammenhanglosen Tamtams.

Affirmation hingegen will, das alles so bleibt wie es vermeintlich ist, wobei sie so tun muss, als sei eigentlich alles in Ordnung. Die aktuellen Plakate der CDU etwa triefen vor dieser reaktionären Haltung. Weiter gehen nur die ganz Rechten: Deren Weltbild kommt derweil auch noch gewollt 'kritisch' daher, weil sie eben nicht bloß wollen, das alles so bleibt. Sie wollen vielmehr, dass es wieder so wird, wie es in kitschiger Verklärung einer beliebigen Vergangenheit angeblich einmal war.

Kritik hingegen ist gegenüber wünschenswerten oder unerwünschten Umständen zunächst grundsätzlich unentschieden. Sie analysiert den Ist-Zustand, vergleicht ihn mit (geschichtlichen) Erfahrungen und fragt danach, wie ein Ereignis in den Rahmen dieser Erfahrungen passt. Nach einem solchen Prozess kann man sich über 'Strache' nicht mehr ernsthaft aufregen. Gerade da, wo die Empörung derzeit nicht gespielt ist, ist sie zutiefst unkritisch.

Update: Ich habe in den letzten Satz das nicht ganz irrelevante Wort "nicht" eingefügt.

 
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Abb.: Steinkauz Brückmeier (Serviervorschlag)

Ein hoher Angestellter des Kladden-Konzerns erkennt in der SPD den Klassenfeind. Es droht ein Linksrutsch, schon wieder! Nachdem bereits die Parteilinkenahles® den Parteivorsitz erobert hat, schickt sich jetzt ein radikaler an, die Partei für Enteignungen zu missbrauchen. Dass sogar die Parteilinkenahles® sich davon distanziert, beweist, wie extremistisch die Kräfte zu Werke gehen, die jetzt die SPD spalten wollen.

Alle moderaten Kräfte wie Olaf Scholz, Johannes Kahrs und der Experte für Parteigeschichte, Sigmar Gabriel, warnen und mahnen. Sie fürchten um den Erfolg den Partei und die Sozialegerechtigkeit®. Wir erinnern uns: Noch vor einigen Jahren planten Sozialisten den Coup der eiskalten Enteignung® aka Erbschaftssteuer, die unsere Leistungsträger® im Zweifel um ihr Elternhaus hätten bringen können. Damals rettete die SPD den Sozialenfrieden®.

Foul is Fair

Jetzt kommen aus der eigenen Partei Stimmen, die unsere Leistungsträger® wieder enteignen wollen - diesmal von den Elternhäusern ganzer Bezirke. Ginge es nach Revoluzzern wie Kevin Kühnert, würden am Potsdamer Platz nur noch Sozialhilfeempfänger wohnen und Leistungsträger® am Stadtrand unter unwürdigen Bedingungen hausen. Derweil korrigiert Vorsitzendenahles endlich den Irrtum von der Arbeiterpartei: Die SPD ist "Facharbeiterpartei", also keine für ungelerntes Kroppzeug, Schmarotzer oder Akademiker - gegen Letztere wirkt seit Achtundsechzig die bekannte Allergie.

Das Spitzenpersonal der Facharbeiterklasse, namentlich Heiko Maas, besorgt zeitgleich den internationalen Klassenkampf und verteidigt unsere Freiheit® in Caracas. Dort hat es einen Machthaber® und seinen Herausforderer®. "Herausforderer®" ist, wenn man versucht, das amtierende linke Staatsoberhaupt mit Teilen der Armee zu stürzen und sich selbst zum Chef zu erklären. Das findet die SPD gut. Like!

Lesen Sie morgen an dieser Stelle: "Putins Brückenkopf in Südamerika" und wie gemäßigte Rebellen® die Handchirurgie fördern.

 
hn

Warum gibt es in dieser Welt kaum ein Dutzend Menschen, die in der Lage sind, Texte zu verstehen und sich dann sinnvoll darüber öffentlich zu äußern? Mit "Texte" und "verstehen" meine ich dabei nicht einfach, dass man den Inhalt korrekt wiedergeben kann, sondern im Zusammenhang den Inhalt, den Stil, die Hintergründe und vor allem die Rahmenbedingungen berücksichtigt, unter denen ein Text zustande kommt.

Es ist so erbärmlich, dass schon die überwiegende Mehrheit der 'Leser', die sich nach erfolgloser Lektüre dazu aufschwingen, 'Autoren' sein zu wollen, den Unterschied zwischen einem Satz und einem Absatz nicht erkennen. Sie sind völlig blind für die Unterschiede zwischen Texten, in denen ein Zusammenhang dargelegt wird, Texten, die einem bestimmten Produktionsweg folgen und etwa dahergerotzem Gequatsche, das halt irgendwer aufschreibt. Für sie sind offenbar die einzig relevanten Kriterien: ist irgendwo nachzulesen und hat eine gewisse Anzahl von 'Lesern'.

Könnte man wissen

Nur so konnte es geschehen, dass eine Arena für Trolle, Dogmatiker und Vollidioten anderer Art zur meistzitierten Textsammlung der Gegenwart wurde. Dabei könnte einem schon auffallen, dass wie Milch und Zucker, heiß und kalt oder Gin und Tonic, die Kombination "Twitter" und "Empörung" längst unzertrennlich ist.

Man kann ja über den klassischen Journalismus sagen, was man will, aber aber selbst der schlechteste Bericht, der blödeste Kommentar oder die Fußballergebnisse aus der Kreisliga bieten mehr Inhalt und Kontext als als das Gemecker und Gepose 'auf Twitter', was ja schon in der Absicht der jeweiligen Äußerungen liegt.

Hastenichgehört

Man stelle sich vor, jedes Wort, vor allen die unachtsamen, die wütenden und die besoffenen, die man im Leben so von sich gibt, würden sämtlich aufgeschrieben und veröffentlicht. Sodann kämen die Geier angesegelt, pickten die sensationellsten heraus und zögen dann auch noch 'Schlüsse' aus diesen Auswürfen menschlicher Unzulänglichkeit!

Vor allem Letzteres nervt mich zunehmend: Nicht nur, dass das dümmste Gelalle zweit- und drittverwertet wird; die vermeintlich ach so überlegenen Kommentatoren haben es dann schon immer gewusst und beglücken ihr Auditorium mit den großartigen Erkenntnissen, die sie aus den Untiefen der Jauchegrube schöpfen. Als letztes Glied in der Kette stehen schließlich die Schwachmaten der dritten Ableitung, die das auch noch feixend konsumieren. Verschont mich damit. Bitte!

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