theorie


 
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Dass Vernunft und die 'Kraft des Arguments' nicht allzuweit tragen, haben wir hier schon ausgiebig diskutiert. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter, um dann den hilflosen Versuch zu machen, vielleicht wieder zwei Schritte zurück zu machen.

Die Erfahrung - beinahe alle Erfahrung - mit Diskussionen zeigt, dass es nicht darum geht, einen Sachverhalt gemeinsam möglichst genau zu beschreiben und zu richtigen Schlüssen zu kommen. Vielmehr ist zu beobachten, dass Diskutanten stets mit allen Mitteln - wider die Vernunft - ihren eingangs erklärten Standpunkt verteidigen. Selbst, wenn dieser auf vielen Ebenen widerlegt wird, ändern sie ihn nicht. Im Gegenteil: Je besser das Argument der Gegenseite, desto eher fühlt man sich davon beleidigt.

Daher wehrt man sich umso heftiger, je näher man der Erkenntnis kommt, dass man falsch liegt. Die Gründe dafür sind vielschichtig und unterschiedlich, darauf will ich im Einzelnen hier nicht eingehen. Festhalten lässt sich aber, dass gemeinhin das Ideal einer Vernunft, die sich auf die Sache bezieht und nach Wahrheit strebt, von Diskutanten weit verfehlt wird. Das liegt m.E. nicht (nur) daran, dass sie es nicht anders wollen, sondern daran, dass sie es nicht besser können.

Anpassen, überleben

Um als Mensch, dessen Fokus stets die bestmögliche Anpassung an eine Umwelt ist, nach den Regeln der Vernunft zu denken (und ggf. zu handeln, sei es auch nur kurzfristig), muss man die Instanz 'Verstand' nämlich psychisch abspalten. Es ist eine Art Störung - vermutlich wird auch deshalb 'Nerdism' mit Autismus assoziiert. Im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich erscheint das schlimmstenfalls exotisch, denn es kann einem egal sein, welche Zahl oder Formel am Ende herauskommt.

Es ist aber ein ganz anderer Sport, sich als Person mit ihren Erfahrungen völlig zurück zu nehmen und quasi neutral zu erörtern, was richtig und falsch ist, wenn vom Ergebnis das eigene Wohlergehen abhängt. Mit diesem Ansatz fällt man aus der Natur und spaltet jedes Eigeninteresse von der Erkenntnisproduktion ab. Das ist unter Evolutionsgesichtspunkten dumm, andererseits aber die einzige Möglichkeit, sich in komplexen Systemen zu orientieren.

Vereinfacht: Du hast die Wahl, klüger zu werden oder zu überleben. In günstigen Situationen kann beides funktionieren, aber die Anpassungsleistung war stets wichtiger als die Möglichkeit von Erkenntnis. Wo diese nicht unmittelbar nützlich war, war sie Zufallsprodukt. Daher ist es ganz natürlich, sich der Vernunft zu verweigern.

Vernunft, zumal praktizierte, ist etwas für Freaks. Es dürften allerdings solche Freaks sein, denen die Zukunft gehört, denn die neue Regel der Evolution, die für komplexe Systeme eben, lautet: "Du wirst überleben, wenn deine Anpassungsleistungen sich auf das System beziehen, an das du dich anpasst." Was über Jahrmillionen funktioniert hat, versagt in einer Umwelt, die nach anderen Regeln funktioniert - vor allem denen beschleunigter Abläufe.

Wie dumm muss man sein!

Die bislang erfolgreichen Strategien funktionierten vor allem durch den Mechanismus sterben/aussterben vs. überleben. Alle evolutionär erworbenen Strategien sind ein Teil davon, und sie alle sind auch menschliche. Aus dieser Regel fällt zuerst der Verstand, die Fähigkeit, auf Umwegen zum Ziel zu kommen, wobei auch das noch eine Überlebensstrategie ist. Die Vernunft schließlich bezieht sich auf die Regeln des Spiels selbst, entzieht sich der Anpassung an die Situation und verzichtet auf Überlebensstrategien.

Um erkennen zu können, was ist, sind der Vernunft der eigene Tod und das Überleben sprichwörtlich gleichgültig. Wie dumm muss ein Wesen sein, dass der Vernunft folgt! Es ist also kein Wunder, dass es so gar nicht gelingen will, jemandem Vernunft aufzuzwingen. Argumentieren ist deshalb (jenseits des Nerdism) ein Ritual.

Dass sich durch Vernunft gewonnene Erkenntnisse dennoch durchsetzen können, liegt vor allem an ihrer Vermittlung durch Autoritäten. Nicht der Inhalt wird dabei vermittelt, sondern die Gültigkeit der Erkenntnis. Eine nachgerade unverwüstliche Überlebensstrategie liegt nach wie vor darin, Autoritäten zu folgen.

 
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Einen nicht ganz uninteressanten Aspekt der Funktionsweise 'Sozialer Medien' benennt Peter Mühlbauer auf Telepolis. Er weist darauf hin, dass die Objekte von Shitstorms die Rolle moderner Sündenböcke einnehmen und dass dieser Vorgang wiederum stets mehr fordert: mehr Opfer, mehr Ritual, mehr Wiederholungen.

Dass das arme Dopamin für die dem zugrundeliegende Aufmerksamkeits-Ökonomie herhalten muss, ist freilich zweifelhaft. Immer Dopamin, der einzige Neurotransmitter, den das Abendland kennt, denn dafür haben wir ja Ritalin! Dabei gibt es doch noch so viele Schönheiten aus den Urzeiten der Stoffwechsler, wie etwa Noradrenalin, GABA, Serotonin und Glutamat. Von Hormonen mal ganz zu schweigen. Nein, ich bin dagegen. Lasst das Dopamin mal in Ruhe!

Das große Ritual

Die Analyse der Rolle des Opfers - leicht zu verwechseln mit der Opferrolle - in diesem Zusammenhang ist sehr lobenswert. Opfer erfordert Opfer, und zwar nicht nur wegens Rache, sondern weil es eben Teil eines Rituals ist, einer Ritualität quasi, die kein Ende finden kann. Die Funktion dient keinem Sinn, Zweck oder Ziel, sondern sie ist Selbstbezug und stiftet die Identität sowohl des Opfers als auch derjenigen, die am Ritual des Opferns teilnehmen.

Das Opfer als solches hat aber noch eine wichtigere Funktion, und zwar in der Rolle des Märtyrers. Dieser ist in den Religionen klassischerweise jemand, der für seine Religion im Kampf stirbt oder sich willentlich opfert. Diese Struktur finden wir heute bei den Posern, die sich zu Helden des Widerstands verklären oder von unschuldigen Opfern der falschen Macht faseln, der Unterwerfung durch das Böse.

Bisher kannten wir das reichlich von Faschisten, deren Nähe zur Mythologie auch hierin Ausdruck findet: Die Helden des Nationalen Widerstands, die sich in einen Krieg fürs Vaterland hinein halluzinieren, für das zu fallen ihnen die größte Ehre wäre (so lange nicht wirklich wer auf sie schießt). In Zeiten einer den mythischen ähnlichen Gefahr (unsichtbar, aber tödlich) bedienen sich ebenso Pseudolinke oder andere, die es nicht so mit der Rationalität haben, desselben Brimboriums.

Wiederstand!!¹1!!

Da wird ein Oligarch zum Weltherrscher, eine medizinische Maßnahme zur Roboterisierung der Menschheit, gleich die ganze Spezies zum Opfer, und ein paar unbeugsame nutzen unter dem Schutz der Meinungsfreiheit die Massenmedien des Internets für einen vermeintlichen Kampf gegen Zwang und Zensur. Dabei riskieren sie zwar nicht einmal die Kollision mit einem Windmühlenflügel, aber irgendwie macht sie das eben zu Kämpfern, deren Schicksal bekanntlich das des Helden oder Märtyrers ist, je nach Ausgang der epischen Schlacht um den Twitter-Thread.

Dabei muss alles groß sein, verdammt groß, sonst sieht es ja keiner. So wie in Filmen nur noch Massen von Superhelden und immer matschigere Zombies als Kulturgut gelten, muss es schon Armageddon sein oder wenigstens Holocaust. Wer Maske trägt, ist gezeichnet für den Abtransport in die Hölle der automatisierten Sklaverei. Das meinen sie ernst. Da wir jetzt wissen, wie das geht, können wir eigentlich in die Realität zurückkehren. Die ist auch so nicht lustig.

 
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Auch und gerade im alltäglichen oder politischen Denken können Standards durchaus hilfreich sein. Einerseits darf das Gehirn ja auch mal Pause machen, im Alltag, in persönlichen Beziehungen und unverbindlichem Blabla. Andererseits entstehen gerade dort Einstellungen, die später auch in ernsthaften Zusammenhängen eifrig verteidigt werden.

In den Naturwissenschaften und der Informatik kommt man in Teufels Küche, wenn man beim Ungefähren bleibt und ernsthaft damit arbeiten will. In den Geisteswissenschaften ist es hingegen ein leider häufig vernachlässigtes Problem, dass es an der Präzision mangelt - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Qualität der Arbeit.

Was ist?

Es geht im Kern zunächst immer um die Frage, ob etwas ist. Das 'ob' ist nicht das große Problem, am Ende bleibt ein Ja oder Nein. Das 'ist' kann schon schwieriger sein. Die größten Probleme lauern aber im 'etwas', der Entität. Diese kommt zustande, indem sie definiert wird, indem sie identifiziert wird, wie in "idem ens", "ebendasselbe Ding". Dieser Prozess folgt Leitfragen:

Was ist das, wer ist das, was gehört (noch) dazu, was nicht (mehr)? Was sind die Kriterien dafür, warum diese Kriterien und keine anderen? Wie exakt muss ich definieren, um welche Qualität von Aussagen zu ermöglichen? Sind alle Elemente der Gruppe gemeint, die meisten, einige oder eine Untergruppe? In der Physik etwa ist das einfacher, schon weil die zugrundeliegende Mathematik durch Größenverhältnisse in beliebiger Präzision abgrenzen kann und die Annahmen meist überprüfbar sind.

Zurück in der Politik, befinden wir uns auf der anderen Seite der Welt. Was ist da z.B. eine 'Gruppe'? Das kann einfach sein, weil man sie schon äußerlich erkennt, etwa weil sie die Embleme eines Vereins tragen, sich in einer bestimmten Stadionkurve aufhalten und bestimmte Lieder singen. Meist ist es ungleich schwieriger.

Die da

Wer oder was ist "links", "rechts", "Neonazi", "konservativ" oder "grün"? Mit solchen Kategorien kann man nur ernsthaft operieren, wenn man weiß, worauf man hinaus will und was man über die zu definierende Gruppe wissen kann. In der politischen Kommunikation ist gemeinhin das Gegenteil der Fall.

Dieses Vorgehen ist dabei äußerst attraktiv. Es spart nicht nur die Kärrnerarbeit des wissenschaftlichen Vorgehens, sondern ist eine großartige Spielwiese für jede spontane Idee, die frei mit jeder anderen verbunden werden kann. Befeuert wird dieser Spaß von allen Höhen und Untiefen der Psyche, die hier alles projizieren kann, was sie gerade loswerden will. Das Ergebnis ist das hinlänglich bekannte 'die' 'sind' 'so'.

Egal.

Die Wahrscheinlichkeit tendiert dabei gegen eins, dass man 'die' nicht definieren kann, was sie 'sein' soll nicht einmal der Mehrheit der Gruppe nachweisbar ist, und das 'so' kann gleich eine Ausgeburt der reinen Phantasie sein, eine Eigenschaft, die in dieser Form gar nicht existiert. Als 'Nachweis' reicht es dann auch, ein oder zwei Merkmale an Individuen zu erkennen - oder sie ihnen auch nur zuzuschreiben, um das fertige Urteil zu sprechen.

Was noch fehlt, ist der Anschluss einer diesseitigen Gruppe (auch hier reicht eine virtuelle aus), mit der die Resultate dieser Prozedur geteilt werden. Auf diese Weise entsteht eine 'Wahrheit' des 'Wir' über das 'Die', bei dem weder Subjekt noch Objekt real sein müssen. Und dann fragt man sich - zumal im Netz - woher bloß der ganze Hass kommt.

 
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Es wird viel geredet über Geld, Kapital, Zinsen und dergleichen. Selten kommt dabei die ganz konkrete Wirkung des Geldes auf den Menschen zur Sprache, bei der alltäglichen Anwendung quasi. Ich möchte mich einmal mit der psychologischen Wirkung des Geldes auf den Menschen befassen, die nämlich eine tragende Säule des Systems ist und die man kaum wird ändern können.

Geld, vor allem Bargeld, wird ausschließlich positiv betrachtet. Es zu haben, zu bekommen, darüber verfügen zu können, verleiht ein gutes Gefühl. Sogar ausgerechnet diejenigen, die ständig 'knapp bei Kasse' sind. erleben es nicht etwa als den Fluch, der es ist, sondern im Gegenteil als Segen, geadezu als Erlösung, wenn es endlich wieder welches gibt.

Haben wollen

Das Fehlen von Geld wird empfunden wie Deprivation - der Verlust der nähernden Mutter. Verlust, womöglich durch eigenes Handeln, wird empfunden wie eine Strafe, die Folge der Schuld, die sich als Empfinden wiederum gegen den Sünder wendet. So ist Geld in einer Gesellschaft, in der es 'zum Leben' gebraucht wird, per se ein Belohnungssystem, ähnlich einer starken Sucht. Obendrein heißt der Lebensunterhalt der Massen sprichwörtlich "Lohn"; diesen gibt es für die Selbstunterwerfung im Dienst des Profits.

Wer nicht mitmacht, wer keinen Herrn hat, wird bestraft - durch Armut, Gängelung, Ächtung. Die meisten Menschen reagieren mit starker Abneigung auf die Idee einer geldlosen Gesellschaft. Es erscheint ihnen, als verstoße sie gegen sämtliche Naturgesetze. Dies ist das Resultat tief sitzender Gewöhnung, Abhängigkeit, Konditionierung und Unwissenheit. Gerade Letztere wird aus nachvollziehbaren Gründen nach Kräften gefördert von den Profiteuren, die keinen Zweifel am System und ihrer Rolle zulassen können. Das bedeutet aber keineswegs, dass 'Mächtige' oder 'Eliten' all diese Effekte erfunden haben.

Hand Gottes

Geld, das in vorkapitalistischen Zeiten noch Tauschmittel gewesen sein mag und ansonsten Instrument einer anderen Form von Herrschaft war, bringt die Tendenz zu diesem Suchtverhältnis mit sich, spätestens eben, wenn es in die kapitalistische Phase eintritt. Ursprünglich ist dieses Suchtverhältnis ein Nebeneffekt, der die meisten Menschen auch gar nicht betraf, weil ihr Leben und Wirtschaften nur mittelbar mit Geld zu tun hatte. Niemand hat das geplant, aber es ist eine zentrale Wirkung.

Die völlig irrationale Herrschaft des Kapitals über die Menschen (übrigens auch über die Reichen und Superreichen) hat auch damit zu tun, dass Geld fast immer als positiver Verstärker auftritt und deshalb aus Gründen der Konditionierung nie infrage gestellt wird. Seine fatale Wirkung bleibt ebenso für jeden Einzelnen eine abstrakte Fernwirkung wie die rationale Kritik Sache einer komplexen Wissenschaft ohne Zugang zum Alltag.

Verräter

In einem solchen System muss die Propaganda der Konservativen (Reaktionären), die das System erhalten wollen, zwangsläufig absurd sein. So kommt sie um die Ecke mit religiös-psychotischen Welterklärungen wie der "unsichtbaren Hand des Marktes". Der Gipfel ist die Mär von der 'Eigenverantwortung', ihrerseits Spross einer protestantischen Religiosität.

Das System ist hoch komplex und psychologisch von einer Suchtstruktur geprägt. Individuelles Handeln findet als Ursache für relevante Folgen gar nicht statt, zumal auch niemand Einfluss auf die Rahmenbedingungen hat. 'Eigenverantwortung' tritt dennoch auf als Vorwurf ausgerechnet gegen jene, die aus dem System herausfallen. Junkies beschimpfen die Nichtsüchtigen, weil die ihre Pflicht an der Spritze vernachlässigen. So vernünftig ist das.

 
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Quelle: pixabay

Da wird mir immer schwindlig. Wie muss es erst Lesern ergehen, die sich zurecht über die Dreistigkeit von Amtsträgern erregen und dann hier zu lesen kriegen, das sei alles irrelevant. Wir müssen reden. Nicht zuletzt über erstens die allgemeine Entwicklung und zweitens über die Personalie Friedrich Merz - um dann noch meine zähe Kritik am Humanismus durchzukauen. Kommt, das kriegen wir hin!

Augenrollen! Ist POTUS Trump noch ein Beispiel oder so etwas wie das Gegenteil - der Beleg dafür, dass man immer mit allem rechnen muss und im nächsten Moment schon mit dem Gegenteil? Ich möchte hier eine alte These gelten lassen: dass das System nicht zufällig korrumpiert, sondern programmgemäß und dass mit fortdauernder Krise das Zerbröseln der Säulen 'normal' ist. Trump ist Symptom dafür, dass der Extremismus der 'Mitte' die Hülle der Zivilisation absprengt. Es geht um Macht. Die wird für viele umso attraktiver, je rücksichtsloser und absurder sie genutzt wird.

Der schon wieder

Gesittet hingegen geht es noch im deutschen Vaterland zu, das gehört sich so und hat es als Vorbild bis nach Hollywood geschafft - in der Figur von Hans Landa, dargeboten von Christoph Waltz. Dies als Stimmungsbild. Bei uns sind sie adrett und sachlich, bar hinderlicher Emotionen, wenn es darum geht, die allseits geschätzten schmerzhaften Entscheidungen® zu treffen. Der Ton ist ruhig, der Anzug sitzt, ein calvinistischer Hintergrund von großem Vorteil. Juristenfamilie, nicht weit vom Stamm, bestens vernetzt. Karriere vorprogrammiert. Willkommen bei Bundeskanzler Friedrich Merz!

Passend ist diese 'Personalie' schon, weil sie sich bei allem Ehrgeiz, der seine Nähe zur Eitelkeit nicht verbergen kann, daherkommt, als sei sie keine. Es geht nie um 'ihn', sondern immer ums Ganze, Wohlstand, Arbeitsplätze, Vaterland. Was er nicht weiß: Er ist tatsächlich nicht mehr als ein Produkt, austauschbar, aber man nimmt am liebsten die, deren Züchter man kennt. Beste Hard- und Software, man weiß genau, welches Dann auf ein Wenn folgt.

Was hinten rauskommt

Ich finde diese Beispiele sehr geeignet für den Grundgedanken, dass es keine Personen gibt, die Einfluss haben auf die relevanten Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Es sind die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Spielräume schon immer eng sind und sich weiter verengen. Clowns wie Trump sind nur scheinbar ein Gegenbeleg. Was sie vielmehr belegen, ist dass der ganze Zinnober und die Masken verzichtbar sind. Da erhebt sich einer über alle Regeln, zuerst die des Anstands, und was ändert es? Nach dem adretten eloquenten Schwarzen ein alter weißer Trampel. Wo ist der Unterschied jenseits der Ästhetik?

Nur ein Humanismus, der sich nie von seinen religiösen Wurzeln hat befreien können, kann hier suggerieren, irgendeine Instanz 'Mensch' hätte einen entscheidenden Einfluss auf den Lauf der Welt. Was sind die Wechsel von Bush zu Obama zu Trump gegen die Kontinuität von Guantanamo und den Krieg gegen den Teil der muslimischen Welt, der sich nicht mit Dollars hat kaufen lassen? Was ist Warren Buffet in Zeiten einer Sturmflut von Kapital auf der verzweifelten Suche nach Profit? Was sind sogenannte "Sozialisten" in einer vollautomatischen Produktion? Der Mensch - das Maß aller Dinge?

 
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Ich tue mich nicht nur schwer, das Meiste dessen, was aktuell als "links" bezeichnet wird, so zu akzeptieren. Was ich von Soizaldemokratie halte, muss ich hier nicht wiederholen. Tatsächlich haben auch die ganzen anderen Strömungen, deren Anhänger sich als links verstehen, den Begriff völlig zersetzt; den Rest gibt ihm die Wahrnehmung derer, die sich anderswo verorten. Die Konzepte sind schon immanent, in sich, widersprüchlich. Bestes Beispiel ist das Konglomerat von Rassisten und Sexisten, die sich ein "Anti-" davor pinseln und leider keine Ahnung haben, was das eigentlich ist.

Eine Ideologie, die jemanden wegen seiner Hautfarbe abwertet, ist rassistisch. Die ideologische Abwertung eines Geschlechts ist Sexismus. Dabei spielt es keine Rolle, ob die vorgeblich Minderwertigen oder Wertlosen Schwarze, Weiße oder Blaue sind, die Minderwertigen und Bösen Männer oder Frauen. Ausgebeutete kranke alte Menschen, die ihr Leben lang für ihre Familien gesorgt haben, als "privilegiert" zu brandmarken und ihnen eine Art Täterschaft zu unterstellen, weil sie Alteweißemänner® sind, ist widerwärtig. Begriffe wie "toxische Männlichkeit" "Manspreading", "Mansplaning" und Ähnliches entspringen Hirnen, die aggressive Diskriminierung für gut und gerecht halten. Sie sind dasselbe wie Geschwafel über Hexen und Untermenschen.

Immer wieder gleicher

Was traditionell als links firmierte, führte Gleichheit im Schilde. Alle Menschen sollen gleich sein - niemand hat weniger Rechte, niemand ist minderwertig. Der Gipfel dessen, was diese Linke stets bekämpfte, waren Ideologien, die Angehörigen bestimmter Gruppen qua Geburt einen Makel zuordneten und sie deshalb herabstuften. Dieser Gedanke führt in der Konsequenz dazu, dass Hierarchien abzulehnen sind - in diesem Bezug hat die organisierte Linke in ihrer Geschichte schreckliche Fehler gemacht. Das, was sich heute so nennt, kriegt zum Teil gar nicht genug von Hierarchien und abgestufter Wertigkeit.

Andere 'linke' Gruppen, die sich anderen ideologischen Dogmen verschrieben haben, stehen im krassen Widerspruch zu den beschriebenen. Zwar haben sie nichts mit den o.g. Diskriminierungen zu schaffen, dafür pflegen sie ihre eigenen, etwa die Antideutschen, die sich besondere Meriten verdient haben durch ihre Vernichtungsphantasien wie den Einsatz einer israelischen Atombombe oder den infantil-zynischen Jubel über "Bomber Harris". Deren Antinationalismus kippt teils ins Gegenteil, vor allem aber rechtfertigt er Massenmord - als Konsequenz aus dem Holocaust. Nazienkel at their best.

All diesen Strömungen ist - im Gegensatz zur Linken nach Marx - eine Unwissenschaftlichkeit gemein, die sie in Form von Pseudowissenschaft gar an die Unis gebracht haben. Satirische Beiträge sind hier nicht mehr von universitären zu unterscheiden, einzig das Resultat steht fest. Das hat die Katholische Kirche kaum besser gemacht. Das Weltbild ist geschlossen, Diskurs wird nirgends als solcher wahrgenommen. Man muss niemanden mehr überzeugen außer sich selbst. Es weht irgendeine Fahne über dem Camp (wie neuerdings bei "Extinction Rebellion", die in unfreiwilliger Komik im NSDAP-Design daherkommt).

Wo der Feind steht

Bestimmend ist einzig die Identität, die wiederum ist geklaut. Man ist Anti, insofern ein Spiegelbild der Pros. Das Feindbild schweißt zusammen und die Soldaten der Bewegung wachen nicht einmal auf, wenn sie exakt dasselbe tun wie die Bösen, nur eben als die Guten. Was darf das Gute? Alles. Was tun wir mit dem Bösen? Wir vernichten es. Dies exakt ist übrigens der Erfolg von Moral mit ihrem Konzept von Gut und Böse, weswegen ich sie auch rundweg ablehne. Ethik wie gesagt ist die Wissenschaft der sozialen Ordnung.

Unter diesen Umständen muss ich darauf verzichten, links sein zu wollen. Aktuell ergibt der Begriff keinen Sinn. Er wird freilich dennoch weiterhin in aller Munde bleiben. Das Spiel ist auch zu lustig: Rechte erkennen ihrerseits in jedem verbohrten Deppen jener 'Linken' einen veritablen Feind, der ihre Reihen zusammenhält. Viel Feind, viel Ehr', viel Identität. Dem allgemeinen Trend politischer Dekadenz folgend, hat sich auch hier die Herrschaft des Rückenmarks etabliert.

Tatsächlich nicht konsensfähig - wohlgemerkt in der sogenannten Linken - scheint das Prinzip zu sein, in dem ich das Urmotiv dessen sehe, was ich einmal unter dem Begriff verstanden habe: "Keine Herren, keine Sklaven". Auf niemanden mehr herabblicken, niemanden bespucken, so ganz ohne Führer und Gefolgschaft soll es offenbar nicht sein. Dann am Arsch, Genossen, ohne mich!

 
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Die Strategien, mit denen sich die Menschen aus ihrer meist unbewussten Not zu retten versuchen, sind oft fatal. Vor allem in Gesellschaften, die religiös geprägte Muster anbieten, welche ihrerseits wiederum tief in den Haltungen, Vorstellungen und Narrativen stecken - wie etwa in der Arbeitsethik. Anstatt Arbeit als Übel zu betrachten, dem man möglichst wenig Zeit opfert, anstatt Ausbeutung anzuprangern und sich mit denen zu solidarisieren, die darunter leiden, trampeln allen voran deutsche 'Arbeitnehmer' missgünstig aufeinander herum, als sei es das allerhöchste Ziel, andere zur Maloche zu treiben. Dafür werden gleichermaßen Gefühl und Verstand betäubt, um sich am Ende jeweils selbst zu schaden.

Im dumpfen Gefühl der Einsamkeit, in der Überforderung als 'Individuum', Einzelkämpfer und Statuskonkurrent, meldet sich die taube Stelle, an der eigentlich das Bedürfnis nach Zugehörigkeit sitzt und schreit nach Ersatzbefriedigung. Längst ist dem trainierten Bürger, ganz auf den Bedarf und die Ideologie des Kapitalismus zugerichtet, Seinesgleichen zuwider. Die Anderen stinken, haben Meinungen, machen einem den Platz streitig; das will man nicht auch noch in der Freizeit haben. Was tun?

Wir ihr sie

Eine der attraktivsten Strategien liegt hier nahe: Wenn man schon den Planeten mit diesen Anderen teilen muss, dann wenigstens nicht auch noch die 'Heimat' mit Fremden. Schnell finden sich welche, deren Ansprüche man gänzlich zurückweisen kann, mit denen man also wenigstens die Konkurrenz verweigert. In einem Aufwasch bietet sich hier endlich die Aussicht auf Identifikation mit einer Gruppe, die einem nicht wehtut und nicht ablehnen kann, weil sie komplett abstrakt ist: Die Nation.

Der gehöre ich an, ganz gleich, was ich tue oder lasse. Andere wiederum eben nicht. All die Zwänge, unter denen ich täglich stehe, die Rücksichten, der Verzicht, Pflicht und Gehorsam, hier hören sie auf. Hier gehört der Nationale der überlegenen Gruppe an und kann als deren Teil anklagen, urteilen - und im Extremfall auch vollstrecken. Die ganze Macht der Nation scheint im Einzelnen gebündelt, der sich mit ihr identifiziert.

Nie genug

Ein schales Vergnügen, denn zunächst erweist sich diese Macht als eine, die dem Individuum, das sich an ihr weiden will, sogleich wieder entfleucht. Ein Kommentar im Internet, ein bisschen Gegröle im Stadion, ein paar Kraftworte beim Gespräch auf dem Gang, das war's dann auch schon wieder. Befriedigung kann sich so nicht einstellen, was viele zur Eskalation treibt. Es ist alles so ungerecht, dabei ist doch klar, wer Herr im Haus ist und wer Eindringling, wer Täter ist und wer Opfer.

Weil sich das Ganze im luftleeren Raum abspielt, vollkommen abstrakt bleibt, kann sich um so weniger jegliches Erfolgserlebnis einstellen. Man erlebt ja gar nichts. Eine ideale Schnittstelle für Wahn und noch mehr Aggression - übrigens umso besser, je weniger Fremden man begegnet. Daher muss der Kreis der Feinde ausgedehnt werden: Freunde und Helfershelfer der Fremden, die sie bevorzugen, hierher holen und mit ihnen unter einer Decke stecken. Dumm nur, dass man die vermeintlich Schuldigen (Danke, Merkel!) ebenfalls nie zu Gesicht bekommen wird. Dann hockt man sich halt mit welchen zusammen, die es ihnen allen zeigen werden, wenn ihre Macht endlich konkret werden wird.

 
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Man täte gut daran, den Plan aufzugeben, etwas besonderes zu sein, ja, im Endeffekt sogar den, sich selbst (immer) gleich zu sein, denn das geht zwangsläufig schief. Das bedeutet ja keineswegs - im Gegensatz zu dem, was der (Neo-)Liberalismus einem weismachen will, man sei dann eine Art Produkt, das sich von allen anderen nicht mehr unterscheidet ("Gleichmacherei). Im Gegenteil: Eine Persönlichkeit ist nur in Abgrenzung zu anderen möglich, aber eben nicht permanent zu allen anderen, von denen man sich gefälligst abzuheben habe.

Das absurde Konstrukt des bürgerlichen Individuums verlangt von jedem Einzelnen, sich als Beste zu präsentieren. Es gibt nur Nummer Einsen. Stark, unabhängig, chic, eloquent, unbesiegbar und an jede Situation anpassungsfähig. Dabei zwingt der Alltag einen dazu, nur von Letzterem reichlich Gebrauch zu machen - nicht zuletzt, weil die allermeisten der vermeintlichen Superstars Befehlsempfänger sind. Ein Wunder, wie viele Menschen es noch immer schaffen, nicht wahnsinnig zu werden.

Stage Diving

Es wird suggeriert, der schlimmste Tod sei der, in der Masse, Menge, Gruppe unterzugehen und sich von den anderen nicht mehr zu unterscheiden. Dabei ist gerade das notwendig. Nicht nur um der Psyche Willen, sondern weil man sich nur in der Gruppe durch gemeinsames Erleben erfährt - sowohl als soziales Wesen als auch eventuell als jemand, der anders ist als die Anderen. Gleichzeitig lernt man, sich ggf. auch gegen eine Gruppe zu positionieren. Nur durch das 'Untergehen' im Kollektiv kann man aus diesem gelegentlich als Individuum auftauchen.

Das Selbst ist nicht ohne das Andere, und man wird, eingebunden in die Gruppe, auch erfahren, dass selbst das 'Selbst' variiert, dass die Gruppe womöglich stabiler ist und mehr Identität ermöglicht als ein 'Ich' - obwohl Gruppen sich ganz offensichtlich in stetigem Wandel befinden. Ich bin nur jemand als jemand von etwas; allein bin ich verloren. Gegen das schlummernde Bewusstsein dieses Umstands muss das bürgerliche Individuum aber ständig so tun, als sei es eben völlig unabhängig und lasse sich nur aus strategischen Gründen auf Kollektive ein. Wie grotesk!

Was bleibt, sind eben die Restfamilie und der Fußballverein, wobei selbst diese nach den üblichen Statuskriterien betrachtet werden. Die Alleinerziehende gilt ebenso als Asimutter wie Fußballfans als Primitive - es sei denn, sie firmieren in der Loge des Wurstfabrikanten. Somit total von seiner Spezies entfremdet, simuliert sich der postmoderne Halbirre als Fels in der Brandung, unveränderlich und unerschütterlich. Diese Kultur ist die exakte Perversion einer lebenswerten Gesellschaft.

 
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Der Mensch hat als soziales Wesen gegensätzliche Grundimpulse: Er möchte dazugehören, Teil einer Gemeinschaft sein und in dieser aufgehen. Anderseits sucht er aber auch Freiheit, möchte selbst bestimmen können, was er tut und lässt. Ein integrierter Mensch, der sich in seiner Umwelt sicher bewegt, weiß, dass er auf die anderen angewiesen ist und dass seine Freiheit erst durch den Rückhalt der Gemeinschaft möglich wird. er wird demnach Freiheit in Episoden genießen und ins Kollektiv zurückkehren.

Auf diese Weise gibt er einen Teil seines 'Ich' auf, um im 'Wir' sein Überleben und das der anderen zu sichern. Andererseits verlässt er das 'Wir', um sich als 'Ich' zu erleben und zu entwickeln. Mancher erlebt das Wagnis der Freiheit als eher bedrohlich und verbleibt lieber im Schutz der Gruppe, andere fühlen sich im Kollektiv eher eingeengt, aber immer muss dieses Verhältnis ausbalanciert werden. In verschiedenen Konstellationen hat sich der Mensch unter diesen Bedingungen über Jahrtausende entwickelt.

Draußen vor der Tür

Im ständiger Beziehung zur Gemeinschaft wird die zur Freiheit notwendige Entfremdung, das (sich) fremd Werden, auf soziale Weise gelöst. In einer Gesellschaft, die die Menschen vereinzelt und ihnen abverlangt, sich stetig als Individuum zu profilieren, wird diese Entfremdung zur Last, zu einer beständigen Belastung für die Psyche. Beides hat Folgen: Die Rolle als herausragendes Individuum muss ausgefüllt werden, gleichzeitig die vereinsamte Psyche irgendwie entlastet werden.

Das kapitalistische Narrativ hat nicht zufällig dafür eine Scheinlösung in petto, nämlich die schon erwähnte Strategie des 'Superhelden'. Gegen die verlorene Geborgenheit bietet er zum Tausch die Allmachtsphantasie an. Das absurde Ergebnis ist, dass jeder Einzelne eben der Größte ist, Herrscher über alles, sowieso über Leben und Tod, der jederzeit als Richter und Henker auftritt. In den Produkten der Kulturindustrie wurde derart das Massaker zur Alltagsstrategie, aus den Phantasien der Vereinzelten rinnt es als Getrolle in die 'sozialen Medien'.

Dieses Desaster zerstört unmittelbar Realität. Nicht nur führen die Festlegung auf unmöglich zu erfüllende Rollen und der Verlust der nötigen sozialen Geborgenheit (Deprivation) zu Realitätsverlust. Vielmehr wirkt das Ganze wie eine Umkehr der Entstehung des menschlichen Verstandes. Freud hat ausgeführt, dass Wirklichkeit erst entsteht, wo sich der Mensch der Halluzination verweigert und komplexe Lösungen für seine Bedürfnisse sucht. Heute sind wir an dem Punkt, wo eine einzige Halluzination an die Stelle sozialer Wirklichkeit tritt. Diese wird nicht verhandelt, sondern von einer unsichtbaren Macht produziert, ohne dass Verstand dabei eine relevante Rolle spielt.

einer geht noch ...

 
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Der kapitalistische Individualismus ist nicht bloß ein Mythos, er ist auch keine beliebige Herrschaftstechnik; in der Praxis geht er nahtlos von der Überbetonung der Einzelleistung und Vereinzelung über in Foltermethoden. Es war schon lange vor der Erfindung der Psychologie bekannt, dass Deprivation - der Entzug von emotionaler und körperlicher Zuwendung - Menschen krank macht.

Ideologisch hat sich die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft entschieden gegen die Kollektive sozialistischer Prägung aufgestellt. Für sie war und ist die Familie das einzig akzeptable und schützenswerte Kollektiv, die "Keimzelle der Gesellschaft". Ihr allein obliegt es, das Grundbedürfnis nach sozialer Bindung zu befriedigen. Kollektive wurden aus dieser Sicht entweder als Zwangsgemeinschaften zur "Gleichmacherei" aufgefasst oder gleich ("Kommune") als Keimzelle des Terrors.

'Familie'

Die bürgerliche Familie ließ freilich nichts übrig von ihrem Versprechen. Schon die Reduktion auf die Kleinfamilie hat sie als System überlastet; in Zeiten, in denen beide Eltern arbeiten sollen, bleibt davon weniger als nichts. Die staatlichen Kollektive, in denen Kinder daher aufwachsen - Kindergärten und Schulen - setzen derweil auf Konkurrenz und Individualismus. Ehrgeizige Eltern steigern das noch, indem sie ihre Kinder zu Leistungsrobotern und Superstars formen wollen.

Dies erzeugt nicht nur massenhaft psychische Störungen, es führte auch zu einer Erzählung, die den Bürgerkindern quasi vom ersten Tag eingetrichtert wird: Du bist der Mittelpunkt der Welt. Du bist besser als alle anderen. Wo das nicht so ist, müssen die Regeln so angepasst werden, dass du es doch bist.

Out There Alone

Dies ist die kurze Skizze der Grusel-Dystopie "There is no such thing as society". Sie ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die Zerstörung der Gesellschaft als solcher, die die Zerstörung der menschlichen Psyche als Einheit nach sich zieht. Der natürliche Drang, dazugehören zu wollen, wird in einem grausamen Experiment ersetzt durch den wahnhaften Zwang, Erster zu sein - und damit einsam.

Die menschliche Psyche, um ihr "Ich" herum konstruiert, ist auf das 'Wir' angewiesen, auf Kollektivsubjekte, in denen es aufgehen kann. Es weiß sich als Teil der Welt und als Teil der Gemeinschaft, der sozialen Welt. Trainiert wird es aber darauf, dass die Welt in Teilen den Menschen gehört. Die Bindung zwischen Welt und Mensch ist der Kauf, der Tausch, der Erwerb für einen Preis. Eigentum ist die Essenz dieser Beziehungen. Zuneigung, Liebe, Geborgenheit sind nicht konvertibel und daher wertlos.

Hamsterrad

Der Rest an Zwischenmenschlichkeit in diesem Konstrukt ist eben die Konkurrenz, in der es darum geht, wie viel Welt den Einzelnen jeweils gehört. Das Maximum an Gemeinschaft in dieser Sphäre ist die Koalition, die kurzfristige Verbindung von Einzelinteressen. Zur Versorgung der natürlichen Bedürfnisse bleibt eine völlig überforderte Zweierbeziehung, die im Kern die Funktion der Großfamilie ersetzt. Eventuell entstehen dabei Kinder, die, siehe oben, passend gemacht werden.

Die Selbstbeziehung der Individuen in dieser Mühle pendelt zwischen Größenwahn, Einsamkeit, Anpassungsdruck und Orientierungslosigkeit. Immer wieder erweist sich die Anpassungsfähigkeit der Menschen hier als faszinierend flexibel. Die ungemein dämliche Geschichte vom Helden und Einzelkämpfer, der sich in der besten aller Welten täglich beweist, läuft noch in fast jedem Hirn als Film in Endlosschleife - bis der Film halt reißt. Am besten, man gibt den Menschen gar nicht erst die Zeit nachzudenken. Das nämlich ist häufig der Anfang vom Ende.

wird fortgesetzt

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