theorie


 
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Man täte gut daran, den Plan aufzugeben, etwas besonderes zu sein, ja, im Endeffekt sogar den, sich selbst (immer) gleich zu sein, denn das geht zwangsläufig schief. Das bedeutet ja keineswegs - im Gegensatz zu dem, was der (Neo-)Liberalismus einem weismachen will, man sei dann eine Art Produkt, das sich von allen anderen nicht mehr unterscheidet ("Gleichmacherei). Im Gegenteil: Eine Persönlichkeit ist nur in Abgrenzung zu anderen möglich, aber eben nicht permanent zu allen anderen, von denen man sich gefälligst abzuheben habe.

Das absurde Konstrukt des bürgerlichen Individuums verlangt von jedem Einzelnen, sich als Beste zu präsentieren. Es gibt nur Nummer Einsen. Stark, unabhängig, chic, eloquent, unbesiegbar und an jede Situation anpassungsfähig. Dabei zwingt der Alltag einen dazu, nur von Letzterem reichlich Gebrauch zu machen - nicht zuletzt, weil die allermeisten der vermeintlichen Superstars Befehlsempfänger sind. Ein Wunder, wie viele Menschen es noch immer schaffen, nicht wahnsinnig zu werden.

Stage Diving

Es wird suggeriert, der schlimmste Tod sei der, in der Masse, Menge, Gruppe unterzugehen und sich von den anderen nicht mehr zu unterscheiden. Dabei ist gerade das notwendig. Nicht nur um der Psyche Willen, sondern weil man sich nur in der Gruppe durch gemeinsames Erleben erfährt - sowohl als soziales Wesen als auch eventuell als jemand, der anders ist als die Anderen. Gleichzeitig lernt man, sich ggf. auch gegen eine Gruppe zu positionieren. Nur durch das 'Untergehen' im Kollektiv kann man aus diesem gelegentlich als Individuum auftauchen.

Das Selbst ist nicht ohne das Andere, und man wird, eingebunden in die Gruppe, auch erfahren, dass selbst das 'Selbst' variiert, dass die Gruppe womöglich stabiler ist und mehr Identität ermöglicht als ein 'Ich' - obwohl Gruppen sich ganz offensichtlich in stetigem Wandel befinden. Ich bin nur jemand als jemand von etwas; allein bin ich verloren. Gegen das schlummernde Bewusstsein dieses Umstands muss das bürgerliche Individuum aber ständig so tun, als sei es eben völlig unabhängig und lasse sich nur aus strategischen Gründen auf Kollektive ein. Wie grotesk!

Was bleibt, sind eben die Restfamilie und der Fußballverein, wobei selbst diese nach den üblichen Statuskriterien betrachtet werden. Die Alleinerziehende gilt ebenso als Asimutter wie Fußballfans als Primitive - es sei denn, sie firmieren in der Loge des Wurstfabrikanten. Somit total von seiner Spezies entfremdet, simuliert sich der postmoderne Halbirre als Fels in der Brandung, unveränderlich und unerschütterlich. Diese Kultur ist die exakte Perversion einer lebenswerten Gesellschaft.

 
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Der Mensch hat als soziales Wesen gegensätzliche Grundimpulse: Er möchte dazugehören, Teil einer Gemeinschaft sein und in dieser aufgehen. Anderseits sucht er aber auch Freiheit, möchte selbst bestimmen können, was er tut und lässt. Ein integrierter Mensch, der sich in seiner Umwelt sicher bewegt, weiß, dass er auf die anderen angewiesen ist und dass seine Freiheit erst durch den Rückhalt der Gemeinschaft möglich wird. er wird demnach Freiheit in Episoden genießen und ins Kollektiv zurückkehren.

Auf diese Weise gibt er einen Teil seines 'Ich' auf, um im 'Wir' sein Überleben und das der anderen zu sichern. Andererseits verlässt er das 'Wir', um sich als 'Ich' zu erleben und zu entwickeln. Mancher erlebt das Wagnis der Freiheit als eher bedrohlich und verbleibt lieber im Schutz der Gruppe, andere fühlen sich im Kollektiv eher eingeengt, aber immer muss dieses Verhältnis ausbalanciert werden. In verschiedenen Konstellationen hat sich der Mensch unter diesen Bedingungen über Jahrtausende entwickelt.

Draußen vor der Tür

Im ständiger Beziehung zur Gemeinschaft wird die zur Freiheit notwendige Entfremdung, das (sich) fremd Werden, auf soziale Weise gelöst. In einer Gesellschaft, die die Menschen vereinzelt und ihnen abverlangt, sich stetig als Individuum zu profilieren, wird diese Entfremdung zur Last, zu einer beständigen Belastung für die Psyche. Beides hat Folgen: Die Rolle als herausragendes Individuum muss ausgefüllt werden, gleichzeitig die vereinsamte Psyche irgendwie entlastet werden.

Das kapitalistische Narrativ hat nicht zufällig dafür eine Scheinlösung in petto, nämlich die schon erwähnte Strategie des 'Superhelden'. Gegen die verlorene Geborgenheit bietet er zum Tausch die Allmachtsphantasie an. Das absurde Ergebnis ist, dass jeder Einzelne eben der Größte ist, Herrscher über alles, sowieso über Leben und Tod, der jederzeit als Richter und Henker auftritt. In den Produkten der Kulturindustrie wurde derart das Massaker zur Alltagsstrategie, aus den Phantasien der Vereinzelten rinnt es als Getrolle in die 'sozialen Medien'.

Dieses Desaster zerstört unmittelbar Realität. Nicht nur führen die Festlegung auf unmöglich zu erfüllende Rollen und der Verlust der nötigen sozialen Geborgenheit (Deprivation) zu Realitätsverlust. Vielmehr wirkt das Ganze wie eine Umkehr der Entstehung des menschlichen Verstandes. Freud hat ausgeführt, dass Wirklichkeit erst entsteht, wo sich der Mensch der Halluzination verweigert und komplexe Lösungen für seine Bedürfnisse sucht. Heute sind wir an dem Punkt, wo eine einzige Halluzination an die Stelle sozialer Wirklichkeit tritt. Diese wird nicht verhandelt, sondern von einer unsichtbaren Macht produziert, ohne dass Verstand dabei eine relevante Rolle spielt.

einer geht noch ...

 
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Der kapitalistische Individualismus ist nicht bloß ein Mythos, er ist auch keine beliebige Herrschaftstechnik; in der Praxis geht er nahtlos von der Überbetonung der Einzelleistung und Vereinzelung über in Foltermethoden. Es war schon lange vor der Erfindung der Psychologie bekannt, dass Deprivation - der Entzug von emotionaler und körperlicher Zuwendung - Menschen krank macht.

Ideologisch hat sich die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft entschieden gegen die Kollektive sozialistischer Prägung aufgestellt. Für sie war und ist die Familie das einzig akzeptable und schützenswerte Kollektiv, die "Keimzelle der Gesellschaft". Ihr allein obliegt es, das Grundbedürfnis nach sozialer Bindung zu befriedigen. Kollektive wurden aus dieser Sicht entweder als Zwangsgemeinschaften zur "Gleichmacherei" aufgefasst oder gleich ("Kommune") als Keimzelle des Terrors.

'Familie'

Die bürgerliche Familie ließ freilich nichts übrig von ihrem Versprechen. Schon die Reduktion auf die Kleinfamilie hat sie als System überlastet; in Zeiten, in denen beide Eltern arbeiten sollen, bleibt davon weniger als nichts. Die staatlichen Kollektive, in denen Kinder daher aufwachsen - Kindergärten und Schulen - setzen derweil auf Konkurrenz und Individualismus. Ehrgeizige Eltern steigern das noch, indem sie ihre Kinder zu Leistungsrobotern und Superstars formen wollen.

Dies erzeugt nicht nur massenhaft psychische Störungen, es führte auch zu einer Erzählung, die den Bürgerkindern quasi vom ersten Tag eingetrichtert wird: Du bist der Mittelpunkt der Welt. Du bist besser als alle anderen. Wo das nicht so ist, müssen die Regeln so angepasst werden, dass du es doch bist.

Out There Alone

Dies ist die kurze Skizze der Grusel-Dystopie "There is no such thing as society". Sie ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die Zerstörung der Gesellschaft als solcher, die die Zerstörung der menschlichen Psyche als Einheit nach sich zieht. Der natürliche Drang, dazugehören zu wollen, wird in einem grausamen Experiment ersetzt durch den wahnhaften Zwang, Erster zu sein - und damit einsam.

Die menschliche Psyche, um ihr "Ich" herum konstruiert, ist auf das 'Wir' angewiesen, auf Kollektivsubjekte, in denen es aufgehen kann. Es weiß sich als Teil der Welt und als Teil der Gemeinschaft, der sozialen Welt. Trainiert wird es aber darauf, dass die Welt in Teilen den Menschen gehört. Die Bindung zwischen Welt und Mensch ist der Kauf, der Tausch, der Erwerb für einen Preis. Eigentum ist die Essenz dieser Beziehungen. Zuneigung, Liebe, Geborgenheit sind nicht konvertibel und daher wertlos.

Hamsterrad

Der Rest an Zwischenmenschlichkeit in diesem Konstrukt ist eben die Konkurrenz, in der es darum geht, wie viel Welt den Einzelnen jeweils gehört. Das Maximum an Gemeinschaft in dieser Sphäre ist die Koalition, die kurzfristige Verbindung von Einzelinteressen. Zur Versorgung der natürlichen Bedürfnisse bleibt eine völlig überforderte Zweierbeziehung, die im Kern die Funktion der Großfamilie ersetzt. Eventuell entstehen dabei Kinder, die, siehe oben, passend gemacht werden.

Die Selbstbeziehung der Individuen in dieser Mühle pendelt zwischen Größenwahn, Einsamkeit, Anpassungsdruck und Orientierungslosigkeit. Immer wieder erweist sich die Anpassungsfähigkeit der Menschen hier als faszinierend flexibel. Die ungemein dämliche Geschichte vom Helden und Einzelkämpfer, der sich in der besten aller Welten täglich beweist, läuft noch in fast jedem Hirn als Film in Endlosschleife - bis der Film halt reißt. Am besten, man gibt den Menschen gar nicht erst die Zeit nachzudenken. Das nämlich ist häufig der Anfang vom Ende.

wird fortgesetzt

 
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Während der Kollege Sokolowsky sich dankenswert wieder in die Niederungen der Tagespolitik begibt, ist mir das wie meist zu eklig, weshalb ich es mal wieder kompliziert mache. Es wird hier in einigen kommenden Artikeln um einen Komplex gehen, der den Rahmen abgibt auch für die Dekadenz sog. "Demokratie". Diese scheitert an vielem, unter anderen auch am Individualismus, der großen Illusion der 'Liberalen'.

Ich möchte mich dem Problem von vielen Seiten nähern, heute eben von der des 'Individuums', auch bekannt als "Ich", "Persönlichkeit" und unter anderen Pseudonymen, von denen mein liebstes "der Mensch" ist. Ihr kennt bereits meine Mission, mit dem großen Irrtum aufzuräumen, ein 'Mensch' sei mit seinem 'Willen' für das verantwortlich, was da draußen passiert. Ich gedenke, das in Grund und Boden zu argumentieren.

Ich denke, ich bin

Konkret möchte ich heute einmal darauf hinweisen, wie konstruiert ein jeder von uns ist, und dass wir bei näherem Hinsehen als Person verschwinden. "Individuum"? Unteilbar wie das Atom, von dem wir längst wissen, dass es (neben Elektronen, deren Ort man nicht einmal genau bestimmen kann) aus Nukleonen besteht, die sich wiederum aus Quarks zusammensetzen, woraus u.a. folgt, dass Materie eigentlich nur eine Konstellation von Energie ist. Im "Ich" sieht es ähnlich 'unteilbar' aus.

Wer einmal eine Episode eines psychisch Kranken erlebt hat, weiß, wie zerbrechlich eine 'Persönlichkeit' ist. Wenn das 'gesunde' Spiel von Neurotransmittern erheblich gestört wird, verschwindet beinahe alles, was die betroffene Person ausmacht. Man kann das jetzt als Extrem betrachten, als Ausnahme von der Regel, das würde aber schon leugnen, dass es weniger extreme Zustände gibt, in denen ich mich von mir auch erheblich unterscheide.

Unteilbar?

Sowohl sogenannte "Launen" als auch der Einfluss von Gruppen bzw. Rollen oder die Entwicklung einer Person durch die Zeit lassen oft ein Wiedererkennen kaum zu, geschweige denn wäre es haltbar, irgendwen als unveränderlich zu betrachten. Insofern ist das 'Ich' in mir getragen von einer großen Suggestion. Ich bin, was ich zu sein glaube, solange ich es eben glaube. Im Grunde allerdings nur für mich.

Persönlichkeit ist eine eher fluide Komposition - ein Stück, dass man nicht nur unterschiedlich aufführen kann, sondern dessen Text sich auch ständig ändert. Das hat es, wohl keineswegs zufällig, mit sogenannten "Narrativen" gemein. Man kann Persönlichkeit durchaus als Erzählung beschreiben. Darin liegt ein Problem, das uns aktuell um die Ohren fliegt.

Einsam am Markt

Die Bürgerliche Gesellschaft basiert auf der Vorstellung eines souveränen Individuums mit 'freiem Willen'. Die Wirklichkeit hat diese Konstruktion überfordert, widerlegt und der Beliebigkeit preisgegeben. Mit ihr waren 'Werte' wie Ehre, Wahrhaftigkeit und Verantwortung verbunden, derer sich konsequent vor allem die Eliten entledigt haben und diejenigen, deren Aufgabe es wäre, durch Kritik und Prüfung das Konstrukt zusammen zu halten.

Dies ist auch das Ergebnis einer freidrehenden Vereinzelung, für die es viele Gründe gibt. Sie war möglich, weil der Kapitalismus mit seiner politischen Vertretung sich Kollektive als solche zum Feind gemacht hat. Das Aufgehen der Interessen Einzelner in Gruppen, die Organisation sozialer Interessen, eben als solche von Gruppen bis hin zu denen der gesamten Menschheit, wurde geopfert: dem Markt, den Einzelinteressen, dem Individualismus.

Insofern kann der Mensch sich überhaupt nicht mehr als Mensch erleben, wo er eben ohnehin ein Konstrukt ist, das obendrein einem abstrakten "Humanismus" huldigen soll, der aber bloß keinen Bezug zu Kollektiven haben soll. 'Der 'Mensch' ist in diesem Irrsinn eine Art Essenz aller Vereinzelten, die göttliche Summe der Einzelinteressen, aus denen sich irgendwie das Gute und Wahre ableiten soll. Das Nähere regelt dann der Markt.

Fortsetzung folgt

 
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Bundesarchiv B 145 Bild-F049327-0028 Wegmann, Ludwig

Als Wissenschaftler lebt man ganz gut mit der Erkenntnis, das diese ein Haltbarkeitsdatum hat. Das veranlasst zwar manche Geisteswissenschaftler, sich in ein Geschwätz einzuwickeln, das den Hauch der Ewigkeit verströmt (weil es sich so anfühlt, wenn man das liest), aber gerade je genauer man etwas wissen will und je kritischer man sich selbst prüft, desto mehr dominiert der Zweifel.

Für Nichtwissenschaftler ist das tendenziell eine Einladung, sich religiösem Firlefanz zuzuwenden, denn entweder sind die Antworten auf deren Fragen immer unbefriedigend, weil mit doppeltem Boden versehen, oder sie sind gelogen, was sich früher oder später rächt. Also mutet man ihnen zu, irgendwem etwas zu glauben, was sie nicht verstehen. Dann kommen die Experten, mit denen die Korruption und die Propaganda.

Freies Stimmvieh

Mithin gibt es eigentlich keine Alternative als sich selbst zu informieren, selbst zu lernen und zu studieren, wenn man verstehen will. Dies wiederum überfordert viele, insbesondere ausgerechnet diejenigen, die sich für besonders schlau halten, weil sie eine Abkürzung zum Wissen kennen. Bedient werden sei damit von Scharlatanen, die auf alles dieselbe Antwort vorhalten und mit schwindelerregenden Argumenten 'beweisen', dass es Götter, Einhörner und geheimnisvolle Kräfte gibt.

In einer Massengesellschaft führt das unweigerlich dazu, dass sich Herrschaftsstrategien durchsetzen, die auf Entmündigung, Manipulation und autokratische Führung hinauslaufen. Dies umso mehr, je korrupter die Instanzen bereits sind, die einerseits informieren und andererseits zu Entscheidungen führen sollen. Das kann nicht im Sinne eines Wissens funktionieren, das auch nur halbwegs auf der Höhe der Zeit wäre.

Mit anderen Worten: Die Entscheidungen, die in einer 'Demokratie' getroffen werden, beruhen notwendig auf Desinformation, Manipulation, Dummheit und einem Mix kruder Religionen, von denen deren Anhänger oft gar nicht wissen, dass es welche sind. Daran scheitern die meisten nicht-autoritären Ansätze einer politischen Organisation und es erklärt dementsprechend, warum sich immer wieder autoritäre durchsetzen.

Bottom Up

Die einzige Chance für eine wirklich demokratische Alternative ist die, dass Entscheidungsträger wissen, was sie tun. Dies wiederum bedeutet für die meisten Entscheidungen, dass sie von unnötiger Komplexität befreit werden. Wenn Menschen vor Ort, dort, wo sie leben, über das entschieden, was sie selbst betrifft, wenn sie diejenigen kennen, die Entscheidungen umsetzen und sich mit allen anderen austauschen, die von ihren eigenen Entscheidungen betroffen sind, wäre schon sehr viel gewonnen.

Auch das spricht - auf der rein organisatorischen Ebene - für eine Priorität der Kommune über die anderen (überregionalen) Ebenen. Damit ist das Problem noch nicht gelöst, dass es für komplexere Probleme nach wie vor 'Experten' bräuchte, aber die wiederum müssten sich vor Menschen verantworten, die gelernt hätten, welche Konsequenzen die eigenen Entscheidungen haben. Sie wären eben keine bevollmächtigten Stellvertreter mehr.

 
dg

Anlässlich seines Neunzigsten gab es kürzlich die unvermeidlichen Elogen auf Jürgen Habermas, einem treuen Begleiter des deutschen Narrativs, der als Herrprofessor die Instanz war für schlaues Zeugs, das niemandem wehtut. Nun, auf meiner Seite war der Schmerz gelegentlich erheblich, und schlau fand ich das Gequatsche schon gar nicht.

Nach Kant und Nietzsche waren es Denker der Frankfurter Schule, die mich geprägt haben: Adorno, Horkheimer und Marcuse. Eine ähnlich einschlagende Wirkung hatte danach nur noch Foucault. Ich kann von deren Schriften aus dem Stand stundenlang begeistert dozieren, sie zitieren und erklären, was mich daran fasziniert. Aber Habermas?

Er dürfte von denjenigen, die mich nie interessiert haben, derjenige sein, von dem ich am meisten gelesen habe. Seine Leistung: Als Nachfolger Adornos hat er alles kassiert, was die Alten an kritischem Potenzial aufgebracht hatten und durch die matschige Restauration eines Vernunftbegriffs ersetzt, der mit der Demokratisierung der Naziherrschaft nicht in Konflikt geriet.

Scheinriese

Man muss ja nur seinen weitgehend unbekannten Kollegen Wolfgang Fritz Haug lesen, um den Unterschied zu erkennen. Haug hat von Anfang an aufgezeigt, dass es stinkt im Staate; Habermas hat lieber an die von ihm verwaltete Vernunft appelliert. Haug ist Marxist, Habermas Sozialdemokrat, die Karrieren vorprogrammiert - wenn man davon absieht, dass Haug eigentlich aus dem Lehrbetrieb hätte entfernt werden müssen. Ob Haug als 'Linke'-Mitglied inzwischen auch als Sozialdemokrat gelten muss, mag ich hier nicht bewerten.

Was mir aufstößt, sind zwei Dinge, die mich zu dieser Einlassung bewegen: Inhaltlich kann ich mich an nichts, aber auch gar nichts Substanzielles erinnern, und zwar auch und gerade in Habermas' Äußerungen zum Tagesgeschehen, für die er so hochgelobt wird. Ich kenne auch niemanden, der das könnte. Ein Ereignis, anlässlich dessen man sich von ihm durchgerüttelt fühlte? Eine scharfe Kritik? Ein relevanter Änderungsvorschlag? Nichts. Dafür ist der Betrieb seinem Star offenbar dankbar.

Damit verbunden ist zweitens das völlige Fehlen eines radikalen Zweifels, wie er noch seine Vorgänger prägte. Kein Zweifel am Denken selbst, am System, an den Grundlagen der Herrschaft oder der Gedanke, dass alles, was als 'Demokratie' auftritt, eigentlich etwas anderes meinen könnte. Stattdessen Appelle an eine Vernünftigkeit, die angesichts früherer Theorien und späterer Praxis bestenfalls Rührung hervorrufen. Die Sonne steht tief im Denkerland.

 
wa

Ich zitierte es schon einmal: "Würde", das ist laut Schiller "Ruhe im Leiden". Sei nicht jämmerlich, stehe aufrecht, selbst wenn dir ein paar Extremitäten fehlen und dir das Blut aus dem Ohren spritzt. Das ist das deutsche, das abendländische, das bürgerliche Subjekt - das sich selbst unterwerfende Dingsbums Mensch.

Weniger würdig, aber absolut zeitgemäß, erwünscht und gepflegt, sind diverse Varianten davon: der Kampfhahn, der Pfau, der Alphagünther, aber auch der buckelnde Radfahrer. Konkurriere, unterwirf - dich und andere -, verwende alle deine Antriebe und Fähigkeiten darauf, deinen Platz zu finden, zu behaupten und zu wahren. In der kapitalistischen Gesellschaft ein Spiel, das nie endet und, während es "fairer Wettbewerb" sagt, den Kampf bis aufs Blut meint.

Auf die Knie

Diese 'Kultur' des Unterwerfens, der Beherrschung und vor allem Selbstbeherrschung ist älter als der Kapitalismus, kommt aber in diesem auf unschönste Weise zur Entfaltung. Dass sie in diesem Umfeld gar nicht danach fragt, ob es vielleicht auch anders ginge, liegt auf der Hand. Dabei könnte es durchaus schöner sein.

In einer Gesellschaft, die nicht den permanenten Kampf anpreist und das gegenseitige Niedermachen zum Ideal erhebt, wäre der Umgang mit sich selbst und der ganzen Geschichte ein anderer. Das hätte unter anderem Auswirkungen auf Begriffe, die man außerhalb ihres Zwangs auch schon heute völlig anders interpretieren könnte. Ich nehme mir mal den des "Sozialismus'" zum Beispiel:

Wie sinnig ist es, eine Partei in ein kapitalistisches Parlament zu entsenden und dort 'Sozialismus' anzustreben? Was soll das sein? Der drölfhundertste Versuch, eine Arbeiterschaft, die inzwischen gar nicht mehr existiert, zu Gewinnern an ihrer eigenen Ausbeutung zu machen? Wie wäre es stattdessen, Sozialismus als wissenschaftlichen Versuch zu wagen, die Gesellschaft zu kreieren, in der man leben möchte? Sozialismus als organisierter Versuch einer Gemeinschaft?

Untermenschen

Das ist praktisch in einer kapitalistischen Gesellschaft auch vergebens, aber dafür haben wir ja die Theorie. Das 'Subjekt' eines solchen Versuches wäre dann aber nicht mehr das Konkurrenzäffchen, sondern ein Mensch, der mit sich, seiner kulturellen wie biologischen Geschichte und seiner Umwelt in Einklang zu leben versuchte.

Auf der Ebene des Einzelnen bedeutet dies, sich seiner Antriebe, nicht zuletzt der quasi tierischen, gewahr zu werden und sie weder zu unterdrücken noch im Sinne der Herrschaft loszulassen, sondern sie zu befrieden. Eine Gesellschaft, in der Aggressionen gegen andere gelenkt werden und die so 'sublimiert', dass es immer Minderwertige für die allgemeine Psychohygiene braucht, bleibt barbarisch. Sie predigt "Recht" und "Disziplin" und meint Unterdrückung.

 
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Vielleicht drehe ich am Rad. In der Regel erkennt man den Irrtum spätestens daran, dass einem nie jemand zustimmt. Man geht dann ggf. auf eine sehr einsame Mission, deren Erfüllung meist in der täglichen Einnahme von Neuroleptika endet. Nun, es gibt so ein Thema, siehe oben, das mich derzeit beschäftigt. Es hat mir noch nie jemand zugestimmt, aber ich werde die These hier trotzdem ausrollen.

Ich sagte es bereits im Podcast: Ich halte das Konzept von 'Gut und Böse' für idiotisch. Die Formulierung ist natürlich provokativ, das gebe ich zu. 'Gut und Böse' ist vormodern, taugt zu gar nichts, ist Mythologie und kann überall, wo diese Kategorien auftauchen, durch etwas Sinnvolleres ersetzt werden. Die Religionen mit ihren Konzepten von Himmel/Paradies und Hölle, Sünde, Sühne, Strafe und Vergeltung setzen ebenso darauf auf wie das Strafrecht in seiner dümmsten Ausprägung.

Die sind so

Am schlimmsten aber: Das Konzept führt quasi zwangsläufig zur Identifikation von und mit Gruppen, von denen die eine eben gut ist, weil die andere eben böse ist. In der Folge stellt sich dann der Mechanismus ein, der dafür sorgt, dass das Unrecht als Recht jede Sauerei rechtfertigt, die den 'Guten' einfällt. Es ist diese Mythologie, die auch Slavoj Žižek meint, wenn er sagt, es braucht Religion, um dafür zu sorgen, dass "gute Menschen Böses tun".

Es kann nur "böse" geben, wenn man etwas als böse identifiziert. Mir ist kein Konzept bekannt, in dem dies nicht dazu führt, dass dies Böse jemandem anhaftet, der dadurch also selbst als böse identifiziert wird. Der ist dann so, die sind dann so: schuldig. Es braucht dann nur einen weiteren Schritt, um Buße aufzuerlegen - womit wir im Kreis von Rache, Vergeltung und Eskalation sind.

Unsinn als Kategorie

Es gibt derweil keine Tat, kein noch so bizarres Verbrechen, das nicht im Namen des Guten als 'gut' gegolten hat und umgekehrt. Wenn die Psychologie der Abwertung einmal im Gange ist, geht alles. Gegen das Böse ist alles erlaubt, ja, es besteht sogar die Pflicht, es auszumerzen. Kurzum: Alle Niederungen der menschlichen Psyche finden im Konzept des 'Bösen' die nötige Basis.

Da, wo 'Gutes' gefördert und dessen Gegenteil eingedämmt wird, brauche ich kein Böses. Es ist - hier sind wir wieder bei dem Unterschied zwischen Ethik und Moral - einfach zu unterscheiden zwischen Erwünschtem und Unerwünschtem, zwischen besser und schlechter, zwischen richtig und falsch. Die Logik hält die großartigen Kategorien 'wahr' und 'falsch' vor, in der Ethik müsste man 'wahr' durch 'richtig' ersetzen. Das Wahre ist nachweisbar, das Richtige ist durch Konsens entscheidbar.

Zivilisation

Was dann als 'richtig' gilt, dient dem Ziel, das Erwünschte zu erreichen. Was falsch ist, offenbart, dass die Richtung nicht stimmt. Man kann dann eine im ethischen Sinne falsche Handlung begehen, man wird aber nicht selbst 'falsch'. Es gibt keine Gruppe von 'Falschen' und auch kene 'falschen' Individuen, weil offensichtlich ist, dass jede einzelne Handlung richtig oder falsch ist und erst bewertbar wird, wenn sie stattgefunden hat.

Ich höre jetzt schon wieder den Einwand, die Menschen seien aber nicht so, was in der Gegenrede nichts anderes wäre als eine Tautologie. 'Die Menschen', ihre Psychologie und ihre Motive, werden sich auch nicht ändern, wenn man zwei Wörter austauscht. Man kann sich aber entscheiden, es sich nicht zu einfach zu machen, den Barbaren in sich zu entfesseln. Das nämlich ist Zivilisation: Die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben. Wo es 'gut' und 'böse' gibt, lauert bereits die Barbarei.

 

Ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft

Bekannter Undichter

Unter allen Herrschaftstechniken, zumal denen westlicher Prägung, ist die Drohung mit dem Chaos eine der wichtigsten. Im heimischen Narrativ sind die Rollen dabei wie eisern vergeben: Linke Chaoten® und das konservative Bollwerk, das die Nation vor dem Untergang rettet. Wir hatten das in mindestens einer Diskussion hier am schon antiken Beispiel des Thukydides*, der sich schon vor 2500 Jahren dieser Vision bediente, um die Athener vor den fremden Teufeln zu schützen.

Bis heute wird das vor allem von Reaktionären georgelt - mir klingt noch die Warnung vor dem schlimmen "Rot-Grünen Chaos" im Ohr, aber bis weit hinein in sich als 'links' bezeichnende Kreise wird immer wieder der Segen der Ordnung gegen den Fluch des Chaos' in Stellung gebracht. Welch ein grotesker Unsinn! Es gibt immer nur diese oder jene Ordnung, in die die Welt sich einfügt, auch und gerade die der Menschen.

Hui Buh

Nehmen wir kurz einmal die schlimmste aller Unordnungen an, die, wo kein Staat existiert. Das ist einerseits bekannt als "Anarchie", die gern verklärt wird, etwa mit Hinweisen auf das Spanien der 30er Jahre. In diesen fehlt dann meist schon der auf die nicht ganz unlogische Folge, dass sie zwischen Faschisten und Partei-'Kommunisten' zerrieben wurde. Es gibt aber auch andere, überall da, wo Warlords, Kartelle oder Tyrannen übernehmen.

All dies sind Ordnungen. Man kann sie beschreiben, wie sie funktionieren, wie sie strukturiert sind, was sie stabil macht und wo ihre Schwächen liegen. Vermutlich wird dabei jeder kleine Despot in seinem kurzlebigen Miniaturreich vor dem Chaos der Anderen warnen. Dessen Schrecken hat vor allem einen Zweck: Nichts darf so schlimm sein wie der Niedergang der Ordnung, wodurch alle denkbaren Mittel zu deren Aufrechterhaltung gerechtfertigt sind.

In einer sogenannten "Demokratie" wird das irgendwann wahlweise komisch oder pervers. Da wird ein Volk, das offiziell über sich selbst herrscht, in Gruppen zersprengt, von denen immer mehr zur Gefahr erklärt werden. Global betrachtet, wird es vollends absurd, wenn nach innen und außen Gleiche gegen Gleiche gehetzt werden, weil das angeblich in deren Interesse sei. Was Reaktionäre als "Chaos" bezeichnen, ist mithin nichts anderes als der Verlust der Macht aus den Händen derer, die sich daran festkrallen.

*Lange habe ich bei solchen Gelegenheiten Wikipedia verlinkt, aber diese Quelle ist so verkommen, dass ich darauf inzwischen verzichte.

 
pl

In den Diskussionen hier wird häufig angemahnt, es habe ja schon vor dem Kapitalismus Herrschaft gegeben, zumal autoritäre. Ich weise das meist zurück, weil eben im Kapitalismus Herrschaft eine bestimmte Form annimmt und diese jenem dient, eben nicht umgekehrt. In der Entwicklung von Alternativen entbindet uns das freilich nicht von der Auseinandersetzung mit dem Problem.

Ich will mein Steinchen einmal mehr etwas weiter werfen und versuchen zu verstehen, wie Herrschaft und autoritäre Strukturen jenseits des Kapitalismus zu denken sind. Der Stand der Dinge hier, wo es um Gegenmodelle geht, ist der, dass grob gesagt eine Art Mix von Kommunismus und Anarchie bevorzugt würde. Kommunismus, weil die gesellschaftlich unterste Ebene oberste Priorität hätte, Anarchie, weil niemand das Recht hat, über andere zu herrschen.

Power Is a Bitch

Das klingt für viele schon schlimm, weil sie diese erzdemokratische Grundidee nicht mit den Begriffen zusammenbringen. Andere stoßen sich an der nicht vorhandenen Herrschaft – auch weil die Vorstellung schwierig ist, dass es dann trotzdem noch Regeln geben kann, ja sogar muss. Man unterwirft sich ihnen nur freiwillig – so weit das geht, denn das Paradoxon liegt darin, dass die Alternative wiederum ein Verlassen der 'Kommune'/Gemeinschaft wäre, die sich den Regeln unterwirft, was unvermeidlich auch wieder eine Form von Machtkonstellation bedeutet.

Strittig war und ist hier schon die Frage, ob es einen Übergang in Form einer Art Staatssozialismus geben dürfe – sei es auch einer, der auf Geld und vor allem Lohnarbeit verzichtet. Ich selbst halte das für eine der realistischsten Möglichkeiten, die Entwicklung der menschlichen Organisation voran zu bringen. Es gibt aber jenseits des Organisationsproblems auch eines, das diese Ebene mit dem schlichten menschlichen Umgang verbindet und so die sozialen Beziehungen bestimmt: Autorität.

Beherrscht euch

Es wäre unwissenschaftlich und nicht belegbar zu behaupten, es würden sich keine autoritären Strukturen ausbilden, weil eine wie auch immer geartete Gesellschaft das nicht 'wollte'. Es ist nicht bloß zu erwarten, dass sich Menschen auch unter anderen Umständen anderen unterordnen, die sich das wiederum gern gefallen lassen – es ist vielleicht sogar unvermeidlich, dass sich gewisse Hierarchien bilden, um das Überleben einer Massengesellschaft (i.e. unserer Spezies) zu ermöglichen.

Wir kennen derweil solche Hierarchien nur aus Herrschaftssystemen, in der die Herrschaft selbst ihre Ausübung legitimiert - Monarchien, Feudalsysteme, autoritäre Staaten, Militär und Kapitalismus. Einerseits ist es nicht zu leugnen, dass diese Systeme Hierarchien und Autorität erzeugen, andererseits kann man nicht behaupten, es gäbe sie nicht auch ohne. Die Frage stellt sich also, wie man intelligent mit diesem Problem umgeht, das eben auch eine mächtige Ressource darstellt.

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