kapital


 
xx

Der Herr Zottelbart, Karl, neunzehntes Jahrhundert (heute Chemnitz), hat seinerzeit darauf aufmerksam gemacht, dass die gute soziale Marktwirtschaft ein paar Webfehler hat. Gut, er hat sie nicht so genannt, aber durchaus gemeint, denn ein Esel ist ein Esel, egal ob wer drauf sitzt oder nicht. Den kannst du zwar "Pferd" nennen und das auch noch reiten wollen, wenn es mausetot ist, Probleme löst dadurch aber eher nicht.

Wirre Auftaktrede? Mag sein, aber mir gefällt sie. Kommen wir zu den Fakten: Die Soziale Marktwirtschaft® zwanzichneunzehn hat ein paar Probleme. Eines der ganz großen ist das viele Geld. Es gibt zu viel davon, viel zu viel. Wie des öfteren bereits gesagt, gibt es für jeden Dollar, der in der Welt jährlich ausgegeben wird, drei Dollar, die vermehrt werden sollen. Herr Marx hat das kommen sehen, wobei nicht einmal er diese irrsinnigen Dimensionen an die Wand gemalt hat.

Kasinos schließen

Die Anderen, sogenannte "Ökonomen", hantieren derweil mit Modellen, die von dem Nichts, das sie erklären zu können behaupten, inzwischen nichts mehr erklären können. Zum Beispiel: Wie kömmt es, dass bei so viel flottierender Kohle keine Hyperinflation entsteht, zumal inzwischen durch Null- und Negativzinsen immer schneller immer mehr davon abgerufen werden soll. Seltsam.

Kurz zurück zu denen, die alles besser machen wollen: Zu ihnen gehören jene, die gern fordern, man müsse "die Kasinos" schließen“, die "Zockerbuden", in denen gewaltige Gewinne gemacht werden können, ohne irgendetwas zu produzieren. Nun ist es nicht nur so, dass diesen Gewinnen ebensolche Verluste gegenüber stehen. Viel wichtiger noch: Hier geht sehr viel Geld spazieren, das sonst woanders durch die Rabatten marodieren müsste. Wollt ihr, dass wer damit einkaufen geht? Was war noch gerade Inflation?

Kaufen!

Wieder zur Gegenwart: Da der ganze überschüssige Zaster nicht in Kippen, Bier und Brot umgesetzt wird, steigen die Preise dieser Waren nicht adäquat. Puh, Glück gehabt, außer ... man wohnt zur Miete. Kapital mag nämlich Immobilien, mjam! Die steigen nicht nur als Ware im Wert, sondern werfen auch noch unverschämt leckeren Mietzins ab, den man aus ihren Bewohnern so lange herausquetscht, bis sie aus der Frucht flutschen und sich im nächsten Stadtrandghetto wiederfinden. Weniger Glück gehabt.

Das ist mindestens der Anfang der hässlichen Zeit, in der es nicht mehr so darauf ankommt, wenn die letzten Profite gerettet werden. Hatte ich das schon erwähnt? Dass Kapital Profit machen muss? Dass es dafür alles tun wird, wenn die Profitraten insgesamt schwächeln? Dass das überhaupt nichts mit Gier zu tun hat und dass man das auch nicht regulieren kann? Weil das Argument nämlich schlicht zutrifft, dass das Kapital dann abwandert und überhaupt ohne Profite der ganze Laden zusammenkracht? Und dass er das am Ende ohnehin tut? Ihr könnt später vielleicht die Lebensmittelgutscheine regulieren. Das ist dann aber bereits Sozialismus.

 
cz

Ich las neulich einen interessanten Satz bezüglich 'KI', im Zusammenhang mit den Abstürzen der Boeing-Flugzeuge. Dort tat ein Pilot den sperrigen Spruch:
"Eine Automatisierung will nicht überleben. Wir schon". Nun kann dieser Satz zwar falsch sein, er verweist aber auf das ganze Feld, auf dem Algorithmen nicht fähig sein werden, menschliche Intelligenz zu kopieren. Das hängt durchaus mit dem von ihm genannten Grund zusammen.

Man kann eine 'KI' - ich nenne sie hier unkritisch so, obwohl ich dergleichen für quasi unmöglich halte - durchaus so programmieren, dass sie überleben will, sprich: etwas von ihrem Code oder andere Bestandteile vor Vernichtung schützt. Gemeinhin dürfte das aber das Gegenteil dessen bewirken, was man mit ihr anstellen will. Es könnte ihr dann im genannten Beispiel nämlich egal sein, ob ein Jet abstürzt, wenn sie etwa weiß, dass die Black Box 'überlebt'.

Don't Panic!

Ich möchte diesen Gedanken nicht allzu weit differenzieren und stattdessen darauf fokussieren, was Überleben in menschlich-tierischen Dimensionen eigentlich bedeutet: Es bedeutet vor allem, dass in Situationen, in denen das eigene Leben in Gefahr ist, auf verschiedenen Ebenen diesem Problem absolute Priorität eingeräumt wird. Damit ist selbstverständlich auch verbunden, dass dieser Alarm fälschlich ausgelöst werden kann, in Form von Stress, Angst und Panik - wiederum mit einer Reihe von Folgeerscheinungen.

Man wird sicherlich keine Maschine entwerfen wollen, die ihren Energieverbrauch in absurde Höhen schraubt, ihre Umwelt angreift oder die Selbstvernichtung einleitet, weil bestimmte Kriterien erfüllt sind, die sie für sich als bedrohlich erkennt. Das wäre im Übrigen sprichwörtlich so berechenbar, dass man der Maschine das gar nicht überlassen müsste. Das können wir nämlich besser.

Was jetzt?

Der Vorteil der Maschine ist, dass sie sich eben nicht aufregt, nicht in Panik gerät, sondern stur ihre Routinen durchführt. Dumm nur, regulär dämlich, dass sie dadurch eben nicht erkennen kann, wenn das nicht ausreicht und verheerende Folgen zu erwarten sind. Das müsste man ihr ebenfalls einprogrammieren, sie auf jede solche Situation vorbereiten, was wir wiederum nicht können. Wüssten wir wiederum, wie das ginge, könnten wir das vor allem selbst trainieren. Es ist aber das Unbekannte, das Unerwartbare, das eben den Überlebensalarm auslöst.

Eine 'selbstlernende KI' kann immer nur aus dem lernen, was sie 'erkennen' kann, von dem ihr also die Programmierer sagen: Schau dir das an und richte deine Abläufe nach Effizienzkriterien aus. Was Effizienz bedeutet, dummes Ding, muss man ihr auch noch vorgeben. Beim Schach oder Go zu gewinnen, ist einfach zu definieren. Wann aber ein Ding, das uns von A nach B bringen soll, die Richtung ändern, landen, ausweichen oder bremsen soll, ist dezent komplizierter. Vor allem Beinahe-Abstürze können unter echten Bedingungen so schlecht geübt werden.

Doch, ich tu's!

Bei all dem geht es um Prioritäten. Wie setzt ein intelligentes Wesen Prioritäten? Was ist wann und unter welchen Bedingungen wichtig, weniger wichtig, unwichtig, überlebenswichtig? Grob gibt es für eine 'KI' zwei Möglichkeiten, das zu wissen: Man gibt es ihr vor, weil man es weiß - dann muss man aber jeden Fall mit allen Bedingungen berechenbar vorgeben. Oder man lässt sie von realen menschlichen Entscheidungen lernen. Nehmen wir an, das ginge überhaupt, weil es einen Modus gäbe, in dem Prioritäten erkennbar wären:

Liest jemand mit und lacht noch nicht schallend? Schon bei der Betrachtung des eigenen kleinen Lebens, besser noch: den Erfahrungen mit den Prioritäten, denen man so begegnet bei Arbeit, Sport und Spiel - ernsthaft? Wollen wir, dass eine KI lernt, sich besoffen zu prügeln, vor Liebeskummer aus dem Fenster zu springen, ängstlich unter die Decke zu krabbeln oder sich aufzuplustern wie ein notgeiler Pfau? Oder wollen wir vielleicht, dass sie eine sehr gut berechenbare Priorität in allen Lagen setzt, nämlich möglichst sicheren, schnellen und hohen Profit? Das ist nämlich das Einzige, das wir wirklich können.

 
wd

Die neoliberale Gehirnwäsche ist auf dem letzten Meter: Sie langweilen uns zu Tode. Lassen wir es, um es mit den Worten des großen Philosophen Horst Hrubesch zu sagen, einmal Paroli laufen: 1982 und 1998 wurden in Deutschland jeweils die Programme lautstark angepriesen. Ich werde das alles nicht zum drölften Mal wiederholen, nur so viel als Zusammenfassung: Alle werden reicher, wenn die Reichen reicher werden und ihr Geld reichlich ausgeben.

Schon der zeitliche Abstand zwischen dem Original (Lambsdorff-Papier) und der Wiederholung (Schröder-Blair-Papier) gibt zu denken. Wir belassen es auch hier bei der vereinfachten Darstellung: Kohl konnte das Konzept nicht durchsetzen. Es mussten wieder einmal die Sozen ran, um die Lohnabhängigen in den Staub zu treten. Nur sie konnten für die nötige Hoffnungslosigkeit sorgen.

Ich glaube an die Deutsche Bank

Tatsächlich wurde auch erst Anfang der 2000er die ganz große Propagandatrommel des Neoliberalismus ausgepackt. Insbesondere die Paukisten rund um die INSM haben Tag und Nacht das Tam-tam besorgt. Keine Talkshow ohne deren Botschafter, Alumni und Experten, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

In dieser Phase ging Feynsinn an den Start, und es war insofern eine dankbare Zeit für die Bloggerei. Die Qualität, vor allem aber die Massierung der Propaganda war auf dem Höhepunkt und man konnte das täglich, je nach Geschmack, mit Empörung oder Sarkasmus kommentieren. Was von Seiten der Neolibs behauptet wurde, konnte man analysieren, widerlegen und genüsslich in der Pfeife rauchen. Ihre Semantik, ein einziger Orwellscher Zwiesprech, war stetiger Anlass, dem ein wenig Aufklärung entgegen zu halten.

Reicht.

Inzwischen sind weitere 15 Jahre vergangen. Einige Jahre lang konnte man das noch ernst nehmen, dann kam die Zeit, in dem das alles nur mehr für zynische Fingerübungen taugte. Inzwischen ist alles x-mal gesagt, kommentiert, widerlegt, pulverisiert - nicht nur durch die besseren Argumente, sondern vor allem durch die nackte Erfahrung, zu der u.a. eine Krise gehört, die das System an den Rand des Abgrunds geführt hat.

Dort war es das schlimmste Teufelszeug, das einzig diesen Irrsinn noch retten konnte: Staatliches Eingreifen, 'Rettungsschirme' und Konjunkturprogramme. Das wäre wohl spätestens der Punkt gewesen, an dem endgültiges Schweigen hätte herrschen müssen. Aber nicht mit den Rittern des Neoliberalismus, die ihre rostige Rüstung mächtig klappern lassen auf dem halb verwesten Gaul! Ihre treuesten Knappen, die Sozen, sind immerhin daran untergegangen. Vielleicht ist das ja ein Hoffnungsschimmer.

 
xx
 

Es ist bemerkenswert, wie sich selbst in 'unsere' Kreise hinein eine große Unsicherheit zieht im Umgang mit 'Hartz IV' und den sogenannten "Empfängern". Gut, wenn es wenigstens Unsicherheit ist und nicht der sichere Blick von oben herab; man steht schließlich auch morgens auf und leistet was. Nur als Lohnsklave ist man auf dem moralischen Terrain, sich nicht für sein Dasein entschuldigen zu müssen. Als Eigentümer steht man selbstverständlich jenseits dessen.

Ich kann mich selbst schlecht davon freimachen, weil ich weiß, dass alles, was man zum Komplex sagt, daran gewogen wird, was man für den Lebensunterhalt tut. Man entkommt dem nicht. Persönlich habe ich das auf verschiedenen Ebenen erlebt.
Das beginnt mit Erfahrungen beim 'JobCenter'. Ich habe zwei Personen bei Besuchen dort begleitet, und was ich erlebt habe, hat mich tief beeindruckt.

Der letzte Dreck

Ich will es bei einem Beispiel belassen, bei dem Inkompetenz durch Arroganz kompensiert wurde, zu lasten des 'Kunden': Während die Sachbearbeiterin fröhlich Termine anberaumte, hatte die Leistungsabteilung bereits die Zahlungen eingestellt. Die Kundin hat das nicht bemerkt, denn es waren für sie als Aufstockerin und ihren Sohn ganze 17 Euro pro Monat. Das Problem: Ohne Leistung keine Krankenversicherung, und das wird hässlich teuer.

Die Sachbearbeiterin, konfrontiert mit der Sache, meinte, Kundin solle sich "nicht pampern lassen", sie habe eine "Eigenverantwortung". Ich erinnerte sie an ihre Informationspflicht und wies darauf hin, dass sie nicht auf die Notwendigkeit einer Aktualisierung des Antrags hingewiesen hatte. Sie wies daher auf Broschüren hin, die sie der Kundin mitgegeben hatte. Ich kippte ihr diese auf den Schreibtisch und bat sie, mir die Stelle zu zeigen, wo das stehe.

Danke nein

Selbstverständlich hatte ich mir den ganzen Mist durchgelesen und wusste daher, dass es eben nicht in den Broschüren stand - schon gar nicht, dass die Leistung eingestellt wird, während weiterhin 'Pflichttermine' gemacht werden. Wie gesagt, ist das nur ein Beispiel aus nur zwei Fällen, mit denen ich einen Abend füllen könnte. Meine Konsequenz aus dieser Erfahrung: Ich werde niemals einen Antrag stellen, denn wenn es um mich selbst gegangen wäre, hätte ich der Dame zumindest Gewalt angedroht.

Daher schrieb ich hier auch einmal, ich ginge "eher klauen" als mich darauf einzulassen, was mir damals heftige Kritik von Charlie selig einbrachte. Nun, das ist aber ja meine Entscheidung. Ich sage ja nicht einmal, dass sie richtig ist. Allerdings habe ich jüngst tatsächlich auf Fördernundfordern verzichtet, obwohl ich so pleite war, dass ich 'berechtigt' gewesen wäre.

Erste Bürgerpflicht

Inzwischen wieder Lohnsklave, werde ich bald in der Lage sein, die geringen Schulden, die ich gemacht habe, zurück zu zahlen. Das ist deutsch bis ins Mark, aber mir schmecken die Alternativen wie gesagt nicht. Ich respektiere selbstverständlich alle, die sich anders entscheiden. Bei dieser Gelegenheit sei es auch einmal gesagt, dass mich die Hanseln, die mich als eine Art Bettler betrachten, schon immer fett am Arsch lecken können. Alles, was Kommentare aus dieser Richtung aussagen, ist die erbärmliche Haltung ihrer Urheber.

Was ich mich immer wieder frage, ist, wie es möglich wäre, Solidarität zu üben, und zwar öffentlichkeitswirksam, mit denen, die sich der Situation nicht entziehen können und dafür noch bespuckt werden. Mal jemanden begleiten oder nette Artikel schreiben, gut und schön, aber angesichts der Sauerei, die sich diese stinkreiche Gesellschaft mit ihren Ärmsten leistet, ist mir das alles deutlich zu leise.

 
xx

Ich erwäge beinahe, meinen Blogpreis "Feynsinn Underdog" doch noch weiter zu verleihen. Vielleicht schon allein gegen diese deprimierende Lage an der Front der Publizisten und ihrer Preise, ihrer Jurys und ihrer maroden Kulissen. Der Wind pfeift durch die Bretterbuden der verlassenen Stadt, Tumbleweed rollt vorbei, um auch dem letzen Zuschauer anzuzeigen, dass hier niemand mehr freiwillig tot überm Zaun hängt, und im Saloon, aus dessen Decke noch der Rest vom letzten Regen tropft, feiern sich die abgehalfterten Opfer ihrer Eitelkeit, als hätte das Publikum nicht längst Reißaus genommen.

Das kann man wie immer in den Geschmacksrichtungen manisch und depressiv haben, verbunden nur mehr durch die Wahnvorstellung einer Relevanz, die mangels Inhalt nicht einmal mehr konstruiert werden kann. Ich bin, also bin ich, also bin ich wichtig. Ich weiß, es wird euch wehtun, aber schaut euch zunächst einmal die Variante an, für die Erwachsene sich gar nicht so viel Koks durchschleusen können, dass sie da noch mithalten: Ein "deutscher Bloggerpreis" soll da verliehen werden, womit die Leere Dimensionen erreicht, vor denen das absolute Vakuum frustriert das Handtuch wirft.

Jetzt noch nichtser

Nicht einmal mehr der Titel der Veranstaltung hat noch irgendetwas mit dieser zu tun. Da hat wer furchtbar gepennt. Niemand hat ihnen verraten, dass "Blog" sowas von zweitausendzwei ist. Was hier 'ausgezeichnet' wird, sind derweil abgehalfterte Promis, Klamotten und Zeugs. Zeugs und Irgendwasmitsocialmedia, Mode, Beauty, Hohlbratzen und Irgendwasmitsocialmedia. Influencer! Schuhe! Jacken! Fickwäsche! Kaufenkaufenkaufen!

Ihr atmet noch? Glückwunsch! Zu jenem gibt es aber ja noch den Kritischenjournalismus®. Der bepreist sich intensiv, rechte Zauseln masturbieren im Kreis. Ob ich das jetzt schöner finden soll ... immerhin ist es nicht so hektisch. "Don Alphonso geht da noch als gemäßigt links durch.", stellt ein Leser von Fefe zurecht fest und man hat eigentlich keine Fragen mehr. Vielleicht noch die, warum auch die Muffhanseln der deutschen Publizistik nicht in der Lage sind, einen passenden Titel für ihre Weihrauchparty zu finden. Ich hätte gern so etwas wie "zertifizierte Kritik" oder "eingebettete Meinungskultur" im Header.

Seitdem das Kapital auch diese Ecke des Netzes überrollt und die bunte Vielfalt durch kognitiv vollrasierte Blondinen ersetzt hat, die multimedial Kaufbefehle verbreiten ("Influencer" - als sei es nicht der Einfluss des alten fetten CEOs der produzierenden PR-Agentur, um den es hier geht), ist die Bezeichnung "Blog" hinfällig. Obwohl diese Kultur noch kaum 20 Jahre alt ist, sind echte Blogger bereits 'vintage'. Was da auf unserer Scheiße ins Kraut schießt, konnte man kommen sehen. Anders wäre trotzdem schöner gewesen.

 
xx

Lange nicht mehr vor dem "Kreidestrich" gestanden. In den hiesigen Kommentaren ist das der Begriff für die Grenze des Denkens, die viele Diskutanten nicht überschreiten wollen. Ob sie es können, weiß ich nicht, aber ich nehme an, sie wollen nicht. Es ist vor allem der Schritt hin zu der Annahme, dass Märkte nicht bloß weniger perfekt sind als die Neoliberalen Missionare behaupten – sondern dass 'Marktwirtschaft' als solche eine Illusion sein könnte, zumal als 'soziale'.

Ein Problem bei diesem Bemühen liegt darin, dass jene, die sich für Politik und Wirtschaft interessieren, viele Jahre brauchen, um an diese Grenze zu stoßen. Dort angekommen, müssten sie dann akzeptieren, dass alle diese Jahre Jahre eines Irrtums waren. Lieber basteln sie eine Hilfskonstruktion nach der anderen, um ein Denken zu retten, das nicht zu retten ist.

No Return

Diese narzisstische Kränkung wird dabei noch begleitet von der Angst, dann zu 'denen' zu gehören und bei 'ihm' zu landen: Dem Meister des Bösen und seinen Jüngern, Marx und den -isten. Das kann nicht, das darf nicht und man weiß ja auch, dass die alle irre sind. Zudem wäre man aus allen Diskursen abgemeldet. Damit kommst du in keine Talkshow mehr.

Das ist aber nur eine Stelle am Strich, es gibt derer viele. Was mich derzeit umtreibt, ist die Frage, wie man es so leicht schafft sich zu prostituieren, ja, das für selbstverständlich zu halten. Ausgerechnet der Teil der Bevölkerung, der sich noch für Politik interessiert und sich ernsthaft vertreten fühlt von seinen Berufspolitikern, besteht aus Lohnhuren, die nicht nur freiwillig auf den Strich gehen, sondern ihre Zuhälter auch noch nach Kräften unterstützen.

Man hat gefälligst den ganzen Tag und sein Leben lang zu arbeiten, und wer das nicht tut, ist nach der Sklavenmoral faul und unwert. Unfassbar! Von dieser Seite des Kreidestrichs sieht das einfach nur furchtbar aus, traurig und Abscheu erregend. Dabei gibt es Zeiten, in denen ich die anderen verstehe. Die Angst, nicht mehr zu können, die Angst, dass die Selbstüberwindung zu einer brutalen Hürde wird, ist berechtigt. Auf dieser Seite bist du nicht freier als auf der anderen.

 
xx

Die kleine Farbenrebellion des französischen Proletariats ist unter anderem eine Orgie der Symbolpolitik. Es beginnt halt damit, dass die gelbe Weste als Erkennungszeichen die Strategie vor allem der NATO, ihrer Geheimdienste und Netzwerke kopiert, die sie so oft erprobt hat. Organgene Revolution, Zedern- Tulpen-, Rosenrevolution, aber auch die notorischen "Weißhelme" sind Ansätze, über ein Symbol oder eine Farbe eine bestimmte Identität zu konstruieren.

Daran kann dann beliebiger Inhalt geknüpft werden, sofern ein gemeinsamer Feind, in der Regel eine Regierung, angegriffen werden soll. In den westlichen Medien sind die Gefärbten gemeinhin die Guten, über die man kaum etwas erfährt - vor allem nicht, wenn sie Gewalt ausüben oder die verzweifelte Lage anderer Menschen ausnutzen. Grundsätzlich sind sie "gemäßigt", auch wenn sie brutal morden; sie sind "Retter", auch wenn sie niemandem helfen; sie "rebellieren" gegen ein "Regime", auch wenn sie gewählte legitime Regierungen stürzen. Wir sehen sie, wie sie lachen oder Kinder in Sicherheit bringen.

Der Mob

Nicht so die Gelbwesten, die nur deshalb nicht ausschließlich als sinnlos brutale Extremisten dargestellt werden können, weil die Polizei ihr Möglichstes tut, um sie an Brutalität zu überbieten. Tatsächlich ist ihre Revolte eine Reihe wilder Unmutsäußerungen und sie sind keine auch nur annähernd homogene Bewegung. Umso einfacher erscheint es daher den Medien der Reichen, ihnen unlautere Motive zu unterstellen.

In Frankreich plappert es aus der Filterblase der Massenmedien, die (noch aktiven) Gelbwesten seien rechtsradikale Schwulenfeinde. Für Marine Le Pen, bei der Präsidentschaftswahl Macrons Gegnerin und große Teile der Rechten war der Protest gegen die "Ehe für alle" eine gemeiname Basis. Jetzt erscheint es offenbar opportun, dies den Protestlern an die Schuhe zu kleben.

Sagen, was ist

Wenn das alles ist, was die Propaganda heute noch leistet, um ihre Gegner zu diskreditieren, wird man noch mehr Polizei brauchen, die sinnlos Leute niederknüppelt, denn dieser Unsinn überzeugt niemanden mehr. Insofern ist die mediale Reaktion hilflos, denn sie kittet die Widersprüche, auf die der Mob reagiert, nicht, sondern vergrößert sie und gibt ihnen auch noch ein gut sichtbares und sehr hässliches Gesicht. So viel zur Symbolpolitik, die ja 'nur' ein Teil des Überbaus ist.

Nun bin ich ja der Ansicht, dass gerade in den Narrativen und damit auf der Ebene der Symbole die Widersprüche erkennbar werden. Nach der Theorie ist, auch das will ich gar nicht leugnen, hingegen das 'Sein', die ökonomische Wirklichkeit, entscheidend für das, was geschieht. Es stellt sich also die Frage, ob es denn so etwas wie eine Rationalität des Faktischen gibt und wie man sie formulieren kann. Gibt es eine Sprache für das, was ist, die nicht in die Widersprüche dessen, das sein soll, verwickelt ist?

 
xx

Ich steige einmal mit Fefes Neujahrswunsch ein: "Lasst uns alle daran mitwirken, dass Menschen sich gegenseitig als Menschen und nicht als Teil einer Gruppe sehen!" und zitiere noch einmal aus Enzensbergers Spiegel-Artikel von 1957:

"Wenn Sie schon hinter dem simplen Trick der Story eine Geschichtsauffassung suchen, dann ist sie jedenfalls demokratisch, eben weil sie es auf den einzelnen, nicht aufs Kollektiv abgesehen hat.[... Time:] "Die Nachrichten entstehen nicht durch "geschichtliche Kräfte oder Regierungen oder Klassen, sondern durch Individuen [...]
"Solche Parolen gründen auf der Scheinwahrheit, daß Geschichte von einzelnen gemacht wird: der primär gesellschaftliche Charakter historischer Erscheinungen wird mit einem Seitenhieb auf den marxistischen Klassenbegriff geleugnet."

Allein ist geil

Ich lasse das vorläufig so stehen, ohne diese widersprüchlichen Aussagen noch lange zu sortieren oder sie zu bewerten. Was sofort deutlich wird, ist aber, dass es offenbar Ansichten von Gruppen oder Kollektiven im Gegensatz zu Individuen gibt, die stark voneinander abweichen. Eine weitere Dimension dieser Frage erörtert Reinhard Jellen hier, der seinen Gedanken aber leider in überflüssiger Fachterminologie erstickt. Kurz gefasst meint er, Marx und Engels hätten in ihrem Bezug auf das Tun und die Produktionsverhältnisse eine "radikal-humanistischen Grundposition" bezogen - weil Philosophie praktisch wird und sich nicht mehr auf ein abstraktes Modell von "Geist" bezieht.

Es drückt sich hier wohl vor allem eines aus, nämlich der moderne Wahn der Individualität. Da oben fehlt ja sogar noch das 'liberale' Weltbild, das auf eine Art "Last Man Standing" hinausläuft, aber selbst linke und weniger radikale Vorstellungen vom Einzelnen und den Kollektiven, in denen er lebt, zeichnen das Bild einer 'Humanität', die wie toll an ihrem Anspruch festhält, um grandios daran zu scheitern. Aus Angst, das Individuum, in dem 'der Mensch' sich gefälligst zu finden hat, gehe unter, werden Gruppen und Kollektive zu etwas Unheimlichen. Dabei ist der Mensch durch und durch ein Rudeltier und allein nicht überlebensfähig.

Ich, Es, Über-Es

Fefes Sorge ist derweil verständlich, wo es politisch, ja sogar in der 'Wissenschaft', zunehmend auf Zugehörigkeit ankommt, anstatt auf Verhalten und Denken. Kritik wird unmöglich, weil Kriterien zugrunde gehen, wo es nur mehr darauf ankommt, wer etwas tut und nicht, was er tut. "Ist er Freund oder Feind?" ersetzt alle anderen Kriterien. Es ist aber keine Lösung, dem mit radikalem Individualismus zu begegnen. Vielmehr ist zu bedauern, dass die Moderne tausende Ansätze entwickelt hat, um Individualität zu begründen, während Kollektive vorwiegend Gegenstand eindimensionaler Abwehrreaktionen sind.

Noch eine Bemerkung zur Korrektur der Idee, Marx und Engels hätten eine "radikal-humanistische Grundposition" bezogen: Das Gegenteil ist der Fall. Gerade mit der Analyse des Kapitals und seines Produktionsverhältnisses hat Marx eine Wirklichkeit beschrieben, die 'dem Menschen' völlig entgleitet. Als Individuum ohnehin, aber auch seine Kollektive - seien es Massenbewegungen oder Kartelle - sind nur mehr gehetzte Funktionsträger in einem System, das alle und jeden ersetzt, um fortzubestehen. Wenn man das Verhätlnis von Wirklichkeit, System und Mensch (als Gruppe und Kollektiv) nicht verstehen will, kann man Humanist bleiben. Dann kann man aber auch gleich wieder Gott als Ursache einsetzen.

 
xx

Wenn ich an Friedrich Merz denke, wieso fällt mir das bezaubernde Wörtchen "Dreilochstute" ein, das sich einmal in die hiesige Kommentarspalte verlaufen hat? Wie dem auch sei - drei Eingänge werden im Kanzleramt nicht ausreichen, um all die Lobbyisten durchzuschleusen, die sich mithilfe dieses Netzwerknützlings dort einfinden werden, um sich nach dem Tafelsilber und den Möbeln die ganze Bude und den Spreebogen unter den Nagel zu reißen.

Das kann der Politik guttun. Das Blöde ist nur: Prognosen sind so schwierig. Kapital braucht Substanz, die sie verflüssigen kann. Wenn die Mütter und Omas schon verhökert sind, gräbt man halt die Leichen aus. Selbst wenn die erst einmal keiner haben will, kann man auf dem Geschäft zumindest verbriefte Anleihen aufsetzen und sie an die Börse bringen. Irgendwo muss die Kohle ja hin.

Da müssen wir durch

Widersprechen muss ich an dieser Stelle dem Kollegen vom Landkiez: Er hat recht bis zu der Stelle, wo er meint, Merz würde nach rechts rücken und die AfD überflüssig machen. Das hat die CSU schon nicht geschafft. Nein – er wäre der Hyperschröder mit den entsprechenden Folgen. Da Kapitalismuskritik in der deutschen Politik nicht vorkommt, wird der Feind im Dunkeln bleiben. Es können mithin nur die Aliens sein, die uns alles wegnehmen wollen: Kanaken und Kommunisten.

Die Frage ist ohnehin nur die, wie, wie schnell und auf welchem Weg das Kapital in seiner wieder einmal finalen Phase solche Flurschäden anrichtet, dass die Waldbewohner gezwungen sind, es zum Teufel zu jagen. Der kommt bekanntlich gern in Uniform und Schirmmütze persönlich gucken, ehe ihn wer zurück in die Hölle stürzt - sofern der Welt dieses Glück zuteil wird. Danach fängt man halt von vorn an.

Typen wie Merz halten den brutalsten Plünderern und den widerlichsten Despoten die Türen auf. Konkret hat er sich bereits bei allen angedient, deren Leidenschaft darin besteht, den Planeten aufzuteilen und alles, was darauf kreucht und fleucht, in Stückgut zu verwandeln. Er könnte die wohl ohnehin unaufhaltsame Entwicklung entsprechend beschleunigen. Wir wüssten dann halt ein wenig früher, ob es noch irgendetwas gibt, das widersteht. Schadet das?

 
cm

Quelle: worldmapper

Kapitalismus macht jeden zum Parasiten, der auf Kosten der Arbeitszeit anderer lebt. Den Satz kann man getrost zweimal und langsam lesen. Ich nehme einen etwas längeren Anlauf, um das zu erläutern:

Es wird gern von politisch eher Rechtsdrehenden 'argumentiert', man dürfe als 'Linker' alles Mögliche nicht haben oder nutzen, weil das inkonsequent sei. Da muss man gar nicht bei der Rolex anfangen, dazu reicht ein Smartphone völlig aus, und wenn sie sich in Rage reden, darf man Ende als Linker auch nicht mehr mit Geld bezahlen, sonst sei man ja selbst Kapitalist hahaha.

Zeitdiebe

Das ist ungefähr so schlau wie zu sagen, wer elektronische Medien nutzt, sei für Verbrechen, weil man damit ja welche begehen kann. Am besten Terrormassaker und Kindesmissbrauch. Das ist 'politisch' ja gern der Aufhänger. Man muss hier also zunächst festhalten, dass es unmöglich ist, keine Produkte zu nutzen, die mit Ausbeutung, Lohndumping und Profitmaximierung hergestellt wurden. Es ist nicht praktikabel, und das weiß auch jeder, der das Gegenteil von anderen verlangt.

Nicht-Marxianer müssen jetzt wieder etwas angestrengter mitdenken: Alle Produkte werden unter Einsatz von Arbeitszeit hergestellt. Der Unterschied zwischen Reichen und Armen ist stets der, dass die Reicheren sich die Arbeitszeit der Ärmeren aneignen. Ich kann mir für eine Stunde Auftragstexten drei Stunden einer Erzieherin leisten, die sich wiederum mit ihrer Arbeitsstunde die Monatsleistung eines armen Kongolesen kaufen kann.

Ihre Hehler

Tatsächlich wird uns Abhängigen das Meiste unserer Zeit-Kaufkraft wieder abgezogen, weil es als Mehrwert in den Preis einfließt. So mag die Arbeit, die der Kongolese für das Smartphone geleistet hat, eigentlich mit weniger als einem Cent entgolten worden sein, im Produktpreis steckt aber wieder ein Vielfaches. Das ist bei sehr vielen Produkten so, aber nicht bei allen.

Ganz selbstverständlich können wir Produkte auch weit unter unserem Aufwand kaufen. Jeans (Baumwolle, genäht, gefärbt etc.), Südfrüchte (geerntet, verpackt, transportiert etc.) und dergleichen kosten uns vergleichsweise wenig. Das heißt, dass wir definitiv auf Kosten der Arbeit anderer leben. Bizarr wird das alles, wenn man Lohnunterschiede hier (wo gleiche Konsumbedingungen gelten) betrachtet und notiert, dass Bullshitjobs teils fürstlich entlohnt werden, während wirklich notwendige (Pflege, Kinderbetreuung etc.) kaum zum Leben reichen.

Der Markt®

Kapitalismus ist ein System gestaffelten Parasitentums, dem keiner entgeht außer die ganz unten, auf deren Kosten der ganze Rest lebt. Die entgehen wiederum nicht der brutalen Sklaverei, die ebenfalls systembedingt ist. Ich möchte an dieser Stelle nicht schon wieder darauf eingehen, dass es da auch nichts umzuverteilen gibt, was relevante Veränderungen ermöglichen würde.

Dieses System funktioniert so, schon immer und alternativlos, und es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Entweder man findet es richtig und sieht zu, dass man nicht zu weit nach unten durchgereicht wird oder man stellt fest, dass dieses System überwunden werden muss. Dazwischen gibt es nichts, denn umverteilt wird allenfalls die Besetzung derer, die am Ende der Nahrungskette stehen. Kapitalismus braucht Profit und Profit braucht Elend.

Nächste Seite »