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Neulich, in Hanau: Es gibt hier nichts zu sehen, gehen Sie weiter! Zunächst ist es menschlich verständlich , wenn man dennoch auf die Situation reagiert. Sie ist ja von der Art, die man aus der Wirklichkeit strategisch ausschließt. Man will mit so etwas nicht rechnen. Ereignet es sich dann trotzdem, ist es der "Unfall", nicht etwa ein (eben möglicher) Fall. Faszination des Übels.

Den 'Medien' nützt es. Sie werden ihr Werk routiniert abliefern, mit Sondersendungen, Eilmeldungen, Trauerporn, Stories und 'Expertenmeinungen'. Sensation und Reflex werden in den Bahnen des üblichen Geschäfts abgehandelt. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, aber mit Inhalt, Erkenntnis und Aufklärung hat das alles nichts zu tun. Es ist Ritual. Auch dieser Beitrag gehört dazu.

Uns sonst?

In diesem Wissen bleibt dann nur mehr die Möglichkeit, eben das zu erörtern, was zu einer Art Aufklärung beitragen könnte. Beginnen wir mit dem Ereignis in Bezug auf Ähnliche mit anderem Hintergrund: Wir haben es hier mit einem 'Täter' zu tun, über den sofort Einzelheiten bekannt werden, die mehr oder weniger mit seinen Motiven zusammenhängen: Wohnsituation, Äußerungen vor der Tat, Herkunft der Waffe, Alter, Beruf etcetra.

Zum Vergleich erfahren wir über 'Anschläge' von 'Tätern' anderer ethnischer Herkunft deutlich weniger. Ein gemeinhin als "islamistisch" bezeichneter "Hintergrund" reicht in diesen Fällen aus. Es herrscht die Vorstellung von einem Pool monokausal motivierter potentieller Täter, denen sowohl die Eigenschaft (Mörder) als auch das Motiv (islamistischer Fanatismus) zu eigen sind. Daraus ergibt sich nicht nur eine quasi rassisch bedingte Schuld, sondern in der Folge ein Generalverdacht gegen alle Ähnlichen.

Das kann bei weißen deutschen Tätern so nicht funktionieren, daher wird hier differenziert. Allerdings kippt das Bild dann gleich in die andere Richtung. Es wird offensichtlich, dass man es hier mit einem 'Wahnsinnigen' zu tun hat. Traumatisiert, verzweifelt oder hirnorganisch deppert, das werden nähere Untersuchungen ergeben. Optimalerweise erfährt man hier und da etwas über Zustände, die solche Taten begünstigen.

Gehen Sie weiter

In meinem Wünschdirwas würde man sehr viel allgemeiner die soziale Wirklichkeit, die auch zu Extremtaten führt, als ein Spiel von Kräften begreifen. Es sind weder Einzeltäter, deren Irrsinn sich unabhängig von ihren Erfahrungen entlädt, noch Horden unheilbar fanatischer 'Extremisten', die - im Gegensatz zum Normalbürger der Mitte - das Gemeinwesen zerstören wollen. Es wirken immer viele Einflüsse auf jeden Einzelnen wie auf Organisationen, in denen Kräfte gebündelt werden. Dazu gehören Rahmenbedingungen, die wiederum die Möglichkeiten fördern oder einschränken.

Das ist für mich die ganze Lehre aus der schwarzen Sensation. Lerne differenzieren. Betrachte die Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten und deren Dynamik, dann lernst du etwas über die Welt, die dich umgibt. Hüte dich vor einfachen Wahrheiten und unterkomplexen Erklärungen, auch und gerade, wenn sie deine 'Gewissheiten' bestätigen.

 
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Ich habe mich heute gefragt, ob es womöglich am absurden Symbolismus liegt, dass bestimmte Kulturvereine sich über die Jahrhunderte halten, während andere ('Politik', 'Parteien') nach wenigen Jahrzehnten stets völlig abgerockt sind und sich nur mehr diejenigen in Einigkeit zusammenrotten, die den sich ausbreitenden Verwesungsgestank als Wohlgeruch empfinden.

Nehmen wir mal die 'katholische' Geschmacksrichtung der Vereinsmeierei. Die Herren stellen sich keiner rationalen Diskussion, es sei denn, um Rationalität mit ihrem Omm-Omm zu verseuchen. Sie rechtfertigen sich nicht. Nie. Sie stehen über allem, neben allem und jenseits von allem. Genau deshalb gilt das Wort "weltlich". "Welt" ist alles andere. Dieses Privileg gilt sonst nur für Märchenfiguren und Irre.

Würde des Amtes

Die Repräsentation ist dem entsprechend. Wo die Weltpolitik schon merkwürdige Rituale und Regeln entwickelt hat - etwa das ebenso selbstverständliche wie lächerliche Umbinden von "Krawatten", gelten für Kleidung, Schmuck und Habitus, kurz: Äußerlichkeiten keinerlei Grenzen der Peinlichkeit. Gerade das aber stellt 'Würde' her, die des Amtes. Der Rezipient wird hier genötigt: Er muss sich entscheiden, ob er dem auf dem Boden der Realität begegnet (Schenkelklopfen, Tränen lachen, Vogel zeigen) oder das aus Höflichkeit still hinnimmt, womit die Falle zuschnappt.

Das Oberhaupt wird auf Lebenszeit in einem bizarren Ritual gewählt, um fortan die Nachfolge eines Anhängers jener historischen Figur anzutreten, welche sich vor 2000 Jahren zum Nachkommen eines unsichtbaren allmächtigen Wesens erklärt hat. Von diesem muss (Pflicht!) angenommen werden, es sei von einer jungfräulichen Mutter geboren, später hingerichtet und in einen 'Himmel' empor gefahren worden. Der je aktuelle Repräsentant wird - aus Angst, er könne seinerseits ermordet werden - in einer Vitrine durch die Straßen gefahren.

Erfolgsrezept

Auch Frauen dürfen, nein müssen, massenhaft diesem Club beitreten (alle Mitglieder werden als Kinder dazu gezwungen), dürfen in diesem aber keine Ämter innehaben. Die westlichen Demokratien schätzen dies sehr, obwohl die Vergewaltigung von Kindern durch 'Würdenträger' zum Alltag gehört. Man will da nicht groß stören und überlässt die 'Aufklärung' solcher Falle vereinsinternen Kommissionen. Nach der Symbolfigur dieser Vereinigung nennt sich die als "freiheitlich-demokratisch" oder "Westliche Wertegemeinschaft" bekannte europäische Kultur auch "christliches Abendland".

So geht Erfolg, und das spricht sich allmählich wieder herum. In Zeiten, da das Kapital sich durch seine 'demokratische' Hülle zu sehr eingeschränkt fühlt und dessen 'Politik' sich der Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlt, die genannten Werte positiv mit Leben zu füllen, wechseln die politischen Repräsentanten des Systems die Strategie und bedienen sich altgedienter Erfolgsmuster. Bizarre Frisuren, ungehemmte Verbrechenskultur und eine hingebungsvolle Irrationalität treten einmal mehr ihren Siegeszug an. Noch haben allerdings nicht alle den Mut zu pompösen Uniformen. Das könnte der nächste Trend werden.

 
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Also, ich muss mir das so nicht gefallen lassen. Ihr wisst schon, dass ihr hier besser mitarbeiten müsst, wenn ihr von mir erwartet, dass ich euch nicht am Ende ein ganz schlechtes Zeugnis ausstelle? Es sind immer dieselben, die sich hier beteiligen - und auch dieselben, die stören und die ich vor die Tür werfen muss. Wenn ihr meint, dass ihr damit Erfolg haben werdet im Leben - bitte! Das ist eure Entscheidung.

Ihr könnt euch jetzt auch gern über mich beschweren, was immerhin besser wäre als das blöde Getuschel, das ich schon wieder höre. Das geht alles von eurer Lebenszeit ab. Ich würde ja, wenn ich schon hier wäre, aufmerksam mitlesen und zusehen, dass ich etwas lerne. Alles andere empfinde ich als pure Zeitverschwendung. Aber wie gesagt: Ihr müsst selber wissen, was ihr mit eurer Zeit macht.

The Great Rock'n Roll Swindle

Wie ihr seht, sind die Ferien wieder um, und ihr ahnt ja nicht, wo ich derzeit arbeite. Ich werde selbstverständlich hier keine Details ausbreiten, aber selbst die Älteren unter uns (und nach meiner Einschätzung sind das beinahe alle) würden sich im Jahr 2019 noch mühelos zurechtfinden in der Lernbehörde. Man sieht beim Reinkommen schon, wo der Chef sitzt. Wie im richtigen Leben. Ob das zu Lernen taugt, "steht auf einem anderen Blatt" (auch so ein Schulspruch, den ich sonst nirgends höre).

Das Ganze ist nicht so recht inspirierend, zumal ich selbst dort quasi nichts zu lernen kriege. Dafür aber graue Haare (ja, daher kommen die!) über das, was mir dort begegnet. Übrigens auch fachlich. Man erhält immerhin einen Eindruck davon, warum Fake News® so geschmeidig durchflutschen. Wenn man sich Lernstoff aneignen lässt, der heftigst mit der Wirklichkeit kollidiert, wenn man ihn überprüft, gewöhnt man sich halt daran, dass es wohl eigentlich egal ist. Gut, dass ihn ohnehin niemand überprüft und nach den anderen Prüfungen eh alles schnell wieder vergessen ist.

Ein Bekannter, der auf einem Gymnasium als Lehrer sein Lebenslänglich absitzt, klärte mich neulich darüber auf, dass es zwei herausragende Argumente für den Lehrerberuf gebe: Juli und August. Jetzt ist es September, und ich frage mich wie jeden Tag, an dem ich meinen Dienst tue, ob ich wohl am nächsten Tag wieder hingehen soll. Das war übrigens als Schüler schon so. Nun, Oktober ist auch wieder eine große Eierschaukel, bis dahin sollte ich es schaffen. Noch besser, dass meine Aufträge zeitlich begrenzt sind. Manche dort am Katzentisch sind halb so alt wie ich und sehen schon doppelt so verbraucht aus. Das kommt sicher von diesem ganzen Rock'n Roll.

 
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Ich zitierte es schon einmal: "Würde", das ist laut Schiller "Ruhe im Leiden". Sei nicht jämmerlich, stehe aufrecht, selbst wenn dir ein paar Extremitäten fehlen und dir das Blut aus dem Ohren spritzt. Das ist das deutsche, das abendländische, das bürgerliche Subjekt - das sich selbst unterwerfende Dingsbums Mensch.

Weniger würdig, aber absolut zeitgemäß, erwünscht und gepflegt, sind diverse Varianten davon: der Kampfhahn, der Pfau, der Alphagünther, aber auch der buckelnde Radfahrer. Konkurriere, unterwirf - dich und andere -, verwende alle deine Antriebe und Fähigkeiten darauf, deinen Platz zu finden, zu behaupten und zu wahren. In der kapitalistischen Gesellschaft ein Spiel, das nie endet und, während es "fairer Wettbewerb" sagt, den Kampf bis aufs Blut meint.

Auf die Knie

Diese 'Kultur' des Unterwerfens, der Beherrschung und vor allem Selbstbeherrschung ist älter als der Kapitalismus, kommt aber in diesem auf unschönste Weise zur Entfaltung. Dass sie in diesem Umfeld gar nicht danach fragt, ob es vielleicht auch anders ginge, liegt auf der Hand. Dabei könnte es durchaus schöner sein.

In einer Gesellschaft, die nicht den permanenten Kampf anpreist und das gegenseitige Niedermachen zum Ideal erhebt, wäre der Umgang mit sich selbst und der ganzen Geschichte ein anderer. Das hätte unter anderem Auswirkungen auf Begriffe, die man außerhalb ihres Zwangs auch schon heute völlig anders interpretieren könnte. Ich nehme mir mal den des "Sozialismus'" zum Beispiel:

Wie sinnig ist es, eine Partei in ein kapitalistisches Parlament zu entsenden und dort 'Sozialismus' anzustreben? Was soll das sein? Der drölfhundertste Versuch, eine Arbeiterschaft, die inzwischen gar nicht mehr existiert, zu Gewinnern an ihrer eigenen Ausbeutung zu machen? Wie wäre es stattdessen, Sozialismus als wissenschaftlichen Versuch zu wagen, die Gesellschaft zu kreieren, in der man leben möchte? Sozialismus als organisierter Versuch einer Gemeinschaft?

Untermenschen

Das ist praktisch in einer kapitalistischen Gesellschaft auch vergebens, aber dafür haben wir ja die Theorie. Das 'Subjekt' eines solchen Versuches wäre dann aber nicht mehr das Konkurrenzäffchen, sondern ein Mensch, der mit sich, seiner kulturellen wie biologischen Geschichte und seiner Umwelt in Einklang zu leben versuchte.

Auf der Ebene des Einzelnen bedeutet dies, sich seiner Antriebe, nicht zuletzt der quasi tierischen, gewahr zu werden und sie weder zu unterdrücken noch im Sinne der Herrschaft loszulassen, sondern sie zu befrieden. Eine Gesellschaft, in der Aggressionen gegen andere gelenkt werden und die so 'sublimiert', dass es immer Minderwertige für die allgemeine Psychohygiene braucht, bleibt barbarisch. Sie predigt "Recht" und "Disziplin" und meint Unterdrückung.

 
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Vielleicht drehe ich am Rad. In der Regel erkennt man den Irrtum spätestens daran, dass einem nie jemand zustimmt. Man geht dann ggf. auf eine sehr einsame Mission, deren Erfüllung meist in der täglichen Einnahme von Neuroleptika endet. Nun, es gibt so ein Thema, siehe oben, das mich derzeit beschäftigt. Es hat mir noch nie jemand zugestimmt, aber ich werde die These hier trotzdem ausrollen.

Ich sagte es bereits im Podcast: Ich halte das Konzept von 'Gut und Böse' für idiotisch. Die Formulierung ist natürlich provokativ, das gebe ich zu. 'Gut und Böse' ist vormodern, taugt zu gar nichts, ist Mythologie und kann überall, wo diese Kategorien auftauchen, durch etwas Sinnvolleres ersetzt werden. Die Religionen mit ihren Konzepten von Himmel/Paradies und Hölle, Sünde, Sühne, Strafe und Vergeltung setzen ebenso darauf auf wie das Strafrecht in seiner dümmsten Ausprägung.

Die sind so

Am schlimmsten aber: Das Konzept führt quasi zwangsläufig zur Identifikation von und mit Gruppen, von denen die eine eben gut ist, weil die andere eben böse ist. In der Folge stellt sich dann der Mechanismus ein, der dafür sorgt, dass das Unrecht als Recht jede Sauerei rechtfertigt, die den 'Guten' einfällt. Es ist diese Mythologie, die auch Slavoj Žižek meint, wenn er sagt, es braucht Religion, um dafür zu sorgen, dass "gute Menschen Böses tun".

Es kann nur "böse" geben, wenn man etwas als böse identifiziert. Mir ist kein Konzept bekannt, in dem dies nicht dazu führt, dass dies Böse jemandem anhaftet, der dadurch also selbst als böse identifiziert wird. Der ist dann so, die sind dann so: schuldig. Es braucht dann nur einen weiteren Schritt, um Buße aufzuerlegen - womit wir im Kreis von Rache, Vergeltung und Eskalation sind.

Unsinn als Kategorie

Es gibt derweil keine Tat, kein noch so bizarres Verbrechen, das nicht im Namen des Guten als 'gut' gegolten hat und umgekehrt. Wenn die Psychologie der Abwertung einmal im Gange ist, geht alles. Gegen das Böse ist alles erlaubt, ja, es besteht sogar die Pflicht, es auszumerzen. Kurzum: Alle Niederungen der menschlichen Psyche finden im Konzept des 'Bösen' die nötige Basis.

Da, wo 'Gutes' gefördert und dessen Gegenteil eingedämmt wird, brauche ich kein Böses. Es ist - hier sind wir wieder bei dem Unterschied zwischen Ethik und Moral - einfach zu unterscheiden zwischen Erwünschtem und Unerwünschtem, zwischen besser und schlechter, zwischen richtig und falsch. Die Logik hält die großartigen Kategorien 'wahr' und 'falsch' vor, in der Ethik müsste man 'wahr' durch 'richtig' ersetzen. Das Wahre ist nachweisbar, das Richtige ist durch Konsens entscheidbar.

Zivilisation

Was dann als 'richtig' gilt, dient dem Ziel, das Erwünschte zu erreichen. Was falsch ist, offenbart, dass die Richtung nicht stimmt. Man kann dann eine im ethischen Sinne falsche Handlung begehen, man wird aber nicht selbst 'falsch'. Es gibt keine Gruppe von 'Falschen' und auch kene 'falschen' Individuen, weil offensichtlich ist, dass jede einzelne Handlung richtig oder falsch ist und erst bewertbar wird, wenn sie stattgefunden hat.

Ich höre jetzt schon wieder den Einwand, die Menschen seien aber nicht so, was in der Gegenrede nichts anderes wäre als eine Tautologie. 'Die Menschen', ihre Psychologie und ihre Motive, werden sich auch nicht ändern, wenn man zwei Wörter austauscht. Man kann sich aber entscheiden, es sich nicht zu einfach zu machen, den Barbaren in sich zu entfesseln. Das nämlich ist Zivilisation: Die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben. Wo es 'gut' und 'böse' gibt, lauert bereits die Barbarei.

 
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Es ist bemerkenswert, wie sich selbst in 'unsere' Kreise hinein eine große Unsicherheit zieht im Umgang mit 'Hartz IV' und den sogenannten "Empfängern". Gut, wenn es wenigstens Unsicherheit ist und nicht der sichere Blick von oben herab; man steht schließlich auch morgens auf und leistet was. Nur als Lohnsklave ist man auf dem moralischen Terrain, sich nicht für sein Dasein entschuldigen zu müssen. Als Eigentümer steht man selbstverständlich jenseits dessen.

Ich kann mich selbst schlecht davon freimachen, weil ich weiß, dass alles, was man zum Komplex sagt, daran gewogen wird, was man für den Lebensunterhalt tut. Man entkommt dem nicht. Persönlich habe ich das auf verschiedenen Ebenen erlebt.
Das beginnt mit Erfahrungen beim 'JobCenter'. Ich habe zwei Personen bei Besuchen dort begleitet, und was ich erlebt habe, hat mich tief beeindruckt.

Der letzte Dreck

Ich will es bei einem Beispiel belassen, bei dem Inkompetenz durch Arroganz kompensiert wurde, zu lasten des 'Kunden': Während die Sachbearbeiterin fröhlich Termine anberaumte, hatte die Leistungsabteilung bereits die Zahlungen eingestellt. Die Kundin hat das nicht bemerkt, denn es waren für sie als Aufstockerin und ihren Sohn ganze 17 Euro pro Monat. Das Problem: Ohne Leistung keine Krankenversicherung, und das wird hässlich teuer.

Die Sachbearbeiterin, konfrontiert mit der Sache, meinte, Kundin solle sich "nicht pampern lassen", sie habe eine "Eigenverantwortung". Ich erinnerte sie an ihre Informationspflicht und wies darauf hin, dass sie nicht auf die Notwendigkeit einer Aktualisierung des Antrags hingewiesen hatte. Sie wies daher auf Broschüren hin, die sie der Kundin mitgegeben hatte. Ich kippte ihr diese auf den Schreibtisch und bat sie, mir die Stelle zu zeigen, wo das stehe.

Danke nein

Selbstverständlich hatte ich mir den ganzen Mist durchgelesen und wusste daher, dass es eben nicht in den Broschüren stand - schon gar nicht, dass die Leistung eingestellt wird, während weiterhin 'Pflichttermine' gemacht werden. Wie gesagt, ist das nur ein Beispiel aus nur zwei Fällen, mit denen ich einen Abend füllen könnte. Meine Konsequenz aus dieser Erfahrung: Ich werde niemals einen Antrag stellen, denn wenn es um mich selbst gegangen wäre, hätte ich der Dame zumindest Gewalt angedroht.

Daher schrieb ich hier auch einmal, ich ginge "eher klauen" als mich darauf einzulassen, was mir damals heftige Kritik von Charlie selig einbrachte. Nun, das ist aber ja meine Entscheidung. Ich sage ja nicht einmal, dass sie richtig ist. Allerdings habe ich jüngst tatsächlich auf Fördernundfordern verzichtet, obwohl ich so pleite war, dass ich 'berechtigt' gewesen wäre.

Erste Bürgerpflicht

Inzwischen wieder Lohnsklave, werde ich bald in der Lage sein, die geringen Schulden, die ich gemacht habe, zurück zu zahlen. Das ist deutsch bis ins Mark, aber mir schmecken die Alternativen wie gesagt nicht. Ich respektiere selbstverständlich alle, die sich anders entscheiden. Bei dieser Gelegenheit sei es auch einmal gesagt, dass mich die Hanseln, die mich als eine Art Bettler betrachten, schon immer fett am Arsch lecken können. Alles, was Kommentare aus dieser Richtung aussagen, ist die erbärmliche Haltung ihrer Urheber.

Was ich mich immer wieder frage, ist, wie es möglich wäre, Solidarität zu üben, und zwar öffentlichkeitswirksam, mit denen, die sich der Situation nicht entziehen können und dafür noch bespuckt werden. Mal jemanden begleiten oder nette Artikel schreiben, gut und schön, aber angesichts der Sauerei, die sich diese stinkreiche Gesellschaft mit ihren Ärmsten leistet, ist mir das alles deutlich zu leise.

 
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Lange nicht mehr vor dem "Kreidestrich" gestanden. In den hiesigen Kommentaren ist das der Begriff für die Grenze des Denkens, die viele Diskutanten nicht überschreiten wollen. Ob sie es können, weiß ich nicht, aber ich nehme an, sie wollen nicht. Es ist vor allem der Schritt hin zu der Annahme, dass Märkte nicht bloß weniger perfekt sind als die Neoliberalen Missionare behaupten – sondern dass 'Marktwirtschaft' als solche eine Illusion sein könnte, zumal als 'soziale'.

Ein Problem bei diesem Bemühen liegt darin, dass jene, die sich für Politik und Wirtschaft interessieren, viele Jahre brauchen, um an diese Grenze zu stoßen. Dort angekommen, müssten sie dann akzeptieren, dass alle diese Jahre Jahre eines Irrtums waren. Lieber basteln sie eine Hilfskonstruktion nach der anderen, um ein Denken zu retten, das nicht zu retten ist.

No Return

Diese narzisstische Kränkung wird dabei noch begleitet von der Angst, dann zu 'denen' zu gehören und bei 'ihm' zu landen: Dem Meister des Bösen und seinen Jüngern, Marx und den -isten. Das kann nicht, das darf nicht und man weiß ja auch, dass die alle irre sind. Zudem wäre man aus allen Diskursen abgemeldet. Damit kommst du in keine Talkshow mehr.

Das ist aber nur eine Stelle am Strich, es gibt derer viele. Was mich derzeit umtreibt, ist die Frage, wie man es so leicht schafft sich zu prostituieren, ja, das für selbstverständlich zu halten. Ausgerechnet der Teil der Bevölkerung, der sich noch für Politik interessiert und sich ernsthaft vertreten fühlt von seinen Berufspolitikern, besteht aus Lohnhuren, die nicht nur freiwillig auf den Strich gehen, sondern ihre Zuhälter auch noch nach Kräften unterstützen.

Man hat gefälligst den ganzen Tag und sein Leben lang zu arbeiten, und wer das nicht tut, ist nach der Sklavenmoral faul und unwert. Unfassbar! Von dieser Seite des Kreidestrichs sieht das einfach nur furchtbar aus, traurig und Abscheu erregend. Dabei gibt es Zeiten, in denen ich die anderen verstehe. Die Angst, nicht mehr zu können, die Angst, dass die Selbstüberwindung zu einer brutalen Hürde wird, ist berechtigt. Auf dieser Seite bist du nicht freier als auf der anderen.

 
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Ich steige einmal mit Fefes Neujahrswunsch ein: "Lasst uns alle daran mitwirken, dass Menschen sich gegenseitig als Menschen und nicht als Teil einer Gruppe sehen!" und zitiere noch einmal aus Enzensbergers Spiegel-Artikel von 1957:

"Wenn Sie schon hinter dem simplen Trick der Story eine Geschichtsauffassung suchen, dann ist sie jedenfalls demokratisch, eben weil sie es auf den einzelnen, nicht aufs Kollektiv abgesehen hat.[... Time:] "Die Nachrichten entstehen nicht durch "geschichtliche Kräfte oder Regierungen oder Klassen, sondern durch Individuen [...]
"Solche Parolen gründen auf der Scheinwahrheit, daß Geschichte von einzelnen gemacht wird: der primär gesellschaftliche Charakter historischer Erscheinungen wird mit einem Seitenhieb auf den marxistischen Klassenbegriff geleugnet."

Allein ist geil

Ich lasse das vorläufig so stehen, ohne diese widersprüchlichen Aussagen noch lange zu sortieren oder sie zu bewerten. Was sofort deutlich wird, ist aber, dass es offenbar Ansichten von Gruppen oder Kollektiven im Gegensatz zu Individuen gibt, die stark voneinander abweichen. Eine weitere Dimension dieser Frage erörtert Reinhard Jellen hier, der seinen Gedanken aber leider in überflüssiger Fachterminologie erstickt. Kurz gefasst meint er, Marx und Engels hätten in ihrem Bezug auf das Tun und die Produktionsverhältnisse eine "radikal-humanistischen Grundposition" bezogen - weil Philosophie praktisch wird und sich nicht mehr auf ein abstraktes Modell von "Geist" bezieht.

Es drückt sich hier wohl vor allem eines aus, nämlich der moderne Wahn der Individualität. Da oben fehlt ja sogar noch das 'liberale' Weltbild, das auf eine Art "Last Man Standing" hinausläuft, aber selbst linke und weniger radikale Vorstellungen vom Einzelnen und den Kollektiven, in denen er lebt, zeichnen das Bild einer 'Humanität', die wie toll an ihrem Anspruch festhält, um grandios daran zu scheitern. Aus Angst, das Individuum, in dem 'der Mensch' sich gefälligst zu finden hat, gehe unter, werden Gruppen und Kollektive zu etwas Unheimlichen. Dabei ist der Mensch durch und durch ein Rudeltier und allein nicht überlebensfähig.

Ich, Es, Über-Es

Fefes Sorge ist derweil verständlich, wo es politisch, ja sogar in der 'Wissenschaft', zunehmend auf Zugehörigkeit ankommt, anstatt auf Verhalten und Denken. Kritik wird unmöglich, weil Kriterien zugrunde gehen, wo es nur mehr darauf ankommt, wer etwas tut und nicht, was er tut. "Ist er Freund oder Feind?" ersetzt alle anderen Kriterien. Es ist aber keine Lösung, dem mit radikalem Individualismus zu begegnen. Vielmehr ist zu bedauern, dass die Moderne tausende Ansätze entwickelt hat, um Individualität zu begründen, während Kollektive vorwiegend Gegenstand eindimensionaler Abwehrreaktionen sind.

Noch eine Bemerkung zur Korrektur der Idee, Marx und Engels hätten eine "radikal-humanistische Grundposition" bezogen: Das Gegenteil ist der Fall. Gerade mit der Analyse des Kapitals und seines Produktionsverhältnisses hat Marx eine Wirklichkeit beschrieben, die 'dem Menschen' völlig entgleitet. Als Individuum ohnehin, aber auch seine Kollektive - seien es Massenbewegungen oder Kartelle - sind nur mehr gehetzte Funktionsträger in einem System, das alle und jeden ersetzt, um fortzubestehen. Wenn man das Verhätlnis von Wirklichkeit, System und Mensch (als Gruppe und Kollektiv) nicht verstehen will, kann man Humanist bleiben. Dann kann man aber auch gleich wieder Gott als Ursache einsetzen.

 
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Einer der erschütternden Belege für die politische Dummheit vieler Zeitegnossen ist die Illegalisierung von "Drogen" und die allgemeine Zustimmung dazu. Wer sich damit befasst hat, kennt die Horrorstories und Propaganda, die etwa zum Verbot von Cannabis geführt haben. Der sogenannte "War On Drugs", die Verstrickung der CIA und illegale Drogen als Machtbasis Organisierter Kriminalität, das alles sind Binsenweisheiten. Würde man Drogen komplett legalisieren, die Welt wäre eine bessere.

Ich möchte aber heute einmal auf einen anderen Aspekt hinweisen, der die geifernden Urteile über Drogensüchtige betrifft. Anlass dazu ist die faszinierende Wirkung legaler Drogen und deren Suchtpotential. Vor allem ein Wirkstoff ist darunter, schon ewig bekannt und noch immer im Einsatz: Benzodiazepam, berühmt und berüchtigt durch das Präparat "Valium"; heute sind die Marktführer andere. Zumeist wirken die Probanden weggetreten, es ist aber auch eine ganz andere Wirkung beobachtbar:

Legal, illegal ...

Es kommt in Fällen schwerer Depressionen und Angststörungen vor, dass verwirrte Patienten plötzlich klar werden und Affekte zeigen, die sonst in ihrer Gefühllosigkeit versinken. Wäre nicht das schwere Suchtpotential, man wäre geneigt, die Substanz über längere Zeiträume und täglich, ggf. mehrfach zu verabreichen. Aus Patientensicht ein Reiz, dem man leicht verfallen kann, wenn man sich das Mittel beschaffen kann.

Ein anderes Beispiel sind Jugendliche, bei denen ADHS seriös diagnostiziert wurde. Es kommt nicht nur in Einzelfällen vor, dass sie dem Standardmittel Methylphenidad (Ritalin, Medikinet, Concerta) eine andere Substanz vorziehen: THC, der Wirkstoff von Cannabis. Es ist vor allem nach Bedarf zu dosieren und hat offenbar angenehme Nebenwirkungen. Alkohol wiederum ist ein hoch wirksames Anxiolytikum (Angstlöser).

Dopeamin

Ebenso ist bekannt, dass die sog. "Borderline-Störung" regelmäßig mit dem Konsum illegaler Drogen einher geht. Es geht bei all diesen Substanzen um Wirkungen auf Botenstoffe im Hirn wie Serotonin und Dopamin, deren Stoffwechsel bei psychisch Kranken quasi offiziell als gestört gilt, während "Drogensüchtige" ohne Diagnose und durch den Schwarzmarkt versorgt unterwegs sind.

Das Bild, das Krethi und Plethi von Drogensucht haben, ist daher wie so vieles dem Hang zur Abwertung anderer Menschen geschuldet. Das fängt schon da an, wo sie glauben, eine Substanz mache süchtig. Richtig ist: Der Süchtige sucht sich seine Droge, weil er sie braucht, nicht umgekehrt. Sogenannte "Drogensucht" ist das Symptom einer Krankheit, nicht mehr und nicht weniger.

 
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Was ein Sendeschluss ist, wie will man das noch jungen Nicht-Historikern darlegen? Schlimmer noch: Wie soll man dergleichen überhaupt erwähnen, ohne die heftigste Weigerung hervorzurufen, einem zuzuhören? Oppa erzählt vom Grammophon. Dabei bricht sich im Zorn der Abneigung gegen Oppas dumme Fragen die schleichende Einsicht bahn, dass da vielleicht tatsächlich hinter den Dingen etwas sein könnte, das man stets am falschen Ort sucht.

Hinter den Dingern, das sind vor allem die je aktuellen Spielzeuge. Streichelbrettchen vor allem, die versprechen, alles haben zu können, mit jedem in Verbindung zu sein, niemals allein; und die doch dieses dumpfe Gefühl hinterlassen, man sei so allein wie niemals zuvor. Niemals ist man sicher, dass irgendwer sich wirklich um einen schert. Keine Wozzäpp, kein Gramm Insta, kein Fäßbuck, Tweed oder Pimpertinder bringt jemals das Gefühl, das man sucht – die Erlösung.

Erlösung

Paradox vielmehr wird mit jedem Klingeln und Pingen die Ungewissheit größer, ob es das ist, was man will. Vielleicht gar die Gewissheit, dass es das nicht ist. Nie ist man richtig befriedigt, nie kommt das alles zur Ruhe. Es fließt und läuft, wenn es nicht - wie frustrierend! - stockt. Man hetzt oder wartet, überall und immer. Selbst im neuesten bunten Gerät ist kein Stück mehr vom Ersehnten.

Dass auf einen Tag der nächste folgt, ist so neu nicht. Dereinst legte man sich abends hin und schlief, und wenn man morgens aufwachte, wartete niemand schon darauf, dass man seine Nachricht gefälligst bald beantwortete. Das war nicht nur in Ordnung, alles andere hätte man für verrückt gehalten.

Selbst die modernsten Medien, die all das boten, wozu Medien so da sind - Unterhaltung, Information und Kultur - machten über Nacht wenigstens Pause. Irgendwann war Schluss und Stille. Vielleicht war das ja viel näher an der Erlösung, die das vollvernetzte Opfer der Elektronikindustrie so verzweifelt anstrebt: Ruhe. Einfach mal ein paar Stunden nichts.

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