Juli 2021


 
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Moral ist doch etwas Gutes, und am allerbesten ist die religiöse, die gottgegebene, die christliche. Ich habe zu Schulzeiten einmal ein Referat gehalten, in dem ich die These vertrat, der Nationalsozialismus sei nicht kompatibel mit Nietzsches Philosophie, weil er eine hochmoralische Ideologie sei. Nach der Schnappatmung kam dann hier und da doch noch ein wenig Verständnis.

Ohne Moral geht nichts in Deutschland, schon weil hier nichts ohne Nazis und Pfaffen geht. Wie gesagt: Drehe hier einen Stein um und finde sicher das Eine oder das Andere. Auch (und gerade) im Zerfall der Bürgerlichen Ideologie angesichts eines freidrehenden Kapitalismus ist die Restauration christlicher Moral jedweder Geschmacksrichtung ein Reflex.

Der kommende Kanzler ist mithin einer, den man in einer Zeit des kurzen Aufblühens einer Art Moderne ebenso wenig hätte vermitteln können wie 'Grüne', die einem mit ihrem protestantischen Eifer sowie permanenter Selbst- und Fremdanklage auf den Senkel gehen. Laschet ist der katholische Overkill (nachdrückliche Leseempfehlung).

Freunde fürs Leben

Die rheinische Frohnatur, die heute ein Biotop dem Kapital opfern kann, das abends beichten und morgen das nächste ersäufen, heute dies mit Inbrunst daherverzapfen und morgen das Gegenteil (die nächste Beichte kommt bestimmt), ist dabei ganz entspannt. Nicht allein der Glaube gibt ihm Halt, sondern auch die Mitgliedschaft in gleich zwei Burschenschaften und einem Spinnennetz von Seilschaften.

Am Rande fand ich noch ein Kleinod (muss man nicht anklicken): Hochwasserschutz wird überbewertet; wenn es pressiert, schickt man halt "mit Hilfe von Gott" einen Hasardeur in den wahrscheinlichen Tod, weil das "gut funktioniert".

Wenn er sich "zwei Mal gesegnet" hat, kann ja nix mehr schiefgehen: "Du Herr, musst wissen, was passiert". Politik, Kapital? Ach was, alles Dinge, die ganz oben entschieden werden. Was ist schlimmer als Software? Schicksal, da kann man nämlich gar nix mehr machen. Außer beten, versteht sich.

Man müsste nur

Damit ihr aber nicht meint, diese kreuzkatholische Variante der Aasfliegerei schütze diesmal die Protestanten vor dem Mann mit dem Hammer, kann ich euch nicht enttäuschen. Wie tief inzwischen das Grüne Getue im Sumpf einer Hirnschmelze moralischer Masturbation versinkt, habe ich im WDR nüchtern und ohne Schmerzmittel mit anhören müssen.

Da hat ein Dödel, der dafür auch noch von der Berichterstatter innen offenbar bewundert wurde, wegen eines "CO2-Fußabdrucks" nicht bloß sein Leben auf LGBQTAIDFG, vegan, autofrei, feministisch und flagellant umgestellt – das hätte nämlich nicht gereicht, um das Böse auszumerzen, das er bereits angerichtet. Nein, er hat eine Industriehalde gekauft und begonnen, diese zu begrünen – damit sein CO2-Fußabdruck mithilfe seines Eigentums Amen Halleluja.

Wir (die schlapp 8 Milliarden) müssen also nur alle, also jeder, eine riesige Fläche kaufen, Grün anstreichen und schon ist die Welt Pustefix und Knuddeln. Da wünscht man sich doch sehnlichst den Ablasshandel zurück, konnte man damit wenigstens noch Raub und Mord vorab bezahlen und dann den Pfaffen umnieten, der dafür die Absolution erteilt hat. Früher war halt doch alles besser.

 
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Als "herzzerreißend" kann man die Unfähigkeit des designierten Bundeskanzlers Laschet tatsächlich bezeichnen. Der Mann kommuniziert quasi ausschließlich auf der symbolischen Ebene und selbst dabei macht er sich täglich mehrfach und vielschichtig zum Brot. Sowas muss einfach Kanzler werden. Andi Scheuer ist noch jung, der kann dann später übernehmen. Andererseits: Auch im Elend tut ein Lachen eigentlich gut, während gespieltes Mitleid eher Gewaltphantasien hervorruft.

Das Gelaber, das ein gedungener Redenschreiber dem Grüßaugust von Guantanamo aufgeschrieben hat, auf dass er es mit geübt falschem Pathos aufsagt, ist dagegen schon eine akzeptable Leistung. Dass die komplette politische Elite durch blinden Kapitalglauben, Förderung der dreckigsten Energieträger und -verbraucher und neoliberale Sparpolitik im Katastrophenschutz belegt, dass sie einen Dung gibt auf die Opfer von Umweltkatastrophen, kann man ja schlecht so vortragen.

Ruhe Herrgott!

Immerhin waren sie so konsequent, sich die unmittelbar Betroffenen vom Hals zu halten. Nicht nur, dass der Plebs im Wahljahr auf Ideen kommen könnte – womöglich meint noch einer, er hätte was zu fordern oder begehrt gar auf. Es ist auch generell unschön, wenn man die Not sehen muss, während man über sie salbadert. Das versaut nur den wohlpräparierten Auftritt.

Das ganze Opferbejammerungsgedudel kotzt mich an. Den ganzen Tag im Radio ein Geschwurbel und ein Kitsch, dass es schon an der Lippe steht, und dann muss auch noch Phaetonpilotin Käßmann ihren christlichen Müll dazu abladen. Überhaupt sind diese religiotischen Aasfliegen das Letzte, was man als wie auch immer Beteiligter solcher Situationen gebrauchen kann. Sie kochen ihr Süppchen auf der Verzweiflung wehrloser Opfer.

Was hat noch gefehlt? Das Hetzblatt beim Bäcker und ähnliche 'Medien', die die härtesten Fälle als Realhorrorfilm vermarkten und dabei ernstens noch Mitgefühl heucheln. Wenn das mit dem Waterboarding doch so demokratisch und rechtsstaatlich ist, warum lässt man diese Zecken nicht mal ein paar Runden ersaufen, damit sie wenigstens ungefähr wissen, was sie da ausbeuten? Nix für ungut, ich frage nur für einen Freund. Eigentlich kann ich mich auch einfach zurücklehnen und sagen: "Told you so", aber das wäre ja zynisch.

 
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Originaldatei: ©Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Es passt ganz prima in meine aktuelle Situation, dass ich zu den drängenden Themen der Zeit kürzlich bereits alles gesagt habe. Am 4. Juli zum Beispiel, dass es zu spät ist, einen Klimawandel aufzuhalten, der nämlich längst da ist, dass man das bereits sehen kann und dies auch nichts am ohnehin mörderischen Kapitalismus ändern wird. Wir werden weiterhin immer mehr produzieren, nicht bloß rücksichtslos, sondern mit dem religiösen Eifer der Kirche des ewigen Wachstums.

Ebenfalls äußerste ich mich jüngst zu gewissen Experten und deren intellektueller Qualität. Einer der genannten hat noch einen draufgesetzt und sich in endverblödetes Verschwörungsgeraune versenkt über die Juden, die von den Nazis gelernt hätten, schlimmer zu sein als diese. Ist das Demenz oder deppertes Kalkül? Was weiß ich, spekulierte aber, weil das unterhaltsam ist, in den Kommentaren:

Härter!

"Ich lerne gerade eine Funktion von Antisemitismus kennen: Wie zieht man am besten den Vorwurf desselben auf sich? Indem man eindeutig antijüdischen Dung labert. Dann kommt sicher einer um die Ecke, nennt einen "Antisemit" und schon ist der größte Schwachsinn 'richtig', weil man ja "nur" mit der Antisemitismus-Keule angegriffen werden kann. Glückwunsch, Bhakdi!"

Es dreht sich alles in denselben Kreisen, was zu meinem extremen Bedauern auch mein kleines Leben anbetrifft. Auch ganz ohne Überflutung fickt es mich unentwegt, und war es zuletzt das Tischbein, nimmt es inzwischen den Brückenpfeiler, um mich damit zu penetrieren. Keine weiteren Details, danke, es geht mir hundsbeschissen. Kann man aber nix machen. Nur, um den zuletzt noch geringeren Output dieses traditionsreichen Mediums am Rande zu erklären.

Wenn ihr also etwas anderes wollt als Schlaumeiereien aus der Depression, die fast immer recht hat, gibt es ja reichlich Angebot da draußen, von gezwungen lustig über unfreiwillig komisch bis hin zu niederschwellig deprimierend. Ansonsten gibt es bald wieder Fußball-Bundesliga. Ein Lichtblick.

 
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Deine politischen Freunde heißen Gunnar Kaiser und Ken Jebsen? Deine Referenzen für dreißig deiner letzten neunundzwanzig Artikel heißen Wodarg und Bhakdi? Für dich ist stets klar, dass es Schuldige gibt und Ereignisse in der Regel einem ausgeklügelten Plan folgen (ohne jemals eines dieser Ereignisse vorhersagen zu können)?

Dann kommt also einer daher und sagt, dass er mit dir nicht kann und sowieso nicht will, weil nämlich siehe oben. Aha, denkst du dann, das ist so ein Systemling, der mir eine Kontaktschuld auflädt. Weil er nämlich von irgendwem eine schlechte Meinung hat und ich bloß mal mit dem geredet oder ihn zitiert habe, wo er doch recht hatte!

Da kommt ein Depp daher

Nein, Kollege; das Problem ist: Du bist ein Depp. Du hast noch nie in deinem Leben wirklich eine Situation, Lage, ein System oder einen Komplex sachlich analysiert. Du willst immer wissen, wer was will und warum, trennst die mit dem guten Willen von denen mit dem bösen und weißt daher auch, wer woran schuld ist.

Dass man dir nun vorwirft, dich in einer gewissen Gesellschaft zu bewegen, sogar den Eindruck zu machen, dazugehören zu wollen oder tatsächlich dazuzugehören, mithin mit gewissen Wölfen zu heulen und einer gemeinsamen Filterblase anzugehören, das ist erstens, wenn es zutrifft, eine Feststellung, aus der man Schlüsse ziehen kann. Manchmal wird das sogar konkret und zeigt dir auf, dass du gern beliebte Irrtümer verbreitest, weil es eben in gewissen Kreisen dazugehört.

Vor allem aber solltest du zweitens bedenken, dass einer, der sich ständig in der wohlig wärmenden Nähe von Deppen aufhält, das lehrt die gemeine Erfahrung, in aller Regel selber einer ist. Wenn das dann noch mit der Qualität gewisser Äußerungen korrespondiert, die wiederum durch enervierend häufiges Wiederholen eben nicht kompensiert wird, dann muss man halt annehmen, es mit einem zu tun zu haben. Denk jetzt nicht drüber nach; du wirst nur zu der 'Einsicht' gelangen, das sei pure Bosheit.

 
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Sofern sie noch Kinder sind, muss man es ihnen wohl nachsehen, wenn sie blaumachen, um ihren Teil zur Verleugnung der Tatsachen beizutragen. Das Zöpfchenmädchen ist ja nicht bloß fotogen, ebenso wie ihre deutsche Kollegin, es lädt auch den ganzen Politkarneval mit Bedeutung auf.

Wer es gern gemütlich und unkompliziert hat, wählt CDU. Daher werfen sich die noch lebenden Relikte einer Demokratiehoffnung aka Altrentner zuhauf in die Arme eines Klubs, der sich endlich wieder angemessen repräsentieren lässt: von einem katholischen Burschenschaftler, der Floskeln aus dem Wünsch-dir-was aneinanderreiht. Wir wollen prima Klima, super Sicherheit und Ruhe im Reihenhaus.

Alternativlose Liste

Der Gegenentwurf ist die Karikatur aus dem Lalaland, dasselbe in grün. "Klimagerechter Wohlstand" – und gendergerecht, woke, bio, protestantisch. Die Grünen stehen für … hier bitte etwas Grünes eintragen. Was sie dann tun, ist das Gegenteil, vor allem konsequent kapitalistisch und individualisiert. Und während die vom schwarzen Original sich wenigstens die Taschen vollstopfen, sind die Grünen korrupt aus schierem Eifer.

Mit ihnen geht alles: Laufzeitverlängerung, Kohlekraft, Angriffskrieg, Sozialabbau, Russenhass, Christizismus. Für den Rest gibt es halt dieses Gendergetue und Klimagequatsche. Doof nur eins: Laschet und Konsorten machen längst in derselben Klimarhetorik. Doof zwei: Das Ganze ist komplett unsinnig und lenkt bloß ab, weil es zu spät ist. Viel zu spät.

Das Klima ist längst gekippt. Die ärgsten Modelle haben sich überholt und selbst die Symptome sind schon längst unübersehbar. Damit hat vor einigen Jahren noch niemand gerechnet. Das ganze Klimagefasel ist eine Schlacht ums Vorgestern. Deshalb ist es auch so dankbar, kann man doch einerseits neues Zeugs verhökern, neue Zertifikate verhökern, neue Börsenprodukte verhökern – klimaneutraler Wohlstand für Wohlständige.

Ommmmm

Andererseits kann man zu Recht darauf verweisen, dass das 'Versagen' jeglicher Konzepte nicht dieser Generation anzukreiden ist, die ja immerhin alles versucht. Der nächste tote Gaul, dem man die Sporen geben, Medizin verabreichen oder Kunststücke zeigen kann. Alles versucht, hat trotzdem nicht geklappt.

Über all dem, darunter und darin, wirkt dieselbe alte Religiosität, geprägt von Schuld, Vereinzelung, Selbst- und Fremdunterdrückung mit dem Label "Freiheit". Das Programm ist ewiges Wachstum, heilig wie einst der göttliche Wille. Da kann man nichts machen, das muss. Den Dämon "Klima" muss man dann halt irgendwie besänftigen, durch Tugend und tätige Reue.