sozialzeugs


 
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Ein Artikel vom Ende letzten Jahres (via fefe) über das Ausmaß des Unglücks in der Gesellschaft, hier den USA, hat mich sehr beeindruckt. Der Autor ist Scott Alexander, Psychiater, und hat sich gefragt, warum manche Menschen, denen er beruflich begegnet, so viel Leid erfahren. Daher hat er sich u.a. mit diesbezüglichen Statistiken befasst. Das Resultat:

– 1% sind im Gefängnis
– 2% sind auf Bewährung.
– 1% sind in Pflegeheimen oder Hospizen.
– 2% sind dement.
– 20% leiden unter chronischen Schmerzen.
– 7% sind depressiv.
– 2% sind kognitiv beeinträchtigt.
– 1% sind schizophren.
– 20% beziehen Lebensmittelmarken.
– 1% sitzen im Rollstuhl.
– 7% sind Alkoholiker.
– 0.5% sind heroinabhängig.
– 5% sind offiziell arbeitslos (also registriert als Arbeit suchend).
– 3% beziehen Gelder als Arbeitsunfähige.
– 1% erfahren jedes Jahr häusliche Gewalt.
– 10% wurden als Kinder sexuell missbraucht.
– Ca.20% wurden körperlich misshandelt.
– 9% wurden vergewaltigt.

Make Pain, make more Pain

Dies nur sind einige Aspekte, unter denen man erfahrenes Leid oder Unglück erfassen kann. Diese potenzieren sich noch, wenn man sie im Familienumfeld betrachtet. Das erklärt einiges; unter anderem, dass sich verdammt viele Menschen mit Recht als Opfer fühlen können. Zumeist sind sie still, denn die wenigsten outen sich als Suchtkranke, Missbrauchsopfer, Knackis oder Arbeitslose. Besonders heikel ist die Tatsache, dass viele der Betroffenen für ihr Leid noch beschuldigt und herabgewürdigt werden. Man denke nur an den Umgang mit Suchtkranken oder Arbeitslosen oder der Schnittmenge aus beiden. Solche Menschen sind moralisch vogelfrei.

Wenn man jetzt noch zur Kenntnis nimmt, dass den Wenigsten in die Wiege gelegt ist, ihre Beeinträchtigungen kognitiv zu verarbeiten, ergibt das Ganze das Bild eines sozialen Pulverfasses. Wie 'verarbeitet' man erfahrenes Leid, über das man nicht sprechen kann oder darf? Depression ist ein Weg, aggressive Projektion ein anderer: Man gibt die empfundene Schuld weiter und packt das Leid gleich mit dazu. Auch deshalb brennen Flüchtlingsheime.

Hilf dir selbst

In einer Konkurrenzgesellschaft, wo nicht bloß jeder selbst schuld® ist, sondern „seines Glückes Schmied“, erfüllt sich der totale Albtraum. Noch ehe den Betroffenen über den Kopf gekippt wird, ihre Malaise sei bloß eine Ausrede, wurden sie ja schon zum Schweigen verurteilt. "Sei erfolgreich oder Abschaum" ist die Devise. Wer hier aus der Kurve kippt, wird zwar nach allen Regeln der Kunst entmündigt und als behindert eingestuft, indem er zur „Wiedereingliederung“ ansteht, das ist aber eben nur eine Forderung: Selbst Almosen hast du dir zu verdienen!

Ich hatte vor gut zehn Jahren diesen Text geschrieben (58 Seiten, .pdf), den ich hier oft „das Fürsorgedings“ nenne. Ich fühle mich in der Annahme bestätigt, dass der krankhafte Zwang zur Selbstsorge abgelöst werden muss durch eine Gesellschaft, die ihrer Bezeichnung gerecht wird; in der sich die Menschen wieder umeinander kümmern. Maggie Thatcher hat die noch immer gültige Parole ausgegeben: „Es gibt keine Gesellschaft“. Sie hat völlig recht. Der Kapitalismus hat aus allem Elend der Welt eine Hölle der Konkurrenz errichtet, der niemand entkommt.

Update: Auf allgemeinen Wunsch einer Einzelperson wurde das Fürsorgedings in .pdf konvertiert.

p.s.: Der Genosse hat das Dokument neu formatiert und neueste technische Errungenschaften wie Seitenzahlen hinzugefügt. Er lebe hoch!

 
pn

Germany’s blogosphere: Ein kluger Artikel über Wirtschaft und Politik nach dem anderen. Aber zu Erotik, zu Sexualität findest du nichts auf ihren Seiten, völlige Stille.
Ich hatte einmal etwas mit Franzi Bieber. Sie hat geblasen wie eine Virtuosin der Querflöte aus dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr. Will irgendwer das wissen? Ach.

Für mich ist Sex etwas schlicht Intimes, will heißen: Es geht nur mich und die Dame, mit der ich es treibe etwas an. Damit sind wir mitten im Problem. Ich kann und will erstens nicht postulieren, Sex sei quasi natürlicherweise intim. Ich muss sogar vom Gegenteil ausgehen. Die kultivierte, religiös geprägte Gesellschaft verbannt Sex aber doppelt aus der Öffentlichkeit: Gerade das Zeigen sexueller Handlungen und Nacktheit sind sündig. Sex uns Lust sind sündig oder anderweitig nicht gottgefällig (auch und gerade in der weniger tabubehafteten protestantischen Moral, weil Lust die Askese stört). Daher muss sich, wer Spaß haben will, zurückziehen.

Das können Freigeister nicht befürworten, tun sie auch nicht. Nacktheit ist weder sündig noch verboten, und auch wenn es Gründe dafür gibt, nicht unbekleidet umher zu laufen, sollte es nicht verboten sein. Bei der Intimität bleibe ich dennoch stur. Es gibt eine Sphäre zwischen (zwei) Menschen, die nur ihnen gehört und ihre Beziehung geradezu definiert. Das können Gespräche sein, gemeinsame Theaterbesuche oder Sport; jede weitere Person, die eingeweiht ist, verdirbt ggf. das Ereignis.

Unter uns

Beim Sex ist das nicht nur aus Gewohnheit so, dass zwei gern unter sich bleiben. Wie jemand, der sich in der Kneipe ungefragt dazu setzt, wäre es recht befremdlich, ließe man Dritte beiwohnen. Zudem kann man auch nicht so tun, als sei es unverfänglich, Intimes öffentlich zu machen. Das ruiniert regelmäßig Karrieren, Freundschaften und die Gemütlichkeit. Ich kann auch schlecht hier über Datenschutz faseln und dort mein Sexleben ausbreiten, das ja nicht allein meines ist.

Im völligen Kontrast zu diesen vielleicht etwas altbackenen Vorstellungen steht die vermarktete Sexualität, der allgegenwärtige Analverkehr, Blowjob, Fisting, Schlampe in die Nase gepisst. Ja richtig, dazu muss man in der Regel einschlägige Angebote besuchen. Man kann aber auch die Blogstatistiken aufrufen oder einen Blick in den Browserverlauf des Jüngsten werfen. Es ist so alltäglich wie die strikt am Rande der „Pornographie“ (eine juristische Albernheit) tänzelnde Werbung. Klar, die muss man jetzt ganz verbieten, wenn man SPD ist. Aber wenn man SPD ist, hat man halt diesen Pfeil im Kopf.

Öffentliche Intimität, so etwas kann nur Kapitalismus in Vollendung. Dieses Paradoxon führt zu der Absurdität einer Rückkopplung ins Private vor allem der Jüngeren. Was sie da an Anschauung haben, nehmen sie für Realität und glauben, sie müssten das auch tun. Hätten sie doch bloß ein 'Making of' geschaut und überhaupt sich darüber orientiert, was Professionalität bedeutet. Das ist Sex heute, wo er sich öffentlich gibt. Das sind die Referenzen. Gibt es dazu etwas zu sagen?

Dem Ganzen setzen diejenigen die Krone auf, die für all das kein Bewusstsein haben und einen Mix aus Leistungsperversion und religiöser Sexkontrolle für politisch halten. Politisch "links", wohlgemerkt. Es gibt da nicht nur ein Punktesystem, in dem die Abweichung von der Norm den Score bestimmt. Wer besonders pervers ist, steht ganz oben, ist das ärmste Opfer der Diskriminierung und damit das neue Heilig.

What's Your Perversion?

Nicht nur werden hier katholische Maßstäbe angelegt, bloß als Negativ, es wird auch genau unter die Bettdecke geschaut: Ist da wer schwul, transsexuell, schwul und transsexuell, transgender, so geboren oder selbst gewählt, wer hat also welchen körperlichen und psychischen Status und treibt es mit wem? Das Resultat wird dann als Gender notiert und in die Tabelle eingetragen.

Diese sexuelle Gesinnungsschnüffelei soll also die naturwissenschaftliche Bestimmung des Geschlechts ersetzen. Damit ist dann was erreicht? Dass es keine Geheimdienste braucht, um eines jeden sexuelle Vorlieben zu kennen und bei Gelegenheit zu verwenden? Damit niemand mehr sagen kann: "Das geht euch nichts an!"? Und wenn man damit so weit ist, dann wird im nächsten Schritt „Post Privacy“ Bürgerpflicht?

Nein danke. Ich gehöre zu denen, die überdies glauben, die deutsche Sprache sei nur sehr bedingt dazu geeignet, sich dem lustvollen Treiben der Körper und ihrer hoffentlich im Wortsinne betörten Gehirne zu widmen. Ich jedenfalls kann es nach meiner Einschätzung nicht. Daher bin ich auch nicht geneigt, auf diesem Terrain publizistisch tätig zu werden. Den Verwesern höherer Moral oder sonstig jede Lust tötenden Scharlatanen begegne ich auf dem Feld der Mittel, die sie dazu einsetzen. Das kann ich besser und muss niemandem eine Vorstellung davon aufdrängen, was der alte Mann in seiner Sitzgruppe veranstaltet.

 
ym

Der Kollege Jochen Hoff hat mich heute auf den oben verlinkten Vortrag aufmerksam gemacht. Dabei fällt mir einiges auf, was unsere großartige Westliche Wertegemeinschaft® so veranstaltet. Die kann man ohnehin inzwischen auch gleich "NATO" nennen, aber dazu unten mehr.

Was mir zuerst auffällt: Es ist ja nicht nur so, dass wir uns nicht integrieren, will heißen: Hier fühlt sich kaum wer bemüßigt, sich mit Menschen und Eigenheiten zu befassen, die er auch nur ansatzweise als fremd auffasst. Das ist nichts Neues. Schon das evangelische Dorf hätte am liebsten einen tiefen Graben um das katholische Nachbarweiler gezogen, und diese Muslime, die sind eh alle so. "Wie?" fragt ihr? Na eben so, wie sie sagen. Wer das wo sagt? Was weiß ich, die sind pervers, kriminell und gefährlich - vor allem aber anders, eben die®, kapiert? Die® sind so.

Kill the Poor

Wie unterschiedlich nicht nur Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern sind, sondern der Islam als solcher, das illustriert lehrreich der Vortrag. Ich kann zwar diesem Hipsterstyle (Bart, Brille, Dutt, Schlabberlook) genau so wenig abgewinnen wie jeder anderen modischen Uniform, aber es geht ja auch um die Worte. Die sind allemal höchst interessant und einmal eine gelehrte Meinung eines Muslims in deutscher Sprache. Wieso wird das eigentlich nicht mit mindestens Millionen gefördert, dass der Christenmensch etwas über den Moslemmenschen erfährt, sowie beide über den Religionsfreien und umgekehrt?

Was Salim Spohr dort ausführt (und was ich hier bereits eingeordnet hatte), zeigt warum: Das christliche NATOland ist am Gegenteil interessiert. Das religiöse wie strategische Wirken Saudi-Arabiens ist auf endlosen Krieg unter besonderer Berücksichtigung einträglicher Geschäfte ausgerichtet. Es sind die Sauds und die al-Wahhabs, ohne die es nicht einmal Spuren von "islamistischem Terror" gäbe. Ausgerechnet dieses düstere Konglomerat hält die NATO aber seit Jahrzehnten im Sattel. Zufall? (An dieser Stelle bitte Lacher vom Band einspielen.)

Ich halte noch immer nichts von Religion, aber ich bin sehr für kultivierte Auseinandersetzung. Anstatt aber dafür zu sorgen - wofür angesichts der Millionen Zuzüge aktuell einige Milliarden Euronen sehr gut investiert wären - zahlen wir die lieber für das Öl, das wir aufs Feuer gießen. Ist ja auch ganz einfach: Würde der im NATOland Ausgebeutete über den anderswo Ausgebeuteten erfahren, das der ein ganz normaler Mensch ist und von denselben Verbrechern gepeinigt wird, es wäre gar nicht auszudenken! Am Ende wollen die alle noch mitbestimmen und unsere schöne parlamentarische VolkskontrolleDemokratie zerstören!

 
mn

Eine für mich maßgebliche Person echauffierte sich jüngst über etwas, das womöglich "Argument" sein möchte oder "Aussage", aber selbst zum überpinselten Klospruch kaum taugt, nämliches in Bezug auf "Flüchtlinge" und uns arme Deutsche, die wir so schwer zu leiden haben: "Wir sind voll" wollte da wer meinen, und sie kommentierte das mit: "Was denn? Musstest du ein Zimmer abgegeben? Kommst du auf der Straße nicht mehr durch? Was redest du da?!"

Das ist womöglich die einzige Weise, damit adäquat umzugehen. Die Schwätzer abzukanzeln wie Schulkinder, denn man kann durchaus auf deren dunkle Ahnung bauen, dass sie dummes Zeug labern. Was wäre auch die Alternative? Unterstellte man eine von Vernunft geprägte Diskussion, könnte man Argumenten mit ebensolchen begegnen. Beispiel: Es wird gemeckert, jetzt falle überall der Sportunterricht aus, weil die Asylanten da wohnen. Vernünftig wäre es, die Zahl der belegten Sporthallen abzugleichen mit der Gesamtzahl der Hallen, regionale Verteilung, Lösungen, Ausweichhallen et cetera. Vernünftig wäre es, den Ausfall von einigen Schulstunden in Relation zu setzen zu der Gefahr, dass tausende Obdachlose durch die Landschaft zögen.

Quatsch mich nicht voll

Ankommen würde aber, dass man relativiert und somit die Situation beschönigen wolle. Gutmensch! Das Problem besteht ja schon darin, dass unsinnige Behauptungen sehr kompakt daherkommen, ohne jedes Wissen am besten funktionieren und die Antwort jeweils in einen Vortrag mündet. Dabei begibt man sich selbst noch aufs Glatteis, weil man ggf. Informationen braucht, die man gerade nicht hat. Du verlierst genau deshalb immer, weil die Schwätzer ohne Informationen auskommen, dir aber abverlangen mehr zu wissen als die Wikipedia - es sei denn, du weißt es wirklich, dann glauben sie dir einfach nicht.

Die bessere Antwort ist also die hier: "Ach, deine Kinder (wirkt am besten, wenn er gar keine hat) haben keinen Sport mehr? Der ist vom Lehrplan gestrichen? Was machen sie denn jetzt mit den ganzen Sportlehrern?" Beinahe vernünftig die Variante: "Ja, wie viele Sporthallen sind denn belegt? Gibt es keine Ausweichmöglichkeiten?" Dann läufst du aber sicher in das Messer der Allwissenheit, den jeder weiß, dass das fast alle sind; zum Beweis kennt man dann sogar eine, wo ganz furchtbare Verhältnisse herrschen (weil die 500 Flüchtlinge, die Säue, ihr Quartier nicht sauber halten können, dabei haben die sogar 10 Toiletten!).

Womit wir bei Zahlen sind, bei Relationen, Erfahrungen, halt bei dem, was Wissen schafft und nicht nur Blabla. Schade, dass Zahlen eine Art vom Magie sind, die dem ebensolchen Denken der Menschen folgen. Zahlen und Relationen entstehen aus Meinungen, nicht etwa umgekehrt. Umgekehrt ginge etwa so:

Eins zwei drei viele

Allein im Ruhrgebiet wuchs die Bevölkerung zur Jahrhundertwende (1900) binnen zwei Generationen von etwas über 500.000 auf über 3 Millionen an. Binnen 70 Jahren verzehnfachte sie sich. Bis 1910 wanderten allein 500.000 Polen ein. Umgerechnet wären das heute achthundert Millionen Einwanderer, davon vielleicht achtzig Millionen Syrer.

Noch einmal gab es einen Peak des Zuzugs, als Gastarbeiter kamen, allein 1,5 Millionen Türken und ca. 600.000 Italiener zwischen 1960 und 1980. In der BRD erhöhte sich der Anteil der Ausländer von 1,2% 1960 auf 4,9% 1970. Seitdem gibt es keine Deutschen mehr. Wir sind ausgestorben, weggefickt und unter die Knute des Islam gezwungen worden. Niemand spricht mehr deutsch, es gilt die Scharia und Freitags werden wir zum Döner gezwungen. Am schlimmsten ist es hier an der Ruhr. Uns haben sie so durchrasst, dass es uns am Arsch vorbei geht.

Dieser kleine Zahlensalat soll aber wie angedeutet nur als Hinweis darauf gelten, dass es völlig sinnlos ist, mit Informationen zu argumentieren. Wer das nicht wahrhaben will, mag sich einfach hier umschauen (Danke R@iner!). Seht ihr? Die Mehrheit der Besorgten und Sorglosen weiß es einfach besser als die Wirklichkeit.

 
bl

Hach ja, es ist Sonne, der Tag ist ruhig, ich atme. Nicht immer ist das selbstverständlich, und manchmal staune ich noch über Menschen, die das nicht wissen, weil sie es nicht anders kennen. Vielleicht ist auch dieser Mangel an Erfahrung gelegentlich die Ursache für gewisse 'Argumente'. Diskutieren ist Sport. Auch hier gibt es Kreisklasse und Champions League, auch hier Techniker und Klopper. In Zeiten des vermeintlichen Rechts auf freie Vervielfältigung des Dungs, den manche "Meinung" zu nennen sich nicht schämen, leidet auch das Entertainment.

Geistige Einzeller steigen standesgemäß gern mit Einzeilern ein. In wilden Zeiten hatte ich sie täglich in der Vorhölle, heute sind es noch ein paar im Monat, die nicht lesen, was sie unterschreiben und gleich zur Reklamation durchmarschieren. Einzeiler schalte ich nicht frei, steht im Manual. Dort steht auch, dass ich Videos nicht mag. Was glaubt ihr, wie viele hier mit einem Youtube-Link aufschlagen, garniert mit maximal einem Satz und nachher "Zensur" schreien? Tzia. Besser aber sind die mit den 'Argumenten'. Ich habe ihnen nie geantwortet. Vielleicht sollte ich mal?

Zum Beispiel die Konsequenz-Mahner:
"Wenn du gegen Geld bist, hast du auch keins, kaufst nie etwas, lässt dich nicht bezahlen?!"
"Wenn du gegen den Staat bist, darfst du nicht vor Gericht gehen."
"Wenn du gegen die parlamentarische Demokratie bist, darfst du kein Recht einfordern"
"Wenn du gegen Atomkraft bist, darfst du keinen Stromanschluss haben".

In den Wind

Was antwortet man auf dergleichen? Dass niemand wirklich konsequent ist? Fehler, denn dann kommen sie dir damit, sie hätten ja keine großen Reden gehalten, darum dürften sie auch inkonsequent sein. Oder sie behaupten, sie wären als voll integrierte Mitmacher konsequenter als du. So kriegst du sicher den Unterschied zwischen dem Möglichen und dem Status Quo nicht in die Köpfe.

Oder machst du vielleicht darauf aufmerksam, dass das Verhalten einzelner nicht die Welt ändert? Dass das Aufsetzen eines Aluhuts keine Aliens erzeugt? Dass kein Gottesgläubiger irgend ein Stück Technik benutzen dürfte, weil schon der Kompass, konsequent gedacht, das Ende der Welt bedeutet? Dass Atomkraftfreunde sich bitte exklusiv verstrahlen lassen mögen? Kann man machen, aber mit welchem Ziel? Einsicht? Überzeugung? Dass man nachher den längeren hat?

Dann gibt es noch die mit den Statements, Klassiker: "Ich habe nichts zu verbergen". Doch, das ist noch immer nicht als Symptom für Gagaismus in der ICD-10 und wird gern genommen. Fragst du dann nach der Farbe der Unterhose? Habe ich versucht, hatte nicht den gewünschten Effekt. Oder konterst du mit Zustimmung und erhöhst auf: "Ja richtig, genau wie das mit der Meinungsfreiheit. Die nützt nur dem Feind. Ich habe sowieso nichts zu erzählen" oder "Ich ließe die Polizei auch jederzeit ungefragt in meine Wohnung. Da würde ich mich viel sicherer fühlen. Nur Verbrecher haben Angst vor der Polizei.“?

Siehe oben, nützt gar nichts. Schon weil es so total übertrieben ist. Kann ja nur von dir kommen, so ein Unsinn. Womit wir bei einem Kern des Problems sind: Meinung ist, wenn andere das auch sagen. Da steht zwar "Mein" am Anfang, aber wo diskutiert wird, ist Gegenteiltag. Komm uns nicht mit was Eigenem, das ist dann nämlich keine Meinung mehr. Das ist Extremismus.

Den gibt es übrigens noch immer links und rechts, was dasselbe ist. Der Mainstreamrassist, der weiß, dass Putin ein Imperator ist, Wirdieguten® und der Araber nix weghat von Westlichenwerten®, weiß: Alles eine Mischpoke. Rechts, das sind Neonazis, also jetzt nicht die mit der Angst vor Überfremdung, sondern die mit den Hakenkreuzen. Links, das sind die im Untergrund und die Chaoten. Von denen geht die größte Gefahr aus. Deren Zahl steigt ständig. Sie sind die kommunistische Bedrohung®

Café Filter

Gehst du dann hin und dröselst dumpfe Ressentiments gegen Kapitalismuskritik auf? Erklärst den tendenziellen Fall der Profitraten hier und Projektion aka Sündenbocksyndrom dort? Behauptest (weil du weißt, dass es stimmt und es ggf. belegen kannst), dass alle Zahlen, mit denen rechte Hanswurste argumentieren, falsch sind? Weil du meinst, dass der vor dir oder in deinem Postkasten der erste ist, den sein eigenes Gewäsch interessiert?

Du kannst dem jetzt auch ironisch begegnen: „Na klar: Die Linken, die überall Häuser anzünden, Unschuldige zusammenschlagen oder gleich ermorden, ganze Stadtteile terrorisieren und von allen möglichen Sicherheitsbehörden gedeckt werden. Die Geheimdienste, die nach dem Krieg von Linksextremen gegründet wurden zum Beispiel.“ Echt? Dir ist schon klar, dass du schlicht Zustimmung erfahren wirst, weil du in entsetzliche historische Ahnungslosigkeit hinein quatschst?

So what? Bildet Blasen, bildet Filterblasen! Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Man kann vielleicht darauf hoffen, dass sie da drüben irgendwann vor Langeweile eingehen, weil sie sich ständig denselben Schwachsinn verzapfen. Wir hingegen bleiben links, denn hier ist das Feuilleton um Längen interessanter.

 
tf

Da ich kein Techniker bin, kein Programmierer und kein Mitglied einer Crew, beschäftige ich mich mit Hacken auf einer allgemeineren Ebene. Ich habe das einmal so skizziert:

"Hacken bedeutet, sich in ein System hinein zu denken, es zu verstehen und es zu nutzen, ohne sich dabei an Handbuch und offizielle Regeln zu halten." Ein schönes Beispiel dafür ist der Lifehack. Geht ganz ohne Computer.

Dabei steht die Tätigkeit im Fokus und nicht etwa eine Mitgliedschaft in einem esoterischen Zirkel. Hacken kann jeder, der sich mit den Grundlagen dessen befasst, was er tut. Wahrnehmen, verstehen, kreativ eingreifen.

Die Idee

Dass die Idee dazu aus von Nerds und Codern kommt, ist kein Zufall, weil die eben aus Berufung oder Leidenschaft Systeme teils komplett entwerfen, auf jeden Fall aber den Durchblick brauchen bei dem, was sie veranstalten, denn sonst geht nichts mehr. Daher darf die unbeteiligte Öffentlichkeit auch gern mal zur Kenntnis nehmen, dass nicht jede Manipulation an einem Rechner ein Hack ist und schon gar nicht etwas, das sinnlose Zerstörung hinterlässt.

Hacker gibt es in jeder Branche. Erzieher zum Beispiel oder Hundeerzieher. Das System Hund muss man erst mal lesen lernen. Es spricht eine völlig andere Sprache als wir. Will ich einen Hund zu einer Handlung bewegen, nützt es nichts, das zu verlangen oder ihn zu überzeugen. Auch Zwang ist ein schlechter Weg. Selbst die Timleline darf ich umkehren, etwa: Handlung-Kommando-Belohnung. Ich warte also darauf, dass der Hund etwas quasi zufällig macht, dann sage ich "Cola" und belohne ihn. Mache ich das oft genug, wird er dasselbe tun, wenn ich "Cola" sage. Es gibt auch in diesem Bereich viel komplexere Hacks, aber das wäre ein Beispiel.

Nehmen wir die Medizin. Operationsverfahren, Heilmittel, eigentlich alles, was damit zu tun hat, kann durch Hacks befördert werden. Das fing mit der mutigen Operation am lebendigen Körper an. Einen Menschen aufzuschneiden, um ihn zu heilen? Welch ein grandioser Hack! Maden in eine Wunde legen? Genial! Knochen auf einen Silberdraht auffädeln? Schimmelpilz gegen Infektionen? Musst du drauf kommen. Solche Beispiele gibt es aus jedem Bereich menschlicher Betätigung.

Fröhliche Wissenschaft

Hacken ist angewandte (wissenschaftliche) Kenntnis ohne Rücksicht auf gegebene Regeln. Dazu bedarf es einiger Voraussetzungen: Erstens grundlegender Kenntnis des Gegenstands. Was passiert? Wie funktioniert es? Was kann man noch damit machen? Zweitens eine konkrete Phantasie: Was wäre, wenn ich dies und jenes täte? Kann das funktionieren? Passiert vielleicht etwas Unberechenbares? Drittens den Mut zu tun, was "man nicht tut". Seien es Konventionen, Regeln oder Gesetze, die sind nicht in Stein gemeißelt. Der Kreidestrich ist keine Wand, und auch gegen die gibt es Mittel.

Eigentlich ist Hacken klassischer experimenteller Wissenschaft sehr ähnlich, nur ohne den verkrusteten Betrieb. Vielleicht fragt ihr euch, warum das Thema sich hier gerade ausbreitet. Nun ja, ich frage mich, ob man die große Maschine auch hacken kann. Dazu später mehr.

 
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Abb.: Screenshot 32c3-Logo [Der Säzzer sagt, er will das als Tattoo.]

Ich bin traurig, dass ich es dieses Jahr wieder nicht zum C3 geschafft habe, zumal das Thema mir sehr nahe liegt. In der Key Note hat Fatuma Afrah erklärt, wo "Gated Community" anfängt, wie sie funktioniert und dass sie keine physikalischen Gitter braucht. Die Gesellschaften schotten sich selbst ab.

Das Motiv "Gated Community" als logische Konsequenz kapitalistischer Gesellschaften hatten wir hier immer mal wieder, ich zitiere einige Passagen:

Der neoliberale Traum vom Nachtwächterstaat, einer Variante der Gated Community, wurde in Griechenland schon ansatzweise umgesetzt, man kann dort Polizei kaufen.

Schlank, billig, käuflich

"Die einen fahren dann in ihren gepanzerten Wagen zwischen den Gated Communities hin und her, die anderen leben im Dreck und nehmen sich, was im geschäftsmäßigen Bürgerkrieg für sie abfällt. Je mehr Waffen im Land sind, desto fürchterlicher wird das alles. So sieht er aus, der “Nachtwächterstaat”. Er braucht keine Ausgangssperren, weil sich ohnehin niemand auf die Straße wagt."

Denn so geht Klassenkampf: "Die Griechen gegen die Deutschen, die Deutschen gegen die Griechen, die Mittelschicht gegen die Unterschicht, die Lohnarbeiter gegen die Arbeitslosen und die Hellgrünen gegen die Dunkelgrünen. Das ist derzeit die beste Lösung, die nichts Grundlegendes an den bestehenden Verhältnissen ändert. Vorläufig jedenfalls. In der nächsten Stufe werden wir die Ghettoisierung der Reichen erleben, in Gated Communities und anderen postmodernen Trutzburgen. Das alles kennen wir längst aus Afrika und Südamerika, wo die ultimativen Märkte entstehen: Drogenhandel, Entführungen, Piraterie. Solange das Volk eben nicht erkennt, dass es Volk ist und sich in unterschiedlichen Waffenbrüderschaften aufeinander hetzen lässt."

Volk, das sind Menschen, Leute, "the people", die eben, die irgendwo gemeinsam leben. Deren Herkunft ist ebenso irrelevant wie die Haarfarbe oder die Schuhmarke. Was nicht Volk ist, lässt derweil in dessen Namen Recht sprechen und beugen, weltweit und von oben herab.

Knast für alle

In einem Dialog in den Kommentaren haben wir das Prinzip auf den Punkt gebracht:

"Tantalus - Tatsächlich sind gerade die Mächtigen nie frei, sondern immer nur die ranghöchsten und damit bestbewachten Gefangenen der jeweils herrschenden Mythen, die deshalb auch nicht mal etwa 'ihre eigenen' genannt werden dürfen. Das sollte man den denen mal stecken.
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Sie werden in einem Szenario, das es bereits zu beschauen gibt, hinter Gittern leben, 'Gated Communities', mitsamt ihrer Mittelschichtssklaven, vor denen sie sich als nächstes fürchten dürfen. Ich sage das ohne Triumph. Es ist eine absurde Tragikomödie."

Das Prinzip zieht sich durch alle Ebenen und Systeme der sozialen Wirklichkeit. Klassenschranken in der Bildung, Informationsschranken in der Politik, Corpsgeist bei den Atlantikern, Bomben gegen Afrika, Frontex, Grenzzaun, Naziterror. Diese Prozesse sind zutiefst illegitim und müssen revidiert werden. Daher ist das Thema bei Hackern bestens aufgehoben, die sich nicht von Schranken, Verbotsschildern oder Konventionen limitieren lassen.

 
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Stefan Raab hat gestern seine vorläufig letzte TV-Show abgespult. Da ich solche Veranstaltungen und ihre Hintergründe hier viel zu selten bespreche, nehme ich das einmal zum Anlass, über das Phänomen "Brot und Spiele" zu räsonieren. Wie ich las, hat am Ende der Circenses jemand eine Million Euro 'gewonnen', indem er mit einem Spielzeug einen Ball in die Luft "klackerte" und wieder einfing. Dies war wohl Anlass zu dem entgeisterten Ausruf: "Mit Klackern!", was soviel bedeutet wie dass er fürs erfolgreiche "Klackern" mit 900.000 Euro entlohnt wurde.

Irrtum; das ist der Warenpreis, den der Investor bestimmt hat. Es hat seine Gründe, und die heißen "Profit". Jeder hat seinen Preis, jederzeit, für alles. Wie oft habe ich schon gehört: "Das würdest du doch auch tun für das Geld!", und meist glaubt man mir nicht, dass ich es eben nicht täte. Es fällt dabei schon auf, dass es immer dieselben Wege sind, die einem da zum Glück angeboten werden: Spielshows und Lotto. Der Lottogewinn ist längst sprichwörtlich, wie viele Phantasien beginnen mit den Worten: "Wenn ich einmal im Lotto gewinne ..."!

In der Raab-Show musste die Summe Geldes verpulvert werden, die das Management einkalkuliert hatte, um einen adäquaten Profit zu erzeugen. Diese Summe war eingepreist. Am Schluss musste irgendwer die Kohle mitnehmen, denn es gehört zu dieser Form des Entertainments, primitive Anteilnahme zu erzeugen. Sei es Neid, sei es Gönnen, sei es die sehr willkommene Vorstellung, man habe selbst einmal solches Glück. Der 'Gewinner' war zur rechten Zeit am rechten Ort. Seine Funktion ist die des Exemplars, das belegt, dass es jeder schaffen kann.

Ein Raabvergleich

Raab wird derzeit gern mit Jan Böhmermann verglichen. Das hinkt ganz ordentlich. Raab ist ein höchst effizienter Medienmanager, der von genialischer Kreativität bis zu primitivem Mobbing alle Register gezogen hat, um mit Erfolg, sprich Gewinn zu unterhalten. Böhmermann ist noch ein Provokateur mit Niveau, ein konstruktiver Troll, der sich eine Nische zunutze gemacht hat.

Wo Raab klassische Reflexe genutzt hat, spielt der Neue auf dem Deck der Titanic schmutzige Lieder, die zu spät gekommene Wahrheiten ausplaudern. Dies nicht zuletzt, indem man nicht so recht weiß, ob das noch Ironie ist oder schon Zynismus. In seinem aktuellen Schlager "Ich hab' Polizei" verherrlicht er die Macht der Staatsmacht, hinter der sich der Bürger verstecken kann und disst so die (Möchtegern-)Gangster mit ihren begrenzten Gewaltmitteln. Besonders gefällt mir die Zeile: "Ich ord're owne Polizei, denn ich zahl' Höchststeuersatz".

Ich habe neulich schon geschildert, wie die Zukunft auf Endzeit gepolt ist. Das gilt wohl auch fürs Entertainment. Wo Raabs konstruierte Frechheit noch den bürgerlichen Radfahrer und Möchtegerngewinner von vorn und hinten bedient hat, liefert Böhmermann das Pendant zur Zombieapokalypse. Polizeistaat gegen Gangster, Überlegenheit der Gewalt statt Freiheit - wenn man sich's leisten kann. Das ist ebenso lustig und genau so traurig wie auf der anderen Seite radebrechende Sachsen und Money for Nothing. Nur dass der Lack ab ist.

 
ba

Oh my, mal wieder ein paar Twitter-Beiträge gelesen. Warum tut man sowas? Warum vor allem verfolgen mich diverse Blogger und sowieso das Journallala mit diesem Rotzforum, der Trollachterbahn im Empörungspark? Wenn ich das haben will, kann ich ja gleich zu den Piraten gehen. Dieses Gebaren kenne ich noch von der Uni, und da kommen sie ja alle her, aus der Studentenpolitik. Dort setzt sich seit vierzig Jahren keine gute Idee mehr durch, sondern stets die Geschäftsordnung.

Ich habe Anfang der 90er an diesem studentischen Bildungsgipfel teilgenommen und bin bis heute davon gezeichnet. Die Unipolitikelite aus hundert Hochschulen, allesamt Figuren, die es gewöhnt sind, dass ihr Geschwätz relevant ist; dass sie reden und andere zuhören. Argumentieren - und das wurde dort zelebriert - dient einzig dazu, den Gegner zu ermüden. Entscheidungen werden in einer Art Last-Man-Standing Battle gefasst, für die Teile des Verfahrens, die noch nicht per Geschäftsordnung zertrümmert wurden.

Ich rede!

Die Raubritter solcher Bürokratie haben keinerlei Verständnis von Gemeinschaft, keine Ahnung, wie man sich mit anderen einigt oder wenigstens verständigt. Für sie ist "Solidarität" etwas Militärisches (uneingeschränkt), und Regeln sind dazu da, andere zu knebeln. Es geht schließlich darum, irgendwas durchzusetzen und nicht darum, miteinander zu leben. Worte sind Werkzeuge oder gleich Waffen. Es geht um die Deutungshoheit.

So kommt es auch, dass für sie der schlimme Twitterror viel schlimmer ist als echter Krieg. Ernsthaft zwitschern professionelle Opfer ihrer eigenen kommunikativen Idiotie, ein beherzter Spruch im Deppenchat bewirke ein Trauma, gleichzusetzen mit Kriegserlebnissen, man müsse daher von "posttraumatischer Belastungsstörung" sprechen, wenn jemand dort spontan angedisst wird. Die Forderung an den modernen Attentäter liegt dann wohl darin, statt "Allahu Akbar" doch "Triggerwarnung!" zu skandieren, dann ist alles halb so schlimm.

Ich bin getroffen!

Die Speerspitze derartiger Aktivitäten und -isten hält sich für Krieger, genauer "Social Justice Warriors", der Irrtum bremst mich freilich schon vor der dritten Silbe aus. "Social" ist da gar nichts. Es herrscht die Selbstgerechtigkeit gehätschelter Mittel- und Oberschichtsbälger, die auch mal was unterdrücken wollen und keine Lust haben darauf zu warten, bis sie Chef von irgendwem werden. Da sie unendlich gelangweilt sind, machen sie dabei einen auf Revoluzzer und nennen das "links", weil das in ihren Kreisen eben unerhört rebellisch erscheint.

Im Kaminzimmer, wo die Kiste mit den Zigarren schon auf sie wartet, lächeln ihre Zieheltern gnädig und wissen, dass sich die Hörner schon abstoßen werden. Eigentlich sind sie doch ganz gelungen, die Kleinen. Zielstrebig, gnadenlos gegen ihre Feinde und ausgestattet mit der richtigen Einstellung. Wer Opfer ist und wer Täter, wer immer im Recht ist und wer nie, dies Wissen liegt ihnen im Blut. Sie bekämpfen alles und jeden, sprechen aber nie den unverzeihlichen Fluch gegens Wachstum®. Man beißt halt nicht die Hand, die einen füttert.

 
nt

Es ist nicht zuletzt deshalb schwierig, über ideologische Grenzen hinweg zu diskutieren, weil mit unterschiedlichen Klischees hantiert wird. Ein Klischee ist ursprünglich eine Druckform, die ein bestimmtes Bild erzeugt. Solche 'Druckformen', meist ein wenig komplexer, sind vereinfachte Vorstellungen von der Welt. In Bezug auf das Bild von anderen Menschen werden denen Eigenschaften, Rollen, Wertigkeiten zugedacht.

Antisemitismus, wie jede Form rassistischer oder sonstwie diskriminierender Zuschreibungen an Gruppen von Menschen, ist u.a. ein solches Klischee. Genauer müsste man sagen: ein Arsenal von Klischees. Er ist dabei sehr verbreitet, sowohl im Westen als auch in der arabischen Welt. Dies führt unter anderem dazu, dass undifferenziert alles mögliche als "antisemitisch" abgestempelt wird, das es höchstens auch ist. Dies wiederum reduziert das Problem der Klischees auf ein scheinbar zweiwertiges. Es geht dann nur noch darum, ob etwas eben antisemitisch ist oder nicht. Meist liegt in der Diskussion keinerlei Erkenntnisgewinn.

Antiismus

So wird zum Beispiel von "strukturellem Antisemitismus" gesprochen, wenn jemand meint, es gebe eine Elite von "Finanzkapital", die für Armut und wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich sei. Der Irrtum besteht hier darin zu glauben, weil es die antisemitische Verschwörungstheorie von der "jüdischen Hochfinanz" gibt, sei jeder, der eine Elite von Spekulanten am Werk sieht, Antisemit. Das ist aber Unsinn. Hier sind nämlich völlig unterschiedliche Klischees am Werk, und eine Gemeinsamkeit ist eben kein Beleg, dass es dasselbe sei.

Ähnlich verhält es sich mit dem Urteil, der Anschlag auf das Konzert der "Eagles of Death Metal" sei "antisemitisch" motiviert gewesen. Zumindest der Frontmann entspricht offenbar jedem Klischee eines Feindbildes der Jihadisten: fanatischer Republikaner und erklärter Freund Israels. Macht das einen Anschlag auf seine Fans im gegebenen Rahmen "antisemitisch"?

In dem Konglomerat von Motiven, die zu einer Mordtat wie der in Paris führt, dürfte das wohl eher randständig von Belang sein. Paradoxerweise ist gerade die Auswahl der Opfer nach solchen 'Kriterien' sekundär. In der Spirale der Eskalation von Gewalt und Hass gibt es zuerst die Entscheidung zur Tat, dann erst das Ziel. In diesem Krieg gibt es nichts zu gewinnen, aber eine Menge zu töten. Die Opfer vor allem solcher Anschläge werden wie aus einer Speisekarte gewählt, es wird halt genommen, was aktuell im Angebot ist. Klar, da spielt die israelfreundliche Haltung des Sängers eine Rolle, aber was hat das zum Beispiel mit Verschwörungstheorien irrer Nazis zu tun?

Das Böse vernichten

So bekommt man erstens keinen haltbaren Begriff von Antisemitismus zusammen und zweitens versperrt das den Blick auf die Motive und deren Entstehen. Ja sogar wenn man nur die (Menschen-)Bilder analysieren will, die zu solchen Entscheidungen und Taten führen, ist diese Kategorie nur ein Hindernis. Der Skandal schließlich besteht ohnehin nicht in der antisemitischen Haltung, sondern in der Mordtat.

Die Klischees, die hinter der Fähigkeit stehen, Menschen gleich scharenweise umzubringen, sind teils komplexer, teils aber noch einfacher als das der Judenfeinde. Wo es sich auf den Hass verengt, sind es immer 'wir' und 'die', wobei jede Eigenschaft, jede Zuschreibung, jedes Kriterium austauschbar ist. 'Wir' sind immer 'die Guten' und 'die' das Böse, das ausgemerzt gehört. Das Resultat sind Bomben. Die Täter mit den auf Rechnung gekauften Hightech-Tötungsmaschinen heißen "Soldaten", die mit dem geklauten oder selbst gebastelten Zeugs "Terroristen". Der Hauptunterschied besteht darin, dass letztere nicht so viele Menschen töten und meist selbst dabei draufgehen.

Die Rechtfertigungen zum Mord hüben wie drüben sind darauf angewiesen, ein Feindbild zu erzeugen. Den religiösen Fanatikern fällt das am leichtesten, egal ob sie Christen, Juden oder Muslime sind, daher sind es auch die Pfaffen und ihnen hörige Befehlshaber, die das am besten besorgen. "In God We Trust"! Geht aber auch ohne. Wichtig ist nur, dass die da drüben den Tod verdient haben. So sehr, dass man ihnen den bringen muss, koste es, was es wolle. Wer diesen Kreislauf durchbrechen will, muss die Klischees zerstören. Am besten fängt man bei den eigenen an.

Update: Was passiert, wenn man zwei Klischees durch 20 andere ersetzt, kommentiert Kollege Charlie hier sehr treffend. Wer Jebsen immer noch als "seriös" verkauft, muss einen an der Waffel haben.

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