sozialzeugs


 
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Ich weiß gar nicht, ob ich das gefragt wurde, aber ich greife das dennoch einmal auf, weil es immer verargumentiert wird: alle möglichen Verhaltensweisen und -muster seien "genetisch bedingt". Das ist gemeinhin pure Mythologie. Zuletzt wurde dergleichen in Zusammenhang gebracht mit 'männlichem' Verhalten, Dominanz, Herrschergebaren. Begründung: Das sei ja schon immer so gewesen.

Dazu ein schlichter Widerspruch: Es ist überhaupt kein Anhaltspunkt dafür, dass etwas "genetisch bedingt" ist, wenn es in unterschiedlichen Gesellschaften vorkommt. Beispiel: Wenn jemand wütet, Gewalt ausübt, den Kampf sucht, aggressiv ist, dann atmet er schneller. Es ist also völlig richtig zu sagen, dass unter sehr unterschiedlichen sozialen Bedingungen und übrigens auch 'genetischen' Voraussetzungen schnelle Atmung mit Zorn und Gewalt in Verbindung steht. Ist Atmen deshalb die Ursache für Gewalt?

Das 'Genetik'-Argument zeugt von mangelnder Phantasie und übrigens zumeist Unkenntnis des Umfangs sozialer Bedingungen. Bleiben wir getrost bei männlicher Dominanz und treiben das durch ein paar Epochen: Es ist nicht bekannt, ob es matriarchalische Epochen gegeben hat, bekannt sind hingegen die patriarchalischen vor allem seit Einführung der Schrift. Es gibt seit der Antike einige Strategien, die Männer benutzt haben, um ihre soziale Stellung zu erhöhen, dazu gehört eine Art Bio-Mythos, der lange gepflegt wurde, nämlich die Theorie, Frauen brüteten den Nachwuchs der Männer bloß aus.

Absurde Geschichten

Die christliche Religion ist hier ein herausragendes Beispiel. Ein Gott, der sich selbst als menschlichen Sohn inkarniert, braucht dazu eine menschliche Frau, die auf den Spruch eines Engels hin den Gottmenschen ausbrütet. Diese völlig absurde Geschichte wirkt bis heute. Aber es gibt schon frühere Quellen, etwa Platons "Gastmahl", ein Roman mit einem Erzähler (Sokrates), der wiederum Reden zitiert. Eine dieser Reden hält eine Frau, Diotima, die ein Loblied auf die Liebe hält. Diese sei umso höher zu preisen, je mehr sie von ihrem leiblichen Ursprung abrückt. "Zeugen und Gebären im Schönen" sei schließlich die höchste Form der Liebe. Gleichzeitig gelingt es ihr freilich damit, noch die abgehobenste Abstraktion der Klugscheißer an ihre körperlichen Quellen zu erinnern.

Die gottväterliche Macht war für Jahrtausende das Vorbild der Gesellschaft, könnte man meinen. Tatsächlich ist es vor allem umgekehrt: Die Kultur, zu der auch die Herrschaftstechniken gehören, folgt vor allem der Ökonomie. Das heißt nicht, dass alles wirtschaftliche Gründe hat, sondern, dass es sich auszahlen muss. Die Erzählung muss zum Möglichen und Machbaren passen. Die Macht braucht eine Rechtfertigung, die zu den Möglichkeiten der Gesellschaft passt. Die Feudalherrschaft funktionierte, weil sie die lebensnotwendigen Arbeiten organisieren konnte. Dazu gehörte auch die Kriegsführung, die zur gegebener Zeit eine Sache der Männer war. Sie waren nicht nur stärker (eine entscheidende Größe), sondern Frauen mussten als Mütter auch schlicht geschützt werden. Na und dann war da eben noch dieser Jesus.

Völlig einäugig wäre es aber, die Politik zwischen den Stämmen und Völkern auf Krieg zu reduzieren. Viel erfolgreicher war die Alternative sich zu verbünden, nämlich durch Heirat. Dabei wurden übrigens nicht nur Frauen zwangsverheiratet. Die Männer wurden ebenso wenig gefragt, ob sie nicht vielleicht eine andere liebten. Soll man jetzt aber sagen, dass Heirat oder Zwangsheirat genetisch bedingt sind, weil sie in vielen Epochen und Kulturen vorkommt? Kultur ist immer komplex: Arbeitsbedingungen, technische Entwicklung, Militär, Religion - das Ganze muss stabil sein. In den gut überlieferten Epochen hatten Männer dabei meist eine politisch bestimmende Position, es gab aber zu allen Zeiten auch Ausnahmefälle.

Zeiten ändern sich

Was heißt das für heute? Erstens ist das Gen-Argument so etwas wie 'Schicksal'. Es ginge in die Richtung: "Man kann ja doch nichts ändern". Zweitens und vor allem widerspricht es fundamental den heutigen(!) Möglichkeiten. Ein Patriarchat ist völlig überflüssig geworden und daher auch gewaltig auf dem Rückmarsch. Man muss sich nur anschauen, wie in den hoch entwickelten Ökonomien die Menschen vom patriarchalischen Glauben abfallen, wie sich tatsächlich die Rechte der Frauen in jedem Jahrzehnt weiter verbessert haben und wie erfolgreich die jüngeren Ideologien politisch sind. Dass die Jahrtausende alten Gewohnheiten sich so schnell nicht ablegen lassen, nimmt nicht wunder. Es gibt ja auch immer noch überall Religionen.

Diese Reaktion führt global und in vielen gesellschaftlichen Gruppen dazu, dass es noch reichlich Reste einer überkommenen Gesellschaftsform gibt, aber diese sind in Auflösung begriffen. Was Not tut, ist wie gesagt eine universelle Solidarität, die den Möglichkeiten der technischen Entwicklung entspräche. Der Kapitalismus hat dabei kein Problem mit Frauen, bestimmten Rassen oder Minderheiten. Er mag eben nur keine Solidarität. Daher sind ihm alle Ideologien hoch willkommen, die alte oder neue Konflikte schüren. Alles eine Sache von Ökonomie und Kultur, und die sind immerhin veränderbar.

 
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Zum Thema "Feminismus" habe ich das meiste schon gesagt. Auch ist es mehr als hinlänglich hier durchgekaut, dass "Gender"-Theorien nicht identisch mit Feminismus sind und dass ich sie rundweg zurückweise. Sie sind antiwissenschaftlich und in der Praxis totalitär. Dabei fällt aber immer wieder durchs Raster, dass Frauen nach wie vor benachteiligt werden. Wie gesagt, ist das kein Wunder, denn ihre Position ist schwach, und wo alle ausgebeutet werden, geht es den Schwächsten am schlechtesten. Dem Patriarchat fiel der Kapitalismus in den Schoß. Der hat die Ursachen inzwischen beseitigt, aber nicht die Symptome.

Weder "Feminismus" noch ein anders etikettierter Kampf für die Rechte von Frauen sind aber links. Das hat viele Gründe. Die Überschrift zum Beispiel ist ein Zitat von Andreas Baader, das er gern in Anspruch nahm, wenn ihm eine Genossin widersprach. Dabei wurde er noch von den Frauen der RAF verteidigt; er sei "Kader", ein besonders qualifizierter Kämpfer, der sich in den angeblich gleichberechtigten Strukturen eben durchgesetzt hätte. Das sei keine Hierarchie, denn Hierarchie ist ja "bürgerlich". Dabei hat Baader schlicht unreflektiert das Rollenschema seiner Zeit (und vor allem der Zeit davor) ausgefüllt.

Frauen mussten sich damals von ihren Ehegatten noch die Erlaubnis einholen, wenn sie lohnarbeiten wollten. Die Genossin, die den Pascha nicht überzeugen konnte, musste nach derselben Herrschaftslogik eine dumme Sau sein, die nicht wusste, wo ihr Platz war. Es war also nur gut für sie, wenn ihr das ein höher qualifizierter Kader deutlich machte. Zumindest die in der RAF haben das auch eingesehen. Dass es "'68" auch feministische Nischen in der Protestbewegung gab, macht das nicht zu einer "linken" Sache, nur weil Reaktionäre auch aus politischen Gründen gegen Gleichberechtigung sind.

Falsche Adresse

Ein weiterer Irrtum wird sowohl von rechten Trollen wie von selbsternannten Linken verbreitet: Dass "Grün" und Umfeld "links" seien und damit auch Feminismus. Wie gesagt waren die Grünen angetreten als "Ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei”. Sie waren zwar die ersten, die sich an einer Frauenquote versucht haben, aber das stand nicht einmal oben auf ihrer Agenda. Inzwischen haben sie sich von fast allen Idealen getrennt. Davon ist ein unverbindlicher "Umwelt"-Bezug geblieben und eben die Frauenquote. Beides stört nämlich die Profite nicht; im Gegenteil.

Der Alice-Schwarzer-Feminismus tut ein Übriges. Wer Schwarzer für eine Linke hält, glaubt vermutlich auch, dass Merkel eine Agentin der Linkspartei ist. Schwarzer ist nicht nur eine narzisstische Kriminelle, die Feminismus von Anfang an zum Geschäft gemacht hat. Ihre Fraktion hat sich nie um diejenigen Frauen (und die paar Männer) geschert, die sich um Kind und Kegel gekümmert haben. Frauen sollten den Männern gleichgestellt werden, indem sie sich in Erwerbsarbeit verwirklichen und dort den Männern gleichgestellt werden. Die Alternative wäre gewesen, endlich die Knochenarbeit der Mütter gleichzustellen.

Dem Kapital gefällt es (like!), denn damit wurden Millionen Sklavinnen "für den Arbeitsmarkt verfügbar" gemacht. Das deutsche Exportwunder wäre ohne den Lohn senkenden Effekt dieser Heldentat gar nicht denkbar, und mit den Hartz-Gesetzen hat die "linke" (Tusch!) Bundesregierung Ketten und Peitschen dazu geliefert. Das sind diejenigen, denen hie Feminismus unterstellt wird und von denen dort welcher erwartet wird. Sie sollen Gesetze erlassen, die Gleichberechtigung erzwingen. Dergleichen "weltfremd" zu nennen, wäre sehr sehr gnädig.

 
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Während ich hier gelegentlich versuche, komplizierte Sachverhalte diskutierbar zu machen, herrscht in gewissen akademischen Kreisen aus blanker Not die gegenteilige Praxis. Das hat vor allem den Grund, dass intellektuelles Dünnbier serviert wird, das jeder Laie sofort als Unfug erkennen könnte - wäre da nicht eine sprachliche Fassade, die Wissenschaftlichkeit vorgaukelt, wo sie bloß übelstes Geschwurbel ist.

Die Niederungen jener pseudolinken Sekten, die sich an den westlichen Hochschulen eingezeckt haben, sind dank deren Twitterpräsenz und ihrer Eroberung einer Nische in der großen Bildungsruine erschreckend, mithin aber nicht weniger amüsant. Eine der blödesten Ideen der Antidiskiminierungs-Spralleria ist die Erfindung des "Ableismus". Die Moralwächter können nicht genug anklagen, also suchen sie unter anderem Behindertenfeinde, deren Wirken schon damit beginnt, jedwede Ansprüche an irgendwen zu stellen. Wer Leistungsfähigkeit einfordert, ist ein Ableist. Wer meint, man müsse etwas wissen oder können, um einen Job zu machen oder sich an einem Projekt zu beteiligen, diskriminiert Menschen.

Nun ist die Zurichtung der Körper, der Köpfe und der Lebenszeit der Menschen wahrlich ein Thema, das sich zu diskutieren lohnt. Der Kapitalismus, seine Herabwürdigung von Menschen auf "Humanressourcen", die brutale Ästhetik aka "Beauty and Fashion" und der Terror einer psychologisch ausgeklügelten Manipulation von 'Konsumenten' sind ein Grauen. Wer will aber 'heutzutage' noch gegen einen solchen Gegner antreten? Lieber bekämpft man das Unrecht, wo es nicht wehtut und wo man in der Mehrheit ist, die bei Verlegenheit andere einfach niederbrüllt. Falsch eingeschätzt habe ich die kleine Macht der Antiisten, als ich vor gut zehn Jahren das da unten schrub. Das Fazit wäre heute ein anderes: Dahinter steckt nicht bloß Eitelkeit, sondern die Mentalität der Neuen Mitte: Mittelmaß-Mittelschicht, die nach oben buckelt und nach unten tritt:

Sprachmassaker in Kölner Uni

Holger Burckhardt, “Studiendekan” der Kölner Universität, zitiert aus der "Zeit":

Diversity kann – aus meiner Sicht der Transzendentalpragmatik – verstanden werden als plurale und entscheidungsoffene Diskursgemeinschaft, in der der Einzelne zugleich sich bestimmt und dialektisch-reflexiv vollzieht: Sowohl als Dialogsubjekt, bestimmt als sein Miteinander-Gegeneinander mit anderen personalen Intersubjekten, wie auch als Autonomiesubjekt, bestimmt als das um sich als Subjekt des Handelns, Wollens Fühlens, Denkens wissende, personale Subjekt.

Diversity als Mannigfaltigkeit von Lebenspraxen kommt damit produktiv zur Geltung, wenn sich die in ihren Mannigfatigkeiten vollziehenden Individuen und Gemeinschaften ihres Miteinander-Gegeneinanders geltungslogisch und moralisch sicher sind und wenn sie denn Diversity als Individualitäten und Vielheiten, also als Autonomie und Dialogizität mit anderen leben und teilen wollen.

Dieses semantisch und syntaktisch blutrünstige Monster eines Sprachinfarkts sagt uns viel über die Genossen Philosophen, die sich nicht nur bis zur Promotion haben terminologisch verblöden lassen, sondern darüber hinaus noch weitere fröhliche Jahre damit zubringen, jeden Begriff, dessen sie sich ermächtigen, in das Korsett ihres eindimensionalen Wichtigtuerslangs zu würgen, ohne Rücksicht darauf, ob das ein Leser oder Zuhörer noch erträgt. Hinzu kommt bei dem hier ausgestellten Exemplar eine Dimension der Sinnfreiheit, die ohne Umweg Verzweiflung auslöst, wenn man nach Inhalt sucht.

Was sagt uns das da oben? Es gibt einen Begriff, “Diversity”, den man auch schlicht mit “Vielfalt” übersetzen könnte. Herr Burckhart stellt fest, dass man alle seine nichtssagenden Lieblingsvokabeln, ein Konglomerat aus Habermas-Fetzen, gestutzten Vorsokratikern und Kleinkindergestammel, mit dem Terminus in Verbindung bringen kann, um dabei zu der Aussage zu kommen: Menschen wähnen sich als Individuen, sind aber Teil einer Gemeinschaft und erleben sich mal so, mal so. Großartig!

Untersucht man die Implikationen und leider eben nicht logischen Beziehungen der verwursteten Begrifflichkeiten etwas strenger, kommt man obendrein zu dem Schluss, daß “Diversity” etwas verdammt Unwahrscheinliches sein muß, jedenfalls, wenn es/sie “produktiv” sein soll. (Wieso soll sie das eigentlich?) Individuen (und Gemeinschaften) müssten sich schon mal “geltungslogisch und moralisch sicher sein”. (Wieso eigentlich?) Ich bin sicher: Ich war mir noch nie geltungslogisch und moralisch sicher, schon gar nicht mit Gemeinschaften, und beim besten Willen nicht unseres “Miteinander-Gegeneinanders”! Teilen will ich so etwas schon gar nicht, und sollte mir je so ein Umfug einfallen, ich würde sofort Gegenmaßnahmen einleiten.

 
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Eine "Diskussion" typisch für das, was im Internet palavert wird, ist die Frage, ob man einem Nazi in die Fresse hauen darf. Anlass war genau das, dass ein Passant einem Rassisten, der gerade auf der Straße interviewt wurde, mit der Faust ins Gesicht schlug. Die jüngste Einlassung dazu ist die von Jonathan Pie [Youtube], der das ganz und gar nicht gerechtfertigt findet.

Ehe wir zu seinen Kernargumenten kommen, möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, mich explizit auf Moral und Ethik zu beziehen. Meist werden diese Begriffe synonym verwendet, als sei das also ein und dasselbe. Ist es aber nicht. Moral ist eine Handlungsanweisung. Sehr unterschiedliche Beispiele dafür sind die Zehn Gebote und Kants Kategorischer Imperativ. Die Gebote haben Vorschriftcharakter, während der Kategorische Imperativ ein Leitfaden ist, der je nach Situation zu einer moralischen Entscheidung befähigt. Richtig, also moralisch gut, ist das Befolgen der Anleitung, falsch ist das Ignorieren oder der bewusste Verstoß.

Ethik vs. Moral

Ethik hingegen ist eine philosophische Disziplin, eine Wissenschaft. Ich werde nicht müde, sie die "Wissenschaft der (sozialen) Ordnung" zu nennen. Ethik befasst sich demnach mit Handlungsmöglichkeiten und ihren Folgen. Sie muss nicht in eine Moral münden, sie muss vielmehr den Überblick darüber verschaffen, welche Handlungsweisen welche Konsequenzen haben und wie man handeln kann, um eine Ordnung zu stärken, zu schwächen oder zu verändern. Ebenso gehören alle Bedingungen zur Ethik, die den Rahmen für diese Fragen schaffen.

Befassen wir uns vor diesem Hintergrund mit der Frage, ob es richtig ist, einem Nazi in die Fresse zu hauen, wird vor allem eines sofort deutlich: Die Frage ist vollkommen ungeeignet für eine zielführende ethische Diskussion. Das liegt zuerst an der Formulierung und den Unklarheiten. Die Implikationen, also das, was alles gemeint sein kann, sind völlig ungeklärt. Oder kann mir jemand sagen, was genau ein Nazi ist und wie man die Bestimmung dieses Begriffs in einen geordneten Diskurs über Handlungsmöglichkeiten bringen kann? Sie würde schon auf der Startlinie zerfasern.

Es sei denn, man macht es sich einfach, zum Beispiel so: Hier wird argumentiert: "Nazismus ist böse", "man handelt in Selbstverteidigung" und "wenn du kein Nazi bist, bist du (dem Nazi) moralisch überlegen" (weil der für Genozide ist). Hier wird Moral (ich darf jemanden schlagen, das ist gut) mit Moral begründet (Genozid ist böse), und das muss in die Hose gehen. Wenn Moral einen Sinn hat (was man bezweifeln kann), muss sie das Ergebnis einer ethischen Diskussion sein. Innerhalb moralischer Werte und Kategorien kann man keine Handlungsmöglichkeiten erörtern, weil von vornherein 'gut' und 'böse' festgelegt sind.

Unter Barbaren

Es ist sinnlos, über „Nazi“ zu schwadronieren, wenn es eine genauere Kategorie gibt, nämlich „Genozid“. Dann denke ich also darüber nach, wie ich einen Genozid verhindern kann und stelle die Frage, ob das möglich ist, indem ich jemanden schlage, der dafür ist. Dann werde ich mich darauf konzentrieren, ob diese Haltung Konsequenzen hat, auf die ich mit einer Handlung (schlagen) Einfluss nehme. Ich kann dann Bedingungen formulieren, unter denen Handlungen zielführend sind – in dem Sinne, welche gesellschaftliche Ordnung ich fördern oder hemmen kann.

Moral ist immer eine Vereinfachung, die Gefahren birgt. Moral ist gesellschaftliche Praxis, und zwar vor allem ausgeübte Herrschaft über so etwas wie Gewissen oder andere psychologische Phänomene. Wüst wird es da oft, wenn und weil zum Beispiel projiziert wird – das heißt, dass die Moral dazu verleitet, seine vorgefärbte Weltsicht auf das Problem zu übertragen. „Die sind böse/Nazis/Barbaren ...“. Was dabei herumkommt, ist mustergültig indiskutabel. Der Moralist schafft sich hier Rechtfertigungen für alles, wonach ihm der Sinn steht, anders ausgedrückt: Schwachsinn.

Jonathan Pie sagt es auf den Punkt: Wenn du so etwas tust oder befürwortest, bist du „ein Idiot“. Sein anderes Argument ist verzwickt, weil er zwar quasi moralisch argumentiert, dabei aber auch ethisch. Er erklärt nämlich, welche Folgen diese Haltung hat in Bezug auf die Wirkung von Moral, die Folgen einer solchen Moral auf die gesellschaftliche Ordnung: „Man verleiht ihm [dem Gegner / Trump / dem Nazi] die moralische Überlegenheit“. Wenn man sich in diese Niederungen begibt, wird man dort nicht mehr herauskommen.

 
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Auf dem 33c3 hat Joscha einen Vortrag gehalten, den ich nicht hätte live hören mögen, denn er war derart zu schnell, dass ich ihm im Leben nicht hätte folgen können; aber dazu gibt es ja die Videos. Ganz interessant das, aber ich möchte hier nur auf einen Satz eingehen, den er am Rande gesagt hat, bzw. auf dessen Inhalt. Demnach ist bei Nerds die "Belief Assimilation somewhat broken". Das heißt, dass Menschen wie er nicht spontan/"empathisch" einer Regel folgen können, die etwas als 'gut' festlegt, sondern es hinterfragen müssen und rationale Argumente brauchen, um sie zu akzeptieren.

Ich habe tatsächlich noch nie darüber nachgedacht, ob es sich dabei um eine Art 'Störung' des menschlichen Sozialverhaltens handeln könnte. Bislang fehlte mir die Phantasie für die Annahme einer Art intuitiver Akzeptanz sozialer Standards, dass es also normal ist, zu tun, was alle tun und nach sozialem Status zu streben. Ich hielt es vielmehr für eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen fähig sind zu hinterfragen, was von ihnen verlangt wird und dass es quasi Bequemlichkeit sei, wenn sie es nicht tun. Was aber, wenn es sich tatsächlich völlig anders verhält?

Homo homini ovis

Das hieße nicht nur, dass wir Jahrhunderte ethischer Forderungen und Modelle in die Tonne schmeißen können. Es hieße, dass die Konstruktion des bürgerlichen Subjekts von vorn bis hinten eine Illusion ist und dieses nur durch seine irrationalen Bestrebungen an die Ordnung gebunden ist. Am schlimmsten aber wäre die Erkenntnis, dass Aufklärung zwangsläufig scheitern muss, weil Menschen, die bei Entscheidungen mit sozialen Konsequenzen nicht bloß ihren Instinkten folgen, immer in der Minderheit sind. Die Fähigkeit, sich gegen soziale Konventionen zu stellen, wäre eine Art Autismus. Normal ist die unreflektierte Reproduktion der Normen, nicht die kritische Rekonstruktion.

Bis hierher gibt es zwar genug zu denken, aber ich möchte bei der Gelegenheit noch auf die Folgen der sich auflösenden sozialen Kontrolle eingehen. Während gleichzeitig alles getan wird, um Menschen zu überwachen und neuerdings 'Meinung' durch Zwang zu normieren, zerfällt die soziale Orientierung. Was erlaubt oder verboten ist, hängt zunehmend von der Klassenzugehörigkeit ab und was wahr oder falsch ist, vom Tagesgeschäft der herrschenden Medien. Thatchers Sinnspruch "There is no such thing like society" wird wahr, weil es keine verbindenden Normen mehr gibt. Stattdessen wird unter der steten Behauptung einer Gleichheit die Ungleichheit zum allgegenwärtigen Dogma. "Füge dich der Ungleichheit, sorge selbst für Ungleichheit und beharre auf Gleichheit" ist die oberste Direktive - die gelebte Psychose.

Es sind damit die Angepassten, die zur Soziopathie gezwungen werden, weil ihr Status und das, was sie dafür tun müssen von dem Gedanken an Gesellschaft völlig abgekoppelt wird. Eine Norm, eine Moral, eine Regel, die nur für einen Einzelnen gilt, ist keine mehr. Eine Gesellschaft, die sich ausdrücklich selbst abschafft, kann das Bedürfnis(!) nach Anpassung nicht mehr befriedigen. Die Mehrheit der Menschen sehnt sich nach Anpassung, findet aber nichts mehr, an das sie sich anpassen kann. Ich bezweifle allerdings, dass sie sich aus dieser Verzweiflung heraus endlich der Rekonstruktion ihrer Gesellschaft widmet.

 
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Sehr feynen Dank an dieser Stelle an die großzügigen Spender, die mir nach meinem Aufruf ein paar wichtige Wochen Luft verschafft haben. Viele von ihnen kenne ich nicht, einige sind mir bekannt und von denen wiederum weiß ich in einigen Fällen, dass sie selbst nur sehr wenig haben. Auf der anderen Seite gab es Spenden, die mich leicht erröten lassen. Es ist nicht bloß Geld, das ich gut gebrauchen kann, es zeigt mir auch, dass mein Blog oder sein Betreiber da draußen einigen sehr wichtig zu sein scheint. Das werde ich mir merken.

Ich habe zumindest bei einem Kollegen für Aufregung gesorgt, als ich sagte, ich würde eher "Klauen und Abzocken" als einen Antrag auf ALG II aka Hartz IV zu stellen. Das möchte ich bei dieser Gelegenheit gern noch einmal zum Thema machen. Vorweg halte ich es für völlig selbstverständlich, dass dahinter nicht die Message steckt "habe ich nicht nötig" oder "ich bin was Besseres". Vielmehr ist mir völlig klar, dass die Hatz auf Arbeitslose neben dem Drücken von Löhnen genau diesen Effekt haben soll: dass so viele wie möglich gar nicht erst ihre Ansprüche geltend machen; sie kosten dann nämlich nichts und sind offiziell auch nicht arbeitslos.

Zwischen Tripper und Syphilis

Wenn du also (länger als ein Jahr) in Not gerätst, hast du diese beiden Optionen, auf deinen Anspruch auf Existenzminimum(!) zu verzichten oder einen kompletten Striptease zu machen, deine Intimsphäre aufzugeben, dich zum Befehlsempfänger und Willküropfer zu machen und jede Schikane zu ertragen, die sich wer ausdenkt. Okay, so lange du stark genug bist, kannst du dich hier und da wehren, vor 'Sanktionen' schützt dich das aber auch nicht.

Ich bin schon allein zu zornig für solche Strukturen. Da ich dem Ärger nicht aus dem Weg gehen könnte, würde ich recht schnell an die Grenze stoßen, an der mich der Verzicht auf Gewalt zu viel kosten würde. Das sind die paar Flocken nicht wert, ebenso wenig wie die Alternative, sich an einem Büttel der Maschine zu vergehen. Ich kenne die Situation wie gesagt aus Besuchen, bei denen ich Abhängige begleitet habe. Es gab Situationen, in denen ich, wäre es um mich gegangen, den Boden der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung verlassen hätte.

Es liegt durchaus nicht in meiner zweiten Natur eines guten Deutschen Arbeitsmannes, um Zuwendungen zu bitten, auch nicht weil ich meinte, meine Arbeit hier wäre das 'wert'. Es ist ein Sprung über den Schatten, der freilich bei Weitem nicht so lang ist wie der des JobCenters. Ich respektiere jeden, der eine andere Entscheidung trifft. Der Skandal liegt darin, dass man Menschen tatsächlich dazu zwingt.

 
pd

Der Kiezneurotiker ist ganz begeistert von Bayern, was man im Spannungsverhältnis zu seiner Heimat am BER ganz gut verstehen kann. Ich verrate aber kein Geheimnis, dass die Freundlichkeit eine Kehrseite hat. Zudem fiel mir ein, dass es nicht Bayern sei, sondern vielmehr das Ländliche, das ihm dort begegnet. Dies wiederum werde ich gleich relativieren müssen.

Beginnen wir mit dem rustikal persönlichen Kontakt, den man auf dem Land erfahren kann. Ich habe einmal einem Pfälzer, der mich in aggressivem Ton fragte, ob man „bei euch“ nicht grüße, geantwortet, dass in meinem Dorf eine halbe Million Menschen wohnen und wir uns einfach nicht alle grüßen können. Wollte der Mann nicht verstehen. Sein Problem.

Wir, ihr, sie

Überhaupt ist das so eine Sache mit der Freundlichkeit auf dem Land. Wenn du halbwegs so aussiehst wie sie, ist das in Ordnung. Kommst du hingegen irgendwie anders daher, bist du ganz schnell verdächtig, schuldig, draußen. Ein Freund von mir wurde in Bayern einmal von einer Tankstelle verjagt, weil er Husten hatte. Sie wollten sich „nichts holen von so einem“.

Worauf ich hinaus will, ist die (Verzeihung, an dieser Stelle brauche ich den Begriff) Dialektik von Freiheit und Identität. Beides steht in einem Gleichgewicht, das in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich ausfällt. In der Großstadt ist mehr Freiheit, die mit einer gewissen Anonymität Hand in Hand geht. Auf dem Land, wo jeder Insasse jeden anderen kennt, bist du gut aufgehoben, aber die Toleranz ist dem gemäß geringer. Wenn du einer von ihnen sein willst, musst du dich anpassen.

Wollte man mit Rücksicht auf diese Charakteristik einer Gesellschaft versuchen, das Beste draus zu machen, würde man versuchen, so viel Freiheit wie möglich zu bieten und dabei die Menschen dennoch zusammen zu halten – oder auch umgekehrt. Besonders ungemütlich wird es da, wo beides ins Rutschen kommt. Ihr ahnt es kaum, da lande ich geradewegs auf dem Land - im Osten.

Mia san nix

Ein weiteres Steinchen im Puzzle der aggressiven Fremdenfeindlichkeit dürfte im Verlust von Identität liegen, die kein Stück mehr Freiheit mit sich bringt. Auf dem Land ist immer noch auf dem Land, aber die spießige Gemütlichkeit Ost war an einen inzwischen verbotenen Sozialismus gebunden und die Spießigkeit West hat außer leeren Versprechungen nichts für die Brüder und Schwestern® geleistet. Kohls und Merkels haben ihre Stimmen eingesammelt, interessieren sich aber ansonsten einen Dung für ihr Leben, es sei denn, sie besuchen ein JobCenter, dann wird ihnen 'geholfen'.

Bayern ist eine andere Liga. Hier steht der Filz wie eine Mauer, man ist wer im Deutschland und weiß sich im Recht einer ungebrochenen Tradition seit AD 555. Die Bayern haben keine Angst vor Fremden, sie können ganz selbstbewusst entscheiden, ob sie sie willkommen heißen oder ihnen den Weg zum Bahnhof zeigen. Sie sorgen frreilich dafür, dass es nicht zu extrem® wird. Man ist tolerant, und zwar exakt bis dort. Vermutlich kann man damit leben. Ich habe mich dort aber nie wohlgefühlt.

 
sf

Dass die hiesige 'Demokratie' nichts von sich wissen will, äußerst sich unter anderem in dem eklatanten Mangel an dem, was die Marktideologie "Qualitätsmanagement" nennt. Früher sagte man auch "Reflexivität", gemeint ist ein kritischer Blick auf die Abläufe, die Ansprüche und die Wirklichkeit. Worüber ich noch nie jemanden habe diskutieren hören ist die Frage, inwieweit sich der Anspruch auf Stellvertretung und der auf demokratische Teilhabe im Weg stehen. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach:

Wenn hier die politischen Stellvertreter gewählt werden, ist der Wähler weitestgehend raus aus dem Rennen; dann übernehmen die Vertreter und tun, was sie für richtig halten. Obendrein haben diejenigen Stellvertreter den größten Einfluss, die am weitesten weg sind, nämlich die oben bzw. in der Zentrale. Zuerst kommt der Bund, dann die Länder, dann die Kommunen und deren Behörden. Was auf der entscheidenden Ebene passiert, hat endgültig gar nichts mehr zu tun mit denen, die das alles legitimieren sollen. Die wollen aber etwas damit zu tun haben, und zwar egal, ob sie konkrete politische Vorstellungen haben oder ob sie bloß das Gefühl brauchen, dabei zu sein.

Nichts zu sagen

Vollends skurril wird das alles, wenn man sich damit beschäftigt, wie Stellvertretung inhaltlich funktioniert. Da gibt es Prominente und ihre oft widersprüchlichen Aussagen, da gibt es Parteiprogramme und Wahlprogramme. Man könnte jetzt annehmen, dass die Wähler solche Programme lesen und ihnen zustimmen, das ist aber nicht der Fall, wie spätestens ein Phänomen wie die AfD belegt. Aber auch SPD oder Grüne sind feine Bespiele dafür, was Partei- und Wahlprogramme wert sind, nämlich keinen Bogen Papier. Wie gut, dass es die Menschen sowieso nicht interessiert.

Im "freitag" gibt es einen Artikel dazu, wie wichtig das sich-Identifizieren mit Gruppen und deren Selbstverständnis ist. Zitat:
"Welchen psychopolitischen Effekt das hatte, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass kommunistische und sozialdemokratische Parteien historisch nicht nur als nüchterne Interessenvertreter der Arbeiterschaft dienten, sondern immer auch proletarische Identitätsmaschinen bildeten. Mit einem Repertoire an Symbolen und Narrativen, von der roten Fahne bis zur Internationale, gaben sie ihren Anhängern zurück, was im Fabrikalltag verloren zu gehen drohte: Stolz und Würde."
Treffer, versenkt!

Es ist nicht bloß das Gefühl, übervorteilt und belogen zu werden, nicht bloß eingeübte Missgunst, Rassismus oder Geldfetisch, was Menschen der AfD in die Arme treibt. Es ist die Gewissheit, abgehängt zu sein, und zwar nicht die der an den Rand Gedrängten und Aussortierten, sondern aller Menschen, die auf den Nutzviehstatus "Wähler" reduziert wurden. Sie haben nichts mit ihrer Gesellschaft zu tun. Ein Grund für den neurotischen Hass auf Fremde dürfte der sein, dass da welche kommen, die genau so wenig mit dieser Gesellschaft zu tun haben und es den Heimischen gerade darum plötzlich auffällt: Ihr seid irrelevant, habt nichts zu entscheiden und gehört nicht dazu, wenn über euch entschieden wird.

Das sind wir

Dass nicht ausgerechnet die Rechten Klassenbewusstsein fördern, ist nicht verwunderlich, leider stimmt es aber, dass man über die selbsternannte 'Linke' sagen muss:
"sie zerstörten auch die letzten Reste eines Klassenbewusstseins. Das zeigt sich schon sprachlich. Aus Arbeitern wurden „Geringverdiener“, aus Proletariern „sozial Schwache“. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern."

Auch aus dieser Perspektive ergeben sich für mich zwei Konsequenzen, die hier regelmäßig gefordert werden:
Erstens ist es nicht mehr möglich, sein Glück im System zu machen und irgend etwas daran zum Guten zu wenden. Entweder man geht übers Drahtseil der Mittelschicht, macht mit, erfreut sich seines kleinen Glücks, festigt die eigene Ohnmacht bis sie einen abstürzen lässt und beruhigt sein Gewissen mit ein bisschen Opferhilfe oder man tritt heraus und erkennt, dass man Teil der unterdrückten Klasse ist.

Zweitens muss politische Organisation zurück zu den Menschen gebracht werden. Das bedeutet, die Kommune zur wichtigsten Ebene der Entscheidungen zu machen, nennen wir es meinetwegen „Kommunalismus“. Wenn ich die Probleme ebenso intim kenne wie die Menschen, die sie bewältigen, bin ich an den Entscheidungen beteiligt. Ich kann mich damit identifizieren, weil ich Einfluss nehme und weil ich wahrgenommen werde. Das Gegenteil ist heute der Fall. Man muss sich dann nicht wundern, wenn sich 'Identitäre' sammeln als Gegenbewegung zu dem Nichts, auf das die Menschen in diesem System reduziert werden. Es ist ebenso verständlich, wenn diejenigen das erfolgreich nutzen, die Identität bilden, indem sie ausschließen, denn das ist der einfachste Weg.

 
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Es kommt mal wieder nicht so darauf an, also stelle ich mir hier mal einzwo Fettnäpfchen hin und hüpfe vergnügt hinein. Ich habe eben über gewisse Problemchen im Umgang miteinander gesprochen, unter besonderer Berücksichtigung geschlechtstypischen Verhaltens. Schade, dass hier keine Genderisten mitlesen, die würde ich sonst prophylaktisch ohne Essen ins Bett schicken. Das Ganze verquirle ich dann noch mit Ursachen von Terror und Amok, sofern sie nicht kriegsbedingt, sondern ein Syndrom verwöhnter Zivilisten sind, und das geht so:

Es muss furchtbar anstrengend sein, Mädchen unter Mädchen zu sein, wobei die Verweiblichung von Kindheit und Jugend obendrein voranschreitet. Du musst ständig aufpassen, was du sagst, wie du aussiehst, wie du dich bewegst und mit wem du umgehst. Ständig. Sobald etwas an dir zu einer negativen Wertung führen kann, wird es das auch. Hinter deinem Rücken werden sich Fronten bilden, du wirst zwischen diese Fronten geraten, oft ohne es zu wissen, und sobald du dort stehst, wird dich jemand anschießen. Dies ist das Signal für eine Phalanx von Weibern, dich feixend als Pfosten des Tages stehen zu lassen. Morgen ist dann die Nächste dran, und wenn du nicht Nerven aus Stahl hast, feixt du dann mit.

Der ehrliche Schlag in die Fresse

Die Jungswelt sieht hingegen so aus: Jemand geht dir auf den Sack. Wenn du nett bist, ignorierst du es. Er geht dir nochmal auf den Sack. Du tolerierst es vielleicht, gibst ihm aber zu verstehen, dass er das mit anderen machen soll. Beim dritten Mal spätestens wird entschieden, ob er das lassen kann oder man sich auf die Fresse haut. Okay, das macht man dann ab und zu. Wenn das durch ist und wir uns nicht unter echtem Abschaum befinden, tritt niemand auf den am Boden, und am Ende saufen die Hähne einen auf die klare Entscheidung.

Die Gesellschaft der Poser, Trickser und Intriganten hat das Sozialverhalten auf schlimmste Weise verweibert. Der offene Kampf ist verpönt, belohnt werden hingegen der verdeckte Krieg, der plumpe Anschein, die Fassade, das Mobbing. Als "Transparenz" gilt hier schon, wenn man nach vollzogener Strafe erfährt, welchen Vergehens man verdächtig war. Direkte Aggression hingegen, spontane offene Aktion, gilt als Gewalt. Selbst wer nicht auf hypothetisch mögliche Unsichtbare und ihre in Jahren der Maulwurfsarbeit erschlichene 'Rechte' vorab Rücksicht nimmt, ist ein brutaler Dominator. Triggerwarnung!

Gewalt wird in einem Maße aufgeschoben, angestaut, tabuisiert und in absurde Reglements sublimiert, dass es einfacher ist einen Atomkrieg zu entfachen als sich gegenseitig einer ehrlichen Antipathie zu versichern. Gewalt gibt es entweder als Verwaltungsakt oder als total enthemmte psychische Explosion. Es wird so lange Druck aufgebaut, bis einfache Kneipenschläger mit Anpassungsproblemen zu mordenden Bestien werden. Die Zivilisation hat den Bogen überspannt und ihr archaisches Erbe aufgeladen anstatt es zu zähmen. In der der denkbar übelsten Kombination hat sie männliche Brutalität und weibische Grausamkeit zu Terror und Amok kultiviert.

 
sf

Okay, das ist schon so etwas wie das Ceterum Censeo der Dilettanten, von denen ihr uns regieren lasst: Wir brauchen mehr Überwachung aller Bürger, da die Täter alle aktenkundig waren. Wir brauchen mehr Aktenkunde, denn nur so lässt sich nie wieder ein Anschlag verhindern. Wir brauchen außerdem härrtere Strrafen, denn Selbstmordattentäter und Selbstmord-Amokläufer haben furchtbare Angst vor diesen Strafen. Wir müssen den Terror dort bestrafen, wo er keimt, nämlich im Nahen Osten, wo endlich der Sieg errungen werden muss. Mehr Militär, mehr Waffen, mehr Krieg.

Wir müssen mehr verbieten, brauchen schärfere Gesetze, denn wer sich illegal eine Waffe besorgt hat, dem muss das verboten werden. Wir müssen Messer verbieten, Äxte, Sägen, Rucksäcke, Feuerzeuge, Benzin, Nägel, Schrauben, Nagellackentferner, ach was Nagellack, selbstverständlich Radikalisierung, mithin Schriften, Videos, Texte, Internet. Sowieso Ausländer raus. So viel wie immer und vorab.

Kommen wir nunmehr zu Fragen, die nicht diskutiert werden, weil sie nicht ins religiöse Weltbild der Feindrechtler und ihrer verblödeten Presseheinis passt:
Warum sprengt sich ein junger Mann in die Luft, erschießt sich ein anderer, lässt sich der nächste erschießen? Was führt dazu, das ist exakt die richtige Frage, "dass ein Amoklauf wie eine valide Handlungsoption aussieht"?.

Optionen

Ich überspringe einmal die Option, Menschen einfach nicht mehr zu bombardieren, womit ein Großteil des Jobs getan wäre. Für die Zukunft ist das der heiße Tip, für den es sogar überwältigende Mehrheiten gibt. Da wir uns aber bereits in die Bredrouille gemordet haben, sind die Entwurzelten und Traumatisierten eben hier. Wie wäre es da mit ... Integration? Auch hier wieder ein Sprung, denn man hätte das alles kommen sehen und sich vorbereiten können. Stattdessen kam das Merkel und meinte, mal eben eine Gesellschaft einladen zu müssen, für die es weder Tische noch Stühle gab.

Kurz noch eine Parallele: Dieselbe Politik, die sich einen Dung für Menschen interessiert, dafür um so mehr für die geostrategischen Interessen der westlichen Geldwertegemeinschaft, hat es als opportun betrachtet, sich auf Erdogan einzulassen. Prima, jetzt paktieren wir also mit einem eiskalten Diktator. Das ist nicht nur für sich ein Schlag ins Gesicht, es steht auch in Verbindung mit der schon traditionellen deutschen Blödheit, sich Fremde ins Land zu holen und dafür zu sorgen, dass sie fremd bleiben.

Wir haben allein fast 3 Millionen Menschen hier, die Wurzeln in der Türkei haben. Wir haben sie hierher geholt, um die Löhne schön knapp zu halten und Drecksarbeit zu machen; dafür haben wir sie in Ghettos leben lassen. Sie haben sich dennoch sehr weitgehend integriert. Sie, nicht wir, obwohl es ein Prozess auf Gegenseitigkeit sein sollte. Was wissen wir nun von ihnen? Wie steht es um den Kontakt des Establishments zu diesem Teil der Bevölkerung? Oh! Jetzt liegt es in der Luft, dass ein Teil von denen auf einen anderen losgeht. Wissen wir nicht, denn wir kennen sie nicht und wir wissen nichts von ihnen.

Sowas von sowas

Und weil sich eben keiner, der sich in die Marmorhallen tragen lässt, sei es als Erbe oder als Funktionär und Lobbydiener, Gedanken um Menschen und deren Probleme macht, kennen sie nur ihr Business und das, was es gefährdet. So sagen sie es auch: Das sind Gefährder, Gefahren, Kriminelle. Denen kommt man eben mit Härte, Gewalt und Verboten. Heute lockt man sie her, morgen will man sie schon wieder abschieben.

Das alles schließt an den ebenfalls schon traditionell eifersüchtigen und unsolidarischen Umgang an, auf den die Menschen regelrecht gedrillt werden. Man ist etwas Besseres, immer, und dazu muss jemand schlechter sein; durchgefallen, ausgeschlossen, besiegt, abgewertet. Womit sich der Kreis schließt: Wer sich immer und immer wieder als Verlierer erlebt in einer Gesellschaft, die nur die Siegerpose erlaubt, wer sich permanent bewerben muss und dessen Hochglanzbroschüre ihn immer noch zu schlecht aussehen lässt, was hat der für Optionen?

Die Reaktionen der so dressierten Nationalbürger sind in diesem Zusammenhang verständlich. Sie erwehren sich der fremden Gefahr. Sie sorgen dafür, dass ihr Teil vom Kuchen namens "Neid" nicht den Anderen zufällt. Sie tun etwas, wo jene, die ihnen das eingeimpft haben, nur schwätzen, und sie haben erfolgreich verinnerlicht, dass erst das Ego kommt und dann der Mensch. Blöd nur, dass die Lage damit außer Kontrolle geraten ist, nicht mehr beherrschbar. Selbst das Prinzip Divide-et-impera trägt nicht mehr. Es bleibt das nackte "Divide" mit seinen wenig überraschenden Folgen.

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