sozialzeugs


 
eurosnasmEs gibt Entwicklungen, in denen sich alle Fäden zu begegnen scheinen, die auf kurzem Wege ins Zentrum kapitalistischer Dekadenz, sprich Kulturzerstörung führen. Ich muss ein wenig ausholen, um das zu erklären und mit einem scheinbar harmlosen Satz zu verknüpfen, der vordergründig gar nichts mit Kultur, Kapitalismus oder Gesellschaft zu tun hat; einer Aussage im Grunde technischer Natur.

Beginnen wir mit der Rolle der Einzelnen, der Individuen, ihres Willens und ihrer Absichten. Ich betone immer wieder, dass die Mächtigen austauschbar sind, aber nicht ihre Ziele, dass es Systemzwänge gibt – vor allem den, aus Geld mehr Geld zu machen – und dass es nicht der Wille einzelner ist, auch nicht der von Gruppen und Zirkeln, der die Verhältnisse prägt. Dass es dennoch Zirkel gibt, die Interessen bündeln, widerspricht dem nicht. Sie verstärken aber erstens den allgemeinen Trend nur und repräsentieren zweitens innerhalb der Konkurrenz großer Wirtschaftsmächte nur dasselbe. Vielleicht bedarf es solcher ‘Konkurrenz’, um ein Feindbild zu haben, dass die innere Struktur der jeweiligen Machtgebilde stützt. Der neue Kalte Krieg ist ein gutes Beispiel dafür.

Fanpeople und andere Zombies

Was aber geschieht mit dem Individuum, der Person, dem Einzelnen innerhalb dieser Struktur? Dass die Einzelnen sich in eine Konkurrenz untereinander zwingen lassen (divide et impera) sei hier einmal außen vor gelassen. Die Sphäre der unmittelbaren Produktionsbedingungen ist das eine. Was aber geschieht im Rahmen der Konsumentenrolle?

Hier kennen wir das Phänomen der Fanpeople, jener Zombies, die sich an eine Marke ketten lassen und aktiv die Propaganda des Herstellers auf die Spitze treiben (allen voran Apple). Programmierte Idioten, die sich über den Haufen rennen oder tagelang vor Kaufhäusern kampieren, um als erste ein neues Produkt zu kaufen, das dem Systemzwang folgend wiederum wahrscheinlich noch schlechter ist als das alte. Kennen wir. Solche Menschen sind für Argumente verloren.

Diesseits der Grenze, an der sich Konsumenten zum sprichwörtlichen Affen haben machen lassen, die nach jeder Banane bzw. jedem Apfel greifen, für den sie Wochen ihrer Arbeitskraft eintauschen, gibt es ebenfalls traurige Bewusstseinstrübungen, ohne dass deren Opfer sich von Marken-PR haben verblöden lassen. Sie bringen eifrig eine Entwicklung voran, die sich der irrsinnigen Produktionsbedingungen und der gehetzten Anpassung daran verdanken. Anstatt je innezuhalten und sich zu fragen, was der ganze Schnickschnack soll, wem das nützt, was das bringt und ob man das wollen kann, wird das, was es vorgestern noch nicht gab und was gestern auf den Ramschtisch geworfen wurde, heute zum Zwang für morgen erklärt.

Wer kauft wen

Das aktuelle Beispiel, das mich auf die Pappel gebracht hat, ist die Aussage, es würde schon bald niemand mehr Mails schreiben. Dieser Schwachsinn bringt eins zu eins das Interesse der Kommunikationsindustrie zur Sprache und erklärt nebenbei einen Austausch, der über einzelne verkürzte Sätze hinausgeht, zur intellektuellen Zumutung. Wir schenken Facebook/Whatsapp unsere Innereien, lassen uns von allen möglichen Services mit Werbung zudröhnen, anstatt so privat wie halt noch möglich in Ruhe ein paar Sätze auszuformulieren, ja? Wir funken nur noch gehetzte Fetzen durchs Netz und zeigen Schnappschüsse unseres genormten Lebens, um am Ende unsere eigenen Konsumgewohnheiten so konsumierbar zu machen, dass wir gar nichts mehr sagen müssen, weil der Bot mit seinen Filtern eh schon weiß, was unser zerebrales Management sich als nächstes zusammendeliriert.

Ich weiß nicht, wie viele Charakteramöben da draußen sich bezahlen lassen für solche ‘Meinungen’ und wie viele Deppen so etwas plappern, weil sie glauben, es sei das, was man eben plappert, wenn man modern ist. Es spielt keine Rolle mehr. Es ist eh alles gelogen. Übrigens auch der alte Satz der Keynesianer und Binnenmarktretter: “Autos kaufen keine Autos“. Doch, das tun sie, und in dem Maße, in dem Autos das Fahren übernehmen, übernehmen die Menschen das, was ein Auto ausmacht: sich so entwerfen, programmieren und produzieren zu lassen, dass am Ende der größtmögliche Profit dabei herausspringt.

 
kirch

Dass der Neoliberalismus religiöse Züge trägt, war hier häufig Thema. Zuletzt fiel mir aber auf, dass nicht nur diese unwissenschaftliche, ideologisch aufgeladene Wirtschaftsverklärung religiöse Züge trägt, sondern generell alle möglichen ‘Theorien’ und Weltbilder zur Religion werden, wo sie sich eben für den Selbsterhalt und gegen die Wirklichkeit entscheiden. Entscheidend für einen solchen Werdegang – selbst von einem wissenschaftlichen Bemühen – hin zur religiösen Verklärung ist das, was unter dem sperrigen Begriff “Theodizee” gefasst wird, der aber recht einfach zu verstehen ist.

Dahinter verbirgt sich die Frage danach, wie das Böse in die Welt kommt, wenn es einen allmächtigen guten Gott gibt. Von der Beantwortung dieser Frage hängt die Ausprägung der Religion ab. Dass aber überhaupt dieser Grundwiderspruch gekittet wird anstatt ihn zu benennen oder auszuräumen bzw. die Theorie an die Wirklichkeit anzupassen, charakterisiert Religion. Der einfache Schluss nämlich, dass es einen solchen Gott unter realen Bedingungen nicht geben kann, ist Tabu. Der Erhalt der festgelegten ‘Wahrheit’, auf der eine Gesellschaft beruht, gilt mehr als eine Wahrheit, die sich der Realität stellt.

Ich zweifle, also bin ich – draußen

Dies stellt sich überall dort ein, wo der Zweifel am Gegebenen unterdrückt wird oder die Zugehörigkeit zu der unter einer bestimmten Weltsicht vereinigten Gesellschaft den Zweifel ausschließt. Das kennen wir von Religionen, aber auch von Fußballvereinen oder eben ‘Ökonomien’. Beim Fußball ist das ganz einfach: Wenn unsere Mannschaft foult, ist das gesunde Härte, tut’s der Gegner, ist er ein mieser Treter. Unsere stehen nie im abseits, die anderen immer, und egal wie deppert wir kicken, wir sind immer die Größten. Da sich dieser Fan-atismus auf einen übersichtlichen Bereich gesellschaftlicher Relevanz begrenzt, ist die Gefahr, die davon ausgeht, ebenfalls begrenzt.

Auf der Ebene einer großen Gesellschaftsformation aber, eines Staates oder Staatenbundes gar, einer globalen Ökonomie oder einer verbreiteten Weltsicht ist das Problem von extremer Brisanz. Dabei besteht es nicht in einer falschen Auslegung von Wirklichkeit, sondern darin, dass der Erhalt der vorhandenen Strukturen zwangsläufig in solchen religiösen Fanatismus mündet. Religion ist reaktionär und alles Reaktionäre nimmt religiöse Züge an. Die Verbindung von Religion und Herrschaft ist also weder zufällig noch gewollt, sondern unvermeidlich, solange Menschen sich mit Tabus und Dogmen das Denken einfach machen.

Es war mir schon sehr früh klar, dass man etwa Faschismus nicht verstehen kann, wenn man sich ihn nicht als beste aller Gesellschaftsformen vorstellt. Genau so klar muss es sein, dass es keine ‘Wahrheit’ geben darf, die nicht infrage gestellt wird und vor allem keine Theorie verboten werden darf. Gar keine, niemals. Das Schlimmste aber, in dem eine Gesellschaft enden kann, ist eine festgelegte Weltsicht, in der gut und böse, wahr und falsch, schön und hässlich nicht einmal mehr verhandelt werden kann. In der allein das Nennen eines Namens zum Schweigen verurteilt, weil dahinter alle die Zweifel drohen, die angeblich ins Verderben führen. Wenn es nicht die Wirklichkeit ist, die über den Wert eines Gedankens entscheidet, sondern der produzierte Common Sense. Das ist der Zustand, in dem Dummheit und Brutalität das Regiment übernehmen.

 
justitDas Thema “Staat” kreuzt immer wieder die Diskussion, war schon vielfach explizit Thema hier, ich zitiere aus einem der Artikel dazu, um noch einmal auf ein Problem zu verweisen, das viele Linke bagatellisieren:

Es gibt auf dieser Seite nicht einmal haltbare Ideen, wie ein universales Recht sich etablieren kann, ohne dass die Gemeinschaft ein kollektives Rechtssystem einrichtet, das sich wiederum zur Bildung von Klassen und Schichten missbrauchen lässt. Strukturell ist offenbar keine Form der Gesellschaft in Sicht, die das Recht des Stärkeren nicht fördert.

Wir hatten in den letzten Wochen gleich zweimal die Gelegenheit zu beobachten, was eine Unschuldsvermutung wert ist, vor allen wenn sie ausbleibt. Edathy war bereits als öffentliche Person vernichtet, ehe irgendwer wusste, was er überhaupt getan hatte. Juristisch ist ihm bis heute nichts nachgewiesen. Hoeneß wiederum wurde nachgestellt, ehe er verurteilt war, weil gewisse Publizisten die paar Tage nicht abwarten konnten, bis das zuständige Strafgericht sein Urteil fällte.

Alternative Lynchjustiz

Es geht hierbei um nicht weniger als die Verhinderung von Lynchjustiz. Die bürgerliche Gerichtsbarkeit hat mit der Unschuldsvermutung einen einzigartigen Schutz von Verdächtigen etabliert, der die einzig vernünftige Grenze genau an der Stelle zieht, wo der Unterschied zwischen Verdächtigen und überführten Tätern liegt. Diese Grenze zu akzeptieren heißt zivilisiert zu handeln. Sie zu missachten oder zu verschieben – was immer willkürlich ist – ist der entscheidende Schritt in die Barbarei.

Es muss nicht “der Staat” sein, in dessen Rahmen solche Rechtsprechung stattfindet, sie muss nicht “im Namen des Volkes” geschehen, aber es muss eine feste Instanz geben, die nach festgelegten Regeln allein dafür zuständig ist, ein Urteil zu fällen. Nach diesem Urteil steht fest, ob jemand Täter ist oder nicht. Danach erst darf er behandelt werden wie einer, und zwar in jedweder Hinsicht.

Feste Regeln, die nicht nach Laune oder abhängig von anwesenden Interessenten verändert werden können, gemeinhin als Gesetzgebung bekannt, sind wiederum eine Voraussetzung für solche Rechtsprechung. Grundzüge einer solchen Justiz kennt bereits das Altertum; die bürgerliche Gesellschaft hat dem mit der Gewaltenteilung, den Regularien zum Ablauf der Urteilsfindung und der Erklärung der Menschenrechte zivilisatorische Errungenschaften hinzugefügt, die ich für unverzichtbar halte. Es ist keine Einschränkung, sondern eine Aufforderung, dass einige der darunter gefassten Versprechen gern verwässert oder gleich mit Füßen getreten werden.

Vulgäranarchismus

Wo immer staatliche Ordnung zusammenbricht, kann man beobachten, dass Lynchjustiz zurückkehrt, Willkür und Grausamkeit aufziehen. Das Recht des Stärkeren, der größeren oder besser bewaffneten Gruppe setzt sich durch. Dies alles ist unabhängig davon, ob kapitalistische Strukturen vorherrschen. Auf der anderen Seite, das muss ebenfalls zur Kenntnis genommen werden, ist der Staat als solcher korrumpierbar, und zwar um so mehr, je größer die Machtballung ist, die er zulässt. Hierarchien, zentrale Macht und große Vermögen sind dabei eine Grundgefahr für jede Gesellschaft.

Die Konsequenz daraus muss sein, dass sich Gesellschaften Regeln geben. Diese Regeln müssen stabil sein, in einem zivilen Rahmen ausgeführt werden und auf einem breit verteilten Machtgefüge ruhen. Das bedeutet, dass u.a. die Verhinderung von Korruption eine Schlüsselfunktion in einer solchen Gesellschaft innehat. Nicht bloß “Staatsgewalten” müssen sich gegenseitig kontrollieren, sondern jede Form von Macht muss eingeschränkt werden. Es darf keine Herren und keine Sklaven mehr geben. Dies erreicht man u.a. durch die Umkehrung der politischen Zuständigkeit, von der Zentrale in die Region. Die Kommune ist die mächtigste Instanz, überregional wird nicht verfügt, sondern koordiniert.

Ich halte es nach wie vor für einen fatalen Fehler, die Rolle des Staates im Kapitalismus, in dem er als Diener des Kapitals fungiert, für eine Art Vulgäranarchismus theoretisch zu missbrauchen. Genauso wenig liegt mir an einem Staat, der das sozialistische Paradies reguliert. Wer aber ganz generell die Errungenschaften der Zivilgesellschaft aufgibt, weil sie historisch mit dem Kapitalismus verbunden sind, macht sich zum Handlanger der Barbarei.

 
Ich habe mich bereits in diesem Artikel eingangs über das Demokratieverständnis geäußert, das gemeinhin Petitionen zugrunde liegt. Es wird in Zeiten der Langeweile, die manche vor ihrem PC partout nicht totgeschlagen bekommen, aber immer erbärmlicher, was an sogenannten “Petitionen” – die übrigens meist gar keine sind, sondern eine Art Statement zum Abnicken – im Internet kursiert. Für ein Highlight in dieser Hinsicht haben just die Nachdenkseiten samt ihrer Tochterfirma Spiegelfechter gesorgt. Dort heißt es – nachdrücklich ernsthaft – “Anstand retten“, gemeint ist eine Kampagne gegen den Verbleib von Uli Hoeneß im Amt des Präsidenten des FC Bayern, drei Wochen vor dem ersten April. Welch ein intellektueller Limbo!

“Anstand retten”! Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, den in diesem Imperativ geronnenen Schwachsinn zu sezieren. Ein Appell ausgerechnet an die FC Bayern AG, in deren Vorstand schon ein verurteilter Steuerhinterzieher sitzt, deren Ex-Präsident aus steuerlichen Gründen gar nicht erst in Deutschland wohnt und nebenbei keine “Büßerkäppis” oder “Ketten” in Katar zu sehen bekam, womit für ihn das Thema “Sklavenarbeit” dort erledigt war. Ein Verein, dessen sportlicher Anstand seit Jahrzehnten darin besteht, der Konkurrenz die besten Spieler abzukaufen, um sie notfalls auf die Tribüne zu setzen. Vor allem aber, und da darf der Unterkiefer dann endgültig auf den Schuhspitzen Urlaub machen, ein Laden mit Millionen Fans. “Fans”, das ist nicht nur die Abkürzung von “Fanatics”, die sind auch tendenziell so.

Hoffentlich merkt’s keiner

Die Speerspitze der linksliberalen Publizistik macht sich hier also auf, einen millionen Köpfe starken Pöbel mit den Mitteln des Pöbels herauszufordern. Das ist eine der mutigsten Troll-Aktionen, die mir bislang begegnet sind. Hoffentlich merkt das keiner! Immerhin ist diese Aktion en passant dazu geeignet, eine große Schwäche sogenannter “Petitionen” jenseits des Petitionsrechts aufzuzeigen. Es kann nämlich nur dafür votiert werden und nicht dagegen. Ihr Glück diesmal, denn der durchaus mit Siegen verwöhnte FCB würde diesen Mumpitz in einer Weise pulverisieren, die Grund zu einer Extrafeier gäbe. Sowohl der Fußballverein, der da plötzlich zur moralischen Instanz avancieren soll als auch dessen Anhänger- und Kundschaft würden euch also sicher gern zeigen, was sie unter “Anstand” verstehen, aber die werden ja nicht wirklich gefragt.

So viel kurz und launig zum Kontext, in dem sich das bewegt. Was mir aber wirklich die Hand ins Gesicht nagelt, ist das Niveau dieser Hetze, das mit viel Schwung vielleicht die Stammtischkante von unten erreicht. Nur weil das Opfer dieser Ameisen ein Elefant ist, bloß weil man Uli Hoeneß aus nachvollziehbaren Gründen für einen Drecksack halten kann, erklären diese Musterdemokraten einmal mehr das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung für eine Marginalie. Ja richtig: Auch Uli Hoeneß ist unschuldig – im Gegensatz zu Karl-Heinz Rummenigge übrigens. Der Mann ist noch nicht verurteilt, und wer nicht kapieren will, dass exakt das mit “Unschuldsvermutung” gemeint ist, stellt seine selbstherrliche Moral über die Rechtsstaatlichkeit.

Hinzu kommt, aber das kapieren diese Reförmchenschubser ja eh nicht, dass es einem kapitalistischen Unternehmen egal sein muss, welche moralischen Standards ihr Spitzenpersonal spazieren trägt. Im Zweifelsfall sind gar keine die besten. Moral ist ineffizient. Moral kostet Geld. Moral ist etwas für Leute, die es sich leisten können zu verlieren.
Auf der anderen Seite ist sie ein tolles Spielzeug für Leute, die immer recht haben. Die schon den kurzen Prozess kaum abwarten können. Auf jeden Fall für solche, die das intellektuelle Rüstzeug nicht mitbringen, Prozesse und Systeme zu analysieren und stattdessen darauf beharren, sie würden nach Maßgabe eines höheren Willens bestimmt.

 
altgruen

“Ein Pessimist ist ein Optimist, der nachgedacht hat.” Dieser Satz ist umso wahrer, je mehr man weiß und erfährt, auch die Dinge an sich heran lässt, die man lieber nicht wissen will. Die Ironie des Satzes weist darauf hin, dass er nicht einfach Werbung für Depressionen ist. Im Gegenteil ist er Ausdruck jenes Humors, der den nachdenklichen Optimisten vorbehalten ist. Sind wir schon tot? Nein? Dann ist ja noch nicht alles schiefgegangen.

Es macht keinen Spaß mehr? “Tiefes Misstrauen” legt sich wie Gewitterwolken über die politischen und privaten Verhältnisse? Ich kann sehr gut nachempfinden, was Vera Bunse da beschreibt. Ich gebe mich dem aber keinen Meter hin, gerade weil sie recht hat. Wenn die Paranoia unumgänglich ist, muss man der Paranoia halt die komische Seite abringen.

Machen wir uns nichts vor – ja richtig, genau das ist das Problem, dass wir uns nichts vormachen, während sich fast alle anderen willig eine Beruhigungspille nach der anderen servieren lassen, um alles aufzuhübschen, was das Gemüt trüben sollte: Totalüberwachung, Armut per “Sparprogramm”, Unruhen, Kriege. Was wir erfahren haben über Maß und Art der Bespitzelung stellt die Stasi weit in den Schatten. Alles im Namen der Völkerfreundschaft gegen den Terrorismus. “Na und?”, sagt der Spontanoptimist, “Morgen kommt des neue Eifon raus. Muss ich unbedingt haben!”.

Nichts Neues an der Front

Aber machen wir uns auch auf der anderen Seite nichts vor: Wir sind nicht die Ersten und nicht die Letzten, die wissen, was die Masse nicht wissen will, die hinschauen, wo andere nichts gesehen haben wollen. Ähnliche Erfahrungen finden sich noch in jüngster Vergangenheit.

1949 wurde die BRD gegründet als ein Staat, in dem die Nazis sprichwörtlich massenhaft ihre Karrieren fortsetzen durften. Industrielle, Politiker, Richter, Lehrer, Polizisten – beinahe alle Kollaborateure und Täter eines unfassbaren Massenmordes hatten ihre Jacken gewendet und durften weitermachen.
Derweil ging mit der DDR ein Hilfsregime von Moskaus Gnaden an den Start, dem das eigene Volk derart suspekt war, dass es von vornherein ein dichtes Netz von Spitzeln und politischer Polizei knüpfte.

Die Situation in den 60er Jahren in der BRD war geprägt vom widerlichen Muff, der sich zwischen dem neuen Sofa und der handbestickten Decke etabliert hatte. Nazirichter sprachen “Recht” über verbotene Kommunisten. Alte Gestapo-Schergen bauten neue Geheimdienste auf. Wehrmachtstäter wurden wiederbewaffnet. Eine demokratische Kontrolle dieser Prozesse fand nicht statt. Wozu auch? Es gab Konsumgüter reichlich und erschwinglich. Es gab realen Zuwachs an materiellem Wohlstand. Es gab gefühlte Freiheit in nie bekannten Dimensionen. Wen interessierte da die Rückkehr der Nazis in die ‘Sicherheitsdienste’? Das war 50 Jahre vor Edward Snowden.

Die nächste Runde

Entgegen aller Voraussagen erhob sich eine Generation gegen die Alten, die den Holocaust zwischen Beichtstuhl, Amnesie und Geschäftigkeit im Wirtschaftswachstum haben aufgehen lassen wie zuvor den Rauch aus den Krematorien. Dabei waren zunächst alle, nicht zuletzt die Medien, gegen jene Student/innen, die ihnen den Massenmord ebenso wenig durchgehen ließen wie ihren neuen ‘Freunden’ die Napalm-Angriffe auf Dörfer in Vietnam. Was folgte, hat die Oberfläche der Republik durchgeschüttelt wie ein schweres Erdbeben. Mehr allerdings auch nicht, denn die Helden von 68 wurden bei ihrem Rutsch durch die Institutionen zu willigen ‘Leistungsträgern’ umprogrammiert.

In der DDR kam der vorläufige Wandel Ende der 80er Jahre nicht minder überraschend. Binnen weniger Jahre brach ein Regime zusammen, das alle Register der Reaktion gezogen hatte, um sich an der Macht zu halten – vergebens. Es wurde hinweggefegt, aber auch diese Bewegung wurde vom großen bunten Konsumautomaten neutralisiert. Nur die gnadenlose Spitzelei des alten Regimes scheint überlebt zu haben, unter neuen technischen Voraussetzungen, unauffälliger und viel raffinierter gemacht.

Also was? Alles vergeblich? “Ja”, antwortet der Pessimist. Da er aber auch an dieser Stelle nicht aufhört nachzudenken, kommt sogleich der Optimist in ihm zum Vorschein. Auch heute ist nicht das Ende der Geschichte, und in der nächsten Runde sind wir wieder dran!

 
Mich inspiriert mal wieder wenig heute. Ich hätte in eine Kneipe gehen können. Aber was soll ich da? Seit in NRW die grünen Nichtrauchernazis ihr Terrorregime zelebrieren, schicken die katzbuckligen Idioten von Wirten ihre besten Gäste zum Quarzen gnadenlos vor die Tür, denn die Obrigkeit ist jederzeit mehr gefürchtet als der Zorn ehemals zahlender Kunden. Ja, die bleiben dann zu Hause – was sollen sie auch die “dreihundert Prozent Kalkulation” auf pampig gezapfte Biere latzen, wenn sie sich danach entscheiden müssen, ob sie in Sturm und Regen qualmen oder lieber schmachtend saufen sollen.

Alles paletti, wenn daraufhin noch mehr Wirte die Rinne runtergehen. Wer sich das öffentliche Saufen noch leisten konnte, tut’s also trotzdem nicht mehr. Sehr gut, dann treffen die Leute sich nämlich nicht mehr, es sei denn sie kennen sich schon, und dann nach vorheriger Terminabsprache. Auf keinen Fall spontan. Wer weiß, was denen sonst noch einfällt. Das Nichtraucherrasseschutzgesetz trägt also ganz nebenbei zur inneren Sicherheit® bei. Divide er impera – es werden nicht nur die Nichtraucher gegen die Raucher gehetzt, sondern ganz allgemein die Menschen immer mehr separiert, vereinsamt oder in die Körperlosigkeit des Internets getrieben, wo sie nichts groß anstellen können.

Langeweile

Sie dürfen da ihre Innereien auf Dating-Plattformen feilbieten und sich im Fenster nebenan dazu Darstellungen zur restlosen Verkümmerung ihrer sexuellen Vorlieben angucken. Wenn da nicht der nächste Verbotsnazi wartet wie ein Cameron oder die ganze vertrocknete Sippe, die dauernd Moral predigen muss und es liebt, andere zu gängeln. Fügen Sie hier einen Satz ein, der “Pfaffen” “Pädophilie” und “Porno” enthält. Dann schauen Sie sich an, wer angeblich wie vor wem geschützt werden muss. Kaufen Sie Schusswaffen. Ziehen Sie Konsequenzen!

Wie komme ich jetzt darauf? Ach ja, Langeweile. Produzierte Langeweile. Staatlich geförderte Langeweile. Die steht sicher auch am Anfang. So ein Parteitag ist sicher extrem langweilig. Da muss man sich beschäftigen. Was machen wir denn mal? Kommt, lasst uns was verbieten! Au ja, was denn? Etwas, das unmoralischen Leuten Freude macht. Ficken, Saufen, Rauchen, andere Drogen? Au ja! Aber ist das nicht schon alles verboten? Noch nicht ganz. Und wie machen wir das? “Gesundheits-Schuhutz!” trällern sie da und lassen ihrem Göring-Eckardt-Syndrom freien Lauf.

Moralische Pflicht

Gegen diese Pharisäer ist der Vatikan nachgerade tolerant. Der vergibt einem wenigstens und ruft nicht das Ordnungsamt an, wenn du beim Ficken mal falsch abbiegst. Die Gesundheitsfaschos gehen dir derweil nicht nur auf den Sack, die nehmen dir jede Würde. Rauchen? Saufen? Fett fressen? Fremdficken? Das muss bestraft werden, bestraft! Wie soll die Jugend gesund gedeihen, wenn der Nachbar so ein schlechtes Beispiel abgibt? Es nützt doch nichts, der Jugend etwas zu verbieten, das Erwachsenen erlaubt ist, wenn die es dann auch tun!

Nein, das muss alles weg. Auch dieses Internet mit seiner Pornographie. Das muss man wegsperren, aussperren, verbieten, verfolgen, ausrotten! Leibesertüchtigung, Askese und harte Arbeit brauchen wir. Gesundes Wachstum durch gesunde Körper. Nicht jeder begreift das von selbst. Freiheit fördern heißt Disziplin fordern, das ist der Bildungsauftrag. Wer dabei auf der Strecke bleibt, hat es so gewollt. Mann kann Moral ablehnen, sicher. Draußen. Im Regen. Im Rinnstein.

 
arbimepo

Peinhart hat mich auf einen großartigen Artikel von Günter Gaus aufmerksam gemacht und einen wahren Satz daraus zitiert:

Das Maß an Freiheit lässt sich ablesen an der Zahl der Lippenbekenntnisse, die einer leisten muss, damit man ihn in Frieden lässt.

Gaus erläutert dies anhand von Bekenntnissen zur “freiheitlich demokratischen Grundordnung”, die ihn in der alten BRD irritierten. Inzwischen hat sich das inhaltlich verschoben. Politiker bekennen sich zu “Wachstum” und “Marktwirtschaft”. Anfragen zu diesen Slogans ergeben bei der großen Suchmaschine mehrere 10000 Treffer (20500/67000).

Klaus Baum stellt in der Diskussion drüben die Frage in den Raum: “wie kommen die leute immer darauf, dass wenn sie x kritisieren, sich zu y bekennen müssen?“. Dies scheint in dieselbe Richtung zu gehen. Was ist das für ein Phänomen, dass die Menschen sich in einer so genannten Demokratie stets zum Guten des Ganzen bekennen, selbst wo es sichtbar nichts Gutes mehr hat, dass sie sich noch zum vermeintlichen Common Sense bekennen, wenn sie just das Gegenteil formulieren oder die Menschenrechte preisen, wenn sie gerade die Todesstrafe fordern?

Ich glaube ….

Bekenntnisse haben eine lange Geschichte. Eine starke Wurzel ist bekannt unter dem lateinischen Begriff dafür, “Credo” (ich glaube/bekenne). Noch heute bekennt der Katholik: “Ich glaube an die heilige katholische Kirche”. Der erste Schritt zur Verweltlichung der Selbstunterwerfung: Es ist nicht mehr allein Gott, sondern es ist seine Organisation auf Erden, zu der man sich beizeiten besser bekennen sollte, wollte man nicht auf dem sehr irdischen Höllenfeuer landen.

Immerhin, die Ordnung war einfach: Gott, Vater, Fürst, Autorität, Land, Stadt, Dorf. Das Bekenntnis war immer das zur patriarchalen Autorität, zur gegebenen Ordnung. In der Religion nötig und nachvollziehbar, denn Gott hat immer recht. Geht alles gut, ist es seine Macht und Herrlichkeit, doch selbst das Schlimmste ist noch sein Werk: Dann ist es eben eine Prüfung. Unter diesen Bedingungen kann man sich immer zu demselben bekennen. Wenn etwas alternativlos ist, dann Gott. Besser, man bekennt sich, man duckt sich. Kostet ja nichts, und man riskiert nicht ‘seinen’ Zorn. So einfach ist diese Welt. Dies übertrug sich dann auf die nachfolgende weltliche Ordnung.

Der Zufall einer Aufklärung, die eine etwas feinere Vernunft entwickelt hat, brachte die Möglichkeit einer ganz neuen Freiheit mit sich, es wurde dadurch aber auch komplizierter: Die Macht der Religion wurde zurückgedrängt, die Fürsten abgelöst, der Staat ein ausdrücklich nicht mehr autoritärer. So weit dieses offizielle Selbstverständnis. Aber weder die immer entscheidenden Arbeitsbedingungen noch ein offenbar unbändiger Wille zur Unterwerfung ließen sich dadurch zur Freiheit zwingen. Demokratie? Gern, solange sie gute Führer hervorbringt. Oder müssen wir am Ende tun, was wir wollen?

Fahne, Altar, Schwur

So bereitet es einem Journalisten kein Problem, sein Plädoyer für Freiheit mit der Einsicht zu verargumentieren, der Staat müsse Angriffe auf seine Bürger eher dulden als solche auf ihn selbst. Der Staat steht über den Bürgern, aber darunter dürfen diese frei sein. Die Polizei muss den Staat gegen die Bürger beschützen, aber bitte maßvoll. So klingen heute Bekenntnisse zu ‘Freiheit’ und ‘Demokratie’. Was nicht sein darf: Ein Zweifel am Ganzen, an der Autorität, an dem, was ist.

Das Ganze fordert das Bekenntnis. Es verbietet sich jegliche Kritik. Solche nämlich ist “Extremismus”, das schlimmste Verbrechen. In diesen Verdacht will niemand geraten, schon gar nicht, wenn er vorsichtig ein wenig Missfallen äußern will, maßvoll, doch ohne die Majestät zu beleidigen. Das Verteidigungsbündnis des freien Westens ist ja gut und richtig, aber müssen so viele Unschuldige sterben? Muss man Menschen dafür ohne Urteil einsperren und foltern? Ach, das sind alles Terroristen. Dann ist ja gut.

Und so gehen sie immer unter, die einst bemühten Versuche. Der alte Muff hängt noch in der Luft, da werden wieder neue Fahnen geschwenkt und neue Eide geschworen. Das erste Bekenntnis ist das auf das Neue, ausdrücklich gegen das Alte: “Wir waren im Widerstand!”. Dann wird in die Hände gespuckt und der neuen Fahne ein Altar gebaut. Ein paar Jahrzehnte später, wenn Gestank und Verkrustung kaum mehr auszuhalten sind, bleiben nur noch die Bekenntnisse. Sie werden immer mehr und umso lauter, je absurder sie klingen. Für marktkonforme Demokratie! Für Wachstum!! Für Wohlstand!!! Für Arbeitsplätze!!1!