sozialzeugs


 
bunt

Dafür kann ich so wenig wie die, die es sind. Ich bin tatsächlich ein Kind aus der Unterschicht. Mein Großvater war einfacher Arbeiter und mein Vater hat als Chemiearbeiter angefangen. Während er sich durch Fleiß und Fortbildung zum gut bezahlten Mitarbeiter in Gefilde hochgearbeitet hat, die sonst nur Akademiker erreichen, habe ich durch die Möglichkeiten der sozialliberalen Ära studiert und promoviert. Mittelschicht sind wir aber trotzdem nicht.

In meinem Fall liegt das daran, dass ich die meiner Ausbildung angemessene Karriere verpasst habe. Tatsächlich musste ich übrigens mit Ende 20 einen Job ausschlagen, der mir eine akademische Karriere beschert hätte. Ich war damals Hausfrau und Mutter, und es kam für mich überhaupt nicht infrage, meine Kinder dafür von irgendwem betreuen zu lassen. Eine Entscheidung, über die ich gelegentlich jammere, die ich aber unter den gegebenen Umständen wieder so träfe. Natürlich liegt mir daher etwas daran, diese Umstände zu ändern.

Die Welt verändern

Die Umstände zu ändern, das heißt für alle. Dabei habe ich nicht nur diejenigen im Blick, die für sich selbst die Umstände ändern können, aber vielleicht nicht dazu kommen, also Leute wie mich. Das wäre die typische Mittelschichtsreaktion, die neoliberale Option der "Chancengerechtigkeit". Nein, ich will nicht, dass es nur Menschen besser geht, die an der Schwelle zur Mittelschicht stehen, weil sie das Glück einer guten Ausbildung haben oder ehrgeizige Eltern, die sie gefördert haben. Ich möchte, dass ein Leben mit Würde und ohne Angst möglich ist, für alle und sogar mit Kindern. Das lenkt den Blick aufs Wesentliche. Vielleicht ist das eine Motivation, die ein gebildetes Unterschichtskind eher entwickelt als andere.

Der Alltag aber, die Konsumwelt, Kommunikation und die politische Agenda, ist hingegen ein reines Schaulaufen der Mittelschicht. Das endet bei der Verweigerung von Systemkritik und beginnt bei der politischen Korrektheit. Man schlägt nicht die Hand, die das Geld reicht, und daher stellt man auch nicht die Frage, woher es kommt und wohin es geht. Nur als "mein Geld" wird es eigentlich wahrgenommen. "Mein Geld", das ist das psychologische Grundstück, um das der M-Bürger seinen Zaun zieht. Er hat es sich verdient - ganz allein und persönlich - und will daher auch bestimmen, was damit geschieht. Vielmehr: Weil er das nie darf und mit "seinem Geld" schreckliche Dinge getan werden (Griechen aushalten, Steuern verschwenden), muss er ständig mosern.

Er weiß, dass er da nichts machen kann, selbst seine Finanzexperten haben ihre liebe Not, das zu erklären. Sie wissen, dass sie in Gottes Hand sind, denn alles andere ist Sozialismus-Kommunismus. Also wenden sie sich den Dingen zu, die sie für praktikabler halten. Umweltschutz durch CO2-Aktien etwa, Atomausstieg durch Laufzeitverlängerung, Frauenrechte durch Genderama. Die aufstrebende Partei der Zeit sind konsequenterweise die Grünen. Sie profitieren unter anderem davon, dass die Unterschicht nicht wählt und die Systemkritiker auch nicht. Sie bilden die perfekte Mischung aus Mittelschicht und Konformismus. Sie glauben daran, dass Verbote und Regeln die Welt verbessern und konzentrieren sich auf solche, bei denen sie keinen wirksamen Widerstand erfahren.

Alles so schön bunt hier

Das macht sie zum natürlichen Verbündeten der CDU, die aus christlicher Tradition schon immer konservativ und moralin daherkommt. Der Hauptunterschied: Als katholisch geprägte Partei weiß die CDU Verbote zu relativieren, indem ihre Klientel sündigt, beichtet und wieder sündigt. Die protestantischen Grünen und ihr Umfeld hingegen belassen es nicht beim Verbot, sondern kontrollieren sich und andere - permanent. Alles muss immer richtig sein: Das Verhalten, die Sprache, der Konsum. Alles geregelt, kontrolliert und zertifiziert. Ob das Leben, das dann noch übrig bleibt, unerträglich ist oder die Hütte brennt, ist zweitrangig. Hauptsache korrekt.

Derweil trifft die Oberschicht die wirklich relevanten Verabredungen und bestimmt den Kurs; die Unterschicht hat mit all dem nichts zu tun und lässt sich höchstens zwingen. Sprachregelungen? Mülltrennung? Biosiegel? Geschlechterrollen? Inklusion? Energiewende? Das interessiert oben wie unten niemanden. Die Präsenz dieser Themen im politischen Geschäft begrüßen die einen als willkommenen systemkonformen Karneval, die anderen gehen eh nicht wählen und pfeifen drauf. Nur in der geschäftigen Trance vermeintlicher Leistungsträger, bei den Drohnen der Mittelschicht, glauben sie, ihr 'Engagement' hätte etwas mit der Welt zu tun, in der alle leben. Eine Minderheit, der man es überlassen hat die Fassaden anzumalen, lebt ihren Traum, indem sie ihr Leben träumt. Alles schön bunt, und alle machen mit. Dafür sorgen sie schon.

 
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Auf alten Bierdeckeln, die jahrelang bei meinen Eltern herumlagen, waren Wahlkampfsprüche gedruckt, hohe Dichtkunst unbekannter Künstler, ein Poetry-Slam im Dienste der politischen Aufklärung quasi:

1969 sagte die SPD wörtlich: Alle Konsumenten wettern, weil die Preise ständig klettern. Lebensmittel, Kleidung, Mieten scheinen sich zu überbieten. Diese und auch andre Leiden kann die SPD vermeiden. Auf den Wähler kommt es an, Ehmke, Horst ist unser Mann.

Auf der anderen Seite des Bierdeckels:

„1972 - Was die SPD versprochen, hat sie alles längst gebrochen. Lebensmittelpreise, Mieten sind kaum mehr zu überbieten. Unser Geld geht in die Brüche und die SPD macht Sprüche. Wähler hört dem nicht mehr zu! Schluss damit. Wählt CDU!“

Die gute alte Zeit

Es war noch keine Rede von „Arbeitsplätzen“, die gab es gerade noch reichlich. Die Weltwirtschaft stand kurz vor der ersten „Ölkrise“ und weltweit sinkenden Profitraten, einer Entwicklung, von der sie sich trotz technischer Umwälzungen nicht mehr erholen sollte. Schon damals machten die Parteien potentiellen Wählern vor, sie – oder jeweils die anderen – hätten unmittelbaren Einfluss auf die Wirtschaft. Interessant, dass hier noch die Preise das Thema waren. Nun, es gab damals höhere Inflationsraten, aber auch viel höhere Lohnzuwächse. Da man über höhere Löhne schlecht meckern konnte, waren halt die Preise das Thema – obwohl sich eines aus dem anderen ergibt.

Immerhin schien das ganze Theater noch wesentlich näher an den Bedürfnissen der Menschen zu sein. Während die Politik sich damals offiziell Sorgen machte, wie die Leute mit ihrem Geld zurecht kämen, wird heute die Armut von Millionen zur gerechten Strafe für Faulheit verklärt. Bemerkenswert übrigens, dass die Menschen umso fauler werden, je weniger Arbeit angeboten wird. Auch muss man notieren, dass angeblich noch nie so viele Menschen gearbeitet haben und wir dennoch sieben bis acht Millionen Hilfeempfänger haben. Es muss eine Wissenschaft geben, von der ich noch nichts weiß, sonst käme niemand auf die Idee, die Situation könnte etwas mit der Motivation von Arbeitslosen zu tun haben.

Nein, heute haben wir andere Probleme. Wir müssen uns nach der Decke strecken, weil Globalisierung uns dazu zwingt. Seit dreißig Jahren wird die Welt immer globaler, und während wir den Rest Europas in entsetzliche Arbeitslosigkeit konkurriert haben, müssen wir das, was hier keinen Job kriegt, morgens um sechs mit der Peitsche zum Rasenmähen prügeln. Es muss eine Wissenschaft geben …

Dumm wählt gut

Eine Voraussetzung für das Wirken solcher Politik, für den magischen Mummenschanz der Medien und ihrer politischen Zulieferer, ist Unwissen. Vor allem Unwissen um Geschichte. Die heute 20-Jährigen Schuhfetischisten haben 09/11 nicht bewusst erlebt. Die 30-Jährigen waren beim Mauerfall 4 Jahre alt, und was in den Siebzigern los war, wird bestenfalls in den Akademien zurechtgebogen, nach allen Regeln des Kalten Krieges.

Dass die Unterschicht erfolgreich verdummt wurde, ist ein großer Erfolg für die Innere Sicherheit. Jetzt ist die Mittelschicht reif, die eh gerade nach unten durch sinkt. Es war gut, dass immer weniger Kinder aus armen Familien studiert haben, inzwischen wurde aber sicherheitshalber ein Studiensystem eingerichtet, in dem fast niemand mehr grundsätzliche Bildung erfährt. Geschichte als Sichtweise, die Frage nach dem Werden der Dinge, das Wissen um Entwicklung, geht auf breiter Fläche verloren.

Wenn man das einmal geschafft hat, kann man den Verblödeten nämlich alles erzählen. Dass man mit Ozeanien gegen Afrika Krieg führt, also mit Afrika gegen Ozeanien zum Beispiel. Dass Putin schuld ist und Poroschenko ein lupenreiner Demokrat oder umgekehrt. Dass wir alle überwacht werden müssen, weil wir sonst an Terror sterben werden. Einem Terror, der längst dazu geführt hat, dass ganze Städte in Großbritannien von Islamisten beherrscht werden. Sprach der Terrorexperte. Bis man ihm widersprach und er sich entschuldigte, waren Millionen Weltbilder bereits weiter gefestigt.

 
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Abb.: Geschwollene Mandeln sind nicht immer entzündet.

Es gibt Bereiche, da weiß man, dass man recht hat. Es ist ärgerlich, wenn einem dann jemand mit dummen Argumenten kommt, manchmal aber noch ärgerlicher, wenn die Argumente gar nicht dumm sind, sondern deplaziert, wenn also richtige Aussagen in den falschen Zusammenhang gesetzt werden. Dann kann man die Argumentation in Bausch und Bogen ablehnen und sich schlimmstenfalls dazu versteigen, selbst Fakten als lächerlich abzuqualifizieren, weil man es eh gerade mit Idioten zu tun hat, die sich in eine kuschelige Decke aus Schwachsinn eingehüllt haben. So ungefähr gehen Impfbefürworter mit Impfgegnern um, womit sie in einem Abwasch auch die berechtigte Kritik an Impfungen und Ärzten treffen.

Gibt es überflüssige, schädliche Impfungen, an denen die Medizinindustrie verdient? Auf jeden Fall. Das Problem fängt schon da an, wo die Medizin selbstverständlich kapitalistisch organisiert ist, also aus Geld mehr Geld machen muss. Was diesem Prinzip zuwiderläuft, findet nicht statt. Diese Tatsache ist für skandalöse Zustände verantwortlich, die täglich tausende Schwerkranke das Leben kostet, weil sie sich Medikamente und Therapien nicht leisten können.

Das große Geschäft

Zurück zu den Impfungen: die FSME-Impfung gehört zum Beispiel zu denen, die so häufig schwere Nebenwirkungen zeitigt, dass sie möglicherweise mehr schadet als nützt. Die Grippeimpfung etwa ist ein Milliardengeschäft; ich bezweifle, dass sie besonders sinnvoll ist und lasse mich nicht impfen. Gerade mit der Grippe werden aber Geschäfte gemacht, die mit Vorsorge oder Heilung nichts zu tun haben. Die geschürte Panik wegen Schweine- und Vogelgrippe ist noch in bester Erinnerung.

Allein Deutschland hat das überflüssige Mittel Tamiflu für 500 Millionen Euro eingekauft, um es nachher zu verbrennen. Obendrein ist dessen Wirksamkeit äußerst zweifelhaft. Hier werden gigantische Umsätze mithilfe von Angst gemacht. Pikant und ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheorien, wenn dann ausgerechnet Donald Rumsfeld noch davon profitiert. Ich habe das nicht geprüft, die Wirkung dieser Meldung ist aber vom Wahrheitsgehalt ohnehin nicht abhängig.

Schließlich: Die Ärzte, die ganz selbstverständlich zur Impfung raten, sind dieselben, die keine Zeit haben, nicht zuhören oder absurde Rituale in Kliniken einhalten, in denen sie das Gros ihrer Patienten verwalten. Der wissenschaftliche Geist dieser Medizinroboter ist ungefähr so wach wie der neoliberaler Betriebswirtschaftler; ich kann davon sehr schmutzige Lieder singen.

Guru Guru

Es gibt also nicht nur Anlass zum Misstrauen, es gibt vielmehr kaum Anlass, dem System zu vertrauen. Viele Menschen haben nun leider nicht das Talent, an dieser Stelle vernünftige Differenzierungen vorzunehmen und kluge Schlüsse zu ziehen. Ich fürchte gar, die meisten sind völlig darauf geeicht, Autoritäten zu glauben, und wenn sie den einen von der Fahne gehen, suchen sie sich halt neue. Es ist nicht konstruktiv, angesichts dessen selbst Partei zu werden und die eigenen Differenzierungen zu vernachlässigen.

Wer seine Kinder nicht gegen Masern impfen lässt, mag ein Idiot sein. Er mag aber auch schlicht die Orientierung verloren haben in einer Welt, die ihn und alle anderen nur noch als potentielle Käufer anspricht und die perfidesten Techniken der Lüge entwickelt hat, um Profite zu sichern. Die 'Impfkritiker' haben völlig recht, wenn sie in allem und jedem ein sinistres Geschäft wittern, das sollte man ihnen konzedieren.

Es gibt aber sinistre Geschäfte, die Leben retten, und die Masernimpfung gehört unzweifelhaft dazu, wenn man die Eindämmung der Krankheit seit Einführung der Impfung mit Verstand zur Kenntnis nimmt. Vielleicht ist der eine oder andere Impfgegner für diese Erkenntnis zugänglich, wenn man sie nicht pauschal behandelt als seien sie nur die Karikatur, die man sich unter solchen Idioten vorstellt.

 
Ich hatte neulich das Missvergnügen mit jemandem von einer Krankenkasse zu telefonieren in dem Ansinnen, über die Kostenbeteiligung an einer Therapie zu sprechen, die die Gesetzliche noch vor einigen Jahren voll finanziert hat. Seitdem nicht mehr, ohne auffindbare Begründung, und als ich bemerkte, da habe wohl jemand den Rotstift kreisen lassen, antwortete der Mann: „Die werden sich dabei wohl etwas gedacht haben“.

Ich erwähne das hier nicht, weil ich mich über derartige Stereotypen ärgere, die solche Bücklinge ernsthaft für Argumente halten. Ich erwähne es wegen des Phänomens dieser Zeitgenossen, die hier in den Diskussionen immer wieder herumspuken als „Blödmichels“, „Lemminge“, „Bürger Blöd“ und ähnliches.

Sein und Handeln

Es ist mir dabei einerseits völlig klar, dass Menschen, die sich beizeiten so verhalten, vermutlich in der Mehrheit sind und es sich schon allein daher verbietet, sie in Bausch und Bogen für untauglich zu erklären. Ich kann es andererseits genau so wenig durchgehen lassen, dass sich geistige Funktionsmöbel im Schutz eines vermeintlichen Common Sense immer wieder zu Richtern und Henkern aufschwingen. Das Eichmännchen ist der unterdrückte Unterdrücker, der nur seine Pflicht tut, sich stets im Einklang mit der Obrigkeit wähnt und seine Zugfahrpläne eifrig auf Pünktlichkeit trimmt, egal ob andere darunter leiden und womöglich zu Tode kommen.

Diese Mentalität beginnt nicht im Extremfall, den unser oben genannter Exekutor vielleicht gar nicht bemerkt. Es sind für ihn nur Formalitäten, während es am anderen Ende ums Überleben geht. Was soll er da selber denken? Auch Faschismus beginnt nicht in Auschwitz, wie schon öfter hier vermerkt; er endet nur dort. Widerstand seinerseits beginnt nicht im militanten Kampf gegen die grausame Diktatur, sondern ist der tägliche Widerspruch gegen Ungerechtigkeit und Erniedrigung. Mitmachen ist das Gegenteil. Was zählt, ist hier nicht der Erfolg, sondern der Beitrag.

Wie verfahre ich aber mit den Micheln, den Eichmännchen? Entschuldige ich sie, weil sie ja Mitmenschen sind und und lasse ihnen ihre kleine Macht, mit der sie ihre Mitmenschen wiederum behandeln wie Stückgut? Oder bekämpfe ich sie, weil sie der Unmenschlichkeit täglich Tür und Tor öffnen? Ich schlage an dieser Stelle vor, zunächst eine Unterscheidung zu treffen zwischen Idioten und Nützlichen Idioten. Letzteres ist ein feststehender Begriff. Er bezeichnet eben jene Mitmacher, austauschbare Söldner beliebiger Herrschaften, im Gegensatz zum Idioten – ehedem Inbegriff für den angeboren Schwachsinnigen. Es ist eigentlich ganz einfach: Sie sind nicht so, sie handeln so. Für ihre Taten muss man sie verantwortlich machen.

Eine Frage der Ethik

Aber selbst ein Mörder ist nicht nur ein Mörder. Er ist ebenso vielleicht ein Handwerker, Vater, Autofahrer. Die Tat macht ihn zwar zum Mörder, aber damit sind nicht seine Eigenschaften verändert, er hat lediglich auf eine Weise gehandelt, die ihn eben zu einem solchen macht. Nicht anders ist es mit den Micheln und Eichmännchen (übrigens auch mit Autofahrern und Vätern). Wenn sie sich verhalten wie welche, ist es auch grundsätzlich richtig, sie so zu nennen. Die Hampelmänner, die einem mit Stammtischweisheiten kommen wie der da oben, die schwadronieren: „Mach ich's nicht, macht's ein anderer“ oder „das haben wir schon immer so gemacht“, „da kann ja jeder kommen“, darf man für diese Haltung durchaus verachten.

Allerdings: Jeder Tag ist ein neuer Tag. Ein Tag, an dem wieder neue Entscheidungen zu treffen sind. Man kann sich dann wieder entscheiden, sich zu ducken, zu funktionieren und wegzuschauen. Es ist nicht leicht, aber es muss das Ziel sein: wissen wollen, was man tut und Entscheidungen treffen, die man auch dann akzeptieren kann, wenn man selbst davon betroffen ist. Dazu muss man weder Kant lesen noch Philosophie studieren.

 
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Eine der bizarrsten Geschichten der DDR und ihres greisen Elferrats, sprich: Politbüro, ist die vom Nutzen und Wehe des Rock'n Roll. Da taten sie sich nichts, die Nazibürger mit ihrer Abneigung gegen "Negermusik", ihre bundesrepublikanischen Nachfolger, die den Rock'n Roll in ihrem muffigen Kleinbürgerdasein so verdammten wie ihre Eltern den Jazz, und die Spießer des DDR-Establishments, die nur eine Funktion in der westlich-dekadenten Popkultur sahen: von den Problemen des kapitalistischen Alltags abzulenken.

Bevor der Rock'n Roll aufgekauft und zu einer Veranstaltung für zynische Manager und ihre tatsächlich hirnentkernte Konsumentenjugend wurde, verschaffte sich in Musik und dem Kult darum ein anderes Bedürfnis Ausdruck. Jugend, die sich finden wollte, die nicht einfach gehorchen wollte; das Gefühl, einer definierten Gruppe anzugehören, erlebtes Kollektiv und auch quasireligiöse Gemeinschaft.

To be, to do tobedobedoo

Ein anderes Feld: Bis heute hält sich unangefochten ein Kult, der zwar wie alles andere durchkapitalisiert ist, aber nach wie vor von denselben Atavismen getragen wird wie oben Genanntes: Fußball. Es gibt da nicht nur die Weltmeister aus der Championsleague. Bis hinein in die Kreisklasse gibt es noch Fans, die am Wochenende ihre Vereine unterstützen, zusammen hocken, singen und sich im Kreis der Ihren geborgen fühlen. Wenn sie nicht gerade dem Kreis der anderen aufs Maul hauen, was die andere Variante ist.

Diese Bedürfnisse sind nicht totzukriegen, und einer der dümmsten Versuche, eine 'sozialistische' Vorzeigegesellschaft zu errichten, war der Zwang, der gegen eine Musikkultur ausgeübt wurde, die keineswegs niveauärmer war als das offiziell gepflegte Lipsi- und Schlagerwesen. Interessanterweise wurde der Fußball auch dort kaum angetastet; es war vielmehr so, dass es gewisse Überschneidungen gab zwischen der Angehörigkeit zu staatlichen Einrichtungen und der Anhängerschaft bestimmter Vereine.
Sehr bemerkenswert übrigens auch die Rolle der Hooligans und Ultras im Kampf gegen Ägyptens Mubarak.

Diese und andere Phänomene, die an primitive Gesellschaften erinnern, werden von Nazis reichlich bedient, worin auch eine ihrer Stärken liegt. Rummtata, Corpsgeist, Feindbild schweißen zusammen und fühlen sich gut an, wenn man doof genug ist, die Kehrseite zu ignorieren und überhaupt nicht zufällig eine Abneigung hat gegen dergleichen oder Bedenken gegen irgendetwas. Das Bedürfnis ist da, man kann das nicht durch Zwang ändern, selbst wenn man das wollte.

Das Recht der Eingeweide

Daher ist es auch wichtig, in der ewigen Frage, ob nun das Sein das Bewusstsein verstimmt oder umgekehrt, nicht zu vergessen, dass es da noch Instanzen jenseits von beidem gibt. Es wäre hier unklug, die Bedürfnisse einfach dem 'Sein' zuzuschlagen, um Recht zu behalten. Es gilt, den Menschen mit seiner Umwelt in einen Einklang zu bringen, und in diesem Sinne sind seine Bedürfnisse, die er aus grauer Vorzeit mit sich herumschleppt, sowohl Mensch als auch Umwelt.

Es hat Versuche gegeben, dergleichen zu entwerfen, hier ist z.B. Herbert Marcuse zu nennen und sein Begriff des 'Eros'. Allgemein sind solche Bestrebungen in der Ästhetik zu finden und in der Kunst, aber man sollte sich verdeutlichen, dass es sich hier nicht um eine abgehobene Kultur des Schönen handelt, sondern eher um den Anspruch der Eingeweide. Ein Anspruch, der sehr berechtigt ist und den zu ignorieren nur dazu führt, dass ihn andere wahrnehmen und für sich nutzen.

Gerade linke Modelle, Versuche echter Solidarität, haben hier das Zeug zur Alternative. Wo es gelingt, sich zusammen zu raufen und der ewigen Konkurrenz eine Struktur zuverlässigen Miteinanders entgegen zu setzen, ist endlich einmal die solidarische Einstellung der Linken vorn. Tatsächlich würde dies auch ungemein gestärkt durch Arbeitsbedingungen jenseits von Konkurrenz und Ausbeutung. Dies ist ein Teil der Geschichte, die man erzählen kann. Dazu müssen einige allerdings auch ihre aggressive Abneigung gegen vermeintlich primitives Rudelverhalten ablegen. Das braucht nämlich seinen Raum und nimmt ihn sich im Zweifel ohnehin.

Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.

So oft wir hier betont haben, es sei nicht Ziel oder Mittel einer emanzipatorischen Gesellschaft, so wenig kann ich verhehlen, dass ich in diesem Bezug sehr zwiegespalten bin: Adorno, von dem das Zitat stammt, hat als Konsequenz aus dem Holocaust eine "Erziehung zur Mündigkeit" gefordert. Diese ist ausgeblieben, und der ernsthafteste Versuch, dergleichen zu veranstalten, ist in Form eines unreflektierten Laissez-faire-Versuchs der '68er' kläglich gescheitert.

Man muss sich dem Phänomen "Erziehung" aus unterschiedlichen Winkeln nähern. Es gibt da die der Kinder von Seiten der Eltern und Pädagogen, und es gibt eine allgemeine Einflussnahme von Menschen und Einrichtungen aufeinander, die teils sehr bewusst und manipulativ abläuft, teils in die denkbar reaktionärste Schiene gerät: Der Herdentrieb, Gruppenzwang als prägender Einfluss des Bestehenden auf die Einzelnen. Dem ist nur entgegen zu treten durch die bewusste Förderung von Selbständigkeit, dies wiederum nicht anders zu leisten als durch Erziehung.

Schön in der Reihe

Ich muss immer an diese unerfüllte Forderung Adornos denken, wenn ich mit hirntauben Bürokraten, diesen Eichmännern zu tun habe oder mich mit der Geschichte dieses Vaters der 'Banalität des Bösen' selbst befasse. Als ich jung und naiv war, habe ich mich jedesmal empört und mich gefragt wie es sein könne, dass nach Auschwitz immer noch die Vorschriften mehr gelten als jede Menschlichkeit und "Pflicht" noch immer blind erfüllt wird, wenn sie ersichtlich Not erzeugt.

Mit der Zeit gewöhnt man sich an diese taube Stelle, dennoch hat das Leben mich noch einmal entsetzt, als ehemalige Arbeiter und Sozialisten Hartz auf die Menschheit losließen. So weit sind wir längst schon wieder, und auf anderen Gebieten sieht es nicht besser aus mit Autonomie und Nicht-Mitmachen. Heute hetzt die Meute wieder gegen Russland, und was einmal eine Hoffnung kritischen Bewusstseins war, ist längst Speerspitze der Propaganda.

Die Strammsteher erzählen derweil ihre eigene Geschichte des Widerstands; es soll demnach nur gelten, was in der Reihe marschiert und national dünkt, nicht etwa persönliches Gewissen und Verweigerung, die Urkompetenzen der Autonomie. Die Demokraten haben kläglich versagt. Nach dem Laissez-faire Experiment kam der autoritäre Rollback. Schule und schon Kindergarten erziehen zur seelenlosen Pflichterfüllung, Industrie und Medienindustrie zu Konsum und Marktreligion, bigottem Leistungsfetisch und unreflektierter Folgsamkeit.

Nein!

Nein, Emanzipation scheitert nicht an der Erziehung der Menschen, sie scheitert daran, dass sie nicht stattfindet oder den Autoritären überlassen wird. So werden die Menschen eben nicht belehrt. Nicht über die Geschichte, nicht einmal die jüngste, und was aus ihr folgt. Nicht über Demokratie und was die mit selbstbewussten Bürgern zu tun hat. Nicht über das elementare Recht nein zu sagen und das gute Gefühl, davon Gebrauch zu machen. Stattdessen haben wir ein System über uns aufziehen lassen, das die Schikane gegen entwürdigte Befehlsempfänger "Eigenverantwortung" nennt. Darauf werden die Massen konditioniert und darauf, den Nachbarn nicht mehr als Mitmenschen zu erkennen.

Das müssen wir anders machen, ganz anders, und es ist keine Option sich darauf zu verlassen, allein andere Arbeitsbedingungen sorgten schon für freie Menschen. Nein, "nein" sagen muss jede können und jeder lernen, sonst rollt die nächste Welle von Jasagern mit einem zackigen "Jawoll" über uns. Einer, der der die Befehle dazu formuliert, hat sich noch immer gefunden.

 
Auch wenn ich weiß, was einige dazu denken und vermutlich sagen werden, obwohl wir die Diskussion schon häufig geführt haben und vielleicht auch gerade deshalb möchte ich sie noch einmal in konzentrierter Form anbieten: Wie sieht eine mögliche und angemessene politische Vertretung aus, nachdem die 'Parlamentarische Demokratie' als solche grandios gescheitert ist? Ich weiß, dass sich manche(r) hier fragt, wieso zur Hölle sich überhaupt wer von wem vertreten lassen soll, aber ich bin davon überzeugt, dass es ohne Stellvertretung nicht geht. Das bringt schon eine Arbeitsteilung mit sich, ohne die eine funktionierende Produktion nicht auskommt.

Kurz zur parlamentarischen Vertretung: In der Organisationsform, die sich durchgesetzt hat, ist sie maximal undemokratisch, denn es wird hierarchisch von oben nach unten regiert, zuerst supranational (und meist durch nichts legitimiert), dann national, ganz am Schluss erst regional. Hier bin ich entschieden - langsam lesen! - Kommunist, denn die Entscheidungsgewalt gehört in die Hand derjenigen, die damit leben müssen, in der Kommune. Ein Prinzip, das der 'Real Existierende' übrigens mit Füßen getreten hat. Die 'Parlamentarische Demokratie' ihrerseits bündelt ihre Restmacht in den vom Kapital und seinen Lobbyisten korrumpierten Zentren.

Jemand muss es machen

Schon an dieser Stelle wird deutlich, warum ich Vertretung für notwendig halte. Die Priorität der Kommunen, wo sich jede(r) teils selbst vertreten kann und ansonsten jene kennt, die ihn vertreten (und vor allem umgekehrt), löst ja nicht die Notwendigkeit einer überregionalen Zusammenarbeit auf. Vor allem wenn man eben nicht die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen wieder zu einem kapitalistischen System machen will, in dem Leistung gegen Cash getauscht wird, müssen sich Vertreter der unterschiedlichen Kommunen einfinden. Diese Vertretung muss bestimmt werden.

Nicht anders ist es in jedem Betrieb, an jeder Stelle, wo Infrastruktur besorgt wird. Projekte müssen entschieden, geplant und durchgeführt werden. Diese Prozesse entziehen sich irgendwann dem Zugriff der Allgemeinheit, weil man Straßenbau und Kraftwerksbetrieb nicht mit der versammelten Einwohnerschaft betreiben kann. Hier muss es Verantwortlichkeiten geben.

Worauf ich hinauswill, ist folgendes: Wir leben in einem System, in dem alles delegiert wird, in dem sich die Massen von Eliten führen lassen, ihren 'Arbeitgeber' tatsächlich für den Urheber der Arbeit halten und sich irgendwann noch die Entscheidung abnehmen lassen, wie sie ihr Klopapier anwenden sollen. Was als Stellvertretung begann, ist längst eine Machtübernahme. Die 'Elite' ist der Club der Ermächtigten

Arbeitgeber, Bundeskanzler, Gott

Die Menschen sind wie programmiert, die Macht über sich selbst bereitwillig zu verschenken. Die Vorgänge der Selbstentmachtung werden dabei von naiven Vorstellungen aus einer Ebene persönlicher Beziehungen begleitet. Man bildet sich ein, man würde von Personen vertreten und macht sich vor, es gäbe darunter besonders geeignete, denen man vertrauen könne. Ich muss das gar nicht kommentieren; wenn ich das lese, muss ich mir schon an den Kopf fassen.

Eine entscheidende Frage in bezug auf die Möglichkeiten alternativer Gesellschaftsentwürfe ist nun die, wie also Stellvertretung zu organisieren wäre. Dabei insbesondere die Frage, ob die 'persönliche' Vertretung per se ein Trugbild ist, vor dem nur warnen kann oder man tatsächlich Formen einer solchen Vertretung etablieren und gegen Korruption absichern kann. Anders gesagt: Scheitert eine komplex organisierte demokratische Gesellschaft schon an der Unmöglichkeit einer kontrollierbaren Stellvertretung?

 
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Wenn man in diesen Zeiten lebt, wird man sehr schnell sehr alt. Jahrhunderte alt. Was ich allein in den letzten zehn Jahren an Jahrhundertwettern erlebt habe, dafür muss in normalen Zeiten ein Stein verdammt lange vor sich hin erodieren. Ich habe am vergangenen Montag einen Sturm erlebt wie noch nie in meinem Leben. So etwas gibt es hier eigentlich gar nicht. Man hätte es ahnen können: Das Pfingstwochenende war "das heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen".

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Schon in der Nacht hatte ich erlebt, wie uns eine halbe Tanne in den Garten geworfen wurde und der Essigbaum sich endgültig flachgelegt hatte. Am nächsten Tag bin ich dann noch einmal um den Block gezogen, zum Festivalgelände und zurück. Kaum drei Schritte gelaufen, lag der erste halbe Baum auf der Straße. Hundert Meter weiter lehnte einer entwurzelt am Brückengeländer, gegenüber ein anderer. Eine Birke ruht derweil auf einem Haus. Zweihundert Meter.

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Unten an der Ruhr überall dasselbe Bild: Die Welt ist grün, nur irgendwie tiefergelegt. Verwüstung. Kyrill, der "Jahrhundertsturm" von 2007, war ein lauer Fön dagegen. Der hatte sicher eine größere Fläche betroffen als nur das halbe Rhein/Ruhr-Gebiet, aber bei diesem Kahlschlag hier fehlen mir die Worte. Ach, ich habe oben noch den Biergarten vergessen, der war übrigens offen, als die Hölle aufbrach. Das Festivalgelände kann man kaum richtig darstellen, denn das Grün hier unten, das aussieht wie Büsche, täuscht. Es gibt hier keine Büsche, das ganze Zeugs kam von oben auf die panische Masse herab. Der Weg zum Ausgang ist besonders dicht mit Gehölz bestreut. Die Bühne (Bild oben) ist verdammt stabil gebaut, der hat es nur die Segel komplett zerfetzt.

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Zum Festival ist noch zu sagen, dass die "Love Parade" hier für sehr gute und notwendige Änderungen gesorgt hat. Dass da keiner zu Tode gekommen ist trotz der verheerenden Umstände - Hut ab! Früher war das ein völlig überfüllter enger Schlauch. Hätte wenn und wäre das vor ein paar Jahren passiert, gäbe es eine Riesentrauerfeier.

Ich bin gestern durch die Stadt gefahren und habe viel telefoniert. So wie hier sieht das überall aus, Rheinruhr fährt einspurig und ohne Oberleitungen. Dieses Monster von einem Gewitter wird nicht das letzte seiner Art gewesen sein. Es wird kuschelig, und das Wort "Klimapanik" bekommt eine nette neue Wendung. Ob wir daraus lernen? Wie immer jein. Dass der Kioskmann mitten in der Nacht seinen Laden aufgemacht hat und plötzlich Leute miteinander reden, die sich sonst kaum grüßen, ist schön. Dass das größte Problem der meisten zu sein scheint, dass sie pönktlich!! am Arrbeitsplatz zu erscheinen haben und dass sie ernsthaft Sanktionen befürchten, das Übliche. Et hät noch immer jootjejange.

 
kirch

Dass der Neoliberalismus religiöse Züge trägt, war hier häufig Thema. Zuletzt fiel mir aber auf, dass nicht nur diese unwissenschaftliche, ideologisch aufgeladene Wirtschaftsverklärung religiöse Züge trägt, sondern generell alle möglichen 'Theorien' und Weltbilder zur Religion werden, wo sie sich eben für den Selbsterhalt und gegen die Wirklichkeit entscheiden. Entscheidend für einen solchen Werdegang - selbst von einem wissenschaftlichen Bemühen - hin zur religiösen Verklärung ist das, was unter dem sperrigen Begriff "Theodizee" gefasst wird, der aber recht einfach zu verstehen ist.

Dahinter verbirgt sich die Frage danach, wie das Böse in die Welt kommt, wenn es einen allmächtigen guten Gott gibt. Von der Beantwortung dieser Frage hängt die Ausprägung der Religion ab. Dass aber überhaupt dieser Grundwiderspruch gekittet wird anstatt ihn zu benennen oder auszuräumen bzw. die Theorie an die Wirklichkeit anzupassen, charakterisiert Religion. Der einfache Schluss nämlich, dass es einen solchen Gott unter realen Bedingungen nicht geben kann, ist Tabu. Der Erhalt der festgelegten 'Wahrheit', auf der eine Gesellschaft beruht, gilt mehr als eine Wahrheit, die sich der Realität stellt.

Ich zweifle, also bin ich - draußen

Dies stellt sich überall dort ein, wo der Zweifel am Gegebenen unterdrückt wird oder die Zugehörigkeit zu der unter einer bestimmten Weltsicht vereinigten Gesellschaft den Zweifel ausschließt. Das kennen wir von Religionen, aber auch von Fußballvereinen oder eben 'Ökonomien'. Beim Fußball ist das ganz einfach: Wenn unsere Mannschaft foult, ist das gesunde Härte, tut's der Gegner, ist er ein mieser Treter. Unsere stehen nie im abseits, die anderen immer, und egal wie deppert wir kicken, wir sind immer die Größten. Da sich dieser Fan-atismus auf einen übersichtlichen Bereich gesellschaftlicher Relevanz begrenzt, ist die Gefahr, die davon ausgeht, ebenfalls begrenzt.

Auf der Ebene einer großen Gesellschaftsformation aber, eines Staates oder Staatenbundes gar, einer globalen Ökonomie oder einer verbreiteten Weltsicht ist das Problem von extremer Brisanz. Dabei besteht es nicht in einer falschen Auslegung von Wirklichkeit, sondern darin, dass der Erhalt der vorhandenen Strukturen zwangsläufig in solchen religiösen Fanatismus mündet. Religion ist reaktionär und alles Reaktionäre nimmt religiöse Züge an. Die Verbindung von Religion und Herrschaft ist also weder zufällig noch gewollt, sondern unvermeidlich, solange Menschen sich mit Tabus und Dogmen das Denken einfach machen.

Es war mir schon sehr früh klar, dass man etwa Faschismus nicht verstehen kann, wenn man sich ihn nicht als beste aller Gesellschaftsformen vorstellt. Genau so klar muss es sein, dass es keine 'Wahrheit' geben darf, die nicht infrage gestellt wird und vor allem keine Theorie verboten werden darf. Gar keine, niemals. Das Schlimmste aber, in dem eine Gesellschaft enden kann, ist eine festgelegte Weltsicht, in der gut und böse, wahr und falsch, schön und hässlich nicht einmal mehr verhandelt werden kann. In der allein das Nennen eines Namens zum Schweigen verurteilt, weil dahinter alle die Zweifel drohen, die angeblich ins Verderben führen. Wenn es nicht die Wirklichkeit ist, die über den Wert eines Gedankens entscheidet, sondern der produzierte Common Sense. Das ist der Zustand, in dem Dummheit und Brutalität das Regiment übernehmen.

 
justitDas Thema "Staat" kreuzt immer wieder die Diskussion, war schon vielfach explizit Thema hier, ich zitiere aus einem der Artikel dazu, um noch einmal auf ein Problem zu verweisen, das viele Linke bagatellisieren:

Es gibt auf dieser Seite nicht einmal haltbare Ideen, wie ein universales Recht sich etablieren kann, ohne dass die Gemeinschaft ein kollektives Rechtssystem einrichtet, das sich wiederum zur Bildung von Klassen und Schichten missbrauchen lässt. Strukturell ist offenbar keine Form der Gesellschaft in Sicht, die das Recht des Stärkeren nicht fördert.

Wir hatten in den letzten Wochen gleich zweimal die Gelegenheit zu beobachten, was eine Unschuldsvermutung wert ist, vor allen wenn sie ausbleibt. Edathy war bereits als öffentliche Person vernichtet, ehe irgendwer wusste, was er überhaupt getan hatte. Juristisch ist ihm bis heute nichts nachgewiesen. Hoeneß wiederum wurde nachgestellt, ehe er verurteilt war, weil gewisse Publizisten die paar Tage nicht abwarten konnten, bis das zuständige Strafgericht sein Urteil fällte.

Alternative Lynchjustiz

Es geht hierbei um nicht weniger als die Verhinderung von Lynchjustiz. Die bürgerliche Gerichtsbarkeit hat mit der Unschuldsvermutung einen einzigartigen Schutz von Verdächtigen etabliert, der die einzig vernünftige Grenze genau an der Stelle zieht, wo der Unterschied zwischen Verdächtigen und überführten Tätern liegt. Diese Grenze zu akzeptieren heißt zivilisiert zu handeln. Sie zu missachten oder zu verschieben - was immer willkürlich ist - ist der entscheidende Schritt in die Barbarei.

Es muss nicht "der Staat" sein, in dessen Rahmen solche Rechtsprechung stattfindet, sie muss nicht "im Namen des Volkes" geschehen, aber es muss eine feste Instanz geben, die nach festgelegten Regeln allein dafür zuständig ist, ein Urteil zu fällen. Nach diesem Urteil steht fest, ob jemand Täter ist oder nicht. Danach erst darf er behandelt werden wie einer, und zwar in jedweder Hinsicht.

Feste Regeln, die nicht nach Laune oder abhängig von anwesenden Interessenten verändert werden können, gemeinhin als Gesetzgebung bekannt, sind wiederum eine Voraussetzung für solche Rechtsprechung. Grundzüge einer solchen Justiz kennt bereits das Altertum; die bürgerliche Gesellschaft hat dem mit der Gewaltenteilung, den Regularien zum Ablauf der Urteilsfindung und der Erklärung der Menschenrechte zivilisatorische Errungenschaften hinzugefügt, die ich für unverzichtbar halte. Es ist keine Einschränkung, sondern eine Aufforderung, dass einige der darunter gefassten Versprechen gern verwässert oder gleich mit Füßen getreten werden.

Vulgäranarchismus

Wo immer staatliche Ordnung zusammenbricht, kann man beobachten, dass Lynchjustiz zurückkehrt, Willkür und Grausamkeit aufziehen. Das Recht des Stärkeren, der größeren oder besser bewaffneten Gruppe setzt sich durch. Dies alles ist unabhängig davon, ob kapitalistische Strukturen vorherrschen. Auf der anderen Seite, das muss ebenfalls zur Kenntnis genommen werden, ist der Staat als solcher korrumpierbar, und zwar um so mehr, je größer die Machtballung ist, die er zulässt. Hierarchien, zentrale Macht und große Vermögen sind dabei eine Grundgefahr für jede Gesellschaft.

Die Konsequenz daraus muss sein, dass sich Gesellschaften Regeln geben. Diese Regeln müssen stabil sein, in einem zivilen Rahmen ausgeführt werden und auf einem breit verteilten Machtgefüge ruhen. Das bedeutet, dass u.a. die Verhinderung von Korruption eine Schlüsselfunktion in einer solchen Gesellschaft innehat. Nicht bloß "Staatsgewalten" müssen sich gegenseitig kontrollieren, sondern jede Form von Macht muss eingeschränkt werden. Es darf keine Herren und keine Sklaven mehr geben. Dies erreicht man u.a. durch die Umkehrung der politischen Zuständigkeit, von der Zentrale in die Region. Die Kommune ist die mächtigste Instanz, überregional wird nicht verfügt, sondern koordiniert.

Ich halte es nach wie vor für einen fatalen Fehler, die Rolle des Staates im Kapitalismus, in dem er als Diener des Kapitals fungiert, für eine Art Vulgäranarchismus theoretisch zu missbrauchen. Genauso wenig liegt mir an einem Staat, der das sozialistische Paradies reguliert. Wer aber ganz generell die Errungenschaften der Zivilgesellschaft aufgibt, weil sie historisch mit dem Kapitalismus verbunden sind, macht sich zum Handlanger der Barbarei.

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