sozialzeugs


 
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Ich habe mich zuletzt ein paar Mal aus dem Fenster gelehnt, als es um Sex und seinen -ismus ging. Dabei ging es nicht nur um eine neureligiöse Moralität, die nichts von sich wissen will, sondern im Kern vor allem um das Verhältnis zur Zivilisation. Das Subjekt, das sich Unterwerfende, hat den Deal mit der Zivilisation gemacht: Du schützt mich und ich bin brav. Erst in der Zivilisation droht ihm daher der doppelte Einschlag: Mach dich klein und sie machen dich noch kleiner.

Schutzlos in der Zivilisation - ein wahrer Clusterfuck. Das Subjekt verzichtet auf direkte Gewalt, auf Waffen und deren Anwendung, auf töten, schlagen und beißen. Dafür hat es Rechte. Blöd nur, wenn die ihm nicht gewährt werden und obendrein noch die Antiquität der Strafe verhängt wird, wenn es dann doch blutig zurückschlägt. Das Schlimmste dabei: es weiß nichts mehr davon. Es ist ihm nicht einmal mehr vermittelbar. Es ist sich so entfremdet, dass es nur mehr Funktion der Funktion seiner 'Gesellschaft' ist.

Hätschelkinder

Für alles hat es Fachleute: Autowerkstätten, Polizei, Handwerker, Anwälte. Die machen das für mich. Wenn sie es machen, solange sie es machen und wenn ich es mir leisten kann. Alles, was man tun kann, ist mitmachen, worüber man nicht entscheidet, hören, was man nicht versteht und tun, was alle tun. So ist das heutzutage®. Was man darf oder nicht darf, wussten früher die Eltern oder der Pfarrer; heute weiß es die Tagesschau. Die hat auch einen Facebook-Account. Die 'Mitte' hört hier, was die Guten tun und was die Bösen.

Wer davon abfällt, steht erst einmal im religiös-sozialen Nichts. In der Folge suchen sich die Ketzer neue Götter; es gibt Privatmoralen für alle und jeden, sogar komplette Weltbilder. Übers Netz ist man ruckzuck unter 'Vielen' und darf sich wieder stark fühlen. Es gibt reichlich 'Gleichgesinnte', die können ja nicht alle falsch liegen. Dabei transportieren die Teilzeitsekten, die sich so bilden, das verquere Verhältnis zu Moral und Gewalt, das ihnen zweiten Natur wurde. Zwar bricht es zunehmend aus ihnen heraus, eine direkte Konfrontation aber scheuen sie.

Wehrt euch, kauft nicht

Also wird aus dem Dickicht gehetzt, aus dem Hinterhalt getrollt und gedroht. Wir kriegen dich, du Sau! Nichts ist mehr unmöglich, auch der Drecksjude ist wieder dabei - schließlich wurde der von den falschen Propheten des Mainstreams verboten. Die Aggressoren verbreiten mit ihren Lügen Angst und Schrecken, ihre Waffen sind Hetze und Propaganda. Wenn sie damit auffliegen, verstecken sie sich hinter anderen, stapeln Ausreden und sind für nichts verantwortlich. Mit solchen Strategien wehren sie sich gegen das Establishment.

Die Opfer tun dasselbe, nur auf der anderen Seite. Sie berufen sich, sie glauben, sie klagen und erwarten. Schließlich ist das der Kern der Gesellschaft, dass gerechte Entscheidungen auf friedlichem Wege herbeigeführt werden. Es ist halt nur so, dass die Opfer das Unglück einer besonderen Ungerechtigkeit erleiden. Gegen diese kämpfen sie. Mit Anwälten, Petitionen und Öffentlichkeit. In ihrem Namen hängen sich andere dran und trollen zurück. Aber bloß keine Gewalt!

Keine Gewalt?

Ich fürchte, diese Zivilisiertheit ist über jedes Ziel hinaus geschossen. Die Schwachen sind so zivilisiert, dass ihre Angst sie ständig lähmt, doch so tief sie sich auch bücken, sie werden dennoch getroffen. Die Aggressiven nutzen das nach Herzenslust aus und prügeln täglich ein paar Opfer durch. Konsequenzen? Nicht machbar, selbst mit diktatorischen Mitteln, die obendrein noch damit gerechtfertigt werden. Meinung ist gefährlich. Die Gefahr muss eingedämmt werden.

'Wehrhaft' nennt sich dann solche 'Demokratie', eine monopolisierte Staatsgewalt, die leider die Wurzel ihrer Legitimität ziehen muss. Wo sind hingegen die wehrhaften Bürger? Wo stellen sie sich, begegnen sich und geben sich Grenzen? Ein Mensch, der zurückschlägt, wird selten geschlagen. Wo direkte Gewalt droht, droht kein Troll mehr. Diese Gesellschaft hat ein Gewaltproblem. Wir haben uns so eingehegt, dass wir Gewalt vor uns schützen statt umgekehrt. Wer sich damit auskennt, holt sich daher unbeschwert seine Opfer.

 
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Ich bin verwirrt. Dabei lese ich nur noch Überschriften; also größtenteils. Zum Beispiel beim Spon, da gehe ich höchstens einmal am Tag hin und schaue, was sie so annoncieren. Reicht auch, zumal wenn man dann noch einen schnellen Einblick in den Sehnerv gefräst bekommt über das, was ein "bento" für freshen Journalismus hält. Danach kann nichts mehr kommen. Heute las ich also "Der schönste Arsch im Gremium", unter einem Bild von Katja Kipping und irgendwas von wegen "Sexismus". Vorher war mir schon woanders die Zeile begegnet, jemand wechsele die Straßenseite, wenn nachts eine Frau vor ihm gehe.

In Tinder-Zeiten stellt sich die Frage, ob diese Kultur womöglich völlig overfucked and undersexed ist. Ständig blimpen die Äpps um mich herum, weil Hinz und Kunz im datengeilen Ficknetzwerk unterwegs sind. Die Jugend ist sowieso völlig verpornt. Vor allem die Jungs haben offenbar nur noch die Simulation dessen im Sinn, was ihnen die Abspritzpisten vorführen. Standardfrage an die Damen ist längst nicht mehr, ob er ihr in den Mantel helfen darf; es geht da regelmäßig eher um "ins Gesicht spritzen" oder "in den Arsch ficken".

Die andere Seite

Nun könnte man sagen: "Wenigstens reden sie drüber", wenn schon der sprichwörtliche Zugang zum anderen Geschlecht völlig kapitalisiert ist. Dass der anale Charakter sich hier offensiv präsentiert, macht Sigmund schmunzeln. Es scheint sich um so etwas wie fairen Wettbewerb zu handeln. Wer das Ziel am häufigsten trifft, verschafft sich Geltung. Traurig auch: Wir haben uns damals noch richtig geküsst. Ich fand's schöner. Cher hatte übrigens völlig recht, aber das nur am Rande.

Auf der anderen Seite eine Welt aus heimlichem Leiden und Paranoia. Versteht sie mein Schnäuzen als versuchte Vergewaltigung? Ist es sexistisch, wenn ich jetzt die Braue hebe? Es scheint auch in diesem Bezug eine Kluft zu geben zwischen dem geistigen Prenzlberg und dem Rest der Welt. Die meisten Frauen, die ich kenne, freuen sich zumindest still, wenn ihnen ein "geiler Arsch" diagnostiziert wird. Die Männer übrigens auch. Sie wissen sogar zumeist scharf zu unterscheiden zwischen Balzverhalten, Kompliment und der Reduktion auf ein Stück Fleisch, das man nach Gusto verarbeiten und sich einverleiben kann.

Keine Zeit

Allerdings gilt das für eine Gesellschaft von Menschen, die miteinander sprechen. Vielleicht liegt da das Problem. Sie filtern sich zu Tode und haben mit der Welt vor ihrer Nase abgeschlossen. Ich nehme mich da ausdrücklich aus, ausgerechnet als einer, der seit mehr als zehn Jahren eine Menge Zeit mit seinem Blog zubringt. Vielleicht auch wieder gerade darum: 'Kommunikation' als Management von reflexhaftem Datenaustausch ist mir ein Greuel. Schon dieser ständigen Erreichbarkeit habe mich seit jeher verweigert.

Sie aber wissen nicht mehr, was sie tun, allein weil ihnen die Zeit dazu fehlt. Sie telefonieren auch nicht mehr. Sie tauschen Voicemails aus. Keine Zeit für Gleichzeitigkeit. Keine verbindlichen Antworten, lieber irgendwas ins Mikro labern und sich nachher mit einer originellen Interpretation rausreden. Es gibt nicht einmal mehr Missverständnisse, weil Verständnis gar nicht vorgesehen ist. Dasselbe wie früher, nur aus anderen Gründen: Es gibt gar keinen Sexismus. Es herrscht nur totale Ignoranz. Dann kommt sowas von sowas.

 
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Ich muss an dieser Stelle zunächst einräumen, dass ich mich mit dem Thema ein wenig verhoben habe. Das macht aber nichts, denn ich habe andererseits den Eindruck, dass einige dennoch einen leicht veränderten Blick auf 'Gewalt' haben und das vor allem die Frage im Raum steht, was das denn überhaupt ist. Diesbezüglich kriege ich hier garantiert den Deckel nicht drauf, und die Frage wird weitgehend offen bleiben. Ich gehe daher meinem eigenen Gedankengang nach und versuche, den mit Ansätzen aus den Kommentaren zu verbinden.

Mir selbst folgend, habe ich Gewalt als Handlungsoption verstanden, als Gegensatz zur Ohnmacht. In der Situation, die oft traumatisch wirkt, ist das ja auch ganz plastisch so: Der Täter übt Gewalt aus, dass ohnmächtige Opfer leidet darunter. Meine Spekulation ist die, dass dieselbe Situation dem Opfer allein schon dadurch Handlungsspielraum lässt, wenn es von der Gewalt nicht überrascht wird und gelernt hat, mit Gewalt umzugehen - selbst wenn es hoffnungslos schwächer ist. In den Fällen, in denen Täter gerade durch die erkennbaren Ohnmachtsgefühle ihrer Opfer motiviert werden, kann sogar das schon wirksam sein.

Widerstand ist sinnvoll

Vor allem aber gibt es ein Vorher, Während und Nachher des Ereignisses, die eine 'normale' Zeitlinie ergeben. Die Tat wirft das - gelähmte - Opfer nicht aus der Zeit, sondern befähigt es zu handeln, sobald die Macht des Täters endet. Die Ereignisse um H.Weinstein und ähnliche Fälle zeigen hingegen, dass Scham und Schock dazu geführt haben, sich nicht einmal nachher zu äußern. Dies führt obendrein dazu, dass sich die Machtspähre solcher Serientäter enorm erweitert. Zur Vollständigkeit sei bemerkt, dass Gegengewalt ein oft äußerst probates Mittel ist, selbst für Schwächere.

Das Problem, das ich hier sehe, ist das Tabu über Gewalt. Das Motto "Keine Gewalt!" ist strunzdumm. Dazu muss man nicht einmal (was durchaus berechtigt ist) auf strukturelle Gewalt hinweisen. Auch Notwehr ist Gewalt, und wer von vornherein darauf verzichtet, begibt sich freiwillig in die Hand fremder Mächte. Der stumpfe unzivilisierte Faustkampf wird vermutlich als vulgär empfunden, als proletenhaft. Der Diskurs über Gewalt hingegen ist zivilisiert, eine Angelegenheit der Mittelschicht. Da gibt es keine Gewalt. Kurzum: Der gesellschaftliche Umgang damit wird festgelegt von Leuten, die nicht wissen wollen, was das ist.

Akademische Frage

Da kommt dann die akademische Frage auf, was das denn sei? Zwang, Nötigung, Körperverletzung, im Weg Rumstehen - wo fängt sie an, wo hört sie auf? Eine Spezialabteilung entdeckt sie derweil in der brutalen Anwendung von Artikeln, Wortendungen und Astrid-Lindgren-Büchern. Wenn man so weit von realer Gewalt entfernt ist und noch zu blöd zu abstrahieren, dass die Staaten, die hier juristisch eingreifen sollen, gerade massenhaft Menschen töten ('Krieg gegen den Terror'), macht man Fehler. Das führt auch dazu, dass hinter der Fassade solcher Debatten jahrzehntelang vergewaltigt werden kann und es niemand wahrhaben will.

Kurzum: Die Frage, was Gewalt sei, kann man nur beantworten, wenn man sie erlebt - vor allem kollektiv - und offen damit umgeht. Das heißt, dass man es nicht dem Strafgesetz und der Polizei überlassen darf. Diese Gesellschaft muss gewaltbereiter werden. Das bedeutet keineswegs, dass es dann mehr Gewalt gibt. Damit sind wir dann immer noch nicht beim Schlimmsten, das wir inzwischen "Verantwortung Übernehmen" nennen. Diese perverse Kultur schlachtet massenhaft Menschen ab und nennt noch nicht einmal das Gewalt. Ernsthaft: Wir tun pazifistisch und schwafeln von Gewaltlosigkeit, während für uns nicht einmal das Töten von Artgenossen Tabu ist.

 
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Na, schon verwirrt? Wird noch schlimmer, denn bislang sind wir nur indirekt beim Thema. Das nämlich ist, wie gleich eingangs verraten, "Gewalt", ein Unterkapitel "Ohnmacht". Der alte weiße Mann hier ist als sehr kleiner weißer Junge auf die Welt gekommen (Nein! Doch! Oh!) und hat quasi vom ersten Tag an Gewalt erlebt. Das hat einen komischen Effekt: Selbst wenn man (und das sind meine frühesten Erinnerungen) eine Idee hat davon, was ungerecht ist und mit dem Gesamtpaket "Leben" irgendwie unzufrieden ist, erscheint Gewalt zunächst als etwas völlig Normales. Man erleidet sie und man wendet sie an. Ganz selbstverständlich.

Wenn man erwachsen wird und das Glück hat, diese Erfahrungen reflektieren zu können, gibt es Wege, nicht zum Gewaltzombie zu werden und sie (was psychologisch quasi der Normfall ist) in Endlosschleife zu wiederholen. Hier gibt es eine entscheidende Schnittstelle, an der Gewalterfahrung, vor der niemand je sicher ist, beherrschbar wird. Richtig; jetzt sind wir bei der Ohnmacht. Nicht Gewalt ist das Problem (sofern sie keine bleibenden körperlichen Schäden hinterlässt), sondern Ohnmacht.

Endlosschleife

Es ist Ohnmacht, die zur Wiederholung drängt, zur berüchtigten "Identifikation mit dem Aggressor". Das Gewaltopfer versucht, die traumatische Erfahrung zu bewältigen, indem es die Situation wiederholt, allerdings mit vertauschten Rollen. Es tritt selbst als Täter auf, als der handlungsfähige Part der Situation, was doppelt blöd ist, denn das funktioniert nicht. Es gibt auch noch andere Strategien, etwa Autoaggression, die das Trauma wiederholen und ähnlich 'erfolgreich' sind. Das alles ist bis hierher höhere Küchenpsychologie. Kommen wir also zum Schluss zum Anfang, zu einer fatalen Strategie, die ich vehement ablehne:

Der Weg aus der Ohnmacht ist die Konfrontation mit ihr, der erlebten Gewalt und der Angst. Dümmste Strategie: Sich für alle Zeiten ohnmächtig zu machen, indem man Angst vor Gewalt kultiviert. Und damit bin ich mitten in meinem Problem mit dem 'Opferschutz'. Wer Gewaltopfer vor Gewalt schützen will, indem er eine ganze Gesellschaft auf Samthandschuh dressieren will, hat den Knall nicht gehört. Obendrein beschlagnahmen die in ihre Opfer verliebten 'Schützer' noch jeden symbolischen Opferstatus, der nicht bei drei unterm Teppich ist: schwarz, weiblich, homosexuell, behindert, bescheuert oder religiös. Ausnahme wie gehabt alles, was mit Klassenbewusstsein zu tun hat, denn da verschmelzen die ganzen schönen Rassen und Vorlieben zu einer einzigen Menschheit, wie eklig!

Wer schützt wen vor was

Was lässt euch eigentlich glauben, dass Gewaltopfer von euch geschützt werden wollen? Die Alibispaten in eurer Peergroup? Will der Homie aus der Bronx wirklich von Veganern aus Kreuzberg vor alten weißen Männern geschützt werden? Das ist genau so geil wie diese antideutschen Israel-Fans. Glauben die wirklich, Israel und seine Bürger wollen "uneingeschränkte Solidarität" von Typen, deren Leistung darin besteht, Nazienkel zu sein? Wenn das der Sigmund wüsste!

Es ist mühsamer, sich realen Gewaltopfern zu widmen anstatt sich Sex-und Rassenlehren anzueignen, mit denen das Böse bekämpft wird. Gewaltopfer haben den Anderen derweil eines voraus: Sie wissen, wie das ist, wenn es passiert. Sie wissen, dass es passieren kann, dass es möglich ist. Es ist kein Unfall und kein magisches Schicksal. Gewalt - na und? Es gibt keine Sicherheit. Es kann keine geben. Na und? Will man sie unbedingt verhindern, wird man sie heraufbeschwören, egal ob aus 'Opferschutz' oder totalitärer Gesinnung. Man muss den Menschen die Angst vor der Gewalt nehmen und sie nicht für die an ihren Vorfahren rächen.

Gewalt ist eine Option für jedermann. Nur wer sich völlig hat kastrieren lassen und glaubt, es sei ein Naturgesetz, dass ein Staat seine Bürger vor jeder Gewalt schützt, kann das verdrängen und glauben, es sei eine Katastrophe, wenn jemand gegen das Gewaltmonopol verstößt. Im Gegenteil ist es für das Bewusstsein und seinen Schutz vor Ohnmacht besser, sich der Gewaltoption zu versichern. Es kommt im Zweifelsfall sogar darauf an, sie ausüben zu können. Auch und gerade gegenüber dem Staat, der zwangsläufig irgendwann auf seltsame Ideen kommt, wo er seine Bürger zu Schäfchen degradiert hat. Die Wahl ist immer die zwischen Ohnmacht und der Fähigkeit zu handeln.

 
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Ich habe den folgenden Artikel in zwei Teile zersägt. Er nimmt lange Anlauf und geht weit über die Dörfer, daher lasse ich ein bisschen Zeit für Reflexion und ggf. erstes Gemecker.

Das ganze Leben ist die Kunst des rechten Maßes. Egal ob 'privat', öffentlich, politisch, sozial, beim Essen, Trinken und den Drogen, Spocht, Unterhaltung und selbst in der Vernunft braucht es Grenzen, innerhalb derer getan und gelebt wird, sonst wird es unerträglich. Ich meine hier selbstverständlich Gesellschaft - die wiederum da anfängt, wo wir es mit mindestens zwei Menschen zu tun haben. Da muss es Grenzen ebenso geben wie Toleranz; wird die Schraube überdreht, fliegt das Ganze auseinander. Dummerweise befinden wir uns in diesem Albtraum mit dem Titel von Maggie Thatcher: "There is no such thing as society" - es gibt keine Gesellschaft.

Das ist nicht bloß die Formel des Wahnsinns, den der Neoliberalismus über die Menschen gebracht hat, es ist durchaus auch eine Diagnose. Extremismus ist der Normalzustand; das Extrem des Individualismus. Das Problem: Der losgelassene Einzelne ist immer extrem, weil durch niemanden eingeschränkt. Welch grandiose Idiotie, die "Freiheit des Einzelnen" zum Ideal zu verklären! Der Einzelne, der sich mit niemandem arrangiert, keine Rücksicht nimmt, nur sein eigenes Ziel vor Augen hat, ist ein Idiot. Er kann gar nichts anderes sein, weil er nicht erkennt, was er denkt und tut, weil er sich nicht erlebt als das, was er immer ist: ein Teil von Gruppen, auf die er Einfluss hat.

Ich und die Anderen

Sozialkompetenz, die Fähigkeit, Wechselwirkungen zwischen Gruppen und Personen zu verstehen, ist mehr als plumpe Berechnung. Wer nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen will, sein Ziel zu erreichen, wird nicht einmal das schaffen. Er erkennt schon den eigenen Einfluss auf andere nicht, wo er ihn nicht mit Leben erfüllt und weiß noch weniger davon, dass seine vermeintlichen Ziele gar nicht seine sind. Er weiß nichts darüber, wie er selbst beeinflusst wird. Über diese Erkenntnisse geht das produzierte Menschenbild der Gegenwart aber hinweg.

So viel zu diesen Voraussetzungen für das, was dann an 'Gesellschaft' übrigbleibt, die ein bloßes Funktionieren des Apparates ist, für den sie keinen Namen mehr hat. Das mag u.a. ein Grund dafür sein, warum das Völkische wieder Konjunktur hat: Wer keine "Gesellschaft" mehr kennt, findet sich vielleicht im 'Volkskörper' wieder. Um die vielen kleinen Extremisten unter Kontrolle zu halten, gibt es reichlich Ideen, vom Strafrecht über Gehirnwäsche bis hin zu autoritären Moralkorsetten. Je nach Geschmack wird damit das Schlimmste verhindert oder für Gerechtigkeit gesorgt.

Das Böse

Dabei sind sich die Meisten einig, dass Gewalt gebannt, geächtet, verboten und möglichst ausgemerzt gehört. Entlang der Empfindlichkeit gegenüber Gewalt kann man wiederum ungefähr ablesen, wie weit ‚links' oder 'rechts' jemand steht. Die Rechten sind für Gewalt noch der brutalsten Art: Todesstrafe, Lynchjustiz, und wo wir die Gefilde des schäumenden Mobs verlassen, wenigstens immer "härtere Strafen", der Kassenschlager der 'Konservativen'. Selbstverständlich ist hier die Rede von Gewalt gegenüber anderen, vor allem gern Schwächeren. Die haben das irgendwie verdient, weil sie minderwertig sind.

Auf der linken Seite müssen wir einen kleinen Schnitt machen rechts von der winzigen Minderheit, die militant auftritt. Dann kommen die neu-Autoritären, die unerbittlich mit null Toleranz gegen Gewalt sind. Zur Not wird Gewalt auch schon mal umdefiniert, aber ganz wichtig ist, dass es keine Gewalt mehr gibt. Das bedeutet ja eben auch, dass Angehörige jeder Gruppe, die auf irgendeine denkbare Art Opfer irgendeiner Gewalt wurden, davor geschützt werden müssen, indem man alles unterdrückt, was dazu imstande wäre, also weiße Hetero-Männer. Die fallen leider dann auch nicht mehr unter Opferschutz, egal wie furchtbar sie gequält oder ausgebeutet werden.

to be continued

 
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Merkwürdig: Ausgerechnet als 'Argument' gegen Sexismus entdeckt Herr De Lapuente plötzlich den Klassenkampf. Manche Manöver sind einfach zu durchsichtig. Leider mag "Dame von Welt" keine Links, aber sie hat zum Thema einen Text verfasst, dem ich weitgehend zustimmen kann. Müsst ihr selbst suchen.

Vor allem der Hinweis darauf, dass die kleinen Weinsteins ein Problem sind; eines, das sich eher nicht in die Kategorie "Klassenkampf" einordnen lässt, ist hier wichtig. Das Original übrigens auch nicht, denn viele von Weinsteins Opfern trennt keineswegs eine Klassenschranke von ihm. Dass Kapitalismus besonders geeignet ist, ausbeuterische Herrschaftsverhältnisse zu fördern, lässt sich zwar nicht leugnen, sexuelle Gewalt aber hat noch eine ganz andere Dimension.

Gar nichts gelernt

Meine Ansichten zum Gender-Sexismus ist gemeinhin bekannt; diese Form von "Feminismus", eine Orgie der Opfermythologie, ist in diesem Zusammenhang eher fatal, weil sie obendrein die Unterschiede schleift zwischen Anmache, Sexismus und Gewalt. Geschenkt. Es geschehen aber Dinge, die mir zeigen, dass wir offenbar noch im tiefsten Hinterwald leben, Mittelalter und Steinzeit. Es ist zum Kotzen.

Noch ein Ansatz: Neulich in Barcelona griff mir eine alte dicke Frau, als sie aus der U-Bahn ausstieg, erkennbar absichtlich und mit einem dreckigen Lachen an den Hintern. "So ist das also", dachte ich, war zunächst perplex und dann eher amüsiert. In der Tat macht es aber einen Unterschied, wenn du weißt, dass sie dir nichts anhaben kann und du das nicht alltäglich erfährst. So ist das also doch eher nicht.

Bemerkenswert derweil, dass es eine Kaste überbezahlter Sternchen ist, bei denen Arschwackeln zum Geschäft gehört, die jetzt aufbegehren. Damit meine ich absolut nicht, sie hätten kein Recht dazu. Im Gegenteil ist es traurig, wenn selbst Frauen (inzwischen auch vereinzelt Männer) mit solchen Ressourcen sich jahrelang nicht trauen sich zu äußern. Geradezu furchtbar, wenn sie es doch tun und auf Mauern der Ignoranz und Verharmlosung stoßen. In dieser Welt leben wir also. Diese Bretter sind also immer noch zu bohren. Hätte ich nicht gedacht.

Bück' dich

Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass das Gegenteil des Opferkultes hier Not tut; dass Frauen, die Situationen solcher Ohnmacht erlebt haben, erfahren, dass sie eben nicht ohnmächtig sind. Eine Zivilgesellschaft muss in der Lage sein, den Wichsern, die sich dergleichen rausnehmen, beizukommen. Das heißt weder, dass man wie de Lapuente den unschuldig verfolgten Jörg Kachelmann ohne Weiteres in einem Satz mit Vergewaltigern und Verdächtigen nennt, noch dass man Frauen, die sich äußern, für hysterisch erklärt oder Vergewaltigung bagatellisiert.

Es heißt offensichtlich, dass man vielen Zeitgenossen noch beibringen muss, was rudimentäre Solidarität ist und man nicht erst vor Gericht das Minimum an Anstand durchsetzen kann. Es heißt, dass die 'westliche' Gesellschaft unter der dünnen Tapete nach wie vor jede widerwärtige Spielart sadistischer Herrschaft duldet und Zivilisation eine Frage des Machtgefälles bleibt. Die Macht des (vermeintlich) Mächtigen zu akzeptieren, heißt zu akzeptieren, was er damit macht. Egal, in welcher Gehaltsklasse.

 
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(Zu Teil 1)

Das Bildungssystem, insbesondere das deutsche, ist eine ganz eigene Erzählung, Der freidrehende Fleiß, dessen Produktivität bei der Massenvernichtung ebenso zuverlässig wirkt wie bei der Massenproduktion, folgt einer Leistungsreligion, deren Gottheit ebenso unsichtbar und außerweltlich bleibt wie ihr Vorgänger im Himmel. Es ist nicht nachweisbar, eher schon widerlegbar, dass einen Zusammenhang gebe zwischen Leistung und Einkommen, aber das ganze System ist durchzogen von Sinnsprüchen, die das Gegenteil behaupten.

Schon in der Grundschule werden Karrieren zerstört, lange bevor so etwas wie Leistungsfähigkeit und kognitive Reife überhaupt beurteilt werden können. Das wird auch von niemandem bezweifelt, den auch nur ein Hauch von Sachkompetenz umweht. Warum ist es dann noch immer so? Hat sich doch bewährt! Sehr zuverlässig ist schon an den Gymnasien das Gros der Unterschicht ausgesiebt. Was von denen noch an der Uni ankommt, frisst nicht allzu viel Brot. Spätestens bei der Drucklegung der Dissertation kann man das noch ausbremsen, und selbst wenn es jemand zur echten Bildungselite schafft, ist das ja keine Garantie auf einen Platz im Stall der Superhengste.

Den Armen helfen

Wie reagiert der sozialdemokratische Teil des Systems, der noch Mitgefühl simulieren muss, darauf? Nicht etwa so, dass die Klassenschranken und Schützengräben im System auch nur diskutiert werden. Ihre Antwort sind Bildungsalmosen. Vielleicht lernen sie ja wenigstens, mit Messer und Gabel zu essen, die "Bildungsfernen".

Das war übrigens früher® keinesfalls besser. Zu meiner Grundschulzeit gab es noch Noten im Bereich "mündlicher Ausdruck"; da konnte man die Kinder gleich ungehemmt für ihre Herkunft bestrafen. Allein dass in der Unterschicht eine andere Grammatik, ländlich auch noch eine ganz andere Sprache vorherrscht, ist ein ein kaum beachtetes Problem. Das Bildungssystem ändert nichts an diesen Makeln, weil sie erwünscht sind, und zwar vor allem von denen, die den Betrieb besorgen. Die Mittelschicht hält sich hier erfolgreich Konkurrenz vom Hals.

Selbsthilfe abgelehnt

Ein Weiteres tut der Einfluss der Eltern. Während eben diejenigen, die ihren Stand verteidigen, dies recht forsch tun und aktiv auf das Geschehen Einfluss nehmen, sind diejenigen, deren Kindern benachteiligt sind, zum Schweigen verdammt. Die Rollen sind klar verteilt: Hie die Leistungsträger und Helikoptereltern, dort die Versager, denen stillschweigend jede Kompetenz in Bildungsfragen abgesprochen wird. Wenn Schantall Probleme hat, liegt das an ihr oder ihrer Hartzer-Familie, ganz sicher nicht an der Schule oder ihren Lehrern. Wenn Sie anderer Ansicht sind, lernen Sie erst einmal, das in angemessener Form vorzubringen!

Die Mär von der Durchlässigkeit, von Gleichberechtigung und Demokratie, wird in den Bildungseinrichtungen in Grund und Boden gestampft. Das hat zur Folge und kann nur so funktionieren, dass dieser Umstand ignoriert und umgedeutet wird, wo er nicht geleugnet werden kann. Dann werden halt "Anreize" geschafft für die "Bildungsfernen" und der "Eigenverantwortung" überlassen. Wenn die Dynastien der Asozialen davon keinen Gebrauch machen oder nur Geld für das Essen ihrer Brut sparen, ist das schließlich der Beleg dafür, dass sie gar nicht wollen. Da kann man dann nix machen.

((Zu Teil 3))

 
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Ich hatte eh eine quasi literarische Frage im Vorlauf, als ich dieses Gespräch las. Eribon analysiert die aktuelle politische Situation immer wieder präzise; was ihn aber vielleicht noch mehr auszeichnet, ist sein Stil. Er erzählt oft anstatt zu dozieren, womit er mehr Menschen erreicht. Dabei verliert sein Blick keineswegs an Schärfe. In dem verlinkten Gespräch geht es außerdem um Bildung und die Frage, ob es ein Entrinnen aus der Klasse gibt, der man abgehört (also in der Regel der Arbeiterklasse).

Ich werde einmal versuchen, das zusammenzuziehen. Aufklärung und Bildung waren nie unmittelbar mit der Idee verbunden, Klassenschranken zu überwinden. Aufklärung war eine Waffe gegen den Adel, dann aber gleichsam für die Bourgeoisie als neue Herrscherklasse. Die Bildungskonzepte der frühen Moderne wie bei Humboldt sahen ebenfalls höhere Bildung nur für höhere Söhne vor. Erst die Nachkriegszeit öffnete kurz das Fenster zu einer Bildung, die Aufstieg ermöglichen sollte. Es wurde halt eine neue industrielle Mittelschicht gebraucht.

Ungenutzt

Mit dem Internet sind Möglichkeiten zu Information und Bildung gegeben, von denen man noch vor einem Wimpernschlag der Geschichte kaum träumen durfte. Wir wissen, wie viel Gebrauch davon gemacht wird. Dass die Menschen, vor allem die Arbeiterklasse, auf das Potential von Bildung verzichtet, ist erst in letzter Instanz eine durchaus beklagenswerte Faulheit. Sie ist vor allem Ergebnis der Erziehung, der Konditionierung von Menschen in den Schulen und anderen Einrichtungen.

Man kann die Gegenaufklärung mit Händen greifen. Die Errungenschaften des 18. Jahrhunderts sind eine Art Wandschmuck, und wo es nicht verboten wird, verschwindet auch der noch hinter einem Kruzifix. Ich kann es noch immer kaum begreifen, wie in allen Schulformen regelmäßig die Kinder sprichwörtlich auf die Knie gezwungen werden. Wie viel Zeit mit Beten und mystischem Firlefanz zugebracht wird und wie wenig mit einer Erziehung zur Mündigkeit.

Zurechtgestutzt

Die Kirchen, deren Anhängerschaft dahinschmilzt, haben nach wie vor Bildung und Politik im Würgegriff ihrer teils verfassungsmäßig gesicherten Verdummungsmaschine. In/im Bewusstsein der "Verantwortung vor Gott und den Menschen" heißt es in den Verfassungen von Bund und Ländern. Man beachte die Reihenfolge! Die göttliche Ordnung geht vor; Demokratie gibt es nur in diesem Rahmen, das halt, was von ihr noch übrig bleibt. Menschen werden schon in den Schulen zugerichtet, auf dass sie sich der Ordnung unterwerfen.

Das deutsche Schul- und Bildungssystem wird seit Jahrzehnten in Grund und Boden 'reformiert'; Ziel und Zweck dieser Reformen sind Unterrichtsinhalte und die Organisation der Bildungseinrichtungen nach den Anforderungen des 'Arbeitsmarktes'. Die wichtigste Funktion des Bildungssystems ist dabei gar nicht Gegenstand der Diskussion: Die Klassenzugehörigkeit festzulegen. Das ist kein Nebeneffekt. Im Gegenteil steht und fällt jede Möglichkeit von Bildung mit dieser Funktion.

(Zu Teil 2)

 
hg

Quelle: Pixabay

Vor einiger Zeit schrub ich:
"Daher ist Argumentieren auch ein Sport für Leute, die nichts Besseres zu tun haben. Doch, so sehe ich das wirklich. Machen wir uns nichts vor: Du kannst noch so brillant sein, geduldig, präzise und wach; die meisten lassen ihr Weltbild null beeinflussen von Diskursen und hauen Argumente nur raus, weil das ein Ritual ist."
Das kann ich gern noch anreichern, nicht zuletzt aus aktuellen Erfahrungen.

Die Fähigkeit, einen Diskussionsbeitrag von der Person zu trennen, die ihn leistet, ist eine Seltenheit. Wer 'böse' ist, hat Unrecht, egal, was er sagt. Was jemand sagt, wird grundsätzlich als Ausdruck seiner Befindlichkeit gewertet. Kann jemand nicht kühlen Kopfes und bei ruhigem Puls sehr deutliche Worte sprechen? Ist wohl denkbar, dass jemand mit einem dicken Hals und Puls 180 dennoch völlig sachlich bleibt?

Ich sehe was, ...

Oder, noch einfacher: Auf einem belebten Platz stehen an dessen vier ecken vier Menschen und schildern gleichzeitig, was sie beobachten. Können sie alle ehrlich sein und recht haben, obwohl jeder etwas anderes erzählt? Hat das etwas mit ihrer Einstellung zu tun, mit ihrer Laune oder ihrer Biographie? Kann jemand womöglich sogar freiwillig Dinge aus einer Perspektive sehen, die er gar nicht vertritt?

Für die allermeisten Diskutanten ist das zu hoch. Das hält sie aber keineswegs davon ab, sich im Recht zu wähnen. Mehr noch: Sie wissen alles über die anderen, die folgerichtig im Unrecht sind. Für sie gilt nur ihre eigene Erfahrung, ihre eigene Perspektive. Versuche, Dinge jenseits persönlicher Erfahrungen zu betrachten, lehnen sie ab. Das ist alles korruptes Teufelszeug, von Fake News über gefälschte Statistiken bis zur korrupten Wissenschaft. Es gibt keine Wahrheit außer ihrer eigenen.

Kantest du wen raus, weil er trollt, heult er, du ließest seine Meinung nicht zu. Haust du jemanden seinen Kommentar um die Ohren, weil er blödsinnig ist, fühlt er sich persönlich beleidigt. Es steht zwar geschrieben: "Du bist nicht gemeint, nur dein Kommentar"; aber wer liest schon, wenn er stattdessen selbst was schreiben kann?

Der Scharfrichter

Vernunft war einmal der Versuch, vom Besonderen zum Allgemeinen zu kommen und umgekehrt, und zwar auf der Basis von Regeln, die für alle gleich gelten. Dazu war es unerlässlich, persönliche Befindlichkeiten außen vor zu lassen - weil diese niemals gleich sein können. Ich fürchte, diese Haltung hat sich nie durchgesetzt. Im Gegenteil glaube ich eben, dass die Meisten das gar nicht können.

Hier wird es dennoch weiterhin um die Sache gehen, und der große Diktator am Zensurknopf wird weiterhin danach urteilen, was geschrieben steht und ob es zur Sache beiträgt. Dabei ist er gleicher als die anderen, weil den Job sonst keiner machen kann, was wiederum technisch bedingt ist. Paradox wie das Leben so spielt, werde ich weiterhin versuchen, so etwas wie Vernunft in den Diskussionen zu ermöglichen - egal, wer sich dadurch beleidigt fühlt.

 
weitoWas die Meinungsproduktion derzeit zu James Damore ins Sommerloch stopft, läuft nach dem üblichen Schema ab: Abschreiben, Mithetzen, bloß keine prüfbaren Informationen! Dabei werden Vorurteile in Echtzeit bestätigt, anders ausgedrückt: Was nicht ins Narrativ passt, wird niedergebrüllt. Damore habe "gegen Frauen geätzt", "gehetzt", sei "frauenfeindlich" und "sexistisch". Er habe behauptet, Frauen "seien biologisch weniger geeignet" fürs Programmieren. Die Vorwürfe sind frei erfunden.

Zu den Inhalten: Frauen sind mehr an Dingen interessiert als an Menschen. Sie sind weniger kooperativ. Frauen sind mehr an ihrem Status interessiert als Männer.

Ist das diskriminierend? Frauenfeindlich? Sicher! Statusgeile Ischen, die sich nur für ihre Spielzeuge interessieren und deshalb in sozialen Gruppen nicht zurechtkommen. Unverschämtheit! Ich höre sie schon schäumen, wenn jemand so etwas Widerliches behauptet. Tatsächlich hat Damore Studien zitiert, die zu diesem Resultat kommen - allerdings über Männer. Diese Studien, deren Aussagen ich für wissenschaftlich belegt halte, befassen sich damit, welche Prioritäten reale Frauen und reale Männer in unterschiedlichen Gesellschaften für sich setzen. Daraus hat der Verfasser des Google-Memos Schlüsse gezogen.

Inhalt unerwünscht

Er macht auf dieser Basis Vorschläge, wie reale Frauen besser gefördert werden und die realen Unterschiede verringert werden können, für die er - den Studien folgend, auch biologische Gründe annimmt. Diese Denkweise stellt nach Ansicht der Konzernleitung einen Verstoß gegen die Richtlinien des Hauses dar. Diese sehen offenbar vor, dass es nur eine Erklärung geben darf für die geringere Präsenz von Frauen in technischen Berufen: dass sie von Männern unterdrückt werden. Ihr Desinteresse darf keine anderen Gründe haben.

An einer anderen Baustelle kämpft ein Feminist für seinen Onlinepranger. Sein markanter, aber durchaus typischer Fehler: Er befasst sich überhaupt nicht mit dem Gegenstand seines Pamphlets. Es ist ein verdammter Pranger! Dass andere gegen so etwas sind, kann für ihn ebenfalls nur einen Grund haben: Sie sind ein "Netzwerk von Antifeministen", vor denen die Urheber "in die Knie gegangen" sind. Das falle vor allem den "kritischen Wissenschaftlern in den Rücken", die an dem "Wiki" beteiligt waren.

Die üblichen Verdächtigen

"Kritische Wissenschaft" ist es also, wenn man Publizisten öffentlich als Frauenfeinde brandmarkt? Für Nowak ist der Grund klar: Es ist Wahlkampf, deshalb werden die kritisch-wissenschaftlichen Feministen bekämpft. Weil die Grünen jetzt auch rechts sind. An den Argumenten sollt ihr sie erkennen. Die eigene Seite ist immer "kritisch" und wird deshalb unterdrückt.

Das ist übrigens exakt das, was mir jeder zweite Troll erzählt, wenn ich ihn rauskante, weil er sich benimmt wie eine offene Hose. Es werden Fronten gegen Personen aufgezogen; die Argumente der Gegenseite werden abstrakt abgelehnt. Einmal sind "kritische Wissenschaftler" die Opfer, ein anderes Mal ist es Wissenschaft selbst, die "mit Wahrheit gleichgesetzt wird" - was wiederum falsch und daher abzulehnen sei.

Eine Argumentation findet nicht mehr statt. Es wird dekretiert, beschämt, verfolgt, rumgeheult. Jedes Mittel ist recht, jede Aussage wird so ausgelegt, dass sie zu demselben Resultat führt. Dieser 'Feminismus' ist eine stupide Religion von denkfaulen Idioten, die ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. Mir wurde hier vorgeworfen, ich bliese in dieses Horn, obwohl Feminismus eigentlich ganz anders sei. Ich kenne noch solchen Feminismus, den ich sehr ernst nehme und der ein berechtigtes Anliegen hat. Aber wo findet der statt? Und wer hält diese Schwachmaten auf, die überall, wo sie genügend Einfluss gewinnen, ihre Inquisition aufziehen?

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