sozialzeugs


 
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Ich möchte kurz die Ansätze zusammenfassen, die in der Diskussion im ersten Artikel "zu Rassismus" hervorgebracht wurden. Vor allem eine Unterscheidung erscheint sinnvoll, wobei die zu trennenden Aspekte durchaus Überschneidungen aufweisen, was sich daher als nicht einfach erweist:

Es gibt Formen von Diskriminierung, die nicht rassistisch sind, selbst wenn sie sich auch gegen Menschen bestimmter Hautfarbe bzw. Äußerlichkeiten richten, die auf ihre Herkunft schließen lassen. Schon hier fällt auf, dass es Äußerlichkeiten gibt, die in kein Schema von 'Rassen' passen und dass dieselben Mechanismen und Verhaltensweisen eben auch 'Landsleute' treffen können, deren Vorfahren in x-ter Generation heimisch sind.

Das ist bei denen angeboren

Typisch rassistisch ist demnach überhaupt die Unterstellung, äußerliche Merkmale wie Körperbau, Hautfarbe o.ä., die auf eine geographische Herkunft hinweisen, hätten etwas mit Charaktereigenschaften zu tun. Dies prägt dementsprechende Rassentheorien. Ebenso unterstellt Rassismus, Menschen 'gleicher' Rasse seien generell 'gleich'.

Vor allem Letzteres ist der Mechanismus, der auch ganz ohne Rassismus geht und von dem reichlich Gebrauch gemacht wird, um Menschen zu diskriminieren. Eine Gruppe wird mit (schlechten) Eigenschaften belegt und deren Mitglieder sind dann "alle so": Schwarze, Arbeitslose, Muslime, Kölner. Als Objekt von Projektionen eignen sich beliebige Gruppen. Auch hierzu bilden sich Narrative, die keinem Realitätsabgleich standhalten.

Abgrenzungen

Strittig blieb die Rolle der "Angst" - die der Rassisten wohlgemerkt – als Motiv für Rassismus. Der Begriff blieb aber schon diffus, so dass ich mir erlaube, das für schlicht falsch zu halten. Zur Debatte um beleidigende und klischeehafte Äußerungen gegenüber nicht als vermeintlich blutsdeutsch erkannten Menschen ist festzustellen, dass sich darin Dummheit, Ignoranz und – eingeschränkt – Geringschätzung Ausdruck verleihen.

Während die davon Betroffenen allen Grund haben, genervt zu sein und sich beleidigt zu fühlen, ist es aber sinnvoll, dergleichen von jener abwertenden Diskriminierung zu trennen, die am Ende den Betroffenen schaden soll, bis hin zu Mord und Völkermord. Würde man jede Unachtsamkeit oder Ignoranz als "Rassismus" bezeichnen, verharmloste man wohl eher das, was ihn im Kern ausmacht.

 
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Es gäbe eine ganze Reihe von Anlässen, über Rassismus zu reden, aber damit sind wir schon bei einem der größten Probleme nicht nur dieses Themas: Es ist zu grundsätzlich, um es an einen Anlass zu knüpfen, zumal solche nur Trollen und ihrer Aufmerksamkeitsökonomie dienen. Ich bin gar nicht dagegen, auf Anlässe Bezug zu nehmen, sofern deutlich wird, dass der Bezug so oberflächlich ist wie das Ereignis untauglich, ein grundsätzliches Problem zu repräsentieren. Es ist dann eben ein Symptom, nicht mehr und nicht weniger.

Grundsätzlich also: Rassismus trägt Züge quasi unvermeidlicher Reaktionen. Es muss hier genau hingeschaut werden, wo es noch menschelt und wo schädliche Diskriminierung beginnt. Wenn unter elf Menschen zehn dieselbe Hautfarbe haben, fällt einer auf. Das festzustellen, ist noch kein Rassismus. Auch zu fragen, wo einer herkommt, ist es nicht. Festzustellen, dass jemand irgendwie anders ist, gehört zum Umgang. Ihn deshalb zu bewerten, ist Diskriminierung.

Wer bist'n du, ey?

Es ist auch egal, ob ein Verhalten rassistisch ist oder sonstwie diskriminierend. Es sind die Techniken, die das Ausgrenzen und Abwerten besorgen. Ja, und es gibt durchaus Denkmuster, die einen verkrusteten Rassismus beinhalten. Diese aufzubrechen ist ein dickes Brett. Im Einzelfall mag es helfen, freundlich darauf aufmerksam zu machen. In anderen hat man es mit Arschlöchern zu tun, die gar nicht wissen wollen, dass sie welche sind.

Ich habe jüngst vor einer Kneipe gesessen; es hatten sich vier Schwarze hinzugesellt sowie ein Weißer mit leichtem französischem Akzent. Mir fiel auf, dass sie alle Deutsch miteinander sprachen, fließend, man konnte aber hören, dass sie keine Natives sind (das kann man btw schon deshalb meist, weil kaum ein Migrant einen regionalen deutschen Akzent hat).

Die Jungs haben keine Ahnung, wie man sich in Deutschland benimmt. Sie hatten Pizza und boten mir an, mich daran zu bedienen. Ist es jetzt Rassismus, wenn ich das so sage? Wäre mir extrem egal. Es gibt eben Unterschiede. Ist es Rassismus, wenn viele meiner Bekannten Sachsen spontan unsympathisch finden? Tendenziell eher, würde ich denken, es kommt halt darauf an, was man daraus macht.

Die stinken doch

Es braucht Raum für Gespräch, für Missverständnisse, Fehler und Korrekturen. Es braucht vor allem Begegnung und bei der Begegnung entspannte Kommunikation. Das gilt ja nicht nur für kulturübergreifendes Kennenlernen, sondern für solches generell. Da braucht niemand einen inquisitorischen Verhaltenskodex, da sollte man locker bleiben.

Auf der ganz anderen Seite kommt es gar nicht zu Begegnung, was in einen Teufelskreis mündet: Weil man das Fremde nicht kennt, versteigt man sich in wüste Projektionen ("Die sind so") und weil man nur diese Projektionen kennt – die in Deutschland quasi automatisch mit Abwertung einhergehen - hält man sich fern. Daher bin ich der Auffassung, dass zu begrüßen ist, was Begegnung fördert und abzulehnen, was sie hemmt. In diesem Lichte kann man durchaus auch Konzepte sogenannter 'Antirassisten' betrachten.

 
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Wo wir herkommen, gab es Prügel, reichlich. Hat unseren Eltern auch nicht geschadet®. Die 60er und 70er waren – im Gegensatz zur Geschichtsschreibung und ihrer einschlägigen Wahrnehmung - mehrheitlich knallautoritär. Unsere Eltern sind die Generation, die von den Nazis erzogen worden ist. Wir waren ihre Kinder. Einige von uns wissen daher sehr genau, was Antifaschismus bedeutet.

Für die Macht und ihre soziale Wirtschaft® war die Generation unserer Großeltern schon optimal vorbereitet gewesen. Die Arbeiterschaft hatte nach zwölf Jahren ‚Tausendjährigem‘ ungeheure Macht. Der aufholende Kapitalismus brauchte sie. Sie waren organisiert. Man konnte es ihnen nicht schon wieder verbieten. Sie hätten den Laden übernehmen können.

Wo es lang geht

Nur gut, dass sie ihre Ketten gleich selbst mitgebracht hatten: ihre Identität als ‚Arbeiter‘, die sich nichts Anderes vorstellen konnten als abhängig zu sein und Bossen zu dienen und ihre Gewohnheit, widerspruchslos Befehle zu befolgen. Dass ihnen die Gnade zuteil wurde, Menschenrechte zu haben, bemerkten sie vielleicht gar nicht. So etwas Unverschämtes hätten sie gar nicht gefordert.

Zu den unangezweifelten Autoritäten gehörte auch 20 Jahre danach noch alles, was studiert hatte und einen Kittel trug. Allen voran die Ärzte. Patienten waren für sie gewohnheitsgemäß Stückgut, zumal wenn sie proletarischer Herkunft waren. Kinder machten da keine Ausnahme. Was sie mir als Kind alles amputiert haben, kennen manche gar nicht mehr. Ätherbetäubungen, Metzeleien, Deprivation und Ohrfeigen von Krankenschwestern waren Kollateralerscheinungen des Marschbefehls in den OP.

Verinnerlicht

Während sich dieses Segment in den 80ern allmählich zurück entwickelte, wurde die Kieferorthopädie als Marktchance entdeckt und erobert. Die Folterinstrumente wanderten ins eher unauffällige Mundesinnere, um dort die zeitgemäßen Untaten zu verrichten. Dass die Folgen neben bestenfalls kosmetischen Verbesserungen Zahnschäden und Migräne waren, tut nichts zur Sache. Der Deutsche mag es gerade.

Inzwischen ist vieles besser geworden. Man tut alles für seine Kinder. Sie sollen es einmal besser haben und ihre Chancen nutzen können. Das geht freilich nicht mit schiefen Zähnen und Sitzunruhe. Da tut man halt, was nötig ist. Wenn die Kinder etwas größer sind, machen sie ohnehin freiwillig mit. Hohe Absätze, Schönheitsoperationen, Zahnkorrekturen und Diäten gehören ebenso selbstverständlich zum Werkzeugkoffer der jungen Karriere wie der wohldosierte Einsatz typgerechter Psychopharmaka. Gelebte pluralistische Demokratie eben.

 
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Ausgerechnet in einer Fernsehserie hörte ich den inspirierenden Satz: "Realität ist das Unveränderliche". In diesen Zeiten frage ich mich quasi minütlich, wie so mancher durchs Leben marodiert angesichts dessen, was Menschen sich an Weltbildern zusammenzimmern. Eine extrem wichtige Rolle scheint mir dabei das Vergessen zu spielen. Es ist dieses nicht der Vorgang, dass man sich an etwas nicht mehr erinnert, weil es einem entfallen ist. Es muss vielmehr ein Vorgang sein, der nicht weniger Komplex ist als der gegenteilige, das Lernen.

Wenden wir uns noch für einen Augenblick der Realität zu, der unveränderlichen, dem, das ist: Realität ist konsistent. Wo immer man sich oder anderen etwas vormacht, entsteht ein Widerspruch, der bestenfalls in Beliebigkeit endet. Wahrheit hingegen (das betrifft gerade auch Wissenschaft) ist unveränderlich. Man kann Dinge unterschiedlich beschreiben, den Fokus ändern oder das Modell ändern, nach dem man sie einordnet. Es steht aber nicht zur Disposition, ob etwas ist oder nicht, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas geschieht oder nicht.

Welt vs. Narrativ

Die Lüge, die Fälschung, die Propaganda geraten in Konflikt mit der Realität. Diese muss daher in Erzählungen eingebunden werden oder die Erzähler ordnen Ereignisse von vornherein in ihre Erzählung ein und erfinden sich welche, die das Ganze passend machen. Das Narrativ, dem diese Strategien folgen, beschreibt aber nicht. Es steht auch nicht zur Überprüfung an. Es bestimmt etwas, das an die Stelle der Realität tritt; bloß, dass es eben nicht unveränderlich ist, sondern im Kern beliebig. Etwas, das Realität beschreibt, ist hingegen sowohl Historie als auch Prognose. Die nächste Realität, das nächste Ereignis muss denselben Regeln folgen wie alle anderen Ereignisse.

Jeder steht ständig (vor allem in Diskussionen) vor der Entscheidung, sich beliebig zu machen und sich damit als Teil der Wirklichkeit zu verlieren oder die Welt so zu sehen, wie sie unveränderlich ist. Nun ist die Welt extrem komplex; vermutlich so komplex, dass kein noch so kluger Kopf dem nachkommt und daher zwangsläufig irrt. Immer wieder. An diesen Punkten des Irrtums gilt es zu entscheiden, ein eigenes Narrativ an die Stelle der Realität treten zu lassen oder seine Weltsicht zu ändern. Wo sich das Narrativ gegen Veränderung wehrt, wird Realität beliebig. In der Konsequenz endet diese Realitätsabwehr in Psychose, dem endlosen Irren.

Vor allem in Diskussionen macht sich das bemerkbar. Wem es zu anstrengend ist, sein Narrativ zu justieren, seine Weltsicht zu verändern und zu versuchen, sich der Komplexität der Welt anzunähern, hat vor allem zwei Möglichkeiten: Die ehrliche Kapitulation oder wenigstens das Pausieren angesichts einer überwältigenden Schwierigkeit - oder die brutale Anpassung der komplexen Wirklichkeit an ein unterkomplexes Weltbild. Für die anderen bleibt die Aufgabe, immer weiter zu lernen und obendrein das Geschwätz der Stehengebliebenen zu ertragen, die das Gros ihrer Energie in systematisches Vergessen investieren.

 
tm

Heute schon Spaß mit dem Algorithmus gehabt? Es gibt Geschichten, die sind einfach zu ... häßlich. Der Computer (das "System") dachte, ein Mitarbeiter sei entlassen. Kurzform: Die automatische Entlassungsroutine hat sich erfolgreich gegen jedes menschliche Eingreifen gewehrt, bis der Betroffene von der Security vor die Tür gesetzt werden 'musste'. Noch vier Wochen später konnte er nicht zurück, da die Maschine noch mit seiner Vernichtung befasst war. Die Anderen konnten nur ihre Pflicht tun, selbst wenn sie es nicht wollten.

Kurz eine persönliche Erfahrung: Ich bin aus meiner KFZ-Versicherung geflogen. Nicht etwa, weil ich ein ständig alkoholisierter Pile Driver bin, der bei Rot erst richtig in Fahrt kommt und sich wöchentlich den Weg zum Aldi frei rammt; nein. Wegen eines Hagelschadens. Wir alle wissen, dass die Kunden mit Hagelschaden die unsichersten Kantonisten sind.

Die KI macht das schon

Solchen muss man zutrauen, dass sie auch mit der Axt aufs eigene Blech losgehen und nur zum Spaß über den Kinderspielplatz driften. Da kann man nichts machen. Hagelschaden. Welch ein Glück, dass die nächste Versicherung mich überhaupt noch aufgenommen hat (okay,ich habe einen Formfehler genutzt, um meinerseits zu kündigen. Wer weiß, was sonst ...).

Das hier ist noch einige Etagen höher, weil es einem Flächenbrand gleichkommt: Eine Google-Software wird uns künftig (bei den Verlagen!) das "Gift aus den Kommentarspalten saugen". Die Kriterien und das Prozedere, kurz: der Algorithmus, sind derweil zum Steinerweichen dämlich. Das wichtigste Kriterium für Verlage und Zensoren wird sein, dass es weniger Hasskommentare® gibt; die Auswertung wird dabei genau so unterbelichtet sein wie das Filtern. Kann ja gar nicht anders, denn vor allem eines werden wir nie erfahren: Was da wirklich ausgefiltert wird.

Mitmachen!

Das Problem ist hier nicht der Algorithmus, der ist halt wie er ist; gemessen an dem, was 'KI' sein soll, eben ein Embryo in der vierten Woche. Das erste Problem besteht nun darin, dass der Zellhaufen auf den Chefposten gesetzt wird, das zweite darin, dass niemand hingeht und den Stecker zieht.

Der Depp in der CPU hat totale Befehlsgewalt, weil seine willigen Helfer nicht kapiert haben, dass Gehorsam die wichtigste Säule des Faschismus ist. Deshalb hat auch bis heute niemand kapiert, dass Ausreden wie "nichts gewusst", „nur Befehle befolgt“ oder „das steht hier so im System“ das Eingeständnis der vollen persönlichen Verantwortung sind. Heute haben wir einen Führer, der alles weiß und doch nichts. Er ist unsichtbar. Er ist Gott.

 
bs

Die Welt könnte friedlicher sein. Ich sage das übrigens nicht, wie der Haken auf meiner linken Schulter mir unterstellt, weil ich gestern einmal mehr unfähig war zu moderieren. Immer nämlich, wenn das siebte Bier dem dritten Whisky begegnet, eskaliert das hier. Ich versuche seit Jahren herauszufinden, wie ich das verhindern kann, aber es gibt wohl Konstellationen, die einfach nicht funktionieren. Da muss Zivilisation mühsam zurückgewonnen werden. [Er meint wohl vor allem "Mineralien". Tzis. säzzer]

Es gibt 'Argumentationen, die werden ähnlich unappetitlich, wenn man sie ein zweites Mal betrachtet. Neulich schrieb ein charakterloser rechter Hanswurst etwas wie: es sei "Demokratie", wenn die Mehrheit Menschen von Staats wegen töten wolle, dies dann auch zu tun. Ein wirklich beachtlicher Clusterfuck der Widerwärtigkeit. Die Behauptung, "Mehrheit" sei identisch mit Demokratie, ist schon frech, dient aber dazu, gerade noch unter dem Radar einzufliegen. Daran anzuflanschen, nur die unbedingte Erfüllung des Mehrheitswillens sei "Demokratie", ist schon dreist, aber das mit politisch extremen Inhalten zu verquirlen, ist eines totalitären Arschlochs würdig.

Wegfeiern

Es sei dabei darauf hingewiesen, dass einer der beliebtesten Schlager der Rechtsextremen "Todesstrafe für Kinderschänder" ist. Der Versuch besteht darin, in einem scheinbar konsensfähigen Bereich dafür zu sorgen, dass Menschen wieder für lebensunwert erklärt und folgerichtig auch vernichtet werden. Das wäre der Fuß in der Tür. Der 'Vorschlag' oben geht noch einen entscheidenden Schritt weiter und legt die Hand gleich an die gesamte Zivilisation, die in Rechtsdingen "Verfassung" heißt. Die ist dem sadomasochistischen Herrenmenschen zwangsläufig ein Dorn im Auge.

Ich frage mich immer wieder, und es fühlt sich an wie eine Gummiwand, wie eigentlich wenigstens die wichtigsten, rudimentären Errungenschaften der Kultur erhalten, besser natürlich noch ausgebaut werden können. Ist es die 'Decke der Zivilisation', die so dünn ist oder sind es eher bestimmte Formen der Zivilisation, die die Schweinehunde von der Kette lassen? Wieso, das scheint mir zudem eine zentrale Frage zu sein, muss eigentlich der Mensch durch 'Strafen' an seine Gesellschaft gebunden werden? Wo sind die Feiern, in denen wir uns über gegenseitigen Respekt freuen? Wäre das nicht ein viel besserer Weg, den braunen Dreck wegzufegen?

 
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Der Begriff "Heimat" oder Abwandlungen davon gehören definitiv in die politische Debatte - wobei mir weniger aufgeladene Synonyme lieber wären. Den Kern der rechten Heimatbesoffenheit bildet aber durchaus eine Kritik - ein sich Abgrenzen von dem, was Politik mit unserem Zuhause anstellt. Das kann wütend sein oder kitschig, rückwärtsgewandt und fremdenfeindlich; es kann aber auch bedeuten, dass man sich für das Bedürfnis nach einem Minimum an Ruhe und Geborgenheit einsetzt, das niemandem mehr bleibt, wo der Kapitalismus die Menschen zu reinen Funktionsträgern degradiert.

Ich habe neulich noch die Geschichte gehört von einem Fußballprofi, es mag in den 70ern gewesen sein, der im Stahlwerk gearbeitet hat und dort auch gar nicht weg wollte. Vielleicht ebenfalls eine Legende, aber es deutet an, was sich hinter dem Komplex "Heimat" verbirgt. Man gehört dazu. Man kennt sich aus, hat sein Standing, ist ein Teil davon. Man wird geboren, lebt und stirbt irgendwo. Niemand macht es einem streitig. Dafür stellt sich mancher sogar freiwillig vor einen Hochofen.

Dazugehören

Es war in früheren Jahren den Karrieristen und bestimmten Berufen vorbehalten, geschäftlich nicht nur unterwegs zu sein, sondern auch regelmäßig den Wohnort zu wechseln. Diesen Deal konnte man eingehen oder nicht, die Meisten betrafen derlei Möglichkeiten gar nicht. Nomadentum (und Monadentum; Witz für Auskenner) war ein selbst gewähltes Schicksal, das mit höherem Einkommen vergolten wurde, und selbst diesen Menschen blieb die Möglichkeit, irgendwann zurückzukehren. Man hatte gemeinhin einen Beruf, einen Betrieb und Kollegen, die man kannte.

Inzwischen verlangt uns die große Maschine längst totale Mobilität ab, und zwar ohne Gegenleistung. Im Gegenteil wird gerade den Arbeitenden Armen vorgeschrieben, was sie zu arbeiten haben, wohin sie dafür zu gehen haben und dass sie das auch gegen minimale Bezahlung müssen. Wer in einer Großstadt wohnt, die nicht gerade verkommt, wird aus der Innenstadt vertrieben, und selbst an den Stadträndern arbeitet man hauptsächlich für den Vermieter. Wer dieses Elend noch nicht erlebt, der weiß, dass es ihm droht. Das ist Gesetz, das sagt sogar die Partei für Soziale Gerechtigkeit®.

Millionen hinterlässt das frustriert, wütend, ängstlich und mit dem diffusen Bedürfnis nach ein bisschen sozialer Sicherheit. In dieses Bedürfnis grätscht die Rechte mit Bildern von stolzen Deutschen in schöner Landschaft hinein, die sich gegen die fremde Bedrohung wehren. Diese wiederum hat eine Hautfarbe. Das ist konkret, das kann man anfassen, darin kann man Frust und Wut kanalisieren. Was es nicht kann, ist die Wirklichkeit begreifen und die Bedürfnisse auch nur annähernd real befriedigen.

Welches Problem?

Die Linke hat hier überhaupt keine Konzepte. Die pseudolinken Kinder der besser situierten Mittelschicht kämpfen für eine ideale Welt, in der ihre Probleme durch Vorschriften und Verbote gelöst werden sollen. Diese Probleme betreffen die überwältigende Mehrheit der Menschen gar nicht. Zu den Bedürfnissen der Mehrheit aka Unterschicht, die sich in den o.g. Bildern und Scheinlösungen äußert, fällt ihnen schlicht überhaupt nichts ein. Dabei wären gerade regionale Konzepte, greifbare Solidarität und ein konkretes Miteinander eine politische Ebene, auf der man etwas bewegen kann, und zwar nachhaltig.

Was fehlt, sind sowohl Ideen als auch vor allem Organisationen. Arbeitervereine, Gewerkschaften, Betriebsräte, waren darauf angewiesen, dass sie vor Ort und allgemein abbildeten, was sich in der Unterschicht tat. In einer Welt voller Betriebe mit festen Belegschaften waren sie eine Macht. Als Tarifdealer in einer abstrakten Arbeitswelt, in der sich niemand mehr (aus)kennt, sind sie nur ein Rad unter vielen. Ihre Vertreter wohnen auch nicht mehr nebenan, sie haben ein Büro in der Stadt.

Es braucht gegen den Druck in die Vereinzelung neue Formen der Begegnung und der sozialen Bindung. Man muss sich treffen und miteinander sprechen. Der Trend geht hingegen in die Eiswüste einer Isolation, die uns als "Digitalisierung" auch noch wie ein Segen verkauft wird. Die Pseudolinken verbieten derweil das Rauchen in Kneipen, damit die Asis in ihren Käfigen bleiben. Ich ahne dennoch in diesem Sog einen Ansatz zum Gegenteil. Wir können nicht allein leben. Diese Einsicht bricht sich auch und gerade Bahn im Gedusel um "Heimat". Ein Gegenkonzept muss Formen gegenseitiger Fürsorge anbieten, die nicht in "Sozialreformen" besteht, sondern in konkreter gegenseitiger Unterstützung.

 
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Auf meiner Mission zur Vernichtung der 'Menschheit' als Quelle, Grund und Lösung der großen irdischen Probleme möchte ich ihr heute einmal an die Moral gehen. Wie schon oft gesagt, ist Ethik die Wissenschaft von der sozialen Ordnung, während Moral ein Sammelsurium ethischer Vorstellungen, Regeln und Befindlichkeiten ist, das ich deshalb rundweg ablehne. Moral ist Ethik von Idioten für Idioten. Wie in ihren großen Systemen, die noch mit Gespenstern angereichert sind, den Religionen, fällt Moralisten nicht einmal auf, dass es völlig unvereinbare Moralen gibt, die allesamt dieselbe Legitimität haben. Sie schaffen 'das Gute' als Paradoxon.

Wie so vieles, das man genau deshalb eigentlich nicht diskutieren kann, findet Moral am Ende auf einer persönlichen Ebene statt. Es werden Personen bewertet und gerichtet, und wenn eine gut organisierte Gesetzgebung das nicht verhindert, am Ende stets nach persönlichen Befindlichkeiten. Zwischen Twitter, dem Lynchmob und einer halbwegs zivilisierten Bürgerlichen Gesellschaft steht die bewaffnete Polizei. Wenn sie dazwischen steht und das Lynchen nicht gleich selbst als ihre Aufgabe betrachtet.

Geht doch nicht!

Wenn man es bis auf das letzte Untergeschoss herunterbricht, bleibt eine heikle vermeintliche Instanz: das Gefühl, nennen wir es das für Gerechtigkeit. Aber gibt es das wirklich? Ich habe mir gestern einen alten Hollywood-Streifen angeguckt, in dem das Publikum mit dem großen Hammer auf die rechte Seite getrieben wurde. Der Gute war aber auch so was von gut, während die Bösen - na klar: folterten, was die Peitsche hergibt. Völlig grundlos, versteht sich, sonst macht sich noch wer geschäftsschädigend Gedanken.

Das (ausgerechnet) sind dann Szenen, die einem den Glauben an so etwas wie ein universales Gerechtigkeitsgefühl einimpfen. Da muss sich doch jeder aufregen. Das ist so furchtbar ungerecht! Nun frage ich mich an dieser Stelle, ob nicht sogar dieser Rest einer Moral komplett konstruiert ist. Dazu müssen wir jetzt allerdings noch zwei Aspekte aus dem Weg räumen, die den Gedanken schwer machen: Erstens die typischen Szenerien aka das Narrativ. Natürlich ist das Opfer des bösen eine 'schöne' Frau (als Folteropfer passend gespielt von einem prominenten Hungerhaken). Die Bösen sind hingegen irre böse und haben selbstverständlich schlechte Zähne.

Oder doch?

Zweitens die Einschränkung solcher moralischer Solidarität, die abrupt endet, wenn es Angehörige solcher Gruppen betrifft, die leichterdings abgewertet werden - Schalker, Juden, Moslems, Schwarze, Kommunisten oder Nazis, je nach Geschmack. Die sind gern Freiwild, und es gäbe ja auch keine Lynchmobs oder KZ, wenn ein Gerechtigkeitsgefühl keine überlegene Konkurrenz hätte - so es das überhaupt gibt. Womit wir bei der zentralen Frage sind. Ich schätze, dass selbst ein rudimentäres Gefühl für Moral ein bloßes Konstrukt ist. Es gibt kein menschliches Sensorium für eine universelle Moral.

Was es gibt, sind persönliche Empfindungen, die sowohl anfällig sind für eine Identifikation mit Tätern wie Opfern als auch für grob unterschiedliche Regelauslegung. Die folgt aber jeweils persönlichen Erfahrungen, Prägungen und Stimmungen. Es ergibt sich hier ein Problem, das unabhängig von der konkreten Gesellschaftsform und ihrem Regelwerk zu lösen ist: Der Impuls drängt zur Tat, ist aber dumm und schafft auf der Ebene der Ethik nur Probleme, wo sie eigentlich gelöst werden sollten. Tatsächlich bin ich daher der Ansicht, dass jegliche Rücksicht auf moralische Empfindungen und Instanzen abzulehnen ist.

 
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Es ist schlechte 'abendländische' Tradition, das Chaos zu beschwören und so zu tun, als müsse alles getan werden, um dieses zu verhindern. Kein Zufall, dass solches Chaos gern als 'links' markiert wird ("Anarchie", "Chaoten", "Rot-Grünes Chaos"). So will es das Narrativ, aber wie so oft liegt die Wirklichkeit auf einer ganz anderen Seite. Was immer man 'Linken' an Großübeln vorwirft - "Mauer und Stacheldraht", "Stasi-Methoden", "Diktatur", "Stalinismus", sind Errungenschaften einer strengen hierarchischen Ordnung. Auch der Nationalsozialismus hat im Übrigen nicht durch Chaos gewirkt, sondern durch eine perfekt geordnete, bestens organisierte Mordmaschinerie.

Schon hier bricht die Erzählung, aber es wird nicht besser, wenn man sie mit ihrer vorgeblichen Ethik konfrontiert: Es ist ja nicht das Problem, dass sich Linke mit der Ordnung schwertun. Eine zeitgemäße Linke sieht die Widersprüche in der 'Ordnung' des Kapitalismus und des ihn schützenden Bürgerlichen Staates. Sie widersetzt sich der strengen Ordnung, versucht sich in Modellen von Freiheit, die auch Unsicherheit in die Ordnung bringen und bricht mit liebgewonnenen Gewohnheiten.

Versteh' ich nicht

Dagegen liefert die Rechte ein einfaches Weltbild, nimmt Partei für die, die dazugehören, erklärt die Anderen im Zweifelsfall zum Feind und befürwortet eine Gesellschaft, die durch Oben und Unten, am Ende durch Befehl und Gehorsam geprägt ist. Wo die Linke durch große Toleranz zu instabilen Verhältnissen tendiert, hält es die Rechte mit Übersichtlichkeit, Stabilität und "Null Toleranz". Man muss hier der Rechten vorhalten, dass sie die Widersprüche ignoriert, die sie damit z.T. selbst schafft und nicht der Linken, dass sie nach Lösungen sucht.

Ganz unbezweifelt ist aber erstens der Erfolg der stabilen, intoleranten Struktur von Gesellschaften. Es beherrschte nicht zufällig ein 'Kommunismus' dieses Schlages über Jahrzehnte die Hälfte der Welt. Ihn zeichnete aus, dass er den horrenden Widerspruch nicht einmal wahrnahm: den eines 'Kommunismus', der über die Menschen herrscht. Zweitens ist kein Erfolg eines Modells zu erwarten, das den Menschen ein dauerhaftes Leben in instabilen Verhältnissen abverlangt. Etwas, das ich nicht einmal erfassen kann, werde ich nicht verteidigen, das gilt am Ende noch von meiner eigenen Freiheit. Derweil sammeln sich 'Identitäre' und sonstige Reaktionäre, die an etwas glauben und dafür töten würden.

Es ist daher anzunehmen, dass eine alternative Gesellschaft entweder so alternativ nicht sein wird und der Staatssozialismus wieder im Rennen ist als etwas, das zumindest ein paar Jahrzehnte Stabilität gebracht hat. Oder aber, was mir ein Anliegen ist, es finden sich Ideen und die dazugehörige Praxis, die Identität, Stabilität, Zugehörigkeit und einen möglichst unkomplizierten Alltag versprechen. Dabei ist das Versprechen nicht minder wichtig als die Praxis, denn heute verteidigen rechte Halbgescheite unbewusst das System, das ihnen längst über den Kopf gewachsen ist. Sie erkennen auch den Widerspruch nicht, dass ihre Heile Welt ihren eigenen Kollaps in sich trägt, der schneller käme, als wenn alles beim Alten bliebe. Aber sie sind eben überzeugt.

 
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Vielleicht bin ich ein Freak, ein Nerd, einer, der sich immer übersetzen muss, damit man ihn versteht. An diesem Ort sicher nicht der einzige, aber eben so weit anders, dass die eigene Sprache zur Fremdsprache wird. Ein Beispiel dafür, womöglich das wichtigste, ist mein Beharren auf die Wirkung des Systems, das Spiel der Kräfte, den Rahmen der Optionen, Möglichkeiten, Hindernisse, Illusionen. Dabei ist der Glaube, das sei anders - weil ja schließlich immer Menschen entscheiden - eher eine Modeerscheinung.

Als Foucault am Ende von "Die Ordnung der Dinge" schrieb, der Mensch sei wie ein Gesicht im Sand, das verschwinden werde, hatte er vermutlich Recht. Die Idee "Mensch", der moderne Glaube, Menschen träfen Entscheidungen, womöglich bewusste, und entschieden so über ihr Schicksal und das ihrer Nationen, ist jung und doch schon hinfällig. Noch vor zweihundert Jahren hätte man sich rechtfertigen müssen, wenn man dem Menschen solches Bewusstsein und solche Entscheidungsfähigkeit überhaupt nachgesagt hätte.

Gott lenkt

Es war Gott, der entschied. Was der Mensch tat oder nicht, war das Ergebnis der Wirkung höherer Mächte; Gottes selbstverständlich, aber auch des Teufels, der Dämonen, des Schicksals. Was heute noch in den Religionen - auch und gerade in den christlichen - an Irrationalem lauert und jedem Gedanken an Verstand und Vernunft Hohn spricht, ist ja noch immer nicht neutralisiert. Schaut man sich an, was die Menschen global bewegt, wie sie denken, entscheiden und wonach sie leben, spielen Bewusstsein und Rationalität überhaupt keine Rolle. Das gilt für alle Menschen, also auch für solche, die man "Entscheider" nennt.

Es ist also völlig normal, davon auszugehen, dass nicht die Einzelnen und ihr Wille, Ihr Verstand oder sonst etwas Menschliches darüber entscheidet, was sozial und politisch geschieht. Lediglich der fromme Wunsch der Intellektuellen des 18. Jahrhunderts und die damals als probat erkannte Basis von Verträgen haben dazu geführt, dass Willensbekundungen und Verhandlungen zu einer relevanten Größe wurden. Diese aber mit der Wirklichkeit zu verwechseln, ist allzu menschlich - und völlig widersinnig.

Gehen wir einmal mehr zurück zu Freund Luther und der Befreiung der Christen von der Jahrhunderte währenden Befehlsgewalt einer reaktionären Einrichtung, die jeden geistigen und technischen Fortschritt erfolgreich verhindert hatte. Mit der neuen 'Freiheit' kamen aber ebenso neue Ketten, Denkverbote und ein jetzt noch raffinierterer Psychoterror. Ja, der Mensch wurde befreit aus seiner Rolle als Sünder, der reuig zu seiner Kirche kriechen musste, um sich Gottes Gnade bescheinigen zu lassen. Er war jetzt frei davon.

Dein Wille geschehe

Künftig thronte ein zorniger Gott über ihm, dessen Gnade bis in alle Ewigkeit ungewiss ist. Man kann sich nie genug anstrengen, rechtfertigen, die Ordnung stützen, unterordnen. Besser, man bückt sich im Zweifelsfall tiefer. Man muss sich 'verantworten', all sein Leben lang, und bleibt doch ohne Absolution. Der von der kirchlichen Gnade 'Freie' ist fortan ein hoffnungsloser Sünder - es sei denn, Gottes Wille hat ihm zum Fürsten bestimmt.

In der Moderne sind die Fürsten Oligarchen, die Sünder nach wie vor Sünder, denen man ihre Eigenverantwortung einbläut. In der neuen Hölle erzählt man ihnen, sie seien nicht bloß selbst schuld, sondern sie - als Menschen - selbst ihres Glückes Schmied, denn das Ganze sei die Summe des Willens der Einzelnen und jeder einzelne Wille der Grund für das dazugehörige Los. Alles eine Frage der Mühe, der Einsicht, der Hingabe. Der Kontostand, so die Auslegung der Calvinisten und Kapitalisten, ist dabei der Indikator dafür, was man so 'verdient' hat (an Gottes Gnade).

Das, liebe Freunde des freien Willens, ist die ideologische Basis für den bekloppten Irrglauben an die Macht der Menschen, ihren Willen und wie man diesen bloß gestalten müsste, um jene zur Glückseligkeit aller einzusetzen. Es hat in der Geschichte der Menschheit noch kein Land gegeben, keine Gesellschaft und keinen Staat, deren Form, Wohl und Wehe von irgendeinem menschlichen Willen abhing. So etwas wird es auch niemals geben.

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