politik


Regierungen werden (vom heimischen Journalismus) nicht mehr herausgefordert.

John Pilger

Ich erwähnte neulich am Rande die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit politischer Entscheidungen. Dass Politik - genauer: bürgerliche Politik, denn denn diese Einschränkung ist damit gemeint - so wenig Einfluss hat, liegt vor allen an den Rahmenbedingungen. Die Spielräume, die der Kapitalismus ihr lässt, sind nicht groß.

Umso heftiger ist ihr Versagen zu kritisieren, wo sie noch das bisschen leisten könnte, das man von ihr erwarten darf. Was sie sich an 'liberalen' Werten auf die Fahnen geschrieben hat - Meinungsvielfalt, Pluralismus, Freiheit und vor allem das sie definierende Element der Debatte - wird nur noch behauptet und findet nicht mehr statt. Weder im Parlament noch in den Medien.

Kein Gegner

Es ist dies das Ergebnis der Dekadenz, die sich gleichzeitig im politischen Betrieb und im begleitenden journalistischen Orchester ausgebreitet hat. Sie lässt sich auf die Formel bringen: "Wer aus dem Konsens ausschert, beleidigt die Majestät".

Folgerichtig reagiert die Funktionselite, die das Geschäft besorgt, so unsouverän wie ihre Haltung erwarten lässt, nämlich beleidigt und daher im gefühlten Recht, den Gegner seinerseits nach Herzenslust abzuwerten und vor allem auszugrenzen. Die neuen Medien begleiten diesen Prozess ihrerseits via Twitter und Co., indem eifrig Kinderkacke in den Ventilator geschaufelt wird.

Nach meiner Erfahrung vollzieht sich dieser Prozess mit wachsender Geschwindigkeit seit dem Ende des Kalten Krieges, seitdem also keine Gegenmacht mehr dazu nötigt, sich zu stellen, zu argumentieren und wenigstens besser zu sein als das, was man ablehnt. Mit dem Ruf "Geh' doch nach drüben!" war ja immerhin eine Handlungsoption verbunden.

So nicht!

Die bürgerlich-neoliberal-kapitalistischen Filterblasen haben eine undurchdringliche Haut aus aktiver und passiver Beleidigung. Die ehemals kritische Linke, die sich einmal durch Bildung und Sachargumente auszeichnete, hat es sogar geschafft, mithilfe sprachlicher Minenfelder dafür zu sorgen, dass weder Freund noch Feind lebendig den Zugang zum Diskurs erreicht. Es herrscht die hohe Kunst, die Waffen des Gegners gegen sich selbst zu richten.

Dabei wäre es die vornehme Aufgabe bürgerlicher Politik und Publizistik, den jeweils stärksten Gegner zu finden und zu attackieren, um sich mit ihm zu messen - nicht um als schon vorab feststehender Sieger vom Feld zu gehen, sondern im Bemühen um das beste Argument über sich und die Welt etwas zu lernen. Davon hielte sie ausnahmsweise kein Finanzierungsvorbehalt ab. Nein, das ist schiere Ignoranz.

 
xx

Ich kann mich an Zeiten erinnern, als parlamentarische Entscheidungen und Regierungshandeln noch gewisse Alternativen zuließ und es einen Unterschied machte, ob diese oder jene regierten. Zwar war es vermutlich auch damals schon so, dass die Zeiten, die bestimmte Entscheidungen zuließen, auch Regierungen förderten, die sie dann umsetzten, aber es gab noch diesen Weg: dass eine politische Entscheidung etwas änderte. Man denke etwa an die Ostverträge oder den Aufbau eines Sozialsystems einschließlich BAFöG, öffentliche Bauprojekte und Ähnliches.

Inzwischen ist es nicht nur so, dass du wählen kannst, was du willst und nachher alle dasselbe machen; es tun auch und gerade die, die vorher das Gegenteil versprochen haben. Daraus ist vor allem der Schluss zu ziehen, dass parlamentarische Politik den Tatsachen nur mehr hinterher hinkt. Je krasser das wird, desto bunter werden freilich die Illusionen, die sie uns verkaufen. Das Denken und Reden hat sich von der Wirklichkeit gelöst, während das Handeln längst andere übernommen haben.

Wiesoweshalbwarum

Die Wahnvorstellungen rund um den sogenannten "Brexit" standen schon an dessen Anfang und bestimmen bis heute das Geschehen, daher ist die personelle Besetzung mit Irren und Zwangsgestörten wie Johnson und May gar nicht unpassend. Sucht man nach einem Problem - das man ja vielleicht lösen könnte, wird man keines finden, weil die Gedankenwelt, die dergleichen zulässt, ausgesperrt ist. Es ginge dann um politisches Management. Gerade das ist aber tabu, denn sonst käme noch heraus, dass das Projekt von Anfang bis Ende eine Lüge ist, und zwar eine sehr dumme.

Wenn wir also schon dabei sind, begeben wir uns auf dieses Niveau oder wenigstens knapp darüber und stellen uns ganz dumm: Nehmen wir an, ein Land wollte die EU verlassen, wie macht es das dann? Ja richtig, die Einen schreien "Rausrausraus"! und ernten frenetischen Applaus, die Anderen "Bleibenbleibenbleiben!" und sammeln ihre eigenen Claqueure um sich. Übrigens gilt das auch für die drumherum. Da schreien die Einen dann: "Haut bloß ab!", die Anderen jammern "Bitte bitte bleibt!". Ja, das gefällt mir. So ist es richtig schön blöd.

Weniger blöd, wäre da ggf. eine Frage bzw. man wiederholt die von oben, weil die Antwort noch aussteht: Wie machen wir das mit dem Austritt? Hätte jemals wer diese Frage gestellt, es hätte so einvernehmlich sein können. Treten wir noch einen kleinen Schritt zurück und erklären uns die Lage. Nehmen wir mal zwei ziemlich beliebige Staaten, meinetwegen Frankreich und Russland. Zwischen denen gibt es hunderte, vielleicht tausende von Verträgen und Vereinbarungen. Diese sind über Jahrzehnte quasi gewachsen.

Lord and Lady Gaga

Zwischen EU-Staaten bestehen 90+x Prozent dieser Verträge in einem großen, nämlich dem ebenfalls über Jahrzehnte gewachsenen EU-Vertrag. Fällt der weg, fehlen hunderte, vielleicht tausende von Vereinbarungen, welche die Belange zwischen dem austretenden Staat und den anderen regeln. Was folgt daraus? Richtig: Man kann einen Exit heute beschließen. Es gelten aber weiterhin alle Vereinbarungen der EU. Dann kann man ab morgen Schritt für Schritt neue Vereinbarungen verhandeln, die anstelle der alten treten. Nur so kann das funktionieren.

Dieser Prozess wird Jahrzehnte dauern. In der Klapsmühle eines degenerierten Parlamentarismus und seiner bescheuerten Öffentlichen Kommunikation, die sich an ein verblödetes Auditorium wendet, das den größten Schwachsinn durstig aufnimmt, kann man das aber niemandem verkaufen. Man kann nicht mal anständig dagegen sein und mit dem Finger auf diese Deppen zeigen, weil man ja selber einer ist und gar nicht darauf kommt. dass da noch eine Realität ist, an der man sich im Zweifelsfall orientieren könnte. Am Ende geht es also um die hart umkämpfte Frage: Brexit am Dienstag oder am Donnerstag? Nehmt eure verdammten Pillen!

 
gg

Wir gehen hier so langsam auf den 100.000sten Kommentar zu, ein guter Grund, zwischendurch einmal "Danke!" zu sagen: Danke! Das mit der Bloggerei ist ja in den letzten Jahren ruhiger geworden; dass man Präsidenten in den Rücktritt treiben konnte, ist schon wilde alte Zeit, heute rotzen sie 'auf Twitter' aus allen Rohren und liefern damit nur den schon durchgekauten Gummi für 'Morddrohung'-Headlines der ehemaligen Massenmedien. Vielleicht wird es fürs Bloggen noch einmal interessanter, wenn Facebook untergeht; für die Verlagsmedien habe ich derweil keine Hoffnung mehr.

Immer wenn ich mich hier annähernd mit tagesaktuellen Begebenheiten der großen Politik-Ersatzflüssigkeit befasse, frage ich mich. Ich frage mich, ob ich eigentlich nur selbst so desillusioniert bin oder ob es mir mehr peinlich ist, meine Leser mit dieser schalen Miege zu bedienen. Ich hoffe einfach darauf, dass ihr zuhause ein Bier im Kühler habt oder was euch so über den Tag bringt und es euch irgendwie schmackhaft macht.

Wahre Bildung

Damit wären wir bei beim unteren Rest des Totalversagens jener 'Politik', für den vor allem 'Sozialdemokratie' steht und verantwortlich ist. Nachdem sie ja den Pöbel als faulen Sündenpfuhl entdeckt haben, der, mit dem Teufel im Bunde, an seiner Arbeitslosigkeit, den Sanktionen und dem Elend der Welt schuldig ist, blieb nur noch ein letztes Versprechen, an dem sie erfolgreich Verrat begehen konnten. Nachdem aus Gerechtigkeit® die Rechtfertigung für deren Gegenteil aka Chancengerechtigkeit® geworden war, hieß dieses Versprechen "Bildung".

Nun, wer jetzt enttäuscht ist, mit Verlaub, ist doof. Nachdem ich im letzten Posting bereits den Trick verraten habe, wie man 'SPD' zu verstehen hat (beim Gegenteil ist man stets bestens aufgehoben), ist auch das nur logisch: Sie realisieren Chancengerechtigkeit® jetzt durch Sparen. An Bildung. Denn seien wir einmal ehrlich: Der faule Pöbel aus Kippen und Pils® ist genetisch bedingt doof und ungebildet. Da kann man das Geld auch gleich zum Fenster rauswerfen. Unten steht dann ein adretter Funktionär und fängt es auf.

Wie wir aus früheren Krisenzeiten wissen, war es schon immer nützlich und geboten, den Segen des Herrn einzuholen, ehe man in solide finanzierte Kriege zog, einen starken Mann ans Ruder® ließ und unbeugsam dem Terror der Straße® begegnete. Schulen zu Gotteshäusern, ist demnach der konsequente Schlachtruf der neuen alten Zeit. Vorwärts, die Richtung kennt ihr ja!

 
fe

Ich mag heute einmal über die Dörfer gehen und mit ein paar Andeutungen aus meiner Biographie beginnen. Ein für mich sehr wichtiger Satz ist: "Ich bin kein Opfer". Das hat, wie man unschwer ahnt, mit Gewalterfahrung zu tun. Gewalt in jeder Form war in meiner Kindheit und Jugend eine Art Kommunikationsmittel, und zwar sowohl von Eltern gegen ihre Kinder als auch unter denen. Ich war ein schmales Hemd, aber keineswegs wehrlos.

Dennoch hatte ich einen extrem schweren Stand und habe regelmäßig ordentlich auf die Fresse gekriegt. Das ging so weit, dass jemand signalisierte, man könne damit mein Selbstbewusstsein zerstören. Das war ein wichtiger Moment, denn ich beschloss trotzig, gerade das nicht zuzulassen. Obwohl ich sprichwörtlich an meine Grenze gekommen bin, habe ich mir diese Haltung bewahrt. Ihr könnt mich verletzen, vielleicht töten, aber nicht zerstören. Ich habe Narben und Macken, aber ich brauche keinen Zivi.

Mess with me?

Inzwischen bin ich relativ alt, was zu den ersten Eingeständnissen körperlicher Art führt. Es geht nicht mehr alles, was bei mir Jammern auf extrem hohen Niveau ist, aber eine Erfahrung, die man auch erst mal verdauen muss. Ich habe ein bisschen was auf den Weg gebracht in meinem Leben, das sehe ich, wenn ich die nächste und inzwischen übernächste Generation anschaue. Materielle Reichtümer gingen mir schon immer am Arsch vorbei; was für mich gezählt hat, sind die Menschen, für die ich da bin.

Ich habe Solidarität auch immer so verstanden und bin der Ansicht, dass dies der Kern dessen ist, was 'links' bedeutet: Sich gegenseitig unterstützen; keiner steht über dem anderen und keiner gehört niemandem. Keine Herren, keine Sklaven, keine Hierarchien, keine Diskriminierung. Das ist nicht nur das Ziel einer politischen Agenda, das kann auch gleichermaßen der Weg sein.

Wenn ich also noch immer und immer wieder lese, ich sei als alter weißer Mann® ein geborener Unterdrücker, der Diskussionsgegner "missbraucht", wenn er ihnen widerspricht, werde ich zornig. Wer mir, mit meiner Erfahrung und meinem Werdegang so etwas andichtet, ist mein entschiedener Gegner. Ich bekämpfe solchen Rassismus mit Nachdruck, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich weiß, dass Gewaltopfer eines ganz sicher nicht brauchen: Verwöhnte Mittelschichtsblagen, die deren Erfahrungen verklären, sie im Opfermodus halten und für ihre identitäre Scheiße benutzen.

 

Ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft

Bekannter Undichter

Unter allen Herrschaftstechniken, zumal denen westlicher Prägung, ist die Drohung mit dem Chaos eine der wichtigsten. Im heimischen Narrativ sind die Rollen dabei wie eisern vergeben: Linke Chaoten® und das konservative Bollwerk, das die Nation vor dem Untergang rettet. Wir hatten das in mindestens einer Diskussion hier am schon antiken Beispiel des Thukydides*, der sich schon vor 2500 Jahren dieser Vision bediente, um die Athener vor den fremden Teufeln zu schützen.

Bis heute wird das vor allem von Reaktionären georgelt - mir klingt noch die Warnung vor dem schlimmen "Rot-Grünen Chaos" im Ohr, aber bis weit hinein in sich als 'links' bezeichnende Kreise wird immer wieder der Segen der Ordnung gegen den Fluch des Chaos' in Stellung gebracht. Welch ein grotesker Unsinn! Es gibt immer nur diese oder jene Ordnung, in die die Welt sich einfügt, auch und gerade die der Menschen.

Hui Buh

Nehmen wir kurz einmal die schlimmste aller Unordnungen an, die, wo kein Staat existiert. Das ist einerseits bekannt als "Anarchie", die gern verklärt wird, etwa mit Hinweisen auf das Spanien der 30er Jahre. In diesen fehlt dann meist schon der auf die nicht ganz unlogische Folge, dass sie zwischen Faschisten und Partei-'Kommunisten' zerrieben wurde. Es gibt aber auch andere, überall da, wo Warlords, Kartelle oder Tyrannen übernehmen.

All dies sind Ordnungen. Man kann sie beschreiben, wie sie funktionieren, wie sie strukturiert sind, was sie stabil macht und wo ihre Schwächen liegen. Vermutlich wird dabei jeder kleine Despot in seinem kurzlebigen Miniaturreich vor dem Chaos der Anderen warnen. Dessen Schrecken hat vor allem einen Zweck: Nichts darf so schlimm sein wie der Niedergang der Ordnung, wodurch alle denkbaren Mittel zu deren Aufrechterhaltung gerechtfertigt sind.

In einer sogenannten "Demokratie" wird das irgendwann wahlweise komisch oder pervers. Da wird ein Volk, das offiziell über sich selbst herrscht, in Gruppen zersprengt, von denen immer mehr zur Gefahr erklärt werden. Global betrachtet, wird es vollends absurd, wenn nach innen und außen Gleiche gegen Gleiche gehetzt werden, weil das angeblich in deren Interesse sei. Was Reaktionäre als "Chaos" bezeichnen, ist mithin nichts anderes als der Verlust der Macht aus den Händen derer, die sich daran festkrallen.

*Lange habe ich bei solchen Gelegenheiten Wikipedia verlinkt, aber diese Quelle ist so verkommen, dass ich darauf inzwischen verzichte.

 
xx

Gestern bei Aldi fiel mir ein Typ auf, der in Jogginghose durch den Laden lief und mit sich selbst sprach. In seinem Wagen lagen fünf Tüten Chips und eine billige Pulle Wodka. Er hielt sich wohl für einen berühmten Schriftsteller und war gleichzeitig ein Fan. Am Schokoladenregal schob er eine alte Postkarte aus dem Taunus zwischen die Tafeln. Er hielt sie für eine Autogrammkarte, die er seinem Fan überreichte.

Früher erkannte man in solch armen Würstchen "Sozialhilfeempfänger". Heute muss man damit rechnen, dass sogar diesem Gescheiterten noch mindestens einmal im Monat Beine gemacht werden, er zum Termin zitiert wird, sinnlose Bewerbungen schreiben muss und man ihn zu seiner Demütigung in einem Spielzeugladen Plastikbananen einkaufen lässt. Er wird dort sicher auch 'lernen', dass Wodka und Chips keine gesunde Ernährung ergeben.

Ein Terrorregime

Hartz IV, ein Terrorregime, wir können nicht oft genug daran erinnern, dass es ursprünglich auf die jahrzehntelangen Fälschungen von Vermittlungsstatistiken im Arbeitsamt zurückgeht. Bei der Gelegenheit hat der Puffpeter sich austoben dürfen und seinen Mix aus staatlichem Lohndumping und sadistischer Demütigung von Verlierern installiert. Das hatte Folgen, wie wir wissen.

Unter anderem ist die SPD zu der Partei gereift, die als Zünglein Große Koalitionen aus CDU und Grünen verhindern kann. Selbst das ist bizarr, denn diese politischen Profiteure waren doch selbst dafür verantwortlich. Fischers Biostricher, hervorgegangen u.a. aus strammen Sozialisten, haben die aktuelle Organisation der Sklaverei emsig mitgetragen. So wie (ja, ich wiederhole mich) Laufzeitverlängerungen, Angriffskriege, autoritären Führungsstil und jede Schweinerei, die dem Kapital dient. Wer wählt denn sowas?

Bodenlos

Und schon wieder, immer noch, ist von Eigenverantwortung® die Rede, wenn es um Arbeitslosigkeit geht. Als hätte der Einzelne irgendeinen Einfluss auf die Beschäftigungsquote! Als gäbe es keine Arbeitslosigkeit, wenn alle fleißig wären, als sei Massenarbeitslosigkeit das Resultat von Faulheit. Nichts haben sie gelernt, gar nichts, und faseln weiterhin von "Aktivierung" und dergleichen. Das aber ist die Kernlüge des Regimes, dass dergleichen relevant sei.

Als müsste man nur wollen, als sei das System das Ergebnis der Motivation von Arbeitslosen. Das ist intellektuell so unterbelichtet, dass man ahnt, woher diese ganze dunkle Materie kommen muss. Der politische Diskurs ist so ruiniert, dass man jeden Scheißdreck nicht nur erzählen, sondern in Endlosschleife wiederholen kann, und dann beschweren sich diejenigen, die sich noch für belesen halten, über sogenannten "Populismus". Ich weiß, dass ich so viel nicht fressen kann, aber man kann sich wenigstens Mühe geben. Ich gehe dann mal kotzen.

 
xx

Wenn du merkst, dass du anders bist als die anderen Kinder, bist du mit gewisser Wahrscheinlichkeit als "Nerd" zu bezeichnen. Dazu braucht es gar keine Sozialphobie oder originelle Verhaltensauffälligkeiten, aber du merkst, dass du selbst dann nicht dazugehörst, wenn man dich als 'integriert' betrachten darf. Du tust zwar äußerlich, was andere auch tun, weißt, was sich gehört und hältst dich daran, aber du kannst das nie ganz verinnerlichen.

Es ist auch nicht wirklich relevant, ob du irgendeine Form von Rock'n Roll auslebst, aneckst oder Punk machst. Das kann auch jeder, der irgendwie frustriert ist, nicht klarkommt, cool wirken will oder einfach alles scheiße findet. Es geht eben gerade nicht um ein Statement oder lebenlslange Verweigerung aus Prinzip. Du siehst die Dinge anders. Du siehst sie genauer und kennst sie besser. Du willst alles wissen und verstehen und bist niemals zufrieden mit dem Fortschritt, den du dabei erreicht hast.

Lustige Autisten

Das gibt es auf vielen Feldern; wir kennen Klischees und Beispiele für Tech-Nerds, insbesondere Programmierer. Es gibt aber auch alle möglichen anderen Bereiche, in denen jemand zum wandelnden Handbuch werden kann. Ausgerechnet einer aber scheint aus dem Spektrum zu fallen: Politik und alles, was dazugehört. Nun kann man der Ansicht sein, das sei so, weil es sich dabei ja um den Bereich von Überzeugungen und Willensäußerungen handelt sowie deren Durchsetzung. Das sei kein Terrain für wissenschaftliche Diskussionen, sondern für Interessen.

Nun wäre schon das etwas anderes als das, als was 'Politik' gemeinhin wahrgenommen wird, die ja gern leugnet, es gehe um Interessen und sich stattdessen in moralische Kategorien flüchtet (Werte; Menschenrechte, Gemeinwohl, Arbeitsplätze ...). Es kann aber vor allem niemanden davon abhalten, auch und gerade hier wissenschaftlich zu denken und zu sprechen. Systematisch eben, unter Nutzung allen Wissens, das dafür zur Verfügung steht.

Erst mal denken?

Was haben wir da aber? "Politikwissenschaften"? Hat schon jemals irgendwer etwas von einer relevanten Theorie aus diesem Bereich gehört? Von ernstzunehmender Forschung? Von großen Ideen aus dem politologischen Seminar? Eher große Komik. Von den Medien, in denen 'Politik' kommuniziert wird und ihrer 'Wissenschaft', der "Journalistik", will ich gar nicht erst anfangen, obwohl ja bald Karneval ist.

Es gibt Jahrtausende Erfahrungen mit politischen Versuchen, intellektuellen Hintergründen, Deutungsansätzen, Rahmenbedingungen, Interessen und Strategien, Grundlagen, Ideologien, Ökonomien usf. - warum erkenne ich in kaum einem Beitrag zu politischen Zusammenhängen eine tiefere Kenntnis dieser Geschichte? Wieso erfindet jeder Fachexperte das Rad ständig neu und weiß nicht einmal, dass es rund sein muss? Das kann man sich noch mühsam beantworten wegen siehe oben, aber warum gibt es so wenige, die wirklich offen fragen und wissen wollen, anstatt die immer gleichen staubigen Antworten zu präsentieren? Was macht Politik so unattraktiv für den Intellekt und was kann man dagegen tun?

 
xx

In einem sehr erhellenden Artikel von Hans Magnus Enzensberger im "Spiegel" von 1957 findet sich ein Hinweis auf den hiesigen Begriff von "Demokratie", der nicht zu unterschätzen ist. Es sind diese Details, die schon so ins Unterbewusstsein übergegangen sind, dass man gar nicht auf die Idee kommt, sie anzuzweifeln. Auch so wird das gängige Narrativ gestaltet.

Konkret geht es um den Gegensatz zwischen den Einzelnen, dem Individuum und dem, was damals "Kollektive" genannt wurde. Von Maggie Thatcher (1980) ist der skandalöse Satz überliefert "Es gibt keine Gesellschaft" - diese extremistische Haltung wurde bereits Jahrzehnte zuvor in etwas milderer Form formuliert:

Das Kollektiv als Diktator

"Wenn Sie schon hinter dem simplen Trick der Story eine Geschichtsauffassung suchen, dann ist sie jedenfalls demokratisch, eben weil sie es auf den einzelnen, nicht aufs Kollektiv abgesehen hat." (Der Spiegel) und "Die Nachrichten entstehen nicht durch "geschichtliche Kräfte oder Regierungen oder Klassen, sondern durch Individuen" (Time Magazine, dort zitiert).

Hier wird bereits die Vereinzelung der Gesellschaft als notwendig für das erklärt, was als "Demokratie" zu gelten hat. 'Volksherrschaft' baut demnach auf der Erzählung auf, nur (besondere) Einzelne könnten sie sichern. Die Herrschaft des nationalen Kollektivs über sich selbst wird angelegt als Herrschaft von wenigen. Das ist im Kern absurd. Enzensberger kommentiert das Konstrukt:

Führer und Helden

"Solche Parolen gründen auf der Scheinwahrheit, daß Geschichte von einzelnen gemacht wird: der primär gesellschaftliche Charakter historischer Erscheinungen wird mit einem Seitenhieb auf den marxistischen Klassenbegriff geleugnet."
Der Antikommunismus ermöglicht eine radikale Konstruktion von Gesellschaft, die die Welt einteilt in zwei spiegelverkehrte Bereiche: Ost und West, Gut und Böse, Freund und Feind, Kollektivismus und Individualismus. Letzterer ist identisch mit "Demokratie" und "Freiheit".

Vor allem die Darstellung starker Männer als Helden und Führer in sämtlichen Erzählungen vom Film bis hin zur Politik verklärt und verkehrt: Anstatt Hierarchie und Befehlskette als Zwang zu begreifen, hat sie als Freiheit zu gelten. Das Führerprinzip heißt fortan Demokratie. Die autoritäre Herrschaft Adenauers hielt länger als das Dritte Reich und die Herren der Deutschen Industrie sind ohnehin dieselben geblieben. "Demokratie" war von Anfang an kein Anspruch, sondern ein Etikett.

 
xx

Der Terror ist auf den Straßen. Wie können sie nur, diese Gelbwesten! Pantoufle fasst hier schon einmal sehr gut zusammen, was damit auf sich hat, und ich ergänze mit dem Hinweis darauf, was ich Herrn Misik bei Gelegenheit meinerseits zu seiner großen Weisheit geantwortet hatte. Wissen sie denn nicht, diese Proleten, dass sie am Untergang des Abendlandes werkeln, im Auftrag Putins und der Dummen Linken, der Dummen Rechten und eben nicht der Schlauen Liberaldemokraten?

Was haben sie denn eigentlich gegen die Politik, die den freien Westen seit fast vierzig Jahren Freiheit und Welt verschafft? Arbeitsplätze und Wohlstand, Wachstum und fairen Wettbewerb? Ach, sie merken das nicht, weil sie nichts davon haben! Hätten sie doch bloß Misik gelesen oder wenigstens den Figaro oder unsere Liberopresse, die da singt: "Mit seiner Präsidentschaft wollte Emmanuel Macron ein "Heldenepos der Demokratie" erzählen. Mittlerweile regiert er mit dem Rücken zur Wand. Wie konnte es so weit kommen?"

Unsere Farben

Ja, wie nur? Macron hat uns doch alle gerettet, vor Le Pen, Putin und Kroatien. Ihr seid sogar Weltmeister, was wollt ihr denn noch? Wer sind diese Leute? Und dann gehen sie hin, ziehen sich alle dieselben Klamotten an und machen Randale. Was soll das sein? Revolution in Gelb? Für Gelb? Gelbe Revolution? Wo gib't denn sowas? Das kann ja nur Putins Idee gewesen sein. Anständige Menschen machen keine Farbenrevolutionen in freien Westen!

Schließlich haben sie ihn doch auch selbst gewählt. Es ist doch ihr Präsident. Wie kann man denn gegen die eigene Staatsmacht aufbegehren? Sehen sie denn nicht, dass sie in der besten aller Welten leben? Können sie ums Verrecken keine Verantwortung zeigen - oder sich wenigstens so verhalten, dass ein wohlerzogener, gut gebildeter Vertreter der vierten Gewalt® sie versteht?

 
xx

Es gibt Zeiten, in denen muss man sich begrenzen. Wohl dem, der das kann und dabei nicht aus den Augen verliert, dass er es tut. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als alles andere und nehmen so viel Raum ein, dass für Banalitäten und Bagatellen einfach keine Zeit bleibt. Es besteht die Gefahr, dass irgendwann alles irrelevant wird.

Ich kümmere mich mal wieder und bin mir sogar im Klaren, dass das ein Fehler ist, weil ich im Grunde eine Fehlbesetzung bin. Zu nah dran, wo es immer wieder um inneren Abstand und richtige Entscheidungen geht. Die Alternativen sind nur eben noch schlechter. Es geht noch immer um Depression, das zieht sich, bis das Medikament wirkt. Nachgerade faszinierend ist die Kunst des Patienten, seine Welt in Irrelevanz versinken zu lassen.

Interessiert mich nicht

Als Begleiter ist das beinahe ansteckend, schon weil man seinerseits ja eine Priorität gesetzt hat, die alles andere verkleinert. Trost besteht darin, dass diese zehrende Aufgabe eine auf Zeit ist und man sich ein erreichbares Ziel setzt. Dennoch kostet es Kraft, die eben woanders fehlt. Wie irrelevant sind doch so viele Anstrengungen des Alltags. Alles, was nicht zur Entspannung oder bei entsprechender Gelegenheit Ablenkung taugt, wird aussortiert.

Auch das verändert den Blick auf den Normalbetrieb, zumal den derer mit einem normalen Leben. Da ist kaum Platz für eigene Prioritäten. An Eins bis Zehn steht "Arbeit", den Profit der Anderen sichern. Dann kommen vielleicht noch Kinder (wenn man sich welche leistet) und was man so tut, um das Geschwätz im Bekanntenkreis unter Kontrolle zu halten.

Wen interessiert es da noch, wie und von wem man verwaltet wird? "Politik", das ist etwas für Fachleute, die sie einem in kleinen Häppchen zubereiten. Keine Zeit für mehr. Es muss reichen zu wissen, wer die Guten sind und wen man so sympathisch findet, dass man ihn am Ruder® sehen will. Für den Rest kann man dann seinen unterdrückten Hass ausleben, bis auch der im Nebel der Depression abkühlt. Und jetzt wie immer das Wetter.

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