Oktober 2022


 
Nachdem wir eine ganze Folge wegen Unzufriedenheit weggeworfen haben, fiel uns "Demokratie" zum Opfer. Ob wir uns dabei wohl grob daneben benommen haben? Keine Ahnung. Jedenfalls ist es eine Jubiläumsfolge: die pfümpfundzwanzichste.
Jubelt, ihr Perser!

Bitte hier entlang!

Da die Datei sehr groß geraten ist, hier noch eine als .ogg (45,4 MB)

Viel Spaß!

 
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Rezession gibt es nur im Kapitalismus. Und schon schreit er auf, der Fachexperte 'Ökonom'. Wohl, wohl, wohl habe es doch im Sozialismus schlimme Rezession gegeben und Schlimmeres. In welchem Sozialismus? Dem mit Geldwirtschaft, Lohnarbeit und kapitalistischem Außenhandel? Gemach!

Lassen wir einmal beiseite, dass sogenanntes "Wirtschaftswachstum", aka steigende Profitraten, ein rein kapitalistisches Ziel, vielmehr der Systemzwang, sind und daher Rezession als sinkende Profitraten ein kapitalistisches Phänomen. Fokussieren wir auf das, was passiert:

Alle Räder stehen still

Aus welchen Gründen auch immer stellt sich in einer kapitalistischen Wirtschaft ein stabiles Wachstum ein, d.h. es werden Profite gemacht, das Inlandsprodukt steigt, es gibt reichlich Lohnarbeit, die Steuereinnahmen reichen aus, Vermögen steigen. Dass das bis hierher schon nur funktioniert, wenn sich irgendwer dafür verschuldet (siehe volkswirtschaftliche Gesamtrechnung), sei auch noch geschenkt.

Es arbeiten alle für Geld, die einen für ihres, die anderen für das der anderen, es wird produziert, verkauft und als Nebeneffekt(!) die Bevölkerung versorgt. Was aber passiert, wenn die Profite einbrechen?

Es ist immer noch genug da, vor allem für das Wichtigste, nämlich Energie, Nahrung, Gesundheitsversorgung, Mobilität. Nicht auf dem Niveau und in der Art wie bei profitorientiertem Wirtschaften mit Millionen verzichtbarer Produkte, aber auf jeden Fall für das Wichtigste und sogar mehr. Oft sind sogar reichlich Ressourcen für Luxus übrig.

Kein Geld, kein Brot

Es wird aber nicht mehr produziert, weil kein Profit mehr möglich ist. Bäckereien, Geschäfte, Nahrungsproduktion, Energiewirtschaft, Versorgung, die ganze Arbeit, die das Überleben sichert, wird eingestellt, weil nicht mehr genügend Geld da ist. Die Eigentümer melden Konkurs an, weil sie es nach dem Gesetz sogar müssen. Wer clever ist, hat sein Geld vorher rausgezogen und woanders gebunkert.

Die Brotfabrik wird abgeschlossen, die Mühlen auch. Privateigentum hat nicht die Aufgabe, die Bevölkerung zu versorgen. Es kann das nicht einmal, weil alle Strukturen – einschließlich der Gesetzgebung – auf Profit basieren. Wenn es so weit kommt, ist die Revolution unausweichlich, denn niemand wird aus Treue zum Gesetz und den Eigentumsrechten freiwillig verhungern.

 
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Der naive Humanismus glaubt an einen freien Willen, der sich in Gesellschaften zu einem Gesamtwillen ausbildet. Was in einer ('demokratischen'/parlamentarischen) Gesellschaft geschieht, wird ausdrücklich (etwa im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland) als Ergebnis von Willensbildung und Willensäußerungen betrachtet.

Demnach entscheidet eine Mehrheitsmeinung über die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit. In dieser Vorstellung wird die ältere, religiöse Überzeugung von Gottes Willen und Allmacht in die Allmacht des Menschenwillens überführt. Es ist eben nicht mehr Gott, sondern der Mensch, dessen Wille geschieht.

Gut und Böse

Dieser Humanismus ist Folge und Basis einer moralischen Weltsicht. Die Existenz von Gut und Böse erfordert ideelle Mächte, die sich in der Wirklichkeit nicht erklären lassen. Etwas oder jemand ist böse, weil er es eben ist, daher ergeben sich seine Handlungen nicht aus seinen Lebensbedingungen und seiner Vorgeschichte, sondern aus Eigenschaften, die ihm innewohnen. Er handelt so, weil er so ist.

Das Böse kann von ihm allerdings abfallen, wenn er ihm entsagt, sich läutert, bereut und büßt. Dem Guten wiederum muss er sich zuwenden, ihm dienen wollen und sich der Gemeinschaft der Guten und Moralischen anschließen. Das Böse kann ihn derweil verführen oder ihn völlig korrumpieren.

Die Menschen sind so

Diese Weltsicht ergibt sich aus den Vereinfachungen, die ein Alltagsverstand zwangsläufig leisten muss, um sich nicht zu überfordern. Das hat wenig mit den Fähigkeiten des Einzelnen zu tun; hochintelligente Menschen machen das grundsätzlich gar nicht anders als intellektuell begrenzte. Es funktioniert ja im Alltag und im Kleinen so. Die Beurteilung von Menschen im persönlichen Umfeld, Sympathien, Gefühle und das Durchsetzen eines Willens gegen den anderen prägen diese Sphäre.

Zudem ist sie das, was Menschen von Kindesbeinen so und kaum anders erleben. Wenn dann auf jeder gesellschaftlichen Ebene die Entscheidungen von Gesprächen und Handlungen begleitet werden, in denen diese Muster ebenfalls bedient werden, liegt es nahe, zu glauben, die Welt drehe sich um diese menschliche Dimension. Das aber ist ein fataler Irrtum. Wille und Moral sind nicht die Ursache der Ordnung, sondern eine Projektion, die Konflikte schürt und Rationalität unterdrückt.

 
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Wer internationale Politik verstehen will, muss einige Voraussetzungen erfüllen. Die erste, für uns längst selbstverständliche, ist, dass es immer um Geld geht. Geostrategische Interessen folgen wirtschaftlichen. Im Kapitalismus herrscht das Recht des Stärkeren, was heißt: Der Starke diktiert dem Schwachen die Regeln. Daher auch das Wort von der "regelbasierten Ordnung".

Die zweite ist ideologischer Natur: Die politische Verfasstheit, kulturelle Ausprägung und ideologische Ausrichtung von Staaten darf nicht Gegenstand internationaler Konfrontationen sein. Sie ist das wichtigste Mittel von Propaganda und Moralisierung, mithin eine Waffe. Kein Land aber hat das Recht, einem anderen die Ordnung vorzuschreiben. Das ist oft schwer erträglich, aber die Alternativen sind desaströs.

Leben lassen

Daraus ergibt sich drittens im politischen Austausch das Primat der Diplomatie. Wer dieses missachtet, ist ein offener Aggressor, der ein friedliches Zusammenleben aktiv verhindert. Selbst, wo er durch undiplomatisches (beleidigendes, demütigendes, bevormundendes) Handeln nicht unmittelbar aggressive Gegenreaktionen erzeugt, zwingt er den Gegner, innenpolitisch auf die Feindseligkeit zu reagieren.

Die Globalisierung durch Kapital und Geostrategie der zuletzt einzigen Weltmacht USA hat dazu geführt, dass sie allein für die von ihr beherrschte Hemisphäre (NATO, EU) die ideologische Ausrichtung bestimmt. Ihre Regeln, ihr politisches System, ihre (neoliberale) Wirtschaftsordnung hat auf der ganzen Welt zu gelten. In ihrer Einflusssphäre hat sie die nationalen Regierungen so indoktriniert, dass die gesamte politische Elite diese Doktrin aggressiv vertritt – politisch, ökonomisch und zunehmend militärisch.

Ich hatte bereits darauf aufmerksam gemacht, dass im 'Westen' die letzte Opposition gegen diese Gleichrichtung nationalistisch ausgerichtet ist. Da die Eliten in Europa amerikanische Interessen gegen die eigenen vertreten, bleibt die rechte Schmuddelecke. Die Kommunisten und radikalen Sozialisten wurden erfolgreich vernichtet. Das Resultat sehen wir in immer mehr Staaten mit Rechtsextremen in der Regierung. Aber auch global verschärft sich dieser Trend, nicht nur in "MAGA", wie ich anhand von Putins jüngster Rede festgestellt habe:

Die Reaktion

Er wendet sich mit dieser Rede an die Russen, mithin zieht er alle Register eines religiös untermauerten Nationalismus, der die wichtigste ideologische Basis seiner innenpolitischen Macht sein dürfte. Interessant ist auch hier, dass die (in dem Fall internationale) Konstellation ebenfalls Nationalismus vs. Wertewesten ist. Die Globalisierung (Putin spricht von "Kolonialisierung") durch den Dollar, den IWF und die NATO erzeugt eine Art überschießende Immunreaktion.

Wenn man versucht zu verstehen, wie Formationen (politischer) Macht entstehen und sich stabilisieren, sind solche Entwicklungen Gegenstand der Betrachtung. Konkret ergeben sich daraus alternative Optionen. So z.B. ein reflektierter bürgerlicher Interessen-Nationalismus, wie ihn Klaus von Dohnanyi befürwortet, oder eine revolutionäre Abkehr vom Kapitalismus und den bürgerlichen Stellvertreter-Hierarchien. Ersteres ist realistisch, Zweiteres wäre wünschenswert.

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