Journalismus


Wie ich heute lese, ist jeder achte “Migrant” “unwillig zur Integration“. Das ist sehr wichtig zu wissen, darum wird es ja auch verbreitet. Immerhin hat der Bundesinnenminister persönlich das gesagt. Jetzt kann man natürlich erst einmal diskutieren. Wie so denn nur jeder achte? Das glaube ich nicht. Das müssen doch viel mehr sein. Und selbst wenn es doch jeder achte ist oder es nur ein paar mehr sind, dann sind das ja trotzdem Tausende. Hunderttausende, die sich nicht integrieren wollen. Da haben wir ja jede Menge zu tun. Die haben hier nämlich nichts zu suchen. Bis wir die alle abgeschoben haben, das wird ein hartes Stück Arbeit.

So oder ähnlich wird das in die tabufreie Diskussion gehen. Was bedeutet aber eigentlich in diesem Zusammenhang “Migrant”? Was “Integration” und was “unwillig”? Das muß man nicht so genau wissen, oder? Hauptsache, wir haben soundso viele. Die unsere Gastfreundschaft nicht wert sind. Eine Meldung ohne Inhalt, die aber anhand einer Zahl, die womöglich keiner Überprüfung standhält, quasi als unzweifelhaft zu erkennen ist. Jeder achte ist integrationsunwillig. Und zwei von drei Frauen haben das Gefühl, nach Benutzung der Kräme weniger Mimikfältchen zu haben. Bis zu 43% weniger Mimikfältchen.

Wie stellt man so etwas wohl fest? In einem narrativen Interview?

Ey, Ali, du bist doch Migrant, oder?

Was willst du? Ich hab zu tun.

Sachmal, willst du dich nicht mal integrieren?

Wir wissen nicht, was der unbekannte Ali geantwortet hat, aber jeder achte ist unwillig. Wem das jetzt unsachlich erscheint, hat das schon mal ganz richtig erkannt. Die Tatsachenbehauptung hingegen darf als ‘sachlich’ gelten, schließlich ist sie aus den Nachrichten. Wie solche Sachlichkeit allerdings in Gedankengut umgemünzt wird, das läßt nicht unbedingt erwarten, daß es dabei sachlich zur Sache geht.

Dem unbekannten Journalisten empfehlen wir bei dieser Gelegenheit, nicht wie üblich “Egal” aus seiner Pillenpackung zu fummeln und es sich reichlich einzuwerfen, sondern ab und an den Sinn solcher Meldungen zu hinterfragen. Sollte er keinen finden, wäre das eine gute Gelegenheit, welchen herzustellen – oder auf die Veröffentlichung zu verzichten.

Journalisten haben wohl ein striktes Verbot, sich selbst und veröffentlichte Umfragen für bescheuert zu erklären. Hätte es noch eines Belegs bedurft, daß die rücksichtslos Umgefragten nicht kapieren, was man von ihnen will, heute hätten wir wieder mal eine.

Der “Deutschlandtrend“, abgenudelt vom Experten für sinnlosen Zahlenquark Jörg Schönenborn, hat festgestellt, daß die Befragten Steinmeiers “Arbeit” so gut bewerten wie nie seit ach egal. Zwar werden wir radikal über den Umstand aufgeklärt,
“Steinmeier hatte für Schlagzeilen gesorgt, als er seiner Ehefrau eine Niere spendete. Das dürfte ein wichtiger Grund für seine gewachsene Popularität sein”,
das ficht den Demagoskopen aber nicht an, völlig blödsinnige Trendanalysen daran zu knüpfen.

Dabei hätte ein Blick in “Statistik für Doofe” genügt, um dem Papierkorb zu geben, was des Papierkorbs ist:

Eine Messung ist dann valide, wenn sie das Merkmal misst, welches sie messen soll oder welches sie zu messen scheint.

Sich schon am zweiten Tag den Titel “Depp des Monats” abzuholen, ist immerhin auch eine Leistung. Herzlichen Glückwunsch!

Aus mir wird nichts. Das war quasi schon immer so geplant, spätestens seit der Entscheidung, Geisteswissenschaften zu studieren und nicht einmal Lehrer werden zu wollen.
Dieser elende Hang zur Fundamentalopposition wird meinen Hungertod bedeuten. “Bricht mir das Genick”, heißt das ja eigentlich, aber der Vorgang, den das beschreiben soll, hat absolut nichts von der schnellen Endgültigkeit eines Genickbruchs. Im Gegenteil.

Nun publiziere ich hier so vor mich hin und weiß eigentlich auch, wie das geht. Ja, warum tut er’s denn dann nicht? Alle anderen tun’s doch auch. Empörungsthemen ziehen Fliegen an wie die Leute, bescheren hunderte Kommentare, man wird geflattert wie geschnitten Brot, und wenn man ein gutes Wolfsgeheul beherrscht, stimmen alle ein und zu.

Die schiefe Fratze von diesem Gossengenetiker versaut mir seit Tagen die Laune, auf allen Kanälen, in Blogs, Funk und Fernsehen ein großes Blabla um ein Thema, das hier schon dreimal rum ist. Alles, was mir dazu einfällt, ist die Schwierigkeit, das noch zu ignorieren. Ich versuche es trotzdem tapfer weiter. Ist doch auch gar nicht schlecht, wenn der Mob nach Monaten endlich einsieht, was ich damals schon schrub. Vielleicht hat der Gabriel meine Mail ja doch noch gelesen. Jetzt dackeln sie ihm hinterher, dieselben Kriechkröten, denen das vorher alles recht und billig war. Na, wenn ein Führer seine Meinung ändert, ist das natürlich etwas Neues.

Seit Tagen ein nebulöses Blabla über Laufzeiten von AKWs, auch schon fünfmal abgefrüchstückt in den Blogs, bloß daß da Petitessen wie das Absaufen der Asse nicht brüllend verschwiegen wurden. Zahlensalat, erfunden, geschönt und an die Börse getragen, zehnfuffzehnzwanzich Jahre, zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten. Am Ende hat das Schnellmerkel sich selbst eine grundgesetzwidrige Entscheidung gegen ihren erbitterten Widerstand abgerungen, den sie für die Atomlobby unerhört geschickt ausgehandelt hat: Das Unmögliche schaffen, indem man das Unvorstellbare fordert.

Im Fernsehtalk, den ich mir immer noch nicht zumute, gab es heute “Killerkeime im Krankenhaus”, winziste Kleinstbabies als unschuldige Opfer, das macht doch was her. Wo bleibt nur die Pandemie, wenn man eine braucht? Die Toten sind schon gezählt, da muß man fix aufspringen, ehe sie kalt werden.
Business as usual eben an der Resterampe des Sommerlochs. Halten wir uns wenigstens dabei an ungeschönte Fakten: Wann Sommer ist, bestimmt der Kalender. Zum runden Anschluß keine weiteren Bemerkungen zum Wetter.

Oder können Journalisten nicht lesen?
Das hier
und das hier
sind in der Summe wohl Zwiesprechübungen in der vierten Dimension?

springerSPD-Chef Gabriel, der noch Ende Juni in der Causa Sarrazin herumeierte, nennt das Kind inzwischen beim Namen und will den Hetzer nicht mehr in seiner Partei haben. Während sich in dessen Folge inzwischen eine breite Front gegen die rassistische Demagogie seines “Genossen” bildet, findet der Springer-Verlag auch in seinem halbzivilisiert frisierten Blatt “Welt” Gefallen daran. Dort empfiehlt Günther Lachmann ernsthaft der FDP, sich ein Beispiel zu nehmen am Experten für Rassehygiene aus der SPD.

Als Gewährsleute zitiert der Qualitätsjournalist ausgerechnet Nutzer eines Internetforums der FDP, in dem natürlich rechtsradikale Salonvokabeln wie der ewige “Gutmensch” nicht fehlen dürfen. Warum hat er sich nicht bei den eigenen Lesern bedient? Die schreien bei solchen Gelegenheiten doch regelmäßig unverblümt nach dem Führerstaat. Da geht die Saat doch längst auf.

Jetzt ruft Lachmann wörtlich nach einem “nationalen Verständnis” im “Migrationsstaat”. Faktenfrei, dafür mit dem nötigen nationalistischen Elan, werden da abstrakte Probleme konstruiert, für die dann simple Lösungen angeboten werden. Diejenigen eben, die schon immer der Renner waren im den Programmen der Rechtsaußen.

“Religiös motivierte Konflikte” werden da beschworen, ohne sie freilich mit irgendeiner Realität zu verbinden. Als sei das “Recht freier Selbstbestimmung”, das dem Wortschwall noch quasi hinterhergeworfen wird, durch Migration bedroht. Das der Deutschen, wohlgemerkt, die durch Einwanderer erst ihre Identität und dann ihre Freiheit verlören. Die Freiheit wovon oder wozu, das wird nicht verraten, bzw. am Ende irgendwie mit dem Abriss des Stuttgarter Bahnhofs begründet. Nehmt dem Mann die Drogen weg!

Die FDP soll also die Rezepte finden beziehungsweise anwenden, aus denen Lachmann seine trübe Suppe kocht. Wieso ausgerechnet die FDP? Die Frage erübrigt sich, wenn man einen Blick die Nachbarländer wirft, nach Holland, Österreich oder Belgien. Die erfolgreichsten unter den radikalen Rechten sind dort allesamt postmodern-”liberale”, die es verstehen, eine Wirtschaftsideologie mit der Diskriminierung von Ausländern zu verbinden. Ein von nationalistischer Demagogie unterfütterter Neoliberalismus, dafür kann sich Springers Schreiberling herzlich erwärmen. Der Verlag läßt andeuten, daß eine solche Entwicklung der FDP aus allen Rohren unterstützt würde. Wundern muß man sich allenfalls, wenn dieses Angebot über kurz oder lang nicht begeistert angenommen wird.

radspritz

Nicht nur das sich “Dopingjäger” schimpfende Saubermänneken Franke treibt die Radsportler in die Depression, Jan Ullrich mußte nach den Ermittlungen von Fred Apostel jetzt ausgerechnet vor Richter Buske büßen, der feststellte, daß Ulle doch etwas mit Epomanio Fuentes zu tun hatte. Während vor allem spanische Apotheker seit Jahren nahezu unbehelligt über die Gipfel von Alpen und Pyrenäen rollen, gehen die Einzefälle aus dem Rest der Welt allmählich in die tausende.

Ein neues Beweisverfahren könnte dabei schon lange alle mit Leichtigkeit des Dopings überführen, wenn es denn Anwendung fände. Man erkennt die Gedopten sehr einfach daran, daß sie an einer großen Rundfahrt teilnehmen, auf einem Rennrad sitzen und eine Startnummer auf dem Trikot tragen. Der begründete Verdacht ungedopt zu sein, ergibt sich nur dann, wenn jemand am dritten Tag tot von Rad fällt.

Saubere Leistung

Jeder weiß das, alle wollten es so, es ging und geht gar nicht anders. Die verlogenen Sponsoren à la Telekom, US Postal, Gerolsteiner, CSC und wie sie alle hießen, haben unmenschliche Leistung eingekauft, um mit ihren Helden ihre Umsätze zu steigern. Die wurden vertragsgemäß geliefert. Das Konglomerat aus Sponsoren, Medien, Zuschauern und Politik hat die Heroen ganz wunderbar gebrauchen können für ihre betrügerische Leistungsanbetung. Es wurden jahrzehntelang Rituale gepflegt, die “sauberen Sport” suggerierten, den es niemals gegeben hat, ganz wie im echten Kapitalismus.

Der Terror gegen die Sportler begann mit einer undurchsichtigen Aktion gegen das Team Festina 1998. Als danach der Business dennoch weiterging, begannen die Rennställe, d.h. Sponsoren, sich auf Kosten der Fahrer reinzuwaschen. Die Profis, die nur durch Doping ihre Verträge hatten einhalten können, wurden in den folgenden Jahren dazu verpflichtet, falsche eidesstattliche Erklärungen zu leisten, in denen sie das Gegenteil behaupten mußten. Sie wären sonst sofort entlassen und vermutlich auf Schadenersatz verklagt worden.

Dies traf nicht nur die Großen und Prominenten, sondern ebenso deren Wasserträger, die keine Millionen verdient hatten und sich nicht hätten zur Ruhe setzen können. Andere haben darauf gehofft, nicht erwischt zu werden. Die Techniken dazu sind ja reichlich vorhanden. Die Lücken, in die eifrige Kontrolleure vordringen, werden allmählich wieder geschlossen. Die großen Sponsoren springen dennoch ab, bis die neue Sauberkeit wieder genügend Deppen findet, die daran glauben.

Das konnten wir nicht wissen

Als Ullrichs Karriere 2006 einen Tag vor der “Tour” medienwirksam hingerichtet wurde, schrieb ich: “Der Radsport ist tot”, im Anschluß daran u.a. mein “Plädoyer pro EPO“. Seitdem ist nichts Nennenswertes passiert, die Zombies fahren und berichten weiter. Wettberwerb findet weiter statt, genauso fair wie in der Wirtschaft, nur werden regelmäßig die Helden am Ende der Verwertungskette lebenslänglich aussortiert, wenn das Treppchen geputzt ist und eine mangelhaft vorbereitete Blutprobe sie als “Sünder” überführt hat. Bis dahin ist die Ernte für die Profiteure eingefahren, die das Ganze gar nichts kostet. Dann wird halt ein anderer eingekauft.

Von alledem wollen die Zecken nichts wissen, die ihre Seiten mit vorgetäuschten Empörungsorgasmen füllen, wenn wieder irgenwer irgendwo lang gemacht wird. Einsicht ist nicht in Sicht und die “Aufklärung” ist alle paar Wochen dieselbe bigotte Veranstaltung. Bis heute lese ich nichts von den Opfern, die ihre begnadeten Körper im Dienste der Investoren schinden, um nachher bespuckt zu werden, weil sie naiv denen vertraut haben, die das Sytem organisieren. Es gehe um Sport, machen uns die Lohnschreiber vor. Von Geld ist kaum je die Rede, geschweige denn von einem mörderischen “Wettbewerb”, der vielmehr als per se für “fair” deklariert wird. “Unfair” sind immer nur die erwischten Angestellten. Das Management und die Anleger waschen ihre Hände in Eigenblut. Wie sollen sie auch je etwas davon gewußt haben?

Das Motto, frei nach Willy Brandt, ziert seit Jahren den Untertitel dieses Blogs. Es verspricht keine großen Utopien und erinnert an einen Politiker, der alles andere als unfehlbar war, sondern bei aller Wertschätzung auch Entscheidungen mitgetragen hat, die seinem eigenen Motto nicht gerecht wurden. Gerade deshalb paßt es mir aber so gut. Ich bin Demokrat, kein Anarchist und auch kein ‘Kommunist’. Gegen Kommunismus habe ich persönlich nichts, wenn er denn eben demokratisch ist. Das geht bestimmt, ist für mich aber auch nicht weiter relevant. Mein Augenmerk ist ein anderes.

merkelspiegelVor allem geht es zunächst einmal um Politik. Das ist alles andere als selbstverständlich, denn was unter diesem Label firmiert, ist bekanntlich aktuell ein mehr oder weniger lästiges Anhängsel der Wirtschaft, mithin der Besitzenden. Auch wer nicht links sein will, wird zu diesem analytischen Urteil kommen. Es muß einem Diksurs auf die Beine geholfen werden, der nicht mehr stattfindet, weil die Medien, unter dem Einfluß von Parteien, Großverlagen und Anzeigenkunden, im Gros nur mehr Zeitgeist verbreiten. Kritisches Denken hat dort keinen Platz mehr, entgegen permanenten Lippenbekenntnissen und absurden Selbstbeweihräucherungen.

Keine große Utopie

Die tragenden Säulen der Demokratie sind eine solche öffentliche Debatte und die Kontrolle des Staates durch seine Bürger. Daß der Staat die Wirtschaft zu kontrollieren hat und nicht umgekehrt, ist aus meiner Sicht nicht einmal Resultat einer demokratischen Gesinnung. Diese Forderung entspringt vielmehr schon dem simpelsten Staatsverständnis. Was braucht es sonst eine Verfassung, wenn man Gesetze auch kaufen kann?

Der Begriff “Demokratie” beinhaltet den Begriff der “Herrschaft”. Es gibt also eine verfasste Bürgerschaft, die legitmiert ist, Regeln aufzustellen und ihre Einhaltung durchzusetzen. Diesem Prinzip stimme ich ausdrücklich zu. Hätte ich diesen Satz vor 25 Jahren gelesen, ich hätte ihn mir um die Ohren gehauen. Aber Anarchie, da wird mich wohl niemand mehr vom Gegenteil überzeugen, ist einfach nicht machbar. Die Logik, daß die Anwendung von Gewalt eingedämmt werden muß, ist nicht von der Hand zu weisen. Es ist das Verdienst der Dynamik einer offenen Gesellschaft unter Beteiligung aller, wenn die Maßnahmen zu dieser Eindämmung so niederschwellig wie möglich ausfallen. Selbstverständlich geht Einsicht vor Kontrolle.

Genau dies aber wäre das demokratische Prinzip. Das Volk, die vielen, müssen eingebunden sein. Beteiligt, weil ihnen etwas liegt an ihrem Staat und beteiligt, weil sie die Ressourcen dazu haben: Bildung, Information, Muße. Man konfrontiere die politische Realität dieser Tage mit diesem Anspruch!

Das muß der Leser nicht wissen

Und man konfrontiere damit den “Qualitätsjournalismus”, der von sich behauptet, er stelle Fragen und kläre auf. Ihre “Aufklärung” besteht quasi flächendeckend darin, immer dieselben “Experten” zu zitieren, deren Komptenz nicht nur von linken (und) Bloggern angezweifelt wird. Außerhalb der Landesgrenzen gelten diese Genies zumeist nämlich als Scharlatane.

Und wo sind sie denn, die Fragen, die da gestellt werden? Welcher Journalist beachtet auch nur die oberste Direktive der Kritik, die Frage “cui bono“? Was man tatsächlich an Informationen erhält über das Geschehen hinter den Kulissen, ist dementsprechend. Längst wurde gar der Offenbarungseid geleistet, Journalisten hätten quasi die Wahl, etwas zu wissen oder darüber zu berichten. Zitat: “Das muß der Leser nicht erfahren” (im Video ab 3:49, mehr dazu hier).

Das Bild, das wieder eine Berliner “Republik” prägt, ist das eines Bürgers, der beherrscht wird und sich zu fügen hat. Der nichts weiß und das gut findet. Der oberste Souverän, der sich und den Institutionen die Regeln eigentlich selbst geben soll, wird von den selbsternannten “Aufklärern” zum tumben Stimmvieh degradiert. Dies ist das exakte Gegenteil dessen, was ich unter “mehr Demokratie” verstehe.

Gestern gab es in der ARD ein müdes Portrait von Peer Steinbrück, das die FAZ in persona Nils Minkmar daher “revolutionär” findet. Minkmar ist mir bislang nur durch seine Sympathie für die These, Castros Geheimdienst habe JFK erschossen, aufgefallen. Er hoffte damals auf die Erhellung dieser kruden Theorie durch eine “kubanische Gauck-Behörde“.

Die unmotivierte Beweihräucherung Steinbrücks, der natürlich als “Retter” und immer wieder “Krisenmanager” zurechtgeschminkt wird, wäre nicht der Rede wert, mündete die Veranstaltung nicht in den Ruf nach Autoriät, der auch in Minkmars Gedröhne von “revolutionären” Erkenntnissen laut wird. Zunächst aber einige kurze Anmerkungen zum sonstigen Inhalt der Sendung:

Vom “Krisengerede” zum Abgrund

Steinbrück eiert bekannt virtuos herum, wo es um seine Einschätzungen vor, während und ‘nach’ der Krise geht, in der er in etwa überhaupt nichts zu “managen” hatte. Dies räumt er immerhin an anderer Stelle abstrakt ein. Zunächst davon motiviert, einen “Finanzmarkt auf Augenhöhe” (er liebt diese Floskel) zu installieren, steht die Regierung am Ende “überfordert” und erschöpft da, weil sie der Wirtschaft nur hinterher laufen kann. Natürlich bleiben diese Äußerungen im Vagen, denn sonst hätte jemand nachfragen müssen. Stephan Lamby, den Minkmar zum “Bob Woodward der Berliner Republik” aufbläst, hat darauf generös verzichtet.

Daß Steinbrück noch Tage vor dem “tiefsten Abgrund” von “Krisengerede” fabulierte, daß er nicht kommen sah, was andere längst alarmiert hatte, davon kein Wort, ebensowenig von seiner unerträglichen Bagatellisierung der Folgen. Zu gern hätte ich eine Reaktion darauf gehört, was Heusinger oder Krugman dem verkannten Dilettanten bescheinigt hatten.

Ein Zusammenhang zwischen den neoliberalen und verächtlichen Ansichten, die der Minister zur Sozialpolitik geäußert hat, und der spontanen “Rettung” der Spekulanten hätte auch einmal hervorgelockt werden können, spätestens als er meinte: “Die mittleren und unteren Schichten fühlen sich als Opfer“. Oder bei seinem Räsonieren über “Eliten”, die ihrer “Vorbildfunktion” nicht gerecht würden. Es war aber offenbar gar nicht im Sinne von Bobbycar-Woodward Lamby, Hintergründe zu beleuchten. Er betrachet es vielmehr als seine Aufgabe, solche auszuleuchten, damit die starken Männer schön groß erscheinen. Dafür spricht auch das alberne Gepose vor dem Kanzleramt, bei dem er sich selbst vermutlich besonders gut gefallen hat.

Autorität und Führung

In dieses Konzept paßt dann auch der Besuch bei Helmut Schmidt, das Gefasel über “fehlende Führung” und “ich und der Weizsäcker”. Im Kontext der “ökonomischen Systemfrage”, die Steinbrück selbst stellt, hört man die Nachtigall dann heftig flattern: Autoritäre Staaten wie China, so stellt Steinbrück nämlich fest, haben mehr als aufgeholt gegenüber der “nördlichen Hemisphäre”, womit er sicher den westlichen Teil meint. Die Demokratie und ihre Einrichtungen, das ist der rote Faden, sind im Nachteil beim Tanz um die Rendite.

Autorität, Führung, Personalisierung – das ist die “Revolution”, vor der Minkmar im Kielwasser von Lamby auf die Knie fällt. Die Ablösung der demokratischen Idee durch straffe Führung wird hier latent als Lösung angeboten. Zu erkennen wäre vielmehr, wie sehr der Druck ökonomischer Herrschaft schon zum Problem geworden ist. Und daß es aller verbliebenen legitimen Macht bedarf, sich dem entgegen zu stemmen.

Ich habe vor einigen Wochen schon SpOn aus meinen Favoriten entfernt und bereue es wahrlich nicht. Der mächtigste Online-Auftritt des Kuhjournalismus ist inzwischen nicht nur von einer erbarmungswürdigen Qualität bezüglich der Artikel, es ist auch nicht mehr auszuhalten, wie man die offenbar für doof oder betrunken gehaltenen Leser anspricht. Überschriften wie “Piep – Toooooooor!” oder “Ihre Bilder der Weltmeisterschaft: Ganz Schlaaand ist in WM-Ekstase! Zeigen Sie uns Ihre Fotos vom Fußballfest!” zieren die Startseite. Wo bin ich denn hier?

Hinzu kommt das penentrante “Spiegel Online (im Original auch noch in Großbuchstaben) erklärt”, “Spiegel Online zeigt”, “Spiegel Online sagt Ihnen”. Leute, die von sich in der dritten Person sprechen, haben gemeinhin einen an der Murmel und halten sich für irrsinnig wichtig. Beim Boulevard ist das nicht anders. Hier wird der Leser ganz offensiv entmündigt, im Stil von “Jetzt reden wir und du hälst die Klappe”, da besorgt der Verlag die Meinungsaufbereitung, selber Denken unnötig. Die Großkotz-Psychose führt dazu, daß ein Gegenüber gar nicht mehr wahrgenommen wird.

Über die Wahl der Themen ganz zu schweigen, neben einer gnadenlosen Fahrt auf dem Zug schwarzrotgeiler Fußball-Trunkenheit Dauerwerbung für Gauck, von der Homestory bis zur Heldenverehrung. Wer dann noch den Fehler macht zu lesen, was an Substanz hinter der billigen Kulisse steckt, wird nicht enttäuscht. Da ist gar nichts mehr.

Selbst das letzte Plus des ehemaligen Nachrichtenmagazins, die Aktualität, verpufft, wenn man inmitten dröhnender Irrelevanz nichts mehr findet, das noch von Interesse wäre. Andere haben eh längst aufgeholt. Die Nachrichten vom dradio etwa, trotz der peinlichen Abschrift des Köhler-Interviews, sind übersichtlich und wirklich gut gefiltert, darunter immer Informationen aus erster Hand, sprich: Die selbst gesendeten Interviews.

Erwartet habe ich schon lange nichts Gutes mehr aus der Brandstwiete, inzwischen ist auch die Hoffnung gestorben. Was da noch geboten wird, kann ich auch am Axel-Springer-Platz kaufen. Bei denen stimmt auch fast nichts, eines aber kann man ihnen zugute halten: Der Preis ist halbwegs angemessen.

Könnte ich manchmal herzen und umarmen, daß es knistert.

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