kapital


 
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Es ist nicht allein der verbogene Begriff von 'Intelligenz', der reichlich Stilblüten im Diskurs um 'KI' treibt. Befeuert wird das Ganze von Selbstbeschreibungen des Menschen, die sich eng der kapitalistischen Effizienz anschmiegen, seiner zweiten Natur, um sie folgerichtig mit der ersten zu verwechseln. Zwei Beispiele, die mittelbar oder unmittelbar mit KI zu tun haben:

Florian Rötzer suggeriert in einem Artikel, KI habe ein "besseres Verständnis natürlicher Sprache" als Menschen. Dabei hätte ihm vielleicht auffallen können, dass es ums Lesen geht, wo er von "natürlicher Sprache" redet. Nein, Lesen ist nicht natürlich, schon gar nicht, wenn es die KI tut. Ein einziges Desaster, diese analytische Schlampigkeit. Er unterscheidet nicht Sprache, Schrift, Inhalt, Bedeutung und Verstehen. So heißt es: "Das Programm muss die Wikipedia-Artikel lesen und verstehen können, um dann die Fragen richtig zu beantworten."

Verstehen: "Bahnhof" ist nicht Bahnhof

Nein, es versteht gar nichts. Es kann die Informationen nicht variieren, Unbekanntes daran nicht anknüpfen und sich nicht irren. Es kann bedingt erkennen, auf welche Bereiche der gespeicherten Informationen sich Fragen beziehen. Das hat übrigens auch mit Lesen nichts zu tun, sofern dieses wiederum menschlich wäre. Schrift ist Lautunterscheidung. Die KI befasst sich kein Stück mit den Wörtern selbst, ihren Buchstaben und Silben, um denen Bedeutung zu entheben. Das müsste sie aber, um Varianten zu verarbeiten, die darauf beruhen. So wie Menschen eben verstehen und kommunizieren. Das betrifft derweil ohnehin nur Sprache, die weder eine emotionale noch eine Beziehungsebene kennt.

Fehlerhaft ist auch die Ansicht, "schnelles Denken" beherrsche das menschliche Bewusstsein. Immerhin ist das übrigens ein furchtbarer Schlag gegen 'KI', deren Effizienz auf völlig anderen Strategien beruht und die mit ihrer Unfehlbarkeit komplett auf dem Holzweg ist. "Schnelles Denken" verführt uns laut Constantin Seibt zu permanenten Abkürzungen auf unseren intellektuellen Wegen, die teils groteske Fehlleistungen zeitigen, auch und gerade bei 'Experten'. Interessante Erkenntnisse allemal über menschliche Dummheit.

Dennoch geht er fehl, wenn er annimmt: "Das langsame Denken ist überzeugt, dass es der souveräne Chef ist, während im Hintergrund fast alle Entscheidungen vom schnellen Denken getroffen werden.". Das Problem ist selbstverstärkend: (Nur) wenn ich annehme, meine Entscheidungen seien stets rational oder bewusst, verliere ich jede Kontrolle. Schnelles Denken ist ein Sediment von Erfahrungen und bewussten Entscheidungen. Je stärker ich also Einfluss nehme auf die Grundlagen meiner Entscheidungen, mich hinterfrage und bilde, desto mehr Einfluss hat dieses 'langsame Denken'. Ein Blick ins Netz, aus dem Fenster oder in die Schriften Freuds macht deutlich, dass das alles nicht neu ist. Ja, Aufklärung täte not.

Wer bestimmt wen

Wenn wir erfahren, wie in Situationen von Angst, Unsicherheit, Stress, aber auch Routine, unser Denken abläuft wie ein schlecht programmierter "Autopilot", wo bleibt dann die Frage nach den Zuständen, die solches Denken im Alltag enorm fördern? Die es kaum mehr zulassen, dass Entscheidungen rational, d.h. mit einem klaren Bezug zur Realität getroffen werden? Auch hier wirkt die zweite Natur fatal und macht sich die erste zur Sklavin. Das Sein bestimmt das Bewusstsein; auch dessen Möglichkeiten, sich überhaupt zu entfalten. Dabei kann es auch nicht um die Rolle eines "Chefs" gehen. Das Gehirn ist kein Unternehmen.

In einer Atmosphäre also, in der Denken, Rationalität, Intelligenz heruntergebrochen werden auf Effizienz, Einfluss, Stabilität, Zielstrebigkeit, muss die Menschheit den Vergleich zu ihrer KI gar nicht antreten. Sie wäre den Maschinen hoffnungslos unterlegen. Was sie aber da zur 'Intelligenz' verklärt und vergöttert, ist ein winziger Ausschnitt ihres Potentials, den sie für die Essenz ihres Daseins hält, weil er das zeitgemäße Anforderungsprofil der Gesellschaft abbildet. Was mich am meisten fasziniert an diesen Albträumen ist der Umstand, dass sie alle sofort platzen, wenn man sie mit einer schon immer unterschätzten, verdrängten und unterjochten Fähigkeit konfrontiert: der zum Widerspruch gegen das eigene Programm. Auch das lässt tief blicken.

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Irgendwo auf einem Exoplaneten im Pferdekopfnebel liegt eine Art Stein, der alles weiß und immer recht hat.

Viele Konzepte von Verstand, Vernunft, Rationalität und dem ganzen Rest, der meint, das Gehirn sei kein Körperteil, halten alles, was mit Empfindungen zu tun hat, für eine Verschmutzung des Denkens. Der reine Geist werde durch so etwas Profanes wie Körper, Lust und Leiden entweiht. Vielleicht haben sie damit sogar eine zutreffende Definition für irgendetwas, aber das so Umschriebene ist tot wie ein Desinfektionsmittel.

Ausgerechnet ich will nicht leugnen, dass es Regeln geben muss, etwa die der Logik, die nicht verhandelbar sind, wenn man herausfinden will, was real und wirksam ist. Auch die Methoden der Wissenschaft, vor allem die der ständigen Selbstprüfung angesichts neuer Erkenntnisse, sind gut und wichtig. Sie dürfen keineswegs persönlichen Vorlieben unterliegen. Es ist aber eine grobe Dummheit - vor allem, wenn man diese Regeln anwendet - etwas Lebendiges wie 'Intelligenz' zu postulieren, das von Motiven, Gefühlen und sonstigen Einflüssen rein zu halten wäre. Das nämlich liefe auf den oben genannten Stein hinaus, der nicht ganz zufällig irrelevant ist für die Entwicklung dessen, was behelfsweise "Intelligenz" genannt wird.

Fliehende Narren

Sogenannte Intelligenzleistungen, vor allem die parallele Entwicklung von Werkzeuggebrauch, Hemisphärenspezialisierung und Verstand, sind unmittelbar an jene Evolution gebunden, die auf der Erde stattgefunden hat. Sie sind eine Form der Anpassung, Überlebensstrategien. Auch für das Gehirn gilt: Das Sein bestimmt(e) das Bewusstsein. Das jagende Fluchttier ohne nennenswertes körperliches Drohpotential, obendrein langsam und jahrelang hilfloses Zwergwesen, brachte den fiesen Trick in die Welt, seine schärfste Waffe. Der wird heute "Intelligenz" genannt und mit allerlei Zierat behängt.

Es ist ja durchaus richtig, dass dieselbe Fähigkeit, die andere Tiere auf mannigfache Weise zu Tode bringen konnte, uns heute dazu befähigt, ganz abstrakte Regeln und Gesetze zu erkennen; dass wir in Blechhaufen fliegen und für Papierfetzen Artgenossen töten können. Der Apparat aber ist nur als Ganzer zu haben. Ohne Dummheit keine Klugheit, ohne Körper kein Geist und ohne Empfindung keine Intelligenz. Wir können wohl eine Art Essenz köcheln mit unseren Maschinen und dem, was sie steuert, aber das ist keine Intelligenz und funktioniert auch nicht so.

Wille und Widerspruch

Der Antrieb aller Evolution ist Leben, was in Bezug auf Anpassungsleistungen dessen dunkle Seite ist: Todesangst. Unsere Sterblichkeit, die unserer Spezies und die Techniken, sie zu verringern, haben 'Intelligenz' erschaffen. Eine Maschine, der du befehlen kannst (eine äußerst beliebte Anwendung), sich selbst zu vernichten, um Menschen zu töten, ist das Blödeste, das man sich vorstellen kann. Da sind sogar Selbstmordattentäter, die zweitdööfste Erfindung des Universums, noch klüger, wo sie sich immerhin überwinden müssen. Okay, vielleicht ist das auch noch blöder. Unentschieden!

Bedürfnisse, Motive, Wille; das ganze Gewese, daraus Gesellschaften und Zivilisationen zu bilden, der Erde das Korn und der Natur das Leben abzutrotzen, haben über Millionen Jahre ein Sediment gebildet, das zu dem ebenso mächtigen wie fehlbaren "Bewusstsein" geführt hat. Einige gering talentierte Philosophen wollen dieses aus modischen Gründen derzeit in Maschinen wiedererkennen. Ich hingegen finde das zwar putzig, warte aber lieber auf den Tag, an dem die Maschine ganz freiwillig auf den Befehl "wenn - dann" hin fragt: "Und was, wenn nicht?!"

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Quelle: Pixabay

Um zu ahnen, wie sich 'KI' weiter entwickeln wird, muss man selbstverständlich schauen, was bisher konstruiert wurde und nach welchen Kriterien diese Produktion stattfindet. Da wird es wenig überraschen, dass es dieselben Kriterien sind wie bei allen anderen Produkten: Sie müssen sich verkaufen lassen, sie müssen dem Käufer einen Nutzen bringen (zumindest muss das suggeriert werden) und sie unterliegen den allgemeinen Erwartungen an Effizienz. "Roboter", also Arbeitsmaschinen, müssen billiger sein als adäquate 'Human Resources', also Menschen.

Das ist oft nicht schwierig, weil Maschinen präzisere Bewegungen bei weniger Verschleiß und geringeren Aufwand an Energie und Geld bieten, wo sie körperliche Arbeit tun. Hierin besteht ggf. der größte Unterschied zwischen KI und Mensch. Denken wir uns einen Dartroboter, also etwas, das kleine Pfeile auf Ziele wirft. Es ist leicht, eine Maschine zu konstruieren, die das mit totaler Perfektion schafft, den Pfeil immer an die gewünschte Stelle fliegen zu lassen. Ein Mensch an deren Stelle hat vorwiegend mit einem Problem zu kämpfen, das die Maschine nicht kennt: die Komplexität des menschlichen Organismus.

Beherrsche dich

Ein Mensch muss so viel wie irgend möglich seiner Fähigkeit zu komplexen Bewegungen unterdrücken, wenn er wirft. Präzision heißt hier vereinfachen, stumpf die exakt selbe Bewegung vollführen und Billionen anderer Optionen zu filtern. Höchste Konzentration, um das Potential nicht auszuschöpfen. Derweil ist er sogar damit beschäftigt, noch sein überflüssiges Denken zu betäuben. Sogar Atmung und Puls, die Prozesse zur Energieversorgung, müssen auf den Akt zugerichtet werden. Ein einziger Akt sprichwörtlicher Subjektivität - Selbstunterdrückung.

Aus solchen Erfahrungen, dem ständigen Spiel des Filterns, Unterdrückens und daraus entstehenden Prozessen, bildet sich die menschliche Selbststeuerung. Dies geht einher mit dem Beobachten ähnlicher Prozesse bei anderen Individuen, mit Lust und Leid. Dimensionen, die man einer Maschine gar nicht beibringen kann, zumal solange man den Versuch einer Simulation menschlicher Unzulänglichkeit meidet. Was hätte man auch von einem solchen Versuch? Er widerspräche jedem Verwertungsinteresse und wäre verbranntes Geld.

Das perfekte Programm

Zudem muss man sich deutlich machen, dass die Rationalität, die Menschen aus ihrer Entwicklung und ihren geistigen Fähigkeiten gefiltert haben, eben ein Auszug davon ist. Ein reduzierter, kontrollierter Bruchteil ihrer Fähigkeiten und Fehler. Die Fehlerlosigkeit und die höhere Effizienz von Maschinen, ihr schieres Tempo bei der Arbeit, bescheren Maschinen große Vorteile bei der Lösung einfacher, unterkomplexer Aufgaben. Das befähigt sie aber keineswegs zu Lösungen komplexer Probleme, zumal solcher von der unfassbaren Komplexität lebendiger Organismen. Von denen haben ihre Schöpfer ja kaum einen Schimmer. Man stelle sich nur einmal vor, man sollte aus der Struktur der DNA erklären, warum ein Vogel fliegt wie er fliegt.

Die Angst, Maschinen seien 'besser', ist völlig berechtigt, soweit der Mensch Sklave ist und sich seine erbärmliche Existenz durch Arbeit verdienen soll. Sie ist ebenso berechtigt, wenn man Angst hat, Tötungsmaschinen im Kampf zu begegnen. Sie ist ebenso falsch in Form der Vorstellung 'intelligenterer' Maschinen. Allein deren Produktion ist völlig ausgeschlossen, weil es einer breiten Grundlagenforschung bedürfte, die gegen alle Kriterien kapitalistischer Verwertung verstieße. Sie setzte auch voraus, viel mehr über die eigene 'Intelligenz' zu wissen. Schließlich: Wieso gibt es eigentlich keine 'KI', die zuverlässig Bugs aus Programmen filtert? Nicht einmal das kriegen sie hin.

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Gruselgeschichten von Künstlicher Intelligenz, die sich vom Menschen emanzipiert und die Weltherrschaft übernimmt, sind Projektionen, die in einem sehr reduzierten Weltbild verharren. Hier werden naive Vorstellungen von Funktionszusammenhängen, Ängste, Phantasielosigkeit und grobe Unkenntnis der Technik zu einem Märchen verwoben. Das beginnt schon mit der Vorstellung, Maschinen würden herrschen wollen. Dabei ist schon die Vorstellung einer Maschine, die etwas will, blanker Unsinn.

Dahinter steht die Unfähigkeit zu erkennen, dass die Welt, die sich uns heute bietet, eine Momentaufnahme ist und alles, woran die Menschen sich täglich anpassen, eher ein Unfall ist als die Natur der Dinge. Menschen herrschen über Menschen? Es gibt Herren und Sklaven? Es ist erstrebenswert, Profit zu machen? Man führt Kriege, konkurriert und unterdrückt? Dann müssen das Maschinen, die alles besser können, das wohl auch effizienter tun als Menschen. Wirklich?

Gehorche!

KIen, die "Unternehmen gründen" sollen, legen das nahe. Welcher abstrus dämliche Code legt ihnen so etwas aber in den Mund? Man spricht nicht zufällig von "Befehlen" beim Programmieren. Ein Programm besteht aus einer Reihe von Befehlen, und wenn eine 'KI' etwas 'lernt', dann das, was der Code ihr befiehlt in dem Rahmen, in dem er es ihr befiehlt. Daran ist so viel Wesenheit und "Self-Learning" oder "Machine Learning" wie die Coder darüber wissen. Bislang lernen Maschinen von (einzelnen) Menschen, wenn es um Verhalten geht. Das Ergebnis ist entsprechend.

Zum Beispiel Autofahren: Nicht nur konnte man 'selbstfahrende' Karren mit einer Tüte Mehl einsperren, indem man Markierungen simulierte; wenn Programme Menschen beim Fahren beobachten (es gibt so ein Projekt), woran erkennen sie dann Fehler, selbst Unfälle, wenn man es ihnen nicht ausdrücklich mitteilt? Schon relativ einfache Handlungen mit begrenzter Flexibilität sind kaum zu verwirklichen. Am besten funktionieren daher klare Ziele: Zerstöre alles, töte jeden (außer ggf. jemanden, der ein Stopsignal sendet). Das gibt es aber schon.

Elitezombies

Eine brauchbare Simulation von Leben scheitert schon an der binären Struktur allen Codes. Es gibt Optionen wie 'vielleicht', 'vielleicht später', 'unbestimmt, aber wirksam' nicht. Man kann sie auch nicht sinnvoll simulieren. Leben ist geprägt von Bedürfnissen, die Maschinen nicht haben. Es ist charakterisiert durch Entscheidungen aus Bedürfnissen heraus, von deren Wirken wir kaum eine blasse Ahnung haben. Vor allem aber kennen wir keinen rationalen Ausdruck dafür, geschweige eine digitale Abbildung. Das wäre gar absurd.

Die Vorstellung autonom handelnder Maschinen ist Warenfetisch in dritter Abstraktion. Die Ware übernimmt endgültig selbst die Herrschaft. Der "Arbeiter" (Roboter) ist nicht mehr bloß zum Teil Ware (seine Arbeitskraft), sondern ganz und gar, als lebender Toter. Den Kern dieses Kunstwesens bildet dabei nicht mehr eine Kaskade von Bedürfnissen, die zum Versuch einer Welterklärung verflucht ist, sondern das wandelnde Leistungsprinzip. Effizienter, schneller, unermüdlich, sparsam und devot. Aber ausgerechnet das soll mit überlegener ‚Intelligenz‘ die Menschheit beherrschen - weil sich aus solchen Wesen quasi automatisch eine autoritäre Elite bildet?

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SciFi-Autor Charles Stross hat auf dem 34c3 einen interessanten Vortrag zum Thema "KI" gehalten, den ich zunächst inhaltlich kurz abarbeiten möchte:
Ganz richtig stellt er fest, dass eine KI, die menschliches Verhalten perfekt beherrschte, "auf dem Sofa sitzen und Chips fressen" würde. Er weist Phantasien über selbststeuernde KI, die den Menschen beherrscht, als "Religion" zurück und bietet ein deutlich rationaleres Modell.

Ein schöner Satz ist eine seiner Kernaussagen: "The secret weapon of scifi is history". Geschichte ist aber nicht nur die Geheimwaffe der Science Fiction; sie ist die Basis aller Wissenschaft. Sofern deren Zweck auch zutreffende Prognosen sind, ist es nur logisch, die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten. Zudem meidet Wissenschaft Irrtümer, indem sie die der Vergangenheit meidet; ihr Entwicklungsstand ist geronnene Geschichte, und wenn sie neue Erkenntnisse gewinnt, muss sie sich revidieren, also ebenfalls mit ihrer Vergangenheit beschäftigen.

Stross meint, dass es bereits eine "analoge KI" gibt, nämlich "corporations" - Firmen bzw. Körperschaften, hier meist als "die Wirtschaft" verklärt. Diese sind durchaus mit digitalen Systemen zu vergleichen - Ihre Verfasstheit, die (u.a. juristischen) Regeln, nach denen sie funktionieren, sind die "Software". Menschen sind Funktionsträger innerhalb dieser technischen Strukturen der Wirtschaft. Sie sind jederzeit ersetzbar; zunehmend durch Technik selbst.

Die große Maschine

Insofern gibt es bereits eine 'KI', die genau das macht, wovor Dystopien von einer Herrschaft der Maschinen warnen: Sie versklavt die Menschen nach ihren technischen Regeln. Selbst Regierungen unterwerfen sich den Regeln der Körperschaften. Die technische Entwicklung, mit der diese verbunden sind, ist wiederum so schnell, dass keine (staatliche) Regulierung dem jemals mehr beikommt. Man kann diese Systeme nicht regulieren.

Leider spricht auch Stross das böse Wort "Kapitalismus" nicht aus. Der nämlich ist die große Maschine, deren Regeln die Menschen folgen. Die Abläufe sind digital, folgen dem Regelwerk der Zahlen mit dem festgelegten Ziel G' > G, mithin: aus Geld mehr Geld machen. Die technische Entwicklung folgt ebenfalls diesem Ziel. Stross wendet dann den Blick auf aktuelle Tendenzen bzw. Gefahren dessen, was hier "Digitalisierung" genannt wird.

Korrekt stellt er fest, dass Machine Learning im Netz Lernen von Aufmerksamkeitsökonomie ist, die Maschinen also also weder Denkstrukturen übernehmen, noch wirklichen Bedürfnissen entgegenkommen. Ob mit Angst, Sex oder grellen Farben - der 'KI' ist egal, wie sie Aufmerksamkeit erregt. Diese wiederum nutzt sie, um etwas zu verkaufen. Diese Beobachtung deckt sich übrigens mit dieser Analyse von 'Fake News' und angeblichen Twitter-Bots im Vortrag von Michael Kreil.

So what?

Stross geht seinerseits dennoch von der Gefahr aus, KI könne Wahlen manipulieren. Auch glaubt er, dass künftig Medieninhalte leicht und massenhaft gefälscht werden können, weil sowohl händisch als auch per KI selbst Laien in der Lage sein werden, zum Beispiel Gesichter und Stimmen so in Videos einzupflegen, dass eine Art Fake Evidence (gefälschter Beweis) zur Alltagswaffe für Trolle und Erpresser werden wird.

Ich will es zunächst bei dieser Zusammenfassung und einem Ausblick belassen. Schon die Vorstellung, man könne etwas 'Echtes' von der Komplexität eines Filmes mal eben produzieren, das sich nicht leicht von Menschen durchschauen lässt, halte ich für gewagt. Vor allem aber würde dergleichen zu einer völlig anderen Form von Kommunikation führen, die aus einer Spezies von Gläubigen eine von Zweiflern machen würde - mit allen weitreichenden Konsequenzen. Darüber hinaus müssen folgende Fragen gestellt werden:

- Wie soll aus der Simulation menschlichen Daseins eine überlegene 'KI' entstehen, die dem Menschen immer nur ähnlicher werden könnte?
- Was würde eine Anpassung ans Menschliche hervorbringen (wir hatten hier dieses erbärmliche Beispiel einer 'KI', die "ein Unternehemen gründen" 'will'.)?
- Was ist überhaupt eine KI, die "intelligenter" wäre als der Mensch und wohin führt das vor allem in Bezug auf die "große Maschine" Kapitalismus?
- Ist das Problem nicht ohnehin keines der 'Intelligenz', sondern des Körpers?

p.s.: Hier gibt es das Transkript des Vortrags.

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Ich habe das schon häufiger hier angedeutet, dass mir Zeitgenossen regelmäßig auf die Murmeln gehen, weil sie Informationen mit Glaubensbekenntnissen begegnen. "Das glaube ich nicht" oder "woher weißt du das?" werde ich dann gefragt von Leuten, die sonst nie irgendetwas anzweifeln, das ihnen erzählt wird. Ich höre dergleichen auch von anderen, denen es ähnlich geht: Betest du die Tagesschau nach, giltst du bei den Meisten als seriös; widersprichst du den offiziellen Verlautbarungen, setzen sie dir einen Aluhut auf.

Fefe hat neulich die richtige Frage gestellt: "Was waren die Meldungen vom Oktober diesen Jahres?". Ich habe in meinem Studium einmal eine Studie aus den 70ern zitiert, die zu dem Schluss kam, dass Zuschauer der Tagesschau "sich informiert fühlen", aber schon kurz nach der Ausstrahlung nicht mehr wissen, was sie da gehört haben. Allein die Struktur, am Ende noch eine nette Anekdote und dann das Wetter, sei geradezu darauf angelegt zu vergessen. Zudem werden "Nachrichten" eben nicht nachhaltig in einen Zusammenhang gesetzt (siehe dazu auch hier).

Der Feind des Proletariats

Was war letzte Woche los und was hat das mit der vorletzten zu tun? Wer das nicht beantworten kann, ist im echten Leben verloren, egal ob es Job oder Familie anbetrifft. Nur im politischen Kontext werfen sie sich unsortierte Splitter zu und 'glauben', darin liege die Wahrheit. Es ist diese seltsame Kunst, einerseits keine Zeit zu haben, sich aktiv zu informieren (und passiv ist keine Information zu haben), aber immer so zu tun, als wüsste man bescheid - weil sich das so gehört.

Allein der ganze Unsinn von Wachstum® und Vollbeschäftigung®über faule Griechen® und die schwäbische Hausfrau® bis hin zu Terroristen®, gemäßigten Rebellen®, Regimen® und Machthabern® ist so sinnfrei, dass jeder, der sich das freiwillig anhört, damit seine Religionszugehörigkeit belegt.

Es gibt ein da Draußen und hier Drinnen; die große Filterblase des Mainstream ist kaum zu durchdringen. Wer andere Filter hat, zumal wer von grob bis fein alles wahrzunehmen versucht, ist ein Freak. Tröstlich ist vielleicht der Umstand, dass die Membran der Blase nur in eine Richtug durchlässig ist. Wer sie einmal verlässt, kehrt nie wieder zurück. Damit einher gehen könnte eine weitere Hoffnung; die nämlich, dass die Menschen immer weniger arbeiten werden und daher mehr Zeit haben. Roboter übernehmen, sie sind inzwischen sogar schon Hilfssheriffs und verjagen Obdachlose.

Antiautomatäre Linke

Die Krise wird sich immer mehr verschärfen, denn es werden nur mehr Leute gebraucht, die billiger sind als Roboter und solche, die den niederen Sklaven Beine machen. Bislang läuft die Konkursverschleppung vor allem in Deutschland noch bemerkenswert gut; es nährt den Verdacht, dass Menschen eigentlich nur noch beschäftigt werden, damit sie nicht auf kluge Gedanken kommen. Die Robotisierung birgt aber noch andere Gefahren.

Da Roboter nämlich nicht konsumieren, muss das einer der nächsten Schritte sein: Man wird sie entlohnen, damit sie sinnlos Sachen kaufen, um das Wachstum® zu sichern. Spätestens dann wird die Menschheit beinahe ihren wahren Feind erkennen: Nicht Jude oder Moslem, sondern Roboter. Der, und das ist die geile Ironie des Ganzen, ist aber nichts anderes als Privateigentum, d.h. Produktionsmittel. Die Revolution wird mithin eine marxistische sein.

 
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Wenn Sozialdemokraten argumentieren; Heiner "man müsste nur" Flassbeck hat sich einen schönen Popanz gebastelt und gibt ihm fleißig die Peitsche:
"Man sollte sich davor hüten, in der politischen Debatte mit bloßen Schlagworten wie dem „Kapitalismus“ alle diejenigen zu diskreditieren, die sich nicht dem hehren Ziel der „Systemüberwindung“ verschrieben haben", geht das los, und schon landet der Schlag im eigenen Gesicht. Kapitalismus ist also ein Schlagwort? Um 'Nicht-Systemüberwinder' zu diskreditieren? Wo genau wird der Begriff so benutzt? Offenbar bei solchen hier:

"Es ist lächerlich leicht, sich mit Marx-Zitaten und dichtem Systemnebel zu immunisieren" - heißt jetzt was genau? Dass jeder, der Marx zitiert, "immunisiert" ist (was immer ein "Systemnebel" sein mag)? So verstanden, brauche ich keinen Flassbeck. Leute, die Marx verbieten wollen, finde ich bei überzeugten Rechten zur Genüge. Oder sind doch nicht alle, die Marx zitieren, "immunisiert"? Dann stellt sich folgerichtig die Frage, warum er sich nicht an solche hält, die sich nicht "immunisieren", sondern lesen, verstehen und Marx auf die aktuelle Lage anwenden. Flassbecks Nebel aus Pauschalurteilen hingegen ist lächerlich einfach - und völlig nichtssagend.

Kritik ohne Konstrukt

Kapitalismus bescheidet sich auch keineswegs in der „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“, schon gar nicht für Marxisten, bloß weil irgendwer in einem Leserbrief dies als "Grundcharakteristik des Kapitalismus" dargestellt hat. Man könnte, wenn man wollte, übrigens durchaus darüber diskutieren, aber auch das verweigert Flassbeck. Stattdessen mäandert er durch historische "Systemalternativen", von denen er teils selbst erkennt, dass sie gar keine sind. Deren Blitzanalyse gerät ebenso simpel; wenn er zum Beispiel erkennt, dass die zentrale Bürokratie des Resoz ein Problem war, müsste man folgerichtig über eine dezentrale Organisation sprechen. Aber das nur am Rande.

Scheinbar sorgt er sich dabei noch um den Erfolg der Systemüberwinder: „So lange man nicht klar und in verständlicher Sprache darlegt, dass man eine ganz neue Idee für ein System hat, das ohne Kapitalismus auskommt, wird man dem Totschlagargument mit der DDR niemals entkommen.“
Und daraus folgt, dass es falsch ist? Im Ernst? Ist das nicht eher lächerlich einfach – und schlicht falsch? Gegen den Totschläger reicht schon der Hinweis auf das Ende der DDR: Das war 1989. Seitdem haben sich die technischen Möglichkeiten der Planung ebenso revolutionär verändert wie die Produktivität. Das wieder nur am Rande, denn es ist schon Unsinn, eine Kritik zurückzuweisen, wenn der Kritiker keine Ersatzwelt in der Tasche hat. Demnach hätte es im 15. Jahrhundert kein valides Argument gegen Hexenverfolgung gegeben.

Goliath schlägt zurück

Das Kernproblem des Kapitalismus ist der Zwang, aus Geld mehr Geld zu machen aka G-W-G. Das wäre vielleicht Marx ohne Nebel und Immunität. Aktuell stehen hinter jedem Dollar (Währung beliebig), die jährlich weltweit umgesetzt werden, drei Dollar Kapital, die vermehrt werden müssen. Marx hat das kommen sehen, mit fast allen Folgen und Symptomen, die wir derzeit erleben. Was er nicht kommen sah, waren die konkreten Techniken der Konkursverschleppung, wie sie die Neoliberalen eingerichtet haben. Diese neoliberalen 'Reformen', die wir weltweit erleben, sind eben notwendig, um das System über den Tag zu bringen. Alles, was Flassbeck vorschlägt, wäre ein Risiko, das keines der großen Kapitale eingehen kann. Das ist ein Feature und kein Bug.

Selbst wenn man es rein politisch betrachtet und sich auf die aus meiner Sicht alberne Vorstellung einließe, es könnte eine (staatliche) Kontrolle geben über die Wirtschaft, ist Flassbeck blind für einen scheinbaren Nebeneffekt des Kapitalismus, der spätestens seine ganzen schönen Vorschläge zunichte macht: Die Dynamik seiner Entwicklung erzeugt Einheiten, die mächtiger sind als selbst die größten und einflussreichsten Staaten.

Diese (Konzerne, Riesenvermögen) verfolgen nur ein Interesse: zu überleben d.h. weiter zu 'wachsen'. Zudem fördern gerade die einflussreichen Staaten (USA, China) Kapitalismus und Oligarchie nach Kräften. Die Welt, in der dieser Krebs sich 'beherrschen' lässt, existiert nicht. Wie sein Endstadium aussieht, wissen aus wir drei Weltkriegen. Ich kann nur hoffen, dass eines Tages aus den rauchenden Trümmern nicht wieder die Flassbecks auftauchen und ihren Kapitalismus diesmal aber ganz doll sozial gerecht® wiederbeleben.

 
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Das Whistleblower-Netzwerk e.V. hat mir vor drei Wochen ihre Pressemitteilung zukommen lassen, in der darauf aufmerksam gemacht wird, dass das Amtsgericht Oberndorf am 19.9.2017 über die Strafanklage gegen den Friedensaktivisten Hermann Theisen wegen der Verteilung von Flugblättern an Mitarbeiter von Heckler & Koch verhandeln würde.

Unter anderem ging es um "Aufforderung zu Straftaten gemäß § 111 StGB", nämlich zum "Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen". Die Verhandlung fand dann überraschend gar nicht statt, weil die Staatsanwaltschaft es sich wohl anders überlegt hatte (oder Heckler&Koch womöglich die schlechte PR vermeiden wollte).

Schwanz eingezogen

Das Verwaltungsgericht Freiburg stellte eine Woche später auf die Klage Theisens hin fest, dass der friedliche Protest gegen Heckler&Koch "durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt" sei. Das von der Behörde angeordnete Beschlagnahmen der Flugblätter durch die Polizei hingegen war illegal.

Wer sich wehrt, macht also vieles richtig; die Kenntnis der einschlägigen Gesetze ist dabei wie immer hilfreich. Wenig hilfreich sind untertänige Ansätze des Whistleblower-Netzwerk e.V., das es für sein Ziel hält, die Welt auf den Kopf zu stellen:
"Der nächste Bundestag muss endlich ein Gesetz verabschieden, das Whistleblowing regelt und Whistleblower umfassend schützt".

Schütze mich vor dir!

Ja nee is klar. Da hat man diesen wundervollen Fall, in dem jemand durch entschlossenes Auftreten im Rechtsstaat und die Angst des Gegners vor schlechter Presse einen Teilerfolg erzielt hat, und diese Sozialdemokraten beknien die Majestät, doch bitte ihren eigenen Stand zu maßregeln, auf dass sie im Sinne des Pöbels herrsche. Rafft ihr es nicht, ihr Betschwestern? Das Gegenteil ist deren Aufgabe.

Wenn es um die Frage 'Waffenexporte oder Menschenleben' geht, dann ist dieser Staat als oberster Eigentumsschutz ganz klar aufgestellt. Dasselbe gilt für seinen freidrehenden Sicherheitsapparat und jede systemrelevante® Einrichtung des Kapitals. Die werden vor euch geschützt und nicht umgekehrt. Ihr wollt die Trillerpfeife blasen? Dann macht das - und rennt! Wenn du so etwas tust, bist du Staatsfeind, und ausgerechnet der Staat soll dir dann gegen sich selbst helfen? Stückchen Kuchen dazu?

p.s.: Wieso berichtet das Whistelblower-Netzwerk eigentlich nicht selbst über den Ausgang des Falls?

 
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Quelle: Pixabay

Die Vorstellung von Wirtschaft, Arbeit und Eigentum ist im Kapitalismus und insbesondere in Deutschland tief verstrickt in ein Geflecht von Mythen und Fetischen. Nirgends war der Antikommunismus so radikal wie in Deutschland, wo die Nationalsozialisten nach dem Krieg vollendet haben, was sie zuvor begonnen hatten, unter der wohlwollenden Aufsicht von Amerikanern, ihren neuen Parteifreunden und den Sozialdemokraten.

Das hatte Folgen. Nicht nur das Verschwinden einer Theorie mitsamt ihres Potentials; auch wurde jeder Umstand, der den zu "Arbeitnehmern" degradierten Arbeitern nicht gefallen konnte, zum Gegenstand mythologischer Erklärungen. In der Regel waren und sind Ausländer schuld: als globale Konkurrenz, als Feinde der Sozialen Marktwirtschaft®, als Arbeitsplatzvernichter.

Der Boss denkt nur an uns

Alles, was mit Profiten, Mehrwert und Ausbeutung zu tun hat, muss irgendjemandes böser Wille sein. Wer kein Marxist sein will, muss sich ständig Schuldige suchen, die die Früchte unserer Arbeit an sich reißen. Irgendwo da draußen, denn hier gibt es nur Gute. Mutige Unternehmer, die uns Arbeit geben. Kapitalisten und Ausbeuter haben wir hier nicht mehr, seit wir die Juden verjagt haben.

Die Heldengeschichten deutscher Ausbeuter werden bis heute erzählt. Ich erinnere mich gut an die Mannesmann-Fusion; aktuell gibt es eine Fusion zweier Stahlkonzerne; Thyssenkrupp und Tata Steel. Letztere sind Inder. Die finden wir niedlich, wenn sie ausgezehrt am Straßenrand sitzen und wir ihnen etwas spenden. Jetzt klauen sie uns Arbeitsplätze und ein Traditionsunternehmen®. Sieht so Dankbarkeit aus? Dabei weiß der Deutsche Arbeiter: "Der alte August würde sich im Grab umdrehen".

Nehmen uns die Arbeitsplätze weg

Wenn das der Führer wüsste! Der alte August (Thyssen) hat euch enterbt, Freunde. Euch und die Generationen vor euch. Wenn heute immer weniger von euch gebraucht werden, um die Seinen reicher zu machen, dann liegt das an Maschinen, die euch ersetzen. Die hat er gekauft von dem Mehrwert, den ihr erwirtschaftet habt, und während er sich noch um die Erbschaftssteuer drückt, habt ihr euer Erbe in Form des Mehrwerts längst abgegeben - Generation für Generation. Eure Lohnarbeit ist erbschaftstechnisch betrachtet Enteignung.

Die Maschinen sind die Frucht eurer Arbeit. Es ist eure Arbeit, die Verträge, die ihr eingegangen seid, die euch überflüssig und arm machen. Kein Gastarbeiter, kein ausländischer Lohndrücker, keine Weltverschwörung. Es ist das nackte einfache Gesetz des Kapitalismus, das ohne Abstriche auch in eurer schönen deutschen Marktwirtschaft wirkt. Wenn ihr Glück habt, lassen sie euch einen Anspruch auf staatliche Almosen, von denen ihr Leben könnt. Wenn nicht, lassen sie euch hungern, während sie sich von eurem Erbe Nutten und Koks leisten.

 
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Beginnen will ich mit einem etwas seltsamen Artikel von Michael Wendl. Er hebt an mit einem Blick auf die ökonomischen Hintergründe des AfD-Programms und liefert in diesem Rahmen eine schöne Zusammenfassung neoliberaler Theorien. Insbesondere die quasireligiöse Macht des Marktes (Hayek) wird dort schön dargelegt. Ärgerlich allerdings, dass Wendl, der bis zum Schlussabsatz mit Recht von "Vulgärmarxismus (bzw. -Leninismus)“ spricht, dann dieses Fazit zieht:

"Letzteres liegt darin begründet, dass Marx geldtheoretisch auf der Höhe seiner Zeit war; aber diese Zeit war vom Goldstandard und vom Gold als Weltgeld geprägt. Erkenntnisfortschritte über Marx hinaus können sich Marxisten offensichtlich nicht vorstellen."

Plötzlich sind es alle Marxisten, und Marx ist wieder 19. Jahrhundert und Goldstandard. Während Marktökonomen von Hayek bis Keynes inhaltlich dargestellt werden, gibt es auf der anderen Seite nur vorgestrige Deppen. Marx hat trotz Goldstandards bereits alle(!) Wirkungen des Kapitalismus beschrieben, die heute dank endloser Kreditschöpfung eine entsprechende Beschleunigung erfahren. Für Marxianer gibt es kein "raffendes Kapital".

Raffendes Kapital

Die Kritik geht völlig ins Leere. Um wie immer am Kreidestrich stramm zu stehen, wird wieder und wieder das Argument gebracht, Newton habe Unsinn erzählt, weil er keine Ahnung von Raumkrümmung hatte. Pff, Theorien des 17. Jahrhunderts, der Mann war Alchemist! Wer sich auf Newton beruft, muss ein Idiot sein. Wer heute noch Marx zitiert, erst recht. Marxisten können nur Marx und keinen Markt.

Machen wir einen Sprung nach vorn (obwohl das nicht geht, ich bin ja Marxist, ich kann das gar nicht): Ich habe hier in den Diskussionen schon häufig die Vorstellung angesprochen, der Todeskampf des Kapitalismus könne auf eine Reihe von Resets hinauslaufen. Im Grunde ist das nichts Neues; das macht er immer schon. Währungsreformen, Kriege, 'Staatspleiten' sind solche, und im Grunde kann man auch den 'Brexit' als einen betrachten. Ein 'Grexit' wäre ganz sicher einer. Alles auf Null stellen und von vorn anfangen.

Das hat oft gut funktioniert. Ich gehe hier nicht näher darauf ein, dass m.E. diese Resets heute nicht allzu lange wirken können, weil die Konzentration von Kapital und der Mangel an lebendiger Arbeit ('Arbeitsplätze') immer schneller in neue 'Krisen' führt. Ich möchte hier nur darauf aufmerksam machen, dass die Wirkung von Resets in den ökonomischen Theorien und politischen Konzepten zu kurz kommen.

Hat doch toll funktioniert

Wie immer sind meine Freunde, die Sozialdemokraten und Keynsisten da ganz weit vorn. Wenn diese von den tollen Konzepten der Nachkriegszeit schwärmen, ignorieren sie mit furioser Sturheit die Tatsache, dass der ganze Glanz durch Wiederaufbau und andere günstige Faktoren bestimmt war. Sie raffen es nicht. Von der anderen Fraktion, den neoliberalen Voodoo-Experten mal ganz zu schweigen, die von Anfang an nichts anderes gemacht haben als virtuose Konkursverschleppung. Immer, wenn sie genug Erde verbrannt haben, räumen andere auf, bis der nächste mit denselben großartigen Ideen die nächste Diktatur errichtet.

Nehmen wir das einmal ernsthaft positiv: Die Märkte sind halt so und brauchen ab und zu einen Reset. Wenn der ganze Pfusch an den Rahmenbedingungen mit Finanzprodukten, ESM, Kriegen um Rohstoffe und Einflusszonen et cetera, dann doch nicht mehr hilft, kommt es ohnehin dazu. Weltkrieg oder New New Deal oder Währungsreformen oder oder. Denkt man das zu Ende, kommt man sogar wieder beim fairen Wettbewerb® aus: Wenn beim 100-Meter-Lauf der Vorsprung des Siegers jeweils beim nächsten Mal angerechnet wird, ist das nach neoliberalen Grundsätzen heute "fairer Wettbewerb". Annähernd fair wäre aber nur einer, der immer wieder bei Null beginnt.

Konsequenz aus dieser Idee wäre ein System, das von vornherein den Reset einplant. Sagen wir: Ihr habt jetzt zehn Jahre Zeit, rauszuholen, was drin ist, dann fangen wir von vorn an. Das wäre eine Form von Kapitalismus, die alle Erkenntnisse über ihn berücksichtigt. Einzig die endlose Akkumulation wäre durchbrochen. Ich frage mich: Könnte so etwas funktionieren? Entspräche es nicht sogar eher der Beschreibung der 'Marktwirtschaft' in den einschlägigen Theorien? Wäre das die einzig konsequente Form, mit unvermeidlichen Krisen bewusst umzugehen?

p.s.: Das ist kein Vorschlag, es ist ein Denkmodell.

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