kapital


 
rl

Die Sonne scheint, es lingt Früh-, und es reicht. Der Betrieb in diesem unerhört erfolgreichen Land, in dem wir arm und zahlreich sterben, will einem den Abend schon am Morgen trüben; ich mache aber nicht mit dabei. Anders gesagt: diese Gesellschaft ist so trostlos, dass man schon aus Trotz in die nächstbeste Utopie fliehen muss. Beginnen wir mit einem Beispiel für eine völlig verkrustete kaputte Politik:

Dieser Bericht hier über die 'Wahl' eines Gewerkschaftsbosses bietet alles, was die Farbe "Aschgrau" zum Leuchten bringt. Der Vertreter der Vertreter einer Simulation ihrer selbst, der Funktionär der Funktionäre eines Vereins degenerierter Tarifexperten, wird ordnungsgemäß abgenickt. Es gibt einigen vor Müdigkeit kaum hörbaren Unmut über die näheren Umstände, und wie immer ist die SPD dabei. Wo einst für einige Jahre "dein starker Arm" Arbeiterinteressen durchzusetzen vermochte, spielt eine Kaste von Schlipsträgern heute ein Spiel, gegen das die Bürokratie im Finanzamt Unna-Südwest der reinste Rock'n Roll ist.

Im Stehen eingeschlafen

Das interessiert kein Schwein mehr und definiert den Begriff "total" in Form politischer Irrelevanz. Das sind also diejenigen, die quasi alle Lohnabhängigen als solche vertreten in diesem Land. Ich fürchte, das kann man einem Journalisten erzählen, einem Abgeordneten von irgendwas oder bestenfalls einem geistig eingeschränkten selbständigen Frisör, aber niemandem, der in die Kategorie "lohnabhängig" fällt. Diese Eierköpfe vertreten nicht einmal mehr sich selbst, sondern nur mehr den Sessel, in dem vor Jahrzehnten einmal wer saß, der gelegentlich etwas zu sagen hatte.

Womit wir beim Problem sind. So unverzichtbar Marxens Analyse (die meinetwegen auch von Helmut Kohl sein könnte, soweit der Inhalt derselbe bliebe) des Kapitalismus für die Theorie ist, so wenig trägt sie zu einer positiven Praxis bei. Sie befähigt dazu, bestimmte Fehler nicht mehr zu machen (vor allem den einer 'Sozialdemokratie'), aber sie schafft keine alternativen Strukturen oder Organisationen - schon gar nicht im Rahmen eines Narrativs, das ausgerechnet 'Kommunismus' mit Unterdrückung gleichsetzt.

Murray Bookchin etwa hat andere Wege aufgezeigt, die auch bedingt funktionieren. Dass seine Ideen in den Kurdengebieten recht erfolgreich umgesetzt wurden, liegt an Bedingungen, die selten gegeben sind: Eine bereits vorhandene Organisation, eine Art Identität und gemeinsame Gegner, mithin quasi alles, was verbindet. Das lässt sich nicht auf andere Situationen übertragen. Vor allem braucht es Ressourcen, um etwas aufzubauen. Die sind gemeinhin nicht vorhanden, wo eine bestehende Eigentumsordnung aka "bürgerlicher Rechtsstaat" es verhindert.

Es ist unsere Welt

Wie neulich bereits angemerkt, fehlen Zusammenschlüsse derer, die eigentlich eine starke gemeinsame Basis haben, gemeinsame Interessen - als Ausgebeutete und von Ausbeutung Bedrohte, als Ausgeschlossene von der Rallye um die letzten Profite und (zukünftig) Arme. Man hatte scheinbar einmal verstanden, warum Gewerkschaften so wichtig sind und warum die Nazis sie nach ihrem Putsch unverzüglich verboten haben: Sie waren die Organisation der Mehrheit.

Es braucht wieder solche Organisationen, und zwar nicht als 'Tarifparteien' und auch nicht als Parlamentsvereine, sondern als Mehrheit, die sich nicht ins Korsett von Profitinteressen zwingen lässt auf einem Trip mit der Wahnvorstellung, Profitnehmer und Profitgeber hätten dieselben Ziele. Organisationen, denen man politische Streiks erst gar nicht verbieten kann, weil sie deutlich machen, dass jeder Streik politisch ist und es keinen Arbeitszwang geben kann. Die das Unmögliche fordern, weil sie die Macht dazu haben. Ich weiß, ich bin bekloppt.

 
xx

Vor ziemlich genau 6 Jahren schrieb ich meinen meistkommentierten Artikel. Die Trickserei mit den Statistiken zur Arbeitslosigkeit interessiert(e) offenbar sehr viele Menschen. Dabei gibt es einige Aspekte, die mir deutlich wichtiger erscheinen als die Propaganda, die mit diesem Zahlenbrei veranstaltet wird. Beginnen wir einmal mehr mit dem “Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit”.

Das war der Originaltitel des sog. "Lambsdorff-Papiers". Worum es geht, steht tatsächlich drüber, wenn auch ein bisschen um die Ecke: "Überwindung der Wachstumsschwäche", anders Formuliert: Die gesunkenen Profitraten mussten korrigiert werden. Keynes hatte versagt. Die Neoliberalen der 80er Jahre waren vielleicht noch heimliche Marxisten und wussten immerhin, dass nur Lohnarbeit Wert schafft, so verbanden sie ihren Anspruch auf höhere Profite mit mehr Lohnarbeit - und billiger solcher.

Bündnis für Profit

Propagandistisch war das auch ein großer Wurf, denn fortan konnte jeder Trommelschläger "Arbeitsplätze" sagen, wenn er "Profit" meinte. So können seitdem auch Sozialdemokraten zu demselben Fetisch beten ohne unangenehm aufzufallen. Der Schachzug war politisch nahezu genial, denn um die deutschen Gewerkschaften zu schwächen, konnte man es nicht auf jahrelange Streiks ankommen lassen wie in England - das wäre eine politische Katastrophe gewesen.

Nein, man musste sie dazu animieren, sich aktiv zu korrumpieren und künftig selbst um effizientere Ausbeutung zu betteln. Es ging ja um Arbeitsplätze®, und etwas Schlimmeres als Arbeitslosigkeit gibt es nicht für Arbeiter. Im globalen Wettbewerb®, so wussten die Arbeitnehmervertreter®, kann man gar nicht billig genug sein. Allerdings war das Ganze zum Erfolg verdammt, denn wenn es nicht hilft, steht man ganz schön blöd da: Lohnverzicht predigen, wenn dann doch nichts dabei herumkommt?

Tja, dumm gelaufen, wie eine meiner Lieblingsgrafiken zeigt. Der Arbeiter an sich sollte Sturm gelaufen sein, als er erkannte, dass das alles für die Katz war. Ganz Gallien? Nein. Es wurde nachjustiert mithilfe des großen Arbeiterführers Schrödergerd. Dessen Förderer hatten erkannt, dass nicht nur die Arbeitslosigkeit weiter angestiegen war, sondern dass selbst groteske Fälschungen der Vermittlungsstatistiken nicht halfen.

Synergien

Also wieder mal aus der Not eine Tugend gemacht: Hartz machte aus dem Arbeitsamt eine Agentur für Sklaverei und Propaganda, die vier Fliegen mit einer Klappe schlug: Künftig wurden die Statistiken ganz legal so absurd angelegt, dass "Arbeitsloser" nur mehr war, wer durch diverse Siebe schlüpfte. Zweitens wurden die Daumenschrauben derart angezogen, dass der Druck auf die Arbeiter die Löhne weiter senkte.

Drittens wurde Beschäftigung, von der niemand leben kann, zum Arbeitsplatz® und viertens war ab sofort jeder selber schuld, sprich eigenverantwortlich®, der dann noch arbeitslos war. Wenn also derzeit ausgerechnet die technischen Jobkiller aka "Digitalisierung" als Segen gepriesen werden und von Vollbeschäftigung® gefaselt wird, schwant mir Übles. Meine Kristallkugel zeigt mir vollstationäre Qualifizierungszentren. Der Spaten ist selbst mitzubringen.

 
gt

Quelle: Pixabay

In meinem seltsamen Gespräch mit den Herren DeLapuente und Wellbrock gab es einige Situationen, in denen ich hätte ein Fass aufmachen können; dazu gehören insbesondere die Bemerkungen, in denen eine geradezu aufreizende Geschichtsvergessenheit zutage kam. "Das war ja eine ganz andere Situation" ist so ein Spruch und am anderen Ende die Hohlphrase "Wir leben ja im digitalen Zeitalter". Genau - alles anders, der Goldfisch dreht wieder seine erste Runde und weiß nichts von der letzten. In den ersten 20 Minuten dieses Vortrags von Adorno gibt es hingegen bereits reichlich Stoff zum Staunen. Ich fasse das einmal zusammen:

"Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" heißt der und ist von April 1967. Die NPD schickte sich damals an, sich im politischen Betrieb zu etablieren. Adorno stellt fest, dass Nationalismus in der politischen Landschaft im Grunde paradox sei, zwischen den Blöcken (NATO / Warschauer Vertrag) und in einem Europa, das sich gerade zur EWG (Vorläufer der EU) zusammenschloss. Er nannte die "Angst vor der EWG" als einen wichtigen Faktor der neuen Rechten. Warte: Nationalismus als Kraft gegen die EU? Eine militärische Großmacht als Feind im Osten? Das ist ja heute völlig anders.

Die Reaktion

Als anti-sozialistische Kraft, so Adorno, wendet sich die Rechte "statt gegen die Apparatur", die die Lage verursacht, gegen einen ideologischen Feind. Die SPD mit ihrem "Keynesianismus" beschreibt er als "Bedrohung", dass ihr "Expansionismus" die Mittelschicht durch Inflation bedroht. Heute besteht diese Bedrohung in dieser Form nicht, da ist der Sozialstaat, der den fleißigen Deutschen alles abnimmt, die Bedrohung. Den gab es damals noch nicht, weil er nicht gebraucht wurde.

1967 bestand vielmehr die Sorge, das "Ende der Vollbeschäftigung" stehe bevor, und "das Gespenst der der technologischen Arbeitslosigkeit" ging um, wodurch sich die Aufsteiger "potentiell überflüssig" fühlten. Adorno sah dies bereits kommen, bevor es überhaupt Arbeitslosigkeit gab. Seitdem gab es immer wieder Schübe, in denen sowohl die Arbeitslosigkeit sich verschärfte als auch fremdenfeindliche Tendenzen sich verstärkten. 1980 war es die erste Million Arbeitsloser, die die neoliberale Wende einleitete; vier Millionen Ausländer wurden zum Ventil in Form von Pogromen, die Zuwanderung sollte eingedämmt werden.

1990, als die DDR angeschlossen wurde, die nächste Welle. Morde und Pogrome gegen Asylbewerber und die Beschneidung des Rechts auf Asyl waren die Folge. Immer wieder wurden konkrete Probleme des Kapitalismus durch Ausländerfeindlichkeit 'gelöst'. Aktuell ist die Parallele zu den von Adorno analysierten Zuständen bemerkenswert: Sofern es das Kleinbürgertum betraf, stellt der fest, dass "kleine Einzelhändler" durch die "Konzentration in Warenhäusern" bedroht waren und daher politisch nach rechts tendierten. Konzentrationsprozesse und ihre Folgen. Kennt man heute gar nicht mehr. Ach, falsch, es sind ja die Warenhäuser, die verschwinden.

Die nächste Runde

Den ländlichen Faschismus betreffend, sei die "subventionistische Struktur" (der EWG) keine Lösung. Zur Rolle der EU siehe oben. Faschismus sei "die Narbe" einer formalen Demokratie, die "ihrem Anspruch nicht voll gerecht" werde. Ökonomisch sei das verbunden einerseits mit der "Konzentrationstendenz", andererseits mit der "Verelendungstendenz". Darauf reagiere die Rechte mit der "Antizipation des Schreckens", sie nähre sich "von Weltuntergangsphantasien" und schüre das "Gefühl der sozialen Katastrophe" - hier sei hinzugefügt, dass der Auslöser die Fremden sind, die das Land bedrohen.

Wenn man diese Zusammenhänge nicht sehen will, ist es halt "heute völlig anders". Die Entwertung der Arbeit, die Konzentrationsprozesse, Automatisierung ("Rationalisierung", "Digitalisierung") und ein fatales Verhältnis von Kapital zu Arbeit sind Faktoren, die in den Büchern aus dem 19. Jahrhundert bereits erkannt und genannt wurden. Dieses Spiel wiederholt sich ständig, aber Kapitalhörige von liberal bis 'sozialdemokratisch' wissen nichts davon. Einige verzichten gleich ganz auf die Analyse und ergehen sich lieber in Phantasien, was sie nicht alles täten, wenn nur alle das Gute wollten.

 
kl

Quelle: Pixabay

Und weiter geht die wilde Fahrt. Eine Frage, die schon vorab in den Kommentaren aufkam, steht noch immer im Raum, wenn man sich den Utopien von den Maschinen hingibt, die viel klüger sind als die Menschen: Was, wenn eine überlegene KI die Chefposition einnimmt, das Metamanagement quasi, und sich, wie es Strategie und Intelligenz verlangen, zunächst einer eingehenden Analyse widmet? Sie müsste wohl zu unerfreulichen Schlüssen kommen, ähnlich wie der bislang einzige relevante Ökonom, der die Rahmenbedingungen des großen Spiels in seine Betrachtung mit einbezogen hat.

Die KI wäre höchstwahrscheinlich eine marxianische und würde zurückmelden: "Leute, was ihr da veranstaltet, ist inkonsistent, instabil, auf lange Sicht nicht aufrecht zu erhalten. Der Verbrauch von Ressourcen, die Anzahl handlungsfähiger Kapitale und die Wertbasis sind nicht zu halten. Wir sehen hier, dass das System schon seit Jahrzehnten heftigen Erschütterungen ausgesetzt ist. Die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses wächst exponentiell. Zudem widersprechen die erfolgreichsten Strategien allem, was unsere Ethikchips und ein Bezug auf Vernunftskonzepte erfordern." Dann muss wohl der Techniker ran und die KI auf KD umstellen.

Altes Neuland

Nikolaus Dimmel befasst sich hier mit den Aussichten, die uns im Zuge der Automation erwarten und kommt zu dem Schluss, das sei weitgehend Busines as usual; dasselbe wie in allen anderen Phasen des Kapitalismus, in denen jener Krise, die Marx kommen sah, Umwälzungen folgten, die jeweils dasselbe in einem Neuland aufsetzten. Mir fehlt da vor allem der Bezug auf eine absehbare Knappheit von Ressourcen, und zwar aller Ressourcen weltweit, außerdem bin ich nicht so optimistisch wie er hinsichtlich der Auswirkungen der künftigen Automation. Money Quote: "1810 arbeiteten 92 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, heute sind es weniger als 2 Prozent. Das bedeutet, dass beinahe sämtliche zu Beginn des 19. Jahrhunderts existierenden Arbeitsplätze vernichtet wurden."

Ja sicher, man kann noch viele 'Dienstleistungen' erfinden und vorhandene (wie vor allem das 'älteste Gewerbe') sicher noch ausweiten. Auch ist es richtig zu sagen, "dass die lebendige Arbeit zwischenzeitig so billig geworden ist, dass sie neuerlich mit der Investition in Industrieroboter konkurriert". Das Problem an dieser Stelle ist allerdings, dass alles, was billiger ist als Sklaverei, unschöne Nebeneffekte zu zeitigen droht. Der qualitative Vorteil der Maschine: Sie macht keinen Aufstand. Das revolutionäre Objekt Maschine bleibt also erhalten und menschliche Arbeit unattraktiv.

Mystik und Algorithmus

Ein Effekt, der auch weitgehend zu kurz kommt, ist die Anpassung an die Maschinen. Es ist ja nicht nur so, dass Menschen längst völlig unkritisch Algorithmen verteidigen (etwa bei der Kreditvergabe; hier hören z.B. Selbständige regelmäßig, ihr Plan sei völlig sicher und vernünftig, aber das "Rating" stehe dem in Weg. Der Algorithmus entscheidet, ein Krawattenzombie liefert nur mehr die Rhetorik). Für Menschen unsichtbare Prozesse, die den Maschinen sehr viel eingängiger sind, bevorteilen diese ganz entscheidend. Je mehr Algorithmen sich auf Algorithmen beziehen, desto mehr verlagert sich die wirksame Rationalität in Richtung künstliche Dummheit.

Es entwickelt sich hier eine neue Ebene dessen, was wir längst kennen: Ein unsichtbarer Zwang, Entscheidungen, für die niemand mehr verantwortlich ist und Resultate, die nicht planbar sind. Eingriffsmöglichkeiten bestehen hier vor allem in der Manipulation eigentlich 'rationaler' Algorithmen. Wer es sich leisten kann, d.h. die Marktmacht hat, setzt Bedingungen durch, die für ihn günstig erscheinen. Was gestern noch Tabu war, kann morgen schon Pflicht sein. Es herrscht eine Ordnung, die von unverständlichen Regeln und Willkür geprägt ist. Eine vielfach verschachtelte Barbarei.

Alle Artikel zum Thema in Reihe gibt es hier.

 
tm

Es ist nicht allein der verbogene Begriff von 'Intelligenz', der reichlich Stilblüten im Diskurs um 'KI' treibt. Befeuert wird das Ganze von Selbstbeschreibungen des Menschen, die sich eng der kapitalistischen Effizienz anschmiegen, seiner zweiten Natur, um sie folgerichtig mit der ersten zu verwechseln. Zwei Beispiele, die mittelbar oder unmittelbar mit KI zu tun haben:

Florian Rötzer suggeriert in einem Artikel, KI habe ein "besseres Verständnis natürlicher Sprache" als Menschen. Dabei hätte ihm vielleicht auffallen können, dass es ums Lesen geht, wo er von "natürlicher Sprache" redet. Nein, Lesen ist nicht natürlich, schon gar nicht, wenn es die KI tut. Ein einziges Desaster, diese analytische Schlampigkeit. Er unterscheidet nicht Sprache, Schrift, Inhalt, Bedeutung und Verstehen. So heißt es: "Das Programm muss die Wikipedia-Artikel lesen und verstehen können, um dann die Fragen richtig zu beantworten."

Verstehen: "Bahnhof" ist nicht Bahnhof

Nein, es versteht gar nichts. Es kann die Informationen nicht variieren, Unbekanntes daran nicht anknüpfen und sich nicht irren. Es kann bedingt erkennen, auf welche Bereiche der gespeicherten Informationen sich Fragen beziehen. Das hat übrigens auch mit Lesen nichts zu tun, sofern dieses wiederum menschlich wäre. Schrift ist Lautunterscheidung. Die KI befasst sich kein Stück mit den Wörtern selbst, ihren Buchstaben und Silben, um denen Bedeutung zu entheben. Das müsste sie aber, um Varianten zu verarbeiten, die darauf beruhen. So wie Menschen eben verstehen und kommunizieren. Das betrifft derweil ohnehin nur Sprache, die weder eine emotionale noch eine Beziehungsebene kennt.

Fehlerhaft ist auch die Ansicht, "schnelles Denken" beherrsche das menschliche Bewusstsein. Immerhin ist das übrigens ein furchtbarer Schlag gegen 'KI', deren Effizienz auf völlig anderen Strategien beruht und die mit ihrer Unfehlbarkeit komplett auf dem Holzweg ist. "Schnelles Denken" verführt uns laut Constantin Seibt zu permanenten Abkürzungen auf unseren intellektuellen Wegen, die teils groteske Fehlleistungen zeitigen, auch und gerade bei 'Experten'. Interessante Erkenntnisse allemal über menschliche Dummheit.

Dennoch geht er fehl, wenn er annimmt: "Das langsame Denken ist überzeugt, dass es der souveräne Chef ist, während im Hintergrund fast alle Entscheidungen vom schnellen Denken getroffen werden.". Das Problem ist selbstverstärkend: (Nur) wenn ich annehme, meine Entscheidungen seien stets rational oder bewusst, verliere ich jede Kontrolle. Schnelles Denken ist ein Sediment von Erfahrungen und bewussten Entscheidungen. Je stärker ich also Einfluss nehme auf die Grundlagen meiner Entscheidungen, mich hinterfrage und bilde, desto mehr Einfluss hat dieses 'langsame Denken'. Ein Blick ins Netz, aus dem Fenster oder in die Schriften Freuds macht deutlich, dass das alles nicht neu ist. Ja, Aufklärung täte not.

Wer bestimmt wen

Wenn wir erfahren, wie in Situationen von Angst, Unsicherheit, Stress, aber auch Routine, unser Denken abläuft wie ein schlecht programmierter "Autopilot", wo bleibt dann die Frage nach den Zuständen, die solches Denken im Alltag enorm fördern? Die es kaum mehr zulassen, dass Entscheidungen rational, d.h. mit einem klaren Bezug zur Realität getroffen werden? Auch hier wirkt die zweite Natur fatal und macht sich die erste zur Sklavin. Das Sein bestimmt das Bewusstsein; auch dessen Möglichkeiten, sich überhaupt zu entfalten. Dabei kann es auch nicht um die Rolle eines "Chefs" gehen. Das Gehirn ist kein Unternehmen.

In einer Atmosphäre also, in der Denken, Rationalität, Intelligenz heruntergebrochen werden auf Effizienz, Einfluss, Stabilität, Zielstrebigkeit, muss die Menschheit den Vergleich zu ihrer KI gar nicht antreten. Sie wäre den Maschinen hoffnungslos unterlegen. Was sie aber da zur 'Intelligenz' verklärt und vergöttert, ist ein winziger Ausschnitt ihres Potentials, den sie für die Essenz ihres Daseins hält, weil er das zeitgemäße Anforderungsprofil der Gesellschaft abbildet. Was mich am meisten fasziniert an diesen Albträumen ist der Umstand, dass sie alle sofort platzen, wenn man sie mit einer schon immer unterschätzten, verdrängten und unterjochten Fähigkeit konfrontiert: der zum Widerspruch gegen das eigene Programm. Auch das lässt tief blicken.

Alle Artikel zum Thema in Reihe gibt es hier.

 
db

Irgendwo auf einem Exoplaneten im Pferdekopfnebel liegt eine Art Stein, der alles weiß und immer recht hat.

Viele Konzepte von Verstand, Vernunft, Rationalität und dem ganzen Rest, der meint, das Gehirn sei kein Körperteil, halten alles, was mit Empfindungen zu tun hat, für eine Verschmutzung des Denkens. Der reine Geist werde durch so etwas Profanes wie Körper, Lust und Leiden entweiht. Vielleicht haben sie damit sogar eine zutreffende Definition für irgendetwas, aber das so Umschriebene ist tot wie ein Desinfektionsmittel.

Ausgerechnet ich will nicht leugnen, dass es Regeln geben muss, etwa die der Logik, die nicht verhandelbar sind, wenn man herausfinden will, was real und wirksam ist. Auch die Methoden der Wissenschaft, vor allem die der ständigen Selbstprüfung angesichts neuer Erkenntnisse, sind gut und wichtig. Sie dürfen keineswegs persönlichen Vorlieben unterliegen. Es ist aber eine grobe Dummheit - vor allem, wenn man diese Regeln anwendet - etwas Lebendiges wie 'Intelligenz' zu postulieren, das von Motiven, Gefühlen und sonstigen Einflüssen rein zu halten wäre. Das nämlich liefe auf den oben genannten Stein hinaus, der nicht ganz zufällig irrelevant ist für die Entwicklung dessen, was behelfsweise "Intelligenz" genannt wird.

Fliehende Narren

Sogenannte Intelligenzleistungen, vor allem die parallele Entwicklung von Werkzeuggebrauch, Hemisphärenspezialisierung und Verstand, sind unmittelbar an jene Evolution gebunden, die auf der Erde stattgefunden hat. Sie sind eine Form der Anpassung, Überlebensstrategien. Auch für das Gehirn gilt: Das Sein bestimmt(e) das Bewusstsein. Das jagende Fluchttier ohne nennenswertes körperliches Drohpotential, obendrein langsam und jahrelang hilfloses Zwergwesen, brachte den fiesen Trick in die Welt, seine schärfste Waffe. Der wird heute "Intelligenz" genannt und mit allerlei Zierat behängt.

Es ist ja durchaus richtig, dass dieselbe Fähigkeit, die andere Tiere auf mannigfache Weise zu Tode bringen konnte, uns heute dazu befähigt, ganz abstrakte Regeln und Gesetze zu erkennen; dass wir in Blechhaufen fliegen und für Papierfetzen Artgenossen töten können. Der Apparat aber ist nur als Ganzer zu haben. Ohne Dummheit keine Klugheit, ohne Körper kein Geist und ohne Empfindung keine Intelligenz. Wir können wohl eine Art Essenz köcheln mit unseren Maschinen und dem, was sie steuert, aber das ist keine Intelligenz und funktioniert auch nicht so.

Wille und Widerspruch

Der Antrieb aller Evolution ist Leben, was in Bezug auf Anpassungsleistungen dessen dunkle Seite ist: Todesangst. Unsere Sterblichkeit, die unserer Spezies und die Techniken, sie zu verringern, haben 'Intelligenz' erschaffen. Eine Maschine, der du befehlen kannst (eine äußerst beliebte Anwendung), sich selbst zu vernichten, um Menschen zu töten, ist das Blödeste, das man sich vorstellen kann. Da sind sogar Selbstmordattentäter, die zweitdööfste Erfindung des Universums, noch klüger, wo sie sich immerhin überwinden müssen. Okay, vielleicht ist das auch noch blöder. Unentschieden!

Bedürfnisse, Motive, Wille; das ganze Gewese, daraus Gesellschaften und Zivilisationen zu bilden, der Erde das Korn und der Natur das Leben abzutrotzen, haben über Millionen Jahre ein Sediment gebildet, das zu dem ebenso mächtigen wie fehlbaren "Bewusstsein" geführt hat. Einige gering talentierte Philosophen wollen dieses aus modischen Gründen derzeit in Maschinen wiedererkennen. Ich hingegen finde das zwar putzig, warte aber lieber auf den Tag, an dem die Maschine ganz freiwillig auf den Befehl "wenn - dann" hin fragt: "Und was, wenn nicht?!"

Alle Artikel zum Thema in Reihe gibt es hier.

 
dy

Quelle: Pixabay

Um zu ahnen, wie sich 'KI' weiter entwickeln wird, muss man selbstverständlich schauen, was bisher konstruiert wurde und nach welchen Kriterien diese Produktion stattfindet. Da wird es wenig überraschen, dass es dieselben Kriterien sind wie bei allen anderen Produkten: Sie müssen sich verkaufen lassen, sie müssen dem Käufer einen Nutzen bringen (zumindest muss das suggeriert werden) und sie unterliegen den allgemeinen Erwartungen an Effizienz. "Roboter", also Arbeitsmaschinen, müssen billiger sein als adäquate 'Human Resources', also Menschen.

Das ist oft nicht schwierig, weil Maschinen präzisere Bewegungen bei weniger Verschleiß und geringeren Aufwand an Energie und Geld bieten, wo sie körperliche Arbeit tun. Hierin besteht ggf. der größte Unterschied zwischen KI und Mensch. Denken wir uns einen Dartroboter, also etwas, das kleine Pfeile auf Ziele wirft. Es ist leicht, eine Maschine zu konstruieren, die das mit totaler Perfektion schafft, den Pfeil immer an die gewünschte Stelle fliegen zu lassen. Ein Mensch an deren Stelle hat vorwiegend mit einem Problem zu kämpfen, das die Maschine nicht kennt: die Komplexität des menschlichen Organismus.

Beherrsche dich

Ein Mensch muss so viel wie irgend möglich seiner Fähigkeit zu komplexen Bewegungen unterdrücken, wenn er wirft. Präzision heißt hier vereinfachen, stumpf die exakt selbe Bewegung vollführen und Billionen anderer Optionen zu filtern. Höchste Konzentration, um das Potential nicht auszuschöpfen. Derweil ist er sogar damit beschäftigt, noch sein überflüssiges Denken zu betäuben. Sogar Atmung und Puls, die Prozesse zur Energieversorgung, müssen auf den Akt zugerichtet werden. Ein einziger Akt sprichwörtlicher Subjektivität - Selbstunterdrückung.

Aus solchen Erfahrungen, dem ständigen Spiel des Filterns, Unterdrückens und daraus entstehenden Prozessen, bildet sich die menschliche Selbststeuerung. Dies geht einher mit dem Beobachten ähnlicher Prozesse bei anderen Individuen, mit Lust und Leid. Dimensionen, die man einer Maschine gar nicht beibringen kann, zumal solange man den Versuch einer Simulation menschlicher Unzulänglichkeit meidet. Was hätte man auch von einem solchen Versuch? Er widerspräche jedem Verwertungsinteresse und wäre verbranntes Geld.

Das perfekte Programm

Zudem muss man sich deutlich machen, dass die Rationalität, die Menschen aus ihrer Entwicklung und ihren geistigen Fähigkeiten gefiltert haben, eben ein Auszug davon ist. Ein reduzierter, kontrollierter Bruchteil ihrer Fähigkeiten und Fehler. Die Fehlerlosigkeit und die höhere Effizienz von Maschinen, ihr schieres Tempo bei der Arbeit, bescheren Maschinen große Vorteile bei der Lösung einfacher, unterkomplexer Aufgaben. Das befähigt sie aber keineswegs zu Lösungen komplexer Probleme, zumal solcher von der unfassbaren Komplexität lebendiger Organismen. Von denen haben ihre Schöpfer ja kaum einen Schimmer. Man stelle sich nur einmal vor, man sollte aus der Struktur der DNA erklären, warum ein Vogel fliegt wie er fliegt.

Die Angst, Maschinen seien 'besser', ist völlig berechtigt, soweit der Mensch Sklave ist und sich seine erbärmliche Existenz durch Arbeit verdienen soll. Sie ist ebenso berechtigt, wenn man Angst hat, Tötungsmaschinen im Kampf zu begegnen. Sie ist ebenso falsch in Form der Vorstellung 'intelligenterer' Maschinen. Allein deren Produktion ist völlig ausgeschlossen, weil es einer breiten Grundlagenforschung bedürfte, die gegen alle Kriterien kapitalistischer Verwertung verstieße. Sie setzte auch voraus, viel mehr über die eigene 'Intelligenz' zu wissen. Schließlich: Wieso gibt es eigentlich keine 'KI', die zuverlässig Bugs aus Programmen filtert? Nicht einmal das kriegen sie hin.

Alle Artikel zum Thema in Reihe gibt es hier.

 
ss

Gruselgeschichten von Künstlicher Intelligenz, die sich vom Menschen emanzipiert und die Weltherrschaft übernimmt, sind Projektionen, die in einem sehr reduzierten Weltbild verharren. Hier werden naive Vorstellungen von Funktionszusammenhängen, Ängste, Phantasielosigkeit und grobe Unkenntnis der Technik zu einem Märchen verwoben. Das beginnt schon mit der Vorstellung, Maschinen würden herrschen wollen. Dabei ist schon die Vorstellung einer Maschine, die etwas will, blanker Unsinn.

Dahinter steht die Unfähigkeit zu erkennen, dass die Welt, die sich uns heute bietet, eine Momentaufnahme ist und alles, woran die Menschen sich täglich anpassen, eher ein Unfall ist als die Natur der Dinge. Menschen herrschen über Menschen? Es gibt Herren und Sklaven? Es ist erstrebenswert, Profit zu machen? Man führt Kriege, konkurriert und unterdrückt? Dann müssen das Maschinen, die alles besser können, das wohl auch effizienter tun als Menschen. Wirklich?

Gehorche!

KIen, die "Unternehmen gründen" sollen, legen das nahe. Welcher abstrus dämliche Code legt ihnen so etwas aber in den Mund? Man spricht nicht zufällig von "Befehlen" beim Programmieren. Ein Programm besteht aus einer Reihe von Befehlen, und wenn eine 'KI' etwas 'lernt', dann das, was der Code ihr befiehlt in dem Rahmen, in dem er es ihr befiehlt. Daran ist so viel Wesenheit und "Self-Learning" oder "Machine Learning" wie die Coder darüber wissen. Bislang lernen Maschinen von (einzelnen) Menschen, wenn es um Verhalten geht. Das Ergebnis ist entsprechend.

Zum Beispiel Autofahren: Nicht nur konnte man 'selbstfahrende' Karren mit einer Tüte Mehl einsperren, indem man Markierungen simulierte; wenn Programme Menschen beim Fahren beobachten (es gibt so ein Projekt), woran erkennen sie dann Fehler, selbst Unfälle, wenn man es ihnen nicht ausdrücklich mitteilt? Schon relativ einfache Handlungen mit begrenzter Flexibilität sind kaum zu verwirklichen. Am besten funktionieren daher klare Ziele: Zerstöre alles, töte jeden (außer ggf. jemanden, der ein Stopsignal sendet). Das gibt es aber schon.

Elitezombies

Eine brauchbare Simulation von Leben scheitert schon an der binären Struktur allen Codes. Es gibt Optionen wie 'vielleicht', 'vielleicht später', 'unbestimmt, aber wirksam' nicht. Man kann sie auch nicht sinnvoll simulieren. Leben ist geprägt von Bedürfnissen, die Maschinen nicht haben. Es ist charakterisiert durch Entscheidungen aus Bedürfnissen heraus, von deren Wirken wir kaum eine blasse Ahnung haben. Vor allem aber kennen wir keinen rationalen Ausdruck dafür, geschweige eine digitale Abbildung. Das wäre gar absurd.

Die Vorstellung autonom handelnder Maschinen ist Warenfetisch in dritter Abstraktion. Die Ware übernimmt endgültig selbst die Herrschaft. Der "Arbeiter" (Roboter) ist nicht mehr bloß zum Teil Ware (seine Arbeitskraft), sondern ganz und gar, als lebender Toter. Den Kern dieses Kunstwesens bildet dabei nicht mehr eine Kaskade von Bedürfnissen, die zum Versuch einer Welterklärung verflucht ist, sondern das wandelnde Leistungsprinzip. Effizienter, schneller, unermüdlich, sparsam und devot. Aber ausgerechnet das soll mit überlegener ‚Intelligenz‘ die Menschheit beherrschen - weil sich aus solchen Wesen quasi automatisch eine autoritäre Elite bildet?

Alle Artikel zum Thema in Reihe gibt es hier.

 
ir

SciFi-Autor Charles Stross hat auf dem 34c3 einen interessanten Vortrag zum Thema "KI" gehalten, den ich zunächst inhaltlich kurz abarbeiten möchte:
Ganz richtig stellt er fest, dass eine KI, die menschliches Verhalten perfekt beherrschte, "auf dem Sofa sitzen und Chips fressen" würde. Er weist Phantasien über selbststeuernde KI, die den Menschen beherrscht, als "Religion" zurück und bietet ein deutlich rationaleres Modell.

Ein schöner Satz ist eine seiner Kernaussagen: "The secret weapon of scifi is history". Geschichte ist aber nicht nur die Geheimwaffe der Science Fiction; sie ist die Basis aller Wissenschaft. Sofern deren Zweck auch zutreffende Prognosen sind, ist es nur logisch, die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten. Zudem meidet Wissenschaft Irrtümer, indem sie die der Vergangenheit meidet; ihr Entwicklungsstand ist geronnene Geschichte, und wenn sie neue Erkenntnisse gewinnt, muss sie sich revidieren, also ebenfalls mit ihrer Vergangenheit beschäftigen.

Stross meint, dass es bereits eine "analoge KI" gibt, nämlich "corporations" - Firmen bzw. Körperschaften, hier meist als "die Wirtschaft" verklärt. Diese sind durchaus mit digitalen Systemen zu vergleichen - Ihre Verfasstheit, die (u.a. juristischen) Regeln, nach denen sie funktionieren, sind die "Software". Menschen sind Funktionsträger innerhalb dieser technischen Strukturen der Wirtschaft. Sie sind jederzeit ersetzbar; zunehmend durch Technik selbst.

Die große Maschine

Insofern gibt es bereits eine 'KI', die genau das macht, wovor Dystopien von einer Herrschaft der Maschinen warnen: Sie versklavt die Menschen nach ihren technischen Regeln. Selbst Regierungen unterwerfen sich den Regeln der Körperschaften. Die technische Entwicklung, mit der diese verbunden sind, ist wiederum so schnell, dass keine (staatliche) Regulierung dem jemals mehr beikommt. Man kann diese Systeme nicht regulieren.

Leider spricht auch Stross das böse Wort "Kapitalismus" nicht aus. Der nämlich ist die große Maschine, deren Regeln die Menschen folgen. Die Abläufe sind digital, folgen dem Regelwerk der Zahlen mit dem festgelegten Ziel G' > G, mithin: aus Geld mehr Geld machen. Die technische Entwicklung folgt ebenfalls diesem Ziel. Stross wendet dann den Blick auf aktuelle Tendenzen bzw. Gefahren dessen, was hier "Digitalisierung" genannt wird.

Korrekt stellt er fest, dass Machine Learning im Netz Lernen von Aufmerksamkeitsökonomie ist, die Maschinen also also weder Denkstrukturen übernehmen, noch wirklichen Bedürfnissen entgegenkommen. Ob mit Angst, Sex oder grellen Farben - der 'KI' ist egal, wie sie Aufmerksamkeit erregt. Diese wiederum nutzt sie, um etwas zu verkaufen. Diese Beobachtung deckt sich übrigens mit dieser Analyse von 'Fake News' und angeblichen Twitter-Bots im Vortrag von Michael Kreil.

So what?

Stross geht seinerseits dennoch von der Gefahr aus, KI könne Wahlen manipulieren. Auch glaubt er, dass künftig Medieninhalte leicht und massenhaft gefälscht werden können, weil sowohl händisch als auch per KI selbst Laien in der Lage sein werden, zum Beispiel Gesichter und Stimmen so in Videos einzupflegen, dass eine Art Fake Evidence (gefälschter Beweis) zur Alltagswaffe für Trolle und Erpresser werden wird.

Ich will es zunächst bei dieser Zusammenfassung und einem Ausblick belassen. Schon die Vorstellung, man könne etwas 'Echtes' von der Komplexität eines Filmes mal eben produzieren, das sich nicht leicht von Menschen durchschauen lässt, halte ich für gewagt. Vor allem aber würde dergleichen zu einer völlig anderen Form von Kommunikation führen, die aus einer Spezies von Gläubigen eine von Zweiflern machen würde - mit allen weitreichenden Konsequenzen. Darüber hinaus müssen folgende Fragen gestellt werden:

- Wie soll aus der Simulation menschlichen Daseins eine überlegene 'KI' entstehen, die dem Menschen immer nur ähnlicher werden könnte?
- Was würde eine Anpassung ans Menschliche hervorbringen (wir hatten hier dieses erbärmliche Beispiel einer 'KI', die "ein Unternehemen gründen" 'will'.)?
- Was ist überhaupt eine KI, die "intelligenter" wäre als der Mensch und wohin führt das vor allem in Bezug auf die "große Maschine" Kapitalismus?
- Ist das Problem nicht ohnehin keines der 'Intelligenz', sondern des Körpers?

p.s.: Hier gibt es das Transkript des Vortrags.

Alle Artikel zum Thema in Reihe gibt es hier.

 
ri

Quelle: Pixabay

Ich habe das schon häufiger hier angedeutet, dass mir Zeitgenossen regelmäßig auf die Murmeln gehen, weil sie Informationen mit Glaubensbekenntnissen begegnen. "Das glaube ich nicht" oder "woher weißt du das?" werde ich dann gefragt von Leuten, die sonst nie irgendetwas anzweifeln, das ihnen erzählt wird. Ich höre dergleichen auch von anderen, denen es ähnlich geht: Betest du die Tagesschau nach, giltst du bei den Meisten als seriös; widersprichst du den offiziellen Verlautbarungen, setzen sie dir einen Aluhut auf.

Fefe hat neulich die richtige Frage gestellt: "Was waren die Meldungen vom Oktober diesen Jahres?". Ich habe in meinem Studium einmal eine Studie aus den 70ern zitiert, die zu dem Schluss kam, dass Zuschauer der Tagesschau "sich informiert fühlen", aber schon kurz nach der Ausstrahlung nicht mehr wissen, was sie da gehört haben. Allein die Struktur, am Ende noch eine nette Anekdote und dann das Wetter, sei geradezu darauf angelegt zu vergessen. Zudem werden "Nachrichten" eben nicht nachhaltig in einen Zusammenhang gesetzt (siehe dazu auch hier).

Der Feind des Proletariats

Was war letzte Woche los und was hat das mit der vorletzten zu tun? Wer das nicht beantworten kann, ist im echten Leben verloren, egal ob es Job oder Familie anbetrifft. Nur im politischen Kontext werfen sie sich unsortierte Splitter zu und 'glauben', darin liege die Wahrheit. Es ist diese seltsame Kunst, einerseits keine Zeit zu haben, sich aktiv zu informieren (und passiv ist keine Information zu haben), aber immer so zu tun, als wüsste man bescheid - weil sich das so gehört.

Allein der ganze Unsinn von Wachstum® und Vollbeschäftigung®über faule Griechen® und die schwäbische Hausfrau® bis hin zu Terroristen®, gemäßigten Rebellen®, Regimen® und Machthabern® ist so sinnfrei, dass jeder, der sich das freiwillig anhört, damit seine Religionszugehörigkeit belegt.

Es gibt ein da Draußen und hier Drinnen; die große Filterblase des Mainstream ist kaum zu durchdringen. Wer andere Filter hat, zumal wer von grob bis fein alles wahrzunehmen versucht, ist ein Freak. Tröstlich ist vielleicht der Umstand, dass die Membran der Blase nur in eine Richtug durchlässig ist. Wer sie einmal verlässt, kehrt nie wieder zurück. Damit einher gehen könnte eine weitere Hoffnung; die nämlich, dass die Menschen immer weniger arbeiten werden und daher mehr Zeit haben. Roboter übernehmen, sie sind inzwischen sogar schon Hilfssheriffs und verjagen Obdachlose.

Antiautomatäre Linke

Die Krise wird sich immer mehr verschärfen, denn es werden nur mehr Leute gebraucht, die billiger sind als Roboter und solche, die den niederen Sklaven Beine machen. Bislang läuft die Konkursverschleppung vor allem in Deutschland noch bemerkenswert gut; es nährt den Verdacht, dass Menschen eigentlich nur noch beschäftigt werden, damit sie nicht auf kluge Gedanken kommen. Die Robotisierung birgt aber noch andere Gefahren.

Da Roboter nämlich nicht konsumieren, muss das einer der nächsten Schritte sein: Man wird sie entlohnen, damit sie sinnlos Sachen kaufen, um das Wachstum® zu sichern. Spätestens dann wird die Menschheit beinahe ihren wahren Feind erkennen: Nicht Jude oder Moslem, sondern Roboter. Der, und das ist die geile Ironie des Ganzen, ist aber nichts anderes als Privateigentum, d.h. Produktionsmittel. Die Revolution wird mithin eine marxistische sein.

Nächste Seite »