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Solidarität kam im Kapitalismus endgültig unter die Räder. Das ist kein Zufall. Nicht nur sind Parteien, die sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, inzwischen rechts abgebogen, sie hatten ohnehin schon immer nur solche Formen von Solidarität im Auge, für die man einer großen Organisation angehören musste. Es war die Arbeiterpartei, die Gewerkschaft, die Sozialkasse, der man angehörte; amtlich mit Unterschrift und Stempel. Solidarität ist dort Verwaltung.

Gelebte und direkt erlebte Solidarität wäre etwas anderes. Sie wäre das Kollektiv, dem man freiwillig und gleichberechtigt angehört. Selbstbestimmt Ziele verfolgen, Zeit verbringen und sich umsorgen, das wäre die Stärke eines Kollektivs, in dem jeder mitbestimmen kann und sich auskennt. Diese Form der Gesellschaft wäre urdemokratisch.

Der Moloch

Ehe ich den Blick auf die Möglichkeit und Wirklichkeit solcher Kollektive richte, will ich zunächst den Ist-Zustand beschreiben. Kapitalismus und das wirtschaftsliberale Weltbild, das ihm zugrunde liegt, kennt keine Kollektive, sondern im Gegenteil nur gesellschaftliche Formationen, die denkbar weit davon entfernt sind. Gefragt und gefeiert sind hier die Einzelnen, vorgeblich freie Individuen einerseits und Korporationen anderseits. Diese sind hierarchische Gebilde mit Befehlskette, die einem Zweck dienen, mit denen die Einzelnen nichts zu tun haben.

Zudem entwickeln sich solche Korporationen zu immer größeren Riesen, die niemand mehr überschaut. Flankiert wird diese Entwicklung 'privater' Organisationen von zentralistischen Staaten, in denen eben eine Führungsebene jederzeit die Entscheidungen und Interessen der Vielen überstimmen kann. Diese Staaten wiederum schließen sich zu noch größeren Konglomeraten zusammen (EU, NATO, 'Freihandelszonen').

Hier hat niemand mehr etwas mit sich zu tun, schon gar nicht mit seinem Nachbarn. Es ist Befehl und Gehorsam, Hire and Fire, fremdbestimmtes Arbeiten für einen äußeren Zweck, Zwang. Moralisch wird hingegen stets der Einzelne für sein Tun und Gelingen verantwortlich gemacht, und zwar um so drängender, je weniger Einfluss er tatsächlich hat. Wer aus dem System fällt, wird zum Objekt eines gigantischen Versicherungsapparates, der unter anderem die Aufgabe erfüllt, den Menschen, die der Solidarität bedürfen, dafür eine unverzeihliche moralische Schuld aufzubürden.

Durch die Maschen

Das ökonomische und soziale Netz (wobei „sozial“ hier nicht meint, dass jemand Hilfsgelder bekommt, sondern die konkrete gegenseitige Hilfe) ist dem entsprechend absurd großmaschig. Es gibt überhaupt keine Einheit mehr, keine relevanten gesellschaftlichen Gruppen, in denen sich Menschen aufeinander beziehen können. Immer noch hat Thatcher recht: There is no such thing as society. Vor nichts hat der Kapitalismus mehr Angst, darum kennt sein Narrativ Kollektive auch nur als willenlose "Borg" oder Zwangsgemeinschaften einer Diktatur.

Die Hoffnung auf eine zukünftige überlebensfähige Gesellschaft muss aber darauf Gründen, dass sich solidarische Gruppen, Einheiten, Zusammenschlüsse bilden, in denen Solidarität gelebt werden kann, in denen man sich kennt, gemeinsam entscheidet und sich gegenseitig trägt. Das größte Problem daran ist, neben dem Totalausverkauf der Welt, in der alles, was man braucht, schon irgendeiner großen Firma gehört, dass die Menschen gar nicht mehr wissen, wie man miteinander arbeitet, entscheidet und lebt. Dieses Manko muss behoben werden.

 
er

Ich bin noch nicht ganz durch die aktuelle 'Alternativlos', in der es grob um 'postfaktische' Kommunikation und Politik geht. Ggf. werde ich mich dazu später noch äußern. Epikur hat heute einen kurzen Text am Rande des Komplexes gepostet, in der es um fehlende Haltung geht. Es scheinen sich alle Konzepte aufzulösen, die einmal das Bürgerliche Denken und seine Philosophie ausmachten: Identität, Wahrheit, Bildung - von Gleichheit ganz zu schweigen. Übrig bleibt ein digitaler Liberalismus, der das Subjekt abgeworfen hat. "Digital", weil die nackten Zahlen die Herrschaft übernommen haben. Es ist ein Kapitalismus, der nur mehr den Größenverhältnissen dient. Thatcher hatte recht: Es gibt keine Gesellschaft (mehr).

Letzteres ist aber das Ergebnis der letzten Politik, die sich selbst abgeschafft hat. Der Zwang Zahlen zu vergrößern, früher bekannt als "Profit", heute zum Mythos Wachstum® verbrämt, hat wie ein schwarzes Loch alles andere in seinen Bann gezogen und zermalmt. Effizienz ist der neue Geist; aus möglichst wenig möglichst viel machen, von möglichst viel möglichst wenig investieren. Übrig bleibt selbst von den Persönlichkeiten eine leere Hülle. Nix drin, reichlich Schaum drum herum. Wir dienen Mammon und wissen nicht einmal mehr, dass es ihn gibt. Wir stellen dar ohne zu wissen, wen oder was. Alles so schön bunt hier.

Gaga? Muss ich sofort haben!

Freud hat einmal beschrieben, wie Realität aus Wunschabwehr entsteht. Statt sich der Halluzination einer Befriedigung hinzugeben, macht der Mensch sich auf den Weg. Er steckt seine Wünsche zurück, macht Umwege, sucht Lösungen und kommt zum Ziel. Heute taumeln wir umher zwischen der Befriedigung von Wünschen, die wir gar nicht haben und der ständigen Produktion neuer Wünsche, die gleich die Angst zu kurz zu kommen gratis dazu liefert. Wir haben längst keine Möglichkeit mehr, Einfluss zu nehmen, wissen eigentlich schon kaum mehr, worauf eigentlich. Was will ich? Wie kann ich es erreichen? Wie kann ich so handeln, dass ich mich nicht sozial isoliere?

Diese Fragen sind dem schieren Zwang gewichen, einer Hatz zwischen nur suggerierten Zielen und scheinbarer Vorsehung. Das ist schlimmer als jede Halluzination und weniger Freiheit als die eines Tieres, das sich wenigstens im Rahmen seiner Instinkte bewegen kann. Wo wäre hier Raum für Vernunft? Kommunikation ist eine Frage der Strategie, wodurch Wahrheit nicht einmal mehr zur Option wird. Nicht nur ist das Bemühen um Wahrheit ein großer strategischer Nachteil; sie lässt sich auch kaum mehr konstruieren, weil einem ohnehin niemand glaubt.

Verrückt unter Verrückten

Der Bezug auf Wahrheit, Haltung, Bildung, der ganze Krempel bürgerlicher Ideale, war aber kein Konstrukt einer finsteren kapitalistischen Absicht, sondern durchaus die Errungenschaft einer philosophischen Entwicklung, ein Höhepunkt der Menschheitsgeschichte. Diese Ideale mögen von Anfang an den Keim der Ungleichheit getragen und die Voraussetzung für eine Gesellschaft geschaffen haben, in der das ganze Geschacher einen fruchtbaren Boden fand. Darin liegt aber eben auch der benennbare Widerspruch, in dem sich die reale Hoffnung auf Besseres erhält. Die bürgerlichen Werte wurden allesamt zersetzt. Es hat sich gezeigt, dass eine Gesellschaft der Gleichen zerfällt, wenn es Gleichere gibt. Gerade Vernunft zwingt hier zur Korrektur und verlangt, dass die Voraussetzungen geschaffen werden müssen für echte Gleichheit.

Raul Zelik hat geschrieben: "Das Drama der bürgerlichen Gesellschaft ist ja, dass sie Gleichheits- und Freiheitsrechte postuliert, die sie aufgrund ihrer Eigentumsverhältnisse gar nicht einlösen kann." Schlicht, folgerichtig und wahr. Es gilt also, die Voraussetzungen der Eigentumsverhältnisse grundlegend zu ändern. Die Vernunft, die zu dieser Erkenntnis führt, kann sich in dieser Gesellschaft unmöglich durchsetzen. Sie kann aber in jedem Einzelnen von uns überwintern. Das fängt damit an, völlig zweckfrei wahrhaftig zu sein und zu seinen Fehlern zu stehen. Man muss sich eigentlich nur anschauen, wie Öffentlichkeitsarbeit® funktioniert - und das Gegenteil tun.

ph

Eine höchst interessante Karte hat Burks da ausgegraben. Demnach darf man eine Nähe von Protestantismus und faschistischer Ideologie annehmen bzw. eine Empfänglichkeit von Protestanten für die nationalsozialistische Ideologie. Ein Bindeglied zwischen Kapitalismus und Nationalsozialismus bzw. Faschismus wäre daher eine Religiosität, die beidem nahesteht.

Religiosität und Kapitalismus, da war doch was? Ja sicher, Max Weber war da und sein (Pflichtlektüre) Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Weber legt dar, dass eine bestimmte Heilslehre die Entstehung des Kapitalismus ungemein begünstigt hat. Brutal zusammengefasst, verlangt diese Ethik von ihren Anhängern, Reichtümer anzuhäufen, weil es gottgefällig ist, aber dennoch bescheiden zu leben, weil Pomp und Protz eben nicht gottgefällig sind. Das Resultat ist sinnlose Akkumulation, wie sie im Kapitalismus zum Selbstzweck wird.

Unnütze Fresser

Das Menschenbild, das diese Heilslehre prägt, ist das eines Untertanen, der dem Reichtum und der Herrschaft dient und dabei weder sich noch anderen etwas gönnt. Nützlichkeit und freudlose Unterwerfung sind die prägenden Eigenschaften dieses Menschenschlages.

Ich habe jüngst in den Kommentaren dargelegt, was für mich der Kernaspekt des Rassismus ist. Dieser Begriff klärt auch das seltsame Vehikel "Sozialrassismus", ein Paradoxon, das häufiger in politischen Blogs erscheint: Es geht dabei darum, andere abzuwerten, und zwar in der Art, dass es nicht ihr Handeln ist, das zu verurteilen wäre, sondern ihr Sein. Der Makel haftet ihnen an, "die sind so". Diese Art, Menschen zu identifizieren, ist etwas durchaus Alltägliches. Man macht sich vereinfachte Vorstellungen von bestimmten Gruppen, sei es nach ihrer Herkunft, ihrem Beruf, ihrer Religion oder Freizeitgestaltung und bildet entsprechende Stereotypen aus.

Das kann recht harmlos bleiben, rassistisch wird das Ganze aber wie gesagt, wenn es den so Abgeurteilten als Eigenschaft anhaftet. In Form der Rassentheorien oder einer kruden Auffassung von Genetik (wie etwa bei Hitler oder Sarrazin) wird das sehr offensichtlich. Trifft diese Form des Identifizierens Anderer bzw. von Gruppen auf eine sprichwörtlich religiöse Ideologie der Nützlichkeit, ist Faschismus die logische Konsequenz. Menschen werden eingeteilt in nützlich und unnütz, wobei bestimmten Gruppen unveränderliche Nutzlosigkeit nachgesagt wird. Gott will diese Kreaturen nicht. Sie arbeiten nicht, sie schädigen die Fleißigen, sie beten fremde Götter an, sie vergnügen sich hemmungslos, und all das liegt ihnen im Blut.

Die sind so

Wir kennen das in vielen Varianten, als Antisemitismus, als Islamhass, Ausländerfeindlichkeit und Hass auf alles, was man sonst noch diskriminieren kann. "Sozialrassismus" bleibt ein Sonderphänomen, weil Arbeitslose keine Volksgruppe sind, dafür fällt aber das Vorurteil des faulen vergnügten Arbeitslosen auf besonders fruchtbaren Boden. Eine schlimmere Sünde gibt es nicht, und im Gegensatz zu Katholiken wird Protestanten keine Sünde je erlassen.

Zum Schluss noch ein kleiner Rückgriff aufs Narrativ, das natürlich stark geprägt ist von dieser Ideologie. Adenauer hat sich die zugrundeliegenden Erkenntnisse schön zurechtgebogen, sonst hätte er nämlich auf seine Christen losgehen müssen. Aber da gab es ja welche, die schon immer alles schuld waren. In der berühmten Kölner Rede von 1946 heißt es:

"Der Nationalismus* hat den stärksten geistigen Widerstand gefunden in denjenigen katholischen und evangelischen Teilen Deutschlands, die am wenigsten der Lehre von Karl Marx, dem Sozialismus, verfallen waren!". Nein, er hat sich vielmehr dort rasant ausgebreitet, wo die protestantische Arbeitsethik nur einen Schritt davon entfernt war, Untermenschen als Stückgut zu betrachten.

p.s.: Im Text ist bis zu dieser Stelle von "Nationalsozialismus" die Rede. Hier liegt der Verdacht nahe, dass das Transkript fehlerhaft ist.

 
mm

Es ist immer falsch, auf ein Ereignis politisch spontan zu reagieren. Daraus ergibt sich folgerichtig, dass ein Großteil sogenannter "politischer Maßnahmen", hunderte Gesetze und vor allem die brutalsten Einschnitte in Rechtssysteme, durchweg falsch sind.

Das beginnt mit der schlichten Einsicht, dass Ereignisse, die völlig überraschend eintreten, mit denen niemand gerechnet hat oder die für undenkbar gehalten wurden, auf Fehler in der Theorie hinweisen. Wenn dann nicht die Theorie geändert wird, sondern aus der Logik derselben Theorie drastische Maßnahmen beschlossen werden, ist das die dümmste aller möglichen Reaktionen. Mehr von dem, was zuvor versagt hat? Das wird sicher helfen!

Genau dies ist aber die Logik aller Bellizisten, Scharfmacher und Wegbereiter des autoritären Staats. Das beste Beispiel ist "Nine-Eleven". Die umtriebigsten und best vernetzten Geheimdienste, die das nach der offiziellen Version nicht haben kommen sehen, wurden seitdem explosionsartig ausgeweitet. Ihre legalen Methoden sind inzwischen wieder mittelalterlich. Millionenfacher Mord durch Krieg, Drohnen und Folter wurden durch dieses eine Ereignis politisch legitimiert. Der "Kampf gegen den Terror" hat dem Terror zu einem grandiosen Sieg verholfen.

Terror willkommen

Das Problem solcher Ereignisse, die gemeinhin als "Terror" oder "Anschläge" bezeichnet werden, ist dass sie Möglichkeiten schaffen, die die Substanz der Rechtsstaaten mit den Mitteln des Staates zersetzen. Wer also Freiheit und Bürgerrechte abschaffen möchte, braucht nur solche Ereignisse und kommt quasi automatisch zum Ziel. Das Wissen um viele Attacken, die aus genau diesem Grund fingiert wurden, hat kaum je dazu geführt, dass sich Politik, wie es vernünftig wäre, von Ereignissen unabhängig macht, um diesen Automatismus zu durchbrechen. Die Reaktion Norwegens und seiner Bürger auf den Breivik-Terror ist eine löbliche Ausnahme.

Noch dümmer als die ohnehin dumme Reaktion ist der Reflex, der nicht einmal die Zeit lässt, das Ereignis zu verstehen. Absurd ist dieser Reflex, weil er aus dem offenbar falschen Denkmuster, das ein Ereignis nicht erwartet hat, ausgerechnet das zur Maxime des Handelns macht, was sich solche Politik "schon immer gedacht" hat. Die krudesten Vorurteile, Unterstellungen und Stereotypen werden als bestätigt empfunden und das passende Feindbild zum Ziel von Straf- und Vernichtungsphantasien.

Dieses Muster bedient die Erwartungen derer, die ihrerseits keine Idee für ein friedliches Miteinander haben. Für sie hat sich das (schon immer bekannte) Böse manifestiert und muss vernichtet werden. Mittel: "Härtere Strafen" (auch wo es die Todesstrafe schon gibt), "Null Toleranz", alle Spielarten gnadenlosen Sadomasochismus'. Diese Atmosphäre ist der fruchtbarste Nährboden der Diktatur und absolut vernunftfreies Terrain. Argumentieren zwecklos, der Mob will Blut sehen.

Kill the Beast

Es ist daher das Gegenteil von Vernunft, Freiheitsliebe, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, "Konsequenzen" aus einem Einzelereignis auch nur zu fordern. Die Steigerung dieser Idiotie ist eine begleitende Hektik, die Fakten schafft ohne Informationen zu haben. Zudem hat die Erfahrung wahrlich oft genug gezeigt, dass Ereignisse entweder schamlos ausgenutzt, erfunden oder gleich selbst inszeniert wurden, um braune Suppe zu kochen. "Verschwörungstheorien", die sich Jahre später als richtige Analysen erwiesen haben.

Wenn ein paar Belgier Bomben legen, braucht es mehr Bomben auf Syrien. Wenn der Verfassungsschutz gemeinsame Sache mit Mördern macht, braucht er mehr Geld und Personal. Wenn islamistische Terroristen den Westen hassen, muss der Nahe Osten in Schutt und Asche gelegt werden. Wenn irgendwer ausländische Straftäter ausmacht, müssen Millionen von Einwanderern in Züge gepfercht und deportiert werden. Im Namen von Demokratie und Rechtsstaat sowie zum Schutze besorgter Bürger, versteht sich.

Wenn politisch auf ein Einzelereignis reagiert wird, so ist das falsch. Immer. Mit Empörung auf Einzelereignisse zu reagieren ist ebenso falsch. Auf unzureichende Informationen von Ereignissen zu reagieren, ist die Steigerung solcher Dummheit (es sei denn, man fragt nach den fehlenden Informationen). Das Dumme ist nur, dass die Politik der Ereignisse und der Reflexe die Regel ist, nicht die Ausnahme. Das mag ein Anzeichen für politische Dekadenz sein oder für die grundsätzliche Unfähigkeit der Menschen zu so etwas wie vernünftiger Politik.

 
uf

Die Frage nach einer Alternative zum Kapitalismus, die nicht wieder im Staatssozialismus endet, schwebt immer über den hiesigen Diskussionen wie etwas, von dem man weiß, dass es vor der Tür steht, aber man findet die Tür nicht. Wenn ich dazu nur eine Ahnung hätte außer eben der, dass der Kapitalismus sich wieder einmal abschafft und es irgendwo irgendwie ohne wieder losgehen muss.

Wir haben da doch einiges längst zusammengetragen, und ich bin seit Langem überzeugter 'Kommunist': Die Hegemonie muss bei der Kommune liegen, bei überschaubaren regionalen Zusammenschlüssen, in denen alle Beteiligten Einfluss haben auf ihre 'Arbeit' (selbst ein problematischer Begriff) und ihr Leben. In den Städten wird das wie gesagt komplizierter, und daher braucht es eben überregionale Koordination und Kooperation. Deren Struktur muss zunächst so beschaffen sein, dass die Grundversorgung steht. Darüber hinaus geht eine Menge, und ich kann mir lebhaft Foren vorstellen, in denen Menschen konstruktiv zusammen kommen können, weil sie eben etwas für sich bewegen können.

Kommunismus

Wenn die Kommune Priorität hat, werden Entscheidungen dort getroffen, wo man sich kennt und sich auskennt, da muss niemand Macht übertragen oder sich repräsentieren lassen. Das geht zwar nicht so geölt wie im Kapitalismus, dafür aber im Sinne derer, die damit leben müssen. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Es wird dabei immer irgendeine Form von Verwaltung geben, und die darf halt nicht an die dunkle Seite abgegeben werden, sondern sie muss Selbstverwaltung sein. Was sie verwaltet und wie sie verwaltet, wird durch die bestimmt, deren Sphäre da verwaltet wird.

Überregionale Kooperation muss natürlich organisiert werden, und man wird nicht umhin kommen, das in einer Art Quid pro Quo zu regeln. Die Kommunalen Einheiten in den Städten (auch diese müssen übersichtlich gehalten werden; ganze Stadtteile wären dafür meist schon zu groß) sind von den ländlichen abhängig, da sie sich nicht selbst ernähren können. Dafür können die Städte nicht nur aufwendigere Produktionseinheiten bieten, sondern auch Umschagsplätze für Produkte anderer Regionen. Das klingt nicht zufällig nach Tausch, und mir fiele auch nicht ein, wie man den komplett abschaffen könnte.

Tausch mit mir selbst

Es kann aber ein Tausch sein, an dem niemand Mehrwert abschöpft, und es kann vor allem einer sein, bei dem es gar keine unterschiedlichen Parteien gibt. Wenn in einer Stadt, die von Landkommunen versorgt wird, Düngemittel produziert oder umgeschlagen werden und für beide etwa Fahrzeuge hergestellt werden, tauscht hier nicht der eine mit dem anderen, sondern alle versorgen sich gegenseitig und damit sich selbst. Was wo wie produziert werden soll, muss ebenfalls eine Entscheidung aller Beteiligten sein. Den Bedarf festzustellen, ist in Zeiten elektronischer Kommunikation eine lösbare Aufgabe.

Das wäre mein zweiter Teil zum Modell, ebenso grob gestrickt wie der erste. Hatten wir wie gesagt auch schon alles hier in den Diskussionen, ich fasse das aber zusammen, um in eine Vorstellung einzusteigen, wie so etwas aussehen kann. Grundvoraussetzung ist selbstverständlich, dass Produktionsmittel, Rohstoffe, Land und Wege allen gehören. Die sollten sich dagegen schützen können, dass ihnen wieder wer mit dem Staat kommt, der es ihnen nimmt und "Eigentum" draus macht oder einer "Partei" und ihren Verwesern zuschanzt.

 
od

Geschichte ist die Voraussetzung zum Verständnis von Zusammenhängen. Dabei ist es gleich, ob in den sogenannten Natur- oder Geisteswissenschaften: Wer die Entstehung des Denkens, der Theorien und auch der banalen Gegenwart nicht kennt, weiß nichts. Ich kann einen beliebigen Gegenstand zur Hand nehmen und fragen, woher er kommt, es wird sich mir ein Kosmos von Fragen eröffnen, der in die Geschichte weist.

Meine Erfahrung mit Studenten ist streckenweise trostlos, was deren Geschichtsbewusstsein angeht. Dabei geht es selbstverständlich nicht um das, was ich selbst noch im Schulunterricht erlebt habe, nämlich die Herrschaftsgeschichte in Zahlen (wer herrschte von bis da und dort), sondern eben die Frage, wie es kommt, dass es ist wie es ist oder auch die Gewordenheit der Dinge.

Ist so

Für die meisten meiner Zeitgenossen scheinen die Dinge vom Himmel zu fallen, und es ist umso trauriger je Jünger sie sind. Der Status Quo wird nicht nur als Naturzustand betrachtet (das geht so weit, dass sich bald eine Generation das Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen kann), man wird sogar für leicht irre gehalten, wenn man das völlig anders sieht. Irre oder wahlweise senil, weil man so etwas wie technische oder politische Entwicklung erlebt habt, sie hinterfragt und darauf hinweist, dass es schon bald ganz anders kommen kann.

Wer mit Schwarzweißfernsehen aufwuchs, auf winzige Monitore hüpfende Sterne programmiert hat oder nur ein Wählscheibentelefon bedienen kann, wird nicht etwa befragt als Zeitzeuge, der zum Verständnis der Veränderung beiträgt, sondern beiseite geschoben als Spielverderber und Technikmuffel. Das spätestens ist die große Lachnummer, dass Kiddies, die keine Ahnung haben wie ihr Spielzeug funktioniert, die alten Durchblicker zu Deppen erklären.

War immer so

Das alles ist Geschichte, und die große Erzählung der Gegenwart wird immer kürzer. Sie ist Vergessen als Leitmotiv, das neue Paradigma ist die Philosophie des Goldfischs, der sich bei der zweiten Runde in seinem Glas nicht mehr an die erste erinnert. Die Inhalte sind austauschbar wie die Spielzeuge, so lange jeder weiß, was angesagt ist, was man haben muss und wer welchen sozialen Rang hat. Krone der Schöpfung!

Ich weiß nicht, ob es ein Trost ist oder die nächste Stufe der Depression, wenn man sich mit Geschichte und Geschichtlichkeit intensiver befasst, aber wer wissen will, hat ohnehin keine Wahl. Ich mache daher einmal an prominenter Stelle Werbung für ein Buch, das meiner Weltsicht neue Perspektiven eröffnet hat, deutsch unter dem Titel "Die Ordnung der Dinge" erhältlich. Michel Foucault beschreibt darin die unterschiedlichen Formationen des Denkens und der Sicht auf die Welt, vom Mittelalter bis zur Moderne.

Kann gar nicht anders

Wir erfahren, was einst Wissen war, was Wissen sein durfte und was nicht, und dass es in der Geschichte immer wieder Sprünge gegeben hat, in denen sich relativ plötzlich gewaltige Veränderungen ereignet haben. Am Anfang steht die Frage "Was ist eigentlich für uns unmöglich zu denken?". Wer sich das aktuell fragt, zumal im Bezug auf öffentliche Kommunikation, kommt vielleicht der Verzweiflung nahe. Andererseits hat es sich gezeigt, dass sich die Welt, auch die des Denkens, oft radikal geändert hat, wenn eigentlich niemand damit gerechnet hat.

Ganz nebenbei ist "Die Ordnung der Dinge" selbst ein wissenschaftlicher Meilenstein. Es ist ein Sachbuch mit einem komplexen Gegenstand, kein Groschenroman, für große Wissenschaft aber sehr gut zu lesen und jede Mühe wert.

 
bc

Die Geschichte Italiens als eine der antikommunistischen Koalition zwischen Mafia, dem Geheimdienst des Kapitals und den Faschisten ist ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel der Kräfte, die einer schieren Logik folgen. Es geht eben um Macht, und mit dem Kapital, mafiösen Strukturen und dem Faschismus haben wir alle Machtstrategien beisammen, die keine Rücksicht auf etwas anderes nehmen als den Erhalt der eigenen Macht und Position.

Die oft regionalen Mafiagangs und -Clans unterwerfen sich keinem staatlichen Gesetz, erkennen weder das Recht auf Leben an noch sonst eines außer der Treue zum eigenen Verein. Selbst das grenzt freilich dort, wo die Karriere nur durch den Mord an einem Familienmitglied voran geht. Das Kapital kennt kein anderes Gesetz als dass es sich vermehren muss. Wo es an Grenzen stößt, werden diese abgeräumt. Ein Ende der Verwertung ist nicht denkbar. Der Faschismus schließlich ist die Form staatlicher Macht, in der die herrschende Partei nach Gusto Macht gegen alle ausübt, die sie zum Feind erklärt. Dabei ist jedes Mittel recht.

Nutze die Macht

Alle drei Strategien bedienen sich des Staates, um ihre Macht zu festigen. Die Mafia erpresst Amtsträger, ermordet sie oder schmiert sie. Der Faschismus übernimmt ihn zur Gänze, um Gesetze zu erlassen, die keinem Rechtssystem folgen, sondern eben den Interessen der Partei. Das Kapital lässt sich vom Staat die Infrastruktur hinstellen und das Eigentum schützen, korrumpiert und bedroht Amtsinhaber und Parteien mit wirtschaftlichen Mitteln und verwertet Staatseigentum.

Wo diese Kräfte einig sind, herrscht der blanke Terror, und nur die Macht selbst kann das Spiel beenden, indem die Mächtigen übereinander herfallen oder sie die Ressourcen zerstören, von denen sie leben. Dafür sorgt wiederum schon das Kapital, das in der späten Phase nur mehr Verwertung als Vernichtung der Konkurrenz zulässt und die Zitrone quetscht bis zum letzten Tropfen.

Was widersteht

Was dem widersteht, ist allein die Kraft von Kollektiven, die sich gegen die Sklaverei stellen, die wiederum logisch aus solcher Herrschaft folgt. Daher ist der Kommunismus der natürliche Feind dieser Konglomerate. Berlusconi sah überall Kommunisten, wo ihm wer nicht passte, obwohl es längst keine mehr gab. Wer den Verbrecher einen nannte, war nicht etwa Bürger, sondern "Kommunist", weil er gegen den "Wettbewerb" der Stärksten ist. Die Idee der Selbstbestimmung ist daher nur in starken Kollektiven zu verwirklichen, die nicht aus Egoismus, Machtstreben oder Verwertungszwang zusammen finden, sondern durch soziale Bindungen.

Gruppen, Kommunen, Regionen, die gemeinsam ihr Leben planen, besorgen und die nötige Produktion dazu aufbauen, lassen sich nicht von Geld oder Gangs knechten. Die Idee des Kommunismus - nicht das, was die KP daraus gemacht hat - ist der Erzfeind der Konkurrenz um Macht und Geld, das wissen diejenigen, die davon profitieren. Selbst die kommunistischen Staatsparteien und ihre machtbesessenen Führer sind Gegner, wenn sie sich so gar nicht korrumpieren lassen wollen.

Wer bestimmt wen

Wie sich aber vor allem in China zeigt, sind solche Staatsmonstren durchaus dem Kapital zugewandt, weil sie eben keine Gesellschaft selbstbestimmter Kollektive sind, sondern Staatsmächte unter der Herrschaft einer Parteielite. Hier muss sich der Realsozialismus absolut die Analogie zum Faschismus gefallen lassen. Dadurch ist das noch lange nicht dasselbe, aber die bürgerliche Kritik, dass diese Ideologie den Staat instrumentalisiert, trifft zu. Dumm allerdings, dass der bürgerliche Staat seinerseits dasselbe mit anderen Strategien veranstaltet.

Eine Selbstbestimmung der Menschen ist nicht möglich ohne Kollektive, in denen diese Selbstbestimmung verwirklicht wird. Alles andere ist jene "Freiwilligkeit", die zwischen Pest und Cholera 'wählen' darf oder sich eben so weit selbst bestimmt wie sie die Macht hat, andere zu unterwerfen. Diese 'Selbstbestimmung', wie sie der Kapitalismus anpreist, ist unmittelbar Fremdbestimmung. Sie ist die Chance für jeden, aber nicht für alle. So etwas läuft immer auf Hierarchien, Eliteherrschaft und Brutalität hinaus.

 
slh

Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1987-0909-423 / Sindermann, Jürgen / CC-BY-SA

Wie so oft inspiriert durch die hiesigen Kommentare, werde ich im folgenden einen Blick zurück werfen auf die 'Wende', womit ich nicht den Einfall westlichen Kapitals in die DDR und deren Anschluss meine, sondern die Veränderungen in der Sowjetunion mit einem besonderen Blick auf die geschichtliche Situation.

Gorbatschow war als Nachfolger Tschernenkos und seines Mentors Andropow nach Jahrzehnten der erste Chef des ZK der KPdSU, der nicht schon im Rentenalter war. Das mag ein Grund gewesen sein, warum er sich an Reformen heran traute, die dem starren Apparat eigentlich nicht zugetraut wurden. Er hat dabei auch fatale Fehler gemacht; u.a. hat er die Flexibilität der Partei über- und die Macht der Provinzfürsten unterschätzt und verordnete Handelserschwernisse für Wodka. Das trug ihm reichlich hoch motivierte Feinde ein und offenbarte, dass er den Apparat nicht im Griff hatte.

Gorbatschow war von Anfang mit den Slogans "Glasnost" und "Perestroika" an den Start gegangen, für Offenheit, weitgehende Pressefreiheit und die Ermutigung offener Kritik an Partei und Staat sowie den Umbau der ineffizienten Wirtschaft. Gleichzeitig waren er und sein Außenminister Schewarnadse die Motoren der drastischen Abrüstung zwischen Ost und West. Spätestens mit Reagans Ankündigung des SDI-Programms wurde der Wettlauf ruinös für die sowjetische Wirtschaft. Gorbatschow hat daher mehrfach einseitige schritte angeboten und vollzogen, auch in dem Bewusstsein, dass immer noch reichlich Overkill vorhanden war.

Vor dem Quantensprung

Das Ganze trug sich Mitte der 80er bis Anfang der 90er Jahre zu. Wie gesagt, war die Mangelwirtschaft der verkrusteten Sowjetunion ein Riesenproblem im Riesenreich, das dafür sorgte, einen hochgerüsteten Staat, der über reichlich Technologie und gewaltige Bodenschätze verfügte, dennoch auf dem Niveau eines Schwellenlandes zu halten. Es gab weitere Gründe dafür, aber besser organisiert hätte sie diese Phase überstanden.

Die meisten "kommunistischen Bruderstaaten" begrüßten die Entwicklung, nur besonders verknöcherte Regime wie Rumänien und der DDR stellten sich dagegen. Der ganze Ostblock war durstig nach Veränderung, wobei den meisten überhaupt nicht der Sinn danach stand, in den Eistrog kapitalistischer Konkurrenz geworfen zu werden.

Es war die Zeit, in der sich der wichtigste technologische Quantensprung der letzten Jahrzehnte vollzog, die Entwicklung massentauglicher Computer. Der Osten hatte nicht die Infrastruktur gehabt, um selbst schon so weit zu sein, hätte aber zumindest für die Belange der Organisation zügig den Einsatz dieser Technik ausbauen können. Besonders die Produktion, vor allem deren Effizienz, hat weltweit kurz darauf die Segnungen dieser Technik erfahren. Da gab es schon keinen kommunistischen oder sozialistischen Staat mehr in Europa.

Die Übernahme

Mit dem Zerfall der Sowjetunion zerfiel Osteuropa. Das Scheitern Gorbatschows mündete in die Abspaltung der Teilrepubliken zur "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten". Deutschland wurde zum kapitalistischen Staat vereinigt. Russland hatte unter der 'Führung' Boris Jelzins, einem schwer alkoholkranken Ex-Funktionär der KPdSU, mit sich selbst zu tun und sah tatenlos zu, wie die einstigen Verbündeten sich von westlichem Kapital übernehmen ließen. Die NATO führte einen Angriffskrieg in Ex-Jugoslawien und breitete sich immer weiter nach Osten aus, entgegen Genschers Versprechen an Gorbatschow und Schewardnadse.

Das Scheitern Gorbatschows, der Zerfall des Warschauer Vertrages und der Einfall westlichen Kapitals trafen auf eine Situation im Wandel. Man kann darüber spekulieren, wie die Welt sich entwickelt hätte, wäre Gorbatschow ein paar Jahre länger im Amt geblieben, hätte sich die Sowjetunion mit der heute in Osteuropa erreichten Produktivität umgestalten dürfen und mit ihr die sozialistischen Staaten Osteuropas. Eine ähnliche Frage stellt sich für den Fall, dass die DDR nicht einfach verschenkt worden wäre.

Hätte, wäre, wenn. Es war ein winziges Zeitfenster, in dem die Dinge sich radikal verändert haben, und vielleicht war es nicht bloß Helmut Kohl, der so drängte, Deutschland zu vereinigen, sondern auch die reichen Eigentümer, deren Think Tanks ähnliche Szenarien entwickelt haben. Hätte Gorbatschow gesoffen oder wenigstens ein Gespür für den Stellenwert des Wässerchens in der Kultur seines Reiches gehabt, es hätte schon alles anders kommen können.

 
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Wir hatten hier in den vergangenen Tagen einige lose Fäden zu den Bereichen 'Ethik', vor allem im Begriff der "Würde", aber auch zu Wissenschaftlichkeit und deren Sprache. Ich hatte mir dazu vor geraumer Zeit schon eine Notiz gemacht, in der ich diese Komplexe u.a. mit Journalismus verbunden habe. Ich lege also einige dieser Fäden hier aus und schaue mir an, was sich daraus knüpfen lässt. Zunächst einige Aussagen dazu:

Wissenschaft muss so komplex sein wie ihr Objekt.
Kommunikation soll so einfach sein wie möglich, ohne dass der Inhalt verfälscht wird.
Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sollen, wo sie für den Alltag relevant sind, auf Alltagswissen heruntergebrochen werden.
Es ist hingegen nicht hinzunehmen, dass Alltagswissen, unwissenschaftliche Inhalte oder schlicht Unsinn in eine unzugängliche sprachliche Form gebracht werden, die als 'Expertenwissen' quasi wissenschaftliche Autorität beanspruchen.
Es gibt benennbare Regeln, der eine Ethik folgen muss.
Diese Regeln sind dem journalistischen Kodex nicht unähnlich, wo dieser sich wiederum mit Wissenschaftlichkeit überschneidet.

Journalismus, Wissenschaft

Vor allem die letzten beiden Sätze mögen stutzen machen. Ich will ersteren nicht so verstanden wissen, dass eine "materiale Ethik" existieren müsste, also ein Moralkodex mit Vorschriften, an die man sich halten müsste. Durchaus ist auch eine "formale Ethik" darunter zu verstehen wie etwa der Kategorische Imperativ oder schlicht eine Verhaltensrichtlinie wie "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem and'ren zu".

Was hat das mit Journalismus und seinem einst formulierten hohen Anspruch zu tun?
Ich finde in dem Versuch, Wahrheit zu transportieren, alle die Motive und Fähigkeiten, derer es bedarf, um Wissenschaft ebenso seriös zu betreiben wie Journalismus, und dabei handelt es sich um nichts anderes als eine Ethik. Es geht zunächst um Wahrhaftigkeit, also so weit wie möglich zu beschreiben, was ist. Dabei kann Journalismus gewinnen, wenn er wissenschaftlich denkt und alltagstauglich formuliert.

Journalismus kannte einmal das Prinzip, nur zu veröffentlichen, was mehrere Quellen unabhängig voneinander berichteten. Wissenschaft setzt die Wiederholbarkeit von Versuchen voraus, um die Ergebnisse als wahr anzunehmen. Gibt es widerstreitende Auslegungen einer Sache, so sind nach alten journalistischen Standards beide anzuführen. Stets ist zu vermeiden, ein Urteil abzugeben, das die Beschreibung der Wahrheit beeinflusst. Erst wenn feststeht, was ist, wird dies ggf. bewertet. Wissenschaft treibt ihre Fragen dabei immer weiter voran; Journalismus begnügt sich mit den aktuell relevanten Fragen.

Wahr ist fair

Diese Verhaltensweisen sind der Wahrheit unmittelbar zuträglich und sie sind fair. Deshalb wurden sie zu Regeln erklärt. Wo diese nicht eingehalten werden, wo vielmehr systematisch gegen sie verstoßen wird, kann es keine Wahrheit geben und keine ausgewogene Berücksichtigung von Interessen. Wenn das Urteil vorher feststeht, wenn die Wahrheit nicht gesucht wird, sondern verkündet, wo einer Seite im Disput stets mehr zugebilligt wird als der anderen, verteidigt eine Macht ihre Position.

Dort ist nichts mehr fair oder wahr. So funktioniert nur noch die religiöse Ordnung, die Unterwerfung unter eine Autorität, die sich nicht rechtfertigt. Dort herrscht der Mythos, die Erzählung, die für jeden Anfang nur dasselbe Ende kennt. Je unverständlicher sie formuliert wird, je dunkler ihre Quellen und Weisheiten, desto stärker wirkt sie. Dennoch fordert sie den strikten Glauben an immer gleiche, simple Dogmen. Die Ordnung, die darauf fußt, wird sich mit allen Mitteln verteidigen und eines Tages in Flammen aufgehen. Dies schließlich lehrt alle Geschichte - wo sie Wissenschaft ist.

 
jedase

"Wir wissen heute, dass das Böseste, oder das “radikal Böse” mit solch menschlich begreifbaren, sündigen Motiven wie Selbstsucht gar nichts mehr zu tun hat. Es hat viel mehr mit dem Folgephänomen zu tun: Der Überflüssigmachung des Menschen als Menschen. Das gesamte System der Konzentrationslager war darauf ausgerichtet, die Gefangen davon zu überzeugen, dass sie überflüssig waren bevor sie umgebracht wurden.
In den Konzentrationslagern mussten die Menschen lernen, dass Strafe keinen Sinnzusammenhang mit einem Vergehen haben muss, dass Ausbeutung niemandem Profit bringen muss, und dass Arbeit kein Ergebnis zu zeitigen braucht. Das Lager ist ein Ort, wo jede Handlung und jede Regung prinzipiell sinnlos wird. Wo mit anderen Worten Sinnlosigkeit direkt erzeugt wird.
"

Die Figur Hannah Arendt nach Margarethe von Trotta.

Dieses 'Böse' kommt nicht ungefähr, es hat eine Genese, einen Aufbau. Es gibt grausame Experimente mit Ratten und Hunden, in denen ihnen jede Orientierung genommen wird; das Ganze im Dienste einer sogenannten "Psychologie". In einem werden die Käfige, in denen Ratten leben, teilweise unter Strom gesetzt, so dass die Tiere in Bereiche fliehen können, in denen sie keine Stromschläge erhalten. Nach und nach wird ihnen dies unmöglich gemacht, es ist kein Muster mehr zu erkennen. Die Ratten resignieren irgendwann und bleiben apathisch liegen. Hunde werden in Verbindung mit bestimmten Signalen 'bestraft' bzw. gefüttert. Diese Signale werden allmählich einander angenähert, bis die Unterscheidung nicht mehr gelingt. Auch diese Hunde werden irre.

Restmenschrampe, Wegwerfware

Man könnte jetzt das Thema um die Experimente selbst erweitern, zumal die Mengeles ihrem destruktiven Sadismus freien Lauf ließen. Niemand braucht solche 'Experimente', deren Ausgang nur zu vorhersehbar ist. Worum geht es aber? Es ist das Absurde, das allein der Macht ihre volle Entfaltung verleiht. Jemanden zu strafen für bestimmte Handlungen, sei das Regime auch noch so streng und gnadenlos, lässt dem Delinquenten eine Wahl. Es lässt ihm eine Ordnung, an die er sich halten kann - sogar meist eine sehr einfache. Es lässt ihm einen Einfluss und schränkt den der Macht ein.

Erst der Verlust von Sinn, Zweck und Ordnung, das Zusammenbrechen aller möglichen Welten, macht die Macht komplett. Der Restmensch, den das übrig lässt, ist Müll. Es gibt keine Würde mehr, weil es keinen Bezug gibt, in dem sie eine Rolle spielt, keine Sprache, in der noch genügend Ordnung wäre, um den Begriff mit Bedeutung zu füllen. Die Restmenschen unter der totalen Macht sind Anhängsel derselben, Exemplare der Beherrschten ohne eigenen Wert, einer wie der andere.

Diese Gleichheit im Sinnlosen schafft sich dabei nicht selbst, sie entsteht nicht aus dem Nichts. Sie nährt sich vielmehr aus den Erfahrungen sinnloser Unterwerfung, hoffnungsloser Niederlagen und verblasster Ohnmacht, die im Trüben nach Genugtuung lechzt. Erfahrungen, die viele Menschen machen, vielleicht die meisten, und die viele nicht verarbeiten können.

Kleine Rächer

Solche Erfahrungen treiben zur Wiederholung in umgekehrten Rollen. Der Gedemütigte identifiziert sich unbewusst mit seinem Peiniger und rächt sich an Unschuldigen. Zur Hand geht ihm dabei die Ordnung, wo sie am wenigsten eine ist: Das Gesetz, die Verordnung, die ihrem angeblichen Ziel Hohn spricht. Das 'Gemeingut', das allen schadet, das Mittel, das keinen Zweck mehr findet, der es heiligen könnte.

"Wir tun nur unsere Pflicht", "Da könnte ja jeder kommen", "Sie haben das selbst so entschieden", "Das hätten sie wissen können" - die Sätze, in denen Entscheidungen legitimiert werden, gegen die kein Argument hilft, weil sie sinnlos sind und die schiere Unausweichlichkeit der Macht zum Ausdruck bringen, sie gehören längst zum Alltag. Der größte Apparat zur Unterdrückung und Gängelung firmiert heute unter dem Begriff "Eigenverantwortung". Wir kennen sie alle, die grassierenden Vokabeln des Neusprechs, die das eine sagen und das andere meinen, wann immer es der Herrschaft gefällt.

Es ist kein Zufall, dass aus dem Zerfall von Ordnungen die schlimmsten Gewaltherrschaften entstehen. Nicht bloß, weil sich eine Kaste von Privilegierten mit Gewalt an der Macht hält, sondern weil das Zerbröseln der verkrusteten Ordnung immer windschiefere Rechtfertigungen liefert. Wer sich in dieser Ordnung noch etabliert, ist zu allem bereit und fragt nicht mehr nach Sinn oder Zweck. Das 'Böse', es wächst ganz zwangsläufig und wäre nur noch durch eine Vernunft zu stoppen, die ihm gar nicht zugänglich ist.

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