theorie


 
bs

Seit Langem habe ich einen Gedanken im Vorlauf, der sich mit 'Aufklärung' befasst. Es wird jetzt etwas komplizierter, aber ich möchte auch diejenigen einladen, weiter zu lesen, die meinen, sie verstünden es vielleicht nicht. Ich versuche, mich möglichst verständlich auszudrücken. Angesichts grassierender Propaganda und Gegenpropaganda, die aktuell gern als Vorwurf der Propaganda aka "Fake News" auftritt, wird einem schwindlig. Wahrheit sei verhandelbar (siehe Habermas); inzwischen ist sie nicht nur käuflich, sondern Ramschware. Die Händler und Marktschreier verlegen sich vollends auf den Angriff; der Gegner sei ein Lügner. Man habe deshalb gefälligst die anderen Lügen zu glauben. Wer denkt da noch an "Aufklärung"?

"Aufklärung ist totalitär" dürfte der berühmteste Satz aus der "Dialektik der Aufklärung" sein, was im krassen Gegensatz zum allgemeinen Verständnis steht. Man lacht sich ja tot, wenn man das heute liest. Aufklärung mache vor nichts halt, bis sie alles auf die Formel oder Zahl gebracht hat: wahr oder falsch, Null oder Eins. Hier muss zum Verständnis bereits die Reichweite des Satzes eingeschränkt werden: Er bedeutet nicht, "Aufklärung muss immer totalitär sein". Adorno und Horkheimer zeigten das Versagen einer Wissenschaft und Bildung auf, die hochkomplexe Mordmaschinen entwerfen hilft und nicht einmal die entsetzlichste Barbarei abwenden konnte. Im Gegenteil konnten die Barbaren auf jene Wissenschaft bauen, sowohl auf deren Erkenntnisse als auch auf ihre Einrichtungen. Diese Kritik ging noch sehr viel weiter und tiefer, das würde hier aber zu weit führen.

Die Lüge über die Lüge ist wahr

Ich möchte einen Satz zitieren (aus "Negative Dialektik"), der in diesem Zusammenhang gern überlesen wird, obwohl er direkt damit zu tun hat, und zwar im Rahmen von Adornos Kritik an Hegel und dessen "Positivierung":"Selbstreflexion der Aufklärung ist nicht deren Widerruf." Das heißt, dass keine gewonnene 'Erkenntnis' uneingeschränkt gültig ist. Es kann immer eine Zeit, einen Raum oder einen Zusammenhang geben, in denen ein 'wahrer' Satz noch einmal geprüft werden muss und womöglich falsch wird. Plakativ gesagt: Wahrheit bleibt immer die Suche nach Wahrheit, und wer sie einfangen will, verliert sie. 'Aufklärung', die verkündet, wäre eine, die Wahrheit eingefangen hätte. Das ist nicht bloß totalitär, sondern schon Propaganda.

Damit sind wir wieder mitten in der Diskussion um die Lügen über die Lügen. Die Propaganda sagt: "Siehe, der da lügt; das ist der Beweis dafür, dass wir die Wahrheit sagen!" Wer Spaß am Hintergrund hat: Adorno hat Hegel vorgeworfen, Die Negation der Negation sei keine Positivierung. Das Niveau, auf dem der Streit um Wahrheit, um "Fakten", um das, was ist, angelangt ist, spricht Bände. Noch einen Satz zur "Selbstreflexion": Die bedeutet einerseits eben, sich zu überprüfen, einen Rest an Zweifel mit sich zu tragen, um nicht in Dogmatismus zu erstarren. Er bedeutet aber auch, sich deutlich zu machen, unter welchen Bedingungen man zu Werke geht.

Das, was man für 'wahr' hält, ist nämlich nicht bloß eine Frage des Wissens, sondern des wissen-Wollens. Wenn oben steht, dass Wahrheit die Suche nach Wahrheit ist, ist damit eine Menge Arbeit verbunden. Keine Wahrheit ist einfach, und je einfacher man es sich macht, desto geringer ist die Aussicht, sich der Wahrheit zu nähern. Diejenigen, die uns einbläuen wollen, was wahr ist, lügen. Man kann zwar gar nicht kommunizieren ohne zu vereinfachen, aber man kann zeigen, wo man vereinfacht und wie es dahinter weiter geht. Propaganda will das nicht. Die will möglichst dumme Gefolgsleute und läuft immer auf einen Befehl hinaus. Das beste Mittel dagegen ist Aufklärung - einschließlich ihrer Selbstreflexion.

 
st

Eine "Diskussion" typisch für das, was im Internet palavert wird, ist die Frage, ob man einem Nazi in die Fresse hauen darf. Anlass war genau das, dass ein Passant einem Rassisten, der gerade auf der Straße interviewt wurde, mit der Faust ins Gesicht schlug. Die jüngste Einlassung dazu ist die von Jonathan Pie [Youtube], der das ganz und gar nicht gerechtfertigt findet.

Ehe wir zu seinen Kernargumenten kommen, möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, mich explizit auf Moral und Ethik zu beziehen. Meist werden diese Begriffe synonym verwendet, als sei das also ein und dasselbe. Ist es aber nicht. Moral ist eine Handlungsanweisung. Sehr unterschiedliche Beispiele dafür sind die Zehn Gebote und Kants Kategorischer Imperativ. Die Gebote haben Vorschriftcharakter, während der Kategorische Imperativ ein Leitfaden ist, der je nach Situation zu einer moralischen Entscheidung befähigt. Richtig, also moralisch gut, ist das Befolgen der Anleitung, falsch ist das Ignorieren oder der bewusste Verstoß.

Ethik vs. Moral

Ethik hingegen ist eine philosophische Disziplin, eine Wissenschaft. Ich werde nicht müde, sie die "Wissenschaft der (sozialen) Ordnung" zu nennen. Ethik befasst sich demnach mit Handlungsmöglichkeiten und ihren Folgen. Sie muss nicht in eine Moral münden, sie muss vielmehr den Überblick darüber verschaffen, welche Handlungsweisen welche Konsequenzen haben und wie man handeln kann, um eine Ordnung zu stärken, zu schwächen oder zu verändern. Ebenso gehören alle Bedingungen zur Ethik, die den Rahmen für diese Fragen schaffen.

Befassen wir uns vor diesem Hintergrund mit der Frage, ob es richtig ist, einem Nazi in die Fresse zu hauen, wird vor allem eines sofort deutlich: Die Frage ist vollkommen ungeeignet für eine zielführende ethische Diskussion. Das liegt zuerst an der Formulierung und den Unklarheiten. Die Implikationen, also das, was alles gemeint sein kann, sind völlig ungeklärt. Oder kann mir jemand sagen, was genau ein Nazi ist und wie man die Bestimmung dieses Begriffs in einen geordneten Diskurs über Handlungsmöglichkeiten bringen kann? Sie würde schon auf der Startlinie zerfasern.

Es sei denn, man macht es sich einfach, zum Beispiel so: Hier wird argumentiert: "Nazismus ist böse", "man handelt in Selbstverteidigung" und "wenn du kein Nazi bist, bist du (dem Nazi) moralisch überlegen" (weil der für Genozide ist). Hier wird Moral (ich darf jemanden schlagen, das ist gut) mit Moral begründet (Genozid ist böse), und das muss in die Hose gehen. Wenn Moral einen Sinn hat (was man bezweifeln kann), muss sie das Ergebnis einer ethischen Diskussion sein. Innerhalb moralischer Werte und Kategorien kann man keine Handlungsmöglichkeiten erörtern, weil von vornherein 'gut' und 'böse' festgelegt sind.

Unter Barbaren

Es ist sinnlos, über „Nazi“ zu schwadronieren, wenn es eine genauere Kategorie gibt, nämlich „Genozid“. Dann denke ich also darüber nach, wie ich einen Genozid verhindern kann und stelle die Frage, ob das möglich ist, indem ich jemanden schlage, der dafür ist. Dann werde ich mich darauf konzentrieren, ob diese Haltung Konsequenzen hat, auf die ich mit einer Handlung (schlagen) Einfluss nehme. Ich kann dann Bedingungen formulieren, unter denen Handlungen zielführend sind – in dem Sinne, welche gesellschaftliche Ordnung ich fördern oder hemmen kann.

Moral ist immer eine Vereinfachung, die Gefahren birgt. Moral ist gesellschaftliche Praxis, und zwar vor allem ausgeübte Herrschaft über so etwas wie Gewissen oder andere psychologische Phänomene. Wüst wird es da oft, wenn und weil zum Beispiel projiziert wird – das heißt, dass die Moral dazu verleitet, seine vorgefärbte Weltsicht auf das Problem zu übertragen. „Die sind böse/Nazis/Barbaren ...“. Was dabei herumkommt, ist mustergültig indiskutabel. Der Moralist schafft sich hier Rechtfertigungen für alles, wonach ihm der Sinn steht, anders ausgedrückt: Schwachsinn.

Jonathan Pie sagt es auf den Punkt: Wenn du so etwas tust oder befürwortest, bist du „ein Idiot“. Sein anderes Argument ist verzwickt, weil er zwar quasi moralisch argumentiert, dabei aber auch ethisch. Er erklärt nämlich, welche Folgen diese Haltung hat in Bezug auf die Wirkung von Moral, die Folgen einer solchen Moral auf die gesellschaftliche Ordnung: „Man verleiht ihm [dem Gegner / Trump / dem Nazi] die moralische Überlegenheit“. Wenn man sich in diese Niederungen begibt, wird man dort nicht mehr herauskommen.

 
bn

Angesichts der wuchernden Barbarei, die ein Kapitalismus, der einmal mehr und diesmal absolut global zum letzten Gefecht bläst, entfacht, drängt sich die Frage auf, was man dem entgegen hält oder was danach kommen soll. Damit meine ich einmal nicht die praktische Gestaltung einer Gesellschaft, ihre politische und ökonomische Verfassung, sondern das, was einmal Zivilisation sein wollte.

Der Begriff trägt seinen Ursprung als Bürgerliches im Namen. Ich stoße hier wieder an die Schnittstelle, die Marxisten als "Überbau" bezeichnen und die doch mehr ist, zumindest nämlich die geschichtliche Voraussetzung für Marxens Schriften und jede fortschrittliche Entwicklung. Man kann über die bürgerliche Ideologie und ihre Philosophen sagen, was man will, aber die Kultur der Menschenrechte ist ihnen ebenso wenig streitig zu machen wie jene Aufklärung, auf der die Philosophien des 19. und 20. Jahrhunderts fußen. Ebenso ist keine sozialistische Revolution denkbar ohne ihre bürgerlichen Vorläufer, vor allem intellektuell.

Ein linker Montesquieu?

Wenn Marx Hegel "vom Kopf auf die Füße gestellt" hat, dann erweist er dem die Ehre, das meiste richtig erkannt zu haben. Okay, der Irrtum, Moral könne vor dem Fressen kommen, musste ebenso korrigiert werden wie der, man könne den Alltag der Menschen, sprich: die Produktionsbedingungen erst mal außen vor lassen bei hochgeistigen Entwürfen des Menschlichen Wesens und seiner Gesellschaft. Es scheint mir aber ein fataler Fehler gemacht worden zu sein, dass nämlich gelebte Ideen, meinetwegen Ideologie, bloß Nebenprodukt seien. Zivilisation stellt sich nicht einfach so ein. Sie muss gelebt und mit Sinn gefüllt werden.

In den Grundlagen des Bürgerlichen Rechts finde ich die Säulen dieser Zivilisation: Gleichheit, Unschuldsvermutung, Gewaltenteilung, Befristung von Macht - um einige zu nennen. Die besseren linken Entwürfe fußen darauf und nehmen diese Errungenschaften einfach für selbstverständlich. Linke Kritik an den Fehlern im bürgerlichen System fordern richtiger Weise Korrekturen: Was nützt eine Gleichheit auf dem Papier, die von der ökonomischen Wirklichkeit ad absurdum geführt wird? Wo aber sind die Quellen, die Referenzen der Linken für einen allgemeinen Umgang miteinander, der gegen Barbarei schützt?

Wie weit queerfeministischer Antirassismus von diesem Problem entfernt ist, muss ich hier nicht darlegen. Es fehlt aber eine ganze linke, meinetwegen sozialistische oder kommunistische Kultur des Gesellschaftsvertrags. Was da ist, ist von den bürgerlichen Vorläufern übrig geblieben bzw. übernommen worden. Wir stehen aber in einer Situation, in der die Basis bürgerlichen Rechts, die Menschenrechte; (Meinungs)-Freiheit, Recht auf Leben, Unversehrtheit des Körpers, kurz: das Minimum an Anstand und Recht wieder einmal vor die Hunde gehen. Was haben wir dagegen? Gibt es einen linken Montesquieu - oder wenigstens einen Bezug auf die Grundlagen menschlichen Umgangs in einer verfassten Gesellschaft? Ohne werden wir nämlich nicht auskommen.

 
pp

Solidarität kam im Kapitalismus endgültig unter die Räder. Das ist kein Zufall. Nicht nur sind Parteien, die sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, inzwischen rechts abgebogen, sie hatten ohnehin schon immer nur solche Formen von Solidarität im Auge, für die man einer großen Organisation angehören musste. Es war die Arbeiterpartei, die Gewerkschaft, die Sozialkasse, der man angehörte; amtlich mit Unterschrift und Stempel. Solidarität ist dort Verwaltung.

Gelebte und direkt erlebte Solidarität wäre etwas anderes. Sie wäre das Kollektiv, dem man freiwillig und gleichberechtigt angehört. Selbstbestimmt Ziele verfolgen, Zeit verbringen und sich umsorgen, das wäre die Stärke eines Kollektivs, in dem jeder mitbestimmen kann und sich auskennt. Diese Form der Gesellschaft wäre urdemokratisch.

Der Moloch

Ehe ich den Blick auf die Möglichkeit und Wirklichkeit solcher Kollektive richte, will ich zunächst den Ist-Zustand beschreiben. Kapitalismus und das wirtschaftsliberale Weltbild, das ihm zugrunde liegt, kennt keine Kollektive, sondern im Gegenteil nur gesellschaftliche Formationen, die denkbar weit davon entfernt sind. Gefragt und gefeiert sind hier die Einzelnen, vorgeblich freie Individuen einerseits und Korporationen anderseits. Diese sind hierarchische Gebilde mit Befehlskette, die einem Zweck dienen, mit denen die Einzelnen nichts zu tun haben.

Zudem entwickeln sich solche Korporationen zu immer größeren Riesen, die niemand mehr überschaut. Flankiert wird diese Entwicklung 'privater' Organisationen von zentralistischen Staaten, in denen eben eine Führungsebene jederzeit die Entscheidungen und Interessen der Vielen überstimmen kann. Diese Staaten wiederum schließen sich zu noch größeren Konglomeraten zusammen (EU, NATO, 'Freihandelszonen').

Hier hat niemand mehr etwas mit sich zu tun, schon gar nicht mit seinem Nachbarn. Es ist Befehl und Gehorsam, Hire and Fire, fremdbestimmtes Arbeiten für einen äußeren Zweck, Zwang. Moralisch wird hingegen stets der Einzelne für sein Tun und Gelingen verantwortlich gemacht, und zwar um so drängender, je weniger Einfluss er tatsächlich hat. Wer aus dem System fällt, wird zum Objekt eines gigantischen Versicherungsapparates, der unter anderem die Aufgabe erfüllt, den Menschen, die der Solidarität bedürfen, dafür eine unverzeihliche moralische Schuld aufzubürden.

Durch die Maschen

Das ökonomische und soziale Netz (wobei „sozial“ hier nicht meint, dass jemand Hilfsgelder bekommt, sondern die konkrete gegenseitige Hilfe) ist dem entsprechend absurd großmaschig. Es gibt überhaupt keine Einheit mehr, keine relevanten gesellschaftlichen Gruppen, in denen sich Menschen aufeinander beziehen können. Immer noch hat Thatcher recht: There is no such thing as society. Vor nichts hat der Kapitalismus mehr Angst, darum kennt sein Narrativ Kollektive auch nur als willenlose "Borg" oder Zwangsgemeinschaften einer Diktatur.

Die Hoffnung auf eine zukünftige überlebensfähige Gesellschaft muss aber darauf Gründen, dass sich solidarische Gruppen, Einheiten, Zusammenschlüsse bilden, in denen Solidarität gelebt werden kann, in denen man sich kennt, gemeinsam entscheidet und sich gegenseitig trägt. Das größte Problem daran ist, neben dem Totalausverkauf der Welt, in der alles, was man braucht, schon irgendeiner großen Firma gehört, dass die Menschen gar nicht mehr wissen, wie man miteinander arbeitet, entscheidet und lebt. Dieses Manko muss behoben werden.

 
er

Ich bin noch nicht ganz durch die aktuelle 'Alternativlos', in der es grob um 'postfaktische' Kommunikation und Politik geht. Ggf. werde ich mich dazu später noch äußern. Epikur hat heute einen kurzen Text am Rande des Komplexes gepostet, in der es um fehlende Haltung geht. Es scheinen sich alle Konzepte aufzulösen, die einmal das Bürgerliche Denken und seine Philosophie ausmachten: Identität, Wahrheit, Bildung - von Gleichheit ganz zu schweigen. Übrig bleibt ein digitaler Liberalismus, der das Subjekt abgeworfen hat. "Digital", weil die nackten Zahlen die Herrschaft übernommen haben. Es ist ein Kapitalismus, der nur mehr den Größenverhältnissen dient. Thatcher hatte recht: Es gibt keine Gesellschaft (mehr).

Letzteres ist aber das Ergebnis der letzten Politik, die sich selbst abgeschafft hat. Der Zwang Zahlen zu vergrößern, früher bekannt als "Profit", heute zum Mythos Wachstum® verbrämt, hat wie ein schwarzes Loch alles andere in seinen Bann gezogen und zermalmt. Effizienz ist der neue Geist; aus möglichst wenig möglichst viel machen, von möglichst viel möglichst wenig investieren. Übrig bleibt selbst von den Persönlichkeiten eine leere Hülle. Nix drin, reichlich Schaum drum herum. Wir dienen Mammon und wissen nicht einmal mehr, dass es ihn gibt. Wir stellen dar ohne zu wissen, wen oder was. Alles so schön bunt hier.

Gaga? Muss ich sofort haben!

Freud hat einmal beschrieben, wie Realität aus Wunschabwehr entsteht. Statt sich der Halluzination einer Befriedigung hinzugeben, macht der Mensch sich auf den Weg. Er steckt seine Wünsche zurück, macht Umwege, sucht Lösungen und kommt zum Ziel. Heute taumeln wir umher zwischen der Befriedigung von Wünschen, die wir gar nicht haben und der ständigen Produktion neuer Wünsche, die gleich die Angst zu kurz zu kommen gratis dazu liefert. Wir haben längst keine Möglichkeit mehr, Einfluss zu nehmen, wissen eigentlich schon kaum mehr, worauf eigentlich. Was will ich? Wie kann ich es erreichen? Wie kann ich so handeln, dass ich mich nicht sozial isoliere?

Diese Fragen sind dem schieren Zwang gewichen, einer Hatz zwischen nur suggerierten Zielen und scheinbarer Vorsehung. Das ist schlimmer als jede Halluzination und weniger Freiheit als die eines Tieres, das sich wenigstens im Rahmen seiner Instinkte bewegen kann. Wo wäre hier Raum für Vernunft? Kommunikation ist eine Frage der Strategie, wodurch Wahrheit nicht einmal mehr zur Option wird. Nicht nur ist das Bemühen um Wahrheit ein großer strategischer Nachteil; sie lässt sich auch kaum mehr konstruieren, weil einem ohnehin niemand glaubt.

Verrückt unter Verrückten

Der Bezug auf Wahrheit, Haltung, Bildung, der ganze Krempel bürgerlicher Ideale, war aber kein Konstrukt einer finsteren kapitalistischen Absicht, sondern durchaus die Errungenschaft einer philosophischen Entwicklung, ein Höhepunkt der Menschheitsgeschichte. Diese Ideale mögen von Anfang an den Keim der Ungleichheit getragen und die Voraussetzung für eine Gesellschaft geschaffen haben, in der das ganze Geschacher einen fruchtbaren Boden fand. Darin liegt aber eben auch der benennbare Widerspruch, in dem sich die reale Hoffnung auf Besseres erhält. Die bürgerlichen Werte wurden allesamt zersetzt. Es hat sich gezeigt, dass eine Gesellschaft der Gleichen zerfällt, wenn es Gleichere gibt. Gerade Vernunft zwingt hier zur Korrektur und verlangt, dass die Voraussetzungen geschaffen werden müssen für echte Gleichheit.

Raul Zelik hat geschrieben: "Das Drama der bürgerlichen Gesellschaft ist ja, dass sie Gleichheits- und Freiheitsrechte postuliert, die sie aufgrund ihrer Eigentumsverhältnisse gar nicht einlösen kann." Schlicht, folgerichtig und wahr. Es gilt also, die Voraussetzungen der Eigentumsverhältnisse grundlegend zu ändern. Die Vernunft, die zu dieser Erkenntnis führt, kann sich in dieser Gesellschaft unmöglich durchsetzen. Sie kann aber in jedem Einzelnen von uns überwintern. Das fängt damit an, völlig zweckfrei wahrhaftig zu sein und zu seinen Fehlern zu stehen. Man muss sich eigentlich nur anschauen, wie Öffentlichkeitsarbeit® funktioniert - und das Gegenteil tun.

 
tl

"Links", das war bis vor wenigen Jahrzehnten Konsens, war per definitionem progressiv, das heißt fortschrittlich. Dies hat sich radikal verändert, und in den 'westlichen Demokratien', vor allem in Deutschland, ist das 'linke' Establishment inzwischen reaktionär. Wenn Fefe etwa sagt: "Ich sehe da weit und breit niemanden, der beispielsweise für eine fundierte Kapitalismuskritik steht", spricht das Bände. Fefe ist kein Geisteswissenschaftler und kein politischer Publizist, aber jemand, der solche Fragen immer wieder streift und mit Interesse aufgreift, und der sagt so etwas. Für mich ist das ein weiterer Beleg dafür, dass es hier keine Linke gibt, denn eine Linke ohne Theorie ist nur ein Karnevalsverein.

Es muss sich allerdings jeder, der keine fundierte Kapitalismuskritik findet, vorwerfen lassen, dass er sich freiwillig unter die Knute des Common Sense begibt, der mit grandiosem Erfolg das Tabu über Marx installiert hat. Wir leben in einer Phase des weltweiten Kapitalismus', für die "Das Kapital" nachgerade das Drehbuch ist, aber nach wie vor gilt jeder, der nicht hinter dessen Einsichten zurückfallen(!) will, als Extremist.

Fortschritt ist Überwindung

Die angepassten Mitschwimmer, denen es im Leben nicht einfiele, das System als solches infrage zu stellen, und wenn es noch so brennt und ihnen überall um die Ohren fliegt, sind aber nicht 'links'. Sie sind Schönschwätzer ohne jede theoretische Qualifikation. Sie analysieren nicht, sie halten die greifbaren Erkenntnisse nicht aus und sie haben schon gar keine Idee einer Überwindung. Das aber genau bedeutet Fortschritt: Die Zustände überwinden, um sie zu verbessern, in dem Wissen, dass es nicht bleiben kann wie es ist.

Das unterschied einst Links und Rechts: Rechts war die Reaktion, die an den Verhältnissen, insbesondere an den Herrschaftsverhältnissen festhalten wollte; Links waren die Progressiven, die Veränderung wollten, auch und gerade die der Herrschaftsverhältnisse. Was haben wir da heute? Niemand im parlamentarischen Establishment traut sich, auch nur die Frage zu stellen, ob das System, in dem wir leben, grundfalsch ist. Niemand wagt eine Vorstellung davon zu formulieren, wie es anders gehen könnte, und schon gar niemand fordert eine durchgreifende Veränderung der Herrschaftsverhältnisse.

Schon in der Eigentumsfrage ist das gesamte politische Spektrum auf eine wirtschaftsliberal-konservative Haltung festgelegt. Die Produktionsbedingungen, der Landbesitz, die politische Stellvertretung, die wirtschaftliche Ausrichtung, der Repressionsapparat, die Außen- und Militärpolitik lassen keine Veränderung des Status Quo zu. Wer davon abweicht, ist Extremist, Fundamentalist, Radikaler, raus. Diese Haltung, und das ist das Kreuz auf dem Grab der Linken, wird nicht nur vertreten, sie ist Dogma und wird dem entsprechend religiös verwaltet:

Das ist keine Linke

Es wird keine Theorie besprochen, gelehrt, entwickelt oder gar in Praxis überführt, die vom wabernden Konsens abweicht - weil sie nicht dem entspricht, was als "Realpolitik" die Welt umzäunt. Akademisch ist die Philosophie schon lange nicht mehr politisch und die Politologie keine Wissenschaft. Selbst in den Blogs wird zugesehen, dass wer ausschert, exkommuniziert wird. Ich erinnere nur an diesen Schwachsinn hier, der jede Auseinandersetzung verweigert mit dem Hinweis darauf, dass Abweichler eben Fundamentalisten seien.

Die tragische Verwechslung pietistischer Inquisitoren aus der Gender- Anti- und Watchblogtrolleria mit einer 'Linken' ist der Deckel auf dem Ganzen. Leute, die ihre Dogmen blind und geifernd verfolgen und sie mit allen Mitteln amtlicher Repression durchsetzen wollen, was ist an denen 'links'? Wessen Leben verbessern sie damit? Wie stehen sie zu den Verhältnissen in Arbeit, Produktion und Versorgung?

Wo ist ihr Konzept für eine andere Gesellschaft? Wie beziehen sie sich auf aktuelle Entwicklungen und historische Erfahrung? Wie bestimmen sie jeweils die Grenzen dessen, was sie für möglich oder unmöglich halten? Wie gleichen sie Erfahrung damit ab? Kurzum: Wo ist die verdammte Theorie? Aha. Und noch einmal, zum mitlesen: Ohne Theorie keine Linke. Wer nur im Rahmen des Gegebenen surft, ist konservativ. Wer diesen Rahmen verteidigt, ist reaktionär. Beides ist rechts.

ph

Eine höchst interessante Karte hat Burks da ausgegraben. Demnach darf man eine Nähe von Protestantismus und faschistischer Ideologie annehmen bzw. eine Empfänglichkeit von Protestanten für die nationalsozialistische Ideologie. Ein Bindeglied zwischen Kapitalismus und Nationalsozialismus bzw. Faschismus wäre daher eine Religiosität, die beidem nahesteht.

Religiosität und Kapitalismus, da war doch was? Ja sicher, Max Weber war da und sein (Pflichtlektüre) Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Weber legt dar, dass eine bestimmte Heilslehre die Entstehung des Kapitalismus ungemein begünstigt hat. Brutal zusammengefasst, verlangt diese Ethik von ihren Anhängern, Reichtümer anzuhäufen, weil es gottgefällig ist, aber dennoch bescheiden zu leben, weil Pomp und Protz eben nicht gottgefällig sind. Das Resultat ist sinnlose Akkumulation, wie sie im Kapitalismus zum Selbstzweck wird.

Unnütze Fresser

Das Menschenbild, das diese Heilslehre prägt, ist das eines Untertanen, der dem Reichtum und der Herrschaft dient und dabei weder sich noch anderen etwas gönnt. Nützlichkeit und freudlose Unterwerfung sind die prägenden Eigenschaften dieses Menschenschlages.

Ich habe jüngst in den Kommentaren dargelegt, was für mich der Kernaspekt des Rassismus ist. Dieser Begriff klärt auch das seltsame Vehikel "Sozialrassismus", ein Paradoxon, das häufiger in politischen Blogs erscheint: Es geht dabei darum, andere abzuwerten, und zwar in der Art, dass es nicht ihr Handeln ist, das zu verurteilen wäre, sondern ihr Sein. Der Makel haftet ihnen an, "die sind so". Diese Art, Menschen zu identifizieren, ist etwas durchaus Alltägliches. Man macht sich vereinfachte Vorstellungen von bestimmten Gruppen, sei es nach ihrer Herkunft, ihrem Beruf, ihrer Religion oder Freizeitgestaltung und bildet entsprechende Stereotypen aus.

Das kann recht harmlos bleiben, rassistisch wird das Ganze aber wie gesagt, wenn es den so Abgeurteilten als Eigenschaft anhaftet. In Form der Rassentheorien oder einer kruden Auffassung von Genetik (wie etwa bei Hitler oder Sarrazin) wird das sehr offensichtlich. Trifft diese Form des Identifizierens Anderer bzw. von Gruppen auf eine sprichwörtlich religiöse Ideologie der Nützlichkeit, ist Faschismus die logische Konsequenz. Menschen werden eingeteilt in nützlich und unnütz, wobei bestimmten Gruppen unveränderliche Nutzlosigkeit nachgesagt wird. Gott will diese Kreaturen nicht. Sie arbeiten nicht, sie schädigen die Fleißigen, sie beten fremde Götter an, sie vergnügen sich hemmungslos, und all das liegt ihnen im Blut.

Die sind so

Wir kennen das in vielen Varianten, als Antisemitismus, als Islamhass, Ausländerfeindlichkeit und Hass auf alles, was man sonst noch diskriminieren kann. "Sozialrassismus" bleibt ein Sonderphänomen, weil Arbeitslose keine Volksgruppe sind, dafür fällt aber das Vorurteil des faulen vergnügten Arbeitslosen auf besonders fruchtbaren Boden. Eine schlimmere Sünde gibt es nicht, und im Gegensatz zu Katholiken wird Protestanten keine Sünde je erlassen.

Zum Schluss noch ein kleiner Rückgriff aufs Narrativ, das natürlich stark geprägt ist von dieser Ideologie. Adenauer hat sich die zugrundeliegenden Erkenntnisse schön zurechtgebogen, sonst hätte er nämlich auf seine Christen losgehen müssen. Aber da gab es ja welche, die schon immer alles schuld waren. In der berühmten Kölner Rede von 1946 heißt es:

"Der Nationalismus* hat den stärksten geistigen Widerstand gefunden in denjenigen katholischen und evangelischen Teilen Deutschlands, die am wenigsten der Lehre von Karl Marx, dem Sozialismus, verfallen waren!". Nein, er hat sich vielmehr dort rasant ausgebreitet, wo die protestantische Arbeitsethik nur einen Schritt davon entfernt war, Untermenschen als Stückgut zu betrachten.

p.s.: Im Text ist bis zu dieser Stelle von "Nationalsozialismus" die Rede. Hier liegt der Verdacht nahe, dass das Transkript fehlerhaft ist.

 
mm

Es ist immer falsch, auf ein Ereignis politisch spontan zu reagieren. Daraus ergibt sich folgerichtig, dass ein Großteil sogenannter "politischer Maßnahmen", hunderte Gesetze und vor allem die brutalsten Einschnitte in Rechtssysteme, durchweg falsch sind.

Das beginnt mit der schlichten Einsicht, dass Ereignisse, die völlig überraschend eintreten, mit denen niemand gerechnet hat oder die für undenkbar gehalten wurden, auf Fehler in der Theorie hinweisen. Wenn dann nicht die Theorie geändert wird, sondern aus der Logik derselben Theorie drastische Maßnahmen beschlossen werden, ist das die dümmste aller möglichen Reaktionen. Mehr von dem, was zuvor versagt hat? Das wird sicher helfen!

Genau dies ist aber die Logik aller Bellizisten, Scharfmacher und Wegbereiter des autoritären Staats. Das beste Beispiel ist "Nine-Eleven". Die umtriebigsten und best vernetzten Geheimdienste, die das nach der offiziellen Version nicht haben kommen sehen, wurden seitdem explosionsartig ausgeweitet. Ihre legalen Methoden sind inzwischen wieder mittelalterlich. Millionenfacher Mord durch Krieg, Drohnen und Folter wurden durch dieses eine Ereignis politisch legitimiert. Der "Kampf gegen den Terror" hat dem Terror zu einem grandiosen Sieg verholfen.

Terror willkommen

Das Problem solcher Ereignisse, die gemeinhin als "Terror" oder "Anschläge" bezeichnet werden, ist dass sie Möglichkeiten schaffen, die die Substanz der Rechtsstaaten mit den Mitteln des Staates zersetzen. Wer also Freiheit und Bürgerrechte abschaffen möchte, braucht nur solche Ereignisse und kommt quasi automatisch zum Ziel. Das Wissen um viele Attacken, die aus genau diesem Grund fingiert wurden, hat kaum je dazu geführt, dass sich Politik, wie es vernünftig wäre, von Ereignissen unabhängig macht, um diesen Automatismus zu durchbrechen. Die Reaktion Norwegens und seiner Bürger auf den Breivik-Terror ist eine löbliche Ausnahme.

Noch dümmer als die ohnehin dumme Reaktion ist der Reflex, der nicht einmal die Zeit lässt, das Ereignis zu verstehen. Absurd ist dieser Reflex, weil er aus dem offenbar falschen Denkmuster, das ein Ereignis nicht erwartet hat, ausgerechnet das zur Maxime des Handelns macht, was sich solche Politik "schon immer gedacht" hat. Die krudesten Vorurteile, Unterstellungen und Stereotypen werden als bestätigt empfunden und das passende Feindbild zum Ziel von Straf- und Vernichtungsphantasien.

Dieses Muster bedient die Erwartungen derer, die ihrerseits keine Idee für ein friedliches Miteinander haben. Für sie hat sich das (schon immer bekannte) Böse manifestiert und muss vernichtet werden. Mittel: "Härtere Strafen" (auch wo es die Todesstrafe schon gibt), "Null Toleranz", alle Spielarten gnadenlosen Sadomasochismus'. Diese Atmosphäre ist der fruchtbarste Nährboden der Diktatur und absolut vernunftfreies Terrain. Argumentieren zwecklos, der Mob will Blut sehen.

Kill the Beast

Es ist daher das Gegenteil von Vernunft, Freiheitsliebe, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, "Konsequenzen" aus einem Einzelereignis auch nur zu fordern. Die Steigerung dieser Idiotie ist eine begleitende Hektik, die Fakten schafft ohne Informationen zu haben. Zudem hat die Erfahrung wahrlich oft genug gezeigt, dass Ereignisse entweder schamlos ausgenutzt, erfunden oder gleich selbst inszeniert wurden, um braune Suppe zu kochen. "Verschwörungstheorien", die sich Jahre später als richtige Analysen erwiesen haben.

Wenn ein paar Belgier Bomben legen, braucht es mehr Bomben auf Syrien. Wenn der Verfassungsschutz gemeinsame Sache mit Mördern macht, braucht er mehr Geld und Personal. Wenn islamistische Terroristen den Westen hassen, muss der Nahe Osten in Schutt und Asche gelegt werden. Wenn irgendwer ausländische Straftäter ausmacht, müssen Millionen von Einwanderern in Züge gepfercht und deportiert werden. Im Namen von Demokratie und Rechtsstaat sowie zum Schutze besorgter Bürger, versteht sich.

Wenn politisch auf ein Einzelereignis reagiert wird, so ist das falsch. Immer. Mit Empörung auf Einzelereignisse zu reagieren ist ebenso falsch. Auf unzureichende Informationen von Ereignissen zu reagieren, ist die Steigerung solcher Dummheit (es sei denn, man fragt nach den fehlenden Informationen). Das Dumme ist nur, dass die Politik der Ereignisse und der Reflexe die Regel ist, nicht die Ausnahme. Das mag ein Anzeichen für politische Dekadenz sein oder für die grundsätzliche Unfähigkeit der Menschen zu so etwas wie vernünftiger Politik.

 
uf

Die Frage nach einer Alternative zum Kapitalismus, die nicht wieder im Staatssozialismus endet, schwebt immer über den hiesigen Diskussionen wie etwas, von dem man weiß, dass es vor der Tür steht, aber man findet die Tür nicht. Wenn ich dazu nur eine Ahnung hätte außer eben der, dass der Kapitalismus sich wieder einmal abschafft und es irgendwo irgendwie ohne wieder losgehen muss.

Wir haben da doch einiges längst zusammengetragen, und ich bin seit Langem überzeugter 'Kommunist': Die Hegemonie muss bei der Kommune liegen, bei überschaubaren regionalen Zusammenschlüssen, in denen alle Beteiligten Einfluss haben auf ihre 'Arbeit' (selbst ein problematischer Begriff) und ihr Leben. In den Städten wird das wie gesagt komplizierter, und daher braucht es eben überregionale Koordination und Kooperation. Deren Struktur muss zunächst so beschaffen sein, dass die Grundversorgung steht. Darüber hinaus geht eine Menge, und ich kann mir lebhaft Foren vorstellen, in denen Menschen konstruktiv zusammen kommen können, weil sie eben etwas für sich bewegen können.

Kommunismus

Wenn die Kommune Priorität hat, werden Entscheidungen dort getroffen, wo man sich kennt und sich auskennt, da muss niemand Macht übertragen oder sich repräsentieren lassen. Das geht zwar nicht so geölt wie im Kapitalismus, dafür aber im Sinne derer, die damit leben müssen. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Es wird dabei immer irgendeine Form von Verwaltung geben, und die darf halt nicht an die dunkle Seite abgegeben werden, sondern sie muss Selbstverwaltung sein. Was sie verwaltet und wie sie verwaltet, wird durch die bestimmt, deren Sphäre da verwaltet wird.

Überregionale Kooperation muss natürlich organisiert werden, und man wird nicht umhin kommen, das in einer Art Quid pro Quo zu regeln. Die Kommunalen Einheiten in den Städten (auch diese müssen übersichtlich gehalten werden; ganze Stadtteile wären dafür meist schon zu groß) sind von den ländlichen abhängig, da sie sich nicht selbst ernähren können. Dafür können die Städte nicht nur aufwendigere Produktionseinheiten bieten, sondern auch Umschagsplätze für Produkte anderer Regionen. Das klingt nicht zufällig nach Tausch, und mir fiele auch nicht ein, wie man den komplett abschaffen könnte.

Tausch mit mir selbst

Es kann aber ein Tausch sein, an dem niemand Mehrwert abschöpft, und es kann vor allem einer sein, bei dem es gar keine unterschiedlichen Parteien gibt. Wenn in einer Stadt, die von Landkommunen versorgt wird, Düngemittel produziert oder umgeschlagen werden und für beide etwa Fahrzeuge hergestellt werden, tauscht hier nicht der eine mit dem anderen, sondern alle versorgen sich gegenseitig und damit sich selbst. Was wo wie produziert werden soll, muss ebenfalls eine Entscheidung aller Beteiligten sein. Den Bedarf festzustellen, ist in Zeiten elektronischer Kommunikation eine lösbare Aufgabe.

Das wäre mein zweiter Teil zum Modell, ebenso grob gestrickt wie der erste. Hatten wir wie gesagt auch schon alles hier in den Diskussionen, ich fasse das aber zusammen, um in eine Vorstellung einzusteigen, wie so etwas aussehen kann. Grundvoraussetzung ist selbstverständlich, dass Produktionsmittel, Rohstoffe, Land und Wege allen gehören. Die sollten sich dagegen schützen können, dass ihnen wieder wer mit dem Staat kommt, der es ihnen nimmt und "Eigentum" draus macht oder einer "Partei" und ihren Verwesern zuschanzt.

 
od

Geschichte ist die Voraussetzung zum Verständnis von Zusammenhängen. Dabei ist es gleich, ob in den sogenannten Natur- oder Geisteswissenschaften: Wer die Entstehung des Denkens, der Theorien und auch der banalen Gegenwart nicht kennt, weiß nichts. Ich kann einen beliebigen Gegenstand zur Hand nehmen und fragen, woher er kommt, es wird sich mir ein Kosmos von Fragen eröffnen, der in die Geschichte weist.

Meine Erfahrung mit Studenten ist streckenweise trostlos, was deren Geschichtsbewusstsein angeht. Dabei geht es selbstverständlich nicht um das, was ich selbst noch im Schulunterricht erlebt habe, nämlich die Herrschaftsgeschichte in Zahlen (wer herrschte von bis da und dort), sondern eben die Frage, wie es kommt, dass es ist wie es ist oder auch die Gewordenheit der Dinge.

Ist so

Für die meisten meiner Zeitgenossen scheinen die Dinge vom Himmel zu fallen, und es ist umso trauriger je Jünger sie sind. Der Status Quo wird nicht nur als Naturzustand betrachtet (das geht so weit, dass sich bald eine Generation das Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen kann), man wird sogar für leicht irre gehalten, wenn man das völlig anders sieht. Irre oder wahlweise senil, weil man so etwas wie technische oder politische Entwicklung erlebt habt, sie hinterfragt und darauf hinweist, dass es schon bald ganz anders kommen kann.

Wer mit Schwarzweißfernsehen aufwuchs, auf winzige Monitore hüpfende Sterne programmiert hat oder nur ein Wählscheibentelefon bedienen kann, wird nicht etwa befragt als Zeitzeuge, der zum Verständnis der Veränderung beiträgt, sondern beiseite geschoben als Spielverderber und Technikmuffel. Das spätestens ist die große Lachnummer, dass Kiddies, die keine Ahnung haben wie ihr Spielzeug funktioniert, die alten Durchblicker zu Deppen erklären.

War immer so

Das alles ist Geschichte, und die große Erzählung der Gegenwart wird immer kürzer. Sie ist Vergessen als Leitmotiv, das neue Paradigma ist die Philosophie des Goldfischs, der sich bei der zweiten Runde in seinem Glas nicht mehr an die erste erinnert. Die Inhalte sind austauschbar wie die Spielzeuge, so lange jeder weiß, was angesagt ist, was man haben muss und wer welchen sozialen Rang hat. Krone der Schöpfung!

Ich weiß nicht, ob es ein Trost ist oder die nächste Stufe der Depression, wenn man sich mit Geschichte und Geschichtlichkeit intensiver befasst, aber wer wissen will, hat ohnehin keine Wahl. Ich mache daher einmal an prominenter Stelle Werbung für ein Buch, das meiner Weltsicht neue Perspektiven eröffnet hat, deutsch unter dem Titel "Die Ordnung der Dinge" erhältlich. Michel Foucault beschreibt darin die unterschiedlichen Formationen des Denkens und der Sicht auf die Welt, vom Mittelalter bis zur Moderne.

Kann gar nicht anders

Wir erfahren, was einst Wissen war, was Wissen sein durfte und was nicht, und dass es in der Geschichte immer wieder Sprünge gegeben hat, in denen sich relativ plötzlich gewaltige Veränderungen ereignet haben. Am Anfang steht die Frage "Was ist eigentlich für uns unmöglich zu denken?". Wer sich das aktuell fragt, zumal im Bezug auf öffentliche Kommunikation, kommt vielleicht der Verzweiflung nahe. Andererseits hat es sich gezeigt, dass sich die Welt, auch die des Denkens, oft radikal geändert hat, wenn eigentlich niemand damit gerechnet hat.

Ganz nebenbei ist "Die Ordnung der Dinge" selbst ein wissenschaftlicher Meilenstein. Es ist ein Sachbuch mit einem komplexen Gegenstand, kein Groschenroman, für große Wissenschaft aber sehr gut zu lesen und jede Mühe wert.

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