narrativ


 
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Man täte gut daran, den Plan aufzugeben, etwas besonderes zu sein, ja, im Endeffekt sogar den, sich selbst (immer) gleich zu sein, denn das geht zwangsläufig schief. Das bedeutet ja keineswegs - im Gegensatz zu dem, was der (Neo-)Liberalismus einem weismachen will, man sei dann eine Art Produkt, das sich von allen anderen nicht mehr unterscheidet ("Gleichmacherei). Im Gegenteil: Eine Persönlichkeit ist nur in Abgrenzung zu anderen möglich, aber eben nicht permanent zu allen anderen, von denen man sich gefälligst abzuheben habe.

Das absurde Konstrukt des bürgerlichen Individuums verlangt von jedem Einzelnen, sich als Beste zu präsentieren. Es gibt nur Nummer Einsen. Stark, unabhängig, chic, eloquent, unbesiegbar und an jede Situation anpassungsfähig. Dabei zwingt der Alltag einen dazu, nur von Letzterem reichlich Gebrauch zu machen - nicht zuletzt, weil die allermeisten der vermeintlichen Superstars Befehlsempfänger sind. Ein Wunder, wie viele Menschen es noch immer schaffen, nicht wahnsinnig zu werden.

Stage Diving

Es wird suggeriert, der schlimmste Tod sei der, in der Masse, Menge, Gruppe unterzugehen und sich von den anderen nicht mehr zu unterscheiden. Dabei ist gerade das notwendig. Nicht nur um der Psyche Willen, sondern weil man sich nur in der Gruppe durch gemeinsames Erleben erfährt - sowohl als soziales Wesen als auch eventuell als jemand, der anders ist als die Anderen. Gleichzeitig lernt man, sich ggf. auch gegen eine Gruppe zu positionieren. Nur durch das 'Untergehen' im Kollektiv kann man aus diesem gelegentlich als Individuum auftauchen.

Das Selbst ist nicht ohne das Andere, und man wird, eingebunden in die Gruppe, auch erfahren, dass selbst das 'Selbst' variiert, dass die Gruppe womöglich stabiler ist und mehr Identität ermöglicht als ein 'Ich' - obwohl Gruppen sich ganz offensichtlich in stetigem Wandel befinden. Ich bin nur jemand als jemand von etwas; allein bin ich verloren. Gegen das schlummernde Bewusstsein dieses Umstands muss das bürgerliche Individuum aber ständig so tun, als sei es eben völlig unabhängig und lasse sich nur aus strategischen Gründen auf Kollektive ein. Wie grotesk!

Was bleibt, sind eben die Restfamilie und der Fußballverein, wobei selbst diese nach den üblichen Statuskriterien betrachtet werden. Die Alleinerziehende gilt ebenso als Asimutter wie Fußballfans als Primitive - es sei denn, sie firmieren in der Loge des Wurstfabrikanten. Somit total von seiner Spezies entfremdet, simuliert sich der postmoderne Halbirre als Fels in der Brandung, unveränderlich und unerschütterlich. Diese Kultur ist die exakte Perversion einer lebenswerten Gesellschaft.

 
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Der Mensch hat als soziales Wesen gegensätzliche Grundimpulse: Er möchte dazugehören, Teil einer Gemeinschaft sein und in dieser aufgehen. Anderseits sucht er aber auch Freiheit, möchte selbst bestimmen können, was er tut und lässt. Ein integrierter Mensch, der sich in seiner Umwelt sicher bewegt, weiß, dass er auf die anderen angewiesen ist und dass seine Freiheit erst durch den Rückhalt der Gemeinschaft möglich wird. er wird demnach Freiheit in Episoden genießen und ins Kollektiv zurückkehren.

Auf diese Weise gibt er einen Teil seines 'Ich' auf, um im 'Wir' sein Überleben und das der anderen zu sichern. Andererseits verlässt er das 'Wir', um sich als 'Ich' zu erleben und zu entwickeln. Mancher erlebt das Wagnis der Freiheit als eher bedrohlich und verbleibt lieber im Schutz der Gruppe, andere fühlen sich im Kollektiv eher eingeengt, aber immer muss dieses Verhältnis ausbalanciert werden. In verschiedenen Konstellationen hat sich der Mensch unter diesen Bedingungen über Jahrtausende entwickelt.

Draußen vor der Tür

Im ständiger Beziehung zur Gemeinschaft wird die zur Freiheit notwendige Entfremdung, das (sich) fremd Werden, auf soziale Weise gelöst. In einer Gesellschaft, die die Menschen vereinzelt und ihnen abverlangt, sich stetig als Individuum zu profilieren, wird diese Entfremdung zur Last, zu einer beständigen Belastung für die Psyche. Beides hat Folgen: Die Rolle als herausragendes Individuum muss ausgefüllt werden, gleichzeitig die vereinsamte Psyche irgendwie entlastet werden.

Das kapitalistische Narrativ hat nicht zufällig dafür eine Scheinlösung in petto, nämlich die schon erwähnte Strategie des 'Superhelden'. Gegen die verlorene Geborgenheit bietet er zum Tausch die Allmachtsphantasie an. Das absurde Ergebnis ist, dass jeder Einzelne eben der Größte ist, Herrscher über alles, sowieso über Leben und Tod, der jederzeit als Richter und Henker auftritt. In den Produkten der Kulturindustrie wurde derart das Massaker zur Alltagsstrategie, aus den Phantasien der Vereinzelten rinnt es als Getrolle in die 'sozialen Medien'.

Dieses Desaster zerstört unmittelbar Realität. Nicht nur führen die Festlegung auf unmöglich zu erfüllende Rollen und der Verlust der nötigen sozialen Geborgenheit (Deprivation) zu Realitätsverlust. Vielmehr wirkt das Ganze wie eine Umkehr der Entstehung des menschlichen Verstandes. Freud hat ausgeführt, dass Wirklichkeit erst entsteht, wo sich der Mensch der Halluzination verweigert und komplexe Lösungen für seine Bedürfnisse sucht. Heute sind wir an dem Punkt, wo eine einzige Halluzination an die Stelle sozialer Wirklichkeit tritt. Diese wird nicht verhandelt, sondern von einer unsichtbaren Macht produziert, ohne dass Verstand dabei eine relevante Rolle spielt.

einer geht noch ...

 
dl

Der kapitalistische Individualismus ist nicht bloß ein Mythos, er ist auch keine beliebige Herrschaftstechnik; in der Praxis geht er nahtlos von der Überbetonung der Einzelleistung und Vereinzelung über in Foltermethoden. Es war schon lange vor der Erfindung der Psychologie bekannt, dass Deprivation - der Entzug von emotionaler und körperlicher Zuwendung - Menschen krank macht.

Ideologisch hat sich die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft entschieden gegen die Kollektive sozialistischer Prägung aufgestellt. Für sie war und ist die Familie das einzig akzeptable und schützenswerte Kollektiv, die "Keimzelle der Gesellschaft". Ihr allein obliegt es, das Grundbedürfnis nach sozialer Bindung zu befriedigen. Kollektive wurden aus dieser Sicht entweder als Zwangsgemeinschaften zur "Gleichmacherei" aufgefasst oder gleich ("Kommune") als Keimzelle des Terrors.

'Familie'

Die bürgerliche Familie ließ freilich nichts übrig von ihrem Versprechen. Schon die Reduktion auf die Kleinfamilie hat sie als System überlastet; in Zeiten, in denen beide Eltern arbeiten sollen, bleibt davon weniger als nichts. Die staatlichen Kollektive, in denen Kinder daher aufwachsen - Kindergärten und Schulen - setzen derweil auf Konkurrenz und Individualismus. Ehrgeizige Eltern steigern das noch, indem sie ihre Kinder zu Leistungsrobotern und Superstars formen wollen.

Dies erzeugt nicht nur massenhaft psychische Störungen, es führte auch zu einer Erzählung, die den Bürgerkindern quasi vom ersten Tag eingetrichtert wird: Du bist der Mittelpunkt der Welt. Du bist besser als alle anderen. Wo das nicht so ist, müssen die Regeln so angepasst werden, dass du es doch bist.

Out There Alone

Dies ist die kurze Skizze der Grusel-Dystopie "There is no such thing as society". Sie ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die Zerstörung der Gesellschaft als solcher, die die Zerstörung der menschlichen Psyche als Einheit nach sich zieht. Der natürliche Drang, dazugehören zu wollen, wird in einem grausamen Experiment ersetzt durch den wahnhaften Zwang, Erster zu sein - und damit einsam.

Die menschliche Psyche, um ihr "Ich" herum konstruiert, ist auf das 'Wir' angewiesen, auf Kollektivsubjekte, in denen es aufgehen kann. Es weiß sich als Teil der Welt und als Teil der Gemeinschaft, der sozialen Welt. Trainiert wird es aber darauf, dass die Welt in Teilen den Menschen gehört. Die Bindung zwischen Welt und Mensch ist der Kauf, der Tausch, der Erwerb für einen Preis. Eigentum ist die Essenz dieser Beziehungen. Zuneigung, Liebe, Geborgenheit sind nicht konvertibel und daher wertlos.

Hamsterrad

Der Rest an Zwischenmenschlichkeit in diesem Konstrukt ist eben die Konkurrenz, in der es darum geht, wie viel Welt den Einzelnen jeweils gehört. Das Maximum an Gemeinschaft in dieser Sphäre ist die Koalition, die kurzfristige Verbindung von Einzelinteressen. Zur Versorgung der natürlichen Bedürfnisse bleibt eine völlig überforderte Zweierbeziehung, die im Kern die Funktion der Großfamilie ersetzt. Eventuell entstehen dabei Kinder, die, siehe oben, passend gemacht werden.

Die Selbstbeziehung der Individuen in dieser Mühle pendelt zwischen Größenwahn, Einsamkeit, Anpassungsdruck und Orientierungslosigkeit. Immer wieder erweist sich die Anpassungsfähigkeit der Menschen hier als faszinierend flexibel. Die ungemein dämliche Geschichte vom Helden und Einzelkämpfer, der sich in der besten aller Welten täglich beweist, läuft noch in fast jedem Hirn als Film in Endlosschleife - bis der Film halt reißt. Am besten, man gibt den Menschen gar nicht erst die Zeit nachzudenken. Das nämlich ist häufig der Anfang vom Ende.

wird fortgesetzt

 
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Während der Kollege Sokolowsky sich dankenswert wieder in die Niederungen der Tagespolitik begibt, ist mir das wie meist zu eklig, weshalb ich es mal wieder kompliziert mache. Es wird hier in einigen kommenden Artikeln um einen Komplex gehen, der den Rahmen abgibt auch für die Dekadenz sog. "Demokratie". Diese scheitert an vielem, unter anderen auch am Individualismus, der großen Illusion der 'Liberalen'.

Ich möchte mich dem Problem von vielen Seiten nähern, heute eben von der des 'Individuums', auch bekannt als "Ich", "Persönlichkeit" und unter anderen Pseudonymen, von denen mein liebstes "der Mensch" ist. Ihr kennt bereits meine Mission, mit dem großen Irrtum aufzuräumen, ein 'Mensch' sei mit seinem 'Willen' für das verantwortlich, was da draußen passiert. Ich gedenke, das in Grund und Boden zu argumentieren.

Ich denke, ich bin

Konkret möchte ich heute einmal darauf hinweisen, wie konstruiert ein jeder von uns ist, und dass wir bei näherem Hinsehen als Person verschwinden. "Individuum"? Unteilbar wie das Atom, von dem wir längst wissen, dass es (neben Elektronen, deren Ort man nicht einmal genau bestimmen kann) aus Nukleonen besteht, die sich wiederum aus Quarks zusammensetzen, woraus u.a. folgt, dass Materie eigentlich nur eine Konstellation von Energie ist. Im "Ich" sieht es ähnlich 'unteilbar' aus.

Wer einmal eine Episode eines psychisch Kranken erlebt hat, weiß, wie zerbrechlich eine 'Persönlichkeit' ist. Wenn das 'gesunde' Spiel von Neurotransmittern erheblich gestört wird, verschwindet beinahe alles, was die betroffene Person ausmacht. Man kann das jetzt als Extrem betrachten, als Ausnahme von der Regel, das würde aber schon leugnen, dass es weniger extreme Zustände gibt, in denen ich mich von mir auch erheblich unterscheide.

Unteilbar?

Sowohl sogenannte "Launen" als auch der Einfluss von Gruppen bzw. Rollen oder die Entwicklung einer Person durch die Zeit lassen oft ein Wiedererkennen kaum zu, geschweige denn wäre es haltbar, irgendwen als unveränderlich zu betrachten. Insofern ist das 'Ich' in mir getragen von einer großen Suggestion. Ich bin, was ich zu sein glaube, solange ich es eben glaube. Im Grunde allerdings nur für mich.

Persönlichkeit ist eine eher fluide Komposition - ein Stück, dass man nicht nur unterschiedlich aufführen kann, sondern dessen Text sich auch ständig ändert. Das hat es, wohl keineswegs zufällig, mit sogenannten "Narrativen" gemein. Man kann Persönlichkeit durchaus als Erzählung beschreiben. Darin liegt ein Problem, das uns aktuell um die Ohren fliegt.

Einsam am Markt

Die Bürgerliche Gesellschaft basiert auf der Vorstellung eines souveränen Individuums mit 'freiem Willen'. Die Wirklichkeit hat diese Konstruktion überfordert, widerlegt und der Beliebigkeit preisgegeben. Mit ihr waren 'Werte' wie Ehre, Wahrhaftigkeit und Verantwortung verbunden, derer sich konsequent vor allem die Eliten entledigt haben und diejenigen, deren Aufgabe es wäre, durch Kritik und Prüfung das Konstrukt zusammen zu halten.

Dies ist auch das Ergebnis einer freidrehenden Vereinzelung, für die es viele Gründe gibt. Sie war möglich, weil der Kapitalismus mit seiner politischen Vertretung sich Kollektive als solche zum Feind gemacht hat. Das Aufgehen der Interessen Einzelner in Gruppen, die Organisation sozialer Interessen, eben als solche von Gruppen bis hin zu denen der gesamten Menschheit, wurde geopfert: dem Markt, den Einzelinteressen, dem Individualismus.

Insofern kann der Mensch sich überhaupt nicht mehr als Mensch erleben, wo er eben ohnehin ein Konstrukt ist, das obendrein einem abstrakten "Humanismus" huldigen soll, der aber bloß keinen Bezug zu Kollektiven haben soll. 'Der 'Mensch' ist in diesem Irrsinn eine Art Essenz aller Vereinzelten, die göttliche Summe der Einzelinteressen, aus denen sich irgendwie das Gute und Wahre ableiten soll. Das Nähere regelt dann der Markt.

Fortsetzung folgt

 
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Ich hatte schon ausgeholt, um meiner Lieblingspostille "Telepolis" eine reinzuhauen wegen der überschriftlichen Frage, ob Kapitänin Rackete jetzt die "neue Greta Thunberg" sei. Wir befinden uns in der Zeit der wild wuchernden Narrative, und ich wundere mich, wieso mein Buch eigentlich kein Bestseller ist.

Relotius ist überall, und fragt mal da draußen, wer das eigentlich ist. In der Regel erntet man mit der Frage nur Mundgeruch. Es schadet nicht, wenn leeres Geschwätz, erfundene Stories und kühne Lügen auffliegen. Es wird nach wie vor eine Welt wie aus dem Groschenroman präsentiert, und zwar eben nicht in der Goldenen Gala Revue, sondern vom kritischen® seriösen® Journalismus®.

Geschichte wird gemacht

Am besten junge attraktive Frauen, gern auch mal ebensolche Männer, alternativ Kinder, hilflos, große Augen, Nahaufnahme. Das ist hip, das zieht an, das ist Wahrheit viernullachtzehn. Jeder weiß, wer Greta Thunberg ist. Jeder weiß, die macht was mit Klima, Zukunft und Umwelt und jeder weiß, dass wenn man die Grünen wählt ... ach, lassen wir das. Alte weiße Männer haben jedenfalls keine Konjunktur.

Kurz auf den anderen Kanal, wo die Einen Irre sind und die Anderen die Guten. Nachdem die NATO-freundliche Presse seit Jahren Russland vorwirft, in anderen Ländern herum zu hacken (Cyber Cyber), was böse sei, wurde neulich sehr offensiv berichtet, dass die USA dasselbe machen, was gut sei. Neben der Geschichtsvergessenheit, an die wir uns schon gewöhnt hatten, erleben wir jetzt also den informationellen Salto mortale rückwärts. Foul is fair, aber sicher!

Aufschrei

Auch zum Dritten noch kurz gehüpft: Amri wird nicht aufgeklärt, die NSU für 120 Jahre in Schutz genommen, in Bundeswehr, Polizei und den 'Diensten' tummeln sich die Nazis und ein Politiker wird von einem hingerichtet. Wie sie jetzt überall die Autobahnen sperren, Groß- Ring-, Raster- und Schleppnetzfahndungen durchziehen, wie sie Sympathisanten verhaften und aus ihren Jobs kärchern und die linke Presse Folter und Todesstrafe fordert! Das ist Deutschland hier.

Wie gesagt, das steht alles schon im Buch, nur dass sie scheinbar jetzt erst richtig aufdrehen. Wo bleibt der Aufschrei, der Exodus kompetenter Journalisten aus den Redaktionen, die Gründung ganz neuer Medien? Tzia. Und was macht Telepolis? Widersetzt sich einmal mehr dem Trend. Leseempfehlung für alle, die sich noch mit Inhalten befassen.

 
dg

Anlässlich seines Neunzigsten gab es kürzlich die unvermeidlichen Elogen auf Jürgen Habermas, einem treuen Begleiter des deutschen Narrativs, der als Herrprofessor die Instanz war für schlaues Zeugs, das niemandem wehtut. Nun, auf meiner Seite war der Schmerz gelegentlich erheblich, und schlau fand ich das Gequatsche schon gar nicht.

Nach Kant und Nietzsche waren es Denker der Frankfurter Schule, die mich geprägt haben: Adorno, Horkheimer und Marcuse. Eine ähnlich einschlagende Wirkung hatte danach nur noch Foucault. Ich kann von deren Schriften aus dem Stand stundenlang begeistert dozieren, sie zitieren und erklären, was mich daran fasziniert. Aber Habermas?

Er dürfte von denjenigen, die mich nie interessiert haben, derjenige sein, von dem ich am meisten gelesen habe. Seine Leistung: Als Nachfolger Adornos hat er alles kassiert, was die Alten an kritischem Potenzial aufgebracht hatten und durch die matschige Restauration eines Vernunftbegriffs ersetzt, der mit der Demokratisierung der Naziherrschaft nicht in Konflikt geriet.

Scheinriese

Man muss ja nur seinen weitgehend unbekannten Kollegen Wolfgang Fritz Haug lesen, um den Unterschied zu erkennen. Haug hat von Anfang an aufgezeigt, dass es stinkt im Staate; Habermas hat lieber an die von ihm verwaltete Vernunft appelliert. Haug ist Marxist, Habermas Sozialdemokrat, die Karrieren vorprogrammiert - wenn man davon absieht, dass Haug eigentlich aus dem Lehrbetrieb hätte entfernt werden müssen. Ob Haug als 'Linke'-Mitglied inzwischen auch als Sozialdemokrat gelten muss, mag ich hier nicht bewerten.

Was mir aufstößt, sind zwei Dinge, die mich zu dieser Einlassung bewegen: Inhaltlich kann ich mich an nichts, aber auch gar nichts Substanzielles erinnern, und zwar auch und gerade in Habermas' Äußerungen zum Tagesgeschehen, für die er so hochgelobt wird. Ich kenne auch niemanden, der das könnte. Ein Ereignis, anlässlich dessen man sich von ihm durchgerüttelt fühlte? Eine scharfe Kritik? Ein relevanter Änderungsvorschlag? Nichts. Dafür ist der Betrieb seinem Star offenbar dankbar.

Damit verbunden ist zweitens das völlige Fehlen eines radikalen Zweifels, wie er noch seine Vorgänger prägte. Kein Zweifel am Denken selbst, am System, an den Grundlagen der Herrschaft oder der Gedanke, dass alles, was als 'Demokratie' auftritt, eigentlich etwas anderes meinen könnte. Stattdessen Appelle an eine Vernünftigkeit, die angesichts früherer Theorien und späterer Praxis bestenfalls Rührung hervorrufen. Die Sonne steht tief im Denkerland.

 
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Ich pflege durchaus die schlimme Kultur, mir dumme Filme und Serien anzuglotzen, um mein Hirn zu sedieren. Nun gibt es dort Trends, die einem mehr oder weniger gefallen können, nicht zuletzt, weil sie es einem unmöglich machen, vor sich hin zu dämmern. Wie bereits einige Male erwähnt, war Uena selig aufgefallen, dass, wo einmal Forschergeist und Abenteuerlust Serien wie Star Trek haben entstehen lassen, in diesen Zeiten die Zombieapokalypse dominiert.

Ebenso nervig fallen Designkatastrophen auf, die vor allem 'historische' Verfilmungen völlig zerstören, so dass man sich mit Inhalten gar nicht mehr beschäftigen muss. Ob Antike oder Mittelalter, stets haben die Darsteller perfekte Zähne, sind durchtrainiert oder schlank gehungert, und wenn ihre Klamotten sich nicht eh strahlend weiß in die Waschmittelreklame einpassen, dann sind sie in albernster Weise auf gebraucht gebrasselt. Die Straßen sind gefegt, man sieht weder Müll noch Scheiße.

Schöne Geschichte

Dieser Geschichtsklitterung durch furchtbare Bewusstlosigkeit gesellt sich inzwischen eine weitere hinzu, weil verblödete Ideologen der verwöhnten Mittelschichtskinder ihren Genderama-Spralleria-Dung auch noch quer zu jeder Wissenschaft in die Produktionen pressen müssen. Das fängt schon bei pillepalle Phantasiebegriffen wie "Gender" an und nimmt dann schamlos den ganze Heile-Welt-Schmonzes, in dem wir uns gefälligst alle liebhaben, mit.

Geht es in Sci-Fi noch klar, dass etwa Homosexuelle ihre Beziehungen offensiv ausleben, Schwarze zu Helden werden und Frauen dominieren, so hat das in historischem Kontext (der fängt insofern in der Gegenwart an) nichts verloren. Es ist wirklich nicht zu fassen, dass die selbst ernannten Opferschützer glauben, indem man die Kämpfe, die Diskriminierungen und Demütigungen der 'westlichen' Kultur gegenüber Minderheiten und Frauen einfach leugnet, wäre irgendetwas gewonnen. Anstatt die Welt so darzustellen, wie sie war, wird sie so manipuliert, wie sich die Ideologen das eben wünschen. Rückwirkend und quer durch alle Genres.

Immer druff

Gerade die aktuell jüngeren Generationen kranken an der Frühdemenz, die sie glauben lässt, alles wäre schon immer so gewesen wie sie es jetzt erleben. Der Mangel an Zusammenhang im Denken und in der Informationsverarbeitung, das zerfallende Wissen, das quasi jedem nahelegt, doch zu glauben, was er will, ist epidemisch. Sogenannte 'Linke' meinen ernsthaft, das sei ein Werk rechter 'Populisten'. Derweil gehen sie selbst hin und betreiben dasselbe Geschäft. Die Welt ist eine Erzählung, und jeder erzählt das Märchen, das ihm am besten gefällt. Der Rest ist Fake News, Feindpropaganda.

Die Krönung vom Ganzen ist aber, dass der American Way of Solving Problems dabei stets unangetatset bleibt: Haben Helden zwar inzwischen weiblich, farbig und schwul zu sein, so bestimmt ihre Heldenhaftigkeit sich weiterhin dadurch, dass sie aus dem Weg räumen, was sie als böse® erkannt haben. Was das ist, wer das ist und was man mit denen macht, bestimmen sie in einem Aufwasch. Niemals hingegen kämen diese Helden auf die naheliegende Idee, einfach zu leben und leben zu lassen. Einmal im Heldenleben nachgeben. Wie doof wäre das denn!

 
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Im Sinne meiner Oberflächenbeschreibungen aka "Narrativ" muss ich mich heute noch einmal mit den Beschreibungen des Kapitalismus befassen, wie sie von dessen Befürwortern gern abgeliefert werden. Das fängt hierzulande bekanntermaßen schon mit propagandistischen Umbenennungen an. Kapitalismus heißt längst nicht mehr so, sondern grundsätzlich "Marktwirtschaft", der noch das Prädikat "sozial" vorgestellt wird. Wenn eigentlich von Profit die Rede ist, heißt es je nach Thema "Arbeitsplätze", "Gewinne" oder "Wachstum". Kapital heißt "Investoren" und so fort.

Diese Umschreibungen sind quasi die Oberfläche der Oberfläche, hier kann man noch halbwegs erkennen, was sie eigentlich verdecken, zumal wenn man Schlüsselbegriffe wie "Wachstum" durchschaut, das als Selbstzweck nicht begründbar ist und damit recht unmittelbar auf die Mythologie weist, die dahinter steht. Wenn man dann noch Hayek gelesen hat, weiß man auch, wie die Messe in dieser Kirche zelebriert wird.

Wer hat's erfunden?

Erfolgreicher sind freilich Inhalte, die ein wenig tiefer liegen und im Alltagsverstand als selbstverständlich gelten, obwohl oft das Gegenteil der Fall ist. So reklamiert der Kapitalismus für sich Errungenschaften, die ihm nicht zustehen. Allem voran ist das Prinzip der Arbeitsteilung zu nennen, das sehr viel älter ist und das sich überall dort entwickelt, wo es eben benötigt wird - auch ohne dass Profit das Ziel ist. Einfaches Beispiel hierfür ist die Brotproduktion. Bauern säen und ernten, Müller mahlen das Korn und Bäcker backen Brot. Dazu braucht es kein Geld, das vermehrt wird.

Dasselbe gilt für die technische Entwicklung. Als habe es diese nicht schon vor dem Kapitalismus gegeben! Es gibt sie sogar mitten in ihm ohne Profit, bekannt etwa durch Open-Source-Produkte oder "(Creative) Commons". Zudem braucht es immer noch Köpfe, die entsprechende Ideen hervorbringen. Dass der Kapitalismus diese Kreativität ausbeutet, macht ihn nicht selbst zur Essenz der Erfindungen. Im Gegenteil unterdrückt er alle Entwicklungen, die dem Profit im Wege wären oder Menschen unabhängiger von Lohnverhältnissen macht.

Nach wie vor ist die aggressivste Behauptung der Propaganda, dass ausgerechnet Kapitalismus die Voraussetzung für 'Freiheit' sei. Sie nutzt dabei die vielschichtige Bedeutung des Begriffs, wobei sie mit Absicht das Eine meint und das Andere sagt. Zu verstehen ist unter solcher "Freiheit" die der Eigentümer, ihr Eigentum zu mehren, sprich: Profit. Garniert wird das Ganze regelmäßig mit Schauergeschichten von der vermeintlich einzigen Alternative: Kommunismus, Sozialismus, autoritärer Staat, Diktatur.

Wo Kritik versagt

Dem wird erstens unterstellt, er führe quasi zwangsläufig in die Pleite und zweitens, dass er eben autoritär sei. Dabei leugnet diese Propaganda unter der Hand die Existenz aller faschistischen Diktaturen und Parteien der Geschichte. Die Frage, ob Faschismus mit einer gewissen Logik aus dem Kapitalismus hervorgeht, kommt hier erst gar nicht auf. Dass die autoritären 'Kommunisten' derweil keine waren und statt Kommunismus einen halbgar gelenkten Kapitalismus samt Geldwirtschaft und Lohnarbeit pflegten, kommt ebenso wenig zur Sprache wie dass das 'kommunistische' China irgendwie gar nicht so pleite ist.

Die Unfreiheit der Abhängigen, die von ihrer Schufterei nicht leben können oder gar nicht erst die Chance dazu bekommen, wird gleich ganz verschwiegen bzw. einfach zur 'Freiheit' umgedeutet. Schließlich haben sie dasselbe Recht reich zu sein wie die Reichen auch. Damit ist Freiheit und Gleichheit Genüge getan. Mehr wäre nämlich Gleichmacherei, ergo Diktatur.

Propaganda stört sich nicht an solchen schreienden Widersprüchen; sie schreit einfach lauter, und wo ihr das lange genug gelingt, sickert der ganze Blödsinn ins Narrativ und wird für bare Münze genommen. Was die Kritik am Kapitalismus anbetrifft, die hier sogar am offensichtlichen Blödsinn scheitert, wird das wohl mit den Kritikern und ihren Strategien zusammenhängen. Wo es keine nennenswerten Gruppen und Strukturen gibt, die solche Kritik leisten, kommt man mit diesem Quatsch eben durch und streitet nur mehr darüber, ob Putin schuld ist oder ein anderer alter weißer Mann.

 
Ich habe es schon wieder getan. Ich sprach mit den Sozen. Der eine hat mein Buch nicht einmal gelesen, der andere weiß besser, was ich meine, als ich selbst. Aber wartet, lasst mich erklären, ihr macht einen Fehler ... Hartmut ist auch dabei, das gibt dem Ganzen neben dem gemäßigten Entertainment auch ein gewisses Niveau. Ich finde, wir sollten immer einen Hartmut haben.

Zwar werde ich in diesem Leben kein Radiosprecher mehr werden und höre mich weniger gern reden als man mutmaßen möchte, aber ich finde es tatsächlich ganz kurzweilig. Es ist sogar beinahe am Rande kontrovers, aber nur aus Gründen, die quasi mit dem Gegenteil des Inhalts zu tun haben. Bin ich arrogant? Ich liebe mich trotzdem. Ich glaube nicht, dass irgendwer ein Inhaltsverzeichnis braucht, aber die haben auch eins. Man lässt sich ja nichts nachsagen.

Have a lot of fun!

 
Potztausend!

 

Download (mp3)

00:04 Intro. Harmut Finkeldey ist auch dabei.
01:48 Tom liest einen Klappentext vor.
02:40 Warum nur, warum??
04:59 Geht es auch ohne Narrativ? - Roberto will die Antwort nicht hören.
08:20 Ist Greta Thunberg ein Narrativ aka ist Thunfisch eine Dose?
11:40 Wo das Narrativ aufhören könnte
13:00 Der Mythos der "Trümmerfrauen", noch ein Element des Narrativs
15:10 Dem Narrativ sein' Lauf hält weder Fakt noch Wissen auf
(der fleißige Deutsche).
19:15 Die Propaganda und die Arbeitslosenzahlen (seit 1982)
24.00 Wer ist David Hasselhof und was macht der in meinem Radio?
25:00 Noch mehr Arbeitslosenzahlen - ab wo geht es uns allen gut?
28:00 Wir sprechen über Wohlstand und Wachstum. Verdammt, reingefallen!
29:00 In der zwei-Drittel-Gesellschaft: Was ist noch Demokratie?
32:00 Noch einmal: Gesellschaften ohne Narrative? Boah ey ...
36:30 Was ist "konservativ" und was hat das mit Christentum zu tun?
37:30 Pack verträgt sich: Die Grünen sind christlicher als die CDU.
38:30 Wenn wir schon dabei sind: Ohne Bibel keine Bildung.
41:10 "Wo will dein Buch hin?" - der geheimnisvolle dritte Grund
45:00 Und tschüss! (Kleine Dinge)

 
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In einem schlecht hinter einer Bezahlschranke versteckten Artikelchen erzählt uns Annette Großbongardt in Relotius-plus Manier von Steinen, ditschen und Treppen. Eigentlich aber geht es um Zwangsadoptionen durch "das DDR-Regime". Bevor ich inhaltlich darauf eingehe, muss das an prominenter Stelle notiert werden, denn es ist die wohl meist angewendete Waffe des BRD-Narrativs in Bezug auf die Vergangenheit ihres Teilstaats: Was immer dort jemand in staatlichen Einrichtungen tat, sofern man es moralisch verurteilen kann, ging auf das Konto des 'Regimes'.

Während auf dieser Seite der geistigen Mauer vor allem die Verbrechen öffentlicher Einrichtungen entweder bloß "Pannen" sind oder die Verfehlungen Einzelner, ist jede Missetat des Ostens eine des Unrechtsstaats®. Einige Beispiele dazu: In der BRD wurden Heimkinder zu medizinischen Experimenten missbraucht. Man hatte dazu niemanden um Erlaubnis gefragt, nicht die Eltern und schon gar nicht die Betroffenen selbst, sondern sich auf die Diskretion der kooperierenden Heime verlassen.

Regime des Kapitals

Niemand kommt hier auf die Idee, ein (kapitalistisches) Regime dafür verantwortlich zu machen, und weil das ja ohnehin ausgeschlossen ist, fragt der kritische Journalismus® hier auch gar nicht erst danach, wie etwa die Heime und Kliniken dazu motiviert wurden, diese Menschenversuche durchzuführen. Zusammenhänge mit dem politisch-ökonomischen System interessieren hier schlicht nicht.

Auch was die zigtausend Fälle von Kindesvergewaltigungen anbetrifft, die größtenteils in kirchlichen Einrichtungen stattfanden, spricht niemand von 'Regime'. Niemand stellt die Frage nach den Verflechtungen von Kirchen und Staat, niemand die nach Machtstrukturen, die so etwas ermöglichen. Einzelfälle, so weit das Auge sieht. Man stelle sich vor, das hätte es in Heimen der DDR gegeben!

Eigenverantwortung

Schließlich: Wenn es eine Staatsräson gibt, die hier von Behörden gnadenlos durchgezogen wird, wenn es ein ersichtliches Interesse an einem Behördenregime im Dienst von Kapitalinteressen gibt, so ist das jenes, das unter "Hartz-Gesetze" bekannt ist. Mitarbeiter, die ihre "Kunden" genannten Opfer schikanieren, aushungern, demütigen; es sind auch hier tausende Fälle bekannt, die meist am Rande der Legalität für ein Klima der Angst sorgen, das Lohnabhängige gefügig macht. Wo das definitiv illegal wird oder nachweislich Todesopfer fordert, sind es wieder Einzelfälle.

Das westliche Narrativ ist völlig blind für die Realität in der DDR und damit auch für die eigene. Nicht bloß, weil jene in Geschichtsvergessenheit versinkt und sich umso leichter zum Instrument der Propaganda machen lässt, sondern weil die Maßstäbe von vornherein extrem unterschiedlich sind. Legte man die, welche stets gegen die DDR angelegt werden, auch auf die BRD an, sie wären genau so falsch, könnten aber durchaus für die eine oder andere Erkenntnis sorgen. Umgekehrt gilt selbstverständlich dasselbe.

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