narrativ


 
bt

Auf die Frage, was denn kein Narrativ sei, habe ich einmal auf Wissenschaftlichkeit verwiesen. Diese folgt Regeln; es geht um Falsifikation, ggf. um Verifikation, um Revision, kurz: um einen Prozess der Erkenntnis, der sich immer wieder überprüft und erneuert, aufgrund dessen, was man wissen kann. Dies ist eine völlig andere Struktur als die der Erzählungen, sei es nun in Propaganda, Prosa oder Alltag.

Was wir derzeit erleben, ist eine Orgie der Narrative inmitten eines Problems, das nur wissenschaftlich zu verstehen und zu lösen ist. Fatal, dass ausgerechnet Wissenschaftlerdarsteller Geschichten so erzählen, wie sie ihnen gefallen, während die seriöse Wissenschaft noch mehr Fragen als Antworten kennt. Das Ganze läuft live vor einem Weltpublikum, dem schon die Geduld fehlt, auf die langatmige Wissenschaft zu warten.

Du kannst alles erzählen

So verspinnen sich vor allem unter denjenigen, die sich in der akuten Situation extrem unwohl fühlen, sprichwörtlich alle möglichen Narrative. Das geht so weit, dass die Sucht nach Heilsversprechen, Helden und Drama Erzählungen gebiert, die als Drehbuch zu einem Film keine Chance hätten, sind sie doch zu plump konstruiert und durchschaubar. Da draußen kannst du sie derzeit erzählen.

Einen interessanten Twist gab es neulich, als das Hetzblatt beim Bäcker eine Kampagne gegen den aktuell gefragtesten Wissenschaftler startete. Selbst als die genannten Gewährsleute sämtlich spontan die Anwürfe revidierten, blieb der Verlag einfach bei seiner Behauptung und offenbarte dabei, dass es ihn gar nicht interessierte, wie die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern funktioniert. Das Publikum durfte sich derweil eine Seite aussuchen.

Einfach mal was erzählen - das ist durchaus der Job von 'Journalisten', im Rahmen der Verlagslinie, versteht sich. Das kommt der Realität sehr viel näher als angeblich 'gründlich recherchierte' objektive Berichte. Das HbB verfolgt dabei Strategien: Erstens selbstverständlich Profit. Prominente zu beschimpfen, bringt Aufmerksamkeit und verkauft Papier. Obendrein sind viele fanatisierte Gegner darunter, denen man damit Munition liefert. In diesem 'Diskurs' ist Wahrheit längst irrelevant.

Geschwätz von heute

Zweitens ist der Verlag selbst einer der wichtigsten politischen Influencer im Land. Daher kann es ihm nicht gefallen, wenn Wissenschaftler, zumal ein Einzelner, derart an Einfluss gewinnen. Die Kampagne ist also sehr durchschaubar, die Inhalte nachweislich falsch, als Erzählung taugt es aber bestens. Die muss sich auch gar nicht lange halten, da die Gesamtsituation und deren Interpretation sich laufend ändern.

Hier wird auch deutlich, dass es nicht immer staatliche Propaganda sein muss, die die Wahrheit wie eine Lawine unter sich begräbt. Selbst der oft unerträgliche Konsens der Medien ist dazu nicht notwendig. Wenn die Situation es zulässt und die Menschen nach Stories nachgerade gieren, werden diese geliefert. Beim Bäcker, bei YouTube und nebenan. So lange der Nebel der Unsicherheit wabert, ist dagegen kein Kraut gewachsen.

 

Die Jahrhundertrede des großen von Weizsäcker
vs.
ein Kommentar von B.

 
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Beherrscht modernste Technik: sog. "Nerd" beim "Hacken".

Es gibt Themen, die kann man tatsächlich Jahre vor sich hin schieben. Schon lange wollte ich mich einmal mit einem der dümmsten modernen Mythen befassen, der "Digitalisierung". Die von mir nicht gerade hoch geschätzte Wikipedia weist immerhin schon darauf hin, dass es die Nämliche bereits seit den 70er Jahren gibt. In Bezug auf die Funktionsgrundlagen des Kapitalismus, die ja immer im Mittelpunkt der Politik stehen, ist sie auch nichts Neues. Ich selbst habe im Jahr 1998 einen technisch schon recht rückständigen Betrieb von der papiernen Personalverwaltung befreit. Seit mehr als 20 Jahren ist die Welt also bereits ziemlich durchdigitalisiert. Allein der Breitbandausbau ist im Land der Telekom immer noch auf den Niveau eines Drittweltlandes.

Das hätte man längst ändern können, aber bis heute ist die Entwicklung auf diesem Terrain ein Trauerspiel. Lieber geben sich ahnungslose Bingo-Bullenreiter modern, indem sie die magischen Formeln raunen: "Industrie 4.0, Internet of Things, Cloud Computing, Big Data, Blockchain, Quantencomputer" und vor allem natürlich "KI". Das alles, zusammengefasst, ist 'Digitalisierung', so wie "Eimer, Schüppchen, Sand, böser Onkel, Schnuller, Mama, Regenmantel, Klettergerüst und Rutsche" eben 'Spielplatz' sind.

Töfte! Ganz neu!

Dass seit der Herrschaft des Smartfons nicht nur die Industrie, sondern die komplette Gesellschaft wie auf Turkey an digitalen Geräten und ihren Funktionen hängt, ist 'Erkenntnis'. Die aber scheint sich noch nicht bis in den Verstand derjenigen vorgewagt zu haben, die jenen Quatsch von der Digitalisierung nicht nur ernst meinen, sondern das auch noch für den Ausweis halten, sie seien voll up-to-date. Im Gegenteil sind sie das Gegenteil, und wenn es etwas bräuchte, wäre das eine De-Digitalisierung der Gesellschaft.

Wie quasi immer, fragt sich der faszinierte Zuschauer, ob diese Inkompetenz das Original des Problems darstellt oder nur Staffage ist - in dem Fall für jene im Kreise der politischen Entscheider, die ihre Digitalisierung des Überwachungsstaates längst in erschreckende Dimensionen vorgetrieben haben und den Hals nicht voll kriegen können von Daten, die zu schützen sie gar nicht vorhaben. China ist überall, wenn es denn dem Schutz der Bevölkerung und einer möglichen Demokratie vor sich selbst geht. Warte nur ein Weilchen.

Derart zwischen Entsetzen und bleierner Müdigkeit oszillierend, frage ich mich, für wen dieser Karneval eigentlich noch veranstaltet wird. Wer technischen Sachverstand mitbringt, kann kaum mehr schmunzeln über die vergilbte Werbetafel, wer beruflich damit zu tun hat, ohnehin nicht. Bleiben also noch Idioten, die sich mit Parolen wie "jetzt ganz modern, ausgeflippt und sexy" ködern lassen und die ohnehin bald Toten, denen du alles erzählen kannst. Ach ja, und vermutlich die Honoratioren ab der zweiten Reihe, die auf die Rückkehr von Jesus oder Willy Brandt warten. "Digitalisierung", my ass!

 
xx

Schon lange bin ich der Auffassung, dass nur eine politische Partei immerhin vage hält, was sie verspricht und ihre Wähler mäßig zufriedenstellt, nämlich die Union. Sie ist im Grunde die optimale Vertretung einer religiös-ideologischen Veranstaltung, die als Begleitmusik und Schlafliedsängerin den Kapitalismus durch alle seine Phasen mit eiserner Ignoranz begleitet. Ihre Wähler wollen genau das: so tun, als hätte sich nie etwas geändert und es würde immer so bleiben.

Die Slogans passten jeweils perfekt. Als noch (und sei es pro forma) das schlimme Andere drohte, versprach sie "Freiheit statt Sozialismus". Das mit der Freiheit war mehr dem Narrativ geschuldet, das war halt der gute Westen und das Andere eben unfrei®. Zu viel Freiheit führt nur ins Chaos. Demgemäß auch der Schwenk hin zum "Weiter so Deutschland", ein Dauerbrenner wie der ewige "Aufschwung" (West, Ost, allerlei), der ebenfalls bildlich die geistige Schiffsschaukel bediente: immer hinauf, ohne den Standpunkt zu ändern.

Nach dem Sturm der Orkan

Okay, Schaukel ohne Abschwung ist ein bisschen komisch, aber so ist das im Kapitalismus eben: Das heißt dann "Negativwachstum" und wird so lange ignoriert, wie nicht der Sozialist daran schuld ist. Dafür ist die Partei ja da, dass es nicht zu intellektuell wird. Alles wird gut - nein ist ja schon gut, wo wir "gut und gerne leben". Die Vorturnerin nennen sie derweil "Mutti". Gute Nacht, gib mir einen Kuss!

Diese infantile Konstellation führt folgerichtig in der aktuellen Pandemie dazu, dass potentielle Anhänger dieser Union sich das Deckchen über den Kopf ziehen und sich das alte Schlaflied singen lassen. Wenn sie dann aufwachen werden und die Schaukel aus der Achse gerissen ist, kann es zu lautem Geheul kommen. Wenn dann auch noch Mutti in den Sack gehauen hat, kann der Rest der Kasperletruppe versuchen, den Kindergarten zusammen zu halten. Vielleicht kommt dann Papa Söder. Der kann das zwar nicht, aber das hatten wir Angie damals auch nachgesagt.

Problem: Der größere Teil der Union braucht demnächst einen neuen Bestimmer im Turnraum. Je nach dem, was den Ambitionierten (ein Charakterzug, der zu einer erzreaktionären Truppe übrigens nicht passt, das ist einer der wenigen Strukturschwächen der Bude) dann einfällt, haben wir sofort den großen Schlamassel: Weiter so im tiefsten Dreck mit einem Saubermann, der zu den großen der Größen aufschließen will, das kann fürchterlich schiefgehen, und diesmal gibt es keine Chance, den blöden Sozen die Aufräumarbeiten zu überlassen.

 
fr

Nicht alles, was kommuniziert wird, ist eine Erzählung. Es gibt (mindestens) eine Alternative dazu: Wissenschaft. Diese strebt ihrem Zweck gemäß nach Wahrheit. Sie versucht herauszufinden, was ist und was daraus folgt. Ihr Fortschreiten ist davon geprägt, dass neue Erkenntnisse stets zur Überprüfung der alten führen und umgekehrt. Was sich als falsch erwiesen hat, fliegt raus.

Sie strebt weder nach Unterhaltung noch nach Aufmerksamkeit oder Schönheit. Dass ein ganzer wissenschaftlicher Betrieb diese Gesetze oft konterkariert, heißt nicht, dass sie nicht gelten. Verwertungsinteressen oder Karrierezwänge korrumpieren sie, aber wenn ein Wissenschaftler gegen die Regeln der Wissenschaft, besser noch: Wissenschaftlichkeit verstößt, ist das, was er treibt, keine Wissenschaft mehr.

Alles gut

Gerade in der Corona-Zeit erweist sich das als Problem, das Demokratie an ihre Grenzen bringt und zeigt auf, wie der Meinungsmarkt Hand in Hand mit dem Bedürfniss nach Erzählungen Erkenntnis wirksam verhindert. Die meisten Menschen bevorzugen Geschichten, denen sie sie zustimmen können. Sie sind getrieben von ihren Erfahrungen und deren meist wenig komplexen Verarbeitung sowie dem Bedürfnis nach jemandem, der ihnen sagt, dass alles gut werde.

Letzteres ist auf die eine oder andere Weise zu haben: Die Einen übergeben sich der Autorität, von der sie Schutz erwarten. Dafür verzichten sie auf ihre ohnehin geringen Freiheiten. Dies sind vor allem sog. "Konservative". Die Anderen stecken den Kopf in den Sand und ziehen ihn nur heraus, um sich von ihren Autoritäten bestätigen zu lassen, dass alles in Ordnung sei. Krise? Welche Krise? Alles nur erfunden, aufgebauscht und abgekartet, Mittel zum Zweck. Es besteht gar keine Gefahr.

Alles Idioten

Diese beiden Fraktionen wissen voneinander. Jeder, der in einer Stellung bezogen hat, ist umgeben von Vertretern der anderen, und alle sind sie sich sicher, dass die Anderen alle Idioten sind. Vielleicht haben sie beide sogar recht.

Wissenschaft ist selten einfach, und sie erfordert ein strikt wissenschaftliches Denken. Die Materie ist stets komplex, und je dünner die Informationsdecke ist, desto schwieriger ist das Fortkommen, insofern ist sie vergleichbar mit einem Puzzle oder einem Kreuzworträtsel. Letzteres löst man nicht, indem man in eine bestimmte Reihe immer dieselben Buchstaben einträgt.

Alles ganz einfach

Das Rätsel einer Pandemie hat sehr viel mit Logik, Statistik und Mathematik zu tun. Ein Fehler der journalistischen Erzähler und ihrer Zulieferer aus der Wissenschaft ist immer wieder der zu glauben, man könne auch etwas verstehen, wenn man das alles weglässt. Ein vereinfachtes Verständnis ist aber oft das Gegenteil von Verständnis.

Die in Entscheidungsprozessen oft notwendigen Einschätzungen, die mangels hinreichender Informationen vorgenommen werden, führen beim Publikum oft zu dem Irrtum, 'die' wüssten es ja auch nicht besser und daher sei das Ungefährwissen des Laien dem Fachwissen ebenbürtig. Kopfschmerzen!

Sie machen sich in der Regel keinerlei Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Risiko zeitnah einschätzen zu müssen. Das macht kein Wissenschaftler und auch kein Politiker freiwillig. Das ist ein Scheißjob, ganz ohne dass eine geheime Weltregierung die Befehle dazu erteilt.

 
xx

Das seltsame Modell einer Demokratie - der Begriff und seine erzählerische Qualität werden auch noch näher zu betrachten sein-, in dem wir es uns mehr oder weniger gemütlich gemacht haben, benimmt sich ziemlich exakt wie ein sterbender Stern. Liebhaber halbwissenschaftlichen (und damit unwissenschaftlichen) Unsinns haben vielleicht zu Anfang des Jahres gelesen, dass Beteigeuze, ein prominenter Stern im 'Orion', zu platzen drohte, in einer Supernova.

Das wird er sicher irgendwann tun, astronomisch betrachtet recht bald, allerdings könnte die Menschheit dann schon lange Geschichte sein. Davor pumpt er sich erst einmal auf, wird wieder schwächer und so fort, und zwar schon im Normalbetrieb. Kurz vor seinem Ende wird sich das extrem verstärken, wenn auch aus völlig anderen gründen. Nach dem Eisen kommt halt der Knall, eine nette Allegorie.

Supernova

Schon vor Corona bebte die Parteienlandschaft aufs Heftigste; was danach kommt, wird auch wieder spannend werden. Derweil, in einer Krise, die wahrzunehmen die Menschen ausnahmsweise einmal gezwungen sind, 'vertrauen' sie plötzlich denjenigen Stellvertetern, denen sie sonst nicht einmal zutrauten, aus dem Bus zu gucken. Woher der Sinneswandel? Das sind halt die Autoritäten, die wir haben.

Da trennt sich insbesondere die Spreu der rechten Trolle vom Weizen der Konservativen: Erstere kann man prima brauchen, um rumzupöbeln und sich aufzublasen, aber wenn es an die Arbeit geht, vertraut man sich denen an, die sie wenigstens schon einmal schlecht gemacht haben. Sehr schlecht, übrigens. Plötzlich sind sie alle wieder beliebt: die Kanzlerin sowieso, weil eben im Amt, der Weizenbierkönig auch, weil eben autoritär, und selbst die Nützlinge von der Sozialdemokratie profitieren ein bisschen davon, dass Volk Führer sucht. Der Stern leuchtet.

Lange wird diese Stufe der Energiegewinnung nicht zünden, dann wird die Gravitation wieder mächtig ziehen an den Lichtgestalten und Volk sich ggf. anschauen, was sie denn eigentlich so getan haben, wie sie es getan haben und ob das wohl wirklich so gut war. Zudem wird es Probleme geben, die sie mit allen miesen Tricks und selbst all den Mitteln, die Jahrzehnte lang Tabu waren, nicht in den Griff bekommen werden. Ob sie es dann noch auf die nächste Fusionsstufe bringen oder der Laden dann schon auseinander fliegt, wird sich zeigen.

 
xx

Man sollte denken, das mit dem Nikolaus wäre der Fehler. Sankt Martin, Osterhase, schlimmstenfalls irgendein Monster, das die Kinder holt, wenn sie nicht artig sind. Alles Quatsch, wahlweise auch Lüge, Betrug, Ammenmärchen. Wenn die Kinder dann groß geworden sind und aus den Kindern Erwachsene, wissen sie alle, dass das eben nur Figuren sind, erfunden für Erzählungen. Na ja, fast alle.

Der Eine nämlich, den gibt es 'wirklich': Gott, liebe, der, seines Zeichens und wie der Name schon sagt, allmächtig und gütig. "Gütig und allmächtig" wie in Sodom und Gomorrha, Pest und Cholera, Auschwitz und Hiroshima. Geht alles.

Glauube miir ..

"Frag‘ nicht warum ..." ist einer der Sätze, die eine ganze Pädagogik geprägt haben. Was Allmächtig und Gütig anbetrifft, so überlässt man die 'Begründung' - ein Muster, dem wir recht häufig begegnen – den zuständigen Experten. Die nennen das, was Gott gütig sein und seinen Schäfchen die Hölle auf Erden bereiten lässt, in gut informierten Kreisen auch "Theodizee".

Es gibt für alles einen Grund, und bei diesen Experten ist das zumeist die "Prüfung". Ein unsichtbarer Mann, der alle Menschen liebt, schenkt ihnen Atombomben, Kapitalismus und Pogrome – weil er sie prüfen will, und wer nicht mitglaubt, ist raus. Die Großeltern glauben es, die Eltern glauben es, das ganze Dorf glaubt es. Die können sich ja nicht alle irren Da sind doch kluge Menschen dabei. Sogar Experten. Selbst Juden und Japaner glauben an Götter. Wenn das nicht der Beweis ist!

Wenn man sich – wenn, denn das Hinterfragen von Erzählungen, zumal öffentlich, war noch nie so recht in Mode – wenn man sich also fragt, wie die Erzähler solch absurder Geschichten je mit dem Anspruch durchkommen konnten, das sei die Wahrheit, ist man schon auf der falschen Fährte. In Kern geht das einfach so: Du musst sie nur oft genug erzählen, dann wird sie lebendig. Dann wird sie Tradition und dann überlebt sie jeden Erzähler, der sich jemals etwas dabei gedacht hatte.

p.s.: lob des säzzers: er hat nie behauptet, gütig zu sein.

 
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Wie auch allgemein in der 'historischen' Betrachtung des Nationalsozialismus in Deutschland ist der Blick auf die Vorgeschichte verseucht vom gängigen Narrativ. "Weimar", so ist der wabernde Konsens, wurde durch zu viele Kleinparteien und die Extremisten von links und rechts® entdemokratisiert. (Zur Extremismustheorie hier ein kurzes Video). Das ist keine Analyse, es ist lediglich eine Behauptung, die den Mythos bedient von der guten Demokratie der Mitte, die nur von außen bedroht werden könne.

Falscher geht gar nicht. Was Weimar an Demokratie zu bieten hatte, konnte nicht standhalten gegen die Angriffe von innen - Wehrmacht, Polizei, Gerichte und die mangelnde Autorität des Rechtsstaats. Sobald die wirtschaftliche Situation, in diesem Fall sowohl für das Kapital als auch für die Menschen, instabil wurde, wurde aufgeräumt mit der "Quasselbude", und der längst vorbereitete Putsch musste nur noch losrollen.

Déjà vu

Diese Aspekte sind es, die zu einem Vergleich mit der aktuellen Entwicklung zwingen. Es springen nicht nur die Faschisten aus der Deckung auf die Bühne und erzielen gewaltige Wahlerfolge. Nicht minder werden die Faschisten im Staatsdienst mutiger und besetzen mit ihrer Machtgier die Stellen, an denen der Rechtsstaat bereits ausgehöhlt wurde. Außenpolitisch wurden die Menschenrechte geradezu aufreizend zu einer Frage der kulturellen, westlichen Identität. Muslime, Afrikaner, Russen und Chinesen sind Feinde; im Zweifel "gesetzlose Kämpfer", die gefoltert und ohne Urteil hingerichtet werden.

Innenpolitisch sind die Bürgerrechte das Papier nicht mehr wert. Jeder darf überwacht werden, und zwar von allem, was irgendwie staatlich ist - Geheimdienste, Kriminalämter, Polizeien und Zoll. Aus dem unbedingten Schutz der Privatsphäre wurde das Gegenteil - jeder ist jederzeit verdächtig.

Nicht nur, dass man vor solchem 'Rechtsstaat' keinen Respekt haben kann; es wurde damit ein unerschütterliches Fundament für die nächste Diktatur gelegt. Alle Instrumente sind da. Zu dumm, dass von den Geheimdiensten über die Bundeswehr bis hin zu den Polizeien die gesamte Exekutive Spielwiesen für Nazis sind. Tag für Tag 'Pannen', 'Skandale' und 'Einzelfälle', nicht zuletzt unter 'Elitesoldaten' und in SEKs, und jetzt das:

Ein bisschen verrannt

Die Ermutigung der Faschisten durch deutsche Gerichte geht wieder genau so los wie dereinst. Faschistische Terroristen, zum Mord bereit - nachdem ihre Kumpane bereits zugeschlagen haben - können sich auf den Rückhalt durch Gesinnungsgenossen in Roben verlassen. Zitat aus der Aufforderung, fleißig weiter einen faschistischen Umsturz vorzubereiten: (danke, R@iner):

"Das Gericht sah das alles etwas anders. Es nahm Marko G.s Reue ab und dass er sich bei der Vorbereitung auf einen Tag X verrannt habe. Waffen und Munition seien zwar „teilweise unsystematisch aufgefunden worden“ und Marko G. habe sich auch nach der ersten Durchsuchung 2017 illegalerweise Behördenmunition beschafft, das sei allerdings „in einem deutlich geringerem Umfang als zuvor“ gewesen. „Das ging schon in die richtige Richtung“, so der Richter. [..] Auch dass die Nordkreuz-Gruppe ein Kassenbuch zum gemeinsamen Munitionskauf führte, spreche gegen kriminelle Energie. „Wer Straftaten plant, der schreibt es nicht so einfach auf.“ [..] Zu Gunsten des Angeklagten wertete das Gericht auch, dass es ein großes mediales Interesse an dem Prozess gegeben habe. Zusammen mit den erheblichen Sicherheitsmaßnahmen könne da sehr schnell der Eindruck einer Vorverurteilung entstehen."

 
ef

Bei dieser Gelegenheit muss ich noch einmal mein Buch empfehlen, das mehr Leser verdient hätte als es bislang erreichte. Wo ich mich mit dem Deutschen Narrativ befasse, steckt natürlich mehr dahinter. Eine Realität, die sich offenbar nicht abschütteln lässt etwa, die wiederum eng verknüpft ist mit dem amerikanischen Teil des Narrativs, der im Buch recht kurz kommt.

Es ist inzwischen wie auf den Kopf gestellt: Die Präsenz des Narrativs über die USA als Befreier, Hüter der Menschenrechte und moralisch souveräne Weltpolizei verhindert, dass wir an den Kern unserer eigenen Geschichte rühren, während sie sich wiederholt. Das Bindeglied zwischen Freiheit, Demokratie und Faschismus ist der unsichtbare Elefant - unsichtbar, weil jeder weiß, wer da alles in Schutt und Asche trampelt, man seinen Namen aber nicht nennen darf.

Als die Amerikaner als mächtigste Fraktion der Alliierten Westdeutschland reformierten, taten sie das, weil sie eben so demokratisch sind. Sie lieben doch - alle Menschen; so das Narrativ. Die Deutschen konnten ihr Glück nicht fassen, dabei mitmachen zu dürfen, drohten doch der Pranger für eine untilgbare Schuld und eine angemessene Demütigung nach dem Massenmord und dem zweiten verlorenen Weltkrieg. Es kam aber ganz anders.

Menschenfreunde

Das Kapital hatte andere Interessen. Nun kann man sagen, obwohl es nicht zu leugnen ist, dass dadurch massenhaft Nazis und ihre Verbündeten weiter Karriere und Profit machen durften, dass es ja doch zum besseren beigetragen hat. Sofern nicht trotzdem geleugnet wird, ist das ja auch wiederum die gängige Sichtweise. Es blendet aber völlig jeden ursächlichen Zusammenhang aus zwischen Kapitalismus und Faschismus - der ja nach dem Krieg sogar von der CDU erkannt worden war.

Eine der Lebenslügen der jungen Musterdemokratie BRD liegt darin, dass der Luxus, auf dem sie gebaut wurde, schon immer das Elend der anderen war. Die Ausbeutung der Welt durch den inkarnierten Exportweltmeister wurde schon immer ausgeblendet. Schon gar nicht wollte irgendwer etwas wissen von geostrategischen Kriegen, Bündnissen mit Diktatoren und Juntas, die Opposition und Gewerkschaften niederknüppeln und ermorden ließen.

Und auch seitdem es Allgemeinwissen ist, dass in der Produktion von Luxusgütern furchtbare Zustände herrschen, sei es bei Rohstoffen, in der Textilindustrie oder bei der Herstellung von Elektronik, zuckt der Michel nur mit der Schulter und lässt sich beruhigen durch Märchen wie dem von der Überlegenheit der deutschen Industrie und ihrer fleißigen Angestellten. Woanders hungern sie und springen aus dem Fenster? Damit haben wir doch nichts zu tun.

Die nächste Runde

Das ist bei Weitem nicht der Punkt, an dem die faschistische Ideologie anfängt, aber einer, an dem offensichtlich wird, wie kalt und abwertend das Verhältnis der Menschen im Kapitalismus ist zu denen, die dieser notwendig versklavt. Ihnen wird dann eben Minderwertigkeit bescheinigt, sei es moralisch, bezüglich ihrer angeblichen Leistungsbereitschaft oder gleich genetisch. Das ist am Ende ohnehin eine Sauce.

Wie oft muss Kapitalismus sich derat offenbaren, bis die Zusammenhänge endlich (an)erkannt werden? So wie die USA mit ihrer NATO in hunderten Kriegen seit dem 'Zweiten' brutal ihre Interessen durchsetzen oder weltweit Menschen verfolgen und foltern lassen, die ihnen im Wege sind, wurden die Profiteure schon immer als moralisch unantastbar dargestellt und die Opfer für ihr Leiden noch beschuldigt. Der freidrehende Nationalsozialismus war eine besondere, deutsche Form dieser Entwicklung des Kapitalismus, der aktuelle Trumpismus ist eine andere.

Derweil wächst hier wieder zusammen, was zusammen gehört: Die Nazis im tiefen Staat und die in den Parlamenten machen sich Hoffnung und schmieden Pläne, der Rest zerlegt sich unterdessen auf der Flucht vor der Wirklichkeit. Man hört und liest darüber so gut wie nichts. Es sind immer dieselben, die rufen und dieselben, die derweil das Radio lauter drehen.

 
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Wisst ihr, wie wir 1975 das Ende der Naziherrschaft gefeiert haben? Ach was, das war ja schon 30 Jahre her. Wer wollte das schon wissen? Ach doch, ja: Dresden, das arme Dresden! So viel Trauer! Überhaupt war der Schwerpunkt der Bewältigung vom Grauen Star geprägt Selbst Walter Scheel, der immerhin wusste, dass da auch Juden betroffen waren, meinte:

"Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk" und bediente brav das Narrativ: "Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden."

Gute, Böse, Opfer

Nee klar: Wer tot ist, leidet nicht mehr (und die Nachkommen sind ja alle gut drauf). Selbstverständlich haben die guten Deutschen (immer die Mehrheit) der guten Sache gedient.

Alles paletti, hat doch einer der größten Großdeutschen überhaupt ganz rechtzeitig Tacheles geredet, der noble Herr Adenauer:

"Das deutsche Volk trägt diese schwerste Zeit seiner Geschichte mit heldenhafter Stärke, Ausdauer und Geduld, mit einer geduldigen Stärke, die stärker ist als alle Not. Ich habe mich seit 1933 oft geschämt, ein Deutscher zu sein, in tiefster Seele geschämt: vielleicht wusste ich mehr als manche andere von den Schandtaten, die von Deutschen an Deutschen begangen wurden, von den Verbrechen, die an der Menschheit geplant wurden."

Seziert das bitte selbst.

Tätervölker, relativ

"Im Großkapital aber waren Juden durchaus maßgebend." Sicher, da muss man was machen. Hat er auch, im direkten Anschluss endlich. Die Juden waren nicht schuld an ihrer Vernichtung, endlich hatte es mal einer gesagt. Dass für Adenauer die Nazis "Sozialisten" waren, zieht sich derweil quer durch seinen Vortrag. 1946.

Mein Money Quote:

"Aber wir wollen nur den treffen, der wirklich schuldig ist; die Mitläufer, diejenigen, die nicht andere unterdrückten, die sich nicht bereicherten, keine strafbaren Handlungen begangen haben, soll man endlich in Ruhe lassen." Endlich! 1946. Bereichern tun sich nur Sozialisten. Weiß man doch. Unmoralisches Pack!

Stirn und Faust

Ich bin ein Mensch, insofern zu mehr als 90% Affe, und meine Reaktion ist demgemäß: Meine Faust will in diese Schädel, in denen Hirne sitzen, die ihre Dummheit durch Dreistigkeit kompensieren wollen. Ich will Rache. Ich will diesen Gefühllosen Drecksäcken Erkenntnis und ein Minimum an Empathie einprügeln, bis ihr Zustand aus physiologischen Gründen zu ihrem Geschwätz passt. Genau deshalb habe ich es aber weder mit Moral noch mit Gewalt. Sprache ist das Medium der Vernunft; leider steht sie meist im Dienst der Affen.

Nein, ich wäre sehr für so etwas wie Geschichtsbewusstsein, wozu gehört, das sagt der Begriff, dass man weiß, was sich so geschichtlich zugetragen hat. Das Gegenteil davon ist zweitens Verdrängung und erstens die Pflege von Feindbildern. Was mir bleibt an somatischer Reaktion, ist das kalte Kotzen, das tut nur mir weh. Rational ist es die holde Ironie: Allen geht es besser. Danke, Kohl!

Mein Beitrag zum lächerlichen Jahrestag schließlich ist die Erinnerung an meinen ersten Gedanken zur nationalbesoffenen Glückseligkeit damals: "Den Kater werdet ihr nicht überleben". So sind sie halt, die Miesmacher.

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