narrativ


 
xx

Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1987-0909-423 / Sindermann, Jürgen / CC-BY-SA

Kommen wir zum Kern des Begriffs: "Demokratie", eine Herrschaft des Volkes. Im Grunde reicht das schon, um den mythischen Charakter der Idee festzumachen. Was soll das sein, ein "Volk" und wie soll es (über sich selbst) herrschen? Nicht zufällig ist "Volk" ein politisch rechts zu verortender Begriff, der entsprechend mit allen möglichen Mythen aufgeladen wird.

Es gibt Entstehungsmythen, Abstammungsmythen, rassische Mythen und religiöse Mythen, auf denen sich der Begriff aufbauen lässt. Einer rationalen Definition entzieht er sich. Und gerade wenn man ihn entkleidet und auf die eben anwesende oder eingeschriebene Bevölkerung bezieht, zerfällt er.

Mitbestimmung

Herrschaft nämlich, Macht, ist keine rein politische und Politik schon immer abhängig, das sollten nicht nur Marxisten verstanden haben, von der Ökonomie - viel mehr als umgekehrt. Das deutsche Projekt "Bundesrepublik" war u.a. darum von Anfang an ein sozialdemokratisches. Prototypisch für diesen Ansatz steht die Idee "Betriebliche Mitbestimmung".

Nicht nur der Staat sollte vermeintlich von innen und außen durch seine Bewohner kontrolliert werden, auch die Wirtschaft, nämlich über die Betriebe und ihre innere Organisation sowie über Gewerkschaften, an deren Macht vorbei kein Unternehmen sollte walten können. Das sah anfangs auch beinahe so aus, als könne es funktionieren.

... geht vom Kapital aus

Nehmen wir den Schnelldurchlauf: Ehe jemals wirklich Arbeiter und Angestellte über ihren beruflichen Alltag oder gar die Produktionsbedingungen bestimmen konnten, wurde ihnen das bisschen, das sie hatten, wieder genommen. Der Trend geht seit Langem zum Mietsklaven, Hire and Fire, Lohnstagnation und sowieso Befehl und Gehorsam. Ja, die 'Demokratie' postuliert "Gleichheits- und Freiheitsrechte, die sie aufgrund ihrer Eigentumsverhältnisse gar nicht einlösen kann." Man hätte das wissen können, zumal in den 50ern Marx noch gelesen wurde.

Der Staat, jene Demokratie, die sich ausdrücklich "liberale Demokratie" nennt, schwächt sich absichtsvoll und seiner Grundideologie folgend selbst und gleichermaßen innerhalb seines schwindenden Einflusses den der Arbeiterschaft. Der Verzicht auf die Bestimmung der Produktionsbedingungen - was ja kommunistisch gewesen wäre - und die Beschränkung auf 'Mitbestimmung' hat nicht gehalten. Das Kapital, der Verwertungszwang, bestimmt über Arbeit und Staat, am Ende total.

 
xx

Der Rückfall in Mythologie ist immer ein Symptom dafür, dass wer in der Moderne nie angekommen ist oder sie nicht mehr erträgt. Das Erstarren des Systems ohne auch nur die Aussicht oder große Idee einer Alternative leistet den Kräften Vorschub, die ihre Aktivitäten am besten gleich ganz auf die symbolische Ebene verlegen. Der Kapitalismus ist übermächtig, also erklärt man ihn implizit oder ganz offen für alternativlos, um eben irgendwelche Symbole zum Kulturkampf aufzublasen und das für Politik zu halten.

Ein Sportclub, der Jahrzehnte lang "Chiefs" hieß, also "Häuptlinge", verbietet seinen Mitgliedern, Federn im Haar zu tragen. Das sei antirassistisch und löse Probleme, denken jene, die sich mit solchen nutzlosen Aktionen billige Aufmerksamkeit verschaffen. Auf der anderen Seite verklären selbsterklärte Helden und Opfer mit ganz großer Geste die Papiermaske zum Judenstern und die Pflicht zum Tragen dieses Schutzutensils in bestimmten Arealen für einen Holocaust. Kleiner geht's nicht, und zwar nicht bloß, wie hier schon beschrieben, wegen der Inflation in der Aufmerksamkeitsökonomie, sondern auch, weil Mythologie stets aufs Ganze geht.

Geisterglaube

Es geht in den Narrativen der Mythologen immer um die ganze Welt, die geheimen Zirkel der Allmächtigen, den Kampf auf den Tod, totale Vernichtung oder den eben solchen Triumph. Wie schön, dass uns die Elendsphase des Kapitalismus eine weltweite Pandemie beschert, denn damit ist ja schon das endgültig Globale des Ereignisses gesichert. Jetzt muss nur noch der heldenhafte Kampf her. Der funktioniert paradoxer Weise sehr gut angereichert mit nationalem Pathos oder wenigstens solcher Ignoranz. Die Verschwörung ist zwar global, aber erst in nationales Geschehen zerlegt, kann man sich damit effektiv gegen allzu komplexe Befunde immunisieren. In Amerika sterben sie hunderttausendfach? Aber hier doch nicht; trotzdem werden wir noch schlimmer geknechtet!

Dasselbe haben wir längst unter denen, die ihre Nische im Kapitalismus polstern, sprichwörtlich Sicherheitszonen fordern, wo ihnen kein Leid mehr geschehen kann, während die wütende Ausbeutung Failed States, Hungertote und Fenstersprünge als alltägliche Kollateralschäden hinnimmt. Da kann man nichts machen. Für den Fall aber, dass eine Handvoll transsexueller Menschen sich durch die deutsche Sprache beleidigt fühlt, muss diese zur Unleserlichkeit geändert werden, das ist dann der große Freiheitskampf der 'Linken'.

Darunter und buntgemischt tummeln sich Homöopathen, Esoteriker, Spiritualisten und komplette Spinner, sodass man beinahe die traditionellen Anhänger unsichtbarer Wesen vergisst. Deren Organisationen sind allerdings so eng mit dem Establishment verbunden, so korrupt, kriminell und widerwärtig, dass ihr Einfluss langsam, aber immerhin, nachlässt. Dummerweise aber ausgerechnet dort nicht, wo die öffentliche Kommunikation bestellt wird: in der Mittelschicht und ihrer politischen Vertretung, die durchsetzt ist von Pfaffen und Kirchenfunktionären und die obendrein von einer 'christlichen' Partei dominiert wird.

Das große Märchen

Im Grunde ist also das Establishment ein guter Grund und Anlass, umso aufgeklärter dagegenzuhalten. Die Dekadenz ist aber zu weit fortgeschritten, und mangels Aussicht auf positive Veränderung wird das Vakuum vorläufig besetzt durch Endzeitpropheten und andere Märchenerzähler. Deren Vorteil liegt auf der Hand: Sie haben für jeden Geschmack eine Story zu bieten und laufen auf der Höhe ihrer Widersprüche erst zu ganz großer Form auf, wo rational orientierte Geister schweigen und grübeln.

Der ganze Salat wird vorzüglich angerichtet in den Schüsseln, wo jeder Depp sich ein Kostüm seiner Fa­çon umhängen kann, um - der kaputte Zustand wird ja herzzerreißend adäquat durch die Kulturindustrie gespiegelt - als einer von tausend Superhelden oder rülpsendes Ekelpaket der Zombieapokalypse herumzuschlurfen. So weit, so elend, und wie immer ist der Clou der Angelegenheit, dass sich niemand angesprochen fühlt. Man hat sich schließlich informiert!

 
xx

Wenn ich mir so zuhöre in meinen bisherigen Ausführungen zum Thema, komme ich zu dem Schluss, dass kein Mensch Gleichheit will. Menschen sind nicht gleich und wollen nicht gleich sein. Sie wollen auch gar nicht als Gleiche alle mitentscheiden. Vielmehr mögen viele - unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Realitäten - durchaus gern andere machen lassen - solange sie nicht völlig entmündigt werden.

Der Gedanke der Gleichheit in der Bürgerlichen Gesellschaft bzw. ihrer Revolution war ohnehin negativ definiert: Es sollte eben keine Fürsten mehr geben, die über ihren Untertanen standen. Das deutet in der Tat auch schon darauf hin, dass der Grundgedanke nicht nur feudale oder absolutistische Dynastien ablehnte. So etwas wie Geldadel war durchaus nicht Teil des Narrativs. Die neue Gesellschaft sollte weniger ungleich werden.

Hierarchien

Das Gegenteil hat sich ergeben, nicht weniger ungleich und noch viel mächtiger als je ein Königshaus gewesen ist. "Gleichheit" meinte weniger Ungleichheit, meinte das Recht, als Mensch unter Menschen leben zu dürfen und niemandem zu gehören. Es sollte die Knechtschaft abschaffen und nicht durch die Schuldknechtschaft für alle ablösen. Die Theorie war idealistisch, in die Idee verliebt, ohne die Bedingungen der Realität zu erkennen. Das musste scheitern.

Der Kommunismus ging in der Theorie endlich noch den entscheidenden Schritt weiter und hatte sogar ein Organisationsprinzip parat, das Selbstbestimmung ermöglichen sollte, nämlich über die Räte, wobei das so gedacht war, dass die Kommunen souverän entscheiden sollten und nicht eine zentrale Hierarchie über ein Weltreich. Der Leninismus hat insofern den Kommunismus auf den Kopf gestellt und alle seine depperten Ideen mit der Stabilität militärischer Hierarchien durchgesetzt.

Es deutet sich an, dass sich dies als das zentrale Dilemma erweist: Bestimmte Strukturen, und zwar eben hierarchische, sind effizienter und stabiler als andere. Wer also den Ausweg aus der systembedingten Fremdbestimmung und Ungleichheit sucht, muss Wege finden, gesellschaftliche Strukturen stabil zu machen ohne Hierarchien zu zementieren. Dabei kann es sich gleichzeitig erweisen, dass in Organisationsstrukturen Hierarchien unerlässlich bleiben.

 
xx

Gleichheit, ein schöner Gedanke. Warum? Weil sie bedeutet, dass eben niemand qua Geburt, als eingeborenes Privileg, über andere herrschen oder bestimmen darf. Mehr noch: Da Menschen gleich sind, schränkt die 'Macht' des einen systemisch die des anderen ein. Komisch, in der Praxis sieht das ganz anders aus.

Das Konzept hat eine Reihe von Webfehlern. Zunächst einmal ist der Fokus auf 'Gleichheit' schon eine Entscheidung, die zu kritisieren ist. Wenn nämlich Sinn und Zweck die Einschränkung von Herrschaft und Macht ist (Herren/Sklaven), dann ist die Alternative Selbstbestimmung. Im Gegensatz zum gern ins Gegenteil definierten Begriff "Gleichheit" ist die recht eindeutig. Ich bestimme über mich und für mich. Ich muss gefragt werden.

Hierarchien

Das Problem mit der Gleichheit besteht vor allem darin, dass sie futsch ist, wenn Macht per Stellvertretung geregelt ist. Dann ist recht fix einer da, der alle vertritt; das nennt sich dann "Diktatur" oder "Monarchie". In der Bürgerlichen Demokratie ist die Stellvertretung auf Zeit geregelt, aber kaum weniger folgenreich. Einen echten Einfluss auf die politische Organisation meines Lebens habe ich nicht.

In der "Wirtschaft" - dem Teil der Gesellschaft mit den weitreichendsten Folgen, der obendrein den größten Teil der Lebenszeit einnimmt - gibt es gleich überhaupt keine Demokratie. Es herrschen Hierarchien, Befehle ("dienstliche Anweisung") und Gehorsam sowie das Recht des Stärkeren, wo es um die Verteilung von Ressourcen geht. Gleichheit ist hier nicht vorhanden und nicht erwünscht.

Dieser Organisation stimmen die meisten der davon Betroffenen zu; insofern lässt sich auch sagen, dass Gleichheit zumindest mittelbar unerwünscht ist. Hierarchien sind zudem organisatorisch extrem effizient, wo die Mitbestimmung aller Beteiligten die Vorgänge enorm verkompliziert. Gleichheit ist also ein Hemmnis in Bezug auf die Stabilität von Systemen (Planung, Produktion, politische Vertretung).

Mach du das mal

Hier erweist sie sich als mehrschichtiges Problem: Wenn die Betroffenen eine organisatorische Hierarchie als etwas erkennen, das gut funktioniert, schließen sie daraus womöglich, dass solche Hierarchien ein Naturzustand seien – zumal, wenn ihnen das genau so souffliert wird.

Viele von ihnen mögen zudem nicht die Rolle des Entscheiders übernehmen, begrüßen also Stellvertretung und damit die Entmündigung von ihrer Selbstbestimmung. Was aber bleibt dann noch von der hehren Idee der Gleichheit und warum wird sie nicht gleich verworfen? Wie könnte dem entgegen Gleichheit doch realisiert werden?


Fortsetzung folgt ...

 
xx

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – eine schöne Formel und ein guter Anfang für eine Geschichte. Das erste Problem besteht freilich schon in der Frage, ob das ein Ziel sein soll oder die Voraussetzung. Als letztere taugt das nämlich nichts, und ersteres zu erreichen wäre eine immense Anstrengung. Effektiv haben sich vor allem Freiheit und Gleichheit schon bald als Behauptung etabliert und sind es bis heute geblieben.

Die Bürgerliche Gesellschaft, deren Ideale das angeblich einmal waren, ist längst als kapitalistische und ihrer Geschichte nach antikommunistische anti-egalitär. Gleichheit ist ihren Ideologen ein Greuel wie in "Gleichmacherei" oder "Ergebnisgerechtigkeit". Der Kapitalismus hat diesen Zahn schon zu Beginn ihrer Geschichte gezogen und ihn durch Konkurrenz sowie Hierarchien ersetzt.

Gleichheit? Welche Gleichheit?

Es gibt keine Gleichheit, kann auch keine geben, wie Raul Zelik treffend bemerkte: "Das Drama der bürgerlichen Gesellschaft ist ja, dass sie Gleichheits- und Freiheitsrechte postuliert, die sie aufgrund ihrer Eigentumsverhältnisse gar nicht einlösen kann." Aus der Erzählung wurde ein Drama, in seinen endlosen Wiederholungen eine Farce. Die Ungleichheit ist lediglich amtlich noch keine, da nominell vor dem Gesetz alle dieselben Rechte haben. Diese durchzusetzen, ist wiederum eine Frage extrem ungleicher Ressourcen.

Es gab einen Willen zur Gleichheit, gibt ihn noch immer, vor allem in den offiziellen Broschüren der Sozialdemokraten, aber der Wille des Menschen bestimmt ebenso wenig die Wirklichkeit wie der von Göttern. Diese schräge Übersetzung der Religionsherrschaft in die des Kapitals ist noch immer Mythologie. Es ist das System, es sind die Rahmenbedingungen, es sind die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die Realität erzeugen.

The System ...

Will man also einen möglichst großen Einfluss auf die Ausgestaltung einer Gesellschaft haben, müssen die Rahmenbedingungen beeinflussbar sein und bleiben. Das hat nichts mit einem Willen zu tun, sondern mit Weichenstellungen, die in seltenen historischen Situationen möglich sind (Revolutionen, Nachkriegszeiten, Katastrophen).

Hier wurden in den letzten 200 Jahren fast sämtliche Chancen vertan, etwas anderes zu versuchen als wieder und wieder Kapitalismus – das System, das, einmal in Fahrt, von keiner äußeren Kraft mehr wirksam zu beeinflussen ist. Es ist schon in der Theorie verschwendete Zeit, sich mit einem Wünschdirwas wie Brüderlichkeit oder einem anderen System zu befassen, das vom Willen der Menschen bestimmt wird.

Die nächste Frage in diesem Zusammenhang ist die, ob effektive Gleichheit überhaupt möglich oder gewollt ist. Es werden Zweifel zu formulieren sein.

 
bt

Auf die Frage, was denn kein Narrativ sei, habe ich einmal auf Wissenschaftlichkeit verwiesen. Diese folgt Regeln; es geht um Falsifikation, ggf. um Verifikation, um Revision, kurz: um einen Prozess der Erkenntnis, der sich immer wieder überprüft und erneuert, aufgrund dessen, was man wissen kann. Dies ist eine völlig andere Struktur als die der Erzählungen, sei es nun in Propaganda, Prosa oder Alltag.

Was wir derzeit erleben, ist eine Orgie der Narrative inmitten eines Problems, das nur wissenschaftlich zu verstehen und zu lösen ist. Fatal, dass ausgerechnet Wissenschaftlerdarsteller Geschichten so erzählen, wie sie ihnen gefallen, während die seriöse Wissenschaft noch mehr Fragen als Antworten kennt. Das Ganze läuft live vor einem Weltpublikum, dem schon die Geduld fehlt, auf die langatmige Wissenschaft zu warten.

Du kannst alles erzählen

So verspinnen sich vor allem unter denjenigen, die sich in der akuten Situation extrem unwohl fühlen, sprichwörtlich alle möglichen Narrative. Das geht so weit, dass die Sucht nach Heilsversprechen, Helden und Drama Erzählungen gebiert, die als Drehbuch zu einem Film keine Chance hätten, sind sie doch zu plump konstruiert und durchschaubar. Da draußen kannst du sie derzeit erzählen.

Einen interessanten Twist gab es neulich, als das Hetzblatt beim Bäcker eine Kampagne gegen den aktuell gefragtesten Wissenschaftler startete. Selbst als die genannten Gewährsleute sämtlich spontan die Anwürfe revidierten, blieb der Verlag einfach bei seiner Behauptung und offenbarte dabei, dass es ihn gar nicht interessierte, wie die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern funktioniert. Das Publikum durfte sich derweil eine Seite aussuchen.

Einfach mal was erzählen - das ist durchaus der Job von 'Journalisten', im Rahmen der Verlagslinie, versteht sich. Das kommt der Realität sehr viel näher als angeblich 'gründlich recherchierte' objektive Berichte. Das HbB verfolgt dabei Strategien: Erstens selbstverständlich Profit. Prominente zu beschimpfen, bringt Aufmerksamkeit und verkauft Papier. Obendrein sind viele fanatisierte Gegner darunter, denen man damit Munition liefert. In diesem 'Diskurs' ist Wahrheit längst irrelevant.

Geschwätz von heute

Zweitens ist der Verlag selbst einer der wichtigsten politischen Influencer im Land. Daher kann es ihm nicht gefallen, wenn Wissenschaftler, zumal ein Einzelner, derart an Einfluss gewinnen. Die Kampagne ist also sehr durchschaubar, die Inhalte nachweislich falsch, als Erzählung taugt es aber bestens. Die muss sich auch gar nicht lange halten, da die Gesamtsituation und deren Interpretation sich laufend ändern.

Hier wird auch deutlich, dass es nicht immer staatliche Propaganda sein muss, die die Wahrheit wie eine Lawine unter sich begräbt. Selbst der oft unerträgliche Konsens der Medien ist dazu nicht notwendig. Wenn die Situation es zulässt und die Menschen nach Stories nachgerade gieren, werden diese geliefert. Beim Bäcker, bei YouTube und nebenan. So lange der Nebel der Unsicherheit wabert, ist dagegen kein Kraut gewachsen.

 

Die Jahrhundertrede des großen von Weizsäcker
vs.
ein Kommentar von B.

 
xx

Beherrscht modernste Technik: sog. "Nerd" beim "Hacken".

Es gibt Themen, die kann man tatsächlich Jahre vor sich hin schieben. Schon lange wollte ich mich einmal mit einem der dümmsten modernen Mythen befassen, der "Digitalisierung". Die von mir nicht gerade hoch geschätzte Wikipedia weist immerhin schon darauf hin, dass es die Nämliche bereits seit den 70er Jahren gibt. In Bezug auf die Funktionsgrundlagen des Kapitalismus, die ja immer im Mittelpunkt der Politik stehen, ist sie auch nichts Neues. Ich selbst habe im Jahr 1998 einen technisch schon recht rückständigen Betrieb von der papiernen Personalverwaltung befreit. Seit mehr als 20 Jahren ist die Welt also bereits ziemlich durchdigitalisiert. Allein der Breitbandausbau ist im Land der Telekom immer noch auf den Niveau eines Drittweltlandes.

Das hätte man längst ändern können, aber bis heute ist die Entwicklung auf diesem Terrain ein Trauerspiel. Lieber geben sich ahnungslose Bingo-Bullenreiter modern, indem sie die magischen Formeln raunen: "Industrie 4.0, Internet of Things, Cloud Computing, Big Data, Blockchain, Quantencomputer" und vor allem natürlich "KI". Das alles, zusammengefasst, ist 'Digitalisierung', so wie "Eimer, Schüppchen, Sand, böser Onkel, Schnuller, Mama, Regenmantel, Klettergerüst und Rutsche" eben 'Spielplatz' sind.

Töfte! Ganz neu!

Dass seit der Herrschaft des Smartfons nicht nur die Industrie, sondern die komplette Gesellschaft wie auf Turkey an digitalen Geräten und ihren Funktionen hängt, ist 'Erkenntnis'. Die aber scheint sich noch nicht bis in den Verstand derjenigen vorgewagt zu haben, die jenen Quatsch von der Digitalisierung nicht nur ernst meinen, sondern das auch noch für den Ausweis halten, sie seien voll up-to-date. Im Gegenteil sind sie das Gegenteil, und wenn es etwas bräuchte, wäre das eine De-Digitalisierung der Gesellschaft.

Wie quasi immer, fragt sich der faszinierte Zuschauer, ob diese Inkompetenz das Original des Problems darstellt oder nur Staffage ist - in dem Fall für jene im Kreise der politischen Entscheider, die ihre Digitalisierung des Überwachungsstaates längst in erschreckende Dimensionen vorgetrieben haben und den Hals nicht voll kriegen können von Daten, die zu schützen sie gar nicht vorhaben. China ist überall, wenn es denn dem Schutz der Bevölkerung und einer möglichen Demokratie vor sich selbst geht. Warte nur ein Weilchen.

Derart zwischen Entsetzen und bleierner Müdigkeit oszillierend, frage ich mich, für wen dieser Karneval eigentlich noch veranstaltet wird. Wer technischen Sachverstand mitbringt, kann kaum mehr schmunzeln über die vergilbte Werbetafel, wer beruflich damit zu tun hat, ohnehin nicht. Bleiben also noch Idioten, die sich mit Parolen wie "jetzt ganz modern, ausgeflippt und sexy" ködern lassen und die ohnehin bald Toten, denen du alles erzählen kannst. Ach ja, und vermutlich die Honoratioren ab der zweiten Reihe, die auf die Rückkehr von Jesus oder Willy Brandt warten. "Digitalisierung", my ass!

 
xx

Schon lange bin ich der Auffassung, dass nur eine politische Partei immerhin vage hält, was sie verspricht und ihre Wähler mäßig zufriedenstellt, nämlich die Union. Sie ist im Grunde die optimale Vertretung einer religiös-ideologischen Veranstaltung, die als Begleitmusik und Schlafliedsängerin den Kapitalismus durch alle seine Phasen mit eiserner Ignoranz begleitet. Ihre Wähler wollen genau das: so tun, als hätte sich nie etwas geändert und es würde immer so bleiben.

Die Slogans passten jeweils perfekt. Als noch (und sei es pro forma) das schlimme Andere drohte, versprach sie "Freiheit statt Sozialismus". Das mit der Freiheit war mehr dem Narrativ geschuldet, das war halt der gute Westen und das Andere eben unfrei®. Zu viel Freiheit führt nur ins Chaos. Demgemäß auch der Schwenk hin zum "Weiter so Deutschland", ein Dauerbrenner wie der ewige "Aufschwung" (West, Ost, allerlei), der ebenfalls bildlich die geistige Schiffsschaukel bediente: immer hinauf, ohne den Standpunkt zu ändern.

Nach dem Sturm der Orkan

Okay, Schaukel ohne Abschwung ist ein bisschen komisch, aber so ist das im Kapitalismus eben: Das heißt dann "Negativwachstum" und wird so lange ignoriert, wie nicht der Sozialist daran schuld ist. Dafür ist die Partei ja da, dass es nicht zu intellektuell wird. Alles wird gut - nein ist ja schon gut, wo wir "gut und gerne leben". Die Vorturnerin nennen sie derweil "Mutti". Gute Nacht, gib mir einen Kuss!

Diese infantile Konstellation führt folgerichtig in der aktuellen Pandemie dazu, dass potentielle Anhänger dieser Union sich das Deckchen über den Kopf ziehen und sich das alte Schlaflied singen lassen. Wenn sie dann aufwachen werden und die Schaukel aus der Achse gerissen ist, kann es zu lautem Geheul kommen. Wenn dann auch noch Mutti in den Sack gehauen hat, kann der Rest der Kasperletruppe versuchen, den Kindergarten zusammen zu halten. Vielleicht kommt dann Papa Söder. Der kann das zwar nicht, aber das hatten wir Angie damals auch nachgesagt.

Problem: Der größere Teil der Union braucht demnächst einen neuen Bestimmer im Turnraum. Je nach dem, was den Ambitionierten (ein Charakterzug, der zu einer erzreaktionären Truppe übrigens nicht passt, das ist einer der wenigen Strukturschwächen der Bude) dann einfällt, haben wir sofort den großen Schlamassel: Weiter so im tiefsten Dreck mit einem Saubermann, der zu den großen der Größen aufschließen will, das kann fürchterlich schiefgehen, und diesmal gibt es keine Chance, den blöden Sozen die Aufräumarbeiten zu überlassen.

 
fr

Nicht alles, was kommuniziert wird, ist eine Erzählung. Es gibt (mindestens) eine Alternative dazu: Wissenschaft. Diese strebt ihrem Zweck gemäß nach Wahrheit. Sie versucht herauszufinden, was ist und was daraus folgt. Ihr Fortschreiten ist davon geprägt, dass neue Erkenntnisse stets zur Überprüfung der alten führen und umgekehrt. Was sich als falsch erwiesen hat, fliegt raus.

Sie strebt weder nach Unterhaltung noch nach Aufmerksamkeit oder Schönheit. Dass ein ganzer wissenschaftlicher Betrieb diese Gesetze oft konterkariert, heißt nicht, dass sie nicht gelten. Verwertungsinteressen oder Karrierezwänge korrumpieren sie, aber wenn ein Wissenschaftler gegen die Regeln der Wissenschaft, besser noch: Wissenschaftlichkeit verstößt, ist das, was er treibt, keine Wissenschaft mehr.

Alles gut

Gerade in der Corona-Zeit erweist sich das als Problem, das Demokratie an ihre Grenzen bringt und zeigt auf, wie der Meinungsmarkt Hand in Hand mit dem Bedürfniss nach Erzählungen Erkenntnis wirksam verhindert. Die meisten Menschen bevorzugen Geschichten, denen sie sie zustimmen können. Sie sind getrieben von ihren Erfahrungen und deren meist wenig komplexen Verarbeitung sowie dem Bedürfnis nach jemandem, der ihnen sagt, dass alles gut werde.

Letzteres ist auf die eine oder andere Weise zu haben: Die Einen übergeben sich der Autorität, von der sie Schutz erwarten. Dafür verzichten sie auf ihre ohnehin geringen Freiheiten. Dies sind vor allem sog. "Konservative". Die Anderen stecken den Kopf in den Sand und ziehen ihn nur heraus, um sich von ihren Autoritäten bestätigen zu lassen, dass alles in Ordnung sei. Krise? Welche Krise? Alles nur erfunden, aufgebauscht und abgekartet, Mittel zum Zweck. Es besteht gar keine Gefahr.

Alles Idioten

Diese beiden Fraktionen wissen voneinander. Jeder, der in einer Stellung bezogen hat, ist umgeben von Vertretern der anderen, und alle sind sie sich sicher, dass die Anderen alle Idioten sind. Vielleicht haben sie beide sogar recht.

Wissenschaft ist selten einfach, und sie erfordert ein strikt wissenschaftliches Denken. Die Materie ist stets komplex, und je dünner die Informationsdecke ist, desto schwieriger ist das Fortkommen, insofern ist sie vergleichbar mit einem Puzzle oder einem Kreuzworträtsel. Letzteres löst man nicht, indem man in eine bestimmte Reihe immer dieselben Buchstaben einträgt.

Alles ganz einfach

Das Rätsel einer Pandemie hat sehr viel mit Logik, Statistik und Mathematik zu tun. Ein Fehler der journalistischen Erzähler und ihrer Zulieferer aus der Wissenschaft ist immer wieder der zu glauben, man könne auch etwas verstehen, wenn man das alles weglässt. Ein vereinfachtes Verständnis ist aber oft das Gegenteil von Verständnis.

Die in Entscheidungsprozessen oft notwendigen Einschätzungen, die mangels hinreichender Informationen vorgenommen werden, führen beim Publikum oft zu dem Irrtum, 'die' wüssten es ja auch nicht besser und daher sei das Ungefährwissen des Laien dem Fachwissen ebenbürtig. Kopfschmerzen!

Sie machen sich in der Regel keinerlei Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Risiko zeitnah einschätzen zu müssen. Das macht kein Wissenschaftler und auch kein Politiker freiwillig. Das ist ein Scheißjob, ganz ohne dass eine geheime Weltregierung die Befehle dazu erteilt.

Nächste Seite »