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Die Bundesrepublik Deutschland ist antikommunistisch bis ins Mark. Die Paranoia vor den roten Horden hat ihre Geschichte geprägt wie kein zweites Motiv, was sich bis heute hält, nicht zuletzt in einer Art Phantomschmerz, der als antirussisches Ressentiment fortbesteht. Ein weiteres Detail dieses Ur-Narrativs hat Paul Schreyer aufgedeckt: Die Aversion der Gründer und Verfassungsväter® gegen direkte Demokratie verdankt sich ebenfalls dem Antikommunismus.

Ausgerechnet direkte Demokratie, auch dieses Orwellsche Motiv steht bereits am Anfang der Geschichte der BRD, sei "undemokratisch" - es könnte ja von Kommunisten missbraucht werden. Am Ende ist es immer Freiheit, Selbstbestimmung, die abgelehnt und unter der Hand zur kommunistischen Gefahr verklärt wird. "Demokratie" ist demnach die autoritäre Kontrolle der Stellvertreter über ihr Volk. Ich muss das einmal zum Anlass nehmen, ein wenig zu psychologisieren.

Mein Freund, der Boss

Es muss eine unmenschliche Leistung gewesen sein, den Holocaust und das Nazireich zu verdrängen. Die Einen wollten nichts davon wissen, weil sie Teil dieses Systems waren, die Anderen, weil sie entsetzlich versagt hatten. Gemeinsam war ihnen die vielschichtige Niederlage und eine - nicht zuletzt durch ausgerechnet die ideologisch verwobenen Kirchen geförderte - Autoritätshörigkeit.

Der Amerikaner war der neue Freund®, nicht unähnlich dem 'Großen Bruder', der künftig das Sagen hatte. Installiert wurde eine 'Demokratie' als Laufstall. Das Feindbild des Bolschewisten blieb intakt, nur die Jüdische Weltverschwörung verschwand unter einer Betondecke uneingestandener Scham.

Es blieb die alte Struktur, wie der Wiederholungszwang das halt mag, nur diesmal sollte der Feind endgültig besiegt werden. Das Trauma wurde zu allen Seiten hin in Mythen von Überwältigung eingewoben: Die Nazis waren demnach über das deutsche Volk hergefallen wie eine Räuberbande im Wald. Ein Argument für mehr direkte Demokratie wurde entsprechend begründet:

Bedrohtes Opfervolk

"Wir sollten das Volk mehr in die Gesamtentscheidung einschalten. Hätten wir das vor 1933 getan, es wäre durchaus anders gekommen; es wäre nicht möglich gewesen, dass Hitler mit seinen etwas mehr als 40 Prozent die Mehrheit des Volks überrennen und sich durch ein Ermächtigungsgesetz dann nachher völlig in den Sattel setzen konnte."

Ein gewisser Willy Brandt hatte ebenfalls den Mythos vom Volk in Geiselhaft verinnerlicht, seine Angst vor dem Bösen, das weiterhin im Osten lauerte, steigerte sich aber zur Panik des nächsten Überfalls auf das arme Opfervolk:
Wenn wir die Bevölkerung zu einem solchen Referendum aufrufen, dann geben wir nach meinem Gefühl den Kommunisten die seltene Chance, über uns herzufallen ..."
Dass solche Sozialdemokraten gemeinsam mit Monarchisten, Kirchen, Altnazis und Erzkapitalisten eine neue Republik aufbauen konnten, liegt auf der Hand. Gemeinsam gegen einen Satan, den sie nur im Äußeren ertragen konnten. Ihr Deutschland kannten sie nur als Opfer.

 
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Quelle: Pixabay

In unserer beliebten Serie "Märchen, die man auch anders vorlesen kann" möchte ich heute einmal ein Buch besprechen, das die Älteren unter euch noch kennen. Der Titel sagt mir überhaupt nichts, aber da kann man mal sehen, dass nicht alle Besteller "Spiegel"-kompatibel oder sonstwie reißerisch sein müssen.

"Bibel" also, ein ähnlich komischer Titel wie "Du den", unter dem man sich zwar etwas vorstellen kann, aber sicher nicht das, was dann geliefert wird. Okay "Bi Belle" verspricht auch etwas, dem kommt unser Werk aber immerhin genremäßig nahe. Um nackte Weiber und Kerle, Lug, Betrug, Schande und Strafe geht es da von Anfang an; reichlich Sex and Crime, was stark anhebt ("Sodom und Gomorrha") im Verlauf aber stark nachlässt. Ja, bis auf die Offenbarung des Johannes selbstverständlich. Ganz am Ende geht es dann doch noch einmal steil.

Sex, Drugs and Crime

Ich bin als Atheist selbstverständlich relativ bibelfest, habe auch "Mein Kampf" und die "Texte der RAF" gelesen. Es ist sehr traurig, dass im Christlichen Abendland® des Hetzers Luther kein Mensch dessen Bibel liest. Nicht einmal die verdammte Bergpredigt, die ich sogar mit meiner satanistischen Tochter gelesen habe. Dabei ist das echt ein Trip; der Autor hat gekifft, was die Birne abkann - eher sogar das entscheidende Quentchen drüber. Aber das ist absolut nix gegen dem Hans seine Apokalypse. Was der Typ sich an Pilzen eingeworfen hat, ist noch als Suizidversuch zu brutal. Lesen!

Schon wieder abgeschwiffen. Eigentlich wollte ich ja auf etwas ganz anderes hinaus: Judas, der alte - nein, eben weder "Verräter" noch Sozialdemokrat, sondern nach unserer Zeitrechnung der erste Träger des "Balls of Steel-Award". Während Jesse verständlicherweise noch rumpusste, vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen wäre, hat der Mann mit den Stahleiern Nägel mit Köpfen gemacht. Kein Tod, kein Märtyrer. Kein Märtyrer, keine Religion. Judas wusste, was er tat und hat nicht gezögert, den Grundstein unserer Kultur zu legen.

Coole Typen aus der Vintagezeit

Dass er sich dabei ganz en passant auch selbst geopfert hat, und zwar gleich mehrfach, darf der verblödete Christenmensch nicht zur Kenntnis nehmen. Im Gegenteil hat das Präsidium, damit bloß niemand diesen Märtyrer als solchen ehrt, das freiwillige Ausscheiden aus der großen Tretmühle gleich komplett zur Todsünde® erklärt. Niederträchtig.

Damit ist Ju der zweite wirklich coole Typ, dem sie erst die Karriere und dann für alle Ewigkeit den Ruf versaut haben. Vorher war da ja schon dieser fünfte Erzengel, der keinen Bock hatte, sich von einem launigen Weltherrscher kritiklos herumschubsen zu lassen. Von vornherein war der in diesem Film schon gebrandmarkt, war er doch der Einzige, dessen Namen nicht auf "-el" endete. Billig. Erstaunlich, wie sich solche Narrative halten, obwohl jeder Verstand und der elaborierte Geschmack dagegen eigentlich auf die Barrikaden gehen müssten.

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Und dann kommen sie alle an, die Putinversteher, und jeder hat seinen anständigen Russen. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Russe. Jetzt bei Olympia hat es sich doch wieder gezeigt: Die dopen sogar beim Curling. Und dann geht ein deutscher Schmierfink, der den kritischen Journalismus in den Schmutz zieht, zu Russia Today und ist auch noch stolz drauf.

Hajo Seppelt ist Stammgast in den Spocht-Schauen, was mir nicht entging, weil ich im Halbkoma tatsächlich eine Woche lang meinen Fernseher als Hörspielautomat laufen ließ, während ich mit der Couch zu einem haarigen Schleimklumpen fusionierte. Hajo Seppelt, das ist derart unterste Charge, dass ich noch halluzinierend und röchelnd nach der Sternfeuerung griff, um das weg zu zappen. Dann lieber in Würde sterben.

Putins Hater

Nun ist das ja nicht das Einzige, das die Russen böse, schlecht und fies macht, weswegen wir sie vermutlich irgendwie demnächst wieder werden ausrotten müssen, auf den Spuren Napoleons und seines größten Nachfolgers aller Zeiten. Nein, sie sind zum Beispiel auch Hasser. Schwulenhasser zumal, die unsere homosexuellen Freunde diskriminieren.

Infam, wie Putins Russen so tun, als sei es ein krimineller Akt, wenn Schwule schwul leben, und zwar mit der abscheulichen Begründung, sie machten quasi Werbung für eine Art Sexualverbrechen. Zu sagen, was ist, stellt das Regime des Machthabers Putin unter Strafe, und seine Russen applaudieren noch!

Es entgeht einem eine ganze Menge, wenn man man die mühsam eingefügten Links in einem Text völlig ignoriert. Zumindest dem im letzten Absatz hier sollte man Beachtung schenken. Das nämlich ist unsere progressive, aufgeklärte, menschenfreundliche und emanzipierte Gesellschaft, vertreten durch sämtliche größten und kleinsten Koalitionen. Wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine christliche Leitkultur® könne irgendwem da draußen moralisch kommen? Ach ja, wir sind ja die Guten.

 
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Schon Kinder brauchen Ordnung um mögen daher die Wiederholung. Kluge Kinder, die nicht mit Gewalt verblödet werden, sind aber neugierig und finden bald viel mehr Vergnügen an den Geschichten und den Kapiteln, die sie noch nicht kennen. Das ist die Dialektik des Narrativs: Es knüpft an und erzählt neue Kapitel; derweil zerren die Kapitel der Vergangenheit an allem Neuen wie an Materie, die ein Schwarzes Loch verlassen will. Manches Kapitel muss wieder und wieder entstehen, um endlich an der Oberfläche zu bleiben.

So finden sich diejenigen, die längst in den Irrtum eingewobene Kapitel schließen und durch andere, zeitgemäß wahre ersetzen wollen, in einer paradoxen Situation: Sie wiederholen das Neue. Wieder und wieder erzählen sie ihre Gegengeschichte, verneinen, korrigieren und klären auf. Teils so lange, dass sie Gefahr laufen, ihrerseits das zeitgemäß Neue nicht mehr wahrzunehmen. Es gibt tatsächlich Korrekturen der großen Erzählung, des 'Common Sense', die sich überleben, ohne je dauerhaft 'Öffentliche Wahrnehmung' zu werden. Das Kapitel von der gerechten Marktwirtschaft etwa ist ein solches. Es hatte seine Zeit in den 70ern, sein Held ist Willy Brandt. Das Kapitel vom Russen, der gar nicht böse ist, ein anderes. Es ist mit der Figur des Gorbatschow verbunden.

Where Ham Is Spam

Ich habe mich vor einer Weile gefragt, ob die Bloggerei eine Art Spam ist. Das Netz ist eine ewige Flut von Texten, die immer weniger zu bewältigen ist. Jeder neue trägt dazu bei, dass man die meisten nicht mehr lesen kann. Aber das ist ein Problem der Archivare, die sich eben umstellen müssen - eine Aufgabe übrigens, die noch kaum irgendwo begonnen wurde. "Big Data" ist hier nicht der Weg, sondern die Kunst, Quellen zu bestimmten Fragen zu finden und zusammenzustellen. Eine ganz neue Art von Redaktion, die nicht zuletzt im Auslassen besteht. Das Internet ist definitiv der Tod der Vollständigkeit.

Auf der anderen Seite bleibt es bitter nötig, weiter zu drängen, zu widerstehen; die Kapitel einer zeitgemäßen, aufgeklärten Erzählung zu schreiben und auch zu wiederholen. Das Klügste wird aufs Dümmste angewiesen bleiben: Ohne quasi rituelle Wiederholung besteht nichts. Was verschwiegen wird, wird verschwinden. Ob es dann je wieder auftaucht, ist ungewiss. Immerhin kann man es variieren; das kann manchmal sogar spannend oder komisch sein. Tragisch ist es allemal.

 
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Der diesjährige Zusatz-Feiertag lässt mich fragen, warum wir nicht gleich den Geburtstag Johannes Agricolas zum Feiertag erhoben haben. Darüber darf man ja wohl noch reden. Aber widmen wir uns noch einmal der Reformation und ihrem großen Helden:

Martin Luther war ein Anti-Aufklärer, dessen Eifer nur die kniefällig-religiöse Ahnung einer (verlorenen) Vernunft zuließ. Eine säkulare Vernunft war für Luther das schlimmste Teufelszeug, die "Teufelshure". Nach Luther ist Gott unbegreiflich, grausam und gnadenlos. Hierin besteht dann auch die Kulturleistung Luthers und seiner Kirche, die die deutsche Seele, ihr Narrativ, so fatal geprägt hat. Die Abschaffung der Beichte unter diesen Umständen erschuf einen gnadenlosen völkischen, religiös-fanatischen Eifer.

Psychohölle

Der Ablasshandel, das Erlassen von Sünden gegen Geld (vor allem um den Petersdom zu finanzieren) war für die Christen deshalb so niederschmetternd, weil sie ohne Beichte ihre Sünden nicht loswurden - eine Erpressung von enormer psychischer Gewalt. Sie hatten sehr reale Angst in die Hölle zu kommen. Dann kam Luthers Reformation mit einem Heilsversprechen, das seine Schäfchen vordergründig von der Beichte unabhängig machte, ihnen aber keineswegs die Angst nahm – im Gegenteil. Es war ein Rückschritt zum Sündenbockprinzip.

"Und wirst du sündigen, so wird er dich auffressen.", so Luthers Gottesbild. Hubertus Mynarek kommt zu dem Schluss: "Luther hat allen Lutheranern ein extrem inhumanes, krankmachendes Gottesbild vererbt. Seine "Theologie" ist das Spiegelbild seiner Persönlichkeit, die sich als willenloses Werk- und Spielzeug in der Hand übernatürlicher, sich in seiner Seele tummelnder göttlicher und teuflischer Mächte empfand und erlebte." In Luthers Kirche fand dieser Wahn ein Zuhause, in dem Sünden fortan nicht mehr vergeben wurden.

Druckablass

Es gibt in dieser Psychohölle nur einen Ausweg: Die Projektion des Leids und der eigenen Sünden auf etwas noch Minderwertigeres. Schon Luther bot dafür die Juden an, sein Judenhass ist haltlos und mörderisch. Zudem verlangte er absoluten Gehorsam gegenüber den Feudalherren. Zweifellos hat er damit einen Samen gesät, der auch im Nationalsozialismus aufging. Zuvor hatten sich schon in der Neuzeit Protestanten besonders eifrig an der Hexenverfolgung beteiligt.

Aber nicht Luther allein hat die Voraussetzungen für die totalitäre brutale Gesinnung der Deutschen geschaffen, sondern in seiner Folge vor allem die preußischen Calvinisten. Die Staatsverwaltung der Hohenzollern, ebenso calvinistisch geprägt wie die Landesherren, reicherte die Gnadenlosigkeit der neuen Konfession mit einer Arbeitsethik an, die den verzweifelten Sündern ein weiteres Angebot machte: Arbeite, sei wirtschaftlich erfolgreich und verdiene dir so Gottes Gnade!

Traditionen

Die religiöse Wurzel des Kapitalismus wurde in Preußen in trauter Eintracht mit dem Lutheranismus gehegt. Gehorsam gegen die Obrigkeit wurde durch das allgegenwärtige Militär und strenge Hierarchien zum Markenzeichen: die „preußischen Tugenden“ sind seitdem so sprichwörtlich wie "Wir tun nur unsere Pfilcht".

Das Ergebnis ist eine Mischung aus Eifer, Fleiß, Antisemitismus und Sadomasochismus. Einzig Luthers Irrationalismus erhielt unter den Hohenzollern einen gewissen Dämpfer. Im Rahmen der gegebenen Hierarchien, versteht sich, denn "wahre Aufklärung beleidigt die Majestät nie", wie selbst die Rebellen unter den evangelischen Theologen stets wussten. Dass Demokratie die Majestät an sich beleidigt, war daher bis 1985 auch Leitlinie in der evangelischen Kirche. Inzwischen hat sie sich zähneknirschend angepasst und predigt uns nunmehr Freiheit in Verantwortung®.

p.s.: Weiterhin Erbauliches dazu gibt es hier und bei Charlie.

 
sl

Quelle: Pixabay

Die Vorstellung von Wirtschaft, Arbeit und Eigentum ist im Kapitalismus und insbesondere in Deutschland tief verstrickt in ein Geflecht von Mythen und Fetischen. Nirgends war der Antikommunismus so radikal wie in Deutschland, wo die Nationalsozialisten nach dem Krieg vollendet haben, was sie zuvor begonnen hatten, unter der wohlwollenden Aufsicht von Amerikanern, ihren neuen Parteifreunden und den Sozialdemokraten.

Das hatte Folgen. Nicht nur das Verschwinden einer Theorie mitsamt ihres Potentials; auch wurde jeder Umstand, der den zu "Arbeitnehmern" degradierten Arbeitern nicht gefallen konnte, zum Gegenstand mythologischer Erklärungen. In der Regel waren und sind Ausländer schuld: als globale Konkurrenz, als Feinde der Sozialen Marktwirtschaft®, als Arbeitsplatzvernichter.

Der Boss denkt nur an uns

Alles, was mit Profiten, Mehrwert und Ausbeutung zu tun hat, muss irgendjemandes böser Wille sein. Wer kein Marxist sein will, muss sich ständig Schuldige suchen, die die Früchte unserer Arbeit an sich reißen. Irgendwo da draußen, denn hier gibt es nur Gute. Mutige Unternehmer, die uns Arbeit geben. Kapitalisten und Ausbeuter haben wir hier nicht mehr, seit wir die Juden verjagt haben.

Die Heldengeschichten deutscher Ausbeuter werden bis heute erzählt. Ich erinnere mich gut an die Mannesmann-Fusion; aktuell gibt es eine Fusion zweier Stahlkonzerne; Thyssenkrupp und Tata Steel. Letztere sind Inder. Die finden wir niedlich, wenn sie ausgezehrt am Straßenrand sitzen und wir ihnen etwas spenden. Jetzt klauen sie uns Arbeitsplätze und ein Traditionsunternehmen®. Sieht so Dankbarkeit aus? Dabei weiß der Deutsche Arbeiter: "Der alte August würde sich im Grab umdrehen".

Nehmen uns die Arbeitsplätze weg

Wenn das der Führer wüsste! Der alte August (Thyssen) hat euch enterbt, Freunde. Euch und die Generationen vor euch. Wenn heute immer weniger von euch gebraucht werden, um die Seinen reicher zu machen, dann liegt das an Maschinen, die euch ersetzen. Die hat er gekauft von dem Mehrwert, den ihr erwirtschaftet habt, und während er sich noch um die Erbschaftssteuer drückt, habt ihr euer Erbe in Form des Mehrwerts längst abgegeben - Generation für Generation. Eure Lohnarbeit ist erbschaftstechnisch betrachtet Enteignung.

Die Maschinen sind die Frucht eurer Arbeit. Es ist eure Arbeit, die Verträge, die ihr eingegangen seid, die euch überflüssig und arm machen. Kein Gastarbeiter, kein ausländischer Lohndrücker, keine Weltverschwörung. Es ist das nackte einfache Gesetz des Kapitalismus, das ohne Abstriche auch in eurer schönen deutschen Marktwirtschaft wirkt. Wenn ihr Glück habt, lassen sie euch einen Anspruch auf staatliche Almosen, von denen ihr Leben könnt. Wenn nicht, lassen sie euch hungern, während sie sich von eurem Erbe Nutten und Koks leisten.

 
gz

Originaldatei: ©Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Die Basis der zeitgenössischen Politik sind die Geschichten, die erzählt werden. Probleme sind meist zu komplex, um sie allgemein verständlich zu machen, also kommt einer daher und bläst sich als Problemlöser auf. Erklären muss er nichts Genaues, denn die Leute haben schon auf ihn gewartet. In der parlamentarischen Demokratie sind sie darauf gedrillt, sich eine Autorität auszusuchen, nicht darauf, ihre Probleme zu verstehen, geschweige denn sie selbst zu lösen.

Der Schulz-Hype neulich war ein erschütterndes Beispiel. Da wird ein ausgerechnet sozialdemokratischer Bürokrat aus Brüssel aus dem Hut gezogen und als Messisasersatz präsentiert. Unser Obama, Corbyn, Kennedy! Hat vier Wochen gehalten, der Spuk, und plötzlich stand da ein öder Schwätzer mit schütterem Haar, der nicht einmal Merkel das Wasser reichen kann. Die Not muss groß sein, wo solche Kurzgeschichten aufgeführt werden.

Das Böse

Eine sehr viel längere ist die der DDR, einem Kulissendorf im Wilden Osten, in dem das Böse hauste und heute noch aus Tümpeln und Pfützen brodelt. Wie man weiß, ist hier nach dem Krieg der Faschismus entstanden. Mehrere Mauertote bezeugen, dass der Holocaust weiterging. Als im Westen längst die Freiheit über säuselnde Autobahnen rollte, litten die Brüder und Schwestern® unter Unrechtsstaat, Plattenbau und rumpelndem Transit. Hie Lavendel, dort Braunkohle. Hüben alles schön bunt, drüben aschgrau.

Tatsächlich ist die Siegerversion der Geschichte der DDR vor allem deshalb eine taugliche Erzählung, weil sie in die Ästhetik des Westens passt. Millionen Mordopfer des Naziterrors, dessen Befehlshaber in der BRD ihre Karrieren fortsetzten, verschwanden hinter den neuen Kulissen, weil das drüben alles so scheiße aussah. Luxus und Schönheit sind ein verständliches Mordmotiv, aber wer verteidigt Mauer und Stacheldraht®, wenn obendrein der Lebensstandard leidet? Das müssen sehr böse Menschen gewesen sein, die ihr Volk in solchem Elend hielten.

Unser Kampf

Ihre Nachkommen sind nicht besser. Sie wählen Pegida, gehen für AfD auf die Straße und plündern uns aus - ich sage nur "Soli"! Als die DDR abgewickelt wurde, waren sie uns da dankbar? Als sie befreit wurden, als wir ihnen Begrüßungsgeld und Mallorca gaben, wie haben sie es uns vergolten? Mit schierem Undank. Das jedenfalls ist die Geschichte, wie man sie kennt. Wie sie und von den Autoritäten überliefert wird. Von der Kanzlerin etwa, und die muss es wissen, schließlich hat sie dort gelebt.

Wer wird sich da mit den ganzen Details aufhalten? Es musste schließlich wiedervereint werden. Da kann man nicht jeden Pfennig umdrehen, der aus dem Unrecht stammt. Hätten wir die Ostrenten anerkannt, könnten wir ja gleich den Griechen welche lassen. Hartz IV im Westen ist allemal besser als eine Ostrente. So leben sie glücklich am Lebensende. Jetzt sind wir alle einig, vor allem im Kampf gegen die AfD, der neuen SED-Nachfolgepartei. Gegen die und die andere Seuche, eine Gewerkschaft namens GdL. Alles dasselbe Pack. Aber mit ihnen werden wir fertig.

 
lm

Ich habe aus den Texten zum "deutschen Narrativ" inzwischen einen zusammenhängenden von ca. 120 Seiten gemacht, die man so veröffentlichen kann. Darauf aufbauend kann man auch mehrere Bände machen; ich finde es fast schwieriger wegzulassen als aufzuschreiben, aber bis hierher ist das Format glaube ich ganz brauchbar.

Selbstverlag kickt mich irgendwie nicht so; ich fände es schön, wenn da jemand drüber schaute, der das kann, und so eine Infrastruktur ist ja auch nicht das Schlechteste. Ich kann auch über einen eigenen Server ein e-Book anbieten, aber auch da wäre es mir recht, wenn das Ganze Dunstkreis und Filterblase überschreiten würde.

Reichweite bringe ich fast schon selbst genug mit - der Artikel "Was ist ein Narrativ" (wahrlich nicht der beste, aber mit einem recht kugelfreundlichen Titel ;-) ist mit bislang 45.000 Direktaufrufen ziemlich weit vorn. Alsoo: Wer einen freundlichen Verleger kennt oder wen kennt, der einen kennt, sich verschafft oder in Umlauf bringt, sei gepriesen, wenn ich es erführe. Wenig hilfreich sind jetzt Zurufe, wie ich doch selbst eine Pappe rausbringe oder Adressen von Verlagen, zu denen kein Kontakt besteht. Okay, wenn jemand meint, da draußen gebe es einen, der das quasi veröffentlichen muss ... aber nur dann! [Was hast du getan, Trottel? Säzzer]

Ich tu' mal noch nen knappen Exposé dazu:

Das deutsche Narrativ

Der Text ist ein Versuch, möglichst kurz (er ließe sich auf ein Vielfaches ausweiten) eine Geschichte der Deutschen in ihrer Bundesrepublik darzustellen: das Selbstverständnis, wiederkehrende Elemente der großen Erzählung und ein Blick darauf, was dahintersteckt.

Zunächst wird versucht, das Wort „Narrativ“ zu erklären. Im Verlauf geht es dann um konkrete Teile der Erzählung: Wie die BRD aus dem Dritten Reich hervorging, wie in kürzester Zeit „Demokratie“ wurde, was kurz zuvor noch Nationalsozialismus war – mit demselben Personal; Ein Überblick über die Jahrzehnte von der Nachkriegszeit bis heute; die Geschichte eines Landes, das durch seinen Antikommunismus und seinen Wirtschaftsglauben zusammengehalten wird. Die großen politischen Ereignisse werden eingeordnet so wie der Weg von der „Sozialen Marktwirtschaft“ in den Neoliberalismus. Einen hohen Stellenwert wird die Auseinandersetzung mit dem Holocaust haben. Dieses und andere Themen finden sich nicht zuletzt in den großen Reden deutscher Politiker, von Konrad Adenauer über Philipp Jenninger bis hin zu Roman Herzog.

Im Hintergrund finden sich ungebrochene Traditionen und ideologische Momente, religiös wie politisch. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass vor allem eine wirksame Auseinandersetzung mit dem Faschismus, seinen Wurzeln und seinen Hinterlassenschaften bis heute nicht stattgefunden hat.

Versuch macht kluch ...

 
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Mir wurde oft gesagt, ich beschäftigte mich hier zu oft mit unpolitischen Dingen wie "Fake News", dem "Narrativ" und Ähnlichem. Nun, es ist nicht nur so, dass ich versuche, die Welt aus vielen Perspektiven zu betrachten, sondern dass gerade diese Dinge ungemein politisch sind. Selbst das Radikalste, Extremste in Bezug auf ein System: die revolutionären Ansätze, funktionieren nicht ohne ein Narrativ und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

Niemand wird den Umsturz proben, nur weil er die Schnauze voll hat. Im Gegenteil lassen sich viele Menschen ausbeuten, quälen, betrügen und unterdrücken, solange niemand ihnen eine sehr konkrete Alternative bietet. Das geht so weit, dass die Ordnung selbst verteidigt wird, sei sie noch so nachteilig, selbst also wenn sie dafür sorgt, dass Menschen zunehmend verarmen und entrechtet werden. Sie wird verteidigt von denen, die unter ihr leiden.

Krieg oder Schnupfen?

Die Krawalle in Hamburg sind en gutes Beispiel dafür. Es ist der völlig falsche Ansatz, hier 'gute Gründe' für Krawall zu verlangen. Die Einschätzung der Situation ist schon kaum möglich, weil die Propaganda, die darauf aufsetzt, ein Hinweis darauf ist, dass alle Beteiligten(!) diese Krawalle wollten. In Deutschland, einem unglaublich reichen Land, in dem die Massen weiter verarmen, während die Kanzlerin von "Vollbeschäftigung" faselt, kann ein solches Ereignis der überwältigenden Mehrheit als ein Angriff auf sie - die Bevölkerung - verkauft werden. Als könne man bald nicht mehr vor die Tür gehen.

Ein Blick in die Nachbarschaft rückt die Verhältnisse zurecht: Anlässlich des Nationalfeiertags brennen in Frankreich 900 Autos, und zwar nicht zum ersten Mal. Das ist dort bereits Folklore. Hier wäre die Bundeswehr ausgerückt, in ganz Deutschland hätte es Hamsterkäufe gegeben und es würden alle Abgeordneten der Linkspartei verhaftet. Dergleichen passiert drüben übrigens trotz schon jahrelangem "Notstand". Sie sind dort allerdings etwas weiter, was ihre Frustrierten und Abgehängten angeht.

Die hegt man so gut wie möglich ein und lebt mit regelmäßiger Randale. Was hier in lächerlicher Weise als "Krieg" beschrien wird, ist längst Standard in Europa. So ist das nämlich, wenn man Menschen benutzt oder als nutzlose Reserve vegetieren lässt. Aber nur keine Systemkritik, wir sind ja keine Kommunisten! Wir müssen gegen die Chaoten zusammenstehen. Es wird bereits überwacht in einem Maße, das die Stasi aussehen lässt wie einen Verein von Hobbypolitessen, aber das hilft nicht. Die stadtbekannten Terroristen lässt man trotzdem gewähren und randalierender Ausschuss ist damit auch nicht unter Kontrolle zu halten.

Sei, was du kaufst!

Was noch am besten funktioniert, ist die große Maschine, die unsere Wirklichkeiten in schöne dünne Scheiben schneidet. Auf der einen Seite wird das zerbröselnde Narrativ von den Verlagen und ihren nützlichen Idioten mit aller Härte ihrer Ignoranz weiter erzählt. Auf der anderen Seit werden wir mit ausgesuchten Infohäppchen versorgt; jeder nach seinem Profil, um alle zu gehorsamen Konsumenten abzurichten. Letztes Beispiel: Google News.

Was einmal eine Hoffnung war und eine Möglichkeit, einen gigantischen Fundus an Informationen jedermann zugänglich zu machen, ist zu einer Karikatur verkommen. Das Kapital hat die Suchmaschine zu einem verfolgungswütigen Verblödungsroboter umfunktioniert. Das deckt sich übrigens mit den Geschäftspraktiken des Konzerns. Was mir ein Vögelchen dazu flüstert, zieht einem die Schuhe aus. Sie haben nicht nur die Macht, sie nutzen sie. Sie wollen unser Produkt nicht? Och! Schöne Firma haben sie da; wäre doch schade, wenn die pleite ginge ...

Wir leben in einem riesigen Scheißhaufen, der permanent fröhlich durchgequirlt wird. Das ist sehr schwer zu ertragen, für die meisten schlicht unerträglich: Hier in meiner Ecke riecht es aber doch gar nicht so schlimm, und ich kenne eine, das ist es sogar noch sauber. Hauptsache, die Extremen kommen nicht an die Macht und machen alles noch schlimmer!

Wir brauchen Phantasie, um zu überleben. Ohne eine Vorstellung davon, wie es ganz anders ginge - für alle, nicht nur für diejenigen, die es noch nicht erwischt hat, geht es nicht weiter. Die Angst vor Veränderung lähmt. Vielleicht brauchen wir keine Politiker und Philosophen, sondern vor allem Künstler, um sie uns zu nehmen. Wir könnten sonst schon bald zu phantasielos sein, um aus unserer Filterwelt noch auszubrechen.

 
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Angela Merkel will also nicht die oben Genannte sein, oha. Das müssen russische Hacker gewesen sein. Warum? Weil es zuallererst ein Trojanischen Pferd ist. Mit einer vorgeblichen Meldung, die wie so oft keine ist, werden Messages verklappt, Anweisungen, wie man zu denken habe. Hätte jemand geschrieben, Angela Merkel wolle nicht erste Drachenhüterin am Hofe Arthurs sein, wäre das aufgefallen. Nicht so bei diesem anderen Tinnef.

Fangen wir mal mit der tauben Stelle ein, auf die sie seit siebzig Jahren einschlagen. Immer wieder dieselbe Stelle. Wer nicht irre wurde, hat dort Hornhaut. Freie Welt®. Ein Vehikel des Kalten Krieges. Hier frei, dort unfrei. Dort Kommunismus, hier Steaks und tolle Autos. Freie Welt. Damit kommen sie uns 2017 immer noch. Gehört eigentlich Saudi-Arabien schon dazu? Ist ja immerhin kein Kommunismus.

Wer nicht fragt ...

Okay, dann die "Führerin", eigentlich Führer. Kommen wir irgendwie nicht von los. Der Führer und Reichskanzler wurde bekanntlich ersetzt durch den President of the JU ES. Der war nicht mehr Führer von "morgen die ganze", dafür aber immerhin von "freie" Welt. Mächtig mächtig, den nehmen wir. Und natürlich die Steaks und die Autos. Janz kolossal! Demokratie ist, wenn die Welt einen Führer hat. Kennen wir, ist gebongt.

So, die Kanzlerin der Deutschen verzichtet also auf den Status. Frage wäre, wenn man sich überhaupt noch irgendetwas fragt, wie man eigentlich zu dem Titel kommt. Muss man etwas dafür können? Oder tun? Sein vielleicht? Kann man den kaufen? Kriegt man den verliehen? Braucht man einen Schein? Come on, das ist nur Journaille hier, die fragen nie was. Not their Job. Erinnert mich immer öfter an das tote Tier auf der Landstraße, über das jemand den Mittelstreifen lackiert hat. Wird sich gedacht haben: "Ich bin Mittelstreifenmaler, kein Tierbeseitiger!" und wäre auch ein guter Journalist.

Was sind wir doch bescheiden. Weltmeister reicht uns. Wir scheißen die Welt zu, frei oder nicht, mit Waffen und anderen Waren. Wir nehmen jede Währung, frei oder unfrei, gern auch Schuldscheine. Wer heute nicht bezahlen kann, zahlt halt morgen. Oder übermorgen, mit den üblichen Aufschlägen: Häfen, Flughäfen, Inseln; wir nehmen alles. Wir führen keine Welt, wir führen Buch. Frau Merkel ist unsere gute Mutti. Wer brav ist, hat nichts zu fürchten. Wer nicht, den holt die Schwarze Null. Der muss dann schon mal ohne Essen ins Bett. Mehr Führung braucht es für uns nicht.

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