narrativ


 
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Der Verlust jeder Orientierung in der Wahrheitsproduktion der Verlagsmedium hat eine Geschichte, die man recht gut an der Entwicklung Deutschlands zu einem Teil der NATO-Kriegsmaschine erklären kann. Die Deutschen waren nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich ein friedliebendes Volk. "Nie wieder Krieg" war eine Säule des deutschen Narrativs. Sie musste fallen.

1998 war Schröder mit seinem Außenminister Fischer gewählt worden, schon 1999 befürwortete Fischer einen Angriff der NATO auf Serbien, wobei er ausdrücklich von der Formulierung "Nie wieder Krieg" abrückte, weil es ein "Auschwitz" zu verhindern gelte. Diese Parole musste aber nur für den ersten völkerrechtswidrigen Krieg unter Beteiligung der NATO und mit Unterstützung der Bundeswehr herhalten.

Schrittweise reichten seitdem auch "uneingeschränkte Solidarität", die "Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch" oder schlicht die "Sicherung der Handelswege". Diese Funktion von Auschwitz im Narrativ gibt einen guten Einblick in den Kern der Aufarbeitung der Vergangenheit. Bemerkenswert, dass hier ein "Achtundsechziger", der in den "Institutionen" angekommen war, dem militärischen Arm des alten Konglomerats die Rechtfertigung geliefert hat.

Jawoll, mein Fischer!

Fischer musste dabei wie Schröder eine autoritäre Basta-Politik betreiben. Beide stellten sich permanent gegen ihre Parteien und Fraktionen und vor allem gegen den Kriegsunwillen in der Bevölkerung. Das hielt die deutsche Politik nicht davon ab, sich weiter zu militarisieren. Das Narrativ wurde durch den Vorsitzenden einer ehemals pazifistischen Partei an einer entscheidenden Stelle zumindest neutralisiert. „Nie wieder Krieg“ wurde durch „nie wieder Auschwitz“ relativiert und erhielt ein kleines „aber“ angeheftet.

In der damals aktuellen Fassung der großen politischen Erzählung waren die Grünen "Pazifisten", und hier kommt eine Wendung zum Tragen, die aus einem krassen Widerspruch eine vermeintliche Erklärung machen: „Wenn schon die (Pazifisten) einen Krieg für notwendig halten, ist er das wohl auch“. Dabei ist es wirklich einfach: Wer Krieg befürwortet, wer sich sogar an der Entscheidung dafür beteiligt, kann kein Pazifist sein.

Das war derweil nur eine Kehrtwende der Grünen, die einfach gebraucht wurden, um das, was sie als Opposition ablehnten, endgültig durchzusetzen. Der Mechanismus, den sich die Erzähler dabei zunutze machen, ist der, Personen und Parteien mit einer Haltung zu identifizieren, und wenn sie dann das Gegenteil durchsetzt, dann obwohl sie es nicht will – scheinbar. So konnte eine Laufzeitverlängerung für AKW „Atomausstieg“ heißen, Sozialisten und Kommunisten, die die Grünen gegründet hatten, setzten gemeinsam mit „Sozialdemokraten“ den härtesten Sozialabbau in der Geschichte der BRD durch und die „Basisdemokratie“ der Grünen brachte eine autoritäre Führerpartei hervor.

Krieg ist Frieden

Dabei hat Kanzler Schröder 2002 noch einmal den Hit "Kein Krieg mit deutscher Beteiligung" gespielt, als er sich weigerte, Soldaten in den Irak zu schicken. Im Wahlkampf 2002 sollte ihm das helfen und war eine der wenigen Unterschiede zwischen CDU/CSU/FDP hie und SPD/Grünen dort. Schizophren erscheint die gleichzeitige Zusage, Afghanistan zu besetzen und Deutschland in den längsten Krieg seit Jahrhunderten zu führen. Im Rahmen der NATO-Strategie war es hingegen egal, welche Truppen wo eingesetzt wurden, und so konnte der Friedenskanzler eben gleichzeitig Bündnistreue üben.

Der Einmarsch in Afghanistan wurde innenpolitisch mit derselben Finte begleitet wie zuvor der Angriff auf Serbien: Als reine Friedensmission. Es wurde eine „Geberkonferenz“ in Deutschland veranstaltet, in der über den „Aufbau“ Afghanistans beraten wurde und die Bundeswehr wurde offiziell entsandt, um Brunnen zu bohren und Zivilbevölkerung zu schützen. Der neue Feind war derweil ein alter Freund, bekannt als Mudschaheddin, Taliban oder „Nordallianz“. Im Kampf gegen die Sowjetunion waren die neuen Feinde Verbündete gewesen, selbst nach deren Abzug noch, als bewaffnete Muslime eben in gute und böse unterteilt wurden. Nachdem ein Saudi (Bin Laden) nun für ein Attentat in den USA verantwortlich gemacht worden war, mussten aber plötzlich Afghanen auf deren Territorium bekämpft werden.

Dies dürfte eine Zäsur im Narrativ sein, denn hier verliert die Erzählung jede nachvollziehbare Handlung. Die Blaupause für die Orgie der Propaganda, die an dieser Stelle übernehmen musste, hat George Orwell in „1984“ geliefert. Fortan muss man glauben wollen oder psychologisch vorgeformt sein, um alle Widersprüche, Wendungen und Brüche im Narrativ noch als „Wahrheit“ durchgehen zu lassen. Das Problem ist nur, dass niemand mehr eine solche Geschichte versteht. Niemand kann sie mehr selbst erzählen, weil sie aus zusammenhanglosen Details besteht, die sich jederzeit wieder ändern können. Was die Propaganda hier angerichtet hat, ist ihr in Form von „Fake News“ und „Verschwörungstheorien“ schon kurz darauf vor die eigenen Füße gefallen.

 
nt

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0718-501 / CC-BY-SA 3.0

Wenn Rechte über 'Linke' dozieren, meinen sie einen Mix aus dem angepassten sozialdemokratischen Diätenverbraucher und der Twitter- und Genderspralleria, die am liebsten die ganze Welt in eine bürokratische Hölle verwandeln würden, in der jede erdenkliche Verhaltensweise katalogisiert, moralisch bewertet und bestraft wird. Derweil kommunizieren die demokratischen Vertreter® dieser 'Linken' in einem Jargon, der sie am Ende immer mit dem Problem hinterlässt, sich nicht gut genug vermittelt® zu haben, während die andere Fraktion nur mehr Trolltechniken bedient und ihre vermeintlichen Siege stets auf den rauchenden Ruinen eines sinnfreien Schlagabtauschs feiert.

Beiden ist gemeinsam, dass sie leicht wahrzunehmen, vielmehr: nicht zu überhören sind. Die Einen kommen schließlich im Fernsehn, die Anderen besorgen die tägliche Empörung® im den Sozialen Medien®. Dieselben sogenannten seriösen Medien®, die sich jetzt über sogenannte "Soziale Medien" jämmerlich aufregen, weil dort "die Feinde der Freiheit triumphieren", kommen gar nicht erst auf die Idee, Informationen im Zusammenhang zu liefern. Das Zitat ist einer von tausenden Belegen, dass sie nicht bloß Propaganda liefern, sondern schlicht permanent ihr Glaubensbekenntnis wiederholen. Sie ahnen nicht einmal wie lächerlich das auf jemanden wirkt, der diesem Glauben nicht anhängt.

Drei Mal rechts ist links

Sie predigen aus der Sicht ihres Katechismus, woraus auch folgt, wer unter welchem Label firmiert. SPD und Grüne sind dann etwa "linke" Parteien, ganz gleich ob ihre Promis, Programme und Entscheidungen den Klassenkampf von oben besorgen, kapitalistische Kriege führen, Rassentheorien verbreiten oder die Ehrfurcht vor Gott predigen. Das ist dann halt alles "links". Genauso ist es "links", wenn sich an ein paar Universitäten esoterische Spinner eine Nische für ihre Pseudowissenschaft erobern und von dort die Welt mit einer Opfermythologie und krudem Sexgeschwafel überziehen. Das ist auch "links", weil?

Es ist zweitens "links", weil sich diese Esoterik in den oben genannten Kreisen entwickelt hat und erstens, weil man diesen Spaten jederzeit zum Vergnügen des Publikums in die Groschen hauen kann. Wenn aber die Kreise schon nicht "links" sind und dieser Unsinn ohnehin keinerlei Anbindung zu irgend einer politischen Theorie hat, kann man dann nicht einmal die Luft anhalten und sich fragen, wovon man hier eigentlich redet? Ohooh, er hat schon wieder "Theorie" gesagt!

Ja, als rechter Hanswurst brauchst du keine, da reicht "mia san mia", "so war das hier schon immer" und jemand, zu dem alle aufschauen sollen. Diese Struktur gilt eins zu eins für SPD und Grüne, großenteils auch für die PdL. Keiner von denen will den Kapitalismus abschaffen, alle denken sie in nationalen Kategorien, sie sind Rassisten oder paktieren mit welchen, verfolgen gnadenlos Arbeitslose, haben ein autoritäres Staatsverständnis und folgen blind ihren Führungsfiguren. Das alles ist eindeutig rechts.

Ausradiert

Schön, dass es da ein paar Clowns gibt, die mit komplett wirren Thesen für Unterhaltung sorgen und eben autoritär ihre Ansprüche durchsetzen wollen; siehe „Gender“ und „N-Wort“. Schön, dass das Spitzenpersonal der 'Linken' bis zur Vollbräune neoliberal ist. Schön, dass diese 'Linke' noch nie eine gute Idee hatte. Da freut sich die Rechte, dass sie auf dem Abziehbild ihrer eigenen Blödheit herumtrampeln darf und nicht merkt, wie sich selbst damit trifft.

Das Verbot der Kommunisten, vor allem die eifrige Verfolgung jedes wirklich linken Denkansatzes durch die Sozialdemokratie, hat dafür gesorgt, dass Linke in Deutschland schon lange kein Gehör mehr finden. Wer hier Klassenbewusstsein zu schaffen versucht, erst recht wer über solches Klassenbewusstsein hinaus zu gehen versucht, muss nicht einmal mehr bekämpft werden. Stattdessen hauen sich unterschiedliche Geschmacksrichtungen derselben schwarzbraunen Ideologen ihre Wimpel rechts und links um die Ohren. Was wirklich links ist, ist dabei ganz leicht zu erkennen: Es ist verboten oder zumindest Tabu. Guckt doch einfach mal rein!

 
sarrazIch weiß, dass viele derer, die sich gern als aufgeklärt, kritisch oder links bezeichnen, große Probleme damit haben, wenn man ihnen an die Religion geht. Meist wird dann argumentiert, die Religion könne ja nicht der einzige Grund sein, warum etwas ist es wie es ist oder einzelne einflussreiche Männer könnten nicht so relevant sein, weil es ja immer das System sei, und in dem jeder ersetzbar.

Zu ersterem sei nur vermerkt, dass in aller Regel niemand behauptet hat, etwas sei "der einzige Grund". Der rhetorische Versuch, derart ein Argument zu entkräften, trifft es also gar nicht. Was die Einflussreichen anbetrifft, so stimmt es weitgehend, dass irgendwann ein anderer gekommen wäre, aber es ist eben vor allem im Rückblick zu analysieren, ob nicht gerade die konkreten Auslegungen konkreter Personen zu einer konkreten Zeit die Geschichte um entscheidende Nuancen verändert und Möglichkeiten eröffnet haben, die es ohne sie nicht gegeben hätte.

Bloß das System

Man nehme zum Beispiel das kongeniale Duo Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb und Muhammad ibn Saud. Wäre es richtig zu behaupten, der Einfluss dieser beiden, der Reichtum der Sauds, der Einfluss ihrer Ölpolitik und in deren Schlepptau der religiöse Extremismus ibn ʿAbd al-Wahhābs wäre unerheblich? Im Gegenteil bin ich davon überzeugt, dass die Entwicklung durch den Einfluss Saudi-Arabiens entscheidend verändert wurde.

Ebenso verhält es sich mit Luther und dessen Einfluss auf das deutsche Narrativ. Ich verweise auf diesen Aufsatz von Hubertus Mynarek hier, in dem sogar R.D. Precht einmal mit einem zutreffenden Satz zitiert wird. Das macht den trotzdem nicht falsch. Wie gesagt ist Luther der deutsche Religionsstifter, der die Hälfte der Bevölkerung auf die Knie gezwungen hat. Seine Botschaft ist: "Ordne dich unter, denke nicht, verdiene dein Leben durch Arbeit und Fleiß und hasse alle, die anders sind als wir".

Faulpelze, Fremde, Juden

Der fleißige Deutsche, die faulen Fremden, der nichtsnutzige widerliche Jude, der ganze Hass und alle die Klischees, in denen er seine mal mehr mal weniger aggressive Form findet, bestimmen Luthers Ideologie und einen Großteil des deutschen Narrativs. Als der Nationalsozialismus endlich nicht mehr nur darüber redete, sondern Taten folgen ließ, vollstreckten die Nazis und ihre Mitläufer®, was der große Reformator seinen Schäfchen eingeflüstert hatte und die völkischen Autoritäten einige Jahrhunderte lang kultiviert haben.

Der gnadenlose Sadomasochismus mündet zwangsläufig in den Eifer von Hass und Verfolgung, weil er Menschen generell für minderwertig und sündig erklärt und ihnen abverlangt, das durch Fron und Unterwürfigkeit zu büßen. Die Buße wiederum kann nie tief genug sein; es gibt keine Absolution. Linderung gibt es allein durch die Projektion auf jene, die noch schlechter sind, unrettbar minderwertig und schuldig – wie eben die Faulen, die Aufmüpfigen oder die Juden. In der Neuzeit wurden sie noch manuell angezündet, später fand die moderne Form der Arbeit und ihrer christlichen Ethik effizientere Methoden.

Update: Noch mehr über Luther und seinen theologischen Sadomasochismus

Bildquelle oben: Wikimedia Commons / Richard Hebstreit

 
bp

Die wichtigste tragende Säule des Kapitalismus in Europa, insbesondere in Deutschland, ist die Sozialdemokratie, vor allem das Narrativ betreffend. Sie bringt alles mit, um die Erzählung von der guten Marktwirtschaft zu transportieren, und zwar als Geschichte wie als Tabu. Sozialdemokratie grenzt sich vor allem und eigentlich konsequent ausschließlich nach links ab. Sie ist nicht kommunistisch, im Gegenteil: Sie war und ist unversöhnlich antikommunistisch. Ob Wehner als 'geläuterter' Kommunist, Schmidt als erster Transatlantiker und Kalter Krieger oder jedwede Parteigremien zu einer beliebigen Zeit, die SPD war stets der Feind der Kommunisten und Linksradikalen, schon um nicht selbst aus dem Kreis der 'Guten' ausgeschlossen zu werden.

Als politisch-ökonomische Konstruktion ist die Sozialdemokratie der absurde Versuch, Sozialismus zu verwirklichen unter der strikten Bedingung, dass es ein kapitalistischer zu sein hat. Der Titel 'Soziale Marktwirtschaft', den sie sich ausgerechnet noch von den Rechten hat vorgeben lassen, suggeriert, ein 'Markt', der nichts anderes ist als eben Kapitalismus - die Konkurrenz privater Eigentümer - könne und müsse 'sozial' sein. Sie nennt das ernsthaft bis heute "Sozialismus", der als Ziel nach wie vor im aktuellen Parteiprogramm steht.

Eine absurde Idee

Dabei hat sie keinerlei Konzept. Keines für Demokratie, weil sich für sie Demokratie in der Existenz eines parlamentarischen Systems erschöpft. Keines für Sozialismus, weil sie sich überhaupt nicht damit beschäftigt, welcher Bedingungen denn ein sozialistisches Wirtschaften bedürfte. Schon gar nicht hätte sie ein Konzept oder eine Theorie des Kapitalismus. Den Marx verbietet sie sich, weil der halt am Kommunismus schuld ist. Dieses Tabu wird so konsequent aufrecht erhalten, dass sie auch völlig unfähig ist, die Ursachen sogenannter "Krisen" jemals im Kapitalismus selbst zu suchen. Dabei müsste sie mit dem Kopf darauf gestoßen werden, denn die Absurdität eines geforderten Sozialismus vor dem Hintergrund ihrer neoliberalen Ausrichtung erfordert dringend eine Klärung bzw. Entscheidung.

Es kann aber eben nicht sein, was nicht sein darf. Die SPD ist sozial. 'Marktwirtschaft' ist sozial. 'Marktwirtschaft' ist kein Kapitalismus. Diese Glaubenssätze einer bizarren Religion machen sie zum treuesten Vasallen noch des brutalsten Kapitalismus; sie segnet jedes Mittel, noch irgendwie Profite zu ermöglichen, ab und verkauft dies stets als Segnung, denn das Ziel ist ja der marktkompatible Sozialismus, in dem es allen Fleißigen gut geht. Sie darf daher auch weder Konzept noch Theorie haben, denn das würde den ganzen Schwindel sofort auffliegen lassen und den Nachweis erbringen, dass die Idee der Sozialdemokratie ein einziger großer Irrtum ist.

 
js

Es ist leider eine Sisyphusarbeit, aber ich muss wieder versuchen, die kulturelle und vor allem religiöse Borniertheit aufzubrechen; vor allem die der 'Abendländer' und vor allem die der Lutheraner. Als Exkatholik kann ich nicht die Augen verschließen vor den historischen Verbrechen der Papstkirche, auch nicht vor deren sexistischen autoritären Regime. Geht gar nicht. Keinen Deut mehr Verständnis habe ich allerdings dafür wie man "evangelisch" sein kann, der Kirche des antisemitischen Hetzers und Menschenfeindes Luther angehören.

Ich habe mich mit dieser Sekte noch immer nicht ausreichend befasst, obwohl es mir seit Langem aufstößt, was diese politisch höchst einflussreiche Organisation an Übel verbreitet. Dass aus den evangelisch dominierten Regionen der Nationalsozialismus spross, haben wir bereits zur Kenntnis genommen, ihre antidemokratische und fanatisch autoritäre Ausrichtung ebenso. Luther war voller Verachtung für Menschen, die nicht seinem Bild entsprachen. Juden hatten für ihn ebenso wenig ein Lebensrecht wie Menschen, die sich das Leben nicht verdienen. Es ist auch hier kein Zufall, dass die Nazis die Parole "Arbeit macht frei" über das Tor von Auschwitz montiert haben. Das Leben als solches hat für lutheranische Eiferer ebenso wenig Wert wie für Nazis.

Willst du nicht mein Bruder sein

Wenn du keiner von uns bist, unsere Rituale nicht einhältst oder dir das Brot des nächsten Tages nicht erarbeitest, bist du nichts, bist du der Vernichtung preisgegeben. Dieser Irrsinn nimmt den Gipfel in der Vernichtung durch Arbeit - Arbeit als Erlösung für die Wertvollen wie für die Nichtigen. Beide sind Teil desselben Prozesses, wobei die Nichtigen, die Juden, Zigeuner, Kommunisten, Schwulen, die Unzugehörigen, am Ende selbst zum Produkt der Arbeit werden. Der Holocaust ist Lutheranismus in totaler Konsequenz. Nur ein Zitat von vielen, die tatsächlich nicht mehr steigerbar ekelhaft sind: "Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücken führen, einen Stein um den Hals hängen, ihn hinabstoßen und sagen: Ich taufe dich auf den ­Namen Abrahams". Das ist euer Mohammed.

Selbstverständlich werden sie alle sagen: "Das hat doch mit mir nichts zu tun!". Hat es nicht? Das joviale Wegschauen oder die eifrige Zustimmung, wenn Millionen Muslime im Bombenhagel der NATO sterben? Wenn erwiesen Unschuldige nach Jahren der Folterhaft noch immer Gefangene bleiben? Die Hetze gegen Menschen, die angeblich "selbst schuld" sind, der bittere Neid und Hass gegenüber Arbeitslosen, die angeblich "auf meine Kosten" leben, das hat alles nichts mit einer furchtbaren sozialen Prägung zu tun - einer, deren feste Säule Luthers Kirche ist? Darf man darüber vielleicht einmal reden?

Die Muslime hingegen, die sind alle Burkaschneider, Terroristen und wollen unsere Kultur vernichten. Die sind vor allem alle gleich, eine Masse "Türken und Araber" mit Genschäden wegen Inzucht, glaubt man dem Rassisten Sarrazin und seinem Bestseller. Da muss man nicht genauer hinschauen, sonst wird das alles viel zu kompliziert [dringende Leseempfehlung!]. Wie, warum und unter welchem Einfluss bestimmte Strömungen einer Religion gedeihen und andere nicht - das ist doch viel zu anstrengend. Der Moslem ist dein Feind, und dass du's nicht vergisst. der Jude auch. Der hat nur Pause, kann sich aber am lebenden Beispiel täglich anschauen, was ihm blüht, wenn die mal zu Ende ist.

 
rl

Man kann in der Geschichte der BRD beliebige Löcher buddeln, es kommt stets der Antikommunismus als Leitmotiv der Staatsgründung ans Tageslicht. Auch und gerade Nordrhein-Westfalen, das sich heute wofür auch immer feiert, ist ein Kind des Kalten Krieges. Am Rande erwähnt wird dieser Umstand in einigen regionalen Blättern wie der RP und der WAZ, während der echte Qualitätsjournalismus sich die Sache passend zurechtbiegt.

Nach dem Krieg, eigentlich schon währenddessen, so ist weithin bekannt, entwickelten die USA einen schon zwanghaften Antikommunismus. Dies veranlasste sie u.a. zur Gründung und Führung der NATO und einer Reihe weiterer vor allem militärischer und geheimdienstlicher Maßnahmen im Kampf gegen den neuen Feind. Politisch aber waren es vor allem die Briten und vor allem im Westen der Westzone, die dafür sorgten, dass die BRD ganz sicher wäre gegen kommunistische Machtansprüche.

Das Ruhrgebiet mit seinem immensen wirtschaftlichen Potential und den Arbeitermassen sollte unbedingt unter Kontrolle gehalten werden. Dazu wurden einige Szenarien durchgeplant, darunter auch eine Sonderzone Ruhr. Am Ende aber sollte es Teil des föderalen Westdeutschland werden, nur eben nicht rot. Die FAZ will von dergleichen freilich nichts wissen und fabuliert:

"Ziel war es, das rheinisch-westfälische Industrierevier mit ausreichend großen agrarischen Gebieten zu verbinden, um so die Versorgung der menschenreichen Städte an Rhein und Ruhr mit Lebensmitteln sicherzustellen."

Die Rote Ruhr

Wieso ein politisches Gebilde wie ein Bundesland quasi autark sein muss, erschließt sich mir nicht. Hätten die ländlichen Regionen rund um das Ruhrgebiet den Städtern keine Kartoffeln verkauft, wenn sie einem anderen Bundesland angehört hätten - zumal sie ohnehin unter der Kontrolle der Alliierten standen? Brauchten sie keine Kohle, keinen Stahl und keine anderen Industrieprodukte?

Im Gegenteil wäre ein abhängiges Ruhrgebiet keine wirkliche Bedrohung für die Stabilität Westdeutschlands gewesen, die ging eher von einem unabhängigen lebensfähigen Kleinstaat aus. Den Briten war es aber offenbar wichtiger, die Rote Ruhr zu verhindern, daher entschieden sie sich für folgende Strategie: Dem tendenziell roten Pott wurden ausreichend tiefschwarze Regionen an die Seite gestellt, Kommunisten wurden zunächst aus dem Prozess ausgeschlossen und später verfolgt, die SPD wurde als 'linke' Kraft gehätschelt und ein Zentrums-Mann zum ersten Ministerpräsidenten ernannt. Dieser vielschichtige Puffer ist tatsächlich das Gerüst, aus dem NRW entstand.

Democracy at its best: Es wurden Schienen gelegt, Weichen gestellt und Abzweige stillgelegt; gefüttert und bestraft, ernannt und kontrolliert. Die Konstruktion war so durchdacht und stabil, dass sie einige Jahrzehnte lang hielt. Im Zweifel gehorcht der Arbeiter der Autorität und stellt keine Ansprüche, die ihn in die Nähe von Aufrührern stellen. Ein paar kleine Updates von Schröder und dem von ihm aus Düsseldorf abgeworbenen Ministerpräsidenten Clement haben den Klassenkampf später endgültig entschieden. Herzlichen Glückwunsch, Nordrhein-Westfalen!

 
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Zum Thema Narrativ, Neusprech und Propaganda weist OXI hier auf eine Studie hin, die sich intensiv mit der Karriere des Begriffs "Wirtschaftswachstum" befasst. Fruchtbar ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis auf den einstmals populären Begriff "Bruttosozialprodukt", der nach meinem vagen Empfinden Ende der 80er/Anfang der 90er anderen Floskeln weichen musste. Dieses Detail ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil die sich traditionell als Gatekeeper und Erklärbären auffassenden Journalisten recht flächendeckend nicht gewusst haben werden, was das überhaupt bedeutet. Heute spricht alle Welt nur mehr vom Bruttoinlandsprodukt, einer Größe, die freilich wieder ebenso als Selbstzweck (groß ist gut) dargestellt wird.

Wer es noch schafft, dem Genöle unserer Bundeskanzlerin zu lauschen (die mich immer wieder an Loriots sprechenden Hund erinnert), hört vor allem "Wachstum, Wohlstand. Arbeitsplätze". Mit dem Wohlstand sind sie etwas sparsamer, der taucht gemeinhin nur in Kombination auf und gern als eine Art Aussicht, eher denn als eine Zustandsbeschreibung. Die Menschen könnten sonst allzu schnell aus dem Hemd springen. Die Karriere des "Wachstums" ist vor allem ein Sieg über den Begriff "Profit". Dass jemand profitiert, darf nicht gesagt werden. Ebenso gibt es bis weit in die sich als "links" verstehende Fachexpertenschaft kein Wort mehr für "Kapital". Der Profiteur oder Kapitalist heißt "Unternehmer", "Arbeitgeber" und "Investor", während "Kapital" in Kategorien wie "Investition" und "Vermögen" zerfällt. Wer das Sprechen über Wirtschaft semantisch so zersägt, erstickt das Verständnis für bestimmte Zusammenhänge im Keim.

Unsagbar

Dass die Produktionsverhältnisse soziale Beziehungen sind, steht derweil am ganz anderen Ende des Diskurses. Ein Denken an Machtverhältnisse, wie sie ausgeübt werden und wie diese Verhältnisse beeinflusst werden können, weicht dem gemeinsamen Ziel "Wachstum". Dieser sprachliche Prozess ist ungemein wichtig für die neoliberale Ideologie, denn so können Gewerkschaften darauf festgelegt werden, dem 'Guten' zu dienen, woraus folgt, dass sie nicht mehr ihre Mitglieder bzw. die Lohnabhängigen vertreten, sondern die Interessen der Gegenseite. Das ist dann vernünftig, während Arbeitskämpfe nur das Werk einzelner machthungriger Zerstörer sein können (siehe Weselsky/GdL). Spräche man stattdessen von Profiten, Mehrwert und Beteiligung am erarbeiteten Reichtum, sähe die Welt völlig anders aus.

Wenn die Einkünfte der Reichsten explodieren, weil sie angesichts insgesamt sinkender Profite immer mehr Kapital an sich binden, wenn sich immer schneller immer größere Oligopole bilden, dann ist das halt der Preis, den man fürs Wachstum zahlen muss. Der Neoliberalismus hat das für einige Jahrzehnte gar erfolgreich mit der Lüge vom "Trickle Down" verkauft, die allerdings zunehmend auch vom Mainstream kritisiert wird. Dass aber das Ganze nie dem Ganzen dient, sondern immer nur dem Profit, wäre die korrekte Beschreibung des Zustands. Man muss aus Geld mehr Geld machen. sonst bricht der Laden zusammen. Auf die Dauer kommt es dabei zwangsläufig zur massiven Konzentration von Kapital. Übersetzen Sie das einmal in die Terminologie der Marktwirtschaft®!

 
hl

Das gängige Bild von der Inquisition ist das der Eisernen Jungfrau, Torturen und grausamen Hinrichtungen, aber Inquisition bediente sich im Regelfall ganz anderer Mittel. Die Anfänge liegen vermutlich im beginnenden Spätmittelalter, die Exzesse der Hexenverfolgung, die oft mit der Inquisition verwechselt werden, in der Neuzeit. Dabei waren übrigens Protestanten besonders eifrig, deren Vorgehen mit der Inquisition wiederum gar nichts zu tun hatte.

Inquisition war ein mehrstufiges Verfahren, um insbesondere Ketzer in den Schoß der Kirche zurück zu holen. Es ging darum, deren Wirkung einzudämmen, was in der nämlichen Zeit eine wichtige Säule des Machterhalts für den Klerus darstellte. Dessen geschlossenes Weltbild war durch neue Erkenntnisse, Techniken und die sich allmählich formierende Wissenschaft bedroht. Es gab da ein Denken, das die Religiosität und damit die Autorität im Kern erschütterte. Das musste im Zaum gehalten werden.

Die Mittel dazu waren zunächst der Besuch von dafür ausgebildeten Geistlichen, Gespräche und Befragungen (daher auch der Name). Die Verdächtigen wurden zur Ordnung gerufen und ermahnt. Sie wussten in der Regel schon, was ihnen drohte, wenn sie der Mahnung nicht nachkämen. Dabei war die Möglichkeit des Ausschlusses aus der Kirche gemeinhin nicht weniger beängstigend als das letzte Mittel, Folter und Tod (meist durch weltliche Gerichte).

Zurück ins Glied

Herr Steinmeier hat jüngst auf recht zurückhaltende Weise darauf aufmerksam gemacht, dass eine Konfrontation mit Russland nicht ungefährlich ist. Dabei hat er sogar brav den Dicsclaimer aufgesagt, dass er gar nicht die aktuellen Manöver der NATO infrage stellt. Egal, sie springen sofort aus den Büschen, die Bündnistreuen und sind "empört". Er schwäche die NATO, so CDU und Medien, er erfreue die Linke und man dürfe jetzt "Keine Nachgiebigkeit gegenüber Putin" zeigen.

Ich zitiere im Folgenden aus einer unvollendeten Arbeit, an der ich gerade tippe, es geht um die 80er Jahre und das Original des Kalten Krieges:

"
Auf den Punkt illustriert ein Artikel des "Spiegel" aus 1983 das Narrativ, in dem die Reaktionen auf eine Kritik dieses Irrsinns durch den Oberbürgermeister von Saarbrücken aufgezeichnet sind. Der hieß seinerzeit Oskar Lafontaine und hatte gesagt: „Leute, die einen Atomkrieg für führbar und gewinnbar halten, die können niemals unsere Bündnispartner sein. Das sind Verrückte. […] Es gibt Bedingungen, zu denen eine Mitgliedschaft in der Nato nicht mehr tragbar ist, das heißt, wenn diese Nato uns auf ein Pulverfass setzt, bei dem die Lunte gleich mitgezündet wird.

Lafontaine hatte also deutlich gemacht, dass er es für Irrsinn hielt, eine „Partnerschaft“ zu pflegen, bekannt als „Deutsch-Amerikanische Freundschaft“, in der einer den anderen in einem Atomkrieg der Vernichtung preisgibt. Hier nun zeigte sich die geballte Kraft des Narrativs, denn selbst um den Preis der Vernichtung Europas oder der Welt durfte nicht angezweifelt werden, was im Glaubensbekenntnis stets wiederholt wurde. So sprang nicht nur die bürgerliche Presse auf und stellte (durch die Springerpresse) fest, Lafontaine stehe den Sowjets jetzt näher als den „Freunden“, es war auch der Fraktionsführer und Kanzlerkandidat Hans-Jochen Vogel, der sofort öffentlich die „Bündnistreue der SPD“ erklärte und deutlich machte, Lafontaines Kritik sei "nicht mehrheitsfähig".

Im Westen nichtes Neues

Die deutsche Sozialdemokratie stand treu bis in den Tod zu USA und NATO. Der totale nukleare Krieg wurde ebenso wenig infrage gestellt wie die strategischen Interessen, die hinter dem Kalten Krieg standen. Überhaupt ist die SPD zu jeder Zeit die Repräsentanz der deutschen Schizophrenie gewesen. Motto hier: Wir wollen die Vernichtung Europas kritisch begleiten, aber dafür nicht den Kommunisten in die Hände spielen. Obwohl Deutschlands Funktionäre treu bis zum Suizid den neuen Herren dienten und die gewählten Parlamentarier zu 100% mitzogen, obwohl die Medien dem nur äußerst sporadisch etwas entgegensetzten und vielmehr entschieden die NATO-Doktrin propagierten, schloss sich das Volk immer noch nicht der Militärpolitik an. Eines der faszinierendsten Momente in der ungebrochenen Einstellung dieses schrägen Volkes ist der Unwille Krieg zu führen. "

Im Westen nichts Neues. Wer auch nur den leisen Verdacht erweckt, aus der Glaubensgemeinschaft auszuscheren, dem wird sofort die Inquisition geschickt. Zurück in die Reihe, wenn du einer von uns bleiben willst! Die Funktionäre und Eliten, diejenigen, die Zugang zur medialen Öffentlichkeit haben, werden eingeschworen und überwacht, dass sie stets in Treu und Glauben handeln. Draußen wurde dieser Wahn nie angenommen. Seit Jahrzehnten will niemand mehr dem Ruf zu den Waffen folgen, und Feinde haben wir auch keine. Aber so ist das mit dem Klerus, der braucht manchmal ein paar hundert Jahre, um sich mit einfachen Erkenntnissen anzufreunden. Bis dahin müssen sie die Welt halt ein paar Mal anzünden.

 
kr

Die enge Verbindung politischer und kirchlicher Macht vor allem protestantischer Funktionäre ist hier häufig Thema. Wohin man schaut, springen Pfaffen, Pfarrerstöchter und Kirchentagsvorsitzende aus der Schachtel. Deren Erziehung (aktiv wie passiv) ist einen zweiten Blick wert, und der Anblick, der sich einem dort bietet, ist kein schöner.

In der Niederschrift dieses Vortrags von Wolfgang Huber sind einige wichtige Fakten und Äußerungen der Evangelischen Kirche dokumentiert, die eine nachgerade verfassungsfeindliche Haltung belegen. Vor allem aber zeigt sich, dass bis in die 80er Jahre hinein ein völlig ungebrochen autoritäres Weltbild gepflegt wurde. Die Kirche ist nie in der Demokratie angekommen, sie hat sich vielmehr durch Lippenbekenntnisse und Verrenkungen ihren Einfluss auf Staat und Gesellschaft bewahrt. Einige Zitate:

"Die evangelische Kirche kommt aus einer Geschichte, in der explizites Thema kirchlichen Nachdenkens – so die Kundgebung – ... vor allem die Verantwortung der Regierenden und der Gehorsam der Regierten war."

"Und noch 1959 konnte sich der Ratsvorsitzende der EKD, Otto Dibelius, eine Obrigkeit nur in patriarchalischen Formen denken. Eine demokratisch gewählte Regierung besaß für ihn, da sie prinzipiell abwählbar war, keine wirkliche Autorität." Dibelius, glühender Antisozialist, Antisemit und Reaktionär, war einer der einflussreichsten Kirchenführer der Nachkriegszeit.

Der Gehorsam der Regierten

Von dessen Leitlinien hat sich die EKD also 1985 unter Schmerzen verabschiedet. Das Problem der Kirche ist eine begrenzte Autorität und Macht. Sie behielt sich vor, auf unumstößliche weltliche Autorität zu beharren, die ihrerseits die göttliche anerkennt. Dies bedeutet unmittelbar, dass die EKD eine Monarchie oder Diktatur nicht nur bevorzugte, sondern anstrebte. Es sollte freilich keine sein wie bei Hitler, wo Gott und die Kirche zu kurz gekommen waren. Die schlimmste Variante wäre aber eine Gesellschaft freier selbstbestimmter Menschen gewesen. Gehorsam hat der Mensch zu sein. Es ist auch daher nicht verwunderlich, wie geschmeidig die Naziherrschaft in die evangelisch dominierten Regionen Deutschlands einfließen konnte.

In der BRD musste das Bestreben nach autoritärer Macht eingeschränkt werden. Nach einigen Jahrzehnten hat sich diese Einsicht in der EKD durchgesetzt. Sie hat also versucht, in die 'Demokratie' hinein zu retten, was zu retten ist:
"Sie [unsere Kirche] braucht vor allem Bürgerinnen und Bürger, die ihre politische Existenz als den weltlichen Beruf, als die Berufung aller Christenmenschen verstehen. Sie braucht Menschen, die Demokratie wagen, wo immer dies nötig ist, und dort mehr Demokratie wagen, wo es möglich erscheint. Die Ermutigung dazu gehört zu den Aufgaben kirchenleitenden Handelns."

Halt' du sie dumm

Die demokratische politische Gesinnung ist also eine Ableitung aus der religiösen. "Demokratie wagen, wo immer es nötig ist" ist ein Zugeständnis an Demokratie, das nicht einmal die Mindestanforderung erfüllt. Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, versucht's der berufene Christenmensch halt mit dieser Demokratie. Wenn es möglich ist. Wenn nicht, tja, dann hat der Kaiser vielleicht doch Vorrang. Schließlich muss der Christenmensch von seiner Führung in Gehorsam geübt werden. Wie so oft gehen hier die Interessen der Kalten Krieger, der Autoritären und des Kapitals Hand in Hand.

Unter der wird einmal mehr deutlich, dass "Eigenverantwortung" nichts anderes als Schuld bedeutet, die der gehorsame Christenmensch gar nicht loswerden soll. Statt eines mündigen Bürgers, der Entscheidungen für sich selbst trifft, will die Kirche einen Befehlsempfänger, der sich der göttlichen und weltlichen Ordnung fügt. Wenn letztere eine 'demokratische' ist, dann hat er sich halt den 'gewählten Vertretern' zu unterwerfen - solange es keine geborenen oder durchs Schicksal bestimmten gibt. Der gemeinsame Feind ist alles, was daran rüttelt, der Antichrist ist und bleibt der atheistische Kommunist, das quasi archaische Feindbild, das man so gut es geht aktualisiert. Zur Not geht da auch der böse Russe als bleiche Reminiszenz.

Angesichts dieses antidemokratischen und unmittelbar auf den Einfluss illegitimer Macht ausgerichteten religiösen Extremismus' muss man sich eigentlich fragen, ob die Evangelische Kirche zu Deutschland gehört. Bislang scheint es sich eher umgekehrt zu verhalten.

Update: Pfarrer Gauck war diese Kirche übrigens zu "linkslastig".

 
kk

Der Deutsche ist fleißig. Die anderen demzufolge abgestuft faul. Alles, was südlich liegt und zum Urlaubsland taugt, wird von besonders faulen Gesellen bevölkert. Die haben es nicht so mit dem arbeiten. Das weiß der Deutsche seit Jahrzehnten, ganz egal, ob er sich in in der Algarve, bei Antalya, in Rimini oder auf Naxos bedienen lässt, ob seine Gastarbeiter von dort kommen, seine Pizzabäcker und Dönerschmiede, Gyrospommes oder der Kleinwagen, der Deutsche weiß sich den Ausländern überlegen.

Der Fleiß nämlich, der durfte ihm auch nach den zwölf Jahren, in denen er das tausendjährige Reich durchgebracht hatte, noch angeboren bleiben. Der macht ihn besser als die Fremden. Aber nicht nur das, und hier lauert eine dieser typischen Brüche in der Erzählung, eine Kluft gar: Der Deutsche ist immer fleißig, es sei denn, er ist ein Habenichts, dann ist er auch faul. Wie das jetzt kommt, das ist natürlich ein Problem, denn angeborener Fleiß, der durch Armut zu Faulheit wird, das kriegt man schwerlich auf eine Kette.

Fremd, faul, schuldig

Hier kommt etwas ins Spiel, das die Erzählung zwar ins Absurde abgleiten lässt, sie aber dennoch beieinander hält, nämlich die Schuld. Schuld ist etwas sprichwörtlich Mythologisches, weshalb Religion auch nicht ohne sie auskommt. Schuldig ist, wer schuldig ist, das kann jeden treffen. Die göttliche 'Ordnung' und Fügung ist es, die allein dafür sorgt, das jeder kriegt, was er verdient, und da diese Idee in jeder irdischen Ordnung völliger Schwachsinn ist, muss sie halt mit viel Omm-omm und Tamtam eingesetzt werden. Das Mittel: die Schuld, die immer die "Selber schuld!" ist.

Bei den faulen Kanaken ist das selbstredend, hätten sie halt fleißig sein und sparen sollen! Bei den faulen Deutschen ist das wie gesagt etwas schwieriger. Die Einen pfeifen infernalisch im Walde auf die Arbeitslosen das Lied der Eigenverantwortung®, wohl wissend, dass es sie jederzeit selbst erwischen kann. Das ist so neu übrigens nicht, schon früher wusste die Volksseele, dass wer wirklich Arbeit sucht, auch welche findet.

Die Geburt der Nation

Da spreizen sich jetzt die Probleme auf, denn wenngleich man mit geübter Ignoranz darüber hinweg gehen kann, dass sich die Zahl der Arbeitslosen unmöglich nach deren individueller Faulheit richten kann, sind die Rollen der Fleißigen und Faulen eben vergeben. Was macht man aber, wenn man immer mehr Leute kennt, die als fleißige Deutsche faule Arbeitslose werden, die man aber durchaus als fleißige Arbeiter kannte? Wenn zudem fleißige Deutsche von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, obwohl sie doch so bescheiden sind und noch aufs Existenzminimum verzichten?

An der Stelle werden die faulen Fleißigen wie von Blitz getroffen Nation®. Nation sind die, die unschuldig zu Schuldigen wurden und jetzt ganz fix wen brauchen, der ihnen das abnimmt. Nation weiß, dass es nur der Ausländer gewesen sein kann, der Fremde. Das kann der Jud sein, der Moslem, der Pakistani, der Pole oder Putin, nur eines ist sonnenklar: Eine fremde Macht, aka das Böse® macht immer alles durcheinander und sorgt dafür, dass der Deutsche nicht glücklich sein kann. Das funktioniert übrigens auch tadellos, leicht abgewandelt, in anderen Nationen®. Nicht zufällig gibt es da kaum einen Unterschied zwischen Nation und Christenheit, nur dass Nation® übersichtlicher ist, aber grundsätzlich sind Nation und Kirche ein Inzestgezücht.

Ungleichheit für alle!

Gut, jetzt kann der Schwabe vielleicht nicht wirklich mit dem Bayern und der Rheinländer nicht mit dem Sachsen, aber das wäre schon wieder eine dieser Differenzierungen, für die der Patriot sich das Studium nicht leisten kann. Was wirklich wichtig ist, und da lässt er sich weltweit einzigartig absolut nichts vormachen: Mach, was du willst, sei, wer du bist, so lange du bloß nicht Kommunist wirst! Gleichmacherei, Verachtung der Leistung und ihrer Träger, Sozialneid und immer dieses Gelaber von "Ausbeutung"; das ist nicht nur undeutsch, das ist unmenschlich, das ist Unrechtsstaat® und Diktatur.

Neben dem Judentum hat die Nation der Fleißigen den Kommunismus so gut ausgerottet wie es eben geht, da stört ihn auch nicht, dass es in fast jedem anderen Land der Welt normal ist, wenn Kommunisten in Parlamenten sitzen und sich hier und da an Regierungen beteiligen. Das wird wohl damit zusammenhängen, dass die alle fauler sind als wir. Ehe wir einen Arbeitgeber oder Leistungsträger enteignen, sorgen wir durch Bescheidenheit und Fleiß dafür, dass Deutschland immer wirtschaftlich erfolgreich bleibt. Gern arbeiten wir auch mehr für weniger. Wir wissen ja, wer für uns sorgt, und wenn es wieder einmal nicht für alle reicht, wissen wir, wer es uns wegnimmt. Die zünden wir dann aus alter Tradition an und fühlen uns gleich besser.

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