nato

Als Köhler zurückgetreten ist, hatten wir ihm vorgeworfen, aus dem Präsidentenamt heraus, also als Verfassungsorgan, eine militaristische Politik zu vertreten, die mit 'Verteidigung' nichts mehr zu tun hat. Das war richtig so, aber was wir in Form des pickelhaubigen Pastors Gauck inzwischen erdulden müssen, wirft uns um Jahrhunderte zurück. Der einzige Unterschied ist der, dass nicht im Namen von Volk, Führer und Vaterland und insofern ehrlich die Trommel gerührt wird, sondern dass er das auch noch "Demokratie", "Frieden" und "Verantwortung" nennt.

In seiner kürzlich in Polen gehaltenen Rede lassen sich seine Mittel sehr anschaulich benennen, seine für sensible Ohren unerträgliche Rhetorik. Er stützt sich in seinem Salbadern und Schwadronieren auf religiösen Kitsch, die Legende eines Freiheitskampfes, den der Antikommunist vermeintlich schon führt, weil er einer ist, Geschichtsklitterung, die Attitüde eines Historikers, der er nicht ist sowie die Personalisierung und Moralisierung geostrategischer Kriege.

Gauck hebt an mit einem Lied von - zitiert - Leid (wiederholt), Grausamkeit, verdunkelten Seelen, Opfern, Wunden und Versöhnung, mithin dem Handwerkszeug des evangelikalen Predigers. Eine Analyse oder Kritik des Nationalsozialismus ist das nicht, aber ein "Kniefall", mit dem "die Vergangenheit" erledigt zu sein hat, denn es gibt ja "nur noch wenige Menschen, die persönliche Schuld für die Verbrechen des NS-Staates tragen". Persönliche Schuld ist sein Thema, denn es sind die Personen und der - ebenfalls mehrfach von ihm genannte "(starke) Wille", die das Schicksal der Welt entscheiden, nicht etwa Interessen, Machtkämpfe oder - Köhler wusste das noch - Absatzmärkte, Rohstoffe und Handelswege.

Grusel, Grauen, Gruft und Gram

So ist es denn auch ein "Wunder", das zu Erklärung der "Versöhnung" herhalten muss, rationale Erklärungen einer historischen und ökonomisch-militärischen Entwicklung passen weder in so ein Weltbild noch ins Kalkül, denn am Ende wäre Putin sonst doch nicht schuld. Gauck verweigert sich jeder wirklich historischen, geschweige denn wissenschaftlichen Betrachtung, weicht hier auf ein "Wunder" aus und baut da Ereignisse aus der Vergangenheit ohne Sinn in sein diffuses Stimmungsbild ein. Wo er die jüngere Geschichte - "nach 1989", "nach dem Fall der Mauer" - interpretiert, strickt er wie immer an seiner Legende und ist sich für die übelsten Verdrehungen nicht zu schade. Die "NATO" habe die "Beziehungen zu Russland" so "entwickelt", das Russland "integriert" worden sei.

Ein Blick auf die Karte reicht, solche "Integration" zu verstehen. Dass bei den 4+2-Gesprächen Gorbatschow das Gegenteil versprochen worden war, ist vermutlich die Integration in die westliche Demokratie: Die Sowjets durften sich danach einmal fühlen wie die Wähler drüben. Russland habe diese "Partnerschaft ... aufgekündigt". Das ist nicht nur ein dämlicher Witz, es ist auch noch falsch, denn eine "Partnerschaft", die auf Betrug baut, kann man gar nicht kündigen, das ist nämlich keine.

Wenn Gauck Fakten bemüht, lügt er. "Wir" (die NATO) hielten "am Recht fest", seien gegen das Brechen internationalen Rechts und die Unterstützung von Abspaltungen in fremden Ländern. Die NATO bricht seit Jahrzehnten ohne jede Pause internationales Recht, spaltete im Verein mit der EU schon Jugoslawien, es wurde u.a. der Spaltung des des Sudan zugestimmt, der Irak de facto gespalten, die ganze Region ins Chaos gestürzt. Ist das also "unser Recht"? Sichern wir so staatliche Integrität? Ehrlicher wird es, wenn er wieder schwurbelt, so von einer

"Sicherheitspolitik, die Prinzipienfestigkeit mit Kompromissfähigkeit, Entschiedenheit mit Elastizität verbindet". Einfacher: Wir führen Krieg, wo wir wollen, aber nicht unbedingt, wenn wir nicht gewinnen können.

Das Böse und seine Einzeltäter

Er sprengt sein eigenes Konzept schließlich, wo er den Bogen vom bösen Russen zu den bösen Islamisten versucht. Diesen wirft er vor, sie leugneten "die Universalität der Menschenrechte". Dies ausgerechnet um die "Bekämpfung des Terrorismus" zu rechtfertigen. Guantanamo, Abu Ghreib, Totalüberwachung, die von Manning geleakten Jagdszenen im Irak, Drohnenmorde, Angriffskriege, Destabilisierung - vor diesem Hintergrund leugnen die Terroristen also jene Menschenrechte, die wir universal missachten, kaum das wir sie für gültig erklärt haben. "Universales Recht" heißt dann wohl so etwas wie "gilt für alle anderen", was in der Praxis auch genau so gehandhabt wird.

Gauck backt sich aus den Weltkriegen, dem Naziterror, militanten Muslimen und dem bösen Putin die Frage "wozu Menschen heute fähig sind", um das Böse ganz inquisitorisch in den Einzelnen zu suchen und ihnen Moral beizubiegen. Das Mittel dazu heißt 'Verantwortung', getragen von der NATO, dem strategischen Guten, das die Menschenrechte nicht leugnet, sondern sie zum Glaubensbekenntnis macht und selektiv verteidigt. Ich weiß noch immer nicht, ob der Mann so zynisch ist oder so dumm, aber er ist auf jeden Fall ein steter Quell bohrenden Kopfschmerzes.

Update: Dank an Spencer für diesen Hinweis - Gaucks Redenschreiber, ein Atlantiker und Embedded Horenalist.