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Das politische Stellvertretersystem ist in der womöglichen letzten Krise. Dass es der Krise des Kapitalismus folgt, ist eine Binsenweisheit, aber es gibt Symptome, die unabhängig davon auf einen wichtigen nötigen Entwicklungsschritt hinweisen. Wenn die Menschheit einmal etwas anderes schaffen soll als irgendwelchen Führern, Despoten oder Milliardären zu folgen, muss sie sich dringend von der Moral befreien, die immer wieder Herrschaftssysteme stützt.

Wir erleben gerade jetzt, wie eine Generation politischer Moralisten an ihrer Heuchelei scheitert, um der nächsten den Weg frei zu machen. Diese wird, das hat vor allem die jüngste Vergangenheit gezeigt, schneller an denselben Punkt gelangen als ihre Vorgänger. Es gibt einen stabilen rechten Bodensatz, der wie bereits erklärt gern in eine romantische Vergangenheit zurückreisen will. Diese Kandidaten müssen und werden an sich selbst scheitern. Die Lügen ihrer Führer sind zu offensichtlich und sobald diese Klappspaten etwas regeln müssen, geht das ohnehin schief.

Klimaneutraler Luxus

Interessanter ist das Sammelbecken der verwöhnten Mittelschicht mit ihren Hypermoralen, die alles besser haben wollen - die Welt, die Umwelt und den ganzen Rest. Dass deren Führer das verlogenste politische Pack sind, das sich nicht einmal Sozialdemokraten unverschämter hätten ausdenken können, wird nicht ewig ein Geheimnis bleiben. Zudem machen diese konfliktunfähigen Gutmenschen schlicht alles falsch - was ihnen derzeit einen paradoxen Erfolg beschert.

Die Partei der Angriffskriege, Laufzeitverlängerung, Hartz IV, Deregulierung, Gewerkschaftenkorrumpierung et cetera reitet derzeit auf dem Rettet-die-Welt-Ticket, wobei "Welt" die Bezirke rund um die Bioläden sind, wo man sich mit dem Kapital versöhnt, selbst was verdient und die Bienen lieb hat. Man ist bereit zum Verzicht, lebt man ja immerhin vegetarisch bis vegan, fliegt nur zweimal im Jahr in den Urlaub, spart auf ein Elektroauto, man hat Respekt vor den Fremden und findet Chemie schlimm.

Damit verbunden ist unmittelbar, dass niemand in dieser Blase wissen will, was Regierungen unter Beteiligung der Guten/Grünen in den vergangenen Jahrzehnten beschlossen haben. Man macht sich nicht für zehn Pfennig Gedanken darüber, wie sich Weltrettungsphantasien mit der Endkrise des Kapitalismus vertragen und wer dabei die Spielregeln bestimmt. Keine Ahnung, wie viel zu spät es schon ist und wieso gerade die Grünen als, Pardon, Huren des Kapitals dem auch noch das sprichwörtliche Biosiegel verpasst haben. Das Versagen bildet in Kombination mit den vollen Moralintanks eine explosive Mischung.

Triumph des Willens

Nachdem die einen christlichen Heuchler also allmählich aussterben, kommen die jungen Pietisten ans Ruder und sorgen noch einmal für eine Renaissance der dümmsten politischen Begleitkultur des Kapitalismus. Sie werden jedem Einzelnen ins Gewissen labern und weiterhin so tun als käme es auf 'unseren' Willen an. Sie werden weiterhin "Verantwortung" predigen, wo nur ein radikaler Ausstieg aus dem System noch Hoffnung zuließe. Auch sie werden 'Sicherheit' heucheln und sie den Geheimdiensten überlassen anstatt endlich volle Transparenz zu schaffen, damit wir wenigstens anfangen zu diskutieren, wie wir den Schlamassel in den Griff kriegen.

Sie werden uns die Ohren blutig faseln mit ihrem guten Willen, hohen Idealen und der schönen neuen Welt am Ende des Regenbogens. Die Grünen sind der Spiegel der Braunen, genau so bewusstlos, genau so idealistisch (bitte "Idealismus" selbst nachschlagen!), genau so vom Wahnbild eines rechten Willens geprägt, nur eben nicht ganz so rückwärts gewandt. Mit diesen Pfeifen ändert sich gar nichts. Da kann man auch gleich FPÖ wählen.