Dezember 2019


 
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Ich genieße weiterhin in dieser Mischung aus Schauer und Faszination, wie sich der Kollege Kay Sokolowsky mit den Niederungen des Parteipersonals kontaminiert, halte aber weiterhin einen gewissen Ekelabstand von derlei Versuchen. Ganz prinzipiell will ich aber noch einmal die vom Verein Empörten quasi erniedrigen.

Als ein fader Typ mit Doppelnamen und einer drögen Tante an seiner Seite eine 'Wahl' gegen eine Irrelevante und den großen Minister 'gewann', versammelten sich auf der Empore zunächst, wie es der Kult verlangt, die Braven und Korrupten. Ein weiterer Tiefpunkt, ach was, ein Untergang, stellten die neuen Parteimaskottchen doch alles infrage, was in den vergangenen Jahrzehnten zur Beruhigung der Märkte und ihrer Eigentümer beigetragen hatte. Und obendrein die Große Koalition!

Revolution ...

Kurz darauf, als die vermeintlichen Revoluzzer bereits alle Lampen geputzt hatten, hallte es von der Gegentribüne: "Verrat!" Aus der SPD. Da keimte Hoffnung auf - hätten sie wirklich endlich das V in "SPD" gefunden? Wüssten sie plötzlich, wo sie waren? Keine Sorge, so viel Erkenntnisschock muss da nicht verdaut werden. Morgen setzen sie wieder auf die Basis®, ihren treuen Dackel, mit dem der Schwanz 'Fraktion' so lustig wedelt und warten auf den nächsten guten Mann®.

Dabei hatten sie zuletzt bereits zwei, die auf dem Weißen Pferd eingeritten waren. So viel Scherz muss sein, wie sonst soll man sich über so etwas wie Hannover hinweg trösten? Aber zurück zum Thema: Die wilden Rebellen, Reformer der Reformer (ja, lieber George, wir sind völlig durcheinander mit den Wörtern, bedeutet "Reform" doch längst Reaktion und Unterdrückung, aber als Gegensatz zur Revolution passt er noch so gerade), jene der Linken® also, drohten eine Koalition zu verlassen. Nicht, sich gegen das Kapital zu wenden; auch nicht, irgendetwas an den Machtverhältnissen zu ändern. Nur halt: Mal nicht gleich ganz und gar im politischen Rektum des Kapitals zu verschwinden.

... und Realismus

Kaum waren die Rebellen also an der innerparteilich-innerparteilichen 'Macht', stellten sie aber fest: Keiner da. Nix los. Nicht mal Teil eines Teils des Gesetzgebungsverfahrens, seinerseits Nebenschauplatz eines Unterausschusses der realen Macht. Macht man denn da? Guckt ein Stüfchen höher, wo die Fraktion sitzt, in jener Anstalt, deren Insassen zumindest das Gefühl einer Entscheidungskompetenz spazieren führen dürfen. Hat sich denn da geändert? Aha, nix. Oder doch: Von oben schallt es herab: „Schnauze, oder wir verprügeln eure Frauen und Kinder!“

"Blöd", erkennt der neue Unterchef vom Unterchef. Machen wir denn da? Rebellion? Ach nee, haben wir ja gerade, deshalb stehen wir ja hier. Und sonst? Erst mal die Lage beruhigen, um neue Kraft zu schöpfen. Vielleicht ein paar Lampen putzen. Und ein paar Plakate kleben, auf denen vor den bösen roten Horden gewarnt wird. Gute Idee, das sorgt für Konsens, und Konsens war ja immer schon der Weg.

 
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Es gibt einige Begriffe in der deutschen Sprache, die man als Fusionen betrachten muss. Dazu gehört etwa Gutebutter - ein Wort, wie wir von Jochen Malmsheimer wissen. Ein weit berühmteres aber, das hier bereits mehrfach gewürdigt wurde, ist Härterestrafen, auch Härterestrafen®. Auf einem - man stelle sich das vor! - Treffen deutscher Innenminister; ja, das gibt es, ich weiß, das ist die Steigerung von Nosferatu mal John Carpenter im Billigglanze einer Geisterbahn auf der Dorfkirmes, auf einem solchen Treffen also ist Härterestrafen die Hymne des intellektuellen Analverkehrs, zu dessen Zweck sich die Hilfssheriffs dort einfinden.

Nun haben sie neulich ein Unterthema gefunden, das ihnen relevant deuchte, wohl, weil es zischt und qualmt, nämlich "Pyro", das Abbrennen bunt qualmender Dinger in Fußballstadien, um den Raum über der Rasenfläche durch eine Melange der Vereinsfarben undurchsichtig zu gestalten, was den Verursachern interessanter erscheint als das Gekicke der dafür entgoltenen Fachkräfte. Das muss bestraft werden, hart bestraft, ach was, noch härter! Zu Beginn solcher Konferenzen wird obligatorisch "Braveheart" gezeigt, ein Film, den ich nie gesehen habe, darüber aber gelesen, dass er durch "schier endlose Folterszenen" zu begeistern weiß.

Auf der Flucht erschossen

Alsbald, vielleicht nach der ersten Runde Fisting (oral), wird durchgeatmet. Die Hilfskräfte (Staatssekretäre, Hostessen, Nachhilfelehrer) unterrichten die hohen Herren über den Umstand, dass die Peinlichen Strafen abgeschafft wurden und selbst die Todesstrafe vom dreckigen Besatzerregime unterbunden wird. Sogar in Hessen wurde sie 2018 abgeschafft. Das ist jedes Mal eine große Enttäuschung, sodass die Probanden des Trosts bedürfen, diesmal in Form einer wirklich originelle Idee:

"Pyro" soll durch den Entzug des Führerscheins bestraft werden. Also nicht den zum Führen von Explosionswaffen, sondern den Lappen fürs Auto. Wer nämlich am Wochenende in einer Fankurve eine Fackel schwenkt, ist eine Gefahr für den Straßenverkehr. Logisch. Auch wenn man gar keinen hat - zack, weg das Ding! Ich bin sehr zufrieden mit den amtlichen Sadomasochisten und ihrem Reformeifer in Sachen Sündenfall und Buße. Das darf aber nicht das letzte Wort sein, daher hier noch enige weitergehende Vorschläge:

Wer in der Kneipe raucht, verliert den Anspruch auf Lohnersatzleistungen. Trifft immer die Richtigen. Schwarzfahrern wird die Krankenversicherung gestrichen. Boom! Schulschwänzer kriegen keine Rente. Bang! Blau machen am Arbeitsplatz? Kinder ins Heim. Bamm! Köter kackt auf die Straße? Exkommunikation. Yeah! Radau auf der Demo? Lebenslänglich Einzelhaft. Zack, Boom, Bang! Ich habe da noch einiges im Köcher, das machen wir dann aber erst nach ein paar klitzekleinen Reformen am Grundgesetz. Immer für Sie da!

 
ef

Bei dieser Gelegenheit muss ich noch einmal mein Buch empfehlen, das mehr Leser verdient hätte als es bislang erreichte. Wo ich mich mit dem Deutschen Narrativ befasse, steckt natürlich mehr dahinter. Eine Realität, die sich offenbar nicht abschütteln lässt etwa, die wiederum eng verknüpft ist mit dem amerikanischen Teil des Narrativs, der im Buch recht kurz kommt.

Es ist inzwischen wie auf den Kopf gestellt: Die Präsenz des Narrativs über die USA als Befreier, Hüter der Menschenrechte und moralisch souveräne Weltpolizei verhindert, dass wir an den Kern unserer eigenen Geschichte rühren, während sie sich wiederholt. Das Bindeglied zwischen Freiheit, Demokratie und Faschismus ist der unsichtbare Elefant - unsichtbar, weil jeder weiß, wer da alles in Schutt und Asche trampelt, man seinen Namen aber nicht nennen darf.

Als die Amerikaner als mächtigste Fraktion der Alliierten Westdeutschland reformierten, taten sie das, weil sie eben so demokratisch sind. Sie lieben doch - alle Menschen; so das Narrativ. Die Deutschen konnten ihr Glück nicht fassen, dabei mitmachen zu dürfen, drohten doch der Pranger für eine untilgbare Schuld und eine angemessene Demütigung nach dem Massenmord und dem zweiten verlorenen Weltkrieg. Es kam aber ganz anders.

Menschenfreunde

Das Kapital hatte andere Interessen. Nun kann man sagen, obwohl es nicht zu leugnen ist, dass dadurch massenhaft Nazis und ihre Verbündeten weiter Karriere und Profit machen durften, dass es ja doch zum besseren beigetragen hat. Sofern nicht trotzdem geleugnet wird, ist das ja auch wiederum die gängige Sichtweise. Es blendet aber völlig jeden ursächlichen Zusammenhang aus zwischen Kapitalismus und Faschismus - der ja nach dem Krieg sogar von der CDU erkannt worden war.

Eine der Lebenslügen der jungen Musterdemokratie BRD liegt darin, dass der Luxus, auf dem sie gebaut wurde, schon immer das Elend der anderen war. Die Ausbeutung der Welt durch den inkarnierten Exportweltmeister wurde schon immer ausgeblendet. Schon gar nicht wollte irgendwer etwas wissen von geostrategischen Kriegen, Bündnissen mit Diktatoren und Juntas, die Opposition und Gewerkschaften niederknüppeln und ermorden ließen.

Und auch seitdem es Allgemeinwissen ist, dass in der Produktion von Luxusgütern furchtbare Zustände herrschen, sei es bei Rohstoffen, in der Textilindustrie oder bei der Herstellung von Elektronik, zuckt der Michel nur mit der Schulter und lässt sich beruhigen durch Märchen wie dem von der Überlegenheit der deutschen Industrie und ihrer fleißigen Angestellten. Woanders hungern sie und springen aus dem Fenster? Damit haben wir doch nichts zu tun.

Die nächste Runde

Das ist bei Weitem nicht der Punkt, an dem die faschistische Ideologie anfängt, aber einer, an dem offensichtlich wird, wie kalt und abwertend das Verhältnis der Menschen im Kapitalismus ist zu denen, die dieser notwendig versklavt. Ihnen wird dann eben Minderwertigkeit bescheinigt, sei es moralisch, bezüglich ihrer angeblichen Leistungsbereitschaft oder gleich genetisch. Das ist am Ende ohnehin eine Sauce.

Wie oft muss Kapitalismus sich derat offenbaren, bis die Zusammenhänge endlich (an)erkannt werden? So wie die USA mit ihrer NATO in hunderten Kriegen seit dem 'Zweiten' brutal ihre Interessen durchsetzen oder weltweit Menschen verfolgen und foltern lassen, die ihnen im Wege sind, wurden die Profiteure schon immer als moralisch unantastbar dargestellt und die Opfer für ihr Leiden noch beschuldigt. Der freidrehende Nationalsozialismus war eine besondere, deutsche Form dieser Entwicklung des Kapitalismus, der aktuelle Trumpismus ist eine andere.

Derweil wächst hier wieder zusammen, was zusammen gehört: Die Nazis im tiefen Staat und die in den Parlamenten machen sich Hoffnung und schmieden Pläne, der Rest zerlegt sich unterdessen auf der Flucht vor der Wirklichkeit. Man hört und liest darüber so gut wie nichts. Es sind immer dieselben, die rufen und dieselben, die derweil das Radio lauter drehen.