2019


 
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Einer der vielen Romane, die ich nie schreiben, jedenfalls nicht fertigstellen werde, ist die Geschichte eines 'Preppers', vielmehr seiner Familie. Der Alte Herr ist selbstverständlich Nationalist (in seinem Verständnis ein "Patriot", was ja etwas völlig anderes ist), autoritärer Gesinnung (die Einen nennen es "konservativ", die Anderen verweisen auf Farbe und Geruch) und glaubt nichts von dem ganzen Klimbim, das die Linken verzapfen. So wie diese kommunistische Verschwörungstheorie vom Klimawandel.

Er aber ist vorbereitet ("prepared", daher "Prepper"), auf den von Juden und Kommunisten angezettelten Bürgerkrieg sowie ein mögliches Armageddon, womöglich auch in der Geschmacksrichtung Zombieapokalypse. Alles eingekellert: Nahrung für Monate, Wasserreinigungsanlage, Gasfilter, Brennstoffzellen, Batterien, Sprit, Benzin, Notstromgenerator, Knarren, Munition und SUV.

An die Möse

Während Linke über solche Spinner nur lachen können, kommt es wie es kommen muss: Das Wetter dreht durch, Klima kaputt, Noch mehr Hitze, Brände, Überschwemmungen, das Ende des Kapitalismus weil der Zivilisation. Die Linken haben also recht, und die Prepper überleben. Es gibt schlimmeres als ein Volk von Telefondesinfizierern, und hier haben wir sie, die neue Menschheit. Unser Protagonist, so viel Rache muss sein, stirbt aber bald nach Eintreten der Katastrophe an Wundbrand, weil er sich in den Fuß schießt und Antibiotika für jüdisches Gift hält.

Warum erzählt er das? Nun, weil unter anderem das Niveau der Weltpolitik auf Kindergartenniveau gesunken ist. Jede Beleidigung, Lüge, Unterstellung - gern alls In Kombination - ist willkommen. Während einige noch immer taub und strunzdumm die politischen Feinde "Machthaber", "Populisten" oder "Autokraten" nennen, ist der größte Freund ein kleinkindlicher Troll, der stolz darauf ist, Frauen "an die Möse zu packen", nur in Kategorien wie "supersupergut" oder "ganz ganz böse" kommuniziert und ein Mobbing pflegt, das nicht einmal ein Schulbully in seiner eigenen Gang wagt.

Wäre das wiederum so unerhört, dass erstens wenigstens irgendein Außenpolitiker diesem Affen einmal sagen würde, dass er einer ist und es zweitens im Vergleich zu anderen Halb- und Dreiviertelaffen eine eigene Kategorie wäre, man könnte es ja als vergänglichen Einzelfall abtun. Ist es aber nicht; vielmehr gibt es Blödheiten, Gepöbel und Stammtischgehabe in allen Abstufungen, weltweit und ohne eine Insel, auf die man sich davor retten könnte.

Nichts ist unmöglich

Die Autorität hat ihre Maske abgelegt, ohne die sie nicht mehr wirkt. Auch und gerade die Demokratiesimulation des 20. Jahrhunderts war darauf angewiesen, dass die Massen ihren Stellvertretern ein Maß an Autorität verliehen, ohne das die Befehlsketten reißen. Eine soziale Ordnung, an die niemand glaubt, zerfällt. Immer. Eine Autorität, die sich ganz unverhohlen selbst lächerlich macht, wirkt nur noch bei denen, die sich unbedingt unterwerfen wollen. Mit diesen lässt sich kein Staat mehr machen, sehr wohl allerdings ein faschistischer Pöbel, vor dem der Rest sich fürchtet.

Dieses Muster wiederholt sich immer wieder. Wenn die religiösen, sozialen und politischen Formationen sich nicht mehr mit Sinn aufladen lassen, wenn die Mächtigen und ihre Vertreter keine Legitmation mehr haben, bleibt nur Abwendung von der Ordnung oder blinder Gehorsam gegenüber einer, mit der man sich identifizieren kann. Ein einfaches, eine Zeitlang stabiles 'Wir', das stets auf ein feindliches 'Ihr' bzw. 'Die' angewiesen ist. Das ist kein Verdienst irgendeiner gefährlichen politischen Kraft, sondern schlicht das Symptom der Dekadenz.

 
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Symbolbild: irgendwas mit Strand

Ich bin ja schon Wenigstflieger. Wer weniger geflogen ist als ich, lügt und ist eh nie zurückgekommen, weswegen das auch nicht zählt. Soweit also steht hier virtuell vor Ihnen der CO2-Held, klitzekleiner Fußabdruck, praktisch nicht zuerkennen. Dabei war es in meiner Jugend noch nochmal, dass kein Schwein flog. Da ist man amtlich mit dem Boxer übern Brenner gekachelt, achwas, jetzt wisst ihr nicht mal mehr, was der alte Mann da redet. Egal.

Schon damals war ich freilich die ersten drölf Jahre meines Umtriebs mit dem Daumen unterwegs. Schon dreißig Jahre vor dem Mützchenmädchen habe ich sogar einen Lift auf einem Boot bekommen. Das kam nämlich so, dass ich irgendwo in Jugoslawien auf eine Insel geschwommen war, wobei ich unterwegs feststellen musste, dass das eigentlich eine Scheißidee war, weil weit, deutlich anstrengender als gedacht und in einem Medium, das man als Säugetier nicht atmen kann. Brains of Steel. Zurück habe ich mich schippern lassen.

Boah glaubste ...

Inzwischen brauche ich für meinen Job eine Karre und nutze daher konsequent die, die ich schon habe. Bald 23 Jahre alt, braucht nicht viel und raucht nicht viel. Nun ist mir neulich auf der BAB ein Reifen plattgegangen. Fun Facts: Ich habe es nicht bis zur nächsten Ausfahrt geschafft. Das Ding war nur noch Fetzen und Qualm. Ich habe die Gelben gerufen, um einen Scheißreifen zu wechseln. War nämlich dunkel und kein Meter Rand bis zur Fahrbahn. Gelber Mann stellte Pylonen auf und wir installierten das Notrad.

Notrad! Kein Reserverad, ein Kack-Notrad! Das ist ein Rennradreifen um einem Blechteller, mit dem du nur 80 fahren darfst. Und jetzt versuche einmal, Anfang November Ersatzreifen für eine Kiste zu kriegen, von deren Felgengröße selbst die Jungs aus dem Club kaum je gehört haben. Kannste ne Woche warten, bis du nen Termin kriegst. Nervenkrise. Ich habe ernsthaft erwogen, Statt Reifen gleich ein Auto zu kaufen.

Internationaler Wettbewerb

Und warum ist das so? Das ist zweitens so, weil in dieser Diaspora eines tief im rektalen Höhlensystem der korruptesten Autoindustrie dieses Planeten die Öffentlichen Verkehrsmittel ... ach, das wisst ihr doch alles selber. In der vom Separatismus zerrissenen Stadt hingegen, die Ziel meiner einzigen Flugreise war, kriegen sie das übrigens hin, dass du zu Spottpreisen in Nullkomanix quer durch die Stadt und zurück kommst. Diese faulen Südländer machen uns unseren Ruf total kaputt.

Erstens aber habe ich, als ich Anfang des Jahres pleite war, so einen Vertrag unterschrieben von einem Profitnehmer. Der verpflichtet mich beim Leben meiner Töchter und dem Avemaria, stets mobil zu sein und pünktlich beim Klientel, egal ob Hagelschlag und Graupelschauer, Armageddon, Karneval oder Notrad. Das ist Deutschland hier. Habe Montag dann nach sechs Stunden Telefonitis und Irrfahrten einen Türken gefunden, der mir ohne Termin zu nem sauberen Kurs die verkackten Pneus aufgezogen hat. Alles nehmen die uns weg, alles!

 
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Wisst ihr, wie wir 1975 das Ende der Naziherrschaft gefeiert haben? Ach was, das war ja schon 30 Jahre her. Wer wollte das schon wissen? Ach doch, ja: Dresden, das arme Dresden! So viel Trauer! Überhaupt war der Schwerpunkt der Bewältigung vom Grauen Star geprägt Selbst Walter Scheel, der immerhin wusste, dass da auch Juden betroffen waren, meinte:

"Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk" und bediente brav das Narrativ: "Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden."

Gute, Böse, Opfer

Nee klar: Wer tot ist, leidet nicht mehr (und die Nachkommen sind ja alle gut drauf). Selbstverständlich haben die guten Deutschen (immer die Mehrheit) der guten Sache gedient.

Alles paletti, hat doch einer der größten Großdeutschen überhaupt ganz rechtzeitig Tacheles geredet, der noble Herr Adenauer:

"Das deutsche Volk trägt diese schwerste Zeit seiner Geschichte mit heldenhafter Stärke, Ausdauer und Geduld, mit einer geduldigen Stärke, die stärker ist als alle Not. Ich habe mich seit 1933 oft geschämt, ein Deutscher zu sein, in tiefster Seele geschämt: vielleicht wusste ich mehr als manche andere von den Schandtaten, die von Deutschen an Deutschen begangen wurden, von den Verbrechen, die an der Menschheit geplant wurden."

Seziert das bitte selbst.

Tätervölker, relativ

"Im Großkapital aber waren Juden durchaus maßgebend." Sicher, da muss man was machen. Hat er auch, im direkten Anschluss endlich. Die Juden waren nicht schuld an ihrer Vernichtung, endlich hatte es mal einer gesagt. Dass für Adenauer die Nazis "Sozialisten" waren, zieht sich derweil quer durch seinen Vortrag. 1946.

Mein Money Quote:

"Aber wir wollen nur den treffen, der wirklich schuldig ist; die Mitläufer, diejenigen, die nicht andere unterdrückten, die sich nicht bereicherten, keine strafbaren Handlungen begangen haben, soll man endlich in Ruhe lassen." Endlich! 1946. Bereichern tun sich nur Sozialisten. Weiß man doch. Unmoralisches Pack!

Stirn und Faust

Ich bin ein Mensch, insofern zu mehr als 90% Affe, und meine Reaktion ist demgemäß: Meine Faust will in diese Schädel, in denen Hirne sitzen, die ihre Dummheit durch Dreistigkeit kompensieren wollen. Ich will Rache. Ich will diesen Gefühllosen Drecksäcken Erkenntnis und ein Minimum an Empathie einprügeln, bis ihr Zustand aus physiologischen Gründen zu ihrem Geschwätz passt. Genau deshalb habe ich es aber weder mit Moral noch mit Gewalt. Sprache ist das Medium der Vernunft; leider steht sie meist im Dienst der Affen.

Nein, ich wäre sehr für so etwas wie Geschichtsbewusstsein, wozu gehört, das sagt der Begriff, dass man weiß, was sich so geschichtlich zugetragen hat. Das Gegenteil davon ist zweitens Verdrängung und erstens die Pflege von Feindbildern. Was mir bleibt an somatischer Reaktion, ist das kalte Kotzen, das tut nur mir weh. Rational ist es die holde Ironie: Allen geht es besser. Danke, Kohl!

Mein Beitrag zum lächerlichen Jahrestag schließlich ist die Erinnerung an meinen ersten Gedanken zur nationalbesoffenen Glückseligkeit damals: "Den Kater werdet ihr nicht überleben". So sind sie halt, die Miesmacher.

 
rk

Wie ich höre, finden die Grünen Hartz IV ganz schlimm und schimpfen daher auf die CDU. Das ist so denkwürdig bescheuert, dafür werden sich zwei der letzten drei Satiriker des Landes die Kugel geben. Was neulich noch als "Geschichtsvergessenheit" ein furchtbares Phänomen war, geht inzwischen in den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses über. Was interessiert mich mein Geschwätz von vor fünf Minuten?

Lähmung allerorten. Nach 14 Jahren Rauten-Chucky aka die Bleierne ist es schlimmer als nach 16 Jahren Kohl. Wenn die Altherren-Bierfurzpartei AfD einem Viertel der Bekloppten da draußen schon als frische Brise erscheint, weiß man, in welcher Mocke der Betrieb es sich gemütlich gemacht hat. Was vor 40 Jahren schon gelogen war, wird derweil weiter gebogen, und just heute hetzt das Revolverblatt, dessen Namen in diesem Blog nicht genannt wird, ausdrücklich gegen die "Faulheit" der Arbeitslosen, die gefälligst "bestraft" gehört.

Einer geht noch

Kürzung auf Null wollen sie weiterhin, aushungern, das Dreckspack, und ein Gericht, das das endlich auch im Land der Mörder verbietet, sollte wohl besser der Lynchjustiz Platz machen. Das Volk® weiß schließlich am besten, wer nicht essen soll und nicht atmen. Woher kommt bloß der ganze Hass? Und dann diese Rechten, wie können die so stark geworden sein? Man versteht es nicht.

Da draußen sitzen freilich noch immer welche, die von "Rot-Rot-Grün" träumen. Habe ich eigentlich je erklärt, was ein "Clusterfuck" ist? Das kommt von "Cluster" wie Bündel oder Verbund. Ich bevorzuge das Bild eines in sich verschachtelten Etwas, ähnlich wie eine Matroschka oder eine Endlosspiegelung. So ist das auch, wenn Blödheit Kopfschmerzen auslöst, die man zu kompensieren versucht, indem man sich mit dem Hammer in die Fresse schlägt und mit dem Folgeschmerz ebenso verfährt. Rot-Rot-Grün, ja sicher!

Im Widerstand

Für den modernen politischen Entrepreneur gibt es da schließlich noch die außerparlamentarische Bewegung, der man sich auch einfach per Bankeinzug anschließen kann. Zum Beispiel diesen Komikern mit der Hakenkreuzfahne oder freitags dem Mützchenmädchen. Derweil schaffen andere Fakten, Fakten, Fuckten und tun einfach, was zählt: Produzieren, am liebsten SUVs.

Eine Viertelmillion hat allein BMW im dritten Quartal 2019 verkloppt, Zitat: "Hier trug insbesondere das rasante Wachstum des mittelgroßen Modells X3 mit einem Plus von 74 Prozent bei. Und der hochpreisige Riesen-SUV X7 kommt offenbar immer besser bei der Kundschaft an. BMW lieferte im dritten Quartal fast genauso viele Fahrzeuge des riesigen Modells aus, wie im gesamten ersten Halbjahr." Fry Days For Future!

 
fl

Hat auch keinen Bock mehr: BVB-Fan auf der Flucht

Wer sich einmal ein bisschen umschaut in der Republik, muss einen verdammten Pfeil im Kopf haben, um die Umwelt mit Sprüchen von faulen Arbeitslosen verpesten zu können. Selbst diejenigen, deren Hirnkapazität bereits mit dem Gedanken überfordert sind, dass die Arbeitslosenquote nicht vom Fleiß der Belegschaften abhängt.

Ich hatte vor Kurzem bereits einen Fernsehbeitrag gesehen, in dem jemand durch den ländlichen Norden tourte, um dort unter anderem in einem Dorf zu erfahren, dass es dort einmal ein Supermarkt, einen Bäcker und einen Metzger gegeben hatte, die schon lange ihre Geschäfte dichtgemacht haben.

Alles muss raus

Dasselbe erfuhr ich am Wochenende in einem Eifelstädtchen, in dem sich dies just im letzten oder vorletzten Jahr ereignet hat. Mit nach letzter Zählung gut 1500 Einwohnern gilt der Ort als Mittelzentrum. Inzwischen gibt es dort eine geballte Supermarktpräsenz mit zwei Discountern und einem weiteren großen, die sich quasi einen Parkplatz teilen. Obwohl hier also eigentlich Bedarf für mehrere Bäcker und Metzger wäre, haben die Alteingesessenen das Handtuch geworfen.

In den Nachbargemeinden sieht es dementsprechend aus. Deren Bewohner fahren halt zum Konsumzentrum und versorgen sich dort billig und bei großer Auswahl. Qualität wäre noch ein Aspekt, aber die muss man sich leisten können und der Sog der Konzentration bringt einen kalten Wind mit sich.

Diese Prozesse sind für Kenner und Liebhaber seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts keine Überraschung, sie schreiten aber noch immer voran. Auf dem Land ist das nicht die erste Welle, aber vielleicht die letzte. Hier wird bald keiner mehr gebraucht. Selbst schuld, sie hätten sich ja anständig qualifizieren und sich ein bisschen bemühen können.

 
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Die FDP war schon immer meine Lieblingspartei. Als das alles begann, ich also mein Interesse für Politisches entdeckt hatte, wurde Helmut Schmidt gegangen, woran der auch von mir unterzeichnete Krefelder Appell einen gewissen Anteil hatte. Entscheidender dürfte freilich Genschers Schwenk gewesen sein, dem die historische Leistung gelang, die SPD zu verraten und mit Kohl ins Bett zu gehen. Das war ganz schön eklig.

Sie haben dann auch nicht lange gefackelt und - das ist Deutschland hier - das neoliberale Halali nicht nur geblasen, sondern gründlich verschriftlicht, im sog. "Lambsdorff Papier". Graf Otto von L. war Kohls Wirtschaftsminister, ein ausgesprochen verlässlicher Lieferant seiner reichen Klientel und der erste unter vielen FDP-Nasen, die der kleine Mann von der Staße® nur zu gern gebrochen hätte. Damals trauten sie sich noch nicht, so einen zum Vorsitzenden zu machen. Dann kamen aber Kinkel ("Partei der Besserverdienenden"), Gerhardt, Westerwelle und Lindner. Ja, das Röschen auch, aber den können wir vergessen.

Die Besten der Besten

Sie lieben Kapital, und unsere Armut kotzt sie an. So weit, so frei® und demokratisch®. Sie machen im Grunde einen guten Job, denn ihre Gegner hassen sie mit Fug und Recht und ihre Klientel wird fürstlich bedient, von vorn, von hinten und ins Knie. Aber. Sie vergessen gern und derzeit offenbar endgültig, dass die FDP eine politische Partei ist. Um also ihren eiskalten Klüngel erfolgreich betreiben zu können, sollten sie in der Lage sein, sich zu verhalten wie eine.

Tzia. Während das Schwiegersöhnchen an der Spitze damit ausgelastet ist, sich uneingeschränkt geil zu finden, fällt der Rest der Bande allenfalls auf, wenn wieder einmal wem der erschlichene Doktortitel aberkannt wird. Dass politische Optionen - Basis eben für jede Propaganda - gelegentlich erkannt und wahrgenommen werden müssen, weiß dort niemand mehr. Während nämlich in anderen Sessel- und Pöstchenvereinen die Gemütlichkeit immerhin noch einen Wert hat, tun sie bei den 'Freien' ihren Dienst nur mehr aus Überzeugung - aus der, qua Geburt etwas Besseres zu sein.

Dann eben nicht

Was dabei rauskommt, sieht man allenthalben: 'Jamaika' im Bund war nicht gut genug. Dafür ist man zu sexy. Mit SPD und Grünen? Haha, guter Witz! AfD? Da kriegt man ja dreckige Hände, trotz aller inhaltlichen Übereinstimmungen. Die Linke? Ohgottogott! Nicht einmal in Thüringen und nicht für einen Tag. Wir sind ja gern wichtig und würden dafür auch wieder regieren, aber doch nicht mit denen, denen oder gar denen!

Und so geht sie dahin, die Herrlichkeit. Das wird übrigens kein bisschen besser. Auch nicht bei den Grünen. Die folgende Generation ist durch Verwöhnung derart verblödet, die können gar nichts mehr. Ach doch: Jammern und Safespaces fordern, während der Rest der Welt auf der Flucht aus rauchenden Trümmern ist. Was bleibt, ist eine CDU/CSU, die gar nicht merkt, dass es nichts mehr gibt, was noch zu konservieren wäre und ihr revolutionärer Arm. Da wird schon etwas zusammenwachsen. Und wenn man sich daran erst einmal gewöhnt hat, kann irgendein Brüning wieder die Schlüssel übergeben.

 
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Die Strategien, mit denen sich die Menschen aus ihrer meist unbewussten Not zu retten versuchen, sind oft fatal. Vor allem in Gesellschaften, die religiös geprägte Muster anbieten, welche ihrerseits wiederum tief in den Haltungen, Vorstellungen und Narrativen stecken - wie etwa in der Arbeitsethik. Anstatt Arbeit als Übel zu betrachten, dem man möglichst wenig Zeit opfert, anstatt Ausbeutung anzuprangern und sich mit denen zu solidarisieren, die darunter leiden, trampeln allen voran deutsche 'Arbeitnehmer' missgünstig aufeinander herum, als sei es das allerhöchste Ziel, andere zur Maloche zu treiben. Dafür werden gleichermaßen Gefühl und Verstand betäubt, um sich am Ende jeweils selbst zu schaden.

Im dumpfen Gefühl der Einsamkeit, in der Überforderung als 'Individuum', Einzelkämpfer und Statuskonkurrent, meldet sich die taube Stelle, an der eigentlich das Bedürfnis nach Zugehörigkeit sitzt und schreit nach Ersatzbefriedigung. Längst ist dem trainierten Bürger, ganz auf den Bedarf und die Ideologie des Kapitalismus zugerichtet, Seinesgleichen zuwider. Die Anderen stinken, haben Meinungen, machen einem den Platz streitig; das will man nicht auch noch in der Freizeit haben. Was tun?

Wir ihr sie

Eine der attraktivsten Strategien liegt hier nahe: Wenn man schon den Planeten mit diesen Anderen teilen muss, dann wenigstens nicht auch noch die 'Heimat' mit Fremden. Schnell finden sich welche, deren Ansprüche man gänzlich zurückweisen kann, mit denen man also wenigstens die Konkurrenz verweigert. In einem Aufwasch bietet sich hier endlich die Aussicht auf Identifikation mit einer Gruppe, die einem nicht wehtut und nicht ablehnen kann, weil sie komplett abstrakt ist: Die Nation.

Der gehöre ich an, ganz gleich, was ich tue oder lasse. Andere wiederum eben nicht. All die Zwänge, unter denen ich täglich stehe, die Rücksichten, der Verzicht, Pflicht und Gehorsam, hier hören sie auf. Hier gehört der Nationale der überlegenen Gruppe an und kann als deren Teil anklagen, urteilen - und im Extremfall auch vollstrecken. Die ganze Macht der Nation scheint im Einzelnen gebündelt, der sich mit ihr identifiziert.

Nie genug

Ein schales Vergnügen, denn zunächst erweist sich diese Macht als eine, die dem Individuum, das sich an ihr weiden will, sogleich wieder entfleucht. Ein Kommentar im Internet, ein bisschen Gegröle im Stadion, ein paar Kraftworte beim Gespräch auf dem Gang, das war's dann auch schon wieder. Befriedigung kann sich so nicht einstellen, was viele zur Eskalation treibt. Es ist alles so ungerecht, dabei ist doch klar, wer Herr im Haus ist und wer Eindringling, wer Täter ist und wer Opfer.

Weil sich das Ganze im luftleeren Raum abspielt, vollkommen abstrakt bleibt, kann sich um so weniger jegliches Erfolgserlebnis einstellen. Man erlebt ja gar nichts. Eine ideale Schnittstelle für Wahn und noch mehr Aggression - übrigens umso besser, je weniger Fremden man begegnet. Daher muss der Kreis der Feinde ausgedehnt werden: Freunde und Helfershelfer der Fremden, die sie bevorzugen, hierher holen und mit ihnen unter einer Decke stecken. Dumm nur, dass man die vermeintlich Schuldigen (Danke, Merkel!) ebenfalls nie zu Gesicht bekommen wird. Dann hockt man sich halt mit welchen zusammen, die es ihnen allen zeigen werden, wenn ihre Macht endlich konkret werden wird.

 
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"Claus Weselsky ist Chef der Lokführer-Gewerkschaft. Das ist ihm zu wenig. Nur deshalb legt er Deutschland lahm", so das Schulhofmobbing die glasklare Analyse eines führenden Medienproduktes, das kürzlich noch verlautbaren ließ, was unter "Qualität" im Zusammenhang mit Journalismus zu gelten hat. Die müssen es also gewusst haben.

Auf den Tag fünf Jahre ist das jetzt her, und man muss bitter enttäuscht sein, dass die kaum verhohlene Aufforderung, dem Volksverräter auf die Pelle zu rücken, die einige Wochen später erging, nicht recht gehört wurde. Dem hohen Qualitätsanspruch von Verlag und Redaktion genügend, haben diese ihre Kunden mit Fakten versorgt und die Adresse des Nämlichen veröffentlicht. Der aber lebt immer noch. Schande!

Mission vollenden

Ein Sudelede aus dem Internet hatte dunnemals die Stirn, Folgende Hassrede an seine willenlose Gefolgschaft zu halten:
"Das 'Doxxen', also die Veröffentlichung von Adresse, Telefonnummer und anderer privater Daten, wie es zuletzt durch die deutsche Hetzpresse gegenüber dem Chef der GdL stattgefunden hat, ist das endgültige Niederklatschen des Niveaus politischer Propaganda auf den harten Boden der faschistischen Gesinnung." Die meisten Kommunistenversteher sind selbser Kommunisten. Das wusste ja schon Silvio I.

Also was jetzt? Ich will hier die Kultur des Erinnerns pflegen und aufleben lassen: Es wurde längst der Beweis erbracht, dass nur ein gedungener Schuft so tief sinken kann, sein Vaterland in die Wettbewerbsunfähigkeit streiken zu wollen. Ein normaler Gewerkschaftsführer verhält sich hingegen konstruktiv. Erinnern will ich hier deshalb an den unterlegenen Gegenspieler und Berufskollegen Norbert Hansen, seines Zeichens oberster Vertreter der vernünftigen Gewerkschaft Transnet. Der hat sich so vernünftig, rational, konstruktiv und heldenhaft verhalten, dass er sich damit sogar für einen Posten im Vorstand der Deutsche Bahn qualifizierte. Sänk ju forr träwweling in the Guts of Capital!

Weselsky aber, der "nur", will heißen ausschließlich, mehr sein will als er ist, ist noch immer nicht mehr, ergo will er weiter das Land kaputtmachen. Stoppt ihn also endlich, bevor es zu spät ist und die Bahn durch etwas Furchtbares ersetzt werden muss, das es nicht ist. Okay, den muss man zweimal lesen. Schafft ihr schon. Guten Abend, das Wetter!

 
dolph

Ich habe gerade Urlaub und genieße das Leben auf einem Kreuzfahrtschiff. Den Pool auf dem Oberdreck habe ich ganz für mich allein und schwimme darin in einer Wanne, die ihrerseits mit Salzwasser gefüllt ist, für das Meeresfeeling. Zum Frühstück habe ich mir eine Dose mit marinierten Zierfischen geöffnet und löffle das quietschbunte Zeugs in mich hinein. Was ein echter Seebär ist, ernährt sich maritim.

Um meine Wanne herum planscht ein Baiji-Pärchen. Das sind Flussdelphine, die irgendwer in einem Ölfilm am Jangtse gefunden hat. Jetzt sind sie in meinem Film, da geht es ihnen viel besser. Solange ich sie putzig und lustig finde - meine Depression wird sich aber sicher bald wieder melden - genieße ich sie lebendig. Ich schätze, der Maitre de Cuisine wird heute Abend eine ganz feine Mahlzeit zuzubereiten wissen. Ich mache so selten Urlaub und habe es mir wirklich verdient, hier mit allen Sinnen zu genießen. Am Beckenrand winken mir zwei Kubanerinnen zu. Wir haben ihnen die Tickets geschenkt. Diese Südländerinnen sind ja so dankbar!

Relax ...

Eigentlich hatte ich mich für eine Flugreise nach Südostasien entschieden, aber Greta hat mir die Augen geöffnet. Urlaub auf dem Meer, das ist die Zukunft. Hier ist auch genug Platz für alle. Keine Staus, keine Autos, und die Rußwolke hinterm Schiff hat uns noch nie eingeholt. Keine Ahnung, wie die das machen, aber die frische saubere Seeluft ist ein Hochgenuss.

Ich glaube, wir legen morgen in Griechenland an. Ach nee, das war ein anderes Entwicklungsland. Da kriegst du jedenfalls für ein paar Euro alles, was du haben willst. Früher musste man solche Länder besetzen, aushungern und brandschatzen, das war ästhetisch immer eine ziemliche Last. Heute freuen sie sich, wenn die Fremden kommen und sie ausbeuten. Die sind ja nicht nur äußerlich oft anorektisch, sondern auch intellektuell. Wenn die hier alles so billig machen, wie wollen sie dann je genug Geld verdienen? Egal, mir soll's recht sein.

Der Netzempfang ist übrigens exzellent hier, ganz anders als bei euch daheim. Habe eben mal im Archiv gestöbert, im alten Blog. Zum Beispiel dieser Artikel, geschrieben quasi auf den Tag genau vor zehn Jahren. Mei mei, was war ich damals unentspannt! So eine Aufregung, wofür eigentlich? Eine Ausgebeutete begegnet ihrem Schicksal und wird fortan nicht mehr ausgebeutet. That's all. Regt sich irgendwer auf, wenn ein Zuhälter seine Hure in den Ruhestand schickt? Kann man doch alles auch mal positiv sehen ...

 
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Man täte gut daran, den Plan aufzugeben, etwas besonderes zu sein, ja, im Endeffekt sogar den, sich selbst (immer) gleich zu sein, denn das geht zwangsläufig schief. Das bedeutet ja keineswegs - im Gegensatz zu dem, was der (Neo-)Liberalismus einem weismachen will, man sei dann eine Art Produkt, das sich von allen anderen nicht mehr unterscheidet ("Gleichmacherei). Im Gegenteil: Eine Persönlichkeit ist nur in Abgrenzung zu anderen möglich, aber eben nicht permanent zu allen anderen, von denen man sich gefälligst abzuheben habe.

Das absurde Konstrukt des bürgerlichen Individuums verlangt von jedem Einzelnen, sich als Beste zu präsentieren. Es gibt nur Nummer Einsen. Stark, unabhängig, chic, eloquent, unbesiegbar und an jede Situation anpassungsfähig. Dabei zwingt der Alltag einen dazu, nur von Letzterem reichlich Gebrauch zu machen - nicht zuletzt, weil die allermeisten der vermeintlichen Superstars Befehlsempfänger sind. Ein Wunder, wie viele Menschen es noch immer schaffen, nicht wahnsinnig zu werden.

Stage Diving

Es wird suggeriert, der schlimmste Tod sei der, in der Masse, Menge, Gruppe unterzugehen und sich von den anderen nicht mehr zu unterscheiden. Dabei ist gerade das notwendig. Nicht nur um der Psyche Willen, sondern weil man sich nur in der Gruppe durch gemeinsames Erleben erfährt - sowohl als soziales Wesen als auch eventuell als jemand, der anders ist als die Anderen. Gleichzeitig lernt man, sich ggf. auch gegen eine Gruppe zu positionieren. Nur durch das 'Untergehen' im Kollektiv kann man aus diesem gelegentlich als Individuum auftauchen.

Das Selbst ist nicht ohne das Andere, und man wird, eingebunden in die Gruppe, auch erfahren, dass selbst das 'Selbst' variiert, dass die Gruppe womöglich stabiler ist und mehr Identität ermöglicht als ein 'Ich' - obwohl Gruppen sich ganz offensichtlich in stetigem Wandel befinden. Ich bin nur jemand als jemand von etwas; allein bin ich verloren. Gegen das schlummernde Bewusstsein dieses Umstands muss das bürgerliche Individuum aber ständig so tun, als sei es eben völlig unabhängig und lasse sich nur aus strategischen Gründen auf Kollektive ein. Wie grotesk!

Was bleibt, sind eben die Restfamilie und der Fußballverein, wobei selbst diese nach den üblichen Statuskriterien betrachtet werden. Die Alleinerziehende gilt ebenso als Asimutter wie Fußballfans als Primitive - es sei denn, sie firmieren in der Loge des Wurstfabrikanten. Somit total von seiner Spezies entfremdet, simuliert sich der postmoderne Halbirre als Fels in der Brandung, unveränderlich und unerschütterlich. Diese Kultur ist die exakte Perversion einer lebenswerten Gesellschaft.

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