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Ich habe zugesagt, dieses Buch zu lesen und zu besprechen. Ersteres war hart. Das Folgende ist eine Kurzfassung; ich könnte mir jeden zweiten Satz zur Brust nehmen.
Eine Grundabsicht kann ich sogar verstehen; Was heute so alles als "links" etikettiert wird, verdankt sich einer Aufmerksamkeitsökonomie, die zwischen Maischberger, Twitter und Facebook jeden ernsthaften politischen Diskurs zermahlt. Dies hätte man analysieren können, was aber leider nicht stattfindet. Im Gegenteil sind die genannten Medien diejenigen, auf die sich der Autor selbst stützt. Inhalt war aus, dafür war noch reichlich Wertung da. Permanent werden Menschen, Gruppen und "Theorien" bewertet, ohne dass man eigentlich erfährt, was sie sagen und warum das falsch ist.

Was man von der "linken Linken", an der sich DeLapuente reibt, zu halten hat, ist leicht zu erkennen, die Sprache verrät es:
"Fundis/Fundamentalisten", "chaotisches Geschwader", "Schwarzblockwarte", "Chaotentum", "Kaste von Hohepriestern", "Fundi-Zunft", "Jünger des Grundeinkommens", das sind diejenigen, die "Wähler verschrecken", "sich im Milieu einnisten", "Parolen skandieren" und einem "Wahn der Weltrettung" anhängen.

Wer schuld ist

Ich empfehle ja immer dringend, sich mit konkreten Texten auseinanderzusetzen und diese zu analysieren, anstatt der Beliebigkeit einer Bewertung von Personen und den Stereotypen eines Urteils über Gruppen zu verfallen. Der Autor hält es umgekehrt; hier wird personalisiert, dass es scheppert, bis hin zu naiven pseudopsychologischen Scheindiagnosen. Die Guten sind hier Wagenknecht und Lafontaine, die Bösen linke Linke wie die Altgrünen Ebermann und vor allem Ditfurth. Letzterer sagt er halbgar ein "aufgestautes Psychotrauma" nach, ganzen Gruppen linker Linker diagnostiziert er "Narzissmus". Weitere Urteile: "Geriatrischer Radikalismus", "Verbitterung und poststalinistischer Säuberungszwang". Kein Kommentar dazu.

Wo es Inhalte streift, wird es zumindest ärgerlich. Das Niveau der 'Theorie' ist naiv und verdreht zentrale Begriffe gar ins Gegenteil. Da wird "Marxisten" nachgesagt, sie "tun sich schwer mit Praxis ohne Theorie", was "materialistisch" sei; "idealistische" "Maoisten" hingegen "verabscheuen eine Theorie ohne Praxis". DeLapuente identifiziert Materialismus mit Ökonomie und Idealismus mit politischen Zielen. Mit diesem vorwissenschaftlichen Verständnis kann man so etwas wie Produktionsbedingungen freilich nicht denken.

Es ist viel die Rede von "Kapitalismus", ohne dass auch nur gestreift wird, was das ist, bis auf diese kapriziöse Formulierung: Kapitalismus sei "jene Produktionsweise [...], die in den letzten 200 Jahren einen massiven Gewinn an Lebensqualität verursacht hat." Wo soll man da anfangen? Beim den Unterschieden zwischen technischer Entwicklung, Produktionsweisen, Produktionsbedingungen, Privateigentum, Produktivität, Arbeitsteilung? Nein, das Gute, das uns BMW und Iphone beschert, ist der Kapitalismus, wie wir ja wissen. Alles andere ist Marx, und der ist zwar "brillant" (warum eigentlich?), aber so was von Achtzehnhundert. Genau wie dieser Darwin. Oder Newton. Olle Kamellen halt.

Rettet Jürgen!

Den Vogel abgeschossen hat der Autor aber mit seinen Aussagen zu Brandts Radikalenerlass. Er nennt sie "Berufsverbote für Sympathisanten des terroristischen Milieus", an anderer Stelle: "Man hatte es immerhin mit der Sympathisantenszene der RAF-Mörder zu tun". Ist das übelste Geschichtsklitterung, macht er sich mit den damaligen Denunzianten der "Sympathisanten" gemein oder hat er schlicht null Ahnung, wovon er da redet? Nehmen wir gnädig Letzteres an, dann soll er das bitte am Stammtisch erzählen, aber nicht ein Buch schreiben, dessen Klappentext von "brillanter Analyse" schwafelt. Ja, ich rege mich gerade auf.

Seine Gegner zu kriminalisieren, zu pathologisieren und zu infantilisieren ist die feine Art nicht, DeLapuente scheut aber kein Mittel, um seinen Kampf um die vielfach erwähnte "Deutungshoheit" strikt auf der persönlichen Ebene zu führen (dafür bekommt man hier gemeinhin Hausverbot). Das Sahnehäubchen ist der rote Faden in Form von Joe the Plumber, der bei ihm "Jürgen" heißt, sein Bekannter, der doch so gern die Linke wählen würde, sich aber wegen der schlimmen linken Linken nicht traut und lieber Mutti gewählt hat. Die Moral der Geschichte: Wir verlieren Jürgen an die Rechte, weil die kindisch-narzisstischen Verbrecherfreunde der Radikalen die gute Idee der "regierungsfähigen" Linken beschmutzen. Brillant.