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An einem Donnerstagabend saß ich hier und trank ein Bier, als ich mich fragte, ob ich etwas über Nahles schreiben sollte. Etwas in mir meinte, es hätte dann lieber die Grippe. Ich stand irgendwann auf, um die Toilette zu frequentieren, da erschien ein Ding auf dem Flur, schlug mir in die Fresse und schickte mich für die folgende Woche auf die Bretter.

Johannes Kahrs, jener verurteilte Stalker, der nie zu etwas gewählt wurde und seit Jahrzehnten für den "Seeheimer Kreis" die SPD auf braunem Kurs hält, hatte beschlossen, Nahles zur Parteivorsitzenden zu erklären. Ich bin erstaunt, dass die Vollidioten, die glauben, ihre glühende Verachtung gegenüber allem, das sie für unter sich stehend halten, ergäbe ein treffendes Bild ihrer Untertanen, mich noch immer überraschen können. Nicht nur, dass sie gar keinen Gedanken mehr daran verschwenden, was eine "Wahl" ist. Nein, sie sind auch zu und zu dämlich, wenigstens einen Blick ins Manual zu werfen. Nahles kann gar nicht kommissarisch bestimmt werden. Haben sie jetzt immerhin auch bemerkt.

Schnittstelle verödet

Einen kurzen Blick nach Pjöngjang: Dort treten nordkoreanische Zombieroboter auf, um das Restpublikum zu verstören. Man hat diesen Winke-und Grinsepüppchen jegliche Schnittstellen zur Realität verödet, was dem nicht-Nordkoreaner sofort auffällt. Ein sehr vergleichbares Syndrom. Die Gefilterten aus dem Politmedienzirkus haben ebenfalls den mental stabilen Orbit verlassen. Für sie ist es ganz selbstverständlich, dass selbst nach der ungemein peinlichen Inszenierung von Martin Schulz ihre Hohlphrasen über Hohlphrasen noch immer das Maß der Dinge seien. Ein kurzer Realitätsabgleich:

"Wir [orientieren] uns an Arbeit und Leistung und nicht nur an staatlicher Umverteilung wie die Linkspartei."
"Es kann nicht sein, dass Arbeit nicht zum festen Tagesablauf gehört."
"Es kann nicht sein, dass Partikularinteressen die Interessen anderer bestimmen." (zum angestrebten Streikverbot für kleinere Gewerkschaften)
"Pünktlichkeit ist hier aber ein so zentraler Punkt. Muss man sonst nicht sagen: Dann gibt es Konsequenzen?
Wer das nicht tut, wer sich nicht integrieren will, dem werden wir die Leistungen kürzen.

Einige Zitate von der 'Linken' Nahles, die auch prominent forderte, man solle Flüchtlingen ihr Vermögen abnehmen. Hier draußen sehen wir eine in der Wolle gefärbte Neoliberale, die in ihrem Eifer gar nicht heftig und oft genug nach unten treten kann; die permanent Menschen zu harter Arbeit® zwingen will, ohne je selbst etwa Nützliches geleistet zu haben. Niemand glaubt ihr irgendetwas. Ihre Sprüche sind aufgesetzt, ihre Attitüde schal, ihre Auftritte mitunter peinlich und hart an der Grenze zum Irrsinn.

Kasperletheater

Wenn man freilich meint, jemand der seine Krawatte lockert und die Stimme künstlich presst, halte eine 'kämpferische Rede' und sich niemals fragt, was er da eigentlich redet, sieht die Welt anders aus. Vermutlich legt es sich der Journaill so zurecht, dass der dumme Pöbel, dem man die Welt erklärt, die Inszenierung nicht erkennt und meint, "authentisch" sei, was jener eben zu glauben habe. Das geht dann so weit, bis man selbst glaubt, was man selbst inszeniert. Alles eine Frage der Übung, bis man so etwas schreibt:

"Sie kennt die Sprache der Malocher und kann eben auch Mal so richtig auf den Tisch hauen, wenn es sein muss. Sie kann aber auf Menschen zugehen, Nähe erzeugen, mit einem der typischen, lauten Nahles-Lacher das Eis brechen. Diese Volksnähe und die Kämpferqualitäten á la Gerhard Schröder werden für den Neustart in der SPD gebraucht. Die Partei muss zu ihren Wurzeln und Wählern zurück. Dass sie da liefern kann, ist ein großer Pluspunkt für Nahles."

bzw.

"Andrea Nahles hat als Politikerin viele Talente. Sie kann die Volksnahe, Bodenständige geben. Die Frau aus der Eifel verkörpert die Rolle der Arbeiterführerin glaubwürdig." - "Auf Menschen zugehen, ihre Sprache sprechen - das gelingt Nahles mühelos." - "Nahles kann aber auch das andere, das Staatstragende, Seriöse." - "Sie schafft das nicht nur, weil sie authentisch wirkt."

For The Record

So authentisch wie M.Chulz, der "die Ärmel hochkrempelt und den Helm aufzieht", wenn er in seinen Buchladen geht. So bodenständig wie das Gör, das vom Studium unmittelbar ins Präsidium aufgerückt ist, "die Sprache der Malocher" kennt. Jemanden "geben", etwas "verkörpern" - das mag ja aus Sicht der Claqueure die Kunst der Politik sein, aber haben sie sich jemals gefragt, warum der Erfolg ausgerechnet dieser Partei mit ausgerechnet diesen Figuren ausgerechnet diese Entwicklung nahm? Weil das "authentisch" ist? Wirklich?

Vom Hundertsten in Tausendste, es gibt zwei Anforderungen: einen kompromisslos neoliberalen Kurs und die Befehlsgewalt in Händen derer, die man darauf eingeschworen hat. Warum ich das so episch darlege, fragt ihr? Weil es die Wirklichkeit beschreibt. Was parallel dazu von den Lohnschreibern aufgeblasen wird, ist nordkoreanische Choreographie. Am totalen Untergang der SPD ändert beides nichts. Ich finde, der Name "Nahles" sollte getrost damit verbunden werden.