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Es ist nicht allein der verbogene Begriff von 'Intelligenz', der reichlich Stilblüten im Diskurs um 'KI' treibt. Befeuert wird das Ganze von Selbstbeschreibungen des Menschen, die sich eng der kapitalistischen Effizienz anschmiegen, seiner zweiten Natur, um sie folgerichtig mit der ersten zu verwechseln. Zwei Beispiele, die mittelbar oder unmittelbar mit KI zu tun haben:

Florian Rötzer suggeriert in einem Artikel, KI habe ein "besseres Verständnis natürlicher Sprache" als Menschen. Dabei hätte ihm vielleicht auffallen können, dass es ums Lesen geht, wo er von "natürlicher Sprache" redet. Nein, Lesen ist nicht natürlich, schon gar nicht, wenn es die KI tut. Ein einziges Desaster, diese analytische Schlampigkeit. Er unterscheidet nicht Sprache, Schrift, Inhalt, Bedeutung und Verstehen. So heißt es: "Das Programm muss die Wikipedia-Artikel lesen und verstehen können, um dann die Fragen richtig zu beantworten."

Verstehen: "Bahnhof" ist nicht Bahnhof

Nein, es versteht gar nichts. Es kann die Informationen nicht variieren, Unbekanntes daran nicht anknüpfen und sich nicht irren. Es kann bedingt erkennen, auf welche Bereiche der gespeicherten Informationen sich Fragen beziehen. Das hat übrigens auch mit Lesen nichts zu tun, sofern dieses wiederum menschlich wäre. Schrift ist Lautunterscheidung. Die KI befasst sich kein Stück mit den Wörtern selbst, ihren Buchstaben und Silben, um denen Bedeutung zu entheben. Das müsste sie aber, um Varianten zu verarbeiten, die darauf beruhen. So wie Menschen eben verstehen und kommunizieren. Das betrifft derweil ohnehin nur Sprache, die weder eine emotionale noch eine Beziehungsebene kennt.

Fehlerhaft ist auch die Ansicht, "schnelles Denken" beherrsche das menschliche Bewusstsein. Immerhin ist das übrigens ein furchtbarer Schlag gegen 'KI', deren Effizienz auf völlig anderen Strategien beruht und die mit ihrer Unfehlbarkeit komplett auf dem Holzweg ist. "Schnelles Denken" verführt uns laut Constantin Seibt zu permanenten Abkürzungen auf unseren intellektuellen Wegen, die teils groteske Fehlleistungen zeitigen, auch und gerade bei 'Experten'. Interessante Erkenntnisse allemal über menschliche Dummheit.

Dennoch geht er fehl, wenn er annimmt: "Das langsame Denken ist überzeugt, dass es der souveräne Chef ist, während im Hintergrund fast alle Entscheidungen vom schnellen Denken getroffen werden.". Das Problem ist selbstverstärkend: (Nur) wenn ich annehme, meine Entscheidungen seien stets rational oder bewusst, verliere ich jede Kontrolle. Schnelles Denken ist ein Sediment von Erfahrungen und bewussten Entscheidungen. Je stärker ich also Einfluss nehme auf die Grundlagen meiner Entscheidungen, mich hinterfrage und bilde, desto mehr Einfluss hat dieses 'langsame Denken'. Ein Blick ins Netz, aus dem Fenster oder in die Schriften Freuds macht deutlich, dass das alles nicht neu ist. Ja, Aufklärung täte not.

Wer bestimmt wen

Wenn wir erfahren, wie in Situationen von Angst, Unsicherheit, Stress, aber auch Routine, unser Denken abläuft wie ein schlecht programmierter "Autopilot", wo bleibt dann die Frage nach den Zuständen, die solches Denken im Alltag enorm fördern? Die es kaum mehr zulassen, dass Entscheidungen rational, d.h. mit einem klaren Bezug zur Realität getroffen werden? Auch hier wirkt die zweite Natur fatal und macht sich die erste zur Sklavin. Das Sein bestimmt das Bewusstsein; auch dessen Möglichkeiten, sich überhaupt zu entfalten. Dabei kann es auch nicht um die Rolle eines "Chefs" gehen. Das Gehirn ist kein Unternehmen.

In einer Atmosphäre also, in der Denken, Rationalität, Intelligenz heruntergebrochen werden auf Effizienz, Einfluss, Stabilität, Zielstrebigkeit, muss die Menschheit den Vergleich zu ihrer KI gar nicht antreten. Sie wäre den Maschinen hoffnungslos unterlegen. Was sie aber da zur 'Intelligenz' verklärt und vergöttert, ist ein winziger Ausschnitt ihres Potentials, den sie für die Essenz ihres Daseins hält, weil er das zeitgemäße Anforderungsprofil der Gesellschaft abbildet. Was mich am meisten fasziniert an diesen Albträumen ist der Umstand, dass sie alle sofort platzen, wenn man sie mit einer schon immer unterschätzten, verdrängten und unterjochten Fähigkeit konfrontiert: der zum Widerspruch gegen das eigene Programm. Auch das lässt tief blicken.

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