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Ich muss an dieser Stelle zunächst einräumen, dass ich mich mit dem Thema ein wenig verhoben habe. Das macht aber nichts, denn ich habe andererseits den Eindruck, dass einige dennoch einen leicht veränderten Blick auf 'Gewalt' haben und das vor allem die Frage im Raum steht, was das denn überhaupt ist. Diesbezüglich kriege ich hier garantiert den Deckel nicht drauf, und die Frage wird weitgehend offen bleiben. Ich gehe daher meinem eigenen Gedankengang nach und versuche, den mit Ansätzen aus den Kommentaren zu verbinden.

Mir selbst folgend, habe ich Gewalt als Handlungsoption verstanden, als Gegensatz zur Ohnmacht. In der Situation, die oft traumatisch wirkt, ist das ja auch ganz plastisch so: Der Täter übt Gewalt aus, dass ohnmächtige Opfer leidet darunter. Meine Spekulation ist die, dass dieselbe Situation dem Opfer allein schon dadurch Handlungsspielraum lässt, wenn es von der Gewalt nicht überrascht wird und gelernt hat, mit Gewalt umzugehen - selbst wenn es hoffnungslos schwächer ist. In den Fällen, in denen Täter gerade durch die erkennbaren Ohnmachtsgefühle ihrer Opfer motiviert werden, kann sogar das schon wirksam sein.

Widerstand ist sinnvoll

Vor allem aber gibt es ein Vorher, Während und Nachher des Ereignisses, die eine 'normale' Zeitlinie ergeben. Die Tat wirft das - gelähmte - Opfer nicht aus der Zeit, sondern befähigt es zu handeln, sobald die Macht des Täters endet. Die Ereignisse um H.Weinstein und ähnliche Fälle zeigen hingegen, dass Scham und Schock dazu geführt haben, sich nicht einmal nachher zu äußern. Dies führt obendrein dazu, dass sich die Machtspähre solcher Serientäter enorm erweitert. Zur Vollständigkeit sei bemerkt, dass Gegengewalt ein oft äußerst probates Mittel ist, selbst für Schwächere.

Das Problem, das ich hier sehe, ist das Tabu über Gewalt. Das Motto "Keine Gewalt!" ist strunzdumm. Dazu muss man nicht einmal (was durchaus berechtigt ist) auf strukturelle Gewalt hinweisen. Auch Notwehr ist Gewalt, und wer von vornherein darauf verzichtet, begibt sich freiwillig in die Hand fremder Mächte. Der stumpfe unzivilisierte Faustkampf wird vermutlich als vulgär empfunden, als proletenhaft. Der Diskurs über Gewalt hingegen ist zivilisiert, eine Angelegenheit der Mittelschicht. Da gibt es keine Gewalt. Kurzum: Der gesellschaftliche Umgang damit wird festgelegt von Leuten, die nicht wissen wollen, was das ist.

Akademische Frage

Da kommt dann die akademische Frage auf, was das denn sei? Zwang, Nötigung, Körperverletzung, im Weg Rumstehen - wo fängt sie an, wo hört sie auf? Eine Spezialabteilung entdeckt sie derweil in der brutalen Anwendung von Artikeln, Wortendungen und Astrid-Lindgren-Büchern. Wenn man so weit von realer Gewalt entfernt ist und noch zu blöd zu abstrahieren, dass die Staaten, die hier juristisch eingreifen sollen, gerade massenhaft Menschen töten ('Krieg gegen den Terror'), macht man Fehler. Das führt auch dazu, dass hinter der Fassade solcher Debatten jahrzehntelang vergewaltigt werden kann und es niemand wahrhaben will.

Kurzum: Die Frage, was Gewalt sei, kann man nur beantworten, wenn man sie erlebt - vor allem kollektiv - und offen damit umgeht. Das heißt, dass man es nicht dem Strafgesetz und der Polizei überlassen darf. Diese Gesellschaft muss gewaltbereiter werden. Das bedeutet keineswegs, dass es dann mehr Gewalt gibt. Damit sind wir dann immer noch nicht beim Schlimmsten, das wir inzwischen "Verantwortung Übernehmen" nennen. Diese perverse Kultur schlachtet massenhaft Menschen ab und nennt noch nicht einmal das Gewalt. Ernsthaft: Wir tun pazifistisch und schwafeln von Gewaltlosigkeit, während für uns nicht einmal das Töten von Artgenossen Tabu ist.