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Der Verlust jeder Orientierung in der Wahrheitsproduktion der Verlagsmedium hat eine Geschichte, die man recht gut an der Entwicklung Deutschlands zu einem Teil der NATO-Kriegsmaschine erklären kann. Die Deutschen waren nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich ein friedliebendes Volk. "Nie wieder Krieg" war eine Säule des deutschen Narrativs. Sie musste fallen.

1998 war Schröder mit seinem Außenminister Fischer gewählt worden, schon 1999 befürwortete Fischer einen Angriff der NATO auf Serbien, wobei er ausdrücklich von der Formulierung "Nie wieder Krieg" abrückte, weil es ein "Auschwitz" zu verhindern gelte. Diese Parole musste aber nur für den ersten völkerrechtswidrigen Krieg unter Beteiligung der NATO und mit Unterstützung der Bundeswehr herhalten.

Schrittweise reichten seitdem auch "uneingeschränkte Solidarität", die "Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch" oder schlicht die "Sicherung der Handelswege". Diese Funktion von Auschwitz im Narrativ gibt einen guten Einblick in den Kern der Aufarbeitung der Vergangenheit. Bemerkenswert, dass hier ein "Achtundsechziger", der in den "Institutionen" angekommen war, dem militärischen Arm des alten Konglomerats die Rechtfertigung geliefert hat.

Jawoll, mein Fischer!

Fischer musste dabei wie Schröder eine autoritäre Basta-Politik betreiben. Beide stellten sich permanent gegen ihre Parteien und Fraktionen und vor allem gegen den Kriegsunwillen in der Bevölkerung. Das hielt die deutsche Politik nicht davon ab, sich weiter zu militarisieren. Das Narrativ wurde durch den Vorsitzenden einer ehemals pazifistischen Partei an einer entscheidenden Stelle zumindest neutralisiert. „Nie wieder Krieg“ wurde durch „nie wieder Auschwitz“ relativiert und erhielt ein kleines „aber“ angeheftet.

In der damals aktuellen Fassung der großen politischen Erzählung waren die Grünen "Pazifisten", und hier kommt eine Wendung zum Tragen, die aus einem krassen Widerspruch eine vermeintliche Erklärung machen: „Wenn schon die (Pazifisten) einen Krieg für notwendig halten, ist er das wohl auch“. Dabei ist es wirklich einfach: Wer Krieg befürwortet, wer sich sogar an der Entscheidung dafür beteiligt, kann kein Pazifist sein.

Das war derweil nur eine Kehrtwende der Grünen, die einfach gebraucht wurden, um das, was sie als Opposition ablehnten, endgültig durchzusetzen. Der Mechanismus, den sich die Erzähler dabei zunutze machen, ist der, Personen und Parteien mit einer Haltung zu identifizieren, und wenn sie dann das Gegenteil durchsetzt, dann obwohl sie es nicht will – scheinbar. So konnte eine Laufzeitverlängerung für AKW „Atomausstieg“ heißen, Sozialisten und Kommunisten, die die Grünen gegründet hatten, setzten gemeinsam mit „Sozialdemokraten“ den härtesten Sozialabbau in der Geschichte der BRD durch und die „Basisdemokratie“ der Grünen brachte eine autoritäre Führerpartei hervor.

Krieg ist Frieden

Dabei hat Kanzler Schröder 2002 noch einmal den Hit "Kein Krieg mit deutscher Beteiligung" gespielt, als er sich weigerte, Soldaten in den Irak zu schicken. Im Wahlkampf 2002 sollte ihm das helfen und war eine der wenigen Unterschiede zwischen CDU/CSU/FDP hie und SPD/Grünen dort. Schizophren erscheint die gleichzeitige Zusage, Afghanistan zu besetzen und Deutschland in den längsten Krieg seit Jahrhunderten zu führen. Im Rahmen der NATO-Strategie war es hingegen egal, welche Truppen wo eingesetzt wurden, und so konnte der Friedenskanzler eben gleichzeitig Bündnistreue üben.

Der Einmarsch in Afghanistan wurde innenpolitisch mit derselben Finte begleitet wie zuvor der Angriff auf Serbien: Als reine Friedensmission. Es wurde eine „Geberkonferenz“ in Deutschland veranstaltet, in der über den „Aufbau“ Afghanistans beraten wurde und die Bundeswehr wurde offiziell entsandt, um Brunnen zu bohren und Zivilbevölkerung zu schützen. Der neue Feind war derweil ein alter Freund, bekannt als Mudschaheddin, Taliban oder „Nordallianz“. Im Kampf gegen die Sowjetunion waren die neuen Feinde Verbündete gewesen, selbst nach deren Abzug noch, als bewaffnete Muslime eben in gute und böse unterteilt wurden. Nachdem ein Saudi (Bin Laden) nun für ein Attentat in den USA verantwortlich gemacht worden war, mussten aber plötzlich Afghanen auf deren Territorium bekämpft werden.

Dies dürfte eine Zäsur im Narrativ sein, denn hier verliert die Erzählung jede nachvollziehbare Handlung. Die Blaupause für die Orgie der Propaganda, die an dieser Stelle übernehmen musste, hat George Orwell in „1984“ geliefert. Fortan muss man glauben wollen oder psychologisch vorgeformt sein, um alle Widersprüche, Wendungen und Brüche im Narrativ noch als „Wahrheit“ durchgehen zu lassen. Das Problem ist nur, dass niemand mehr eine solche Geschichte versteht. Niemand kann sie mehr selbst erzählen, weil sie aus zusammenhanglosen Details besteht, die sich jederzeit wieder ändern können. Was die Propaganda hier angerichtet hat, ist ihr in Form von „Fake News“ und „Verschwörungstheorien“ schon kurz darauf vor die eigenen Füße gefallen.