houd

Ich kann es noch immer nicht recht verstehen, warum so viele, deren Selbstverständnis sich irgendwie "links" verortet, den Kapitalismus verteidigen, ihn am Ende behalten wollen. Eine merkwürdige Übereinstimmung von Heiner Flassbeck bis Jochen Hoff hat mich in der vergangenen Woche verärgert. Letzterer schrieb ernsthaft: "Man kann den Kapitalismus in Ketten legen ohne ihn zu zerstören. Man muss es nur wollen." Das aber ist kompletter Unsinn.

Ich beginne einmal mit Heiner Flassbeck, der Sahra Wagenknecht verteidigt. Flassbeck wiederholt seine weithin bekannte Kritik, dass nämlich Deutschland sich nicht an die Inflationsziele gehalten habe und damit die Axt an den Euro legt. Etwas anderes hat Wagenknecht im Endeffekt auch nicht gesagt. Warum aber wird solch berechtigte Kritik am Euro tabuisiert, warum erst recht nicht eingelenkt im Hinblick auf die Reallohnentwicklung, warum hält sich Deutschland partout nicht an das Inflationsziel? Weil es irgend eine dem Kapitalismus fremde Macht nicht will? Woher kommt dann solcher Unwille, woher käme ein anderer und wieso gibt es überhaupt ein dem System äußeren Willen, der angeblich für die Wirklichkeit verantwortlich ist?

Kapitalismus als Wille und Vorstellung

Jochen Hoff schreibt, man solle den Kapitalismus beibehalten, weil man ihn nicht abschaffen könne und ihn daher "an die Kette legen". Beginnen solle man dabei mit einer Bodenreform, der schrittweisen Abschaffung von Grundbesitz. In einem Kommentar meint er, man solle mit dem einen Schritt anfangen, weil sonst keiner getan würde. Damit nimmt aber auch er eben nicht die Behauptung jenes ominösen Willens zurück.

Dabei kann man Jochen Hoff nicht einmal wirklich vorwerfen, nie die Machtfrage in seine Betrachtungen einzubeziehen. Umso seltsamer erscheint mir das Beharren auf die Möglichkeit des beherrschten Kapitalismus. Jene anderen Bändiger des Kapitalismus hingegen, die Keynesianer oder 'linken' Ökonomen, stellen die Machtfrage noch weniger als die Rechten, die mit ihrer gestutzten Sandkastenwissenschaft immerhin den Trend unterstützen, den sie befürworten. Was ist das aber für eine "Wirtschaftswissenschaft", die völlig ausblendet, welche Aussichten auf Realisierung ihre Konzepte haben? Schlimmer noch: Eine Denkschule, die nicht einmal die Bedingungen nennen kann oder will, unter denen ihre Ideen zur Entfaltung kommen könnten?

Orthodox paradox

Wo nämlich ist denn die Manifestation des 'Willens', wo die wissenschaftliche Beschreibung, Analyse, Geschichte eines solchen Willens? Sie findet nicht einmal statt. Schlimmer noch: Der 'Wille' in Form von Entscheidungen, Bestrebungen und Machtstrukturen, wie er zutiefst mit dem kapitalistischen System verflochten ist, wird obendrein ausgeblendet. Die Ausrichtung des Kapitals hin zu seiner Vermehrung bindet doch nahezu alle Entscheidungen und beeinflusst inzwischen jedwede Alltagssituation. Wo sollte also ein anderer 'Wille' herkommen, eine Entscheidungsgrundlage, die nicht auf Gewinn, Profit, Konkurrenz setzt? Innerhalb kapitalistischer Strukturen ist ein solches Vorgehen schlicht paradox. Wollen mir die Raubtierbändiger also weismachen, wenn man nur wollte, könnte man eine permanente Paradoxie durchsetzen?

Ein weiteres aktuelles Beispiel zu diesem Problem: "Laut einer DIW-Studie sind die Vermögen in keinem Euro-Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Der durchschnittliche Besitz von Arbeitslosen hat sich seit 2002 fast halbiert.” (via Burks) Deutschland ist das reichste und 'erfolgreichste' Land der Eurozone. Ist das ein Zufall, dass ausgerechnet hier diese Kluft am größten ist? Ist das so etwas wie ein deutscher Wille? Nein, es ist die stringente Logik des Systems. Was zur Hölle geht in Köpfen vor, die glauben, man könne dieses Prinzip ausschalten? Man will die Ursache unverändert lassen und glaubt die Symptome vermeiden zu können? Durch einen Willen? Das ist keine Wissenschaft, das ist mittelalterlicher Geisterglaube.