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Ich habe bei einigen Gelegenheiten bereits darauf hingewiesen, dass Vernunft oder das bessere Argument kaum eine Rolle spielen in 'Diskussionen', am ehesten noch die einer Staffage, einer chicen Applikation. Klaus Baum hat zu diesem Komplex angemerkt, er gehe davon aus, dass die Dummköpfe in dieser Gesellschaft "gezüchtet" werden. Das mag sein, aber vielleicht wird umgekehrt ein Schuh draus.

Die europäische "Aufklärung" fiel ineins mit einer revolutionären Phase, die Jahrtausende der Autorität zum Teufel jagte. Eine der scharfen Waffen der Revolution war die Vernunft, das Argument, das an die Stelle der göttlichen Ordnung trat. Man hatte sich zu legitimieren durch Gründe, nicht durch die schiere soziale Stellung. Diese Ehe von Vernunft, Argumentation und verbalem Streit manifestierte sich in den "Parlamenten", in denen fortan politisch gestritten wurde.

Wen interressiert's?

Das ging so ein bis zwei Jahrhunderte gut, bis die "Vernunft" in den Institutionen so abgenutzt und korrumpiert war, dass von ihr nur mehr ein Kult übrig war. Hie die "Propagandaministerien", dort die Ansprache an den Instinkt aka "Werbung", verlor das Wahre jede Majestät. Die bizarren Lügen der neuen Herrscherkasten, seien es sogenannte "kommunistische", Faschisten oder biegsame Profiteure, die sich noch mit jedem Regime arrangiert haben, aus ihnen sprach die Macht und was sie kund zu tun hatte, so wie in den Jahrhunderten zuvor schon Klerus und Adel.

Es mag sein, dass befeuert durch die Schrecken zweier Weltkriege, die Wahrheit in Form eines sich kritisch versuchenden Journalismus und eines noch einmal um das Wahre und Rechte bemühten Parlamentarismus eine Renaissance feierte. Zu deutlich war geworden, wohin eine von der Macht entstellte Wahrheit führt. Es dauerte aber nicht lange (mit einem Intermezzo in den späten 60er Jahren, als die Jugend massenhaft am Schleier zerrte), bis der Reflex, das industriell perfektionierte 'Argument' und das virtuose Spiel der professionellen Lügner mit den Hormonen der Massen neue Dimensionen erreichte.

Ja, die Dummköpfe werden gezüchtet, vor allem, weil Wahrheit und Vernunft so langsam und ineffizient sind. Da mag der Geist sogar um die Sache wissen, er mag völlig klar sein in seinem Urteil; wo die Reflexe unter dem Dauerfeuer von Zeichen, Verlockungen und Triggern stehen, kapituliert der Verstand schon allein deshalb, weil er das Tempo nicht mitgehen kann. Niemand hat ein Interesse an der Wahrheit. Das aber ist es, was zählt: Interessen. Es gibt keine Klasse mehr, der Vernunft und Wahrheit dienlich wären. Im Gegenteil müssen inzwischen alle Angst vor ihr haben, weil sie ausspricht, was niemand hören will: Dass die Menschheit versagt hat.