jb

Das Offensichtlichste ist manchmal das Unauffälligste. Die Sprachverätzung durch die neoliberale Ideologie ist seit Jahren immer wieder hier Thema, auch wenn viele es nicht mehr hören können. Nein, vor allem deshalb. Die politische Depression funktioniert ganz wie die echte: Ein wichtiges Symptom besteht darin, sich nicht mehr aufzuregen; taub zu sein an allen Sinnen. Das Dauerfeuer der Dummheit, seit 30 Jahren angefacht von sogenannten "Think Tanks" wie der unsäglichen INSM, über ihre Medien und dressierte Politfunktionäre, hat längst alle mürbe gemacht, die noch hören und sehen könnten.

Arbeitsplätze, soziale Marktwirtschaft, Wohlstand, Wachstum, Eigenverantwortung, Leistung, Reformen, Globalisierung, Wettbewerb bla bla bla. Ich hatte bei der letzten Show vor der Bundestagswahl schon in den ersten 5 Minuten zehn mal "Arbeitsplätze" notiert. Wie ein Roboter hat Merkel das Wort wiederholt. Bemerkenswert ist nicht, dass sie es tat, sondern dass der Begriff, von dem sie glaubt, er wirke 'positiv', hier draußen niemanden mehr interessiert. Niemand glaubt, dass eine Merkel "Arbeitsplätze" schafft. Alle wissen, welche "Arbeitsplätze" entstehen und dass der Unterschied zur Sklavenhaltung darin besteht, dass man die Sklaven wenigstens durchgefüttert hat.

Tschingbummtäterää

Plapperzombies liefern die Beschallung, über die dann Zahlen erhoben werden. Zuhörer unnötig, mit irrsinnigen Forderungen wie der nach Inhalt wollen wir da gar nicht kommen. Es ist aber nicht wirklich alles egal, wobei daran erinnert sei, dass "egal" "gleich" heißt. Nein, es gibt selbst im Orwellschen Neusprech Vokabeln, die herausragen. Vor dem Hintergrund ihres eigenen gleichgültigen Rindfunks übersehen sie, dass es doch noch Nachrichten gibt, die sie durch den Sermon verbreiten, in denen ihre Absichten ungewollt deutlich werden.

"Ergebnisgerechtigkeit" ist ein semantischer Schlag ins Gesicht, der noch trifft. Ich habe einmal ein Interview besprochen, in dem Lafontaine zwar auf die "Lügenwörter des Neoliberalismus" hingewiesen hatte, aber die Gelegenheit verpasste, den Begriff zu zerpflücken. Er beließ es dabei, das neoliberale Konstrukt der "Chancengerechtigkeit" zurück zu weisen, und zwar nicht als solches, sondern weil die nicht gegeben sei.

Aber genau dieser Ansatz der "Chancengerechtigkeit" ist schon eine üble Falle. Das beginnt damit, dass der Begriff "Chancengleichheit" der Gleichheit beraubt wird, die es nämlich auszumerzen gilt. Darauf setzt dann die Idee auf, dass man alle "gerecht" an den Start stellt, also Große und Kleine, Arme und Reiche, Gesunde und Kranke, und sie dann in den "Wettbewerb" entlässt. Das ist Chancengerechtigkeit. Früher nannte man dieses Kind "Sozialdarwinismus". Das Konstrukt "Ergebnisgerechtigkeit" ist das Horrormärchen von der "Gleichmacherei", die Vorstellung, dass die Fleißigsten am Ende alles den Faulsten abgeben müssten.

Fair is Foul

Oh warte, das ist ja tatsächlich so. Während Millionen inzwischen für einen Hungerlohn ackern, können sich andere den ganzen Tag in die Sonne legen. Nur eines ist da anders: Es haben wenige alles und viele nichts. Warum mögen wohl die Trommelschläger der Ergebnisgerechtigkeit (wie etwa der sympathische Herr Straubhaar) nicht von "Ungerechtigkeit" sprechen, von organisierter und systembedingter Ungerechtigkeit? Ergebnisungerechtigkeit, meine Damen und Herren, bei der es im Übrigen egal ist, wie die Chancen verteilt sind. Dass die obendrein ungleich sind, sei hier geschenkt.

Die ganze Ideologie ist ungerecht, brutal und dient dem Klassenkampf. Die Idee der Gleichheit muss vollständig zersetzt werden. Gleichheit ist ungerecht, Ungleichheit ist gerecht, das ist die Botschaft. Sie ist absurd und paradox obendrein, denn am Ende beruft sie sich auf die bürgerlichen Ursprünge. Dort hieß es aber "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Daraus wurden Zwang, Ungleichheit und Konkurrenz. Das beschreibt die Wirklichkeit dann wohl wesentlich treffender, darum muss es übertüncht werden.