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Wir hatten hier in den vergangenen Tagen einige lose Fäden zu den Bereichen 'Ethik', vor allem im Begriff der "Würde", aber auch zu Wissenschaftlichkeit und deren Sprache. Ich hatte mir dazu vor geraumer Zeit schon eine Notiz gemacht, in der ich diese Komplexe u.a. mit Journalismus verbunden habe. Ich lege also einige dieser Fäden hier aus und schaue mir an, was sich daraus knüpfen lässt. Zunächst einige Aussagen dazu:

Wissenschaft muss so komplex sein wie ihr Objekt.
Kommunikation soll so einfach sein wie möglich, ohne dass der Inhalt verfälscht wird.
Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sollen, wo sie für den Alltag relevant sind, auf Alltagswissen heruntergebrochen werden.
Es ist hingegen nicht hinzunehmen, dass Alltagswissen, unwissenschaftliche Inhalte oder schlicht Unsinn in eine unzugängliche sprachliche Form gebracht werden, die als 'Expertenwissen' quasi wissenschaftliche Autorität beanspruchen.
Es gibt benennbare Regeln, der eine Ethik folgen muss.
Diese Regeln sind dem journalistischen Kodex nicht unähnlich, wo dieser sich wiederum mit Wissenschaftlichkeit überschneidet.

Journalismus, Wissenschaft

Vor allem die letzten beiden Sätze mögen stutzen machen. Ich will ersteren nicht so verstanden wissen, dass eine "materiale Ethik" existieren müsste, also ein Moralkodex mit Vorschriften, an die man sich halten müsste. Durchaus ist auch eine "formale Ethik" darunter zu verstehen wie etwa der Kategorische Imperativ oder schlicht eine Verhaltensrichtlinie wie "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem and'ren zu".

Was hat das mit Journalismus und seinem einst formulierten hohen Anspruch zu tun?
Ich finde in dem Versuch, Wahrheit zu transportieren, alle die Motive und Fähigkeiten, derer es bedarf, um Wissenschaft ebenso seriös zu betreiben wie Journalismus, und dabei handelt es sich um nichts anderes als eine Ethik. Es geht zunächst um Wahrhaftigkeit, also so weit wie möglich zu beschreiben, was ist. Dabei kann Journalismus gewinnen, wenn er wissenschaftlich denkt und alltagstauglich formuliert.

Journalismus kannte einmal das Prinzip, nur zu veröffentlichen, was mehrere Quellen unabhängig voneinander berichteten. Wissenschaft setzt die Wiederholbarkeit von Versuchen voraus, um die Ergebnisse als wahr anzunehmen. Gibt es widerstreitende Auslegungen einer Sache, so sind nach alten journalistischen Standards beide anzuführen. Stets ist zu vermeiden, ein Urteil abzugeben, das die Beschreibung der Wahrheit beeinflusst. Erst wenn feststeht, was ist, wird dies ggf. bewertet. Wissenschaft treibt ihre Fragen dabei immer weiter voran; Journalismus begnügt sich mit den aktuell relevanten Fragen.

Wahr ist fair

Diese Verhaltensweisen sind der Wahrheit unmittelbar zuträglich und sie sind fair. Deshalb wurden sie zu Regeln erklärt. Wo diese nicht eingehalten werden, wo vielmehr systematisch gegen sie verstoßen wird, kann es keine Wahrheit geben und keine ausgewogene Berücksichtigung von Interessen. Wenn das Urteil vorher feststeht, wenn die Wahrheit nicht gesucht wird, sondern verkündet, wo einer Seite im Disput stets mehr zugebilligt wird als der anderen, verteidigt eine Macht ihre Position.

Dort ist nichts mehr fair oder wahr. So funktioniert nur noch die religiöse Ordnung, die Unterwerfung unter eine Autorität, die sich nicht rechtfertigt. Dort herrscht der Mythos, die Erzählung, die für jeden Anfang nur dasselbe Ende kennt. Je unverständlicher sie formuliert wird, je dunkler ihre Quellen und Weisheiten, desto stärker wirkt sie. Dennoch fordert sie den strikten Glauben an immer gleiche, simple Dogmen. Die Ordnung, die darauf fußt, wird sich mit allen Mitteln verteidigen und eines Tages in Flammen aufgehen. Dies schließlich lehrt alle Geschichte - wo sie Wissenschaft ist.