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Auf alten Bierdeckeln, die jahrelang bei meinen Eltern herumlagen, waren Wahlkampfsprüche gedruckt, hohe Dichtkunst unbekannter Künstler, ein Poetry-Slam im Dienste der politischen Aufklärung quasi:

1969 sagte die SPD wörtlich: Alle Konsumenten wettern, weil die Preise ständig klettern. Lebensmittel, Kleidung, Mieten scheinen sich zu überbieten. Diese und auch andre Leiden kann die SPD vermeiden. Auf den Wähler kommt es an, Ehmke, Horst ist unser Mann.

Auf der anderen Seite des Bierdeckels:

„1972 - Was die SPD versprochen, hat sie alles längst gebrochen. Lebensmittelpreise, Mieten sind kaum mehr zu überbieten. Unser Geld geht in die Brüche und die SPD macht Sprüche. Wähler hört dem nicht mehr zu! Schluss damit. Wählt CDU!“

Die gute alte Zeit

Es war noch keine Rede von „Arbeitsplätzen“, die gab es gerade noch reichlich. Die Weltwirtschaft stand kurz vor der ersten „Ölkrise“ und weltweit sinkenden Profitraten, einer Entwicklung, von der sie sich trotz technischer Umwälzungen nicht mehr erholen sollte. Schon damals machten die Parteien potentiellen Wählern vor, sie – oder jeweils die anderen – hätten unmittelbaren Einfluss auf die Wirtschaft. Interessant, dass hier noch die Preise das Thema waren. Nun, es gab damals höhere Inflationsraten, aber auch viel höhere Lohnzuwächse. Da man über höhere Löhne schlecht meckern konnte, waren halt die Preise das Thema – obwohl sich eines aus dem anderen ergibt.

Immerhin schien das ganze Theater noch wesentlich näher an den Bedürfnissen der Menschen zu sein. Während die Politik sich damals offiziell Sorgen machte, wie die Leute mit ihrem Geld zurecht kämen, wird heute die Armut von Millionen zur gerechten Strafe für Faulheit verklärt. Bemerkenswert übrigens, dass die Menschen umso fauler werden, je weniger Arbeit angeboten wird. Auch muss man notieren, dass angeblich noch nie so viele Menschen gearbeitet haben und wir dennoch sieben bis acht Millionen Hilfeempfänger haben. Es muss eine Wissenschaft geben, von der ich noch nichts weiß, sonst käme niemand auf die Idee, die Situation könnte etwas mit der Motivation von Arbeitslosen zu tun haben.

Nein, heute haben wir andere Probleme. Wir müssen uns nach der Decke strecken, weil Globalisierung uns dazu zwingt. Seit dreißig Jahren wird die Welt immer globaler, und während wir den Rest Europas in entsetzliche Arbeitslosigkeit konkurriert haben, müssen wir das, was hier keinen Job kriegt, morgens um sechs mit der Peitsche zum Rasenmähen prügeln. Es muss eine Wissenschaft geben …

Dumm wählt gut

Eine Voraussetzung für das Wirken solcher Politik, für den magischen Mummenschanz der Medien und ihrer politischen Zulieferer, ist Unwissen. Vor allem Unwissen um Geschichte. Die heute 20-Jährigen Schuhfetischisten haben 09/11 nicht bewusst erlebt. Die 30-Jährigen waren beim Mauerfall 4 Jahre alt, und was in den Siebzigern los war, wird bestenfalls in den Akademien zurechtgebogen, nach allen Regeln des Kalten Krieges.

Dass die Unterschicht erfolgreich verdummt wurde, ist ein großer Erfolg für die Innere Sicherheit. Jetzt ist die Mittelschicht reif, die eh gerade nach unten durch sinkt. Es war gut, dass immer weniger Kinder aus armen Familien studiert haben, inzwischen wurde aber sicherheitshalber ein Studiensystem eingerichtet, in dem fast niemand mehr grundsätzliche Bildung erfährt. Geschichte als Sichtweise, die Frage nach dem Werden der Dinge, das Wissen um Entwicklung, geht auf breiter Fläche verloren.

Wenn man das einmal geschafft hat, kann man den Verblödeten nämlich alles erzählen. Dass man mit Ozeanien gegen Afrika Krieg führt, also mit Afrika gegen Ozeanien zum Beispiel. Dass Putin schuld ist und Poroschenko ein lupenreiner Demokrat oder umgekehrt. Dass wir alle überwacht werden müssen, weil wir sonst an Terror sterben werden. Einem Terror, der längst dazu geführt hat, dass ganze Städte in Großbritannien von Islamisten beherrscht werden. Sprach der Terrorexperte. Bis man ihm widersprach und er sich entschuldigte, waren Millionen Weltbilder bereits weiter gefestigt.