demospa

Der "Welt" ist es zwei Zeilen für eine Meldung wert, ansonsten schweigt sich die deutsche Presse aus: Einen Parkplatz, so hieß es, wolle der Bürgermeister der nordspanischen Stadt Burgos bauen lassen. Die darauf folgenden landesweiten Proteste haben inzwischen zu einer angeblichen Einstellung des Projekts geführt. Die NZZ schreibt zwar darüber, aber einen bodenlosen Unfug:

"Nach Ansicht der Gegner wäre das Geld aber besser in städtischen Sozialleistungen wie Kindergärten angelegt." Nun ist es schon dem Irrsinn schmiegsam nahe, Kindergärten als "Sozialleistungen" zu bezeichnen. Die Krönung aber: Weil also ein Parkplatz gebaut und nicht ein Kindergarten "renoviert" wird, entflammen im ganzen Land teils gewalttätige Proteste? Wir sollen die Spanier also für wütende Berserker halten, wenn wir überhaupt etwas über die jüngsten Ereignisse erfahren.

Mehr dazu, und zwar reichlich, gab es hier in den Kommentaren, von mo und R@iner zusammengetragen, die spanische Quellen, Twitter, die HuffPo und anderes heranzogen, um uns ins Bild zu setzen. Demnach geht es dort eben nicht um irgendeinen Parkplatz, sondern um eine flächendeckende Korruption. Im Gegensatz zu den hiesigen Verhältnissen ist es in Spanien auch allgemein bekannt, was wer mit wem mauschelt. In Burgos wurde also ein vorbestrafter Baulöwe mit der Verschwendung öffentlicher Mittel beauftragt, während der Bürgermeister sich von den Baufirmen Reisen spendieren ließ. In der Folge nur logisch, dass er entgegen monatelanger Proteste seine Entscheidung auf Basis höherer Ideale trifft. Es geht schließlich um Arbeitsplätze®!

Millionen Extremisten

Im Rahmen der Proteste wurden u.a. Minderjährige und Rentner verhaftet. Die spanische Polizei erweist sich derweil als ihren besten deutschen Kollegen ebenbürtig. Kommt schon mal vor, dass da einer totgeprügelt wird und der Vorfall nicht aufgeklärt werden kann, weil - déjà vu - Akten verschwinden. Im Gegensatz zur hiesigen Protestkultur, wo man sich in eine berufsjugendliche Testosteronfraktion und ein Lager bürgerlicher Pseudokritik spaltet, scheint es sich dort aber inzwischen herumgesprochen zu haben, dass der Klassenkampf von oben angenommen werden muss. Kein Wunder, in Spanien geht eine ganze Generation auf ein Leben in Armut zu, wenn es nicht bereits das ganze Volk ist. Wir haben unsere Arbeitslosigkeit nach Südeuropa exportiert und reichlich Rabatt in Form von Hoffnungslosigkeit gewährt.

Zurück zum Funken, der die landesweiten Proteste ausgelöst hat: Da i-Tüpfelchen ist die Medienmacht des besagten Baulöwen, der sich nebenbei eine Mediengruppe hält und sich seine eigenen Nachrichten macht. Dass die Proteste generell als "linksradikal" bezeichnet werden, ist insofern nicht ganz das Übliche. Der Qualitätsjournalismus kommt vielmehr direkt vom Objekt der unabhängigen Berichterstattung®.

Dort aber ist der Vorwurf des "Linksextremismus" kein Grund, in den Keller zu flüchten und zu beten, die Obrigkeit möge die furchtbaren Aufrührer richten. Im Gegenteil setzt sich dort offenbar die Erkenntnis durch, dass mit 'radikal' und 'extremistisch' jeder gemeint ist, der nicht bedingungslos vor der Macht des Kapitals kapituliert oder Menschenrechte für wichtiger hält als das Versprechen von Arbeitsplätzen. Überhaupt bricht mit der Wirtschaft auch der Glaube an ihre Medien und deren Lügen zusammen. Kein Wunder, dass wir hier nichts davon zu hören bekommen.