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Es muss geklärt werden, was hier "Narrativ" bedeutet, wobei es augenscheinlich so ist, dass ich selbst erzähle. Ich erzähle - vor allem als Zeitzeuge - wie ich bestimmte Ereignisse sehe vor dem Hintergrund der Selbstbeschreibung dieser Gesellschaft. Damit sind wir nur einen kleinen Schritt weiter in der Erklärung. Michel Foucault spricht in "Die Ordnung der Dinge" von "Episteme", womit er die Struktur des Denkens, der "Gelehrtheit" in bestimmten Epochen meint. Er beschreibt diese anhand von Quellen, Texten, Bildern und beschreibt anhand dessen, wie die Ordnung beschaffen ist. Es lässt sich auch da nicht flächendeckend belegen, dass es genau so und nirgends anders war, aber das Gesamtbild ist absolut plausibel.

Noch weniger lässt sich ein Narrativ belegen, zumal nicht als Ganzes. Es gibt keine Erzählung, die das Ganze Leben, die ganze Welt vollständig umschreibt. Narrative bestehen vielmehr aus wiederkehrenden Inhalten, zu denen man sich stellen kann, über die ein weitreichender Konsens herrscht. Ich habe mich in meiner Betrachtung mit einem Teil des Narrativs befasst, ohne vorher genau zu klären, mit welchem. Es ging um die deutsche "Demokratie", ein unangefochtener Titel der BRD seit ihrer Gründung, und dem Umgang mit dem Staat, aus dem sie hervorgegangen ist. Damit ist unmittelbar verbunden das große Kapitel "Antikommunismus", das Bindeglied zwischen einer selbst empfundenen Demokratie und dem Faschismus, auf dem sie fußt.

Adenauers Erben

Dieser wiederum verknüpft Deutschland mit der Schutzmacht USA, von deren Seite es nicht gewichen ist, seit eben die zwei deutschen Staaten gegründet wurden. Wie schon in den Kommentaren erwähnt, fand ich die Blaupause für das Narrativ, wie ich es ziemlich treffend beschrieben habe, in einer Rede Adenauers von 1946, in der er inmitten der Trümmer des "Reiches" den Marxismus für den Nationalsozialismus verantwortlich macht und das "heldenhafte" Volk für unschuldig, weil quasi unterwandert erklärt.

Es sind diese Inhalte: Wir sind unbezweifelt Demokraten, hier ist die Freiheit, der Kommunismus/Russland ist der Feind, Marktwirtschaft ist gut für alle, mit Fleiß und Arbeit geht es voran. Amerika ist unser Freund. Seit 70 Jahren wird das fast ungebrochen wiederholt. Ebenso ungebrochen ist derweil das Wirken der Nationalsozialisten und ihrer rechten Nachfolger - als Richter, Geheimpolizisten, Politiker, Wirtschaftsbosse.

Dieser Umstand wurde in der Erzählung aber kaschiert, geleugnet und verschwiegen, was wie beschrieben zu einem kurzen Aufflackern einer abweichenden Geschichte führte; einer Geschichte, die prokommunistisch war, antifaschistisch, konfrontativ, kritisch und offen. Ausgerechnet die Protagonisten jener Bewegung aber haben dafür gesorgt, dass das alte Narrativ wieder eingesetzt wurde. Die 68er hatten die Repräsentanten aus Staat und Medien nur zu rituellen Lippenbekenntnissen gezwungen.

Wir sind die Guten

Es musste dann ein Joschka Fischer kommen, um Adenauers Erzählung zu perfektionieren: So wie die Marxisten die Nazis hervorgebracht hatten, war es der völkerrechtswidrige Krieg unter deutscher Beteiligung - ausgerechnet gegen Serbien - der "Auschwitz verhindern" sollte. Auschwitz und die SS, das waren jetzt die Slaven des Ostens, und die Befreier waren die Nachfolger der Wehrmacht, geführt von den Nachfolgern von SS und Gestapo. Das ist keine Metapher, sondern die Geschichte der Einrichtungen der Inneren wie Äußeren Sicherheit, die unter den Augen der USA von Nationalsozialisten gegründet wurden. In diesem Lichte betrachtet, klärt sich auch die Rolle der "Dienste" im Skandal um die NSU-Mordserie.

Durch alle "Krisen" hindurch, trotz rapide wachsenden Elends, wird Kapitalismus "sozial" genannt und "Marktwirtschaft“. Zum stereotypen Feindbild "Islam", das sich kaum vom Judentum in der Projektion der Nazis unterscheidet, gesellt sich neuerdings auch wieder Russland. Die Erzählung verdichtet sich dabei zur organisierten Propaganda, deren Inhalte täglich lesbar und deren Netzwerke benennbar sind. Diesmal ist es aber keine rebellische Jugend, die das Konstrukt bedroht und kein Feind, der sich plötzlich auflöst, sondern der Kapitalismus auf der Zielgeraden, der zu den Durchhalteparolen zwingt.

Es gibt noch reichlich Belege, die nicht erwähnt wurden und viele Aspekte, die nicht zur Sprache kamen. Die Rolle der SPD etwa und ihrer Wandlung zu einer Partei, die Rassismus gutheißt und sich zunehmend gegen die Mehrheit der Lohnabhängigen wendet oder das Intermezzo zwischen Kiesinger und Kohl. Die konkrete Rolle der Medien, ihre Beteiligung am Narrativ und ggf. ihr Abweichen. Die Geschichte der verbotenen Linken oder Spuren eines Narrativs der DDR. Eine genauere Betrachtung der Geschichte der "Arbeit" im Narrativ. Es kann vermutlich nie vollständig sein, daher begegne ich dem Narrativ mit einer lückenhaften Erzählung aus einer anderen Perspektive.

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