nixon

Ich schreibe das hier einmal auf. Nicht weil es irgend etwas Neues enthält. Nicht weil es eine Theorie voranbringt, und schon gar nicht weil es etwas ändert. Ich muss das aufschreiben, wahrscheinlich weil es zur Chronik gehört, weil ich es noch einmal und in dieser Form lesen muss, damit ich es irgendwann begreife. Es geht um diese 'Snowden-Sache'.

Das Kind braucht einen Namen, also nennen wir es vielleicht 'Snowden-Sache', weil man sich darunter etwas vorstellen kann. Jeder weiß, wer gemeint ist, damit weiß auch jeder grob, was gemeint ist. Der Vorteil dieses Begriffs liegt für mich darin, dass darunter auch das fällt, was wir erst in Zukunft noch erfahren werden.

Es ist das Jahr Eins nach Snowden. Das Jahr, in dem wir von Anfang an wissen, dass wir total überwacht werden. Jede Mail, jedes Telefonat, jede Verbindung, die unsere Rechner mit anderen im Internet herstellen, kann gegen uns verwendet werden. Gegen jeden von uns, also auch die, die sich nicht permanent freiwillig bei Google, WhatsApp und Facebook entblößen. Wer das am 14.01. 2013 behauptet hätte, den hätte man als Spinner abgetan, als paranoiden Verschwörungsheini. Nicht nur 'man', auch ich.

Weniger als nichts

Was dann passierte? Von Seiten unserer Regierung das hier - dargebracht u.a. vom Martin Haase, auf dessen Kollegen Kai Biermann ich gleich noch eingehen werde. Der Staat, seine Regierung, deren Chefin, die selbst ebenfalls überwacht wird, haben nichts getan als rhetorische Seifenblasen abzusondern, die noch den bescheidensten Verstand zur Flucht in heillosen Drogenkonsum zwingen.

Am Ende aller Lüge und Tünche bleibt nicht einmal mehr die Hilfe durch US-amerikanische PR-Clowns. Die Aussage ist unverblümt: Wir machen, was wir wollen. Wann, mit wem, wo und wie wir wollen. We are US. Resistance ist futile. You will be surveilled. In "1984", das sich als Blaupause für die Gegenwart zu entpuppen scheint, heißt es: "Big Brother is Watching You". Die Dystopie ist wahr geworden.

Das ist nicht bloß eine furchtbare Wahrheit, es ist auch eine Zäsur, die plötzlich kam. Aller Grund also für Empörung, Protest, Aufschrei. Wenn schon nicht von Seiten der Funktionäre, die eingebettet sind in NATO-Strukturen und nicht fähig oder willens, sich dagegen zu wehren, dann vielleicht in den Massenmedien? Nein. Die erweisen sich endgültig als Stützen der Mafia aus Kapital, Militär und korrupten Bonzen. Ist da etwas übertrieben? Ich denke, nicht.

Journalistisches Versagen

Als Beispiel für dieses kriecherische Eunuchentum der Schreiberlinge, die keinerlei Ambition mehr haben, so etwas wie Wahrheit oder Fairness, geschweige denn Zivilcourage an den Tag zu legen, sei hier Kai Biermann erwähnt, jener Mitbetreiber ausgerechnet von Neusprech.org, betrieben auch von Martin Haase. Biermann selbst hat bereits beim CCC gesprochen und geriert sich als ein 'Kritischer'. Nun, in "1984" war die vermeintlich oppositionelle Organisation auch ein Apparat zur Verführung und Denunziation echter Abweichler.

Diesen Job hat Biermann mit Übereifer erledigt, als er Glenn Greenwald, dem er kaum die Tasche zu tragen würdig ist, als schlechten Journalisten diffamierte, der "sein Feindbild gefunden" und eine "Predigt an seine seinen Jünger" gehalten habe. Greenwald sagt wörtlich: "Ihr müsst mir nicht glauben" und "Ich glaube an radikale Transparenz", schränkt aber ein, er gebe keine Informationen über Personen preis und gebe keinen Anlass, das System der Überwachung zu stärken.
Spricht so ein Guru oder ein Mann von Prinzipien?

Die Wortwahl richtet Biermann, den vermeintlichen Fachexperten für Propaganda. Damit bezieht er obendrein selbst Position. Welch eine Farce! Eine bessere Illustration des Versagens von Journalismus konnte niemand liefern. Dessen Höchstleistung ist da schon die rituelle Solidaritätsbekundung nach Art von Gedenkveranstaltungen; immerhin sind sie noch nicht generell gegen Aufklärung und den Boten des Ungeheuerlichen.

Die Dimension des Problems scheint aber noch kaum jemand erkannt zu haben. Es ist allzu verständlich, sich lieber die Decke der Verdrängung über den Kopf zu ziehen als sich offenen Auges der Bestie zu stellen.