vdsMan muss einfach glauben. An den Kampf. An den Sieg. An die Niedertracht des Feindes An die Segnung aller Mittel. An den Endsieg und die heilige Pflicht, dafür zurückzustehen, sich einzureihen und einzustimmen in die heiligen Gesänge. Allah ist groß. Wir leben in der besten aller Demokratien.

Nicht zu glauben, zu zweifeln, heißt sich außerhalb der Gemeinschaft zu stellen. Wer dies tut, gehört nicht mehr dazu und wird nicht mehr gehört. Zum Beispiel wenn er das Absurde sieht, wo der Gläubige den Weg der Seligkeit weiß. Im Kampf gegen den Terror gab es ein Ereignis, dass die Gläubigen hat aufheulen lassen in ihren Gebeten, der Herr möge die Feinde endlich vernichten. Ein Attentäter, der seit Monaten persönlich beobachtet wurde, hieß es, habe die Gemeinschaft der Freien erneut auf eine Propbe gestellt.

Inzwischen wurde diese Meldung verwaschen. Er sei doch nicht beobachtet worden, man habe ihm allerdings zuvor den Pass abgenommen und außerdem habe er psychische Probleme gehabt (weswegen man ihn nicht beobachtet hat?!). Nach dieser Tat, die er nach allen Fakten allein beging, sucht man dennoch Mittäter. Die Gläubigen gruseln sich, sehen die Gefahr und das Ziel des gemeinsamen Kampfes bestätigt und sind doch auch beruhigt, dass die Sicherheitskräfte etwas tun.

Religiöser Wahn

Wer solchem religiösen Wahn nicht verfallen ist, kann nur die Tischkante mit der Stirn zertrümmern angesichts des Irrsinns, der sich da manifestiert. Man darf selbstverständlich nicht mehr damit rechnen, dass sich irgendein Lohnschreiber fragt, was Überwachung taugt, wenn Leute, die unmittelbar beobachtet werden, Anschläge verüben können. Wenn jemand, der aktenkundig gestört ist und allen Mustern entspricht, die so ein Terrorist sonst gern verschleiert, nicht aufgehalten werden kann, fragt trotzdem niemand, wozu wohl die Totalüberwachung dient. Der Fall hat alle Behauptungen widerlegt, mit denen das Ausspitzeln von Völkern und Industrien rechtfertigt wird.

Insofern ist auch der Artikel im Standard ein Ablenkungsmanöver, ja selbst der logische Schluss, dass das Jahrzehnte währende Bombardieren von Muslimen irgendwann Konsequenzen hat, lockt hier auf die falsche Fährte und ist wieder nur eine Nachricht für die Gläubigen. Dem entsprechend endet das Geschwalle auch in einem schmierigen Pathos:

" "Kanada wird sich nie einschüchtern lassen", erklärte Premierminister Harper. Aber jetzt müssen die Kanadier einer brutaleren Welt ins Gesicht schauen."

Jetzt erst recht

Aha, "jetzt" muss Kanada eine Brutalität erkennen, weil einer ihrer Staatsbürger ermordet wurde. Die Leichenberge, die Kanada im Verbund mit der NATO zusammengebombt hat, zählen noch immer nicht, der groteske Unsinn, der sich an allen Flanken offenbart, führt nicht einmal ansatzweise zu einem Zweifel an der Mission. "Nie einschüchtern lassen" heißt niemals den Verstand einschalten. Der Ausnahmezustand als Regel, der inflationäre Einsatz erwiesen untauglicher Mittel, radikaler Abbau von Bürgerrechten zur Rettung des Rechtsstaats, die Konzentration von Macht als "Demokratie" - das alles führt bei den Gläubigen nur zum Ruf nach "mehr" und "härter".

Als hätte es noch einer Illustration gebraucht, wird die jederzeit prompt geliefert, heute in folgendem Wortlaut:
"Um die Separatisten zu bekämpfen, hat Kiew Freiwilligen-Bataillone mit schweren Waffen ausgerüstet. Manche der Kommandeure sind rechtsradikal, Nazi-Runen schmücken die Wappen ihrer Einheiten. Einige Verbände haben offenbar Kriegsverbrechen verübt, Menschen entführt und Gefangene erschossen. Das alles schreckt uns Europäer ab. Es sollte aber nicht den Blick auf das Wesentliche versperren."

Das Wesentliche. Das Heilige, Unantastbare, gegen das jeder Zweifel zurücksteht. Was sind angesichts solcher Treue im Glauben frevlerische Sätze wie "Cogito ergo sum" oder "Das Absurde ruiniert das 'und' der Aufzählung."?