2019


 

Versuche als Journalist scheiterten.

 
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Die kleine Farbenrebellion des französischen Proletariats ist unter anderem eine Orgie der Symbolpolitik. Es beginnt halt damit, dass die gelbe Weste als Erkennungszeichen die Strategie vor allem der NATO, ihrer Geheimdienste und Netzwerke kopiert, die sie so oft erprobt hat. Organgene Revolution, Zedern- Tulpen-, Rosenrevolution, aber auch die notorischen "Weißhelme" sind Ansätze, über ein Symbol oder eine Farbe eine bestimmte Identität zu konstruieren.

Daran kann dann beliebiger Inhalt geknüpft werden, sofern ein gemeinsamer Feind, in der Regel eine Regierung, angegriffen werden soll. In den westlichen Medien sind die Gefärbten gemeinhin die Guten, über die man kaum etwas erfährt - vor allem nicht, wenn sie Gewalt ausüben oder die verzweifelte Lage anderer Menschen ausnutzen. Grundsätzlich sind sie "gemäßigt", auch wenn sie brutal morden; sie sind "Retter", auch wenn sie niemandem helfen; sie "rebellieren" gegen ein "Regime", auch wenn sie gewählte legitime Regierungen stürzen. Wir sehen sie, wie sie lachen oder Kinder in Sicherheit bringen.

Der Mob

Nicht so die Gelbwesten, die nur deshalb nicht ausschließlich als sinnlos brutale Extremisten dargestellt werden können, weil die Polizei ihr Möglichstes tut, um sie an Brutalität zu überbieten. Tatsächlich ist ihre Revolte eine Reihe wilder Unmutsäußerungen und sie sind keine auch nur annähernd homogene Bewegung. Umso einfacher erscheint es daher den Medien der Reichen, ihnen unlautere Motive zu unterstellen.

In Frankreich plappert es aus der Filterblase der Massenmedien, die (noch aktiven) Gelbwesten seien rechtsradikale Schwulenfeinde. Für Marine Le Pen, bei der Präsidentschaftswahl Macrons Gegnerin und große Teile der Rechten war der Protest gegen die "Ehe für alle" eine gemeiname Basis. Jetzt erscheint es offenbar opportun, dies den Protestlern an die Schuhe zu kleben.

Sagen, was ist

Wenn das alles ist, was die Propaganda heute noch leistet, um ihre Gegner zu diskreditieren, wird man noch mehr Polizei brauchen, die sinnlos Leute niederknüppelt, denn dieser Unsinn überzeugt niemanden mehr. Insofern ist die mediale Reaktion hilflos, denn sie kittet die Widersprüche, auf die der Mob reagiert, nicht, sondern vergrößert sie und gibt ihnen auch noch ein gut sichtbares und sehr hässliches Gesicht. So viel zur Symbolpolitik, die ja 'nur' ein Teil des Überbaus ist.

Nun bin ich ja der Ansicht, dass gerade in den Narrativen und damit auf der Ebene der Symbole die Widersprüche erkennbar werden. Nach der Theorie ist, auch das will ich gar nicht leugnen, hingegen das 'Sein', die ökonomische Wirklichkeit, entscheidend für das, was geschieht. Es stellt sich also die Frage, ob es denn so etwas wie eine Rationalität des Faktischen gibt und wie man sie formulieren kann. Gibt es eine Sprache für das, was ist, die nicht in die Widersprüche dessen, das sein soll, verwickelt ist?

 
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Wer ist eigentlich auf die kreuzdämliche Idee gekommen, "autonom fahrende Autos" (die man im Übrigen ja auch schon zu "Autonomos" hätte zusammenfassen können, auch wenn das wiederum quasi "Selbstbezeichnung" hieße, es ist aber auch ... egal, weiter:) für eine nützliche Erfindung zu halten? I mean: what the fuck? Was ist der Sinn und Zweck des Automobils? Hm? Dass es umweltfreundlich sei? Dass es einen transportiert, während man sich entspannt anderer Dinge widmet? Dass es leise surrend von A nach B zockelt?

Hell, no! Der höchste Zweck, das Ideal, die platonische Idee des Automobils ist der Roadmovie. Am Steuer einer coolen Karre, deren Motorgeräusch spontane Erektionen auslöst, Abenteuer erleben. Das will das Auto. Okay, nun kann man das nicht 24/7 haben und ja doch, die Wirklichkeit! Aber wir nähern uns nur allmählich dem Kern der Sache. Stellen wir also zunächst fest: Das im ersten Absatz ist es nicht, das in diesem zweiten nur, wo einem solches Glück zuteil wird.

Wer fährt wen

Wer sich ein Auto kauft und das nicht aus purer Notwendigkeit tut, weil sonst nichts fährt, wo man wohnt oder die Alternative für das Elend, das man in ihr erlebt, auch noch unverschämte Preise nimmt, wer also eins kauft, weil er gern fährt, weil er es liebt und weil es geil sein soll, der bucht darin einen Platz. Reservierung, Sie verstehen, und zwar lebenslänglich, und wo mag dieser Platz wohl sein? Richtig: Vorn links. Da sitzt der Chef. Da fährt er selbst. Dafür hat er die Karre, sonst kann er seinen Kadaver auch in einem Viehtransporter verklappen, der ihn zur Arbeit karrt oder in einen Zementmischer, da geht's wenigstens rund.

Das "Auto" am Mobil heißt "selbst", weil ich das selbst fahre. Wo kommt in diesem Sinn jetzt ein Ding vor, das mich fährt? Nuckel ich an einem Schnuller? Brauche ich einen verdammten Kinderwagen? Kidding me? Lasse ich mich entmündigen von einer Software, die an meiner statt vernünftig fährt (solange nicht ein Scriptkiddie mit Anfängerkenntnissen in Perl die Karre hackt und mich auf der A3 im Kreis fahren lässt)? Nie wieder mit der Handbremse durch eine Kurve navigieren? Stattdessen in der Haarnadelkurve die Nägel lackieren?

Das Ding heißt "Bahn"

Ich meine: Wenn es schon so viele durchgeknallte Pussies gibt, die sich von selbstfahrenden E-SUVs zum Bioladen fahren lassen, dann ist da vielleicht sogar ne Nische. Nicht aufregen: Die meisten Pussies sind Schwanzträger. Die Betonung liegt hier aber ohnehin auf "durchgeknallt", denn wenn ich siehe erster Absatz, dann fahre ich Bahn. Dann spende ich die sechzichtausend Ocken für eine, in die man sich freiwillig reinsetzt und sorge dafür, dass die anderen SUV-Grünen das auch machen. Dann haben wir in Nullkommanix hier Luxus-Trams, Luxus-Züge und öffentliche Kleindinger, die einen vom Bahnhof nach Hause fahren, und zwar kostenlos!

Aber das ist vielleicht nicht digital genug und zu wenig Blockchain mit KI. Nee, ist klar. Dann macht sich die Karre eines Morgens autonom auf den Highway und fährt ohne Personal durch bis Kentucky. Dort lässt die Whiskybrennerei links und die Kneipen rechts liegen, um ein paar Ecken weiter wegen eines fehlgeschlagenen Updates die Traumfrau über den Haufen zu fahren. Geile Idee.

 
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Ich steige einmal mit Fefes Neujahrswunsch ein: "Lasst uns alle daran mitwirken, dass Menschen sich gegenseitig als Menschen und nicht als Teil einer Gruppe sehen!" und zitiere noch einmal aus Enzensbergers Spiegel-Artikel von 1957:

"Wenn Sie schon hinter dem simplen Trick der Story eine Geschichtsauffassung suchen, dann ist sie jedenfalls demokratisch, eben weil sie es auf den einzelnen, nicht aufs Kollektiv abgesehen hat.[... Time:] "Die Nachrichten entstehen nicht durch "geschichtliche Kräfte oder Regierungen oder Klassen, sondern durch Individuen [...]
"Solche Parolen gründen auf der Scheinwahrheit, daß Geschichte von einzelnen gemacht wird: der primär gesellschaftliche Charakter historischer Erscheinungen wird mit einem Seitenhieb auf den marxistischen Klassenbegriff geleugnet."

Allein ist geil

Ich lasse das vorläufig so stehen, ohne diese widersprüchlichen Aussagen noch lange zu sortieren oder sie zu bewerten. Was sofort deutlich wird, ist aber, dass es offenbar Ansichten von Gruppen oder Kollektiven im Gegensatz zu Individuen gibt, die stark voneinander abweichen. Eine weitere Dimension dieser Frage erörtert Reinhard Jellen hier, der seinen Gedanken aber leider in überflüssiger Fachterminologie erstickt. Kurz gefasst meint er, Marx und Engels hätten in ihrem Bezug auf das Tun und die Produktionsverhältnisse eine "radikal-humanistischen Grundposition" bezogen - weil Philosophie praktisch wird und sich nicht mehr auf ein abstraktes Modell von "Geist" bezieht.

Es drückt sich hier wohl vor allem eines aus, nämlich der moderne Wahn der Individualität. Da oben fehlt ja sogar noch das 'liberale' Weltbild, das auf eine Art "Last Man Standing" hinausläuft, aber selbst linke und weniger radikale Vorstellungen vom Einzelnen und den Kollektiven, in denen er lebt, zeichnen das Bild einer 'Humanität', die wie toll an ihrem Anspruch festhält, um grandios daran zu scheitern. Aus Angst, das Individuum, in dem 'der Mensch' sich gefälligst zu finden hat, gehe unter, werden Gruppen und Kollektive zu etwas Unheimlichen. Dabei ist der Mensch durch und durch ein Rudeltier und allein nicht überlebensfähig.

Ich, Es, Über-Es

Fefes Sorge ist derweil verständlich, wo es politisch, ja sogar in der 'Wissenschaft', zunehmend auf Zugehörigkeit ankommt, anstatt auf Verhalten und Denken. Kritik wird unmöglich, weil Kriterien zugrunde gehen, wo es nur mehr darauf ankommt, wer etwas tut und nicht, was er tut. "Ist er Freund oder Feind?" ersetzt alle anderen Kriterien. Es ist aber keine Lösung, dem mit radikalem Individualismus zu begegnen. Vielmehr ist zu bedauern, dass die Moderne tausende Ansätze entwickelt hat, um Individualität zu begründen, während Kollektive vorwiegend Gegenstand eindimensionaler Abwehrreaktionen sind.

Noch eine Bemerkung zur Korrektur der Idee, Marx und Engels hätten eine "radikal-humanistische Grundposition" bezogen: Das Gegenteil ist der Fall. Gerade mit der Analyse des Kapitals und seines Produktionsverhältnisses hat Marx eine Wirklichkeit beschrieben, die 'dem Menschen' völlig entgleitet. Als Individuum ohnehin, aber auch seine Kollektive - seien es Massenbewegungen oder Kartelle - sind nur mehr gehetzte Funktionsträger in einem System, das alle und jeden ersetzt, um fortzubestehen. Wenn man das Verhätlnis von Wirklichkeit, System und Mensch (als Gruppe und Kollektiv) nicht verstehen will, kann man Humanist bleiben. Dann kann man aber auch gleich wieder Gott als Ursache einsetzen.

 
Frohes Neues, ihr Knödel!
Das unbestreitbar Gute ist: Es ist ein neues.