April 2016


 
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Am liebsten packe ich ja Geschichten aus den 80ern aus, weil sich die so exotisch anhören für die Einen und so heimelig für die Anderen. Oder gehen wir in die 70er zurück, das ist für viele Zeitgenossen schon prähistorisch, für mich erscheint es wie ein Wimpernschlag. Ich habe das eben noch gesagt: Ich denke an mein Viertel, Straßen, in denen Autos standen. Einzelne Autos. Man wusste von jedem, wem es gehörte und es gab keine Familie, die zwei hatte.

Es gab überall kleine Läden, die heute bestenfalls als Kiosk durchgehen würden. Sie hießen wie ihre Inhaber, nicht wie eine Kette. Auf dem Weg zu meiner Schule gab es so ein Lädchen, in einem kleinen würfelförmigen Gebäude, das nur diesen Laden beherbergte. Die Besitzerin war eine gerüchteumwitterte blonde Frau mit meterlangen Beinen, die einen Opel GT fuhr. Sie war sehr nett zu uns Kindern und ich wahrscheinlich ein bisschen verliebt.

Oppa und der Kriech

Inzwischen kommt es mir vor, als würde ich solche Geschichten aus der Gruft murmeln, wenn ich nur ein paar Jahre zurück denke. So wie es Jahrzehnte gedauert hat, die Straßen vollzustopfen mit Blech, das alle paar Jahre das Einheitsdesign wechselt, komplett ausgetauscht und aufgestockt wird, hat es nur einzwei Jahre gebraucht, um die Köpfe der Konsumenten endgültig zu beugen. Es dauerte Jahrzehnte, bis das Autoland die Gehirne so getrimmt hatte, dass nicht mehr die Familie, sondern jedes einzelne Mitglied einen Zweitwagen braucht. Es hat wenige Jahre gebraucht, um die Menschen mit sinnlosem "Äpp"-Spielzeug zuzumüllen, auf dass sie nicht mehr sehen noch sprechen.

Am Anfang war das Internet. Wir waren auf hoher See. Es gab so viel zu entdecken, zu erforschen, zu suchen und zu finden. Von dieser Zeit zeugen Programmnamen wie „Explorer“ und „Navigator“ sowie das Wort „surfen“ für die virtuose Bewegung im unbekannten Raum oder „Anker“ für einen Link. Die Welt des Netzes war noch fast übersichtlich, dennoch war es oft schwierig etwas zu finden, wenn es konkret sein sollte, man aber nicht wusste, wo und wer. Man entdeckte daher viel, was man gar nicht gesucht hatte, machte Zufallsbekanntschaften und traf sich in den Spelunken der Foren, Newsgroups und Chats. Unendliche Weiten; und dann kam Google.

„Don't Be Evil“ sagten sie, sei nicht bösartig, und bis heute lassen sie daran glauben. Ernsthaft meint eine der relevanten Weltmächte: „Geld verdienen, ohne jemandem damit zu schaden“ sei ihr Unternehmensmotto. Das sollte jemand ihnen ins Gedächtnis rufen, wenn sie um Budgets verhandeln, ihre Rechtsabteilung losschicken oder einfach den nächsten Laden übernehmen, um ihm ihre Bedingungen zu diktieren. Google half einmal dabei, den schnellsten Weg zum wahrscheinlich gesuchten Hafen zu finden. Heute sind sie auf dem Weg zu einer Art Gehirnwäschemonopol. Niemand, der Werbung macht, kommt mehr an Google vorbei, und Google weiß das. Don't Be Stupid.

Sei keine Ameise

Aber es ist nicht Google, das diesen Weg bestimmt. Nicht einmal das geniale Google hatte der ganz großen Krake etwas entgegen zu setzen. Es hat sich entwickelt wie die Ideale junger Menschen und hat aus großen Ideen mit dem großen Erfolg das große Geld gemacht. Aus dem Guten wurde schon kurz nach dem Start das nicht ganz so Böse, und auch an das kann man nur noch glauben, weil man es sich jeden Tag selbst suggeriert. Geld verdienen, ohne jemanden zu sehen, dem man damit schadet, vor allem aber und eigentlich nur: Geld verdienen! Google ist erwachsen.

Ich habe die Anfänge erlebt, auch die von Amazon, Ebay, Facebook und Co.. Die waren fast alle mal sympathisch. Heute sind sie ausbeuterische Weltunternehmen, gesteuert von der Sorte Mensch, die so etwas halt steuert. Ihre Welt ist herrlich bunt, selbsterklärend und schön, und alle lieben sie.

Ich hingegen fahre weiterhin mit meinem Kutter zu den Spelunken. Kompliziert, alt und hässlich, aber ungebeugt.

 

... lässt sich in zwei Grafiken zusammenfassen:

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Russland steht an vierter Stelle bei den Rüstungsausgaben (in Milliarden Dolllar), obwohl es das größte Land der Erde ist, mit einer Grenzlänge von mehr als 20.000 km und eine entsprechend große Armee unterhält. Unsere islamistischen Freunde im Kampf gegen den Terror, das Steinzeitregime Saudi-Arabiens, gibt mehr aus und macht reichlich Gebrauch davon. Da dies in Absprache mit der NATO bzw. den USA geschieht, sind sie aber die Guten®. Schwulenfeindlich sind sie auch nicht, denn dort gibt es keine Homosexualität. Jedenfalls nicht lange, da Hinrichtungstermine sehr kurzfristig anberaumt werden.

China als aufstrebende Großmacht gibt mehr als dreimal so viel aus und unsere Friedensfreunde aus den USA können sich 9 Armeen von der Größe der russischen leisten.

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Der jüngst gestorbene Verhandlungsmeister Genscher hatte Gorbatschow bei den 2+4-Verhandlungen versprochen, die NATO werde sich keinen Meter in Richtung Osten ausdehnen. Die Karte zeigt (rot) die Staaten, die seitdem dazugekommen sind, die bald dazu kommen werden (hellblau) und denen es angeboten wurde (blassblau). Nachdem Poroschenko mithilfe der EU, der USA und der Faschisten an die Macht gekommen war, hat Russland bekanntlich seine Präsenz auf der Krim verstärkt und eine offenbar manipulierte Volksabstimmung durchführen lassen, die in den Anschluss der Krim an Russland mündete. Die Zustimmung wäre freilich auch ohne die Manipulationen sicher gewesen. Das Ganze wird als "Imperialismus" bezeichnet und führt dazu, dass Russland wirtschaftlich sanktioniert wird. Außerdem verlagert die NATO massiv Truppen nach Osteuropa; ein Akt des Anti-Imperialismus, versteht sich.

Ich schreibe das hier einmal auf, damit ich einfach einen Link setzen kann, wenn mir wieder jemand mit dem Thema auf die Eier geht. Bei der Gelegenheit noch ein paar Spitzen: Was ist das russische Wort für "Investor", "Großaktionär" oder "Milliardär"? Richtig: "Oligarch", allerdings nur in westlichen Medien.
Wie heißt das größte Land, das aus der Sowjetunion hervorging? Richtig: "Putin". Was immer in Russland geschieht, was immer ein Russe tut oder lässt, es ist "Putin" (es sei denn, es gilt als gut®, dann ist es die Opposition® gegen Putin. Wenn eine drogensüchtige Asikapelle einen Striptease auf dem Altar hinlegt zum Beispiel, dann muss sie nur "Putin" sagen und ist damit gut®, weil eben Opposition®).

Diese Beispiele sind beliebig. Es gibt hunderte. Wer sie nicht findet, will sie nicht sehen, und wer mir jetzt damit kommt, ich fände irgend etwas gut an Putin oder verteidigte ihn für etwas, ist ein Idiot. Ja, du bist ein Schwachkopf und verstehst die einfachsten Regeln der Logik nicht (siehe "Umkehrschluss"). Halt' einfach die Klappe!

 
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Quelle: Ludwig Binder Haus der Geschichte CC BY-SA 2.0

Was wir wussten, zum Teil recht konkret, wurde wieder einmal von einem Whistleblower aufgedeckt: Unsere Herren stehlen, betrügen, unterschlagen und lügen. Sie geben nicht auf, bis es ihnen nicht nur vor die Füße, sondern auf den Kopf fällt. Es tropft und rinnt durch alle Ritzen, dass die Superreichen, die Regierenden und ihre Helfershelfer nicht nur gierig Kohlen horten, sondern auch dafür sorgen, dass ihr geraubtes Vermögen obendrein illegal von der Steuer befreit bleibt - und das obwohl sie schon alle legalen Tricks beherrschen.

Ihre verlogene Systempresse heftet das jetzt ernsthaft auch noch Putin an, weil der wen kennt, der auf der Liste steht. Die Technik erklärt Jens Berger. Blöder, durchsichtiger, dreister geht es nicht. Spätrömische Dekadenz? Das wäre eine unerhörte Verharmlosung. Ein Gottkaiser darf so etwas. Diktatorische Regimes tun so etwas. Uns halten sie noch immer an der Leine und das Stöckchen vor die Augen. "Demokratie" steht da sowie "Rechtsstaat", und beides ist zur Lüge verkommen. Es gibt daher zwei Sorten von Lügenpresse: Die eine deckt sie auf, die andere erzählt sie weiter.

Lügenpresse

Hätten meine Kinder mich so unverfroren belogen, ich wäre entsetzt gewesen. Es gab zwar die eine oder andere Zeit, wo es die eine oder andere nicht so hatte mit der Wahrheit, aber wenn man ihr den zerbrochenen Teller gezeigt hätte, sie hätte nicht den Hund beschuldigt, den wir gar nicht hatten. Wenn ein Knirps heute zu spät aus der Schule kommt, kann er einfach sagen "Putin hat mich aufgehalten". Das glauben sie ihm dann bei Klebers, Springers und SpOns. Sonst aber nirgends, und das wiederum zeigt die Entfremdung des Hofes und seiner Schranzen vom Rest der Bevölkerung.

Da ist nichts mehr zu machen, nichts zu kitten und kein Weg, ihnen je wieder zu trauen. Wie sie uns trauen, regelt die Aufrüstung der Geheimdienste und das allumfassende Wuchern ihres Schnüffelstaats. Wieder einmal verstecken sie einen Elefanten vor uns hinter einem Besenstiel und raunen; "Wer treu und redlich ist, sieht hier nichts". Das werden sie so lange tun, bis sie mit Knüppeln aus ihren Palästen geprügelt werden, mitsamt ihres Hofstaats. Das war schon immer so, nur eines Tages müssen die so Befreiten erkennen, dass kein neuer Hofstaat je ein besserer sein wird.

 
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Links muss wieder sexy werden. Das steht und fällt mit einem attraktiven Zugang, ohne den Ballast und Muff aus den alteingesessenen Zirkeln. Flexibilität ist angesagt, Leichtigkeit und Spaß. Die Zeiten der tausendjährigen Reiche und tausendseitigen Bücher sind vorbei. Niemand liest mehr Marx, wir brauchen linke Vordenker, die es auf Twitter können. Hundertvierzig Zeichen geballte Message, das ist das neue Links.

Links muss mit mit jedem Gadget können und auf jeder Plattform. Das neue Links ist Lol auf Youtube, kewl aus Instagram und wow auf Facebook. I like Links. I follow and share Links. Die Linke muss die Leute abholen, muss Angebote machen, die niemand ablehnen kann. Gerade wo die Nachfrage schwach ist, muss sie neu erzeugt werden. Sagt den Leuten, dass es hip ist, Links zu sein. Links sein ist geil. Links sein ist wie Koks, nur ohne Reue. Alles ist in Links: Freundschaft, Freude, Team Spirit! Schluss mit dem Gejammer und der Regelungsgwut. Du willst es? Links hat es. Links erlaubt. Links macht mit. Links bringt voran.

Mega! Sexy!

Gebt den Leuten, was sie wirklich wollen! Mädchen wollen Rosa? Mädchen kriegen Rosa. Mädchen wollen shoppen? Gehen wir shoppen mit Links! Jungs wollen Blau? Wir haben Blau für euch. Jungs wollen Baumarkt, Bier und Ball? Niemand hat mehr davon als Links. Links ist geil, weil ihr es wollt. Links hat das Ohr am Puls der Zeit. Links ist in aller Munde. Links steht früh auf, feiert lange und schafft was. Links ist jung und Links ist sexy, sexy, sexy. Weitersagen!

Die Müesligänger schiebt beiseite - kein Marxist ist je etwas geworden außer Marxist, so lange er Marxist war. Seht euch die wirklich coolen linken Leute an: Sie wissen, was sie wollen, sie kommen voran, mit oder ohne Ticket, zu Fuß und mit dem Flieger. Flexible Linke kommen überall rein, auch ins Kanzleramt. Feynsinn setzt den neuen Trend und erfindet sich selbst neu. Raus aus dem verstaubten Salon, rein in die Mega-Medien. Demnächst überall, wo die krassen Leute sind. Für den Anfang gibt's ein heißes Tänzchen mit dem Leuchtturm der neuen Linken. Freut euch auf ein Interview mit Mega-Trendsetter Sigmar Gabriel!

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