Dezember 2015


 
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Ja wo laufen sie denn? Es gab eine Zeit, da wurden sie gefragt, da fand man sie, weil sie bekannt waren. Sie schrieben Bücher, die von Massen Interessierter gelesen wurden und überzeugten durch die Qualität ihrer Gedanken und Argumentationen. Man denke an die Frankfurter, vor allem Adorno und Marcuse. Ja selbst Reaktionäre wie ein Nolte belebten noch einmal die Diskussion, indem ihnen Widerspruch entgegen schlug. Immer ging es um Inhalte und benennbare Standpunkte. Es wurde gestritten. Die Themen ließen sie sich nicht von Politik oder Medien vorgeben, aber wenn ihnen daran etwas nicht passte, äußerten sie sich.

Es folgte, in der Phase nach 1968, die Ära der akademischen Sozialdemokratie. Schriftsteller und Platzhalter wie Böll, Grass und Habermas definierten, was und wie Demokratie zu sein hätte. Immerhin noch in einer gedanklichen Auseinandersetzung, aber schon begrenzt aufs Tagesgeschäft und innerhalb des Narrativs. Marxist sein ging nicht mehr und etwas anderes, das in fundamentaler Opposition stand zum System, blieb aus. Der Vorzeigephilosoph Habermas, ein Abklatsch und Revisionist seiner Lehrer, wurde prominent ohne dass je wer hätte sagen können, wieso. An seinen Werken kann es nicht liegen, die wurden ja nicht einmal von seinen Claqueuren zitiert.

Tief schießen

Danach das nackte Grauen. "Ökonomen" übernahmen, Hand in Hand mit der Springerpresse und dem anderen Boulevard, zu dem auch die verkommenen Reste eines ehedem kritischen Journalismus gehören. "Deutschlands klügster Professor", ein neoliberaler Hardliner. Der Holocaust, das ist für ihn inzwischen Kritik an Managern, Zitat:

"Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager." Ein Intellektueller ganz nach dem Geschmack der Diekmanns.

Flankiert wird dieser Kotau vor der Herrschaft durch Entertainment, gern wird beides im Mix angeboten. Letzterer wurde geradezu verkörpert durch Peter Sloterdijk, einem schon modisch ausgewiesenen 'Intellektuellen' mit dem Chic des Existenzialisten. Leider ist seine 'Philosophie' ein geseiftes Manifest der Beliebigkeit. Die Reflexionen gar nicht einmal uninteressant, leider nur liegt die Spannung darin, dass statt gedanklicher Qualität launisches Lamentieren herrscht. Man weiß nie, was als nächstes um die Ecke kommt. Von Sloterdijks Genie sind vor allem Weisheiten überliefert wie:

"In solchen Anschauungen gründet der für den Marxismus, aber nicht nur für diesen, charakteristische moderne Habitus der Respektlosigkeit vor dem geltenden Recht, insbesondere dem bürgerlichsten der Rechte, dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums."

Der Laberfachmann

Philosophie als neoliberale Talkshow. Das Beste aus dieser Charge hat wenigstens gar nichts mehr zu sagen und schwätzt munter heute dies und morgen jenes, an das man sich schon Minuten später nicht mehr erinnern kann. Richard David Precht steht für die Verschwiegersohnung des geisteswissenschaftlichen Treibguts. Attitüde konnte Sloterdijk vielleicht sogar besser, aber Precht ist dabei noch sympathisch. Vielleicht wird er einmal Rektor der Günther-Jauch-Universität.

Wenn das der Führer wüsste! Der hatte mit dem Großschwätzer Heidegger wenigstens einen korrupten deutschen Geistesdackel, dessen Plappermechanik man sich erarbeiten musste. Das hatte mehr Stil und Unterhaltungswert und war auf einer Ebene reaktionär, die wirklich nur Experten verstehen. Völlig untauglich für ein Schaulaufen eitler Propagandisten. Höchstens Matusseks finden an dergleichen heute noch Gefallen, weil man das so schön beten kann. Kostprobe:

"Der Brauch lässt, Fug und Ruch verfügend, in die Weile los und überlässt das Anwesende je seiner Weile."

Ja sicher! Gibt es denn gar keine Menschen mehr, die durch klare Gedanken, gute Ideen oder wohlorganisiertes Wissen den Diskurs bereichern können? Na klar, aber die sind nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch einfach zu anstrengend. Entweder man versteht sie nicht, oder, was wirklich furchtbar wäre: man verstünde sie und gäbe das ganze Gewese des Betriebs der angemessenen Lächerlichkeit preis.

 
am

Quelle: Ludwig Binder Haus der Geschichte

Es stimmt, dass die "außerparlamentarische" Opposition wenig zusammen bringt, vor allem hierzulande. Was da an rechtem Gedödel über die Straßen des Ostens nagelt, ist übrigens keine Opposition. Diese Dumpfbacken haben keine Theorie, keine praktikablen Vorschläge und kriechen als Erste unter die Fittiche eines Staates, der bitte die anderen terrorisieren soll. Anstatt sich auf die Suche nach einer Wahrheit zu begeben, skandieren sie "Lügenpresse" und klagen damit diejenigen an, denen sie bis vor Kurzem aus der Hand fraßen.

Paradox vs. orthodox

Jetzt fressen sie den nächsten Dreck, wenn der ihnen nur schmackhaft gemacht wird. Jeder übrigens nach seinen eigenen Vorlieben, denn "keine Theorie" war noch sehr gnädig formuliert. Sie bringen nicht einmal einen konsistenten Gedanken zusammen. Dass sie sich nicht gegenseitig an die Gurgel gehen, liegt daran, dass 'Kommunikation' bei ihnen so geht: Einer brüllt ins Mikro, die anderen hören nicht zu und brüllen stattdessen bei jedem Reizwort zurück. Hurra!

Die ernstzunehmende Linke ist anders. Sie zweifelt. Am System eigentlich nicht mehr; dessen Idiotie haben sie längst durchschaut. Sie zweifeln an den Alternativen und schon der Möglichkeit dazu. Wer nicht mit der "Man müsste doch nur"-Käppi in der Sozenkurve steht, sieht, dass die Ressourcen fehlen. Die nächstliegende Lösung, auch das wissen diese Linken, sind vergiftet. Schlagkräftig müsste es sein, auf jeder Ebene. Partei, Truppe, straff organisiert. Das hatten wir schon, da wollen wir nicht mehr hin.

Doof war gestern

Nein, es braucht eine Geduld. die kaum einer haben kann. Es muss sich überleben. Es wird - wenn dann etwas übrig bleibt - Rückschläge geben, und irgendwann muss etwas versucht werden, dass keine Herren mehr zulässt und keine Sklaven züchtet. Bis dahin muss sich das wenigstens als Ziel wieder etabliert haben. Neu ist daran nichts: "Leeres Wort des Armen Rechte, leeres Wort des Reichen Pflicht". Das haben vor allem die Sozialdemokraten nicht kapiert: Daraus ist nicht zu folgern, die Reichen jetzt aber echt mal in die Pflicht zu nehmen. Arm und Reich darf es nicht mehr geben. So klar, so einfach.

Für ein solches Ziel kann man nicht wild rebellieren, es muss vielmehr Common Sense werden, dann wird sich die Opposition ganz von selbst gegen das ganze System richten. Ein weiter Weg. Bis dahin kann es nur konkret zielgerichtet sein. Bei der Gelegenheit erlaube ich mir den Hinweis, dass zum Beispiel abstrakte 'Friedensdemos' unter der Führung halbseidener B-Promis überflüssig sind. Großdemonstrationen mit einem klaren Ziel hingegen nicht. Der Abzug der Bundeswehr aus den völkerrechtswidrigen Kriegen in Syrien und Afghanistan wäre ein solches.

 
Hier und bei allen, die ihren Verstand nicht im Club der Hurras abgegeben haben. Pantoufle bringt es schmallippig auf den Punkt. Von mir dazu nur einen Satz:
Der Funktionär heißt Funktionär, weil er funktioniert.

 
cr

"Failed State" ist die Bezeichnung für ein Territorium, in dem keine nachvollziehbare Ordnung mehr herrscht. Man kann den Begriff aber auch anders auffassen, nämlich so, dass das Konzept "Staat" versagt hat. Langfristig werden die Unterschiede dieser Bedeutungen aber ohnehin schrumpfen, denn die versagenden Staaten hinterlassen sprichwörtlich ruinierte Gesellschaften.

Zwei Beispiele auf sehr unterschiedlichen Ebenen: Das erste ist der ehemalige Sozialstaat. Dieser hat seine Rolle gewandelt vom Auffangnetz für Arbeitslose zur Knute der Lohnabhängigen. Jürgen Borchert legt das sehr klar dar und benennt die Funktion der Arbeitslosenverwaltung:

"Das stinkt nicht nur zum Himmel , sondern konkurriert auch die Arbeitsmärkte unserer Nachbarn in Europa in Grund und Boden."

Staat als Waffe

Deutschland hat Arbeitslosigkeit durch Lohndumping exportiert. Das erklärt auch den unsäglichen Spruch "Sozial ist, was Arbeit schafft". Der Sozialstaat ist das Instrument des Arbeitszwangs und damit des Niedriglohns. Das ist es, was von ihm übrig geblieben ist. Man darf also durchaus den Schluss ziehen: Sozial ist, was Löhne drückt - jedenfalls besteht darin das "Sozial" in "Sozialstaat".

Ein anderes Beispiel ist das Argentiniens, wo sich Konzernmanager die komplette Regierung unter den Nagel gerissen haben. Ihre Steigbügelhalter verzichten vollends auf die Illusion, der Staat sei etwas anderes als das Vehikel der Eigentümer. Ergänzend kann man auch auf die USA hinweisen mit ihrem exklusiven Millionärsparlament und dem Multimilliardär als möglichen Präsidenten.

Man kann den Staat benutzen, vor allem zur Sicherung des Eigentums, sprich: Reichtums. Wo er im Sinne der Kapitalisten geführt wird, ist er eine Waffe im Kampf um Profite, allerdings nur genau so lange, wie der Kampf nicht für die betreffende Region verloren ist. Dann zieht das Kapital ab und verdient nur noch ggf. am Verkauf von Waffen in ein verwüstetes Kriegsgebiet.

Rien ne vas plus

Für etwas anderes taugt er nicht mehr, unter anderem, weil nur mehr diejenigen auf ihn vertrauen, die ihn eben benutzen können. So entstand ein Konglomerat williger Politiker, die sich mit Schmeicheleien und Versorgungsposten dafür belohnen lassen, dass das Kapital fröhlich durchregiert. Das ist seit Jahrzehnten das Konzept der "liberalen" Schwänze und ihrer stets dem guten Tuch zugeneigten konservativen Hunde, mit denen sie wedeln durften. Sogenannte "Sozialdemokraten" haben sich spätestens mit dem Eintritt in eine relevante Funktion ebenfalls dem Club der Alternativlosen verschrieben.

Wer das erlebt, wer noch bei Verstand ist und dem politischen Betrieb von innen kennenlernt, wer sich als Arbeitsloser schikanieren lassen musste oder auch nur Wahlversprechen mit Regierungskunst verglichen hat, hat diesen Staat aufgegeben. Nur die ganz ehrlichen treu gläubigen Sozialdemokraten meinen immer noch, "man müsste doch nur".

Nein, man muss nicht, und man kann auch gar nicht. Selbst wenn man partout der Ansicht sein wollte, Kapitalismus sei durch etwas ihm Äußeres beherrschbar, muss doch jeder Halbgescheite erkennen, dass der Staat genau dieses nicht ist. Eine Gesellschaft, die überleben will, braucht daher nicht nur Alternativen zum Kapitalismus. Es müssen völlig andere Konzepte für Gesellschaften entwickelt werden, wo man bislang an das Konstrukt "Staat" geglaubt hat. Es trägt nicht mehr.

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