November 2015


 
lf

Der Säzzer war am Samstag windsurfen und hat einiges an heißer Luft eingesammelt.

Floating Flassbeck revisited

Heiner Flassbeck jagt weiterhin Moby Dick:

"Angesichts der Unfähigkeit der neoliberalen Agenda, die Lage zu verbessern, wäre es leicht, ein Umdenken auch politisch durchzusetzen. Wer das anstoßen könnte, ist allerdings schwer zu sagen. [...] Mir fehlen die Personen, die etwas ändern können."

Ja ja, die Personen machen den "Neoliberalismus", nicht etwa der feine Mix aus Sachzwang und Korruption. Man müsste doch nur wollen. Ja warum wollen sie denn bloß nicht?! Das Heilmittel ist noch immer dasselbe: Zehn Jahre (waren es zuletzt nicht 15?) die Löhne um je 6% erhöhen in Deutschland. Immer noch eine großartige Idee. Immerhin erkennt er jetzt, dass der Euro am Ende ist, wenn auch nur - haha - widerwillig und uneinsichtig.

Sozial ist, was Marktwirt schafft

Kapitalistischer Parlamentarismus als "Soziale Marktwirtschaft" geht jetzt so: Die absurde Grundidee, dem Kapitalismus Ketten anzulegen, ist inzwischen obendrein auf den Kopf gestellt und auf dem Wirtschaftsmarktplatz ausgestellt worden. TTIP schränkt drastisch und ganz selbstverständlich illegal die Handlungsmöglichkeiten der Staaten und Parlamente ein. Sozialdemokraten verkaufen das als mächtig sozialdemokratisch, wenn die Einschränkung eingeschränkt wird - beziehungsweise wenn sie noch so tun dürfen, als hätten sie irgendetwas mitzureden. Sofort wiederwählen!

Flucht ist keine Politik

Verarscht mich doch! Nein, ernsthaft verhandeln Politikikeriki noch immer über Status, Verfahren und Formulare. Sie glauben wie die Kleinkinder, wenn man die richtigen Wörter aufsagt, passiert auch das Gute. Nun ja, sie beten schließlich auch zu höheren Wesen. Kahlschlag im kognitiven Forst; hier das Echo: Hallo, da kommen eine Million Menschen, die lassen sich nicht durch Buchstaben aufhalten. Auch nicht durch Gesetze. Wie wäre es also, endlich über praktische Problemlösungen zu verhandeln? Pfui Deibel, immer diese eklige Realität!

p.s.: Das geht übrigens alles auch noch blöder, wenn man die SPD ranlässt.

Wahrheitspresse

Ein Historiker beweist: Die Freie Presse des Westens® kämpft gegen die Mächtigen für die Wahrheit. Ähm, jedenfalls 1955. Da hat sich die FAZ mal mit einem Teil der Industrie angelegt. Und das soll heute alles nicht mehr zählen? Verschwörungstheoretiker, Querfrontpack, Putinversteher!!!11!!

Oops, war das euer Jet?

A propos: Da hätte beinahe eine ägyptische Rakete ein britisches Passagierflugzeug abgeholzt. Ja nuu, das kann doch mal passieren! Halb so wild, das macht doch niix! Offenbar gab es keine Chance, das irgendwie Putin® anzuhängen, da hätte die Qualitätspresse im Gefolge der nordatlantischen Oszillation vermutlich weniger sonnig reagiert.


Die Guten®

Während der Verfassungsschutz in seinen Nazinetzwerken keine Terroristen findet, hat das FBI Probleme, in ihren Rassistenbrigaden die Herrenmenschen auszumachen. Verdammte Elektronik, wenn man sie braucht, ist sie mit Big Data beschäftigt!

 
xx

Die Sueddeutsche unkt, der Link sterbe aus. Ich halte das zwar für reichlich vorschnell geurteilt, aber der damit angedeutete Trend ist real. Das Netz der Nerds und das der Nutzer ist tot, es lebe das Kapitaltransfermedium! Das Protokoll könnte bei der Gelegenheit oder einer anderen in "ctp" umbenannt werden.

Die Idee des Netzes, einer Verbindung beliebig vieler gleichrangiger Knoten, von denen aus jeder jeden erreicht, war gestern. Heute baut man nicht nur Zäune, die Millionen von Flüchtlingen aufhalten sollen, sondern auch welche, die Kunden ("Nutzer" oder "User" ist auch sowas von 2000er) nicht mehr hinaus lassen, und das geht ungefähr so:

Wenn ich mich in meiner Wohnung der Korridortür nähere, erklingt auf dem letzten Meter ein Warnton. In grellen LED-Lettern werde ich gewarnt: Achtung! Sie verlassen die Heimzone! Wollen Sie wirklich die Außenwelt betreten?! Bitte bestätigen Sie! Bitte bestätigen Sie! So ist das auch wenn ich mein Auto abstelle, dann piepsen nicht nur die üblichen "Licht ist an, du bist nicht angeschnallt, dein Parfum ist abgelaufen"-Töne, sondern es erschallt auch die eindringliche Warnung: "Achtung Achtung! Sie verlassen Ihren BMW! Wollen Sie wirklich Straße betreten, einen der gefährlichsten Orte der Welt??!!

Leaving the Sane Sector

Wer einen Facebook-Account hat, wird das völlig normal finden, und das ist der Skandal. Tatsächlich ist die Warnung beim "Verlassen" von Facebook noch hundert dööfer (nicht nur, weil sie "vertraulich" nicht von "vertrauenswürdig" unterscheiden können), denn man verlässt ja gar nichts. Wie denn auch? Man sitzt an einem verdammten Rechner, hat eine verdammte Internetverbindung und damit den Anbieter Zuckerberg Unlimited Exploit angesurft. Bloß weil ich danach etwas anderes aufrufe, habe ich weder etwas betreten noch etwas verlassen.

Besser noch, klebt mir Facebook aber obendrein weiter an den Hacken, denn die Skripte und Cookies, die ich mir von denen ungefragt unterjubeln lasse, bin ich erst los, wenn ich entsprechende Gegenmaßnahmen treffe. Jetzt noch geiler: Künftig wollen Facebook und andere Hirnverwurster noch mehr dazu tun, riesige Ghettos im Netz zu errichten, die man nicht so einfach betritt und verlässt (siehe Link oben).

Verblödung der Kunden ist dabei nicht die einzige Waffe, die zum Einsatz kommt, sondern, wenn das hier stimmt, auch das aktive Blockieren* von Links. Wer sich das im Einzelfall bieten lässt, hat sicher auch nichts dagegen, wenn es schrittweise schlimmer wird, bis es gar keine Verbindung mehr zwischen der Datenkrake und den Rest des Netzes gibt. Tja, Kinder, ihr müsst euch dann entscheiden: Facebook oder Internet.

Schö mit Ö

Es gab Zeiten, da habe ich mich über solche Trends aufgeregt, genau wie über so manches, das faule verblödete Lemminge so ihr "Nutzerverhalten" nennen und das sie von Leuten unterscheidet, die sich darüber orientieren, was Internet eigentlich ist. Wisst ihr was? Verblödet doch einfach weiter! Lasst euch womöglich "Antivirussoftware" unterjubeln und meckert nachher, wenn die euch nicht schützt. Lasst fröhlich jedes Script auf eure Rechner los, das wer euch "vertraulich" anbietet.

Bleibt doch "bei Facebook", Whatsapp und Wasweißich, verschenkt eure Fotos, Texte und Kontakte, macht es euch einfach und gemütlich und lebt damit. Selbst wenn meine Mailadresse dabei mal unter die Räuber fällt, dann schalte ich die halt ab. Mir wurscht. Nur eines macht euch bitte klar: Ich werde niemandem von euch mehr irgend einen Gefallen tun, wenn eure Mistkiste mal wieder spinnt. Ich werde keine eurer doofen Fragen mehr beantworten, wenn ihr mal wieder nicht wisst, wo der Einschaltknopf ist. Fragt mich einfach nichts mehr; ihr wollt die Antwort ja eh nicht hören.

Derweil wird es noch ruhiger werden und ich betue mich mit denen, die den Knall noch hören. Ich bin es ohnehin leid, immer denselben Vortrag zu halten.

*Inhalt der Quelle ist nicht geprüft.

 
od

Geschichte ist die Voraussetzung zum Verständnis von Zusammenhängen. Dabei ist es gleich, ob in den sogenannten Natur- oder Geisteswissenschaften: Wer die Entstehung des Denkens, der Theorien und auch der banalen Gegenwart nicht kennt, weiß nichts. Ich kann einen beliebigen Gegenstand zur Hand nehmen und fragen, woher er kommt, es wird sich mir ein Kosmos von Fragen eröffnen, der in die Geschichte weist.

Meine Erfahrung mit Studenten ist streckenweise trostlos, was deren Geschichtsbewusstsein angeht. Dabei geht es selbstverständlich nicht um das, was ich selbst noch im Schulunterricht erlebt habe, nämlich die Herrschaftsgeschichte in Zahlen (wer herrschte von bis da und dort), sondern eben die Frage, wie es kommt, dass es ist wie es ist oder auch die Gewordenheit der Dinge.

Ist so

Für die meisten meiner Zeitgenossen scheinen die Dinge vom Himmel zu fallen, und es ist umso trauriger je Jünger sie sind. Der Status Quo wird nicht nur als Naturzustand betrachtet (das geht so weit, dass sich bald eine Generation das Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen kann), man wird sogar für leicht irre gehalten, wenn man das völlig anders sieht. Irre oder wahlweise senil, weil man so etwas wie technische oder politische Entwicklung erlebt habt, sie hinterfragt und darauf hinweist, dass es schon bald ganz anders kommen kann.

Wer mit Schwarzweißfernsehen aufwuchs, auf winzige Monitore hüpfende Sterne programmiert hat oder nur ein Wählscheibentelefon bedienen kann, wird nicht etwa befragt als Zeitzeuge, der zum Verständnis der Veränderung beiträgt, sondern beiseite geschoben als Spielverderber und Technikmuffel. Das spätestens ist die große Lachnummer, dass Kiddies, die keine Ahnung haben wie ihr Spielzeug funktioniert, die alten Durchblicker zu Deppen erklären.

War immer so

Das alles ist Geschichte, und die große Erzählung der Gegenwart wird immer kürzer. Sie ist Vergessen als Leitmotiv, das neue Paradigma ist die Philosophie des Goldfischs, der sich bei der zweiten Runde in seinem Glas nicht mehr an die erste erinnert. Die Inhalte sind austauschbar wie die Spielzeuge, so lange jeder weiß, was angesagt ist, was man haben muss und wer welchen sozialen Rang hat. Krone der Schöpfung!

Ich weiß nicht, ob es ein Trost ist oder die nächste Stufe der Depression, wenn man sich mit Geschichte und Geschichtlichkeit intensiver befasst, aber wer wissen will, hat ohnehin keine Wahl. Ich mache daher einmal an prominenter Stelle Werbung für ein Buch, das meiner Weltsicht neue Perspektiven eröffnet hat, deutsch unter dem Titel "Die Ordnung der Dinge" erhältlich. Michel Foucault beschreibt darin die unterschiedlichen Formationen des Denkens und der Sicht auf die Welt, vom Mittelalter bis zur Moderne.

Kann gar nicht anders

Wir erfahren, was einst Wissen war, was Wissen sein durfte und was nicht, und dass es in der Geschichte immer wieder Sprünge gegeben hat, in denen sich relativ plötzlich gewaltige Veränderungen ereignet haben. Am Anfang steht die Frage "Was ist eigentlich für uns unmöglich zu denken?". Wer sich das aktuell fragt, zumal im Bezug auf öffentliche Kommunikation, kommt vielleicht der Verzweiflung nahe. Andererseits hat es sich gezeigt, dass sich die Welt, auch die des Denkens, oft radikal geändert hat, wenn eigentlich niemand damit gerechnet hat.

Ganz nebenbei ist "Die Ordnung der Dinge" selbst ein wissenschaftlicher Meilenstein. Es ist ein Sachbuch mit einem komplexen Gegenstand, kein Groschenroman, für große Wissenschaft aber sehr gut zu lesen und jede Mühe wert.

 
rg

Man kann Wirklichkeit auf zweierlei Weise verarbeiten, nämlich indem man die Theorie der Realität anpasst oder umgekehrt. Letzteres pflegt Ideologie zu tun, jene religiöse oder quasi religiöse Weltsicht, über die sich Menschen so gern einigen, ohne dass Bagatellen wie Naturgesetze oder geschichtliche Erfahrung die Gemütlichkeit stören.

Ebenso verhält es sich generell mit Systemen. Sie können der Wirklichkeit angepasst werden, umgebaut und revidiert mit den Erfahrungen und Lernprozessen, oder sie passen Menschen und Welt dem System an, was immer auf Gewalt hinausläuft.

Das war schon immer so

Der Konservatismus definiert sich durch den Versuch, das Gegebene unverändert zu lassen, daher neigt er per se dazu, eben die Wirklichkeit dem System anzupassen. Ein konservativer Klassiker ist der Ruf nach "härteren Strafen", die übrigens gerade dort eine gern gezogenene Option sind, wo es bereits die Todesstrafe gibt. Wer abweicht und sich nicht an die Moral hält, deren Regeln das System vorgibt, muss mit aller Gewalt eingepasst werden. Je mehr Menschen abweichen und je deutlicher sie es tun, desto mehr Gewalt braucht das System, um die Abweichungen zu unterdrücken.

Die Alternative wäre grundsätzlich, das System zu ändern; sein Selbstverständnis, die Wahrnehmung der Realität, die Regeln, die Gewohnheiten. Das kann der Konservative nicht zulassen. Im Gegenteil bildet er eine ganze Kaskade von Filtern, um sich vor Erkenntnissen zu schützen, die seine Ideologie durchbrechen. Auf gar keinen Fall darf der Fall eintreten, dass Grundsätze, auf die sich das System stützt, verändert werden. Dazu gehört aktuell übrigens auch die Geldwirtschaft, aber darauf will ich hier nicht hinaus.

Da kann ja jeder kommen

In der sogenannten "Flüchtlingskrise" ist die Einsicht in die Tatsachen nicht mehr getrübt, sondern komplett blockiert. Allein die Zahl scheint niemand zu verstehen, geschweige denn, was aus ihr folgt. Gehen wir von ca. einer Million Flüchtlingen aus, die es nach Europa schaffen. Wenn ich jemanden einstelle, der nichts anderes tut als denen die Hand zu schütteln und für jeden Ankömmling drei Sekunden braucht, ist der Mann bei einer 40-Stunden Woche ein halbes Jahr beschäftigt.

Jetzt füllen Sie einmal Formulare mit denen aus, übersetzen Sie die, bringen sie die Leute unter, geben ihnen etwas zu essen usf., dann wird schnell deutlich, wie sinnvoll irgendwelche "Beschleunigungsgesetze" sind. Das Verfahren soll in vier Wochen abgeschlossen sein, wenn es Jahre dauert, die heute bereits anstehenden Fälle zu bearbeiten? Prima Idee. Aber das ist noch die gute Nachricht.

Wir tun nur unsere Pflicht

Die schlechte Nachricht ist die vom Sachzwang, der aus dem Fortbestand der bisherigen Regelung folgt. Da sind Millionen unterwegs, und die sollen also abgeschoben werden. Meinen intelligenten Leser/innen ist sofort klar, was das bedeutet, aber ich will es trotzdem ausführen: Man kann keine Millionen abschieben. Sie sind jetzt hier, und wir müssen ihnen geben, was sie brauchen um zu leben; und wenn wir schon dabei sind, könnten wir eigentlich auch anfangen, Menschen generell mit Respekt zu behandeln.

Es gibt nur eine Alternative, und was mich davon abhält zu schreiben: "Es ist unmöglich, diese Menschen abzuschieben", ist die Kenntnis, dass sie in der jüngeren deutschen Geschichte schon verwirklicht wurde. Doch, das geht. In Zügen. Man pfercht sie massenhaft in Züge und bringt sie fort. Sie werden aber an der Grenze zu Europa nicht die Richtung ändern, also muss man sie mit den Zügen in "Sonderzonen" bringen, zur Sonderbehandlung. Das ist die einzige Möglichkeit, am Grenzregime festzuhalten. Das ist das, was folgt, wenn sich das System der Wirklichkeit verweigert, die es nicht vorhergesehen hat.

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