2015


 
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Ja wo laufen sie denn? Es gab eine Zeit, da wurden sie gefragt, da fand man sie, weil sie bekannt waren. Sie schrieben Bücher, die von Massen Interessierter gelesen wurden und überzeugten durch die Qualität ihrer Gedanken und Argumentationen. Man denke an die Frankfurter, vor allem Adorno und Marcuse. Ja selbst Reaktionäre wie ein Nolte belebten noch einmal die Diskussion, indem ihnen Widerspruch entgegen schlug. Immer ging es um Inhalte und benennbare Standpunkte. Es wurde gestritten. Die Themen ließen sie sich nicht von Politik oder Medien vorgeben, aber wenn ihnen daran etwas nicht passte, äußerten sie sich.

Es folgte, in der Phase nach 1968, die Ära der akademischen Sozialdemokratie. Schriftsteller und Platzhalter wie Böll, Grass und Habermas definierten, was und wie Demokratie zu sein hätte. Immerhin noch in einer gedanklichen Auseinandersetzung, aber schon begrenzt aufs Tagesgeschäft und innerhalb des Narrativs. Marxist sein ging nicht mehr und etwas anderes, das in fundamentaler Opposition stand zum System, blieb aus. Der Vorzeigephilosoph Habermas, ein Abklatsch und Revisionist seiner Lehrer, wurde prominent ohne dass je wer hätte sagen können, wieso. An seinen Werken kann es nicht liegen, die wurden ja nicht einmal von seinen Claqueuren zitiert.

Tief schießen

Danach das nackte Grauen. "Ökonomen" übernahmen, Hand in Hand mit der Springerpresse und dem anderen Boulevard, zu dem auch die verkommenen Reste eines ehedem kritischen Journalismus gehören. "Deutschlands klügster Professor", ein neoliberaler Hardliner. Der Holocaust, das ist für ihn inzwischen Kritik an Managern, Zitat:

"Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager." Ein Intellektueller ganz nach dem Geschmack der Diekmanns.

Flankiert wird dieser Kotau vor der Herrschaft durch Entertainment, gern wird beides im Mix angeboten. Letzterer wurde geradezu verkörpert durch Peter Sloterdijk, einem schon modisch ausgewiesenen 'Intellektuellen' mit dem Chic des Existenzialisten. Leider ist seine 'Philosophie' ein geseiftes Manifest der Beliebigkeit. Die Reflexionen gar nicht einmal uninteressant, leider nur liegt die Spannung darin, dass statt gedanklicher Qualität launisches Lamentieren herrscht. Man weiß nie, was als nächstes um die Ecke kommt. Von Sloterdijks Genie sind vor allem Weisheiten überliefert wie:

"In solchen Anschauungen gründet der für den Marxismus, aber nicht nur für diesen, charakteristische moderne Habitus der Respektlosigkeit vor dem geltenden Recht, insbesondere dem bürgerlichsten der Rechte, dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums."

Der Laberfachmann

Philosophie als neoliberale Talkshow. Das Beste aus dieser Charge hat wenigstens gar nichts mehr zu sagen und schwätzt munter heute dies und morgen jenes, an das man sich schon Minuten später nicht mehr erinnern kann. Richard David Precht steht für die Verschwiegersohnung des geisteswissenschaftlichen Treibguts. Attitüde konnte Sloterdijk vielleicht sogar besser, aber Precht ist dabei noch sympathisch. Vielleicht wird er einmal Rektor der Günther-Jauch-Universität.

Wenn das der Führer wüsste! Der hatte mit dem Großschwätzer Heidegger wenigstens einen korrupten deutschen Geistesdackel, dessen Plappermechanik man sich erarbeiten musste. Das hatte mehr Stil und Unterhaltungswert und war auf einer Ebene reaktionär, die wirklich nur Experten verstehen. Völlig untauglich für ein Schaulaufen eitler Propagandisten. Höchstens Matusseks finden an dergleichen heute noch Gefallen, weil man das so schön beten kann. Kostprobe:

"Der Brauch lässt, Fug und Ruch verfügend, in die Weile los und überlässt das Anwesende je seiner Weile."

Ja sicher! Gibt es denn gar keine Menschen mehr, die durch klare Gedanken, gute Ideen oder wohlorganisiertes Wissen den Diskurs bereichern können? Na klar, aber die sind nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch einfach zu anstrengend. Entweder man versteht sie nicht, oder, was wirklich furchtbar wäre: man verstünde sie und gäbe das ganze Gewese des Betriebs der angemessenen Lächerlichkeit preis.

 
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Quelle: Ludwig Binder Haus der Geschichte

Es stimmt, dass die "außerparlamentarische" Opposition wenig zusammen bringt, vor allem hierzulande. Was da an rechtem Gedödel über die Straßen des Ostens nagelt, ist übrigens keine Opposition. Diese Dumpfbacken haben keine Theorie, keine praktikablen Vorschläge und kriechen als Erste unter die Fittiche eines Staates, der bitte die anderen terrorisieren soll. Anstatt sich auf die Suche nach einer Wahrheit zu begeben, skandieren sie "Lügenpresse" und klagen damit diejenigen an, denen sie bis vor Kurzem aus der Hand fraßen.

Paradox vs. orthodox

Jetzt fressen sie den nächsten Dreck, wenn der ihnen nur schmackhaft gemacht wird. Jeder übrigens nach seinen eigenen Vorlieben, denn "keine Theorie" war noch sehr gnädig formuliert. Sie bringen nicht einmal einen konsistenten Gedanken zusammen. Dass sie sich nicht gegenseitig an die Gurgel gehen, liegt daran, dass 'Kommunikation' bei ihnen so geht: Einer brüllt ins Mikro, die anderen hören nicht zu und brüllen stattdessen bei jedem Reizwort zurück. Hurra!

Die ernstzunehmende Linke ist anders. Sie zweifelt. Am System eigentlich nicht mehr; dessen Idiotie haben sie längst durchschaut. Sie zweifeln an den Alternativen und schon der Möglichkeit dazu. Wer nicht mit der "Man müsste doch nur"-Käppi in der Sozenkurve steht, sieht, dass die Ressourcen fehlen. Die nächstliegende Lösung, auch das wissen diese Linken, sind vergiftet. Schlagkräftig müsste es sein, auf jeder Ebene. Partei, Truppe, straff organisiert. Das hatten wir schon, da wollen wir nicht mehr hin.

Doof war gestern

Nein, es braucht eine Geduld. die kaum einer haben kann. Es muss sich überleben. Es wird - wenn dann etwas übrig bleibt - Rückschläge geben, und irgendwann muss etwas versucht werden, dass keine Herren mehr zulässt und keine Sklaven züchtet. Bis dahin muss sich das wenigstens als Ziel wieder etabliert haben. Neu ist daran nichts: "Leeres Wort des Armen Rechte, leeres Wort des Reichen Pflicht". Das haben vor allem die Sozialdemokraten nicht kapiert: Daraus ist nicht zu folgern, die Reichen jetzt aber echt mal in die Pflicht zu nehmen. Arm und Reich darf es nicht mehr geben. So klar, so einfach.

Für ein solches Ziel kann man nicht wild rebellieren, es muss vielmehr Common Sense werden, dann wird sich die Opposition ganz von selbst gegen das ganze System richten. Ein weiter Weg. Bis dahin kann es nur konkret zielgerichtet sein. Bei der Gelegenheit erlaube ich mir den Hinweis, dass zum Beispiel abstrakte 'Friedensdemos' unter der Führung halbseidener B-Promis überflüssig sind. Großdemonstrationen mit einem klaren Ziel hingegen nicht. Der Abzug der Bundeswehr aus den völkerrechtswidrigen Kriegen in Syrien und Afghanistan wäre ein solches.

 
Hier und bei allen, die ihren Verstand nicht im Club der Hurras abgegeben haben. Pantoufle bringt es schmallippig auf den Punkt. Von mir dazu nur einen Satz:
Der Funktionär heißt Funktionär, weil er funktioniert.

 
cr

"Failed State" ist die Bezeichnung für ein Territorium, in dem keine nachvollziehbare Ordnung mehr herrscht. Man kann den Begriff aber auch anders auffassen, nämlich so, dass das Konzept "Staat" versagt hat. Langfristig werden die Unterschiede dieser Bedeutungen aber ohnehin schrumpfen, denn die versagenden Staaten hinterlassen sprichwörtlich ruinierte Gesellschaften.

Zwei Beispiele auf sehr unterschiedlichen Ebenen: Das erste ist der ehemalige Sozialstaat. Dieser hat seine Rolle gewandelt vom Auffangnetz für Arbeitslose zur Knute der Lohnabhängigen. Jürgen Borchert legt das sehr klar dar und benennt die Funktion der Arbeitslosenverwaltung:

"Das stinkt nicht nur zum Himmel , sondern konkurriert auch die Arbeitsmärkte unserer Nachbarn in Europa in Grund und Boden."

Staat als Waffe

Deutschland hat Arbeitslosigkeit durch Lohndumping exportiert. Das erklärt auch den unsäglichen Spruch "Sozial ist, was Arbeit schafft". Der Sozialstaat ist das Instrument des Arbeitszwangs und damit des Niedriglohns. Das ist es, was von ihm übrig geblieben ist. Man darf also durchaus den Schluss ziehen: Sozial ist, was Löhne drückt - jedenfalls besteht darin das "Sozial" in "Sozialstaat".

Ein anderes Beispiel ist das Argentiniens, wo sich Konzernmanager die komplette Regierung unter den Nagel gerissen haben. Ihre Steigbügelhalter verzichten vollends auf die Illusion, der Staat sei etwas anderes als das Vehikel der Eigentümer. Ergänzend kann man auch auf die USA hinweisen mit ihrem exklusiven Millionärsparlament und dem Multimilliardär als möglichen Präsidenten.

Man kann den Staat benutzen, vor allem zur Sicherung des Eigentums, sprich: Reichtums. Wo er im Sinne der Kapitalisten geführt wird, ist er eine Waffe im Kampf um Profite, allerdings nur genau so lange, wie der Kampf nicht für die betreffende Region verloren ist. Dann zieht das Kapital ab und verdient nur noch ggf. am Verkauf von Waffen in ein verwüstetes Kriegsgebiet.

Rien ne vas plus

Für etwas anderes taugt er nicht mehr, unter anderem, weil nur mehr diejenigen auf ihn vertrauen, die ihn eben benutzen können. So entstand ein Konglomerat williger Politiker, die sich mit Schmeicheleien und Versorgungsposten dafür belohnen lassen, dass das Kapital fröhlich durchregiert. Das ist seit Jahrzehnten das Konzept der "liberalen" Schwänze und ihrer stets dem guten Tuch zugeneigten konservativen Hunde, mit denen sie wedeln durften. Sogenannte "Sozialdemokraten" haben sich spätestens mit dem Eintritt in eine relevante Funktion ebenfalls dem Club der Alternativlosen verschrieben.

Wer das erlebt, wer noch bei Verstand ist und dem politischen Betrieb von innen kennenlernt, wer sich als Arbeitsloser schikanieren lassen musste oder auch nur Wahlversprechen mit Regierungskunst verglichen hat, hat diesen Staat aufgegeben. Nur die ganz ehrlichen treu gläubigen Sozialdemokraten meinen immer noch, "man müsste doch nur".

Nein, man muss nicht, und man kann auch gar nicht. Selbst wenn man partout der Ansicht sein wollte, Kapitalismus sei durch etwas ihm Äußeres beherrschbar, muss doch jeder Halbgescheite erkennen, dass der Staat genau dieses nicht ist. Eine Gesellschaft, die überleben will, braucht daher nicht nur Alternativen zum Kapitalismus. Es müssen völlig andere Konzepte für Gesellschaften entwickelt werden, wo man bislang an das Konstrukt "Staat" geglaubt hat. Es trägt nicht mehr.

 
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Gestern war ich mit meiner Enkeltochter Luzi, sie ist gerade sieben, auf einer Adventsfeier. Zur Begrüßung gab es erst einmal Tee und Dinkelkekse, und die Kinder durften etwas malen. Einigen erschien das schwarze Lieblingskostüm der Kleinen etwas seltsam. Nicht so sehr der altmodische Schnitt als vielmehr der schwarze Samt. Sie trug dazu ein wenig Modeschmuck, ebenfalls schwarz. Sie mag es halt so. Eines der anderen Kinder, dessen Namen ich vergessen habe (er hieß Thorben, aber das glaubt mir niemand. Ich glaube meinerseits ja auch an nichts, warum sollte ich dann an Thorbens glauben?) fragte sie, warum sie so schwarze Sachen anhätte. Sie erklärte wahrheitsgemäß: "Ja ich weiß, das sieht ein bisschen doof aus, aber etwas Dunkleres hatten sie nicht".

Wir wohnen in einem der guten Viertel von Essen. Man kann zu Fuß zu den Albrechts laufen oder zum See. Gentrifizierung brauchen wir nicht, es war schon immer eine Lage für die besser Betuchten. Man hält sich vielleicht hier und da einen Künstler oder Literaten in etwas Bezahlbaren, aber nicht zu viele und schon gar kein echtes Proletariat. Man protzt hier nicht, es herrscht eher das Understatement - bei denen, die sich in der Öffentlichkeit blicken lassen. Die vom Hügel oder die wirklich Reichen (wir reden hier nicht vom Lumpenmillionariat, sondern von den Zehnstelligen) bleiben selbstverständlich unsichtbar. Das ist hier zwar auch nicht Berlin, wo sie das ganze Schwabengetucke und ihren Kreativanhang hingekarrt haben, aber es gibt die Unvermeidlichen mit ihren Thorbens wie überall sonst auch, wo man seine Ruhe vor denen mit dem Arbeitsschweiß hat.

Thorben also. Kam als nächstes mit der Frage um die Ecke, was Luzi da gemalt habe. "Bachblüten" sagte sie. "Wieso haben die denn Zähne?" fragte Ihrwisstschonwer. "Womit sollen sie sonst beißen?" war die intelligenten Menschen auf die Zunge fließende Gegenfrage. "Blumen, die beißen? Gibt es ja gar nicht", wusste Hagen Björn oder so.
Sie erklärte es ihm: "Bachblüten sind auch keine Blumen, das sind Killerdinger, die fressen die Gehirne von Mamas. Auch von deiner."
Der Junge machte diese Grimasse, wie die Kleinen das halt tun, wenn sie eine Minute Anlauf nehmen, um endlich mit dem herzerweichenden Geschluchze anzufangen. Wir gingen derweil bei der Tombola in Deckung und nahmen die Route hinter dem Klavier entlang zum Buffet.

"Vegetarisch oder vegan?" sprach es hinter dem Tapeziertisch hervor. Ich möchte das jetzt keineswegs falsch verstanden wissen: Ich koche selbst meist vegetarisch und häufig vegan, aber bei mir liegt die Betonung auf "Kochen" wie "Zubereiten, lecker Machen". Lecker ist Paragraph eins bei uns. Bei 'denen' - doch es gibt sie und sie sind so und erzählt mir nichts anderes - fängt die Litanei aber entweder erst bei Paragraph zwei an oder bei denen steht irgend etwas Perverses in Paragraph eins. Luzi schaltet bei so etwas sehr schnell in diesen Modus und bestellte artig "Zweimal Cörriwuast!"

Ich fasse das anschließende Gespräch zusammen: Die eine Seite meinte, Currywurst sei nicht gut und nicht gesund im Gegensatz zu den Objekten in der Auslage des Formlosen; die andere fragte, wenn das so gesund sei, warum denn dann die Damen am Buffet fett beziehungsweise leichenblass seien. Ich ignorierte ihren Eskalationsversuch mit dem Umweg über mich, als die Kleine fragte "Oppa, die dissen hier Cörriewuast. Sind die da die Feinde der Arbeiterklasse?".
Dafür rannte die Gegenseite prompt ins eigene Messer, als sie ihrerseits eskalierte. „Möchtest du denn, dass Tiere für dich sterben?" fragte die gestandene Kirchenaktivistin also das arme kleine Mädchen.

"Guck doch mal da", flötete mein kleiner Engel und deutete auf die Wand. Die Bleiche drehte sich um und wieder uns zu. Das Kind wurde konkret: "Was ist denn mit dem? Ist das irgendwie besser oder was?"
"Das ist etwas völlig anderes. 'Der' (mit schnippischem Unterton, schließlich musste das gebildete Mädchen so etwas wissen) hat sich selbst geopfert. Für uns alle. Natürlich ist das etwas völlig anderes. Lernst du das nicht bei deinem Opa?"

"Lass dem mal aus dem Spiel, der hat mir gerade auch nicht geholfen. Also dein Opfer da: der ist also in den Baumarkt gerannt, hat sich ein paar Balken gekauft und sich dann selbst da an die Latte genagelt, ja? Euer Essen ist gesund und Cörriwuast schlecht. Alles klar. Wir haben verstanden".
Sie zupfte mich am Ärmel und machte mir deutlich, dass es Zeit zum Aufbruch war. Auf dem Weg um den Tisch der Kreativen Kinder Kettwig erzählte sie noch lauthals die Geschichte vom bösen Homöopathen, der die kleinen Kinder verdünnt und ihre Seelen verkauft. Ich finde, manchmal übertreibt sie es. Aber sie ist ja noch klein.

 
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Es ist ein schwieriger Begriff, nicht zuletzt, weil er so einfach ist. "Was man sich so erzählt", so die einfachste Umschreibung, das ist das Narrativ. Diese drei Beispiele hier finde ich recht gelungen. Sie zeigen, wie Inhalte überliefert werden, ohne dass dahinter etwas steckt, das "Wahrheit" beanspruchen könnte. Hier wird es jetzt kompliziert, denn das heißt keineswegs, ein Narrativ sei grundsätzlich unwahr. Da es sich um Erzählung handelt, vermischt sich fröhlich Wahres mit Unwahrem, einfaches mit Komplexem, am Ende fast alles mit fast allem. Obendrein ändert sich ein Narrativ ständig, obwohl es dabei extrem stabil sein kann.

Ich erlaube mir den Vergleich mit einem großen treibenden Schiff. Das kann man nicht einfach anhalten und in die Gegenrichtung schwimmen lassen. Man kann aber mit recht geringem Aufwand seine Richtung beeinflussen. Das ist dann auch wieder anders als bei der Ideologie oder ihrer Propaganda. Die hat großen Einfluss auf das Narrativ, das kann aber für die Ideologie auch nach hinten losgehen. Siehe die Irrungen und Wirrungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Am Narrativ stricken alle ein wenig mit, es hat tausende Varianten. Das oben erwähnte Schiff kann man erhalten, auf dass es weiter schwimme, man kann es ausbauen, etwas anbauen, ein Loch hinein bohren, es zerlegen und wieder zusammen bauen. Ist es dann noch dasselbe Schiff? Solchen Fragen entzieht sich das Narrativ wie jeder exakten Definition.

Wer sind die Guten

Es gibt in den Narrativen wiederkehrende Inhalte, Motive, Bilder. Es sind diese, die große Wirkung entfalten, weil man daran anknüpfen kann und weil dadurch unpassende Bilder und Motive nur sehr schwer in die Erzählung eingebunden werden können. Sind etwa die Rollen der Helden und Schurken vergeben und die Geschichte oft genug wiederholt worden, lassen die sich nicht so leicht umbesetzen. Das ist übrigens ein Grund, warum das Christentum so erfolgreich war: Die Christen haben die Erzählungen der eroberten Religionen einfach übernommen. Die "christlichen" Feiertage sind fast sämtlich im Ursprung heidnische. Sogar Weihnachten war einst das Fest der Sonnenwende und hat nichts mit Christi Geburt zu tun.

Klassische Beispiele aus dem immer wieder aktuellen politischen Narrativ des Westens setzen auf der Figur des Bösen Russen auf. Hunderte Filmproduktionen befördern es; der Russe ist gefühllos, gedrillt, brutal. Gegen Ende des (quasi offiziellen) Kalten Krieges, im Jahr 1986, kam der äußerst erfolgreiche Film "Highlander" in die Kinos. Die Rolle des Schurken darin war mit einer Figur besetzt, von der erzählt wird, sie stamme aus einem russischen Dorf, in dem die Kleinkinder in eine Grube mit Wölfen geworfen werden. Dieser Typ ist ein Punk, während der 'Gute' ein adretter gebildeter Millionär ist.

In der Serie "Agent Carter" von 2015, die in den 40er Jahren spielt, stammt die (russische) Schurkin aus einem Lager, in dem kleine Mädchen nachts ans Bett gekettet und zu gefühllosen Killern gedrillt werden. Solche Stereotypen finden sich en masse in westlichen Unterhaltungsproduktionen. Das Interessante daran ist nicht bloß, dass es sie gibt, sondern die Unmöglichkeit der Umkehrung. Einen guten Russen kann man sich gerade eben noch vorstellen, das braucht ja auch die Geschichte von der Individualität in dieser Gesellschaft, aber man stelle sich vor, jemand käme mit der Story um die Ecke, in Amerika würden Kleinkinder Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Solch absurde Brutalität wäre auch als Märchen schon "Antiamerikanismus".

Stimmt ja gar nicht

Es gibt eben Geschichten, die kann man nicht erzählen. Dafür ist es umso leichter, absurdes Zeugs zu verbreiten, wenn es eben in den großen Strom des Narrativs passt. Da gibt es Gute und Böse, Freundschaft und Feindschaft, Helden und Schurken. Die sind größtenteils produziert, aber man kann das nicht nach Belieben steuern. Ein Beispiel dafür ist die Umfrage nach den "besten Deutschen" für eine Fernsehshow des ZDF in 2014, die 'passend gemacht', sprich: manipuliert wurde. Der Versuch, das Narrativ einfach zu bestimmen, muss scheitern. Der Clou ist hier allerdings die Erzählung, es könne so etwas wie "beste Deutsche" oder "große Deutsche" überhaupt geben. Diese Kategorien eignen sich hervorragend zum Erzählen einer Geschichte, halten aber keiner Prüfung stand.

Das "Narrativ" bildet also Erzählstrukturen ab und diese haben konkrete Folgen in der Realität, die von der Erzählung nur gestreift wird. Dass es Narrativ ist, nicht Ideologie, Propaganda, Manipulation oder Herrschaftstechnik, liegt schlicht an der Perspektive. Wenn ich mich mit dem Narrativ befasse, dann mit der Erzählung, den Motiven, Handlungssträngen, Figuren. Danach erst stelle ich die Frage, in welcher Beziehung die Erzählung zur Wirklichkeit steht und was daraus folgt. Vor allem, wo die Erzählung, die wiederum von der Mehrheit der Anhänger des Narrativs mit Wirklichkeit verwechselt wird, im Widerspruch zu belegbaren Fakten oder der Logik selbst steht, lässt das oft deutliche Aussagen über die betreffende Gesellschaft zu.

 
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Kaum jemand weiß, was "Narrativ" bedeutet. Das ist ein Anzeichen dafür, dass diese Gesellschaft nicht aufgeklärt ist. Es müsste auch gar nicht das böse Fremdwort sein, es wäre völlig ausreichend, diskutierte man über die "Erzählung". Dass die - vor allem politische - Wirklichkeit in eine Erzählung eingebunden ist, einen Orientierungsrahmen oder auch Filter, der bestimmte Aussagen zulässt, andere nicht, einige Fakten einfach transportiert und andere blockiert, ist jedem selbstverständlich, der sich intensiver mit Politik und Medien beschäftigt. Es gehört aber keineswegs zur Allgemeinbildung.

Der Umgang mit politischen Informationen ist im westlichen Kapitalismus (und nicht nur hier) geprägt von einer Jahrzehnte währenden Funktion der Massenmedien, insbesondere der Zeitungen. Die haben die Erzählung besorgt, wozu sie Informationen gesammelt, ausgewertet und dargestellt haben. Ein gewisser Pluralismus sorgte dafür, dass diese Darstellung nicht völlig einheitlich geschah. Allerdings gab es dabei immer Tabus und einen 'Common Sense', etwa Antikommunismus, die Geschichte von der "Sozialen Marktwirtschaft", oder der "deutsch-amerikanischen Freundschaft".

Vom Glauben abgefallen

Jahrzehnte lang glaubte eine überwältigende Mehrheit an die Produkte dieser Erzählungsindustrie. Die lieferte im Gegenzug eine gewisse Qualität, unterfütterte mit Fakten und stritt intern über den rechten Weg. Je weniger sie nunmehr streiten, je mehr sie die Fakten sieben, bis ihnen die Geschichte passt, desto greller werben sie mit ihrem Status als "Qualitätsjournalismus". Die enttäuschten Leser, die zur einfachen Wahrheit erzogen wurden, kontern mit der Erkenntnis, dass da etwas nicht stimmt in der Wahrheitsproduktion und folgern, dass da eine "Lügenpresse" am Werk ist. Die reagiert beleidigt und erklärt die Opfer ihres Versagens für irre, "Verschwörungstheoretiker".

Es gibt noch immer Schulen in diesem Land, und die lehren lesen. Klassische Lektüre wird gelehrt; wie man sie auslegt, was sie sagt, wie sie geschichtlich einzuordnen ist. Diese Fähigkeit aber soll offenbar um keinen Preis auf die Gegenwart angewendet werden. Das exakt ist der Kern der organisierten Lüge einer Presse, die sich ganz dem Narrativ verschrieben hat. Sie erzählt nicht nur eine bestimmte Geschichte, sie will sie mit ihren Mitteln erzwingen.

Das Ergebnis dieser publizistischen Gewalt ist z.B. der Unterschied zwischen der Lektüre von Orwells "1984" und dem Umgang mit den eigenen Erzeugnissen. Was haben wir nicht alles gelernt über die Manipulation der Sprache durch die böse Diktatur in Orwells Roman, aber wenn uns dieselben Techniken in den Zeitungen begegnen, sollen wir das für "Information" oder gleich "Aufklärung" halten. Beinahe vollständig enthält 1984 alle Herrschaftstechniken, mit denen sich ein Regime an der Macht hält und das Volk so verdummt, dass es nicht aufbegehrt.

Heiliger Krieg

Eines der wichtigsten Mittel, um das Volk von der Idee der Revolte abzuhalten, ist der dauernde Krieg gegen einen Feind, von dem man nicht weiß, ob er wirklich existiert. Das Ziel dieser Kriege besteht nicht in Eroberung oder Sieg, sondern eben darin, das eigene Volk bei der Stange zu halten. Sofern es die Schullektüre angeht, durfte das plausibel sein. Es war logisch, weil es funktioniert.

Im Rahmen des sogenannten "Kriegs gegen den Terror", der so abgefeimt wie lächerlich ist, wenn man nur einen Schritt zurücktritt, darf diese Logik aber nicht aufkommen. Schon die Frage, ob diese Wirkung nicht längst real eingetreten ist, sei es auch nur versehentlich (es werden ja gern die deutlichsten Muster als eine Serie von Pannen dargestellt), ist eine Art Ketzerei. Wer so etwas denkt und es ausspricht, ist eben Verschwörungstheoretiker. Dieselbe Logik mit denselben Inhalten wird plötzlich zum Irrsinn erklärt. Oh warte, das beschreibt Orwell ja ebenfalls.

Kollege epikur hat hier ein paar 'Berichte' dokumentiert. Darunter sind nicht nur willfährige Werke des falschen Alarms, es sind auch handfeste Erfindungen und Verdrehungen von Tatsachen darunter, vulgo "Lügen". Wie fast immer, schreibt hier ein Presseprodukt vom anderen ab. Man kann dabei wissen, dass auch eine irgendwann korrigierte Falschmeldung politische Meinungen beeinflusst. Dass der Ruf der Zunft längst ruiniert ist, sei nur am Rande bemerkt.

Ende der Debatte

Es ist also eine Entscheidung, die wiederholt getroffen wurde: Man kann die Erkenntnis, dass alle Information in eine Erzählung eingewoben wird, selbst zur Diskussion stellen. Man kann darlegen, wie so etwas geschieht, dass es unvermeidlich ist und ganz offen sagen, wo die Information aufhört und der künstlerische Eingriff anfängt. Man kann berichten, wer daran beteiligt ist, welche Interessen einfließen, warum jemand einer Darstellung zuneigt und die andere ablehnt,

Stattdessen aber unterdrückt die Lüge von der "kritischen Berichterstattung" und der "Qualität" genau das, was sie behauptet. Im Gegenzug erlaubt sich eine längst entmündigte Leserschaft, es mit gleicher Münze heimzuzahlen und erzählt ihre eigene krude Geschichte, nicht ohne das "Wahrheit" zu nennen. Der kleinste gemeinsame Nenner steht derweil zur Verfügung: Der brutale Feind aus dem finsteren Ausland. Nach Machtverhältnissen wird nicht gefragt. Guten Abend, das Wetter.

 
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Oh my, mal wieder ein paar Twitter-Beiträge gelesen. Warum tut man sowas? Warum vor allem verfolgen mich diverse Blogger und sowieso das Journallala mit diesem Rotzforum, der Trollachterbahn im Empörungspark? Wenn ich das haben will, kann ich ja gleich zu den Piraten gehen. Dieses Gebaren kenne ich noch von der Uni, und da kommen sie ja alle her, aus der Studentenpolitik. Dort setzt sich seit vierzig Jahren keine gute Idee mehr durch, sondern stets die Geschäftsordnung.

Ich habe Anfang der 90er an diesem studentischen Bildungsgipfel teilgenommen und bin bis heute davon gezeichnet. Die Unipolitikelite aus hundert Hochschulen, allesamt Figuren, die es gewöhnt sind, dass ihr Geschwätz relevant ist; dass sie reden und andere zuhören. Argumentieren - und das wurde dort zelebriert - dient einzig dazu, den Gegner zu ermüden. Entscheidungen werden in einer Art Last-Man-Standing Battle gefasst, für die Teile des Verfahrens, die noch nicht per Geschäftsordnung zertrümmert wurden.

Ich rede!

Die Raubritter solcher Bürokratie haben keinerlei Verständnis von Gemeinschaft, keine Ahnung, wie man sich mit anderen einigt oder wenigstens verständigt. Für sie ist "Solidarität" etwas Militärisches (uneingeschränkt), und Regeln sind dazu da, andere zu knebeln. Es geht schließlich darum, irgendwas durchzusetzen und nicht darum, miteinander zu leben. Worte sind Werkzeuge oder gleich Waffen. Es geht um die Deutungshoheit.

So kommt es auch, dass für sie der schlimme Twitterror viel schlimmer ist als echter Krieg. Ernsthaft zwitschern professionelle Opfer ihrer eigenen kommunikativen Idiotie, ein beherzter Spruch im Deppenchat bewirke ein Trauma, gleichzusetzen mit Kriegserlebnissen, man müsse daher von "posttraumatischer Belastungsstörung" sprechen, wenn jemand dort spontan angedisst wird. Die Forderung an den modernen Attentäter liegt dann wohl darin, statt "Allahu Akbar" doch "Triggerwarnung!" zu skandieren, dann ist alles halb so schlimm.

Ich bin getroffen!

Die Speerspitze derartiger Aktivitäten und -isten hält sich für Krieger, genauer "Social Justice Warriors", der Irrtum bremst mich freilich schon vor der dritten Silbe aus. "Social" ist da gar nichts. Es herrscht die Selbstgerechtigkeit gehätschelter Mittel- und Oberschichtsbälger, die auch mal was unterdrücken wollen und keine Lust haben darauf zu warten, bis sie Chef von irgendwem werden. Da sie unendlich gelangweilt sind, machen sie dabei einen auf Revoluzzer und nennen das "links", weil das in ihren Kreisen eben unerhört rebellisch erscheint.

Im Kaminzimmer, wo die Kiste mit den Zigarren schon auf sie wartet, lächeln ihre Zieheltern gnädig und wissen, dass sich die Hörner schon abstoßen werden. Eigentlich sind sie doch ganz gelungen, die Kleinen. Zielstrebig, gnadenlos gegen ihre Feinde und ausgestattet mit der richtigen Einstellung. Wer Opfer ist und wer Täter, wer immer im Recht ist und wer nie, dies Wissen liegt ihnen im Blut. Sie bekämpfen alles und jeden, sprechen aber nie den unverzeihlichen Fluch gegens Wachstum®. Man beißt halt nicht die Hand, die einen füttert.

 
lw

Broken Hartz ... irre witzig, oder? Hahahaha. Der Dezember steht vor der Tür und damit das Ende meiner friedlichen Kooperation mit dem Vorhof der Hartzhölle aka "Arbeitsagentur". Eine Erfahrung, die man mal machen kann. Das ganze System ist blödsinnig, eigentlich glaubt niemand daran, dass es etwas taugt, man macht auf beiden Seiten des Schreibtischs gute Miene zu dem Quatsch, folgt dem Ritual und lässt sich leben, wenn man klug ist.

Das Sachbearbeiter tut seine Pflicht und druckt Papiere aus wie "Vermittlungsvorschläge", die qua Gesetz keine Vorschläge sind, sondern Befehle und zur "Vermittlung" vollkommen untauglich. Das Kunde tut seine Pflicht und simuliert "Bewerbungen", die keine sind, weil es den Job nicht will und ihn ohnehin nicht kriegt. Dafür gibt es für beide Seiten am Ende des Monats ein Schmerzensgeld. Für die eine allerdings nur zwölf Monate lang.

Hartz funktioniert

Was danach kommt, wissen wir alle. Ich selbst habe es als Begleitung bei einigen Besuchen im "Job Center" erlebt. Das braucht kein Mensch. "Hartz 4" funktioniert. Die einen werden schikaniert und gezwungen, ihres spärlichen Vermögens und ihrer Bürgerrechte beraubt, die anderen verzichten auf die Sicherung ihres Existenzminimums. Zu letzteren gehöre auch ich. Ich werde dann nur noch "selbständig" sein, und sollte mich die Künstlersozialkasse aufnehmen, könnte ich so gerade eben über die Runden kommen. Als kleiner Selbständiger killt einen sonst nämlich zuerst die Krankenversicherung.

Man lebt ansonsten ziemlich von der Hand in den Mund. Ein paar Seminare hier, ein Text dort, ein Zubrot woanders. In diesem Jahr waren die Spenden fürs Blog nicht zahlreich, aber großzügig. Danke dafür! Ich bemühe mich zwar stets, mich in den Kommentaren mit allen zu zanken, deren Äußerungen mir kritikwürdig erscheinen, meine sture Leserschaft lässt sich davon aber partout nicht vergraulen. Danke auch dafür. So weit die Vorrede für den dezenten Hinweis, dass eure Spenden nie so wertvoll waren wie heute.

Ich werde übrigens trotzdem auch künftig weder Amazon-Links plazieren noch Pillepalle nutzen. Auch wird es hier keine Ads oder sonstiges Generve geben. Das ist einfach keine Gegenleistung für Glaubwürdigkeit, die ist teurer. Was ich allerdings einführen werde, ist erweiterter Katzencontent. Warum, das habe ich vergessen; vermutlich waren es diese Stimmen, die mir das befohlen haben. Die meinten jüngst, man solle das nicht so furchtbar wichtig nehmen mit der Menschheit, es bleibe noch viel Schöneres, wenn die sich zum finalen Abgang entschlossen habe. Dann zeigten sie mir diesen Leierschwanz (Klick aufs Bild führt zu Youtube). Ich glaube, sie haben recht.

 
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Es ist nicht zuletzt deshalb schwierig, über ideologische Grenzen hinweg zu diskutieren, weil mit unterschiedlichen Klischees hantiert wird. Ein Klischee ist ursprünglich eine Druckform, die ein bestimmtes Bild erzeugt. Solche 'Druckformen', meist ein wenig komplexer, sind vereinfachte Vorstellungen von der Welt. In Bezug auf das Bild von anderen Menschen werden denen Eigenschaften, Rollen, Wertigkeiten zugedacht.

Antisemitismus, wie jede Form rassistischer oder sonstwie diskriminierender Zuschreibungen an Gruppen von Menschen, ist u.a. ein solches Klischee. Genauer müsste man sagen: ein Arsenal von Klischees. Er ist dabei sehr verbreitet, sowohl im Westen als auch in der arabischen Welt. Dies führt unter anderem dazu, dass undifferenziert alles mögliche als "antisemitisch" abgestempelt wird, das es höchstens auch ist. Dies wiederum reduziert das Problem der Klischees auf ein scheinbar zweiwertiges. Es geht dann nur noch darum, ob etwas eben antisemitisch ist oder nicht. Meist liegt in der Diskussion keinerlei Erkenntnisgewinn.

Antiismus

So wird zum Beispiel von "strukturellem Antisemitismus" gesprochen, wenn jemand meint, es gebe eine Elite von "Finanzkapital", die für Armut und wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich sei. Der Irrtum besteht hier darin zu glauben, weil es die antisemitische Verschwörungstheorie von der "jüdischen Hochfinanz" gibt, sei jeder, der eine Elite von Spekulanten am Werk sieht, Antisemit. Das ist aber Unsinn. Hier sind nämlich völlig unterschiedliche Klischees am Werk, und eine Gemeinsamkeit ist eben kein Beleg, dass es dasselbe sei.

Ähnlich verhält es sich mit dem Urteil, der Anschlag auf das Konzert der "Eagles of Death Metal" sei "antisemitisch" motiviert gewesen. Zumindest der Frontmann entspricht offenbar jedem Klischee eines Feindbildes der Jihadisten: fanatischer Republikaner und erklärter Freund Israels. Macht das einen Anschlag auf seine Fans im gegebenen Rahmen "antisemitisch"?

In dem Konglomerat von Motiven, die zu einer Mordtat wie der in Paris führt, dürfte das wohl eher randständig von Belang sein. Paradoxerweise ist gerade die Auswahl der Opfer nach solchen 'Kriterien' sekundär. In der Spirale der Eskalation von Gewalt und Hass gibt es zuerst die Entscheidung zur Tat, dann erst das Ziel. In diesem Krieg gibt es nichts zu gewinnen, aber eine Menge zu töten. Die Opfer vor allem solcher Anschläge werden wie aus einer Speisekarte gewählt, es wird halt genommen, was aktuell im Angebot ist. Klar, da spielt die israelfreundliche Haltung des Sängers eine Rolle, aber was hat das zum Beispiel mit Verschwörungstheorien irrer Nazis zu tun?

Das Böse vernichten

So bekommt man erstens keinen haltbaren Begriff von Antisemitismus zusammen und zweitens versperrt das den Blick auf die Motive und deren Entstehen. Ja sogar wenn man nur die (Menschen-)Bilder analysieren will, die zu solchen Entscheidungen und Taten führen, ist diese Kategorie nur ein Hindernis. Der Skandal schließlich besteht ohnehin nicht in der antisemitischen Haltung, sondern in der Mordtat.

Die Klischees, die hinter der Fähigkeit stehen, Menschen gleich scharenweise umzubringen, sind teils komplexer, teils aber noch einfacher als das der Judenfeinde. Wo es sich auf den Hass verengt, sind es immer 'wir' und 'die', wobei jede Eigenschaft, jede Zuschreibung, jedes Kriterium austauschbar ist. 'Wir' sind immer 'die Guten' und 'die' das Böse, das ausgemerzt gehört. Das Resultat sind Bomben. Die Täter mit den auf Rechnung gekauften Hightech-Tötungsmaschinen heißen "Soldaten", die mit dem geklauten oder selbst gebastelten Zeugs "Terroristen". Der Hauptunterschied besteht darin, dass letztere nicht so viele Menschen töten und meist selbst dabei draufgehen.

Die Rechtfertigungen zum Mord hüben wie drüben sind darauf angewiesen, ein Feindbild zu erzeugen. Den religiösen Fanatikern fällt das am leichtesten, egal ob sie Christen, Juden oder Muslime sind, daher sind es auch die Pfaffen und ihnen hörige Befehlshaber, die das am besten besorgen. "In God We Trust"! Geht aber auch ohne. Wichtig ist nur, dass die da drüben den Tod verdient haben. So sehr, dass man ihnen den bringen muss, koste es, was es wolle. Wer diesen Kreislauf durchbrechen will, muss die Klischees zerstören. Am besten fängt man bei den eigenen an.

Update: Was passiert, wenn man zwei Klischees durch 20 andere ersetzt, kommentiert Kollege Charlie hier sehr treffend. Wer Jebsen immer noch als "seriös" verkauft, muss einen an der Waffel haben.

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