Mai 2014


 
whynotSie ist nicht nur eine Geißel, sie ist auch in jeder Hinsicht völlig kontraproduktiv. Niemand braucht sie. Den einen macht sie zum Beißer, zum Schläger, Vorwärtsverteidiger, der vermeintlich präventiv handelt und damit permanent auslöst, was er eigentlich verhindern will: Den Stressfall, Schaden, Verletzung, Kampf und Feindseligkeit. Der andere duckt sich scheinbar unter ihr hinweg, vermeintlich fliehend, um erst recht immer tiefer in ihren Bann gezogen zu werden, bis er bewegungsunfähig ist und doch in dem dringenden Sehnen nach Flucht dem Grauen erliegt, dem er sich entziehen wollte.

Es gibt keinen Grund. Es gibt nie einen Grund. Gerade diejenigen, die es wissen, können daran irre werden, wenn sie nach dem Schlüssel suchen, der Einsicht hinter dem Wissen, dass es gerade herzlich sinnlos ist zu grübeln und den Punkt zu finden, wo sich endlich die Ruhe einfindet, die sie doch haben müssten. Aber das verblödende Adrenalin und seine befreundeten Chemikalien treiben weiter an, als gelte es den letzten halben Kilometer des Marathons noch zu absolvieren. Den entscheidenden Punch zu setzen gegen einen lächerlichen Gegner, der einem nichts anhaben kann als den nächsten Tag zu versauen. Wahre Meisterschaft: Sollte dann endlich einmal Ruhe sein – die Zeitspanne ist irrelevant – eine Minute, ein Tag, eine Woche – kann man sich mit der Frage verdummen, warum denn plötzlich Ruhe ist und man sie sonst nicht findet.

Fick dich, Amöbe!

Langzeitverblödete schaffen es dann sogar, andere teilhaben zu lassen an vergangenen Episoden, sich aufzuplustern wie das Monster, von dem sie sie sich einst selbst verfolgt fühlten. Der Zwang zur Wiederholung lässt sie zu Tätern werden an unschuldigen Opfern, als könnten sie endlich den Kampf gewinnen. Ein einziger abartiger Hirnfick, Relikt aus der Zeit, als es so etwas wie Hirn gar nicht gab. Es braucht kein Hirn dafür, und ein Hirn braucht das nicht. Nutzlos, schädlich, widerwärtig. Die Klügsten sehnen sich nach Stumpfsinn, die Trotzigen begrüßen den Schmerz.

Kampf, Krieg, Gemetzel erscheinen tröstlicher als alles, was jenseits des Irrsinns zählte. Ein Freigeist des Lebens sah nur diesen Ausweg: Den Krieg als Mittel zum Frieden lieben, um zu überwinden, was ihm mit Recht unerträglich erschien. Nietzsche propagierte den “Übermenschen”, ein Wesen ohne Angst. Ich weiß nicht, wie ich das einschätzen soll – als Suizid aus Angst vor dem Tod oder als Vision, dem Nachtmahr endlich zu entkommen, der jeder Aussicht auf wirkliche Freiheit mit seinen Ketten kommt. Wie dem auch sei, es bleibt nur der Trotz, sich nicht klein machen zu lassen. Sich nicht jeden Tag den Zentner in den Nacken legen zu lassen. Jeder Tag, an dem es sich aufrecht gehen lässt, ist ein guter Tag.

 
Viele Kommentatoren, die sich als “Zinskritiker” äußern, glauben, es könne eine Marktwirtschaft oder zumindest eine Tauschwirtschaft geben, ohne böse Profite, die von Gierhälsen eingetrieben würden, deren Mittel Zins und Zinseszins seien, mit denen sie andere in die Knechtschaft trieben. Ich möchte darauf noch einmal kurz grundsätzlich eingehen, vor allem aber deutlich machen, dass das Grundproblem jede Art von Verdienst ist. Zins ist dasselbe Spiel wie Lohnarbeit oder andere Geschäfte, und in einer “Marktwirtschaft” i.e. Kapitalismus ist der Zins so selbstverständlich wie Kaufen und Verkaufen.

Zwei Beispiele: Der Mietzins, gemeinhin “Miete” genannt ist ein Zins wie jeder andere. Jemand hat eine Immobilie übrig und vermietet diese. Das ist nichts anderes als ein Zins auf den Wert der Immobilie. Kauft sich jemand von seinen Mieteinnahmen weitere Immobilien und vermietet diese, ist das Zinseszins. Es sind zwar andere Mieter, die den Zinseszins zahlen, das ist aber auch schon der ganze Unterschied auf dieser Ebene.
Löhne funktionieren genauso. Da Lohnarbeit keine Beteiligung am Gewinn ist, sondern nur ein geringer Teil des Gewinns, kann das Unternehmen expandieren, weitere Lohnarbeit einrichten usf..

Geld, mehr Geld

Das Problem ist dasselbe bei Geschäften mit Gütern, die jemand ganz für sich allein herstellt. Er muss aus dem investierten Geld mehr Geld machen, um Gewinn zu erwirtschaften. Wo soll das herkommen, wenn es nicht irgendwie “geschöpft” wird? Theoretisch wäre es zwar denkbar, dass Geld so zirkuliert, dass alle Beteiligten mit demselben Geld ihre Geschäfte tätigen, also ein totaler Ausgleich stattfindet.

Diese Konstruktion ist aber ein extrem unwahrscheinlicher Fall, der sich in der Praxis schon deshalb nicht umsetzen lässt, weil es dazu einer Instanz bedürfte, die alle (!) wirtschaftlichen Vorgänge planen könnte. Selbst wenn es eine solch göttliche Wirtschaftsinstanz geben könnte, wäre dann aber Geld sofort überflüssig, denn was sollte man noch mit Geld, wenn jegliche Produktion und Verteilung ohnehin geregelt würde?

Es gibt immer noch viele, die meinen, es könnte eine Tauschwirtschaft geben, womöglich sogar eine ehrliche und gerechte, aber das hat mit der Realität absolut nichts mehr zu tun. Tausch beruht auf einer Ausgeglichenheit, die es nie gab – die begriffliche Nähe von Tausch und Täuschung ist da kein Zufall. Jahrtausende lang war das Hauptproblem der Mangel, heute wird der Überfluss durch künstlichen Mangel dem Irrsinn der ökonomischen Religion angepasst.

Kein Profit ohne Mangel

Wo der Mangel also nicht für die Profit fördernde Ungleichheit sorgt, muss das System das eben anders regeln. Zins ist ein Symptom, keineswegs aber Ursache. Nicht einmal eine Ursache, schon gar nicht die entscheidende. Solange es Geld gibt, gibt es den Zwang, es zu vermehren. Das Fieber namens “Zins” folgt dem auf dem Fuße. Auch Phänomene wie geplante Obsoleszenz sind völlig logisch, wenn es darum geht, noch Profite zu erzielen, wo der Bedarf längst gesättigt ist. Während Zinsen erst Geldschöpfung ermöglichen und damit die Geldvermehrung längerfristig ermöglichen, sorgt der künstliche Mangel für ausreichenden (möglichst steigenden) Bedarf.

Worum geht es bei Alternativen zum Kapitalismus? Es geht darum, die Menschen zu versorgen und gemeinsam in Würde zu (über)leben. Das wird auf lange Sicht nur gehen, wenn die Menschheit sich vom Geld, seinen Zwängen und Wahnideen befreit. Das nackte Überleben wird derzeit konterkariert durch den blanken Wahnsinn um Profitmöglichkeiten. Ich sehe keinen Weg auch nur zu überleben, der nicht in die Einsicht mündet, die für mich definiert, was es bedeutet. “links” zu sein: Keine Herren, keine Sklaven! Wir müssen diesen Weg finden.

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