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Kollege Pantoufle wirft fahrlässig mit Konfetti um sich, weil ein paar Physiker behaupten, es sei jetzt aber endgültig irre wahrscheinlich, dass sie Gravitationswellen nachgewiesen hätten. Ich bin ja der Ansicht (womit ich ausdrücklich nicht den Kollegen meine), dass Leute, die sich noch nie mit Gravitation befasst haben, dergleichen nicht lesen müssen und schon gar nicht schreiben dürfen. Sonst kommt dabei herum, dass es ein deutscher, ein deutscher ein deutscher!!! Laser war, der das gemessen hat. So kommt der Laser zum Leser. Ich halte die bisher bekannt gewordenen Fakten für wacklig - sprichwörtlich. Zudem meldet der "Spiegel" das, was immer ein Indiz für eine Ente ist, und erblödet sich der Forderung eines "schnellen" Nobelpreises. Das hat sich ja schon bei Obama bewährt.

Ich kommentierte heute, ich sei früher immer Hintertorwart oder Ball gewesen, wenn Fußball gespielt wurde. Hier möchte ich ergänzen, dass ich dereinst mit meiner ersten Freundin am Strand lag, in den Sternenhimmel schaute und über die Rotverschiebung im Spektrum sich entfernender Lichtquellen sinnierte. Eine dieser Geschichten ist möglicherweise wahr, zumindest signifikant wahrscheinlich.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Ich wollte aber auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf die sogenannte "Wissenschaft" der Politologie. Was die so an Wissen schafft und ausspuckt, ist mit signifikantester Wahrscheinlichkeit peinlicher Blödsinn, die Systemtapete in den geschlossenen Räumlichkeiten eines psychotischen Paralleluniversums. So ungefähr wie "Being John Malkovich", nur mit Sigmar Gabriel anstelle von John Malkovich. Vor einigen Jahrzehnten trug ich einmal die Idee vor, soziale Systeme, zumal politische, müssten redundant sein, wenn sie nicht zwangsläufig im Innern zuwuchern und als Schwarzes Loch enden sollen. Will heißen: Eine Gesellschaft, die ihre Entwicklung und deren Prozesse nicht revidieren kann, wird instabil und zerstört sich selbst.

So weit, so Idee. Keine große, sondern historisch fast beliebig nachweisbar, das, was wir gerade wieder erleben und sowieso banal. Wo, frage ich mich jetzt, bleibt also die wissenschaftliche Forschung zu der Frage, wie sich Gesellschaft so formieren kann, dass sie fatale Prozesse erkennt, revidiert und korrigiert anstatt wie doof ins Verderben zu laufen? Man lacht sich ja tot, wenn man aus diesem Blickwickel so etwas wie Kapitalismus betrachtet. Ach, ihr meint, genau deshalb fragt sich das niemand an den Brutstätten solcher 'Wissenschaft'? Na gut, ich geh' dann mal wieder hinters Tor.

 

Hat jemand Lust auf dümmliches Gestammel? Komm, wir gehen in die Bundespressekonferenz, das kostet nicht einmal Eintritt. Alle Jahre wieder sei daran erinnert, dass dort eigentlich nur drittrangige Redaktionsmöbel abgespeist werden, während das Relevante „geheim“ in Hinterzimmern kolportiert und auf atlantische Stromlinienform gebracht wird. Dennoch werden die Sprechpuppen im Pressehaus gelegentlich zum Tanzen gebracht, wenn auch immer durch denselben Spielverderber.

Die Regierungssprecher mäandern hier wieder virtuos von einer Plattitüde zur nächsten. Dieses gelangweilt daher genäselte Gebrabbel hat nur mehr den Zweck, Schlagwörter zu wiederholen ("Anti-Isis-Koalition", "Erfolg", "Beitrag"). Krieg und Zerstörung? Iwo! Die Herren legen sich eine superlativ primitive PR zurecht und basteln für die Verblödeten draußen im Land eine Realität daraus.

Für bis zu 100% Anti-Isis-Effekt

"Anti-Isis-Koalition", das sind die Guten, weil Isis die Bösen sind. So einfach ist das. Logisch auch, dass nicht jeder dazugehören darf, und wer nicht dazugehört, ist "nicht hilfreich". Dass "Isis" schon gar nicht definierbar ist, dass sich dieser militanten Völkerwanderung ständig mal wer anschließt, mal wer abspringt und das Konglomerat vom Westen ins Leben gerufen wurde, darf man jedenfalls schon nicht wissen. Schon gar nicht, wer bei denen dazugehört, woher sie kommen und warum die meisten von ihnen in irgend einem Gestern noch bei den Guten waren, hilfreich und edel, weil Feind eines Feindes.

Am besten gefällt mir aber das Label "syrische Opposition". Wait, war nicht "Isis" auch mal syrische Opposition? Oder sind die für Assad? Also nur die Guten® in der Opposition sind mit "Opposition" gemeint, die gemäßigten Schlächter halt. Das sind derzeit alle mordenden Schweinehunde, die nicht für Isis, aber gegen Assad sind - außer den Kurden, die sind noch mal extra, weil unsere türkischen Freunde (sicherstes aller Drittländer) die noch ein bisschen massakrieren wollen. Morgen kommt die Schublade mit den neuen Etiketten, bis dahin bitte keine weiteren Fragen, Herr Nervensäge, Verzeihung, Herr Jung!

 
as

Ich bin nur ein einfacher Philosoph und habe das mit der Moral nie verstanden. Ethik hatte für mich immer etwas mit Ordnung zu tun, die nach meiner naiven Vorstellung schlüssig sein sollte. Daraus könnte man dann praktikable Vereinbarungen ableiten. Moralisten sind da auf einem anderen Niveau. Mithilfe ihrer Weisheit kommt man mit Überlichtgeschwindigkeit voran und landet an Orten, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen sein wollte.

Terror an der Kaufhauskasse

Ich lese heute von "Plänen der Bundesregierung, im Antiterrorkampf Barzahlungen über 5.000 Euro zu verbieten.". "Im Antiterrorkampf, ja sicher! Im Antiterrorkampf geht alles. Koks, Bachblüten, Bluna, wer bietet mehr? Im Antiterrorkampf gehen Stasi, Abu Ghraib und Notstand bis zum Armageddon, warum sollte man da nicht das Bargeld verbieten? Am besten verbieten sie doch gleich Verbrechen, wieso kommt da keiner drauf? Hallo? Verbrechen dienen nur dem Terror!
Aber! Wer denkt, die sind doch komplett bescheuert da oben, gibt's da nicht was von Bürgerbewegt? Gibt es! Hier: Transparency International schlägt vor, die Grenze bei 1000 Euro zu ziehen statt bei 5000. Jawoll! Am besten versieht man Bargeld mit Chips, die sich entzünden, sobald eine bestimmte Summe überschritten wird. Der Besitzer kann ja nur ein Terrorist sein. Ist böse, gehört ausgemerzt. So geht Moral.

Angela I

Dann lese ich: "Merkel zündet Wendelstein 7-X" [...] Die Maschine soll Atomkerne verschmelzen.". Merkel persönlich zündet die Kernfusion, soso. Dacht ich's mir doch, die Sonne der Uckermark, der Stern unserer Heimat, Licht unserer Tage! Erinnert mich schwer an Korea seine Kims, aber was die können ... Moral braucht höhere Wesen, und wenn Merkel ihre Heiligsprechung überspringt, ist das nur groß und gerecht.

Gleichheit? Mir doch egal!

Der Sonnenkönig von nebenan schrumpft derweil zum roten Zwerg*. Ihr erinnert euch? Der hahaha "Sozialist" Hollande, der mit dem Versprechen in den Palast gestolpert war, er wolle die Reichen bis aufs Blut besteuern, der neulich den Notstand für immer® ausgerufen hat? Der will jetzt Terrorbrüdern die Staatsbürgerschaft aberkennen. Das war einmal der karge Lohn für die ausgebeuteten Kolonien, dass Zuwanderer Franzosen werden durften. In Frankreich ist das Konsens bis an den Rand des Rechten. Von dort kommt dann auch der Applaus:
"Dem Front National ist es recht, dass damit Franzosen mit Migrationshintergrund ins Visier geraten. 'Wir müssen uns jener entledigen, die nur nach dem Pass, aber nicht im Herzen Franzosen sind' “ Frankreich den Herzfranzosen, Passfranzosen raus! Moral weiß immer, wer die Guten sind. Den meisten liegt's im Blute.

Verhaftungsauschluss

Na und wenn Moral eines kann, dann das Recht biegen, bis es passt. Ihr wisst ja, dass ganz zufällig herauskam, dass Julian Assange Frauen vergewaltigt hat, was die zufällig feststellten, als er gerade ins Fadenkreuz der CIA geriet, der Verräter. Geht uns allen doch mal so: Da vögeln wir besoffen rum, paar Tage später kommt ein Scheck aus USA mit Hinweisen zur Bewertung der nämlichen Nacht und schon fällt es uns wie Wimperntusche aus den Augen: Wir wurden missbraucht. Für vier Jahre Zoo hat das schon gereicht, jetzt ist Showdown:
Sollten die Vereinten Nationen bekanntgeben, dass ich meinen Fall gegen das Vereinigte Königreich und Schweden verloren habe, werde ich die Botschaft Freitagmittag verlassen, und werde mich festnehmen lassen, da es keine realistische Möglichkeit der Berufung gibt“, so Assange. Bitterkomisch sein Wunschtraum: Alle Versuche, ihn festzunehmen, sollten eingestellt werden. Kommt vielleicht hin. Höhere Moral tritt gern durch frühes Ableben in Erscheinung. Gesundheit!

Gendermarie

Mit dem eisernen Besen werden bei Yahoo ganze Abteilungen von Männern befreit. Wäre das umgekehrt, was hätten wir einen Skandal am Hals! Die Weiber sind also auch nur Arschlöcher, meint der ungehobelte Säzzer, und zwar, wenn man sie tun lässt, was sonst Männer tun in der Welt des Kapitals. Moral ist jetzt, wenn das ausgleichende Gerechtigkeit ist. Moral ist, wenn die einen die Guten sind und die anderen selbst schuld. Moral ist, wenn Frauen, die sich in der Männerwelt benehmen wie Männer Männer sind und dann, genau dann, böse®. Moral ist gerechter Lohn und Frauenquote. "Kapital" ist nicht Moral. "Kapital" ist kommunistisches Zeugs, und das ist böse®.

The Internet is for ...

Moral ist selbstverständlich vor allem Porno. Porno ist der Teufel, und mit dem kennt sich niemand besser aus als Moral. Moral kann Teufel und Moral kann Vergleich, alle Achtung:

"32 Prozent der Unter-25-Jährigen sagen, dass das Anschauen von Pornos "normalerweise oder immer falsch" sei, mit 56 Prozent sind aber deutlich mehr der Meinung, dass es "normalerweise oder immer falsch" sei, wenn man Müll nicht recycelt."
Das ist Moralistik. Da komme ich nicht mehr mit. Man muss seine Grenzen kennen. Nur eines verstehe ich:
"Dabei werden auch gerne schon mal nackte Brüste, selbst bei stillenden Frauen, von den Betreibern sexueller Netzwerke zensiert. "
In sexuellen Netzwerken werden Brüste zensiert, auch beim Stillen. Klar. "Sexuelle Netzwerke!" Wenn man sonst nix im Kopp hat, ist eben alles Sex.

*p.s.: Der Säzzer besteht auf die Anmerkung, dass nach dem Hertzsprung-Russell-Diagramm zwar drei Viertel aller Sterne rote Zwerge seien und das eigentlich keine exakte Kategorie, dass aber nur braune Zwerge noch düsterer funzeln. Was immer er damit sagen will ...

 
ss

Was hält eigentlich die Herrschaft beisammen, mithin seit ungefähr zweihundert Jahren die des Kapitalismus? Diese Frage kann vielleicht mehr zu einem guten Ende beitragen als Konstrukte einer Alternative. Dies sogar historisch, denn das Intermezzo des Staatssozialismus und seiner 'kommunistischen' Parteien wies nicht nur erschreckend viele Parallelen zur kapitalistischen Herrschaft auf, sondern ließ sich auch problemlos in diese umwandeln. "Meet the new boss, same as the old boss", das kennen wir aus Russland, China, und eigentlich dem ganzen Ostblock.

Die tragenden Säulen sind systemübergreifend Warenwirtschaft und Lohnarbeit, im Kapitalismus kommt der unbedingte Zwang zur Geldvermehrung hinzu. Rainer Trampert schrieb dazu ergänzend: "Nach dem Marktgesetz ist alles Unproduktive dem Untergang geweiht." Genauer in diesem Zusammenhang muss es heißen: Was keinen Profit erbringt, geht unter. Das gilt für Ideen, Konzepte, Unternehmen, Produkte und Menschen.

Mordmarkt

Dies wissend, drängt sich nicht nur auf, dass dieser "Markt", seine "Wirtschaft", kurzum der Kapitalismus, ein Monster ist. Am unteren Rand, der für sogenannte "Industrienationen" lange unsichtbar bzw, verschleiert blieb, sterben Menschen, millionenfach. Das konnte man in der Zentrale, bei "Uns geht's gut" lange verdrängen. Nicht mehr verdrängen kann man, dass das Elend schon hier angekommen ist. Die Unterschicht, zum "Prekariat" umgedeutet, das irgendwie selbst schuld ist, hat keine Chance mehr aufzusteigen. Immerhin, sie müssen kaum hungern.

Nun, da die Ausgebombten hierher kommen, wird noch einiges mehr sichtbar. Verdrängen wird mörderisch, es werden Mechanismen in Gang gesetzt, die in der Sozialen Marktwirtschaft® unmöglich sind. Dass demnach an der Definition etwas nicht stimmt, muss durch infernalische Propaganda übertönt werden. Allen voran trommeln wie manisch die Sozialdemokraten, deren 'Parteilinke' Nahles persönlich die Opfer der Angriffskirge begrüßt, indem sie ihnen ihr Vermögen abknöpft und als erstes "Kürzungen" ankündigt für alle möglichen Fälle. Der Deutsche Arbeitslose sei schließlich auch bis aufs Hemd geplündert worden, dann sei das nur recht so.

Dies alles fußt auf der Lohnarbeit und der schlichten Tatsache, dass diese von beinahe allen Menschen akzeptiert wird. Es ist ein Kippbild. Wer jemals begriffen hat, dass Lohnarbeit Ausbeutung ist, zwangsläufig und immer, kehrt nie mehr zurück in die Gemeinschaft der Kapitalhörigen. Die oppositionellen Kommunisten mögen furchtbare Fehler gemacht haben, unter anderem dass sie sich gegen ein Zweckbündnis mit den Sozialdemokraten wendeten, aber eines hatten sie richtig verstanden; Dass diese mit ihrer Illusion vom 'gerechten Lohn' den Kapitalismus noch verteidigen, wenn der zum offenen Verbrechen übergeht.

Die letzte Konsequenz

Was wir in diesen Tagen an Verrat und Menschenverachtung von der SPD erleben, ist ebenso wenig ein 'Auswuchs' wie Superreiche und Hungertote, es ist die schlichte Konsequenz aus der Entwicklung des Kapitalismus. Angesichts von Krieg in Nordafrika und Elend in Südeuropa immer noch von 'Wachstum' zu schwafeln und Sätze rauszuhauen wie: "Wer Hilfe in Anspruch nimmt, muss sein ganzes Können, seine Arbeitskraft und – übrigens wie alle anderen auch – sein eigenes Vermögen einbringen.", ist hemmungslos.

Sich ausbeuten zu lassen, ist ihnen nicht bloß Naturgesetz. Es ist so wichtig, dass dahinter alles andere zurücksteht. Recht, Gesetz, Mitgefühl, Verständnis, Vernunft, alles gut und schön, aber erst wollen wir mal hier unterschreiben, keine Ansprüche stellen und unsere Arbeitskraft in den Dienst des Profits stellen. Das war schon immer so, darum muss es immer so bleiben. Was die FDP und der Neoliberalismus für das Kapital geleistet haben - die aggressive Propaganda für den Primat des Profits, das hat die SPD für die Ausbeutung der Arbeitskraft beigesteuert. Die Hartz-Gesetze waren der endgültige Schulterschluss mit der Partei der Ausbeuter.

Die Lösung kann auf der Seite von Kritik und Einsicht nur die sein, Lohnarbeit endlich als das zu betrachten, was sie ist. Das ist das Ende aller Arbeiterparteien und der Anfang einer politischen Ausrichtung, die die Menschen und ihr Leben endlich nicht mehr unter die Knute des Profits stellt.

 
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Zwölf Prozent von irgendwas könnten am Sonntag AfD wählen. Das bedeutet, dass ein gewisser Teil der Frustrierten sich der äußersten Rechten zuwendet. Ähnliches hatten wir schon öfter, wenngleich Truppen wie Schill- oder Stattpartei nicht so eindeutig rechtsextrem auftraten. Regional gab es das nach der "Wende" ohnehin, wo NPD und zeitweise DVU regelmäßig in Landtage einzogen. Der braune Bodensatz vor allem im fast ausländerfreien Dresden bildet dabei eine Stütze, wie die Teilnahme an Pegida-Demonstrationen zeigt. Einige tausend, in der Spitze ca. 20.000 Teilnehmer, demonstrieren regelmäßig ihre Fremdenfeindlichkeit.

Das sind dann nicht die fünf Millionen, die ggf. AfD wählen. Genau wie bei Schill und "Statt" sind das vor allem Protestwähler, die sich dem Establishment aus Grüne-SPD-CDU/CSU verweigern. Die FDP, deren Wirtschaftsradikalismus teilweise von der AfD übernommen wurde, hat als Mainstreampartei ebenso versagt wie die Linke als abonnierte Opposition. Der ist es kaum je gelungen, den Frust über die allerorten regierende Einheitsfront für sich zu nutzen.

Salonrebellen

Das Potential der AfD liegt in einem Salonrebellentum, das enttäuscht ist von seinen Repräsentanten aus dem Mainstream. Sie sind enttäuscht über die Parteien, die sie gewählt haben, die "Marktwirtschaft", in der sie zu kurz kommen und die Presse, der sie jahrelang an den Lippen hingen und von der sie nun feststellen, dass die doch glatt Interessen vertritt! Das führt aber eben nicht dazu, eigene Einstellungen zu überprüfen oder zu revidieren. Im Gegenteil radikalisieren sie genau die Haltungen, die ihnen vom Establishment eingebläut wurden.

Sie sind rechts, mithin antikommunistisch, unsolidarisch, nationalistisch, autoritätshörig und ängstlich. Sie fordern die versprochene Sicherheit ein inmitten des erwachten Überwachungsstaats. Dem neuen Militarismus begegnen sie mit Forderungen nach mehr Militär. Die gnadenlose Konkurrenz kontern sie mit der Abwertung anderer Menschen und gegen die Machtballung bei Eliten und Funktionärscliquen wollen sie neue starke Führer. Dass sie sich vor allem dort von den Millionen Flüchtlingen bedroht fühlen, wo sie noch nie einem begegnet sind und sich gegenseitig ihre Schauergeschichten bestätigen, wo sie nichts erleben, ist nur logisch. Sie begreifen die Völkerwanderung nicht als (obendrein von der NATO verursachtes) Problem, sondern als feindliche Invasion, die man zurückschlagen muss.

Radikale Mitte

Dies alles zeugt im Kern vor allem davon, dass das Konzept "Mensch" in diesem Köpfen nie angekommen ist. Es zeugt davon, dass die ungebrochene Propaganda gegen so etwas wie Klassenbewusstsein hervorragend wirkt. Die Kriege um Rohstoffe, Handelswege und Vorherrschaft, die andauernde Rechtsbeugung zugunsten von Banken und Konzernen, das unkontrollierte Foltern und Morden mithilfe von Militärs und Geheimdiensten sogenannter "demokratischer Rechtsstaaten", Sondergesetze und Ausnahmezustand, das alles führen sie nicht auf den losgelassenen Klassenkampf zurück, ebenso wenig wie das maßlos gefräßige 'Wachstum' der Vermögen von Superreichen.

Stattdessen suchen sie Schuldige. Muslime, Juden, Nordafrikaner, andere Einzelfälle. In dieser Haltung tun sie sich gar nichts mit dem vermeintlich neuen Feind aus dem Establishment. Selbst die Linken der Linken, jene gutmeinenden Sozialdemokraten, die die "Auswüchse eindämmen" wollen, sind sich da mit ihnen einig: Es gibt keinen Klassenkampf, keine systematische Unterdrückung der Lohnabhängigen, keine systembedingte Ausbeutung und schon gar keinen kapitalistischen Weltkrieg. Nur falsche Führer, schlechte Entscheidungen und eine unglückliche Verkettung von 'Krisen'. Die AfD ist nur ein weiterer Ableger dieses Schwachsinns, der dem antikommunistischen Dogma folgt: Nieder mit der Solidarität, jeder ist seines Glückes Schmied!

 
brainpipeWas an westlichen Unis unter "Gender Studies" firmiert, ist Junk Science. Was das wiederum ist, erklärt Thomas aktuell sehr schön an einem anderen Beispiel. Dem Genderama kommt man schlecht bei, denn wenn man sich auf die 'Studien' einlässt, die eine soziale Bestimmung von Geschlechtern angeblich belegen, gerät man in ein Gestrüpp von Aussagen, die teils nicht falsifizierbar sind, teils auf groben methodischen Fehlern beruhen. Vor allem aber fühlen sich die Protagonisten durch Kritik jedweder Art bestätigt. Es gibt keine Wissenschaft, die derart penetrant Kritik an ihren Grundannahmen mit Vorwürfen zu angeblichen Motiven ihrer Kritiker begegnet.

Die Grundannahme, es gebe männlich und weiblich nur als Konstrukt, ist in jeder Hinsicht absurd. Das beginnt mit der Evidenz der körperlichen Unterschiede und anderer physiologischer Fakten, aus denen wiederum unmittelbar Identifikation hervorgeht. Ob das jetzt "Junge" und "Mädchen" heißt oder "Schwanzträger" und "Mösenmensch", ist wurscht, aber das sind eben Fakten, aus denen sich Abgrenzungen ergeben. Es reicht viel weniger, um soziale Identifikation zu schaffen, zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer blauen bzw. roten Gruppe. Aus solchen Unterschieden ergeben sich Hierarchien. Bloß weil die mir nicht passen, wird das den Unterschied nicht auslöschen. Das "Soziale" am Geschlecht ist also kein Konstrukt, sondern eine Folge eines Naturphänomens. Das sagt nichts über die Möglichkeiten der Ausformung, es ist aber eben nicht ursächlich oder ausschließlich und schon gar nicht unmittelbar "sozial".

Wide wide wie sie mir gefällt

Junk Science ist der Sport schon allein deshalb, weil nur eine These zugelassen ist bzw. nur ein Ergebnis. Blöder kann sich Denken nicht machen, das ist noch dümmer als das, was unter "Ökonomie" firmiert, Glückwunsch!

Aber auch unter nichtwissenschaftlichen Aspekten taugt das nichts, denn Ignoranz und Borniertheit sind zwangsläufig dort zuhause, wo Rigorismus auf Wunschdenken trifft. Wenn ich patriarchalische Strukturen beschreiben, analysieren und kritisieren will (wozu ich mich als Philosoph durchaus schon bemüßigt fühlte), gilt, was für alle Wissenschaft gilt: Zunächst habe ich mich an dem zu orientieren, das ist. Wenn 99,9% aller Fliegen Scheiße fressen, werden sie das irgendwie gut finden. Dann reicht es nicht, jemanden zu finden, der daran schuld ist und das zu verurteilen, um es künftig zu verbieten.

Die Grundkonstellation funktioniert schon nur paradox: Obwohl es keine Geschlechter gibt, unterdrückt eines das andere. Wenn man also dieser Einsicht politisch zur Wirklichkeit verhilft, wird alles gut. Die Methode dazu besteht darin, jeden Ausdruck des Unterschieds zu tilgen, der angeblich nur konstruiert ist. Dabei handelt es sich um ein Gegenkonstrukt und eben nicht um - ja um was eigentlich? Wahrheit? Natur? Gutschönrichtig? Was soll dieser Zustand sein, in dem es keine Geschlechter mehr gibt? Brainfuck.

Gute Aussichten

Rigorismus geht so: Ich weiß, was richtig und gerecht ist und tilge alles, was dem nicht entspricht. Das kennt man von oben herab auch als brutale Diktatur oder Vernichtungsstrategie. Wo ist hier eigentlich die Einsicht in das Problem, wie eine Welt aussieht, in der sich das durchsetzt? Fanatismus stellt solche Fragen nicht. Er erkennt auch nicht, dass es wirklich problematisch ist, wenn die große Mehrheit sich den Zielen nicht anschließen will.

Wissenschaft versucht die Welt abzubilden wie sie ist. Darauf fußende Politik kann versuchen, sie auf dieser Basis zu ändern. Das Neue, andere, ist das, was man über den Stand der Dinge hinaus wollen kann. Dies kann wiederum nur gelingen, wenn viele diesen Willen haben und die Mittel ihn umzusetzen. Es mag Wege geben, dies zu bewerkstelligen; zu überzeugen oder eben die Geschichte zu erzählen, die lebenswert erscheint. Man kann aber auch wo man geht und steht von der Warte des höheren Wissens so viel Zwang ausüben wie möglich - weil man ja gegen Unterdrückung ist. Solche Ansätze haben sich bislang noch immer von selbst erledigt. In dieser Zeit der Renaissance von Mythen und Feindrecht kann man sich aber nicht einmal darauf verlassen.

 
bk

Hier bedient Sie Herr Schreibschrub. Sie, Ihre Ressentiments, Ihre Gewohnheiten und Ihre gepflegt patinierten Lieblingsanalysen. Alle Standardgrößen all inclusive, elegant, aber auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich und für den Herrn von Welt diskrete haptische Qualität; von hinten, französisch und ins Knie.

Erfolgreiche Bloggeria orientiert sich am Kundenwunsch, und der ist quasi maschinell erfassbar. Die große Zugriffszahl sagt "Thema getroffen“, die kleine "das besser nicht" oder auch "falsches Thema zur falschen Zeit". It's the economy, stupid, und wer die nicht beachtet, verwelkt. Der Blogger von Format vermeidet daher einige Standardfehler, etwa zu kompliziert, zu radikal, zu schnell, vor allem aber: zu anders. Wer es geschafft hat, sich eine Leserschaft zu erobern, ein Terrain zu besetzen, muss sich festbeißen und den Lesern an den Lippen kleben.

Dein Terrain

Der talentierte Schreiber, dessen stilistisch wohl gezielte Analysen und Kommentare zum politischen Betrieb Zustimmung finden, tut gut daran, diese fortan zu variieren, zuzuspitzen, zu aktualisieren, abzugrenzen, zu drehen und zu wenden. Es muss übersichtlich bleiben. Ist die Analyse also einmal abgeliefert, darf sie in mikroskopischen Dimensionen verfeinert werden. Ist die Lösung gefunden und sind die Verantwortlichen genannt, die sich ihr verweigern, ergibt sich ein für Jahre hinreichender Fundus, aus dem sich schöpfen lässt.

Hier ist einer, der wieder nicht will, dort eine Gelegenheit verpasst, da haben wir's wieder mal gewusst und sowieso am Ende recht gehabt. Der Applaus ist sicher, mit jedem Auftritt wird die Bühne bunter und der selbstbewusste Lieferant geschliffenen Infotainments zur Rampensau, die sich in der Gemütlichkeit sicherer Zustimmung wälzt. Das ist der Weg zum Erfolg; Erfordernisse: ein gewisses literarisches Talent, kompatible Ansichten und Beharrlichkeit.

Hier ist gemütlich

Tunlichst zu vermeiden sind jedwede grobe Abweichungen vom Konzept. Wer völlig talentfrei ist, wird trotz eisernen Befolgens der Regeln nicht allzu weit kommen, aber auch die Stilikone alternativen Feuilletons darf auf keine Karriere hoffen, wenn ihr Weg um mehrere Grade abweicht vom Pfad der Tugend. Du sollst nicht korrigieren die Analyse, die du teilst mit den deinen! Du sollst nicht verwerfen die Lösung, der sie zugestimmt. Du sollst nicht suchen das Ferne und Neue. Wer dich sucht, soll dich kennen und wiedererkennen. So sei es!

Du kannst natürlich auch, mal lamentierend, mal unausgegoren deine Leserschaft verwirren, Texte absetzen, von denen du selbst nicht weißt, was du davon halten sollst und den so Verunsicherten zumuten, dir beim Lernen zuzuschauen - oder schlimmer noch, dabei mitzumachen. Ist sicher nicht langweilig, aber so kommst du nie ins Fernsehen.

 
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Hach ja, es ist Sonne, der Tag ist ruhig, ich atme. Nicht immer ist das selbstverständlich, und manchmal staune ich noch über Menschen, die das nicht wissen, weil sie es nicht anders kennen. Vielleicht ist auch dieser Mangel an Erfahrung gelegentlich die Ursache für gewisse 'Argumente'. Diskutieren ist Sport. Auch hier gibt es Kreisklasse und Champions League, auch hier Techniker und Klopper. In Zeiten des vermeintlichen Rechts auf freie Vervielfältigung des Dungs, den manche "Meinung" zu nennen sich nicht schämen, leidet auch das Entertainment.

Geistige Einzeller steigen standesgemäß gern mit Einzeilern ein. In wilden Zeiten hatte ich sie täglich in der Vorhölle, heute sind es noch ein paar im Monat, die nicht lesen, was sie unterschreiben und gleich zur Reklamation durchmarschieren. Einzeiler schalte ich nicht frei, steht im Manual. Dort steht auch, dass ich Videos nicht mag. Was glaubt ihr, wie viele hier mit einem Youtube-Link aufschlagen, garniert mit maximal einem Satz und nachher "Zensur" schreien? Tzia. Besser aber sind die mit den 'Argumenten'. Ich habe ihnen nie geantwortet. Vielleicht sollte ich mal?

Zum Beispiel die Konsequenz-Mahner:
"Wenn du gegen Geld bist, hast du auch keins, kaufst nie etwas, lässt dich nicht bezahlen?!"
"Wenn du gegen den Staat bist, darfst du nicht vor Gericht gehen."
"Wenn du gegen die parlamentarische Demokratie bist, darfst du kein Recht einfordern"
"Wenn du gegen Atomkraft bist, darfst du keinen Stromanschluss haben".

In den Wind

Was antwortet man auf dergleichen? Dass niemand wirklich konsequent ist? Fehler, denn dann kommen sie dir damit, sie hätten ja keine großen Reden gehalten, darum dürften sie auch inkonsequent sein. Oder sie behaupten, sie wären als voll integrierte Mitmacher konsequenter als du. So kriegst du sicher den Unterschied zwischen dem Möglichen und dem Status Quo nicht in die Köpfe.

Oder machst du vielleicht darauf aufmerksam, dass das Verhalten einzelner nicht die Welt ändert? Dass das Aufsetzen eines Aluhuts keine Aliens erzeugt? Dass kein Gottesgläubiger irgend ein Stück Technik benutzen dürfte, weil schon der Kompass, konsequent gedacht, das Ende der Welt bedeutet? Dass Atomkraftfreunde sich bitte exklusiv verstrahlen lassen mögen? Kann man machen, aber mit welchem Ziel? Einsicht? Überzeugung? Dass man nachher den längeren hat?

Dann gibt es noch die mit den Statements, Klassiker: "Ich habe nichts zu verbergen". Doch, das ist noch immer nicht als Symptom für Gagaismus in der ICD-10 und wird gern genommen. Fragst du dann nach der Farbe der Unterhose? Habe ich versucht, hatte nicht den gewünschten Effekt. Oder konterst du mit Zustimmung und erhöhst auf: "Ja richtig, genau wie das mit der Meinungsfreiheit. Die nützt nur dem Feind. Ich habe sowieso nichts zu erzählen" oder "Ich ließe die Polizei auch jederzeit ungefragt in meine Wohnung. Da würde ich mich viel sicherer fühlen. Nur Verbrecher haben Angst vor der Polizei.“?

Siehe oben, nützt gar nichts. Schon weil es so total übertrieben ist. Kann ja nur von dir kommen, so ein Unsinn. Womit wir bei einem Kern des Problems sind: Meinung ist, wenn andere das auch sagen. Da steht zwar "Mein" am Anfang, aber wo diskutiert wird, ist Gegenteiltag. Komm uns nicht mit was Eigenem, das ist dann nämlich keine Meinung mehr. Das ist Extremismus.

Den gibt es übrigens noch immer links und rechts, was dasselbe ist. Der Mainstreamrassist, der weiß, dass Putin ein Imperator ist, Wirdieguten® und der Araber nix weghat von Westlichenwerten®, weiß: Alles eine Mischpoke. Rechts, das sind Neonazis, also jetzt nicht die mit der Angst vor Überfremdung, sondern die mit den Hakenkreuzen. Links, das sind die im Untergrund und die Chaoten. Von denen geht die größte Gefahr aus. Deren Zahl steigt ständig. Sie sind die kommunistische Bedrohung®

Café Filter

Gehst du dann hin und dröselst dumpfe Ressentiments gegen Kapitalismuskritik auf? Erklärst den tendenziellen Fall der Profitraten hier und Projektion aka Sündenbocksyndrom dort? Behauptest (weil du weißt, dass es stimmt und es ggf. belegen kannst), dass alle Zahlen, mit denen rechte Hanswurste argumentieren, falsch sind? Weil du meinst, dass der vor dir oder in deinem Postkasten der erste ist, den sein eigenes Gewäsch interessiert?

Du kannst dem jetzt auch ironisch begegnen: „Na klar: Die Linken, die überall Häuser anzünden, Unschuldige zusammenschlagen oder gleich ermorden, ganze Stadtteile terrorisieren und von allen möglichen Sicherheitsbehörden gedeckt werden. Die Geheimdienste, die nach dem Krieg von Linksextremen gegründet wurden zum Beispiel.“ Echt? Dir ist schon klar, dass du schlicht Zustimmung erfahren wirst, weil du in entsetzliche historische Ahnungslosigkeit hinein quatschst?

So what? Bildet Blasen, bildet Filterblasen! Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Man kann vielleicht darauf hoffen, dass sie da drüben irgendwann vor Langeweile eingehen, weil sie sich ständig denselben Schwachsinn verzapfen. Wir hingegen bleiben links, denn hier ist das Feuilleton um Längen interessanter.

 
bh

Ich habe bei einigen Gelegenheiten bereits darauf hingewiesen, dass Vernunft oder das bessere Argument kaum eine Rolle spielen in 'Diskussionen', am ehesten noch die einer Staffage, einer chicen Applikation. Klaus Baum hat zu diesem Komplex angemerkt, er gehe davon aus, dass die Dummköpfe in dieser Gesellschaft "gezüchtet" werden. Das mag sein, aber vielleicht wird umgekehrt ein Schuh draus.

Die europäische "Aufklärung" fiel ineins mit einer revolutionären Phase, die Jahrtausende der Autorität zum Teufel jagte. Eine der scharfen Waffen der Revolution war die Vernunft, das Argument, das an die Stelle der göttlichen Ordnung trat. Man hatte sich zu legitimieren durch Gründe, nicht durch die schiere soziale Stellung. Diese Ehe von Vernunft, Argumentation und verbalem Streit manifestierte sich in den "Parlamenten", in denen fortan politisch gestritten wurde.

Wen interressiert's?

Das ging so ein bis zwei Jahrhunderte gut, bis die "Vernunft" in den Institutionen so abgenutzt und korrumpiert war, dass von ihr nur mehr ein Kult übrig war. Hie die "Propagandaministerien", dort die Ansprache an den Instinkt aka "Werbung", verlor das Wahre jede Majestät. Die bizarren Lügen der neuen Herrscherkasten, seien es sogenannte "kommunistische", Faschisten oder biegsame Profiteure, die sich noch mit jedem Regime arrangiert haben, aus ihnen sprach die Macht und was sie kund zu tun hatte, so wie in den Jahrhunderten zuvor schon Klerus und Adel.

Es mag sein, dass befeuert durch die Schrecken zweier Weltkriege, die Wahrheit in Form eines sich kritisch versuchenden Journalismus und eines noch einmal um das Wahre und Rechte bemühten Parlamentarismus eine Renaissance feierte. Zu deutlich war geworden, wohin eine von der Macht entstellte Wahrheit führt. Es dauerte aber nicht lange (mit einem Intermezzo in den späten 60er Jahren, als die Jugend massenhaft am Schleier zerrte), bis der Reflex, das industriell perfektionierte 'Argument' und das virtuose Spiel der professionellen Lügner mit den Hormonen der Massen neue Dimensionen erreichte.

Ja, die Dummköpfe werden gezüchtet, vor allem, weil Wahrheit und Vernunft so langsam und ineffizient sind. Da mag der Geist sogar um die Sache wissen, er mag völlig klar sein in seinem Urteil; wo die Reflexe unter dem Dauerfeuer von Zeichen, Verlockungen und Triggern stehen, kapituliert der Verstand schon allein deshalb, weil er das Tempo nicht mitgehen kann. Niemand hat ein Interesse an der Wahrheit. Das aber ist es, was zählt: Interessen. Es gibt keine Klasse mehr, der Vernunft und Wahrheit dienlich wären. Im Gegenteil müssen inzwischen alle Angst vor ihr haben, weil sie ausspricht, was niemand hören will: Dass die Menschheit versagt hat.

 
Wer diszipliniert eigentlich die Sklaven? Sind das nur die 62 Ausgewachsenen, die dreieinhalb Milliarden Menschen unter der Knute halten? Oder vielleicht doch die 20% Mittelschicht, die dafür sorgen, dass das Radfahren immer fein geschmiert abläuft?

Jene Klientel, die sich für "selbst verdient" hält und mit Verachtung auf denjenigen herumtrampelt, die unter ihnen stehen, ist der Kitt des Systems. Hier sitzen die Kreativen, die ihre Lügen so lange raffinieren, bis sie selbst daran glauben: Leistung, Wohlstand, Chancengerechtigkeit - und selbstverständlich die Schuld der Verlierer an ihrem Versagen vulgo "Eigenverantwortung". Sie besorgen die albernen Kulissen für ein absurdes Theater, dem das Publikum längst in Scharen davonläuft.

Theater des Wachstums

Um das auszugleichen, werden überall neue Filialen desselben Theaters eröffnet. Überall läuft dasselbe Stück, wofür die Betreiber sich feiern ob des riesigen Erfolges. Wachstum! Immer mehr Theater! Die kritischen Kritiker aus der sozialdemokratischen Loge, die sich hart aus dem Parkett nach oben gearbeitet haben, applaudieren frenetisch nach jeder Vorstellung.

Am Theater haben sie nichts auszusetzen, und auch das Stück muss gespielt werden, so sagen sie, aber es wäre besser, man inszenierte es so, dass sich auch Publikum einfände. Man müsste doch nur ein wenig mehr hier und etwas weniger da, schon wäre es perfekt.

Dass die Bühne brennt zum Beispiel, das sei so eine Folge lascher Inszenierung, da könne man etwas machen. Noch kürzlich war es nur die Garderobe, da habe man ja schon gewarnt. Als der Vorhang Feuer fing, sei man sogar aufgestanden und habe laut protestiert. Aber im Großen und Ganzen gebe es keine Alternative zu diesem Stück. Das weiß er besser als alle anderen, der Sozialdemokrat: Keines war je so erfolgreich, und es abzusetzen, berge ungeahnte Gefahren. Die ganze Kultur würde zerstört werden. Das kann doch niemand wollen!

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