hunt

Ich habe heute möglicherweise einen Anschlag geplant. Am Ende hätte ich ein Opfer enthauptet. Mit einem Säbel, also einem breiten Schwert, vielleicht auch einer Machete. Damit das nicht so dilettantisch aussieht wie bei den Terrormoslems, hätte ich den Kopf aber nicht abgeschnitten oder -gehackt, weil man dann immer nachhacken und schneiden muss. Ich hätte vielmehr mit Schwung in einer weit ausholenden und dennoch schneidenden Bewegung von vorn zugeschlagen. Das breite Ende hätte mit seinem Gewicht dafür gesorgt, dass es auch noch durch den Knochen fegt.

Dazu trüge ich Piratenkapitänssachen, also gar nicht einmal so unähnlich den Kostümen der Youtube-Terrorstars. Das ist jetzt schon so detailreich, da kann mir also niemand vorwerfen, das sei kein Plan. Dass ein Plan auch ein Plan ist, wenn er echt schlecht ist, wissen wir schließlich von nichts so gut wie von Terrorplänen. Außerdem sind Pläne sogar Pläne, wenn die Redaktion noch gar nicht weiß, ob sie wirklich geplant sind. Die Redaktion bekommt das immer so am Rande von ihren Kreisen mit. Die sagen ihnen, wenn was im Busch ist, und das schreiben sie dann.

In Spanien gab es einen angeblich möglichen Terrorplan. Da wollte ich jetzt nicht zögern und dem etwas entgegenhalten, den nämlichen Terrorplan siehe oben. Da ist nichts angeblich, das kann man jetzt hier im Internet lesen, wo wir Bösen mit Wunderwaffen schießen und eine Art anonyme Schattenregierung entsteht, die allmählich mehr Macht bekommt als die politischen Institutionen.

Die Märkte schlafen nicht

Ich finde, das sollte Stoff genug sein für eine Story in der Tagesschau, einen wehrhaften Kommentar von Claas Kleber und eine Intensivbefragung von Herrn Teewissen. Andererseits könnte das die Märkte beunruhigen. Die mögen nämlich Schattenregierungen nur, wenn ihr eigener Schatten drüber liegt. Sonst ist ganz schnell Wechsel im Kurs.

Jugendliche und ihre Freunde sollten mir jetzt folgen. Ich stelle einfache Regeln auf, erkenne sie an, und schon machen sie in meinem Namen Terror und sich mit meinem Terror einen Namen. Win-Win. Ich brauche allerdings noch Anschlagsziele und ein Opferprofil. Gar nicht leicht, denn die meisten Feindbilder sind schon besetzt, da droht mindestens ein bestehender Musterschutz, wenn sich nicht die eine oder andere Terrorgruppe längst Patente gesichert hat.

Gute Erfolgsaussichten erfordern überdies ein Alleinstellungsmerkmal. Die Ideologie soll dazu natürlich auch ein bisschen sexy sein. Mag sein, dass die Märkte das gar nicht hergeben, aber ich setze da ganz auf risikobereite Anleger. Kann schließlich nicht sein, dass wir uns von Spanien in den Schatten stellen lassen.

 
by

Ich werde heute einmal eine Querfront ziehen. Der Begriff ist so schön abgenudelt und in der Dummwortliste zirka an zweiter Stelle, gleich hinter "Verschwörungstheorie". Alles, was nicht am gängigen Narrativ mitstrickt, muss irgendwie niedergemacht werden, und da gewisse Medien und das, was sie sich unter ihren idealen Konsumenten vorstellen, mit einem zweiten Schlagwort schon überfordert sind, bringen sie die Dinge halt auf dasselbe. Dazu macht man allerhand passend, nach der Schere und dem Messer kommt da auch gern die Säge zum Einsatz, und wenn das nicht reicht, werden Reste von Logik und Verstand halt mit dem Mixer zu Brei verrührt, damit es passt.

Da ich allerdings der Ansicht bin, dass es 'Rechts' und 'Links' nicht nur gibt, sondern dass sie unvereinbar sind, verläuft meine Grenzziehung woanders. Es gibt da nach wie vor interessante Übereinstimmungen im inneren Aufbegehren linker und liberaler Einstellungen. Ich verbinde das einmal mit der hier schon zitierten berüchtigten Rede Adenauers von 1946, dem nämlichen Absatz:

"Die tieferen, die wirkenden Ursachen dieser Katastrophe liegen klar zutage. [...]

Das deutsche Volk krankt seit vielen Jahrzehnten in allen seinen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat,
[...]
das verheerende Umsichgreifen der materialistischen Weltanschauung im deutschen Volk. Die materialistische Weltanschauung hat zwangsläufig zu einer weiteren Überhöhung des Staats- und Machtbegriffs, zur Minderbewertung der ethischen Werte und der Würde des einzelnen Menschen geführt.
Die materialistische Weltauffassung des Marxismus hat zu dieser Entwicklung in sehr großem Umfange beigetragen.
"

Die Lehre

Ich will nicht wieder auf die atemberaubende Behauptung eingehen, Marxisten hätten den Faschismus verschuldet durch den Akt der Magie, mit dem sie den Deutschen jene Staatshörigkeit eingeträufelt hätten. Die Geschichtsklitterung, die hier die Ursprünge im Preußentum und anderer Wurzeln des autoritären Charakters bis hin zum Kadavergehorsam verleugnet, richtet sich selbst. Interessant ist hingegen, dass Adenauer hier unter der Hand den Anschluss für liberale Ideen schafft.

Zwar schwadroniert er in Richtung eines Spiritismus, der Gott über den Staat stellt (als hätte das den Faschismus aufgehalten), aber er macht deutlich, dass es Kräfte geben muss, die dem autoritären Staat Grenzen aufzeigen. Hier droht zwar der nächste Treppenwitz, dass nämlich das Kapital als Gegengewicht den Staat erst demokratisieren würde - eine Legende, die ich hier nicht erfinde, aber grundsätzlich nehme ich einmal zur Kenntnis, dass selbst das verschrobenste katholische Weltbild noch eine Gefahr in einem unangefochtenen Staat sieht, der die Einzelnen zur Manövriermasse degradiert.

Dies dürfte wiederum die CDU attraktiv gemacht haben für ihren künftigen Partner FDP. Die sogenannten "Liberalen", die in den 70er Jahren sogar erfolgreich als Bürgerrechtspartei auftreten konnten sowie ihre Hardcore-Wirtschaftliberalen eint etwas mit anarchistischen Strömungen, nämlich das, was in höchst unterschiedlicher Auslegung "libertär" genannt wird. Die Ablehnung des Staates als einer Einrichtung, die noch annähernd Autorität hat, der man das Recht zubilligt, verbindliche Vorschriften zu machen, eint Sozialdarwinismus und Anarchismus, ob den jeweiligen Vertreter/innen das nun passt oder nicht.

Welcher Liberalismus?

Wenn ich mich lange als "linksliberal" bezeichnet habe, dann liegt das eben daran, dass mir jede Form autoritärer Gesellschaft zuwider ist, auch und gerade, wenn sie eine nichtkapitalistische sein soll. Auch in einer 'Übergangsphase', denn das ist genau das, was wir schon hatten und was ich nicht brauche. Übrigens trennt mich das auch durchaus von den Wirtschaftslibertären, denn deren Idee endet genau wieder in einer Gesellschaft von Herren und Sklaven. Die müssen schon ziemlich blöd sein, das nicht selbst zu erkennen.

In Bezug auf den Staat aber haben sie bis dahin recht, und das war selbst unter den Kapitalisten lange Konsens, das ist eine Säule des Narrativs, die inzwischen einknickt. Ein autoritärer Staat - und ich fasse darunter ausdrücklich auch supranationale Instanzen wie EU und NATO - zeichnet sich immer auch dadurch aus, wer vor wem Geheimnisse haben darf. In einem Rechtsstaat sind es die Einzelnen, deren Privatsphäre den Staat nichts angehen und der Staat, der sich gegenüber dem Volk zu verantworten hat. Der autoritäre Staat hält es umgekehrt.

Seit Ed Snowden wissen wir, dass die Behauptung von Demokratie und Rechtsstaat nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Es gibt seither zwei Ansichten dieses Umstands: Entweder sind die Staaten von den Diensten unterwandert worden oder sie haben sich aktiv zu Obrigkeitsstaaten entwickelt. Das gängige Narrativ müsste hier zu einem Aufschrei führen, stattdessen aber wird bestenfalls abgewiegelt und großenteils befürwortet. Bemerkenswert ist für mich das Schweigen jener Liberalen, deren Ideologie sich einfach nicht mehr vereinbaren lässt mit dem Entstehen dieser monströsen Krake. Vielleicht war das einer der großen Irrtümer - dass es je einen relevanten Liberalismus gab.

p.s.: Neues von Ed Snowden, eine Inspiration für diesen Artikel (via fefe).

 
guards

Klaus Baum hat jüngst einen Beitrag in seinem Blog, der selbst mir zu lang ist, um ihn ganz zu lesen, aber bis zu der Stelle, an der ich abbrach, habe ich viel zu nicken gefunden. Meine Erfahrung mit dem Arbeitsamt ist die, dass ich mich schon nicht wohl fühle, weil ich diesen Stuss mitmache. Die Alternative wäre allerdings, ihn nur anders mitzumachen und sich dumm zu ärgern. Also komme ich meiner Sachbearbeiterin entgegen, signalisiere ihr, dass ich ihre stumpfen Routinen nicht durch Opposition aus der Wirklichkeit störe, und sie geht mir nicht mehr als nötig auf die Eier.

pu

Was sie dort machen, ist ein Witz. Die Hauptaufgabe ist das Vortäuschen der Jobsuche von ihrer Seite. Das nennt sich "Vermittlungsvorschläge". Diese sind zu einem nicht geringen Teil von der Art, die sich von selbst erledigt. Manchmal steht in der Ausschreibung quasi wörtlich, dass ich für die Stelle nicht infrage komme. Ich mag solche Vorschläge, denn ich schicke dann Standardbewerbungen, bin damit fertig und kann mich Sinnvollerem widmen. Zum Beispiel Kontakte knüpfen, Vitamin B organisieren oder produktive Dinge tun, zum Beispiel an Gitarren herumlöten.

pot

Sie haben wirklich keine Ahnung im Amt, nicht die geringste. Nicht, was man können und wissen muss, um bestimmte Jobs zu bekommen und auch nicht, wer man sein muss. Sie glauben tatsächlich, man könne sich dafür durch "Maßnahmen" "qualifizieren". Das Einzige, das derzeit boomt, ist die Arbeitslosenindustrie. Zig Stellen schreiben sie jede Woche aus für Coaches, Aktivierungs- und Trainingsmaßnahmen. Wir erinnern uns: Als das Amt in "Agentur" umbenannt und von Hartz zum psychischen Folterkeller gemacht wurde, waren sie dort aufgeflogen, weil sie die Vermittlungsstatistiken jahrelang dreist gefälscht hatten. Jetzt wird die Statistik von vornherein manipuliert, "vermittelt" wird nach Schema F, womit der zum Scheitern verurteilte Versuch zum Erfolg undefiniert wird.

Wenn ich keine Ahnung von etwas habe, frage ich nach, ixquicke, probiere aus. Warum klingt die Strat so flach? Sind sicher die Pickups. Also bestelle ich neue. Die passen aber nicht. Tatsächlich sind die alten breiter. Ich könnte sie jetzt in eine Maßnahme zur Verschmälerung schicken, ein Coaching "Erfolg durch Kleinmachen" oder ihnen den Saft um die Hälfte kürzen. Die Alternative: Den Rest auch noch bestellen - ein Brett, drei Potis, einen Schalter. Kabel habe ich noch reichlich, seit mir das Netzteil vom PC abgeraucht ist.

wood

Ich habe nie systematisch gelernt, so etwas zu machen. Ich mache es einfach. Wenn ich etwas können will, lerne ich das halt nach Bedarf. Erzähl' das mal einem von den HRen da draußen (HR="Human Ressources", fka "Personaler")! Die suchen Leute Anfang 20 mit 30 Jahren Berufserfahung und Zusatzausbildung. Bewerben müssen sich 50-Jährige Berufsfremde ohne alles. Das Resultat nennt sich "Fachkräftemangel" und schuld sind die faulen Säcke, die gar nicht arbeiten wollen.

 
neon

Ich werde heute einmal in die Niederungen des Politikerjargons hinabsteigen. In den letzten Tagen habe ich mich gefragt, wie wohl der Aufstieg eines politischen Journalisten von innen aussehen mag. Ich mache das hier seit fast zehn Jahren, und nach so sechs bis acht davon war ich durch mit einer 'Kritik' des politischen Betriebs, die noch irgend etwas ernst nimmt von dem, was er an Verkündungen für das gemeine Volk absondert. Zuerst erkennt man die Propaganda, dann nennt man sie so, dann analysiert man sie vielleicht noch, und dann ist man so weit draußen, dass man es kaum mehr rekonstruiert bekommt, wie die Welt vorher aussah.

Wenn also ein Journalist, der im Grunde dasselbe Problem hat, sich ein ganzes Jahrzehnt lang oder noch länger täglich mit diesem Betrieb befasst, was passiert dann mit dem? Irgendwann muss er sich angewidert oder wenigstens gelangweilt abwenden oder er stumpft völlig ab oder er war es von Anfang an. Man darf also davon ausgehen, dass diejenigen, die es ganz nach oben schaffen, weil sie eine Ewigkeit mitmachen in diesem Theater ohne dessen Kulissen umzuwerfen, kaum eine Verlagsmeinung brauchen, um nur noch Propagandafetzen zu wiederholen. Das muss eine ihrer Kernkompetenzen sein.

Das Beispiel, vor dem ich mich heute ekle, ist im Grunde beliebig. Schäfer-Gümbel, der das rote Schreckgespenst Ypsilanti beerbte, hat der TAZ ein paar windschiefe Argumente verkauft, mit denen er seine Lebenslüge kittet. Was mich noch immer anspringt, sind Formulierungen wie:

"Menschen, die jeden Tag aufstehen, hart arbeiten, aber keine Reichtümer nach Hause bringen".

Shades of Grey Work

Das ist sie, die Lieblingsvision der Partei der Sklaverei. "Harte Arbeit" ist das Wichtigste daran. Vielleicht nehmen wir das einmal wörtlich, um es zu verstehen. Bevor wir zum Kern vordringen, widmen wir uns der Schale: "Menschen, die jeden Tag aufstehen". Also alle? Oder alle außer bestimmten Behinderten und Kranken? Gümbel meint hier eigentlich "früh" aufstehen, denn das ist das ursprüngliche sadomasochistische Bild, daher auch "harte" Arbeit. Hier müsste man eigentlich fragen: Gibt es auch weiche Arbeit? Bei der man den ganzen Tag sitzen oder liegen bleiben kann? Will er vielleicht Schäuble beleidigen?

Nein, es ist das Bild vom gequälten Arbeiter, der schon übermüdet aus den Federn kriecht, um dann bis zur körperlichen Erschöpfung zu malochen, eine knappe Mahlzeit verschlingt und dann wieder in die Falle fällt. Dieser Arbeiter, der optimale Mehrwertgenerator, hat nur ein Recht, nämlich sich zu erheben über jene, die sich nicht genau so quälen. Dieser Sadomasochismus ist es, was übrig geblieben ist vom Ideal der Arbeiterpartei.

Wenn Gümbel sich dann vorlügt: "Auch Menschen mit niedrigen oder ohne Einkommen arbeiten hart und wollen für ihre Kinder nur das Beste", belegt er sein furioses Talent, Absurditäten zu jonglieren. Menschen ohne Einkommen arbeiten hart? Meint er jetzt alle? Oder nur die Hartz-Sklaven, die er aber nicht nennen darf, weil es ihn entlarvte? Aber selbst wenn man bis dorthin noch gewaltsam Sinn erzwingen kann, endet es bei den Kindern. Wenn ich ohne Einkommen arbeite, bekomme ich davon Kinder? Oder will ich für die auch das Beste, wenn ich gar keine habe?

Bis die Ohren bluten

Nein, es ist politischer Kitsch. Gebrochene Metaphern, Sprachbilder wie optische Täuschungen, die nur aus einer Perspektive funktionieren - der des abgestumpften Funktionärs, Ritter des toten Pferdes. Die Kunst der gebrochenen Scheinkritik am irrelevanten Detail beherrscht Gümbel ebenfalls, Markenzeichen jener 'Kritiker', die deshalb in der SPD sind, weil sie an den Tropfen auf dem heißen Felsen glauben, unerschütterlich:

"Mit dem Arbeitslosengeld II wurden Menschen, die zwanzig, dreißig Jahre lang gearbeitet haben, mit Menschen gleichgestellt, die noch nie gearbeitet haben."

Ach was?! Die Lösung war doch gerade Hartz IV, das "aktiviert", "fordert und fördert" und den Abstand der Sozialhilfe zu den Löhnen sichert? War das nicht das Gute daran? Dazu erkämpften sie den Mindestlohn, der dasselbe erreichen soll. Ist das also doch alles "Quatsch"? Muss das ALG II noch weiter gesenkt werden oder kennt Gümbel einen Trick, wie man die Hartz-Gesetze sonst noch anders denn als Strafe für Verlierer auslegen könnte? Und wie vor allem passt der ganze Ausdruckstanz zur Legende von der "harten Arbeit"? Wie bringt man künftig alle dazu, mitzuarbeiten? Die einzige Lösung, die mir dazu einfällt, entsteht farblich durch die Mischung von Rot und Grün.

Bis hierhin vielen Dank! Es lohnt sich mal wieder nicht. Den Rest besorgt ein Blick ins Vokabular: "Themen der arbeitenden Mitte", "nachhaltiges Wachstum". "Chancengleichheit", "Gerechtigkeitslücke", "Soziale Sicherheit" "soziale Stabilität" "Wohlstand und Sicherheit", "Glaubwürdigkeit und Vertrauen". Bla. Bullshit. Bingo.

 
pauls

Noch vor einigen Jahren wähnten sich einige Publizisten, die Blogs als alternative Medien für sich entdeckt hatten, auf einer Insel der Unabhängigkeit. Aus der Innenansicht hat sich daran grundsätzlich auch nicht allzu viel geändert. Wie nicht anders zu erwarten war, aber vielleicht naiv gehofft wurde, ließ das Kapital allerdings nicht lange auf sich warten, um mit der Planierraupe durch unsere Vorgärten zu schroten und ein Regime des Deppenterrors zu errichten.

Dabei ist man noch fast gut bedient, wenn breitbeinige Jungblogger/innen, die sogar im steten Bemühen um so etwas wie Schriftsprache hier und da ein gewagtes Komma setzen, jeden Konsumschrott mit 'wow' und 'toll' anpreisen, den eine Agentur ihnen zum Gutfinden anliefert. Ich musste mir tatsächlich erklären lassen, so gehe Bloggen heute - da sind wir mitten drin im "Heutzutage", und die wenigen Glücklichen, die ein Jahr auf zwei aus der immer gleichen Satzstanze zu den immer gleichen Posen überteuerten Markenschund anbeten, halten sich gern für jemanden.

Tiefer als die Hölle

Meine realistische Einschätzung ihrer Zukunft werten sie als irrelevant und pessimistisch (im Sinne von depressiv, nehme ich an ). Am Ende bin ich vermutlich nur neidisch und eh Nullerjahre. Ein alter Freak halt, den der fröhliche Umzug nicht mitgenommen hat. Die Party läuft ohne dich, Opa. Ich muss wirklich schrecklich alt sein, denn ich kann mich über diese Art schnöseliger Hybris nicht einmal mehr aufregen.

Wie gesagt, ist man mit dieser Art Klientel noch gut bedient, denn zumindest die Simulation einer Kommunikation kann im günstigen Fall stattfinden. Nicht so mit denen, die in der Lotterie das Los des Asistars gezogen haben und auf Youtube unverständliches Zeug brabbeln, um Millionen von Halbhirnen damit zu begeistern, dass es da draußen noch einen Hirngünter gibt, dessen Schwachsinn sogar von Schwachsinnigen als Schwachsinn erkannt wird. Dazu trägt er sie es wiederum Logos, zeigt Spielzeuge mit Logos oder findet irgendwelche Marken einfach so krass geil töfte. Der Markenname ist dabei das Einzige, das deutlich intoniert wird.

Diese Inszenierungen sind wiederum die Schublade im Erdkern, drunter geht einfach nicht mehr. Ich habe mit Moral nichts am Zettel, davon will ich gar nicht anfangen. Was mich vielmehr beeindruckt, ist die Reinheit, mit der ein gestrippter Kapitalismus zutage tritt. Konsum ist hier Inhalt, Stil, Kommunikation, Sinn und Zweck ineins. Das Ideal, das dazu gebraucht wird, ist ein entkernter Restmensch ohne Verstand, Fähigkeiten oder auch nur Geschmack. Die Beliebigkeit wird nur durch ein einziges Element durchbrochen, nämlich den Privateigentümer, der zahlt; der Marke, die dessen Produkte repräsentiert.

Rock'n Roll ohne Rock und Roll

Das Perfideste an dieser erfolgreichen Strategie ist ihre integrative Wirkung. Jeder Idiot kann das, was die Superstars da machen. Jeder erkennt das. Alle sind vereint in ihrer totalen Inkompetenz und dem Traum vom absolut mühelosen Konsum. Der Depp als Star ist das neue Ideal, sein Status leitet sich unmittelbar ab von den Waren, die er erwirbt. Die eine halt im Päckchen von der Agentur, der andere für einen unverschämten Preis im Fachhandel.

Die Szene funktioniert wie Pop allgemein, nur eben ohne alles - ohne Musik, Sport oder sonstwas, wofür jemand noch etwas Spezielles tun müsste. Hysterische Teenager machen sich nass, weil ihr unreifer Narzissmus eben auf die personifizierte Beliebigkeit anspringt, weil die Industrie den Befehl gibt, das gut zu finden. Sex, Drogen und Rock'n Roll ohne Sex, Drogen und eben alles. Fetisch statt Sex, Konsum statt Drogen und nochmal Konsum statt Rebellion. Kurzum: Das Produkt ist hier Subjekt und die Konsumenten die Objekte.

Die gute Nachricht: Um in diesem Schlamm mit zu catchen, kann man nichts tun. Es gibt nichts, das man lernen kann, nichts, dass man tun oder lassen müsste. Vielleicht einen kennen, der gerade bei einer Agentur darüber entscheidet, wer in der nächsten Runde den Dorfdeppen gibt. An die könnte man sich ranzecken, falls die dazu nötige Intelligenz einen nicht schon wieder disqualifiziert.

 
flug

"Hängt das Schwein auf" las ich schon gestern und mich überkam spontan tiefes Mitgefühl mit denen, die schon immer die Todesstrafe für Selbstmordattentäter gefordert haben. Nein, das ist kein Witz. Der Ruf nach härteren Strafen® ist Teil eines Rituals, das mit Sinn und Verstand nichts anfangen kann. Affekt ist gefragt, wogegen ich nicht einmal allzu große Rede halten könnte, wäre es nicht exakt der Affekt, der übermüdeten Kindern den Schlaf raubt. Es kann nie genug sein, nie laut und groß genug, und wenn man die Müllmedien machen lässt, geht das eben wochenlang so und bis zur rasenden Barbarei.

Was die Hetzzeitung hetzt, mag noch immer das strahlende Vorbild sein für den Rest der verseuchten Landschaft, aber in einem sind sie sich längst einig, still und ohne den zartesten Stimulus einer verantwortlichen Synapse: Alles muss raus! Schnellschnell Meldung, Kommentar, Sen-sa-tion. Das ist eben Journalismus 2.0: Wer heute ein Geschäft verpasst, macht es morgen schon gar nicht mehr. It's all about the money.

Boom

Wenn ich also lese - ein beliebiges Beispiel - "Die Ratlosigkeit nach der Katastrophe", ist das genau so Machwerk wie ein "Das ist das Schwein und das seine Schweinefamilie". Es hat keine "Katastrophe" stattgefunden, sondern ein Verkehrsunfall. Niemand ist "ratlos", aber das klingt so schön verzweifelt und passt ins Corporate Design des Verlags, dessen Printausgabe "Ausgeliefert" titelt und den Grusel der Stunde zu nutzen weiß. Gerade haben sie sich noch das ehedem Selbstverständliche als gloriosen Qualitätsanspruch selbstbescheinigt, da reißen sie es mit dem Hintern wieder um. Wer am Wühltisch zögert, geht eben leer aus. Höhere Anforderungen stellen nur "organisiert auftretende, anonyme" Konterrevolutionäre.

Es gibt nichts zu berichten, gar nichts. Es ist eben nicht geklärt, was passiert ist. Guter Journalismus, der leider nicht auf die Verwertungskette zu bringen ist, hätte sich die Weisheit zu eigen gemacht: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten". Ganz im Gegenteil ist aber der Mix aus Leichengeruch, Explosionsstaub und Ungewissheit der optimale Nährboden für jede Art Schauergeschichte und Betroffenheitslyrik. Angesichts des Booms, den das auslöst, sollte man darüber reden dürfen, ob so ein Knall nicht eine Wohltat ist, etwas ungemein Soziales. Wir reden hier schließlich von Arbeitsplätzen!

Für jeden etwas

Wer es lesen will, erfährt also, was das Pilotenschwein geträumt hat, warum der schon immer eine Sau war und man nur den gesunden Volkskörper hätte fragen müssen, wie man solche ausmerzt. Wer es nicht ganz so hart mag, kriegt auf dem anderen Kanal die bemüht kultivierte Version der Denunziation geboten. Auch da war noch nichts bewiesen, aber wir sind ja nicht vor Gericht. Medien Suchen nicht die Wahrheit und können sie eh nicht rechtzeitig finden. Da setzt dann halt ihre Kreativität ein.

Die Resteverwerter kommen ebenfalls auf ihre Kosten, sei es der politische Weihrauchschwenker oder der Longtail, der mit einsetzender Ebbe leisere Töne anschlägt und übergangslos die Heuchelarbeit einleitet. Da muss eine chice Location her, na klar: Der Kölner Dom, weil wir es uns wert sind. Ein bisschen sparsam ist das eher, wir haben reichlich luxuriöse Fußballstadien, in denen auch multimedial mehr geht. Vielleicht beim nächsten Mal. In der Zwischenzeit werden ein paar Gurken sauer eingelegt; ein bisschen transatlantische Handelspolitik, ein paar geostrategische Wühlarbeiten, solche Dinge eben, für die sich niemand interessiert. Irrelevantes Zeug halt.

 
df

Die Jugend war schon immer schlecht. Etwas hat sich aber geändert in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, und zwar hat ein Rollentausch stattgefunden. Inzwischen sind es nicht mehr die Alten, die auf die Unveränderlichkeit der Welt pochen und nichts davon wissen wollen, dass es noch etwas jenseits der eingefahrenen Bahnen gibt. Es ist vielmehr die Jugend, der jede Phantasie fehlt für eine Welt, in der sie nicht ganz selbstverständlich mit Spielzeugen versorgt und von ihnen unterhalten wird. Sinnfreier Konsum ist unterm medialen Overkill zur letzten Alternativlosigkeit geworden. Wir amüsieren uns nicht mehr nur zu Tode, wir sollen nicht mehr akzeptieren, auch nur eine Minute lang unbespaßt zu sein.

Ich muss natürlich zugeben, dass ich aus der Perspektive desjenigen spreche, der weder blöde an seinem Wählscheibentelefon hängen bleibt, weil ihm die geistige Flexibilität fehlt auf Knöpfe oder Tasten zu drücken, noch seine eigene Vergangenheit in der allgemeinen Geschichtslosigkeit vergraben hat. Im Gegenteil, das genau nervt mich nämlich bis zum Anschlag, dass die Jugend keine Zukunft sieht, weil sie unter organisierter Amnesie leidet und blöderweise auch noch stolz darauf ist. Reden wir einmal von diesen elektronischen Spielzeugen:

Keine Ahnung

Oppa hat selbst ein wenig Programmieren gelernt, verschiedene Sprachen gar. Oppa hat den Commodore bedient, den Atari, den PC. Oppa hat haufenweise Betriebssysteme kennengelernt, sie aufgesetzt, zerstört und repariert. Oppa kennt noch das genannte Ding mit der Wählscheibe, Telefonzellen, hat den Nummernblock gehabt, ein erstes Kabelloses, ja sogar Händies. Oppa kannte das Internet schon vor Google, kann heute noch Schnittstellen unterscheiden, Hard- wie Software, und weiß, dass ein ISA-Bus ihn nicht ins Heim fährt. Den ganzen Schnickschnack; analog, ISDN, DSL. Oppa kann einen PC mit verbundenen Augen zusammenschrauben. Was will Oppa damit sagen? Dass er nicht zu blöd ist, einen scheiß Glasstein zu streicheln, sondern dass er denkt, bevor er etwas tut.

Gern sogar weit in die Vergangenheit, lange bevor er selbst geboren war. Davon weiß er! Oppa kennt Sachen aus der Zeit von Uroppa, Ururoppa und Urururoppa. Deshalb hat er auch eine Ahnung, warum die Dinge sind, wie sie sind und sogar eine davon, wie sie werden. Scharen junger Triefnasen hingegen haben keinerlei Vorstellung von ihrer eigenen Zukunft, null Wissen über die Vergangenheit - nicht mal ihre eigene, maßen sich aber an, uns Senioren zu verzapfen, was "heutzutage" ist und was nicht. (Das Unwort "heutzutage" sollte man eh regelmäßig seinem jeweiligen Urheber in den Hals zurück wuchten). Sie kennen kein Gestern und kein Morgen, schwingen sich aber zu Experten fürs Heute auf. Ich finde, über die Prügelstrafe muss man an der Stelle ja wohl einmal reden dürfen.

Nichts weiß die Jugend mehr, gar nichts. Alles war schon immer so, und wer nicht mit der Zeit geht, den lässt sie halt zurück. Fragt einmal die Schnöselei Anfang-Mitte zwanzig, was sie in zehn Jahren tun werden. Die nehmen entweder die Beine in die Hand oder rufen die Bullen.
Was will der Irre? Zehn Jahre! Wen interessiert denn so'n Scheiß?!
Ja, wie soll man auch zwanzig Händies in die Zukunft gucken? Sag denen mal, dass es bald keine Händies mehr geben wird, nur so zum Spaß! Das Geschrei wird herzzerreißend sein, was bei Unbeteiligten wiederum nur den spontanen Reiz auslöst, neue Schuhe zu bestellen.

Wie jetzt?

Das Wort "warum" hat keine Bedeutung mehr, außer in "warum ich und nicht der" oder "warum die und nicht ich?", aber auch da ist es kein Fragepronomen, sondern ein Statement. Es fragt auch niemand mehr: "warum tut's das nicht?". Das heißt: "Gib' neu!", und wenn das passiert, bevor ein neues Modell aus den Kolonien da ist, ist Revolte angesagt. "Geht nicht" geht gar nicht!

Nicht übrigens, dass das Frischgemüse im Vorfeld durch sein Verhalten etwas dazu beitrüge, dass 'Ding tut'. Nö, Ding hat zu tun, ist gefälligst selbsterklärend, bunt, geil und vor allem mühelos! Wenn kaputt wegen mühelos, dann mühelos neu. „Wegen“ müssen wir hier allerdings schon streichen. Als würde etwas nicht funktionieren, weil man es einfach benutzt! Als gäbe es außer fetten hässlichen Nerds irgendwen, der durch sein Verhalten die Technik beeinflusst. "Verhalten" ist nämlich so was von Neunziger Jahre – oder eben eine Art Persönlichkeitsstörung.

Den kenn' ich

Die Idiotengenerationen meiner Eltern und Großeltern haben uns Sprüche wie "Das tut man nicht!", "Das war schon immer so." und "Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh' doch nach drüben!" in den Schädel geprügelt. Mann, müssen die glücklich gewesen sein, als denen endlich eine wandelnde Handtasche erklärt hat, dass es tatsächlich "keine Alternative" mehr gibt! Die Frage "Warum" aus unserer Richtung gab eine Extrarunde Wangenmassage. Es war zum Verzweifeln: Du konntest diesen Graupapageien nicht einmal beibiegen, dass da was gewesen war, ehe im Takt der Demokratie weitermarschiert wurde. Wollten sie nicht wissen. Eigentlich wollten sie gar nichts wissen, schon gar nicht von einer Zukunft, die ihnen geistige Flexibilität abverlangt hätte.

Und jetzt habe ich denselben Salat von der anderen Seite. Mein akademisches Interesse an dieser Geschmacksrichtung von Verzweiflung stellt mich am Ende nur vor die Frage, welche Generation die verkalktere ist und von wem ich eher erwarten darf, dass die Oberstube irgendwann noch einmal einen Tapetenwechsel erlebt. Wahrscheinlich gibt es nur eins, was beide noch aus den Schluffen brächte: Wir brauchen wohl einen neuen Hitler. Das ist eh der Einzige, von dem beide schon mal was gehört haben.

 
spook

Leben im Netz ist wild und gefährlich. Hier draußen werden sie nämlich alle zu Bestien, und diejenigen mit den buntesten Großkatzenfellen können fast sicher sein, dass sie wirklich für böse Gruseltiere gehalten werden. Manchmal habe ich den Eindruck, hier lernt niemand gar nichts. Da sind so einige seit zehn und mehr Jahren unterwegs und haben offenbar immer noch keine Idee, wie man mit Trollen umgeht. Gerade ist wieder Jagdsaison Höhepunkt angesagt. Es gelingt dem einen oder anderen Pappmachéspuk, es quasi bis in die Tagesschau zu schaffen - als sei er wirklich das böse Krokodil.

Die Faszination ist allerdings groß. Es bleibt auch immer so, dass es der Disziplin und Vernunft bedarf, nicht wenigstens ein vernehmliches "Das darf doch nicht wahr sein!" in den Internäther zu rufen. Doch, darf es, denn so sind sie. Die verschlungensten Werke fein gehäkelter Psychosen, im Verbund mit atemberaubender Frechheit, und stets, das ist wohl der Identitätskern des Trolls, abgerundet durch die krasseste Projektion. Noch keiner von ihnen hat lange gebraucht, um einen fetten Schiss auf dem Küchentisch zu hinterlassen, um sich sogleich zu echauffieren, da hätte jemand heimlich gefurzt - was der sich denn erlaube!

Märchenwelt

Trolle sind Fabelwesen. Wie man weiß, sind sie hilflos, wenn man ihre Namen kennt - und sie nicht nennt. Sie bewegen sich nur, wenn man hinschaut. Was bleibt einem also als Ignoranz? Das ist alles andere als neu, und ich erwähne das aus einem Grund: Es geht nicht nur darum, ihnen die Aufmerksamkeit zu entziehen, von der sie sich ernähren. Viel wichtiger ist noch, dass die Auseinandersetzung auf einer persönlichen Ebene hier draußen zwangsläufig zu solchen Phänomenen führt. Wer sich hier als Person aufführt und andere wie welche behandelt, verliert. Immer.

Das ist etwas, was viele noch nicht begriffen haben, vor allem in Bezug auf das, was ich hier abliefere. Ich bin nicht der Kerl von nebenan, weder nett noch fies. Ich will hier keine persönlichen Probleme befaseln und schon gar nicht Charaktere bewerten, denn das geht nicht. Es gibt hier keine Personen, sondern nur Avatare. Ja selbst der Denunziant, von dem man sich vorstellt, er sei so eine Art geisteskranker Hilfssheriff, ist keiner, selbst dann nicht, wenn er sich selbst so darstellt. Niemand weiß, was von einer Selbstdarstellung stimmt und was nicht. Man müsste schon an die reale Person herantreten, um Reales zu entheben, und dann sind wir nicht mehr im Netz, sondern stalken durch die echte Landschaft.

Avatare funktionieren anders. Im Fall von Trollen sind sie geradezu darauf angewiesen, penetrante Vollidioten darzustellen. Vielleicht sind sie auch welche, aber wen interessiert das? Ich lasse mich doch nicht auf die Werturteile solcher Schablonen ein oder befasse mich mit ihren Selbstbeschreibungen! Sie können sich da nicht nur alles mögliche ausdenken, sie werden es mangels Prüfbarkeit auch sofort tun, wenn ich mich darauf einlasse und haben jederzeit die Option, sich zu widersprechen. Wer sich mit denen einlässt, ist selbst der Depp.

Der gute Mensch

Es wird aber noch schlimmer: Es wird genau so viele nette Avatare geben, denen du real nicht im Dunkeln begegnen willst. Menschen, die sich völlig anders geben als sie sind, indem sie einem stets das Gute wünschen und immer voll des Lobes sind. Es sollte einem wurscht und Gammelfleisch sein. Nicht nur, dass sich hinter einigen besonders widerliche Zeitgenossen verbergen, die sich erst bis zur Schlafzimmertür einschleimen, damit sie es dir so richtig von hinten besorgen können. Auch und gerade die netten und höflichen sind eine Projektion. Sie sind keine Freunde und keine Geschwister.

Ich halte es deshalb hier so, dass sich unsere Texte treffen, unsere Gedanken und Ideen. Da bezieht sich der eine auf die andere, direkt und auf gleicher Ebene. Ich weiß, dass daraus sogar Freundschaften entstehen können, aber sie entstehen nicht hier. Das fängt immer erst damit an, dass man sich wenigstens einmal die Hand reicht. Meistens hört es damit dann auch schon wieder auf.

Einer der Gründe, warum ich hier herzlich wenig von meinem Privatleben preisgebe, liegt übrigens darin, dass ihr nicht prüfen könntet, was davon stimmt und was nicht. Dazu ist das Netz nicht geeignet und ein Blog schon gar nicht. Ich mag also die Intelligenz meiner Leser/innen nicht beleidigen, indem ich hier eine reale Person simuliere. Übereinstimmungen des Avatars mit der Person sind ggf. dem Umstand geschuldet, dass ich zu faul bin, mir ein Kostüm zu nähen. Das ist aber noch lange keine 'Identität'.

 
spaghett

Seit Oktober gibt es in diesem Blog die Kategorie "Kollateralschaden". Sie begann mit dem einen Satz: "Es ist einfach nicht mehr finanzierbar, sich für eine Lüge zu schämen". Das ist ein eher unbedeutendes Beispiel für all das, was man hinnimmt, wenn man sich marktkonform verhält - wozu der Kapitalismus seine Probanden schlicht zwingt. Solche Erscheinungen sind zwar im Grunde banal im Angesicht von Kriegen und Hunger, aber sie sind eben Erscheinung desselben Phänomens. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Lüge in der Bewerbung und der, die zum Marschbefehl führt.

Eher lose Fäden lege ich also hier aus. Wer es aber wissen will, kann erkennen, woher sie kommen und wohin sie führen. Heute fallen mir einige Ereignisse auf, die helfen, bestimmte Zusammenhänge zu beleuchten. Das beginnt mit dem, was heute zwischen "Zensur" und "Lügenpresse" mit den falschen Vorwürfen in die richtige Richtung weist. Beginnen wir mit der Presse, die es gar nicht nötig hat zu lügen, wenn sie gleich die Wahrheit machen kann:

Erpresse

Die politische Nötigung, welche die Bildzeitung für ihre Aufgabe hält und sie veranlasst, gleich dem gesamten Bundestag eine vorformulierte Meinung aufzuzwingen, ist atemberaubend. Dieter Janecek hat auf Twitter veröffentlicht, wie ihm angedroht wird, am Nasenring um den Kiosk geführt zu werden, wenn er sich der Europolitik des Springer-Verlags nicht anschließt oder auch nur dazu schweigt. Konkret sollen sich die Abgeordneten vor dem Hetzblatt rechtfertigen, wenn sie weiteren Krediten für Griechenland zustimmen. Merke: "Erpressung" kommt von "Presse".

Ein einziger Schaden, dessen Nutzen sich mir immer weniger erschließt, ist inzwischen Facebook, das seine Nutzer immer krasser entmündigt, enteignet und sich herausnimmt, völlig willkürlich Inhalte zu bestimmen. Jetzt hat es "Die Partei" erwischt, deren Account wegen eines Witzes gesperrt wurde. Das beste an der Aktion ist, dass kein Mensch nachvollziehen kann, was Facebook daran auszusetzen hatte. Die Marktmacht in Kombination mit Eingriffen in die Freiheit der Rede ist schädlicher als staatliche Zensur. Kein Grund nachzudenken, Facebook ist nämlich cool und gratis!

Der beste Koch

Die Meldung des Tages für mich ist aber das Problem der Versorgung mit Lebensmitteln auf dem Land. Nein, nicht in der Sahelzone - in Deutschland! Noch sind das keine katastrophalen Zustände, aber dahinter steckt mehr als ein logistisches Problem.

Man muss sich deutlich machen, dass ein wichtiger Grund für den Erhalt des politischen Systems in niedrigen Lebensmittelpreisen besteht - sofern man sich nicht gesund ernähren will oder muss. Die Industrie und der Handel haben längst ein System erschaffen, das durch Dumpinglöhne, Konzentration und Druck auf die Lieferanten dafür sorgt, dass Armut nicht zu Hunger führt. Dieses System greift aber nicht überall, und Gnade uns das Nudelmonster, wenn sich daran etwas ändert! Der irrsinnige Reichtum und die unglaubliche Effizienz haben nicht einmal dazu geführt, dass man sich auf die Versorgung mit Lebensmitteln verlassen kann. Wir sollten Schuldige suchen und sie dafür bestrafen!

 
verbt

Wem nützt illegale Gewalt? In der Form, die gern am Rand von Demonstrationen geübt wird, derzeit wohl vor allem den Medien und dem Apparat, der das Monopol auf Gewalt für sich beansprucht. Davon nimmt er sich gern immer mehr, was auf der anderen Seite immer weniger Recht bedeutet. Insofern ist es konsequent, dass bislang noch jede Form von Hooliganismus nachweislich von den Diensten angefacht wurde, die angeblich für Sicherheit sorgen.

Für Leseschwache sei hier angemerkt, dass selbstverständlich nicht jeder Gewaltakt aus dem Kapuzenpulli die Folge staatlicher Provokation ist, aber dessen 'Dienste' haben sich immer wieder dabei erwischen lassen, wie sie gleich auf beiden Seiten der Barrikaden eskaliert haben. Es liegt mir fern, damit irgendwen zu 'entschuldigen' oder etwas zu relativieren. Ich stelle vielmehr schlicht fest, dass solche Gewalt ausschließlich der Unterdrückung und ihren Organen dient. Daraus muss ich gar nichts schließen.

Was mir auffällt. ist der Gleichklang, in dem alle möglichen Medien von "Aktivisten" sprechen, wenn sie Leute meinen, die gerade Gewalt ausüben. "Aktivist" ist die Bildunterschrift zum Molotow-Cocktail, eine Konstruktion, um den Protest zu diskreditieren. Blockupy, das sind Aktivisten, Aktivisten, das sind Brandstifter, und die Großmeister dieser Logik marschieren gleich bis zum Mordvorwurf durch. Solcher Mist stinkt schon, wenn er nur auf einem Haufen liegt, aber die ganze Landschaft ist voll davon. Lügenpresse? Nein, aber immer noch, immer wieder Propaganda.

Gewalt? Warum nicht?

Ich halte es für geboten, über Gewalt zu sprechen. Die professionell produzierte Öffentlichkeit geht hier reflexhaft vor. Alles, was vom Staat ausgeht, ist richtig, weil legal; alles, was nichtstaatlich dagegen hält, ist falsch, weil illegal. Zwischen diesen Polen ist aber reichlich Land, nicht bloß, weil es ja "das Volk" zu sein hat, von dem alle Staatsgewalt ausgeht. Das darf aber nicht heißen, dass sie dort unkontrolliert ausgeübt wird.

Die Protestierenden, die sich zu offener direkter Gewalt hinreißen lassen, mögen glauben, dies sei ihre Antwort auf die erzwungene Entmachtung durch den Staat. Das halte ich im Kern für berechtigt, aber es ist naiv - und dumm obendrein. Vielleicht ist es ein Kern demokratischen Lebens, dass die Gewalt beim Volk bleibt. Die Menschen, die in einem Land oder einer Region leben, behalten nur dann die Kontrolle über die Macht, wenn sie sie selbst ausüben. Wer sich von der Legalität entmündigen lässt und immer nur tut, was er darf, ist ein guter Bürger einer Diktatur, aber keiner, der noch irgend einen Begriff von Freiheit hat - übrigens auch nicht von Demokratie.

Der Entmachtung durch den Staat folgt nämlich die durch das Kapital, das nicht nur ungefragt über die von ihm Abhängigen regiert, sondern gleich auch über den Staat. Was die Troika etwa veranstaltet. ist das beste Beispiel dafür. Es gibt Gründe für diese Entmachtung, dafür, dass das möglich ist.

Das Vakuum

Einer der wichtigsten, der kaum diskutiert wird, ist der Niedergang der Gewerkschaften, die sich in der BRD schon von vornherein haben kastrieren und sich in den Käfig des Tarifrechts sperren lassen. Sie dürfen über die Höhe der Löhne verhandeln, vielleicht noch über Arbeitsbedingungen, immer schön im Korsett dessen, was der Boulevard für diskutabel befindet. Politische Streiks haben sie sich gleich von Staats wegen verbieten lassen. Im Zuge ihrer zahnärztlichen Betreuung mit dem Ende der Zahnfleischamputation durch die Neoliberalen sind sie zu staatstragenden Vereinen geworden, die selbst um Lohndumping und Demütigung betteln.

Nun ist es eh bald müßig, noch über Spartengewerkschaften zu sprechen, wo es bald keine Sparten mehr geben wird, über Arbeitervertreter, wenn es keine Arbeit mehr gibt. Gewerkschaften haben keine Macht und werden nie mehr welche haben. Damit aber ist die wichtigste Machtbasis der Massen verschwunden. Sie können ersetzt werden durch organisierte Proteste, Organisationen des Protestes, Zusammenschlüsse, die ausschließlich den Zweck haben, die Massen jenseits des parlamentarischen Systems zu vertreten bzw. zu verkörpern.

Solche Organisationen sind tendenziell illegal, und wo sie es noch nicht sind, würden sie es sehr schnell werden. Wenn aber die Bevölkerung den Staat kontrollieren will, der ihre Interessen nicht berücksichtigt, muss sie es direkt und illegal machen, und zwar massenhaft. Es gibt viele Formen der Gewalt und eine ist die Staatsgewalt, der Einhalt geboten werden muss, wenn sie nicht mehr zu rechtfertigen ist. Es wäre also erfreulich, wenn diejenigen, die wirklich etwas bewegen wollen, sich Gedanken darüber machten, wie man illegalen Protest attraktiv und clever gestalten könnte. Wenn man Legalität angreifen will, dann doch bitte dort, wo sie nicht zu legitimieren ist. Kuttenzombies, die Bushaltestellen anzünden, tragen dazu nicht bei.

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