Ich hatte dieser Tage einige Gespräche mit jemandem, der sich erklärtermaßen nicht sonderlich “für Politik interessiert”. Der Mann hat hier und da seltsame Ansichten, und als ich jung war, hätte ich ihm vermutlich Tiernamen gegeben und ihn für hoffnungslos unwürdig erklärt. Stattdessen nahm ich seine Erlaubnis über uninteressante Dinge zu sprechen wahr, um ihm einige interessante Informationen zu geben; prüfbare Informationen, die er dann tatsächlich auch ganz interessiert aufnahm.

Derselbe sprach mich heute ganz von selbst auf das Thema Ukraine und Konvoi an; da hatte ich noch gar nicht zur Kenntnis genommen, was gleich noch folgen wird. Ehrlicherweise sagte ich, dass ich nur zwei Quellen hätte, aus denen ich Informationen dazu hätte, nämlich das, was die versammelte Journaille so recherchiert hatte: Die Ukrainische Regierung und Ria Novosti. Was soll ich mit solchen ‘Informationen’? Die meisten benennen dabei nicht einmal Poroschenkos Kriegspartei, und im Internet Zeitung lesen kann ich eh selber. Dazu brauche ich keine Zweitverwerter.

Abschreiben, verkünden, vollstrecken

Einen Schritt zurück kurz: Ich hatte mir eh gestern schon folgendes notiert:
In Spanien gibt es einen Ebola-Verdachtsfall“, meldete die FR. Soso, einen “Verdachtsfall”, und das ist dann eine Meldung? Wieso? Es kann nur einen Grund geben: Klingt gefährlich, erregt Aufmerksamkeit. Hat aber null Inhalt. Kann man da nicht warten, bis sich das bestätigt hat oder eben nicht? So geht Qualitätsjournalismus.

Die nächste: “IS-Miliz soll 700 Stammesangehörige getötet haben“, steht in der Sueddeutschen und einem Dutzend anderer Medien, wird auch im Radio erzählt. “Soll”, könnte, hat vielleicht, vielleicht auch nicht. Ist das eine Meldung? Und was habt ihr für mich dahinter? Waren es vielleicht mehr oder weniger als 700? Vielleicht hat das gar nicht stattgefunden? Oder es hat etwas stattgefunden, man weiß aber nicht, wer, wo und was genau? Q-Journalismus halt.

Derweil hört man nach der gespielten Empörung der Propaganda überhaupt nichts mehr vom Flugzeugabsturz in der Ukraine. Nicht einmal Fragen. Der “Spiegel”, das Hetzblatt für transatlantische Gemütlichkeit, hatte doch so auf die Trommel gehauen. Was ist denn nun, ihr Superreporter? Kuhjournalismus ist, und die Viecher wieder im Stall. Auf jedem Dorf kriegst du Watschen, wenn du so einen Mist verzapfst und dann so tust, als hättest du nie etwas gesagt.

Suche nach dem Tiefpunkt

So ist es auch derselbe Stall, aus dem ernsthaft ein zweifelnder Leser, der nach Belegen für Behauptungen fragt, abgespeist wird mit der Gegenfrage: “Gibt es eigentlich konkrete Belege, dass dem nicht so ist?
So denken sie da. Es wird etwas verkündet, in der Regel auf Befehl aufgeschrieben oder stumpf abgeschrieben, und daran hat man gefälligst nicht zu zweifeln, bis das Gegenteil bewiesen ist. Der Leser ist hier dummer Untertan, sonst nichts.

In Grunde kann man sich solche Beispiele schon schenken, denn es gibt keinen Journalismus mehr. Wahrscheinlich wird dieser Nützliche Idiot noch einen Preis verliehen bekommen für seine treuen Dienste, so wie Obama den Friedensnobelpreis und Kleber den Hans-Joachim-Friedrichs-Preis. Diese Farce kann nämlich kein Ende finden, solange kulturell und intellektuell noch ein Stein auf dem anderen steht. Da gibt es immer etwas, das man noch nicht ganz ruiniert hat. Am Montag. Am Kiosk.

 
shoes

Eine der bizarrsten Geschichten der DDR und ihres greisen Elferrats, sprich: Politbüro, ist die vom Nutzen und Wehe des Rock’n Roll. Da taten sie sich nichts, die Nazibürger mit ihrer Abneigung gegen “Negermusik”, ihre bundesrepublikanischen Nachfolger, die den Rock’n Roll in ihrem muffigen Kleinbürgerdasein so verdammten wie ihre Eltern den Jazz, und die Spießer des DDR-Establishments, die nur eine Funktion in der westlich-dekadenten Popkultur sahen: von den Problemen des kapitalistischen Alltags abzulenken.

Bevor der Rock’n Roll aufgekauft und zu einer Veranstaltung für zynische Manager und ihre tatsächlich hirnentkernte Konsumentenjugend wurde, verschaffte sich in Musik und dem Kult darum ein anderes Bedürfnis Ausdruck. Jugend, die sich finden wollte, die nicht einfach gehorchen wollte; das Gefühl, einer definierten Gruppe anzugehören, erlebtes Kollektiv und auch quasireligiöse Gemeinschaft.

To be, to do tobedobedoo

Ein anderes Feld: Bis heute hält sich unangefochten ein Kult, der zwar wie alles andere durchkapitalisiert ist, aber nach wie vor von denselben Atavismen getragen wird wie oben Genanntes: Fußball. Es gibt da nicht nur die Weltmeister aus der Championsleague. Bis hinein in die Kreisklasse gibt es noch Fans, die am Wochenende ihre Vereine unterstützen, zusammen hocken, singen und sich im Kreis der Ihren geborgen fühlen. Wenn sie nicht gerade dem Kreis der anderen aufs Maul hauen, was die andere Variante ist.

Diese Bedürfnisse sind nicht totzukriegen, und einer der dümmsten Versuche, eine ‘sozialistische’ Vorzeigegesellschaft zu errichten, war der Zwang, der gegen eine Musikkultur ausgeübt wurde, die keineswegs niveauärmer war als das offiziell gepflegte Lipsi- und Schlagerwesen. Interessanterweise wurde der Fußball auch dort kaum angetastet; es war vielmehr so, dass es gewisse Überschneidungen gab zwischen der Angehörigkeit zu staatlichen Einrichtungen und der Anhängerschaft bestimmter Vereine.
Sehr bemerkenswert übrigens auch die Rolle der Hooligans und Ultras im Kampf gegen Ägyptens Mubarak.

Diese und andere Phänomene, die an primitive Gesellschaften erinnern, werden von Nazis reichlich bedient, worin auch eine ihrer Stärken liegt. Rummtata, Corpsgeist, Feindbild schweißen zusammen und fühlen sich gut an, wenn man doof genug ist, die Kehrseite zu ignorieren und überhaupt nicht zufällig eine Abneigung hat gegen dergleichen oder Bedenken gegen irgendetwas. Das Bedürfnis ist da, man kann das nicht durch Zwang ändern, selbst wenn man das wollte.

Das Recht der Eingeweide

Daher ist es auch wichtig, in der ewigen Frage, ob nun das Sein das Bewusstsein verstimmt oder umgekehrt, nicht zu vergessen, dass es da noch Instanzen jenseits von beidem gibt. Es wäre hier unklug, die Bedürfnisse einfach dem ‘Sein’ zuzuschlagen, um Recht zu behalten. Es gilt, den Menschen mit seiner Umwelt in einen Einklang zu bringen, und in diesem Sinne sind seine Bedürfnisse, die er aus grauer Vorzeit mit sich herumschleppt, sowohl Mensch als auch Umwelt.

Es hat Versuche gegeben, dergleichen zu entwerfen, hier ist z.B. Herbert Marcuse zu nennen und sein Begriff des ‘Eros’. Allgemein sind solche Bestrebungen in der Ästhetik zu finden und in der Kunst, aber man sollte sich verdeutlichen, dass es sich hier nicht um eine abgehobene Kultur des Schönen handelt, sondern eher um den Anspruch der Eingeweide. Ein Anspruch, der sehr berechtigt ist und den zu ignorieren nur dazu führt, dass ihn andere wahrnehmen und für sich nutzen.

Gerade linke Modelle, Versuche echter Solidarität, haben hier das Zeug zur Alternative. Wo es gelingt, sich zusammen zu raufen und der ewigen Konkurrenz eine Struktur zuverlässigen Miteinanders entgegen zu setzen, ist endlich einmal die solidarische Einstellung der Linken vorn. Tatsächlich würde dies auch ungemein gestärkt durch Arbeitsbedingungen jenseits von Konkurrenz und Ausbeutung. Dies ist ein Teil der Geschichte, die man erzählen kann. Dazu müssen einige allerdings auch ihre aggressive Abneigung gegen vermeintlich primitives Rudelverhalten ablegen. Das braucht nämlich seinen Raum und nimmt ihn sich im Zweifel ohnehin.

 
Demokratie ist ein Problem. Es hat sie vielleicht nie gegeben; das hat mit vielem zu tun, unter anderem mit Geld. Zunächst aber ein kurzer Blick auf die ‘moderne Demokratie’ und ihren Anspruch:

Wenn die bürgerlichen Revolutionen nur den Adel stürzen sollten und stattdessen ein reiches Bürgertum an die Macht bringen sollten, waren sie erfolgreich. So werden es vielleicht liberale Extremisten sehen. Das ist aber keine Demokratie, es sei denn, ‘das Volk’ bestehe eben aus denen, die sich Macht kaufen können. Es widerspräche auch vielen politischen Ansätzen, schon der Gewaltenteilung, die ein Hinweis darauf ist, dass Machtballung eben nicht mehr stattfinden sollte. Erst recht widerspräche das dem Gleichheitsgrundsatz. Auf den Fahnen stand keineswegs von Anfang an: “Schweine sind gleicher”.

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg belebte sich ein Anspruch an Demokratie, der sie stark machen sollte gegen Unrecht, Grausamkeit und Willkür. Die Rechte aller Menschen sollten gestärkt werden, insbesondere die der Arbeiter, und in der BRD war man sich anfangs sogar über die Parteigrenzen hinweg einig, dass die Zukunft sozialistisch zu sein hätte. Das stand sogar im Parteiprogramm der CDU.

Staat, Bande, Gewalt

Wie wir wissen, kam es sehr schnell anders. Der Wunsch wurde nach wie vor gepflegt, der Anspruch offiziell aufrecht erhalten, aber von Anfang an wurden Einschränkungen gemacht zugunsten einer wirtschaftlichen Doktrin. Die Menschen wurden nie gefordert für sich selbst einzustehen und ihre Selbstbestimmung wahrzunehmen. Sie wurden durch anfangs stattliche Löhne und ein sogenanntes “Wirtschaftswunder” auf materiellen Gewinn gepolt. Dass das Volk, selbstbestimmte Staatsbürger, der oberste Souverän sei, stand immer nur auf dem Papier. Es kam in der öffentlichen Debatte nie das Thema auf, wie das zu verwirklichen wäre und was alle Einzelnen dazu hätten tun müssen.

Die staatliche und wirtschaftliche Ordnung, die an die Stelle einer organisierten Selbstbestimmung trat, nimmt immer mehr mafiöse Züge an, wie es überall auf der Welt geschieht, wenn sie kollabiert. In Deutschland macht sich das ‘nur’ in Form von Verkrustung und zunehmender unverhohlener Korruption bemerkbar, in Südeuropa geht es regional auf mexikanische Verhältnisse zu, in Nordafrika und im Nahen Osten kann man sehen, wo das endet.

Mafiöse Verhältnisse etablieren sich überall; Eine Mischung aus Geldmacht und offener Gewalt bestimmt die Szene, wobei die Gewalt stets dem Geld folgt. Das ist kein Zufall, sondern schiere Logik. Geld ist flüssige Macht. Wer Geld hat, verfügt über andere, wer nicht genug davon hat, lässt über sich verfügen. Diese Basis mafiöser Macht herrscht dabei in geordneten Lohnverhältnissen genau so wie in kriminellen Banden. Brutalität mag helfen, in solchen primitiveren Strukturen nach oben zu kommen, aber sie steht letztendlich immer im Dienste der durch Geld bestimmten Hierarchie.

Dosierbare Macht

Es wird häufig argumentiert, auch jenseits kapitalistischer Strukturen habe es immer Macht und Gewalt gegeben. Das stimmt, aber einiges ist fundamental anders: Es mag religiöse Macht geben oder religiös ‘legitimierte’ – was übrigens nicht nur im Feudalsystem so war oder im Absolutismus, sondern durchaus auch in ‘modernen’ kapitalistischen Gesellschaften. Auch in jenen folgte die Gewalt den Hierarchien. Demokratie hat ja aber gerade den Anspruch, keine hierarchische Gesellschaft mehr zu sein, sondern eine der Gleichen. Das Paradoxon liegt aber vor allem im Fluss der Macht unter der Bedingung formaler Gleichberechtigung.

Erst diese macht alle und jeden zu ‘Handelspartnern’, erst so ist das System vollkommen durchlässig für Geld. Erst auf diese Weise erreicht die flüssige Macht jeden Winkel. Geld ist im Kapitalismus im Gegensatz zu allen vorläufern kalkulierbare, dosierbare Macht, die in den Händen derer Liegt, die es haben. Obendrein vermehrt es sich dort unentwegt. Wie kann unter solchen Bedingungen auch nur die Idee aufkommen, es sei eine Demokratie möglich? Eine Zeitlang, wie zum Schein, sah es so aus für alle, die es nicht genauer wissen wollten. Inzwischen wissen wir, dass diese Phase vermeintlichen Glücks allzu kurz war. Wer Selbstbestimmung will und dass die reale Macht beim Volke bleibt, muss sich von der Geldwirtschaft verabschieden.

 
adiEs ist öde. Nach Broder und Fleischhauer springen weitere Printproleten aus der Deckung, aktuell Mohr und Weimer, die einen ‘linken’ Hoppeditz verbrennen, sich an einer Witzfigur abarbeiten, die man kaum als menschliche Karikatur erkennt, geschweige denn mit irgendwelchen lebenden Menschen in Verbindung bringen kann. Die ‘Linken’, von denen diese rechten Heulsusen schwadronieren, sind einfach böse und hassen alles Gute, Punkt. Solche ‘Linke’ haben nie Gründe zu tun, was sie tun und zu denken, was sie denken, sondern sie sind einfach so, weil sie’s sind. Diese ‘Linken’ erfinden daher einfach Rassismus, Ungerechtigkeit, Not und Elend, um nachher den Kapitalismus, Amerika und die Juden (!) dafür verantwortlich zu machen. Genau wie Hitler, diese linke Bazille!

Es ist völlig sinn- und zwecklos auf derlei Gekeife einzugehen. Ich versuche im folgenden stattdessen einmal, mich in ein solches Dumpfhirn einzufühlen und beschreibe auf dieser Droge, was ein Rechter ist:

Sexbesessen

Die Rechten sind vor allem schwul. Natürlich können sie sich das nicht eingestehen, weshalb sie erst recht aggressiv homophob daherkommen, was ihr Kreiseln aber noch einmal beschleunigt, weil sie ja gegen die Russen sind. Die Russen wiederum sind aber Putin, so ein Mist! Der schwule rechte Uniformliebhaber, in dessen geistiger Umkleidekabine es nach glänzender Männerhaut riecht, kommt von der Palme gar nicht mehr herunter, wenn er, seine Männlichkeit zwischen die Schenkel zwingend, den starken Führer des Ostens betrachten muss. Nicht nur, dass der ‘Gute’ im Westen der falschen Rasse angehört; er wird auch noch durch diesen Traum von einem Mann konterkariert, den man einfach hassen muss, weil man ihn nie als Führer wird lieben dürfen.

Ambiguität macht aggressiv. Ausgerechnet das Ziel geheimer Triebe leistet sich einen unverschämten offenen Schwulenhass, was wiederum darauf hindeutet, dass er vermutlich selbst nicht abgeneigt wäre. In der politischen ‘Debatte’ ist es derweil wichtig, ihm genau das vorzuhalten, sich also zum homophilen Gutmenschen kastrieren zu lassen, um den Russen zu attackieren. Wer soll da noch wissen, wo oben und unten ist? Und wenn er eines noch weniger abkann als Unzucht und Kommunismus (der den Russen einfach genetisch anhaftet), dann ist es Komplexität. Gott, ist das unübersichtlich!

Für gegen für!

Allein schon, dass der Russe ein Kapitalist ist, stört ihn. Ja selbst wenn alle Russen eben Putin sind (der Übersicht wegen), ist der Russe Kapitalist, und nicht nur der. Selbst der ausdrücklich kommunistische Chinese ist einer. Die Rechten putinverstehen Russland nicht, weil sie eben keinen Kommunismus wollen. So sind sie. Alle. Weil der Russe der Feind des Amis ist, lieben sie lieber den Ami, auch wenn deren Chef ein – und das darf man noch nicht einmal sagen! Denn der Ami ist Kapitalist und der Russe ist der Konkurrent. Also eigentlich Kommunist, daher die Sympathie der Linken, so weiß er.

Die Rechten kommen mit der linken Wertewelt nicht zurecht, weil sie gegen die Schwulenehe sind und gegen Putin. Gegen Kommunismus und gegen Putin. Gegen Ausländer und Durchrassung, aber für Amerika und Obama. Für Demokratie, für die Nation und für Überwachung durch Fremdrassische. Der Rechte an sich ist ein revolutionärer Chaot und zerbricht an der heilen Welt linker Moral, wo man sich mit ein bisschen Logik noch zurecht findet. Das findet er spießig. Vor allem aber ist er heimlich links, weil er eigentlich weiß, dass die Linken die Guten sind. Das wiederum kann er sich nicht verzeihen und muss es durch Sadomasochismus kompensieren. Also verlangt er härtere Strafen. Vor allem für Kinderschänder, denn Kinder sind unschuldig. Süß. Zum Knuddeln. So zart und rein …

p.s.: Ja doch, der Rechte ist ein Mann. Seit wann haben Weiber bei der Rechten etwas zu melden? Die dürfen eine Raute machen und das Maul halten. Den Rest erledigen die wirklich wichtigen Leute.

 
Mit Fußballtrainern und Journalisten ist das so eine Sache: Egal welchen Stil sie pflegen, was sie damit erreichen und ob sie wiederholt unter Beweis stellen, dass sie eigentlich nichts taugen, sie tauchen bald im nächsten Club auf und machen weiter. Sie werden stets gut bezahlt, wenn sie einmal in eine gewisse Gehaltsklasse aufgestiegen sind, und die meisten von ihnen haben noch nie belegt, dass es ohne sie nicht vielleicht besser ginge. Vor allem sind sie austauschbar.

Im Journalismus war es einmal so, dass es gewisse Linien gab, hie “Stern” und “Spiegel”, dort “Bild” und “FAZ”, wenn es um die Einordnung im Parteienspektrum ging; hie “Bild” und “Stern”, dort “FAZ” und “Spiegel”, wenn es um Niveau ging. Da konnte auch nicht jeder einfach überall – man stelle sich vor, Augstein Senior und Axel Springer hätten zum Spaß die Plätze getauscht! Die Republik hätte für Jahre die Orientierung verloren.

Jeder kann alles

Inzwischen geht das durch die Drehtür: Matussek zur “Welt”, Blumencron zur FAZ, Malzahn zur “Welt” (alle vom “Spiegel”), Blome von Springer zum “Spiegel”, Steingart vom “Spiegel” zum Handelsblatt, Kleber sollte zum Spiegel, blieb aber für eine knappe halbe Million im Jahr beim ZDF. Mascolo sollte vom “Spiegel” zu Springers, ging aber dann zu einem “Rechercheverbund” von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung, Mohr (vom “Pflasterstrand Cohn-Bendits über die TAZ) ging vom “Spiegel” zur FAZ. Das sind nur ein paar Beispiele, die mir bekannt sind.

Die schreibenden Adabeis tummeln sich überdies in NATO-Clubs wie der Atlantik-Brücke, dort zum Beispiel Kai Diekman, Tina Hassel, Claus Kleber, Ingo Zamperoni, Stefan Kornelius und ein ganzer Haufen von USA-Korrespondent/innen und für Außenpolitik zuständige Journalisten. Die Mischung macht’s: Der eine war sowohl Geschäftsführer der INSM als auch ‘Fachjournalist’, der nächste “moderiert” bei der Atlantikbrücke, noch ein anderer – Kai Diekmann – ist vom “Young Leader” zum Vorstandsmitglied der Brücke avanciert und ist Chef der Bildzeitung.

Die Herren und Damen kommen bei artgerechter Pflege auf sechsstellige Gehaltssummen plus Nebeneinkünfte, die Upperclass der Mittelschicht und somit das Nützlichste, was sich ein echter Herr vorstellen kann – so lange sie die richtigen ‘Meinungen’ produzieren. Was sie nicht produzieren, ist Hintergrund, Zusammenhang, offene Debatte. Was sie scheuen, ist Kritik, weshalb sie einander auch seltenst attackieren, es sei denn, einer wäre zum Abschuss freigegeben. Ich bedaure das seit Jahren und kann es nicht verstehen, dass der Stuss, den viele da ablassen, nicht von der Konkurrenz abgewatscht wird.

Man kennt sich

Nun, es gibt eben fast keine. Jeder muss Angst haben, dass es künftige Kollegen sind, die man angreift, und da verschanzt man sich lieber im selben Graben und zieht sich eine papierne Decke übern Kopf. Darunter steckt immer ein feiger Hanswurst, meist sind’s mehrere. Wer es anders hält, riskiert viel, vor allem den Vorwurf, ein Nestbeschmutzer zu sein, einer der ausschert, einer der seine Meinung über den großen Konsens der Gatekeeper stellt und womöglich glaubt, der Leser sollte mehr wissen.

Solche Nestbeschmutzer, wenn ich sie erwische, will ich hier outen, heute ist Stephan Hebel reif, der ohnehin regelmäßig durch kaum abgeschliffene Meinung auffällt. Den Mann wird niemand auf einem Panzer durch die Wüste fahren, und vermutlich werden auch die Schnittchen verdammt schnell knapp, wenn er sich dem Buffet nähert. Gute Türsteher lassen so etwas gar nicht erst hinein. Reinhard Mohr schreibt gegorenen Meinungsmüll. Hebel kippt ihm den vor die Füße. Weil er’s kann.

Ich kann diesen Mist nicht mehr hören. Korrupte zynische Pfeifen, denen die Überwachung nie weit genug geht, Versager, die nicht in der Lage sind, Verbrechen zu bekämpfen, wo sie stattfinden, Eiferer im wohlfeil verpackten Tugendwahn, Strippenzieher, die es noch leichter haben wollen, Erpressungsmaterial zu finden, Großstrategen, die von aktuellen Problemen mit Gewalt ablenken müssen und Bilderstürmer, die ein Verbrechen nicht von dessen Abbildung unterscheiden können – sie alle bilden eine Rotte von vorgeblichen Kinderschützern, die stets etwas anderes im Schilde führen und sich einen Dung um die Opfer scheren.

Beleg? Nehmt einmal das hier, das zieht einem die Schuhe aus. Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt dürfen sich zwecks Kostendeckung einer psychologischen Behandlung an die Täter wenden. Wenn sie Glück haben, bleibt ihnen das erspart, und es wird ihnen das Almosen in Form eines Therapieplatzes zuteil – aus Spenden finanziert, weil die Kassen dafür nicht zahlen. Ganz Gallien? Nein. Die Barmer hat sich jetzt erbarmt und übernimmt die Kosten. An einer Klinik in NRW. Wenn man gegenrechnet, was so ein Missbrauchsopfer einbringt als Thema und Manöver, und zwar bei null Kosten, wird einem klar, wieso diese Hanswurste so scharf sind auf Bilder von nackten Kindern und so völlig desinteressiert an den Opfern von sexueller Gewalt.

Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.

So oft wir hier betont haben, es sei nicht Ziel oder Mittel einer emanzipatorischen Gesellschaft, so wenig kann ich verhehlen, dass ich in diesem Bezug sehr zwiegespalten bin: Adorno, von dem das Zitat stammt, hat als Konsequenz aus dem Holocaust eine “Erziehung zur Mündigkeit” gefordert. Diese ist ausgeblieben, und der ernsthafteste Versuch, dergleichen zu veranstalten, ist in Form eines unreflektierten Laissez-faire-Versuchs der ’68er’ kläglich gescheitert.

Man muss sich dem Phänomen “Erziehung” aus unterschiedlichen Winkeln nähern. Es gibt da die der Kinder von Seiten der Eltern und Pädagogen, und es gibt eine allgemeine Einflussnahme von Menschen und Einrichtungen aufeinander, die teils sehr bewusst und manipulativ abläuft, teils in die denkbar reaktionärste Schiene gerät: Der Herdentrieb, Gruppenzwang als prägender Einfluss des Bestehenden auf die Einzelnen. Dem ist nur entgegen zu treten durch die bewusste Förderung von Selbständigkeit, dies wiederum nicht anders zu leisten als durch Erziehung.

Schön in der Reihe

Ich muss immer an diese unerfüllte Forderung Adornos denken, wenn ich mit hirntauben Bürokraten, diesen Eichmännern zu tun habe oder mich mit der Geschichte dieses Vaters der ‘Banalität des Bösen’ selbst befasse. Als ich jung und naiv war, habe ich mich jedesmal empört und mich gefragt wie es sein könne, dass nach Auschwitz immer noch die Vorschriften mehr gelten als jede Menschlichkeit und “Pflicht” noch immer blind erfüllt wird, wenn sie ersichtlich Not erzeugt.

Mit der Zeit gewöhnt man sich an diese taube Stelle, dennoch hat das Leben mich noch einmal entsetzt, als ehemalige Arbeiter und Sozialisten Hartz auf die Menschheit losließen. So weit sind wir längst schon wieder, und auf anderen Gebieten sieht es nicht besser aus mit Autonomie und Nicht-Mitmachen. Heute hetzt die Meute wieder gegen Russland, und was einmal eine Hoffnung kritischen Bewusstseins war, ist längst Speerspitze der Propaganda.

Die Strammsteher erzählen derweil ihre eigene Geschichte des Widerstands; es soll demnach nur gelten, was in der Reihe marschiert und national dünkt, nicht etwa persönliches Gewissen und Verweigerung, die Urkompetenzen der Autonomie. Die Demokraten haben kläglich versagt. Nach dem Laissez-faire Experiment kam der autoritäre Rollback. Schule und schon Kindergarten erziehen zur seelenlosen Pflichterfüllung, Industrie und Medienindustrie zu Konsum und Marktreligion, bigottem Leistungsfetisch und unreflektierter Folgsamkeit.

Nein!

Nein, Emanzipation scheitert nicht an der Erziehung der Menschen, sie scheitert daran, dass sie nicht stattfindet oder den Autoritären überlassen wird. So werden die Menschen eben nicht belehrt. Nicht über die Geschichte, nicht einmal die jüngste, und was aus ihr folgt. Nicht über Demokratie und was die mit selbstbewussten Bürgern zu tun hat. Nicht über das elementare Recht nein zu sagen und das gute Gefühl, davon Gebrauch zu machen. Stattdessen haben wir ein System über uns aufziehen lassen, das die Schikane gegen entwürdigte Befehlsempfänger “Eigenverantwortung” nennt. Darauf werden die Massen konditioniert und darauf, den Nachbarn nicht mehr als Mitmenschen zu erkennen.

Das müssen wir anders machen, ganz anders, und es ist keine Option sich darauf zu verlassen, allein andere Arbeitsbedingungen sorgten schon für freie Menschen. Nein, “nein” sagen muss jede können und jeder lernen, sonst rollt die nächste Welle von Jasagern mit einem zackigen “Jawoll” über uns. Einer, der der die Befehle dazu formuliert, hat sich noch immer gefunden.

 
rail

Was gern übersehen wird in Planspielchen um Wirtschaft und Politik, sind Kriterien, die der jeweiligen Lieblingstheorie nicht in den Kram passen. Wenn Reformer der Marktwirtschaft etwa sich ihren Phantasien hingeben, wie sie das Schwarze Loch an die Kette legen wollen, übersehen sie ja nicht nur gewisse Probleme, die mit dem Kapital zusammenhängen, sondern auch die Risiken und Nebenwirkungen dessen, was sie selbst befürworten, womit wir beim Thema sind: Wirkung, auch bekannt als “Effizienz”,

Effizienz ist nicht bloß ein Aspekt des Wirtschaftens, der es ermöglicht, mit wenig viel zu erreichen, viel Gewinn oder viel Produkt mit wenig Einsatz an Kapital und Rohstoff. Effizienz ist ebenso ein Selbstläufer und obendrein eine Denkweise. Man kann Effizienz nicht begrenzen. Wenn es möglich ist, noch mehr aus noch weniger heraus zu quetschen, zum Beispiel noch mehr Produkte aus noch weniger Arbeitskraft, wie soll man das dann beschränken? Per Gesetz? Womöglich für jede Branche und jedes Produkt einzeln? Wenn man das aber nicht kann, ergibt sich daraus unmittelbar eine ganze Reihe von Problemen.

Das beginnt mit der Unmöglichkeit, im ausreichenden Maße Arbeit vorzuhalten, von deren Lohn alle leben können. Wir beobachten das gerade. Wenn man sich dann noch anschaut, welch ein Gewese um so etwas wie einen “Mindestlohn” gemacht wird, kann man erahnen, wieviel Erfolg Reformen dieser Art zeitigen. Es geht weiter mit der Konkurrenz um effiziente Produktion, die nur mehr in großen Stil überlebensfähig ist, was zu Monopolbildung führt. Auch das sehen wir seit Jahren. Weiterhin bewirkt dieser Sog Strategien, die keine Rücksicht mehr zulassen auf irgend etwas, das ineffizient ist, also zum Beispiel Nachhaltigkeit, sozialen Ausgleich, Gesundheitssysteme, Zufriedenheit, Entspannung oder jedwede menschliche Werte.

Wirkung versus Wahrheit

Effizienz steht auf Kriegsfuß mit allem, was einmal gesellschaftliche Werte waren. Wahrhaftigkeit zum Beispiel: Wie soll Werbung oder PR funktionieren, wenn man nicht lügen darf? Rechtssicherheit zum Beispiel: Wie soll Rechtsstaatlichkeit aufrecht erhalten werden, wenn die Ansprüche von Millionen Einzelnen weniger gelten als die Interessen von Weltkonzernen? Wie aber sollen diese wirtschaften, wenn die Interessen von Millionen dem entgegenstehen? Auch hier sehen wir, wie die Rechtssysteme mehr und mehr durch die Verabredungen geheimer Machtzirkel (ACTA, TTIP, Geheimdienstkooperationen etc.) ausgehöhlt werden.

Schließlich Politik selbst, zumal als parlamentarische Demokratie: Das Konzept, zunächst Ideen vorzustellen, sie dann in öffentlicher Debatte abzuwägen, um danach Entscheidungen zu treffen, mit denen man sich vor den Wählern verantwortet – wie soll ein solches Modell funktionieren, wenn alle Beteiligten auf Effizienz gepolt sind? Wenn es eben darum geht, völlig unabhängig von Ideen gewählt zu werden, um dann etwas durchzusetzen, was andere mit ihren effizienten Mitteln bei den Entscheidern wiederum durchgesetzt haben? Wenn das Gros möglicher Ideen schon dadurch verbrannt ist, dass sie zu ineffizient sind, weil sie gegen mächtige Interessen oder wirkungsmächtige Massenmedien nicht durchsetzbar sind?

Wer soll in diesem Dschungel Ketten, Leinen oder Begrenzungspfähle anbringen, die irgendetwas verändern, irgendwen aufhalten? Schließlich: Sind das alles nur “Auswüchse”, wie uns die Reformer immer noch weismachen wollen oder ist das der schnöde Systemzwang, die schlichte Logik jeder ‘Marktwirtschaft’? Also, werter Jens Berger, ich retourniere: Wo bleibt überhaupt ein Entwurf, der zum Beispiel erklärt, wie man Marktwirtschaft jenseits solcher Effizienz gestalten kann – wenigstens theoretisch?

p.s.: Wer jetzt in diesen Ausführungen doch wieder das Theorem vom tendenziellen Fall der Profitrate erkennt, ist vermutlich Marxist. Vielleicht kann man das aber auch einmal so versuchen.

 
psayco

Ich habe da einen Artikel im Vorlauf. Poliddisch! Mit Theorie drin! Hab’ ich aber keinen Bock drauf. Ich meine: Heute erzählte mir einer was von einer Show, in der Loddamathäus ihn einmal fremdschämen gemacht hat. Dachte ich nur: Wer braucht dazu Loddamathäus? Das kannst du heute beim seriösesten Qualitätsjohurnalismus haben [danke, fefe!] , sogar einschließlich Weltkriegsspannungsbogen. Wollte ich aber auch eigentlich nichts drüber schreiben, ist nämlich zu poliddisch.

Ich könnte mich aber auch aufregen, Mann! Habe ich neulich im Auto von Hirnlosradio umgeschaltet wegen furchtbarer Schlager und bin bei psychocandy eating Brainfuck gelandet. WDR5, was sich für eine Art Info- und Kultursender hält, hatte zum Hörergelaber geladen. Hörer war schon so weit in Ordnung, aber das Moderatoren Halb-und Halbhirn, dieses Cerebralgehackte, assistierte dem Laberhörer, der gerade Anti-Putin-Propaganda artig recycelte, selbiger stehe ja schon “immer da wie fürs Wachsfigurenkabinett“. So etwas vibriert heute durch den Mundgeruch des politischen Journalisten. Wer sich siehe oben Videos anschaut, erlebt Ähnliches. Kleber hatten wir schon. Was soll das?

Ganz unpolitisch bemerkt …

Anbei hörte ich aus nämlichem Sender, den ich hiermit verdächtige, einer außerirdischen Rektalsonde implantiert worden zu sein: “62 Prozent sind mit Merkel sehr zufrieden” und “Achtzig Prozent stufen ihre wirtschaftliche Situation als gut ein“. Prozent von was? Den Gästen einer Schaumparty im Palais Koksburg? Der Redaktion ixypsilon (hier beliebiges Schmierfinkenkanonenblatt oder Wochenschausender eintragen)? Den Mitgliedern vom Verein Brückenkopf Atlantis Achtzehn?

So verblödet ist nicht einmal der spermanent und tändig parolenbukkakisierte Volksgenosse, der sich vom Frühstückskorn bis zum komatösen Absacker Tagesschau 24 intravenös reinpfeift. Solche Zustimmung hat Rauten-Chucky nicht einmal bei den pickligen Haubentauchern der Jungen Union, und derart realitätssterilen Spackoptimismus findet ihr nicht einmal in der Verbandskaste teutscher Großaktionäre, die können nämlich Original und Fälschung unterscheiden. Jeder entwicklungsgestörte Zweitklässler erkennt mühelos: Das. Ist. Schwachsinn.

Argh. Ich meine das jetzt echt nicht politisch. Es soll auch nicht kritisch daherkommen, ich maße mir gar nicht an, das zu durchleuchten oder durch aufwendig recherchiertes Faktenmaterial zu widerlegen. Nein, wozu auch? Muss ich beweisen, dass verdammtes Wasser beschissen nass ist? Muss ich widerlegen, dass ein verficktes Flugzeug, das in zehn Kilometern Höhe platzt, nicht wie ein Stein hinunterfällt und an denselben Koordinaten zu finden ist? Muss ich Ingenieur sein oder wenigstens Germanist um zu erkennen, dass ein Gebiet von zig Quadratkilometern, wo Trümmer verteilt sind, keine “Absturzstelle” ist? Kurzum: Wie soll ich diesen Hirnfick ertragen in einem Land, in dem das Zeug, das ich brauche, um das alles noch zu ertragen, unter Prohibition steht?!

p.s.: Dabei hatte ich das hier noch gar nicht gesehen. Widerlich.

 
milipfaf

Was soll man sagen über das, was sich in den Massenmedien abspielt, die Beschuldigungen “Putins”, den von Russland und den Nachbarländern zu unterscheiden die Journaille schon völlig überfordert? Ihr wisst schon: Das größte Land der Erde, Riesenvölker, alte Kulturen mit vielen Facetten, vom Erzstaatssozialismus zum Brutalkapitalspielplatz mutiert – das alles ist eine einzige Person für den Lohnschreiber, und die ist vor allem eines: schuld! Zwei beliebige Beispiele hier bei fefe verlinkt.

Hier noch ein schöner Kontrast aus derselben Kiste, und ich möchte den Kommentar von Max dazu auch zitieren:
“der Westen” ist sich einig. Von der moralischen Schuld am ganzen verdammten Ukraine-Krieg fangen wir lieber nicht an, lieber “Westen”, ne? Oder von der moralischen Schuld am Gaza-Gemetzel, an der Syrien-Abschlachterei, an… aaach geh mir weg, du Westen

Wertegemeinschaft

Es ist wichtig, dass wir das einmal festhalten, was dieser sogenannte “Westen” ist: Es ist die NATO einschließlich der mit ihr kooperierenden Staaten. Das kann und muss man heute so eindeutig sagen, genau wie man damit feststellt, dass es ein militärisch-kapitalistischer Komplex ist, der gemeinsame Interessen (unter Vorbehalt einer gewissen Hierarchie) durchzusetzen versucht.

Das sollen wir natürlich anders wahrnehmen, und dahinter steckt die alte Erzählung von Freiheit und Demokratie, die man selbst dann nicht wiedererkennt, wenn man an sie glaubt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich diese Erzählung eingebrannt, und es war ja tatsächlich ein Mehr an Freiheit, Rechtssicherheit, Zivilisation erkennbar. Nicht nur in Deutschland, wo selbst der Muff der Adenauerzeit wie ein frischer Wind erschien gegenüber dem Gas der Faschisten, wo Nazirichter immerhin niemanden mehr zum Tode verurteilt haben.

So lange es dann wirtschaftlich gut lief, leistete man sich auch echte Menschenrechte, Bürgerrechte, es entwickelte sich sogar eine pluralistische Medienlandschaft. Die Parole “nie wieder Krieg” war stärker als die Schlächter von Vietnam, Volk beteiligte sich an Politik. Es ging beinahe demokratisch zu – und friedlicher. So friedlich, dass sogar der Kalte Krieg sich einem Ende zuneigte. Dann brachen die Dämme.

Als die Dämme brachen

Der Eiserne Vorhang fiel, die Soldaten hätten nach Hause gehen können. Die russischen gingen auch, aber ‘der Westen’, die NATO unter Führung der aggressivsten US-Machthaber expandierte gegen jede Notwendigkeit und besetzte den militärisch und ökonomisch vakanten Raum. Der Weltkapitalismus fand sich schon bald in jener Endphase, in der jede Regel aufgehoben oder gebrochen wird, die dem Profit im Wege ist.

Ich mache es kurz: ‘Der Westen’ hat seine angeblichen Werte in die Tonne gehauen, und je weniger noch irgendwer angesichts von Folter, Krieg, Drohnenmord und Verarmung an solche Werte glaubt, desto lauter wird sie beschworen, die Gemeinschaft ohne. Es klingt wieder wie 1914, weit und breit keine Kritik, die nicht ‘Extremismus’ genannt würde. Dafür durchsichtige Lügen unter Pauken und Fanfaren.

Dabei fällt denen, die die Musik bestellt haben, nicht einmal auf, dass trotzdem keine Begeisterung aufkommen mag. Niemand glaubt an irgend etwas, der Dritte Weltkrieg ist postmodern abgebrüht, wie maschinell organisiert. Was da von den Kriegshetzern “Verantwortung” genannt wird, ist genau das Gegenteil: Niemand ist verantwortlich, außer dem Abziehbild des Feindes in der Propaganda. Der ist halt alles schuld, egal was er tut.

p.s.: Wenn die Scharfmacher jetzt ausgerechnet fordern, der korrupte Autokrat dürfe kein Turnier der FIFA veranstalten, dringt die unfreiwillige Komik in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

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