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Quelle: Wikimedia Commons / Colin Smith

Vorab eine Bemerkung zu den Kommentaren: Es kommt vor, dass ich einen überlese oder gar mehrere. Höfliches nachfragen hilft da eventuell, es kann zwar auch sein, dass mich ein Kommentar nicht besonders interessiert und ich kann auch nicht jeden beantworten, aber manchmal geht mir einer durch wie zum Beispiel der hier. Die Frage darin: “inwiefern ist z.B. die Menschenwürde nicht auch bloß eine “festgelegte Wahrheit?” Kommunikationsbeschränkungen kann man ja auch in dem Fall ausfindig machen.
Das Thema ist hier ein Dauerbrenner, derzeit ist auch ein anderer Strang damit befasst, man könnte es vielleicht die “Autosuggestion des Bürgertums” nennen.

Ich verdamme das – im Gegensatz zu anderen Linken – keineswegs, im Gegenteil finde ich die Zielsetzungen, die sich sowohl in der bürgerlichen Revolution als auch in dem Versuch, Menschenrechte zu verfassen, manifestieren, ungemein wichtig. Da unterscheidet sich mein Denken grundlegend von streng ‘materialistischen’ Sichtweisen. Der Mensch setzt sich Ziele, das macht ihn aus, und wenn er damit aufhört, hört damit gleichzeitig alles auf, worüber wir hier diskutieren, nämlich Theorie, Politik, Ethik, das Leben des bewussten Universums. Die Antwort auf die Frage der Landratte ist von daher, dass es eben nicht bloß eine festgelegte Wahrheit ist, sondern ein Ziel, die Vorstellung eines Zustandes, wie er sein soll. Dass tatsächlich die bürgerliche Gesellschaft in Form der kapitalistischen ‘Demokratien’ noch immer von Menschenrechten schwafelt und sich der überprüfbaren Wirklichkeit dabei nicht schämt, liegt nicht an der Zielbestimmung.

Soll das alles sein?

Zielbestimmungen wie die Menschenrechte, die bürgerliche Freiheit und andere sind unerlässlich für die Bildung eines Common Sense, der an historischen Schnittstellen den Stand des Bewusstseins markiert. Dieses ist eben nicht bloß durch den Stand des materialen Sein bestimmt, wenn es sich selbst (und) eine Welt entwirft. Es sind gern Versprechungen, deren Einlösung gar nicht vorgesehen ist von denen, die sie in die Welt setzen. Sie können aber immer nur in Form von Widersprüchen den Kurs wenden; Orwell brachte es auf den Punkt: „Pigs are more equal“. Die Sprache bricht ebenso zusammen unter der Gewalt der Herrschaft wie die Idee vom Paradies, das für alle geschaffen werden sollte. Das Missverständnis ist immer ein doppeltes: Dass das Versprechen so gemeint war und dass der Bruch des Versprechens alternativlos sei.

Insofern bestimmt das “Sein” – die Form der Herrschaft und ihrer (Produktions)bedingungen – das Bewusstsein. Das Bewusstsein aber, wenn es eben nicht mehr mit den herrschenden Zuständen zu versöhnen ist, bestimmt die Frist dieses Seins. Zwar kann man den Wandel im Bewusstsein der Menschen ebenfalls als Wirkung der Herrschaft betrachten, es bleibt aber an genau diesem Punkt dem Bewusstsein vorbehalten, die Ketten zu sprengen und die Widersprüche gegen jene zu verwenden, die sich zu spät von ihren Lügen distanzieren. In der aktuellen Situation des sogenannten “Westens” befinden wir uns in der Phase, in der noch ausreichend materieller Wohlstand und eine Propaganda, die noch als glaubwürdige in die Köpfe gepflanzt wurde, auf himmelschreiende Widersprüche treffen. Die Propaganda degeneriert zusehends, das wird nicht ohne Wirkung bleiben.

Der bürgerliche Staat, dessen Verteidiger sich gemeinhin wirklich einbilden, was da auf dem Papier steht, sei schon darum wahr, ist ein in seinen Grundzügen oft ungemein ehrlicher, wachsamer und kluger Versuch, das Versprechen einer gerechteren Welt zu etablieren. Er ist umso blöder, je weniger sich noch wer um seine Substanz schert und den Versuch aktualisiert. Natürlich ist einer seiner Grundwidersprüche der, dass es eine unausgesprochene wirtschaftliche Basis dieses Experiments gibt, mit deren Kollaps auch das Staatsmodell scheitert. Wer aber darum alle Ideen, die Milliarden in den Bann zogen und noch immer ziehen, ebenfalls verwirft, hat nicht kapiert, dass der Mensch immer wieder zum Barbaren wird, weil er sich das Bewusstsein vom Sein und dessen Verwaltern vernebeln lässt.

Und hier euer Disclaimer: Nein, ein Bewusstsein kann an den Verhältnissen heute nichts ändern. Es sollte aber gerade deshalb den Anspruch haben, dass sich das ändert.

 
buta14

Ich habe im Laufe des Vormittags ein paar Mal in die Bundestagsdebatte reingehört. Es war grauenhaft. Das dämliche Gesülze aus allen Fraktionen ringt mir Verständnis ab für die Praxis, ‘Reden’ lieber nach Mitternacht beim Präsidium zu hinterlegen und damit für ‘gehalten’ zu erklären. Worthülsen in einer Menge, die kein Pferdemagen mehr verdaut.

Die einen schwafeln “Arbeitsplätze, Arbeitsplätze, Wachstum Wachstum Wachstum“, die anderen (Lötzsch) fordern eine “Regulierung der Märkte“. Lötzsch, die sich an Diskussionen über die Zukunft des Kommunismus beteiligt, hat ein genau so naives Bild von einer ‘Marktwirtschaft’ wie der Rest der Sprechpuppen. Demnach gibt es keinen Kapitalismus, der auf die Klippe zufährt, sondern nur böse regulierungsbedürftige “Finanzmärkte“. Schmerzen!

Dann werden ‘Bündnistreue’ und ‘Vertragstreue’ sowie ‘Völkerrecht’ beschworen, das ganze verlogene Gelaber der Atlantiker, die sich neuerdings auch in der PdL austoben dürfen. Als sei man nicht im Bunde mit dem widerlichsten Völkerrechtsbrecher des Planeten. Als sei Putins ‘Imperialismus’, den man ihm in einem Atemzug andichtet wie man Russland zur “Regionalmacht” erklärt, nicht ein müder Abklatsch des US-Imperialismus.

How to fuck the EU

Überhaupt: Wie können diese Lallbacken es wagen, treudoof einem ‘Partner’ zu folgen, der es sich herausnimmt, seine Geheimpolizei alles, aber auch alles abschnüffeln zu lassen? Der die Frechheit besitzt, der Regierungschefin des “wichtigsten Partnerlandes” nicht einmal mitzuteilen, was man über sie jahrelang im Geheimen angesammelt hat? Die Machtübernahme der Geheimdienste im Rücken, werden geostrategische Ritte auf der Rasierklinge zu Fragen einer Treue in Partnerschaft, einer Art Staatenehe verklärt, in der der Herr es seiner Schlampe in alle Löcher stopft wann und wie es ihm einfällt?

Oh, war das jetzt unseriös? Warte mal, da gab es doch diesen anderen Präsidenten, der sich dabei erwischen ließ, als er sich von seiner Sekretärin einen blasen ließ, korrekt? Das war dann – nach dessen nämlicher Ethik und auch juristisch betrachtet – “kein Geschlechtsverkehr”. Nach derselben Logik ist es auch kein Voyeurismus, kein Rechtsbruch und eben nicht zu beanstanden, wenn der aktuelle seiner ‘Partnerin’ ins Bett und aufs Klo folgt. Mit wem seine Politpornographen ihre abgefuckten Streifen drehen und was sie draus machen, werden die Darsteller genau dann erfahren, wenn es an der Zeit ist, das gilt auch für Frau Merkel. Habe ich das so richtig verstanden?

Das ist offenbar aber alles kein Grund irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Bis die ‘Dienste’ es anders entscheiden, dürfen sie also Reden halten, in denen “Alles ist gut“, “die Partei hat immer recht” und “es lebe die nordatlantische Völkerfreundschaft” vorkommt. Wer das oft und laut genug singt, kriegt ein Leckerli, und wer es nicht singt, wen kennt, der es nicht singt oder in den Verdacht gerät, es nicht mehr singen zu wollen, dem wird aus seiner Akte vorgelesen. Laut. Von der bündnistreuen atlantischen Boulevardjournaille.

 
eurosnasmEs gibt Entwicklungen, in denen sich alle Fäden zu begegnen scheinen, die auf kurzem Wege ins Zentrum kapitalistischer Dekadenz, sprich Kulturzerstörung führen. Ich muss ein wenig ausholen, um das zu erklären und mit einem scheinbar harmlosen Satz zu verknüpfen, der vordergründig gar nichts mit Kultur, Kapitalismus oder Gesellschaft zu tun hat; einer Aussage im Grunde technischer Natur.

Beginnen wir mit der Rolle der Einzelnen, der Individuen, ihres Willens und ihrer Absichten. Ich betone immer wieder, dass die Mächtigen austauschbar sind, aber nicht ihre Ziele, dass es Systemzwänge gibt – vor allem den, aus Geld mehr Geld zu machen – und dass es nicht der Wille einzelner ist, auch nicht der von Gruppen und Zirkeln, der die Verhältnisse prägt. Dass es dennoch Zirkel gibt, die Interessen bündeln, widerspricht dem nicht. Sie verstärken aber erstens den allgemeinen Trend nur und repräsentieren zweitens innerhalb der Konkurrenz großer Wirtschaftsmächte nur dasselbe. Vielleicht bedarf es solcher ‘Konkurrenz’, um ein Feindbild zu haben, dass die innere Struktur der jeweiligen Machtgebilde stützt. Der neue Kalte Krieg ist ein gutes Beispiel dafür.

Fanpeople und andere Zombies

Was aber geschieht mit dem Individuum, der Person, dem Einzelnen innerhalb dieser Struktur? Dass die Einzelnen sich in eine Konkurrenz untereinander zwingen lassen (divide et impera) sei hier einmal außen vor gelassen. Die Sphäre der unmittelbaren Produktionsbedingungen ist das eine. Was aber geschieht im Rahmen der Konsumentenrolle?

Hier kennen wir das Phänomen der Fanpeople, jener Zombies, die sich an eine Marke ketten lassen und aktiv die Propaganda des Herstellers auf die Spitze treiben (allen voran Apple). Programmierte Idioten, die sich über den Haufen rennen oder tagelang vor Kaufhäusern kampieren, um als erste ein neues Produkt zu kaufen, das dem Systemzwang folgend wiederum wahrscheinlich noch schlechter ist als das alte. Kennen wir. Solche Menschen sind für Argumente verloren.

Diesseits der Grenze, an der sich Konsumenten zum sprichwörtlichen Affen haben machen lassen, die nach jeder Banane bzw. jedem Apfel greifen, für den sie Wochen ihrer Arbeitskraft eintauschen, gibt es ebenfalls traurige Bewusstseinstrübungen, ohne dass deren Opfer sich von Marken-PR haben verblöden lassen. Sie bringen eifrig eine Entwicklung voran, die sich der irrsinnigen Produktionsbedingungen und der gehetzten Anpassung daran verdanken. Anstatt je innezuhalten und sich zu fragen, was der ganze Schnickschnack soll, wem das nützt, was das bringt und ob man das wollen kann, wird das, was es vorgestern noch nicht gab und was gestern auf den Ramschtisch geworfen wurde, heute zum Zwang für morgen erklärt.

Wer kauft wen

Das aktuelle Beispiel, das mich auf die Pappel gebracht hat, ist die Aussage, es würde schon bald niemand mehr Mails schreiben. Dieser Schwachsinn bringt eins zu eins das Interesse der Kommunikationsindustrie zur Sprache und erklärt nebenbei einen Austausch, der über einzelne verkürzte Sätze hinausgeht, zur intellektuellen Zumutung. Wir schenken Facebook/Whatsapp unsere Innereien, lassen uns von allen möglichen Services mit Werbung zudröhnen, anstatt so privat wie halt noch möglich in Ruhe ein paar Sätze auszuformulieren, ja? Wir funken nur noch gehetzte Fetzen durchs Netz und zeigen Schnappschüsse unseres genormten Lebens, um am Ende unsere eigenen Konsumgewohnheiten so konsumierbar zu machen, dass wir gar nichts mehr sagen müssen, weil der Bot mit seinen Filtern eh schon weiß, was unser zerebrales Management sich als nächstes zusammendeliriert.

Ich weiß nicht, wie viele Charakteramöben da draußen sich bezahlen lassen für solche ‘Meinungen’ und wie viele Deppen so etwas plappern, weil sie glauben, es sei das, was man eben plappert, wenn man modern ist. Es spielt keine Rolle mehr. Es ist eh alles gelogen. Übrigens auch der alte Satz der Keynesianer und Binnenmarktretter: “Autos kaufen keine Autos“. Doch, das tun sie, und in dem Maße, in dem Autos das Fahren übernehmen, übernehmen die Menschen das, was ein Auto ausmacht: sich so entwerfen, programmieren und produzieren zu lassen, dass am Ende der größtmögliche Profit dabei herausspringt.

 
Was ist ein Troll? Ich habe schon sehr lange vor, hier einmal zu skizzieren, was eigentlich einen Troll ausmacht und worin dessen Techniken bestehen. Derzeit sehe ich kein Ereignis, nach dem sich jemand persönlich angesprochen fühlen könnte, woran mir etwas liegt, denn sich angesprochen Fühlen ist die große Domäne der Trolle.

Ihre Währung ist Aufmerksamkeit. Sie sind damit äußerst geizig und gehen am liebsten gar nicht auf jedwede Inhalte ein, sondern benutzen lediglich deren Substanz, um ihre eigene Agenda zu setzen. Sie gieren ihrerseits nach Aufmerksamkeit, erregen diese mit allen Mitteln, und dabei ist ihnen selten etwas zu peinlich.

Der Troll muss nicht unbedingt ein Rüpel sein, da er aber keinerlei Interesse an einer kultivierten Diskussion hat, tritt er ggf. auch so auf. Grundsätzlich aber gilt: rüpelhaft ist der Troll ebenfalls nur, wenn er sich davon Aufmerksamkeit verspricht. Der typische Rüpel hingegen, der einem vor die Füße göbelt und sich dann verzieht, ist eigentlich kein Troll.

Trolle können sogar – aus Gründen siehe oben – recht höflich sein, wenn es der Sache dient. Sie können sich einschleimen, dass es nur so glitscht, denn einerseits versuchen sie gern, das Publikum zu spalten, andererseits ist unerwünschte Nähe ebenso unangenehm wie rüpelhafte Distanz. Das provoziert so schön. Generell ist ihnen das Kommunizieren auf der persönlichen Ebene am liebsten. Sie bewerten die Kommentare anderer – negativ wie positiv – weil diese Anmaßung herrlich nervt.

Währung Aufmerksamkeit

Sie gieren nach der Empörung der anderen, deshalb ist die Projektion eines ihres Lieblingsmittel. Kaum etwas lässt einen so spontan aus der Haut fahren wie ein Vorwurf, der nicht nur unzutreffend ist, sondern vor allem denjenigen selbst träfe, der ihn erhebt. Ein Troll bringt es ohne jede Scham fertig, in jedem Satz “Scheiße” zu sagen und dann den höflichsten Diskutanten zurechtzuweisen, weil dieser fluche. Ein Troll kann heute das Gegenteil von dem erzählen, was er gestern sagte und wirft anderen vor, sie widersprächen sich. Für seine Belege sind ihm falsche Zitate ebenso lieb wie das Wiederholen wirrer Thesen, deren Urheberschaft er wiederum am liebsten denen vorwirft, denen sie völlig fern liegen.

Was im Posting steht, ficht keinen Troll an. Worum die Diskussion geht, ist ihm egal. Wenn er ein Lieblingsthema hat, wird er es unterbringen, immer. In einem Beautyblog fühlt sich der klimaskeptische Troll ebenso wohl wie im Forum des Fußballvereins oder einem politischen Blog. Der erlogene Klimawandel hat sowohl etwas mit Lippenstiften zu tun als auch mit der Abseitsregelung oder dem Handelsabkommen. Ja sicher, denn der Troll ist jetzt da, das ist dann wohl Beweis genug.

Er wiederholt seine Thesen auch gern zum Hundertsten, denn ignorantes Wiederholen verärgert alle anderen. Das Thema oder die Leitlinie eines Forums ist für ihn nur insofern relevant als dass er Thesen vertreten kann, die garantiert niemand der Stammbesucher akzeptieren kann. Je deutlicher diese eine Haltung ablehnen, je klarer sie etwas für widerlegt halten und je deutlicher sie das bereits erledigt haben, desto attraktiver ist es für den Troll, eine bestimmte Ideologie zu vertreten.

Wenn es so gar nicht weitergeht mit dem Lieblingsthema oder der Troll zu faul oder einfallslos ist, geht er halt gleich auf die persönliche Schiene. Er ist der einzige, der etwas wissen kann, spricht beliebig anderen oder gleich allen deren Qualifikation ab oder wertet sie als ohnehin komplett unwert ab. Doppelt gewonnen: Damit kann er nur recht haben und bringt seine Gegner ziemlich sicher auf die Palme. Schlagen die dann zurück, egal in welcher Form, bringt er seine letzte Lieblingswaffe in Stellung: die Opferrolle.

Der Andersdenkende

Wer dem Troll sagt, was er ist, ihn in die Schranken weist, seine Angriffe pariert, ihm womöglich gar aggressiv begegnet (oder ihn als Moderator vor die Tür setzt), ist natürlich ein Aggressor, Diskursnazi, Zensor oder Mobführer. Der Troll selbst ist natürlich der Kritiker und Mahner, dem nur deshalb übel mitgespielt wird, weil er als einziger die Wahrheit sieht, weil er der ‘Andersdenkende’ ist, den man mundtot machen will, weil man seine Weisheit nicht erträgt.

Es ist vollkommen sinnlos, Trolle zur Raison bringen zu wollen. Sie maßen sich stets an, alle anderen zu bewerten, sind aber nicht bereit, sich mit ihrem Verhalten auseinanderzusetzen. Es ist sinnlos, ihnen ihre Widersprüche vor Augen zu führen, denn dafür sind sie blind. Wenn es ihnen nicht ohnehin egal ist, mäandern sie von einem Thema zum nächsten. Trolle diskutieren nicht. Nie. Trolle trollen. Es gibt nur ein Mittel für Kommentatoren, mit solchen Psychos umzugehen: Ignorieren. Für Moderatoren ist rechtzeitiges Bannen ein Muss, auch wenn man dadurch ewigen Zorn auf sich ziehen mag und sie noch wochenlang den Spamfilter vollkritzeln oder versuchen, das Spiel woanders fortzuführen.

Natürlich bedient sich nicht jeder Troll immer aller dieser Techniken. Aber das sind im Großen und Ganzen die Mittel, die sie anwenden. Wer so etwas hier treibt, fliegt raus. Leider wissen die Betroffenen diese Gnade selten zu schätzen, denn hier können sie schmerzlos erfahren, wofür ein Arschloch ihrer Sorte in jeder Kneipe ordentlich was in die Goschn kriegt. Probiert’s doch einfach mal aus!

 
Eine Kollage von K. Shwittas

Wir arbeiten engstens mit unseren amerikanischen Verbündeten zusammen.
Deutsche Bürger werden nicht überwacht.
Wir haben davon nichts gewusst.
Ich habe die Vorwürfe geprüft.
Der Datenschutz wird zu 100 Prozent eingehalten.
Zwei Datensätze sind an die USA übermittelt worden.
Der Präsident hat der Kanzlerin versichert, dass die Vereinigten Staaten ihre Kommunikation nicht überwachen und nicht überwachen werden.
Der Einsatz ist fokussiert, zielgerichtet, rechtsstaatlich.
Wir haben davon nichts gewusst.

Wir arbeiten engstens mit unseren amerikanischen Verbündeten zusammen.
Russland verletzt das Völkerrecht. Das ist inakzeptabel.
Wir arbeiten engstens mit unseren amerikanischen Verbündeten zusammen.
Das haben wir nicht gewusst.
Wir dachten, unsere amerikanischen Verbündeten fliegen Angriffe in Afrika.
Der Einsatz ist fokussiert, zielgerichtet, rechtsstaatlich.
Von Angriffen in Pakistan haben wir nichts gewusst.
Ich habe die Vorwürfe geprüft.
Die Kanzlerin steht im engen Austausch mit dem amerikanischen Präsidenten.

Der deutsche Außenminister steht im engsten Austausch mit seinem amerikanischen Amtskollegen.
Davon haben wir nichts gewusst.
Wir sind im Widerstand. Dabei arbeiten wir engstens. Auch die Kanzlerin.
Unsere Freiheit am Hindukusch muss familienfreundlich verteidigt werden.
Der Einsatz ist fokussiert, zielgerichtet, rechtsstaatlich.
Die deutsche Verteidigungsministerin arbeitet dabei engstens mit dem amerikanischen Amtskollegen zusammen.
Davon hat sie nichts gewusst.
Wir fühlen uns umfassend informiert. Es wurde uns bestätigt, dass die amerikanischen Amtskollegen uns nicht engstens überwachen.

Es ärgert mich, dass man sofort und ohne genaue Kenntnis jede Verdächtigung gegen unseren amerikanischen Verbündeten in die Welt setzen kann.
Unter Freunden muss man Klartext reden können.
Dieser edle Zweck, Menschenleben in Deutschland zu retten, rechtfertigt, dass wir mit unseren amerikanischen Freunden und Partnern zusammenarbeiten.
Aus Sicherheitskreisen verlautet.
Es wurden 45 Anschläge verhindert.
Es wurden mindestens 12 Anschläge verhindert.
Es wurden Anschläge verhindert.
Es wurde engstens verhindert.

[update: Siehe auch hier. Semantisches Lego zur Rechtfertigung des nächsten Angriffskrieges.]

 
fluch

Als ich heute las, der Berliner Fluchhafen werde auch bis 2017 nicht fertig, müsse vielleicht komplett neu gebaut werden, verbuchte ich das als einen weiteren Versuch, die Nachrichtenpsychose fest im Volkshirn zu verankern, die einmal im Jahr wenigstens die Frage zulässt, ob das jetzt bitte ein Scherz sein soll oder nicht. An allen anderen Tagen hegt man nicht einmal solche Hoffnung. Der BER, das ist bekanntlich inzwischen Mehdorns Baustelle, denn wenn etwas wirklich völlig verhunzt werden soll, wenn man nach der Fassungslosigkeit durch die Depression hindurch immer noch überrascht werden will, wie entsetzlich sich Missmanagement noch steigern lässt, nachdem alle undenkbaren Pannen bereits mehrfach verbraucht sind, dann muss man schon den Mehdorn holen.

Wie viele Milliarden das Ding noch kosten soll, hat mich noch nie interessiert. Schon gar nicht die Prognosen dazu. Jeder, der sich noch an irgendein Großprojekt erinnert, die Elbphilharmonie oder Stuttgart21 zum Beispiel, kennt das Spiel. Vom Doppelten zum Zehnfachen, das ist reine Geschmacksfrage. Dabei sind Korruption und Folgekosten noch nicht einmal eingerechnet. Mehdorn ist eh nicht geizig. Kohle ist satt da, zumindest um Posten doppelt zu besetzen, denn wer ihn kritisiert, fliegt raus. Ich meine: Da laufen eh viel zu viele rum, die noch von irgendwas eine Ahnung haben. Wie sieht das aus, wenn der Chef nur hohl aus der Wäsche schwafelt [youtube] und alle anderen mehr wissen? Eben, geht gar nicht!

Das Lustige an der ganzen Nummer ist nicht zuletzt, dass der BER irre wahnsinnig nötig ist, deshalb hatte man ja die zweidreivier achtneunzehn Milliarden übrig. Spätestens 2011 brauchte Berlin den vierten Flughafen, weil die Weltstadt sonst ruckzuck zum Dorf verkümmern würde. Nun, dafür ist jetzt eigentlich bereits gesorgt. Kann man dann nicht doch einen Freizeitpark draus machen? Ich habe übrigens kürzlich gehört, dass ständig Dampfwalzen über die Rollfelder fahren müssen, damit der auf Belastung ausgelegte Asphalt nicht platzt. Fünf Jahre dampfwalzen – dann kommt zwar eh die neue Decke drauf, aber hey, das sind Arbeitsplätze!

Alles durcheinander

Inzwischen frage ich mich allerdings, ob die paar tausend Millionen und das damit angezettelte Skandälchen nicht auch nur ein Ablenkungsmanöver sind. Ihr erinnert euch: Vor kurzem haben wir erfahren, dass wir total überwacht werden, von den NATO-Gestapos von NSA bis CIA, BND bis BKA. Alles Schnee von gestern, denn jetzt schreiten wir Seit’ an Seit’ gegen den Iwan. Hatte das vielleicht irgendwem gefehlt, das Kriegführen gegen Ostasien und Ozeanien? Et voilà! Unsere Granden mahnen China derweil tapfer zur Einhaltung der Menschenrechte.

Nicht gemahnt wird freilich der Friedensnobeldrohnenpilot, der Guantanamo-Menschenrechtler, der ganz nebenbei jüngst erfahren hat, dass seine CIA noch ganz andere Methoden der Vernichtungsfolter anwendet als die schon bekannten alternativen Befragungsmethoden®.

Okay, China richtet noch mehr Menschen pro Kopf hin als Texas, wenn auch nicht wesentlich. Dafür sind das erheblich weniger Schwarze, das zählt also doppelt. Andererseits sind das alles Menschen, die von einem brutalen Regime in juristischen Verfahren verurteilt wurden. Solche Grausamkeit ist sicher nicht zu vergleichen mit Kollateralschäden bei großflächig angelegten Exekutionen per Drohne, Hubschrauber oder Clusterfuckbombe. Der Chinamann stellt sich gern ein bisschen dämlich an mit den Menschenrechten und wirft das alles durcheinander.

Nein, ich sehe nur eine Chance, die Welt ins Lot zu bringen und zu verhindern, dass wir in genau der abgefuckten Psychodiktatur landen, die Orwell in “1984″ beschreibt. Wir müssen einen damit beauftragen das umzusetzen, von dem wir ganz sicher wissen, dass er selbst eine eng verfilzte Mafia von mehr als hundert Geheimdiensten zugrunde richten kann. Obama darf eh nicht mehr antreten, so here is what: Mehdorn for President!

 
porosch

Foto: Kathrin Möbius / Münchner Sicherheitskonferenz

Wer ist dieser Milliardär, der “den Maidan finanziert hat”, wie ich es jetzt in diversen Medien zu hören bekam, ohne dass jemand darüber aufgeklärt hätte, was das bedeutet. Schlimmer noch: Es hat niemand die Frage gestellt. Der Vorwurf, “den Maidan finanziert” zu haben, also die Proteste gegen die Regierung Janukowitsch, um sich hernach zum Regierungschef wählen zu lassen, schlägt doch wohl dem Fass den Boden aus. Gleichwohl haben dieselben Medien, die das melden, kein Problem damit, das alles “demokratisch” zu nennen. Wie das? Gibt es nach dem schon selbstverständlichen Finanzierungsvorbehalt für alles Politische inzwischen ein Selbstverständnis dahingehend, dass wer zahlt, auch die Regierung stellt?

Fragen wir die “Osteuropasprecherin” der Grünen, so ist er die beste Wahl:

So seltsam es klingen mag: Ich wäre durchaus erleichtert, wenn der Schokoladen-Oligarch Petro Poroschenko Ministerpräsident würde. Er hat meines Erachtens die Autorität und Klugheit, den Zusammenhalt des Landes zu organisieren.”

Nein, das klingt keineswegs seltsam. Es ist das, was man erwarten muss von Leuten, die völlig auf Linie getrimmt sind, autoritätshörig, korrupt und eindimensional.

Mit Geduld und Gewalt

Poroschenko ist ein Typ, der mit Geduld und Gewalt nach der Macht strebt und kurz vor dem Durchbruch steht. Er hat mit der Kapitalisierung des Ostens seine Milliarden gemacht, mit jedem paktiert, der ihm politische Ämter bot, war Zentralbankrat, Abgeordneter, Außen- und Wirtschaftsminister und Vorsitzender des Sicherheits- und Verteidigungsrates in verschiedenen Regierungen. Er hat sich einen Fernsehsender gekauft, von dem er sich gern interviewen lässt. Er hat Klitschko unterstützt bei den Wahlen zum Oberbürgermeister von Kiew, jetzt unterstützt Klitschko ihn.

Interessant, was er Ende letzten Jahres im Zusammenhang mit der von Janukowitsch geplanten Zollunion mit Russland zu sagen hatte: Es ging in erster Linie um die Verhinderung der Zollunion mit Russland. Dies wiederum ist umso interessanter vor dem Hintergrund dessen, was er 2009 zu Protokoll gab. Die Abhängigkeit vom IWF war ihm offenbar lieber, vor allem sah er zwei Alternativen, von denen ihm eine offenbar nicht schmeckte: Weitere Inflation oder ‘Sparprogramme’ und Kredite aus dem Westen. Er war klar für Zweiteres. Das ist unser Mann! Nicht zuletzt der der US-Wirtschaft. Ausdrücklich lobt Poroschenko 2012 die Investitionen von Shell und Chevron.

Die Demokratie retten

All das muss man sich zusammen klamüsern, was sich in einer halben Stunde aus frei zugänglichen Quellen auch bewerkstelligen lässt. Mit solchen Informationen wird aber sehr schnell deutlich, dass da nicht nur wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, sondern dass ein Potentat sich mithilfe westlicher Unterstützung und in dessen Interesse gerade auf den Thron hieven lässt. Sicher ist auch daran irgendwann Putin schuld®. Über die Unterstützung der Maidan-Bewegung durch Poroschenko erfahre ich inhaltlich im übrigen bestenfalls das, was er selbst dazu angibt (siehe SpOn-Interview), er habe “Holzpaletten, Brennholz und Trinkwasser” geliefert. Wer bohrt da einmal nach? Niemand? Schade.

Wie dem auch sei; selbst wenn man das darauf beschränkt, hat er aktiv eine Opposition unterstützt, die eine legale Regierung gestürzt und eine illegale installiert hat, tritt jetzt selbst an, von denen unterstützt, die er unterstützt hat und vom Westen, deren Interessen er vertritt, weil sie sich mit seinen überschneiden. Nicht zu vergessen, dass er seine Medienmacht und die seiner Kriegskasse in die Waagschale wirft. So sieht sie aus, beste Demokratie, die man für Geld kaufen kann.

 
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Bevor ich meine Erklärung abgebe zu einer Frage, die derzeit erfreulich offen und unbekümmert diskutiert wird – nämlich ob die Parolen in den Medien “zentral gesteuert” werden, muss ich ein kleines Highlight [Video dürfte in wenigen Tagen offline sein] kommentieren von einem, der so dreist Meinung macht, dass das ganze Elend des deutschen Journalismus deutlich wird.

Es ist Claus Kleber, der sich bei dem Versuch zum Spaten macht, einen Topmanager zu angemessenen Lippenbekenntnissen zu zwingen. Ich zitiere dabei nur Kleber. Siemens-Chef Kaeser wäre auch einer Analyse wert, der tut aber nur, wofür er bezahlt wird: Profit als Wohltat darstellen und den Seppel am anderen Ende erden, weil der und seine Mitschüler das Geschäft zu ruinieren drohen.

Ein Highlight

Zu Beginn kritisiert Kleber einen Ausdruck Kaesers. Das erleben wir so gut wie nie, dass einer so etwas wagt, schon gar nicht gegenüber einem Vertreter der Wirtschaft. Geschweige denn legte Kleber dieselbe Messlatte auch bei sich selbst an. Er belehrt Kaeser, der von “Turbulenzen in unserer Planung” gesprochen hatte, über die korrekte Wortwahl:

Das Weltereignis des russischen Eingreifens in der Ukraine, des wenn man so will Diebstahls der Krim, der internationalen Krisen, da ist „Turbulenzen” ein Ausdruck, der die Sache künstlich kleinmachen will.

Die Sache ist groß zu machen, und es ist Diebstahl. Der Journalist bestimmt hier autoritär die Sichtweise gegenüber einem Interviewgast.

Wir berichten immer wieder aus Russland wie in der Innenpolitik, wie in den Medien, wie in der Kunst, wie in Prozessen und in der Außenpolitik von Putin die Zügel angezogen werden, und Sie reden heute in Moskau von einer Werte-Gemeinschaft? An was für Werte ist da gedacht? Sicher nicht nur in Dollar und Euro.”

Wieder pocht Kleber auf die einzig wahre Sichtweise. Er macht deutlich, dass ‘sie’ (Nachrichten, Medien) “immer wieder” dasselbe sagen und erwartet, dass man dem nicht widerspricht. Diesen Vorgang, der in der Wertung “zieht die Zügel an” mündet, einer Wertung, die bedeutet, dass mit der Personalisierung auf Putin und dessen Verhalten keine “Wertegemeinschaft” mehr möglich sei, nennt er “berichten”.

Die Frage ist wie man sich gegenüber Russland im Moment verhält, und da ist Ihr Besuch eindeutig ein Zeichen gegen alles, was von Merkel bis Obama, von NATO bis EU und OSZE gegen und mit Russland unternommen wird. Sie besuchen da ein Land, das im Moment niemanden mehr im Weltsicherheitsrat hat, das auf seiner Seite abstimmt, und es gibt konkrete Gründe dafür.

Hier wird in Stellung gebracht, wer die Front bestellt. Die OSZE betreffend, ist das nebenbei bemerkt eigensinnig interpretiert. Aber Obama, Merkel, die EU und die NATO sind diejenigen, deren Linie unwidersprochen hinzunehmen ist. Das ‘Argument’ bezüglich des Sicherheitsrats ist schlicht Unsinn, aber damit wäre noch eine ‘wichtige’ Instanz genannt. Was so viele wichtige Instanzen sagen, muss richtig sein, alles andere falsch. Das ‘Interview’ hat hier übrigens längst aufgehört, eines zu sein. Kleber will Kaeser aggressiv auf Linie bringen.

Ihnen kann nicht entgangen sein, dass sie mit dem heutigen Besuch konterkarieren, was die westliche Politik versucht aufzubauen, nämlich eine Kulisse, die Russland sagt: Es gibt ein internationales Verhalten, das nicht toleriert wird, für das ein Preis bezahlt wird und das Russland ändern sollte.”

Noch einmal das Drängen auf die Annahme der ‘westlichen’ Sichtweise, ohne jedes inhaltliche Argument, ohne historischen Bezug, ohne ein einziges Argument der Gegenseite zu achten, ohne die vorgeblichen Anforderungen an “internationales Verhalten” zu problematisieren. Schlichtes Beharren auf eine sehr konkrete – im übrigen interessengeleitete – Sichtweise. Die Wahl des Begriffs “Kulisse” dürfte eine Freudsche Fehlleistung sein und wirkt erfrischend entlarvend.

Das mag bis hierhin reichen, das ganze Transkript hat Pantoufle gestern schon geleistet.

Ausgezeichnet

Ein besonderer Witz an diesem Tiefpunkt journalistischer Propaganda ist der Orden, mit dem Kleber 2010 behängt wurde, nämlich der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, der mit dessen Spruch garniert ist:

Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.

Es scheint, als würden inzwischen solche Journalisten ausgezeichnet, die in besonderer Weise illustrieren, was damit gemeint ist. Schaut euch den Kleber an; wann immer ihr den Verdacht habt, ihr könntet auf dieses Niveau sinken, kehrt um!
Für eine halbe Million Jahresgehalt ist das die Unabhängigkeit, die man geliefert bekommt. Vielen Dank für Ihre Rundfunkgebühren! Es ist nur konsequent, dass sich solche Operettengeneräle noch mit Orden behängen lassen.

Albrecht Müller weist zurecht auf die atlantischen Zirkel hin, in denen die geostrategische Logik der NATO gepaukt wird, zieht aber nicht die richtigen Schlüsse daraus. Es geht nämlich nur sehr nebensächlich um die Inhalte und deren Steuerung. Hier sind die Think Tanks der Industrie – die pikanterweise gerade über Kreuz zu liegen scheinen mit denen der Atlantiker – vermutlich effizienter. So lange da kein Konflikt besteht, die Vertreter des Kapitals sich also einig sind, gibt es da allerdings kaum einen Unterschied.

Das Wesentliche aber an den Atlantikern, den Think Tanks, den ganzen Clubs und Grüppchen, in denen natürlich auch die Marschroute abgestimmt wird, ist die Bildung von Seilschaften und Anhängern. Wer dazugehört, darf sich wichtig fühlen – das Adabei-Syndrom halt. Wer wirklich relevant ist, trifft hier Leute, die ihm nützlich sind und denen er selbst nützlich sein kann. Das macht Karrieren und das prägt sie. Am Ende steht dann einer im Rampenlicht, der gelernt hat, Rücksicht zu nehmen und denken zu lassen. Dumm nur, wenn er es selbst nie lernt. Dann steht er da wie Claus Kleber und weiß plötzlich nicht mehr, welchem Herrn er eigentlich dienen muss.

 
fabrik

Die einen meinen, die SPD sei irrelevant. Kann man so sehen. Parteien im allgemeinen schon, dann die SPD im besonderen. Kann ich nachvollziehen. Wären da nicht die anderen, die man einfach für blöd erklären und dann irgendwo liegen lassen kann, diejenigen, die noch an politische Veränderungen in der und durch die ‘parlamentarische Demokratie’ glauben. Ich gebe zu, so ganz undusselig kann ich die auch nicht finden, aber ich will sie nicht liegen lassen. Vor allem deswegen nicht, weil ich vermute, dass es viele gibt, die sich in einem Ablösungsprozess von diesem Glauben befinden, und denen möchte ich gelegentlich noch ein wenig Futter für den Disput geben – sei es, dass sie’s brauchen können, sei es, dass sie sich drüber ärgern.

Ich fuhr heute durch eine Nachbarstadt und wurde eines Slogans angesichtig, der mich einmal mehr in die Gefahr des Schleudertraumas brachte ob zu heftigen Kopfschüttelns. Er scheint etwas älter, denn hier zum Beispiel hat sich jemand bereits im vergangenen September dieses Hirnkrampfs angenommen. “Wer alles gibt, muss mehr bekommen“, heißt es da, und gemünzt ist das auf den Mindestlohn.

Fordern und füttern

Es ist keineswegs bösartig interpretiert, sondern nachgerade zwingend zu verstehen, dass die SPD eine gute Behandlung von Sklaven verlangt. Nicht nur das, sie befürwortet darüber hinaus und unter dieser Bedingung die Sklaverei ausdrücklich. Die “Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen“-Partei erwartet, dass ihre Idealklientel “alles gibt”. Alles, das ist das, was sie fordert. “Fördern” heißt dann, dass ein ‘Mindestlohn’ gezahlt wird, der so gerade eben zum Leben reicht. “Mehr” soll es sein als das, was es heute ist, nämlich weniger als das Existenzminimum. Das Ziel ist es also, jemandem der “alles” gibt, seine gesamte Arbeitskraft nämlich ein Leben lang, so viel zukommen zu lassen, dass er essen kann. Wer weniger gibt, expressis verbis, soll nicht essen.

Erfahrungsgemäß springen selbstempfundene Sozialdemokraten wie die Fliegen vom Dung, wenn ihnen ein Passant dieser Art begegnet, einer, der ihnen sagt, was die Partei wirklich anrichtet. Sie wollen dann erklären, das seien bösartige Unterstellungen, man wolle doch und könne nur und müsse doch wegen der Arbeitsplätze und der Globalisierung und überhaupt. Aber sonst seien sie die Partei der Ehrlichen und Fleißigen, der Arbeiter also, wie sie sich diese vorstellen.

Nicht schon wieder …

Sie können es sich nicht vorstellen, sie haben es noch nie an sich herangelassen, die Sozialdemokraten – und zwar die kleinen, die immer meinen, sie seien in der Partei der kleinen Leute, die wirklich niemand korrumpiert hat (weil sie keine Funktionäre sind), die es wirklich ehrlich meinen: dass es immer wieder auf das hinausläuft, was wir schon wieder erleben, im 21. Jahrhundert, einen Klassenkampf. Das ändert freilich nichts daran, dass sie ein Teil dieses Klassenkampfes sind und dass sie immer, aber auch immer wieder auf derselben Seite stehen, nämlich auf der der Reichen und Mächtigen. Wenn jemals ein relevanter Sozialdemokrat bemerkt hat, auf welche Seite es ihn verschlagen hat, war es zu spät. Immer. Dass man sie trotzdem wiederholt aussortiert hat, lässt sie dennoch denken, sie hätten alles richtig gemacht, denn sie waren ja im Widerstand.

Und so sind sie heute noch, wenn auch auf ein Viertel ihrer einstigen Stärke zusammengeschrumpft. Kinder und Enkel von Lohnsklaven, die sich für Lohnsklaverei einsetzen – für eine gerechte Lohnsklaverei natürlich, in der der Arbeitgeber, der für die Arbeitsplätze sorgt, seine Sklaven nicht hungern lässt; in der nur die nutzlosen Sklaven hungern, die faulen und die verschwenderischen (im Ausland). Für Sklaverei und Vaterland, gegen den Feind im Osten und gegen die kommunistische Geißel der Menschheit. Aber alles in allem links.

 
adolflatterMan kann Putin nicht mit Hitler vergleichen. Putin ist nicht Hitler. Hitler ist tot. Putin ist schlimmer als Hitler. Außerdem ist Putin Russland. Russland ist derweil immer noch das kommunistische Moskau. Russland ist das Böse. Putin ist das Böse. Ja, so primitiv ist die Propaganda. Sie ist auch so primitiv:

Dabei hat es wohl noch nie einen weniger aggressiven Militärpakt gegeben als die Nato [...] Und dennoch wird jetzt wieder gern die Behauptung Moskaus geglaubt, es sei der Westen, der sich nicht an Vereinbarungen gehalten habe: Er habe Russland im Zuge der Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands versprochen, die Nato nicht nach Osten auszudehnen.

Der Lügner, einmal in Fahrt, kennt nur noch Feindrecht, Feindsicht, Feindjournalismus. Wir gut, die böse. Wer übrigens wissen möchte, was es mit dem Versprechen der NATO-Staaten an die Sowjetunion auf sich hat, ist mit diesem Artikel ganz gut bedient. SpOn einmal gar nicht so schlecht. Und auch so primitiv ist die Propaganda: Das hier hat absolut nichts mit Putin, Russland oder der Ukraine zu tun. Da aber wem Unrecht geschieht, muss das sein “wie in Putins Russland“. Das alles an einem Tag, von einem einzigen Medienerzeugnis. Die anderen sind übrigens auch kaum besser.

Geschichte wird gemacht

Ich bin immer noch kein Freund von Jakob Augstein, schon gar nicht von SpOn, aber dem einen im anderen noch einmal ein Lob, weil er nicht einstimmt ins Gebrüll. Stattdessen ein wenig Geschichtsunterricht. Das bildet, wird aber als Argument nicht gehört werden. Im übrigen muss natürlich festgestellt werden, dass die Propaganda des “Spiegel” keinen Deut besser ist. Allein das Titelblatt “Der Brandstifter – wer stoppt Putin” hält stolz die Stellung ganz unten in der Kommode.

In der nämlichen Schublade aber hält heute Berthold Kohler den Spitzenplatz am Boden. Seine Argumente sind so dumm, dass man sie am Stammtisch genau deshalb gern hört, weil sie eine Aufforderung sind, die nächsten fünf Biere zu exen. Anders nicht auszuhalten. Sie sind von der Art, dass 3+3 nicht 6 sein kann, weil 4+2 schon 6 ist. Ich kann gar nicht böse sein, weil du es bist. Noch ein ‘Argument’:

Wie hätte da ausgerechnet eine deutsche Regierung Nebenabreden mit Moskau treffen können, die den postkommunistischen Ländern in Ostmitteleuropa das Selbstbestimmungsrecht (auch in Bezug auf Bündnisse) verweigern, das Deutschland für sich selbst zu Recht beanspruchte – und das Putin nun vorbehaltlos der Krim zugestand?”

Nichts zu blöd

Na, dreht sich alles? Was Genscher gegenschert hat, tat er im Namen der West-Verbündeten. Der US-Außenminister bestätigte diese Zusage. Okay, das war gelogen und kein Teil des Vertrages. Aber die Guten müssen die Bösen belügen, richtig? Wer in dem Zitat da oben Subjekt, Prädikat und Objekt eindeutig zuordnen kann, möge sich btw bitte melden. Es bedeutet also ungefähr das hier: Ein Militärbündnis kann einem anderen keine Zusagen machen über künftige Mitglieder. Das wiederum ist dasselbe wie die Anerkennung der Souveränität einer Region durch einen annektierenden Staat? Und selbst wenn man dabei bleibt, Deutschland mit der Krim zu vergleichen, wo ist der verdammte Zusammenhang? Hilfe!

Ich könnte wochenlang so weitermachen, mir ginge der Stoff nicht aus. Kollege Pantoufle hat ebenfalls etwas hingelegt, das die Dinge ein wenig zurechtrückt. Wir werden vereimert in galaktischen Dimensionen. Nähme man sich die Argumentationen des Feindjournalismus zum Beispiel, liefe das darauf hinaus, dass Putin ein Heiliger sein muss. Warum? Weil Obama lügt zum Beispiel. Obama hatte versprochen, Guantanamo zu schließen, lässt aber weiter foltern. Er hat den Friedensnobelpreis durch eine Ausweitung der von ihm angeordneten Drohnenmorde gerechtfertigt, mit der er sich auch noch brüstet.

Die USA und die EU destabilisierten außerdem wiederholt die Ukraine, paktieren mit Faschisten und irren Oligarchen. Aus diesen und anderen niederträchtigen Vorgängen muss man also schließen, dass der Feind dieser Feinde nur ein Guter sein kann? Nach dieser Logik schon, denn das kommt dabei herum, wenn man in solchen Kategorien denken lässt. Propaganda von Idioten für Idioten.

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