shutup

Es hört nicht auf, dass sich Journalisten über ihre Leser beschweren, von ihnen am Ende verlangen, die besseren Journalisten zu sein und jedem “Verschwörungstheorien” anzudichten, der anderer Meinung ist. Dabei halluzinieren sie sich selbst expressis verbis Verschwörungen von Internetbösewichten zusammen, die sich absprechen, um in den Foren die Debatte zu bestimmen. Das ist in dieser Ausprägung krank, aber es hilft nicht, sich an solchen Reaktionen abzuarbeiten, denn es gibt eine Lösung, die konstruktiver ist als der berechtigte Vorwurf, dass die versammelte Journaille einen an der Waffel hat.

Zunächst einmal einige Zitate, die nicht ganz abgesichert sind, weil es sich offenbar um solche aus Printartikeln handelt, die ich mir nicht so fix besorgen kann. Korrekturen jederzeit erwünscht!

Der Leser und seine Defizite

Hans Leyendecker beschreibt den Verschwörungstheoretiker:
Es lag immer schon in der Natur von Verschwörungstheorien, dass sie nie zu widerlegen waren. Keine Beweise? Na bitte, das beweist doch nur, dass die Verschwörer verschlagen sind, weil sie ja sonst Spuren hinterlassen hätten. [...] Der 11. September, der Kennedy-Mord – alles ganz anders als es verbreitet wird. Verschwörungstheoretiker fangen immer mit der eigenen Schlussfolgerung an und ordnen dann dazu passend die Welt.

Letzteres ist sehr zutreffend, und Leyendecker erlaubt sich, das gegen die Leser in Stellung zu bringen, was ja nur zu berechtigt wäre, wenn nicht eine der Sternstunden der Leserschelte sich neulich bei SpOn so gestaltet hätte: Nachdem der Spiegel sich mit haltlosen Angriffen gegen Putin blamiert hatte (die Absturzursache des Flugzeugs ist bis heute ungeklärt), wurde ein Leser vom Redakteur gefragt, ob er denn „konkrete Belege“ hätte, dass die Situation anders gewesen sei als vom Spiegel behauptet. Da setzt sich die Journaille ins Recht, das so lange gilt, bis der Leser das Gegenteil bewiesen hat. Hier wird gleich ganz auf Belege verzichtet, da ist sogar der Verschwörungstheoretiker mit seinen Mühen post festum noch seriöser.

Noch ein Zitat von Leyendecker:
Guter Journalismus muss, zumindest wenn es um Recherche geht, völlig ergebnisoffen sein. Aber sind Leser ergebnisoffen? Will jeder Leser die Annäherung an die Wahrheit? (…) Es gibt Defizite bei den Medien und es gibt Defizite bei den Lesern“.

Verschwörung? Konzertierte Aktion!

Wenn der Journalismus aber nicht ergebnisoffen ist, ist er Müll. Dann macht ihn nichts besser, auch nicht die blödeste Leserreaktion. Aus solchem Unfug spricht der beleidigte Gatekeeper: “Journalisten belehren Leser, nicht umgekehrt!” ist die Devise. Dass es einen Dialog geben könnte, darauf kommt der Mann gar nicht. Was juckt es mich, wenn mich ein Irrer beschimpft in einem Forum, in dem mich auch Menschen mit Verstand korrigieren? Will ich etwas lernen? Dann suche ich mir die Beiträge heraus, die dazu geeignet sind und fokussiere nicht auf die anderen. Stattdessen werden aber mit schalen Ausreden gleich alle gemobbt oder ausgesperrt, die anderer Meinung sind.

Nonnenmacher von der FAZ wird zitiert, es sei “eine konzertierte Aktion am Werk, erkennbar an fast wortgleichen Mails“, wenn der Putinversteher bei ihm vor der Tür steht. Welch eine Bankrotterklärung! Das Phänomen, wenn es denn nicht erfunden ist, nennt sich “Spam”. Das wirft man weg und fertig. Ich habe hier auch regelmäßig Kommentare, die kommen mir verdächtig vor. Finde ich sie dann wortgleich woanders, landen sie im Schredder. Andere sind so allgemein gehalten, dass sie sich offenbar nicht auf den Artikel beziehen. So etwas fliegt raus. Und weil sie also nicht die Kompetenz haben, Spam von ernstzunehmenden Kommentaren zu unterscheiden, wittern sie eine “konzertierte Aktion”.

Sowas kommt von sowas. Was auch immer den Journalismus so ruiniert hat, was dazu beiträgt; ob nun Hinterzimmertreffen, Think Tanks, miese Bezahlung, Lobbyismus, Kostendruck, Eitelkeit, Vetternwirtschaft oder das Wetter, kann mir hier wurscht sein. Das Allerletzte ist aber, das in eine Leserbeschimpfung münden zu lassen anstatt seinen eigenen verdammten Job so zu machen, dass man sich nicht dafür schämen muss. Das Bild da oben sagt doch alles: “Diskussion geschlossen – lesen Sie die Beiträge!”. Was soll das anderes heißen als “Schnauze, du bist hier nur Leser!“?

[Update:] Hier beim Max noch mehr zum Thema, hier bei Gärtner, hier beim Tuxprojekt und hier bei der Metawahrheit.

 
tast

Im August vergangenen Jahres hat Fefe einige Bemerkungen zum Tor-Projekt gemacht und kam zu dem Schluss:
Das Problem an sich, dass wir unseren Regierungen nicht mehr trauen können, und einer totalen Schnüffelei ausgesetzt sind, das ist kein Problem, das man technisch lösen kann.
Ich finde das deshalb erwähnenswert, weil sich der Schluss aus einer vordergründig unpolitischen Sicht ergibt und damit das genaue Gegenteil dessen darstellt, was ich bei einem Blick in die Nachbarschaft durchleide – das sozialdemokratische Credo: “Wir brauchen nur eine gesetzliche Regelung“.

Man muss kein Technikexperte oder Hacker sein, um das Problem im Groben zu verstehen: Das Tor-Projekt soll Anonymität im Netz ermöglichen, indem die Spuren der Nutzer verwischt werden. Der Aufwand, diese Spuren dennoch sichtbar zu machen, wäre nicht nur immens, er setzte die totale Überwachung sämtlicher Netzverbindungen voraus, ein Zustand, wie man ihn sich nur in der übelsten Diktatur vorstellen könnte, und selbst die hätte vermutlich nicht die Mittel, das weltweit zu besorgen.

Wenn wir an die Macht kommen

Tja, und genau da liegt der Irrtum. Ob man die vernetzten NATO-Geheimdienste “diktatorisch” nennen muss, ist eine akademische Frage, an deren Beantwortung mir nichts liegt. Die politische Dimension der technischen Macht, die sich dort ballt, ist hingegen schlicht furchtbar. Dabei gehört jeder der namhaften Geheimdienste zu einer parlamentarischen Demokratie (ich erlaube mir hier, die “konstitutionellen Monarchien” dazu zu zählen, weil sich deren Struktur nicht davon unterscheidet). Diese ‘Demokratien’ haben allesamt nach Verfassung und Gesetzeslage die Pflicht und das Recht, ihre Dienste zu kontrollieren und sie auf die Einhaltung der Bürgerrechte zu verpflichten. Sie tun es aber nicht.

Sie tun es nicht, obwohl milliardenfacher Datenmissbrauch, Unterstützung und Durchführung von Folter, Mord und Verschleppung bekannt sind. Sie tun es nicht und machen uns glauben, sie könnten es nicht, weil ihnen Informationen vorenthalten würden oder weil sie halt geheim seien. Sie kommen ihrer gesetzlichen und verfassungsmäßigen Pflicht nicht nach, und das hat keine Konsequenzen für die Verantwortlichen. Die politischen Funktionäre, die dazu tätig werden müssten, bleiben untätig oder schützen diese Dienste.

Darf nicht, kann nicht

Welchen anderen Schluss lässt das zu als dass “wir unseren Regierungen nicht mehr trauen können”? Übrigens kommen die nicht zufällig zustande, das geht hier seinen Weg über die Filter von Parteien, Medien und – ja – auch der Dienste, die Karrieren zulassen oder nicht. Wenn das nun also so ist, wie naiv muss man eigentlich sein, um massive Änderungen am System auf gesetzlichem Wege für möglich zu halten? Wie dumm ist das von den Sozialdemokraten aller Geisteszustände stets gemurmelte “Man müsste nur”, wenn man weiß, dass nicht einmal die grundlegenden verfassungsmäßigen Rechte durchgesetzt werden in dieser besten aller Demokratien?

Die einfachen Gesetze der Logik spielen beim politischen Expertentum offenbar keine Rolle. Die simple Unterscheidung zwischen Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit und Unmöglichkeit, die Lehre aus sich historisch dauernd wiederholenden Vorgängen, das Erkennen systemischer Widersprüche – da ist nichts, das sie aufhält in ihrem treuen Glauben an die Volksvertretung und die Macht der Wähler. Etwas, das noch nie funktioniert hat, das immer wieder dasselbe Resultat hervorbringt, wird zu einem mysteriösen Unfall verklärt, weil es nicht ins Weltbild passt. Das kann kein Bug sein, das ist doch der Kern unseres Programms!

Vielleicht sollten wir uns doch besser von Hackern regieren lassen.

 
Wenn die Propaganda “Arbeitsplätze” oder “Arbeit” sagt, dafür einfach “Profit” einsetzen, und schon stimmt der Satz.

 
Ein paar Hintergründe zu der aktiuellen Kampagne gegen Rot-Rot-Grün: Es muss ja unbedingt verhindert werden, dass die Partei “die Linke” eine Koalition mit den Neoliberalen eingeht und einen alten Westlinken und Sozialdemokraten zum Ministerpräsidenten wählen lässt. Warum? Wegen Stasi und so. Linke ist Stasi, dagegen muss vor allem die CDU mächtig wettern.

Kurz zur Stasi, vielmehr zur Stasi der Guten: Wir wissen, dass die Dienste, die inzwischen die totale Überwachung einrichten, ohne dass es wirksamen politischen Widerstand gibt, von den US-Sicherheitsdiensten und ehemaligen Gestapo-Leuten aufgezogen wurden und dass der braune Mief dort noch heute weht. Über die Gestapo muss ich nicht allzu viel sagen, aber vielleicht einmal mehr über die amerikansichen Freunde. Als ich erklärte, dass die Erhebung von Daten vor allem dann nützlich ist, wenn man jemanden erpressen will, kannte ich das hier noch nicht.

Das FBI hat also aktenkundig versucht, Martin Luther King zum Selbstmord zu bewegen, was bereits bekannt war. Neu ist der Inhalt der bislang geschwärzten Zeilen, in denen King mit angeblichen Beweisen für perverse sexuelle Praktiken erpresst wird. Nicht von der Mafia oder vom Ku-Klux-Clan, sondern vom FBI. Von den Guten®, die den Westen und seine Werte schützen.


Gut vs. Böse

Dann zur CDU: Die regiert offenbar ungeniert mithilfe von Wahlfälschung, was nicht zum ersten Mal aufflöge, wenn sich der harte Verdacht bestätigt. Diese Musterdemokraten müssen natürlich darauf achten, dass sie nicht von der Macht abfallen, denn da haben sie schon immer dem Volk gedient, wie damals in der DDR, als sie im Widerstand waren. Da wiederhole ich mich jetzt einfach:

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Es ist schon ein widerliches Pack, das sich “demokratisch” gibt, obwohl jeder weiß, daß es das DDR-Unrechtsregime gestützt hat. Vom Mauerschützen bis zum ideologischen Verteidiger des “Schutzwalls”, der noch 1989 sagte:

Was die Mauer betrifft, so lassen wir uns nicht deren Schutzfunktion ausreden – ganz einfach, weil wir den Schutz spüren vor all dem, was hinter der Mauer jetzt an brauner Pest wuchert.

So sah Ulrich Junghanns die Welt, der noch das SED-Regime hochhielt, als die Mauer schon bröckelte. Nun (2008) ist er Landesvorsitzender seiner “Partei”, stellvertrender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister in Brandenburg.

Sein realsozialistischer Kumpel Klaus Schmotz will derweil Oberbürgermeister von Stendal bleiben. Die Parteiprominenz untersützt ihn natürlich dabei, obwohl alle wissen, daß er ein DDR-Grenzoffizier war. Die unverbesserlichen Genossen von damals schämen sich auch nicht, dem ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR zu seinem 50. Todestag eine Annonce zu widmen. “Unvergessen! Otto Nuschke”, heißt es da. Kann man mit einer Partei koalieren, die so mit ihrer Vergangenheit umgeht?

Warum es “Wende” heißt

Nuschke, Schmotz und Junghanns waren bzw. sind Mitglieder der CDU. Die Übernahme der “Blockflöten” aus der DDR-CDU lief ganz stickum, und Kohl hat sich damals gefreut, eine beachtliche Infrastruktur im Osten zum Nulltarif zu bekommen. Daß die Ost-CDU stramm realsozialistisch war, mußte ihn nicht stören, schließlich waren das Schleimer par exellence, und so etwas integriert sich ganz fix. Genau so schmerzfrei wie heute sein Klon Pofalla, hat schon damals Peter Hintze mit seiner “Rote-Socken”-Kampagne vor dem Gesocks gewarnt, das längst zum Wahlverein seines Kanzlers gehörte.

Natürlich unterschied er zwischen den Guten (CDU) und den Bösen (PDS), und natürlich war er schon damals nicht bereit, Fragen zu diesem dummdreisten Unsinn zu beantworten. Tatsächlich konnten CDU und FDP aus den Blockparteien der Volkskammer wohlorganisierte Claqueure des SED-Regimes übernehmen, und die PDS ging aus der SED hervor.

Nur die SPD mußte im Osten ganz von vorn anfangen. Ausgerechnet der SPD aber wird noch immer von den Bürgerlichen und ihren Medien vorgeworfen, sie mache gemeinsame Sache mit Kommunisten. Das Ganze ist so offensichtlich und lächerlich, daß man es mit einem Schmunzeln abtun könnte. Schaut man sich aber an, wie hartnäckig und erfolgreich diese Lügen weiter verbreitet werden, kommt einem regelmäßig der Kaffee hoch.

 
Der folgende Artikel wird euer Leben völlig verändern. Es gibt kein Zurück zum ‘Vorher’, also überlegt euch gut, ob ihr das wissen wollt! Was da auf euch zukommt, hat man noch vor wenigen Tagen für völlig unmöglich gehalten – nicht bloß aus ideologischen Gründen, sondern weil es schon physikalisch unmöglich zu sein schien. Eine solche Sensation ereignet sich nur einmal in vielen tausend Jahren, aber wir müssen dem ins Auge sehen. Es mag sein, dass sich Legenden als wahr erweisen. Menschen, die übers Wasser gehen, Feuer speiende Drachen oder Zauberkräfte sind ein müder Abklatsch gegen diese Nachricht. Lesen Sie jetzt bei Clickbaiter’s, wie Sie auch bald über sagenhafte magische Fähigkeiten verfügen!

Es gab in den letzten Wochen einige Diskussionen um Medienkompetenz, in deren Rahmen ich u.a. des Begriffs “Clickbaiting” gewahr wurde, den ich noch nicht kannte. Früher benannte man dergleichen mit dem ebenfalls schönen Deutschen Wort “Awareness” in diversen Kombinationen wie -hure oder -schleuder. Die Variante des Clickbaiting ist allerdings nicht nur weit verbreitet, sondern auch besonders nervig. Es reicht mir schon völlig aus, wenn ein Teaser, die kurze Einleitung zu einem Artikel, mir nicht mitteilt, worum es geht. Dann bin ich weg und komme nicht wieder.

+++EILT+++SENSATIONELL+++ACHTUNG+++LOSLOS AUFMACHEN!!!+++

Auch jene Teaser haben es mir schwer angetan, die mir absichtlich eine einfache Information vorenthalten. Man soll dann einen ganzen Artikel aufrufen, um etwas zu erfahren, das auch in drei Wörtern oder zwei Zahlen geht. “So sensationell gewann der FC Bla gegen den VfL Blub” etwa. Anstatt das Ergebnis mitzuteilen, wird der Quatsch aufgeblasen, man soll dann noch eine weitere Seite aufrufen und wird mit noch mehr Werbung beglückt. Das kann jeder, es funktioniert immer gleich und ist nichts als publizistischer Spam.

Natürlich gibt es ganze Domains, die nichts anderes machen, aber ich kenne auch kaum einen Medienverlag, der auf diese Beleidigung der Intelligenz seiner Kunden verzichtet. Es ist die nächste Attacke des Boulevards auf den Restjournalismus. Mich ätzen dabei schon Ankündigungen an, die mit Fragepronomen daherkommen: “Wie Sie …“, “Was er …“, “Warum wir…“. Anderes Beispiel; “So” oder “Darum”, Beispiele von heute: “Knigge 2.0 So leicht blamieren Sie sich am Handy“; “So kommt die Milch ohne Kleckern aus der Tüte“; “Darum haben Amerikaner mehr Kinder als Deutsche” (alle von stern.de).

Darum ist der Russe so brutal

Derart wird behauptet, es würden relevante Fragen beantwortet, tatsächlich aber hat sie niemand gestellt, die Antwort bleibt aus und der Sermon ist obendrein banal. Vor allem aber ist dieser Ankündigungsstil der Ersatz für eine Information, für die zu interessieren ich mich entscheiden könnte. Wenn ich eine Vorstellung davon habe, was mich erwartet, kann ich mir das anschauen oder nicht.

Das genau aber ist nicht gewollt, ebenso wenig wie Zustimmung oder Ablehnung im Rahmen einer kritischen Lektüre. Es wird vielmehr eine Belehrung angekündigt über eine scheinbar relevante Frage, und dann kommt heiße Luft. Wenn die Entmündigung schon im Auftakt stattfindet, hat das aber Folgen: Auf die Dauer wird der vorletzte Depp lernen, dass es sich nicht lohnt, so einen Stuss zu lesen. Zahlen wird dafür auch niemand mehr. Vermutlich ist dann wieder Google schuld.

 
ijunk

Für mich das Symbol dieses Jahrhunderts: Menschen gehen gebeugt durch die Straßen, kein Blick links oder rechts, schon gar nicht für Mitmenschen, und streicheln ein Spielzeug. Ein Spielzeug, für dessen Besitz sie ungeheure Ressourcen aufbieten müssen und das ihnen dafür suggeriert, sie hätten Kontakt zu anderen Menschen.

Das Phänomen ist nicht von langer böser Hand geplant, aber natürlich ein Kollateralschaden, den der Kapitalismus nicht bloß hinnimmt, sondern nach Kräften vergrößert, weil er den Profiten dient. Eine Voraussetzung für dieses Verhalten ist die beinahe totale Entfremdung, und diese wiederum ist das Resultat einer zeitlichen Verwerfung, die sozial nicht mehr handhabbar ist. Es geht um Kommunikation, für die keine Zeit mehr ist, Kommunikationsersatz in Echtzeit, der die Zeit verschlingt, die für Kommunikation eigentlich nötig wäre.

Der nächste Schuss

Es gab vor dem Internet auch schon Kommunikation in Echtzeit und solche mit Zeitverschiebung. Letztere war der klassische Brief, für den sich die Schreiber gemeinhin Zeit nahmen, häufig ihre Formulierungen wohl bedachten und sich darüber im Klaren waren, dass bis zur Antwort Zeit vergehen konnte – Tage, vielleicht Wochen. Alles andere, telefonieren und das persönliche Gespräch, verlangte Anwesenheit, zumindest direkte Aufmerksamkeit. Das Gespräch hatte einen Anfang und ein Ende. Die Partner bewegten sich bewusst innerhalb dieser Grenzen.

Im Netz ist das anders. Die Kommunikation erfüllt niemals mehr die Erwartungen, weil sie unbegrenzt ist. Niemand kann unbegrenzt kommunizieren, sehr wohl aber unbegrenzte Erwartungen entwickeln. Für Menschen, die nicht die nötige Disziplin und Vernunft aufbringen, ist sie also stets frustrierend und hinterlässt das Bedürfnis nach mehr. Sie sind Getriebene einer unerfüllbaren Erwartung, Süchtige. Sie sind die Mehrheit der Nutzer, zumal der jüngeren.

Die unbegrenzte Zeit der Kommunikation und ihre Erwartung führen dazu, dass ständig irgend eine Antwort auf irgend eine Antwort ersehnt wird, ohne dass man wüsste, ob und wann diese erfolgt. Das Stakkato eingehender Nachrichten ohne Relevanz ist derweil ebenso unerträglich wie das vergebliche Warten, das den Zweifel nährt: Bin ich vielleicht unbeliebt, irrelevant, langweilig?

Bald, vielleicht …

Eine Gesellschaft, die sich Sorgen um die psychische Integrität ihrer Angehörigen machte, müsste dieses Problem weit oben auf die Agenda setzen und sich mit Strategien befassen, die helfen Grenzen einzuziehen, um der manischen Sucht nicht freien Lauf zu lassen. Man müsste zumindest eine intensive Debatte darüber führen, ob man das so will, es zulassen kann oder gegensteuern will. Es wäre dringend erforderlich zu analysieren, inwieweit diese Entwicklung andere Erfordernisse des sozialen Lebens unmöglich macht.

Selbstverständlich wird diese Diskussion aber nicht ernsthaft geführt, schon gar nicht mit Aussicht auf eine Eingrenzung oder Entlastung der grenzenlos Getriebenen. Schließlich kann ein auf Wachstum® d.h. Profite fixiertes System nur froh und dankbar sein über bewusstlos konsumierende, immer unzufriedene Zombies, denen man vorgaukeln kann, das Glück, die Freundschaft, die Geborgenheit läge vielleicht in der nächsten Maschine, die das alles noch besser kann mit der Kommunikation. Die uns immer dorthin führt, wo alle sind – die uns mögen, alles mit uns teilen oder einfach mal quatschen.

 
hdgdl

Eigentlich hatte ich hier bereits alles gesagt, aber es wird ja nicht besser, und daher verweise ich erstens darauf, was andere noch zu sagen haben, zum Beispiel der Kieztourette oder Monsieur Sabot. Und für die Kleinen, die tatsächlich keinerlei Idee mehr haben, was ein Streik eigentlich ist, sei zweitens die Wikipedia empfohlen, für den Anfang.

Gerade gestern hatte ich wieder eines dieser Gespräche; jemand machte mir deutlich, dass man mit der Aufnahme einer Arbeit wisse, was man bekomme und daher kein Recht habe, sich zu beschweren. Ernsthaft vertrat der Mann in der Konsequenz die Ansicht, es hätte kein Streikrecht zu geben und man müsse sich stets am unteren Limit orientieren. Wenn einer mehr bekommt als der andere, ist derjenige, der weniger bekommt, im Recht. Wer mehr fordert, ist unverschämt. Ich nannte das “gehirngewaschen”, was willst du machen? Der grandiose Erfolg, diese Haltung erzeugt zu haben, wird jetzt für die nächste Stufe genutzt:

Hängt ihn!

Das ‘Doxxen’, also die Veröffentlichung von Adresse, Telefonnummer und anderer privater Daten, wie es zuletzt durch die deutsche Hetzpresse gegenüber dem Chef der GdL stattgefunden hat, ist das endgültige Niederklatschen des Niveaus politischer Propaganda auf den harten Boden der faschistischen Gesinnung. Das muss man sich begreiflich machen: Da schwafelt die Journaille scheinheilig von einem “Zorn”, gar “Volkszorn”, den ein streikbereiter Gewerkschafter auf sich gezogen habe und gibt gleichzeitig dem potentiellen Lynchmob das nötige Wissen an die Hand, ihn heimzusuchen.

Selbstverständlich trägt der Artikel keine Unterschrift, nicht einmal ein Kürzel. Wie wir sehen, hat der Qualitätsjournalismus® völlig recht, wenn er die anonyme Hetze im Internet anprangert. Gemeint ist aber offenbar nur solche, die nicht unter das Leistungsschutzgesetz fällt. Es wird nicht weniger widerlich, im Gegenteil. Man sollte die Gewerkschaft tätig unterstützen, was mehr als nötig ist, denn es geht um die letzten Rechte und das bisschen Durchsetzungsfähigkeit, das die immer noch zu teuren Lohnsklaven haben. Es sollen nur mehr jene Gewerkschaften übrigbleiben, deren korrupte Bosse jederzeit auch die Seiten wechseln könnten. Für den Standort, für Deutschland, für das Wachstum®. Gegen alle, die noch aufmucken. Ihr werdet euch noch daran erinnern.

 
Einer, der die Oliven mit zur Grünen Party gebracht hat und dafür sorgt, dass von der Partei nie wieder ein Pazifismus ausgeht, ist Cem Özdemir. Der Herr ist inzwischen so tief in die Zotten des Establishments eingewachsen, dass man ihn jederzeit anrufen kann, um reaktionäre Positionen abzufragen – wenn man zu den guten gehört. Folgerichtig musste die Welt auch nicht lange darauf warten, dass er seinem Präsidenten treu zur Seite sprang, um dessen Verkehrung der präsidialen Neutralität zu rechtfertigen, wörtlich:

Mit Parteipolitik hat das nichts zu tun. Genau aus diesem Grund haben die Thüringer Grünen darauf bestanden, dass die Linkspartei in einer gemeinsamen Erklärung die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet.”

Lassen wir die Sache mit dem Unsinnsstaat einmal außen vor, so hat also die Aussage, es sei schwierig, einen Ministerpräsidenten aus der Linkspartei zu akzeptieren (der ganz nebenbei nie DDR-Bürger war), nichts mit Parteipolitik zu tun. Solche Logik ist beim Cem ein Feature, wie auch in diesem Interview deutlich wird:

Wenn man einen, der zur Bilderberg-Konferenz eingeladen wurde, danach fragt, ist man ein psychopathischer “Verschwörungstheoretiker”. Nicht minder interessant die Meinung, man müsse Mitglieder der Atlantik-Brücke danach fragen, was Herr Özdemir von ihr hält. Besser noch: Özdemir wurde 2001 Mitglied der Young Leaders, indem er, wie er sagt “einen Vortrag gehalten” habe und trat dann 2009 (Merz wurde Vorsitzender) dort aus. Dass jemand durch einen Vortrag gleich Mitglied wird, mutet seltsam an, wenn der aber acht Jahre dauert, ist das wiederum nachvollziehbar. Dass Özdemir 2011 dort wieder einen Vortrag hielt, bedeutet also was?

Ich wage es kaum, darüber zu spekulieren, vielleicht holen sie mich gleich ab, aber sein Timing ist ohnehin grandios: 2001 wurde er also Atlantiker, wofür man 10 Jahre vorher sicher bei den Grünen noch rausgeflogen wäre. Ein Jahr später flog auf, dass er sich ein wenig in der Buchhaltung verflogen hatte und privat “Bonusmeilen” der Lufthansa nutzte, die er dienstlich gesammelt hatte. Außerdem ließ er sich mit einem zwielichtigen Privatkredit ausstatten. Er trat deshalb von seinen Ämtern zurück, um im Europaparlament hoch dotiert zu überwintern.

In einer Zeit, da die Bündnistreue besonderes Gewicht erhielt und Genosse Joschka den Laden auf Kurs trimmte, schlug die “Bild” also kurz zu und zeigte ihm die Folterinstrumente, während er sich außenpolitisch zu einem der Guten schulen ließ. Später wurde er sogar auf die berüchtigte Geheimkonferenz eingeladen, die er aber nach eigenen Angaben nicht besuchte. Feinde hat er sich bei der Rechten sicher nicht gemacht, aber einige Weggefährten und deren Einfluss kennengelernt.

Argumente aus Stahl

Die Argumente des windschnittigen Jungen Führers sind zutiefst verwoben mit einer Wahrnehmung, die ebenfalls nicht jedem in die Wiege gelegt wird, so zum Beispiel erkennbar in der Sorge um eine Kollegin:

Über einen Kollegen erfuhr ich sogar, dass eine Abgeordnete zwei, drei Jahre lang ihre Bahntickets immer bezahlte und sich wunderte, als sie am Monatsende kaum mehr Geld hatte, bis sie erfuhr, dass Bundestagsabgeordnete umsonst Bahn fahren dürfen.

Eine Bundestagsabgeordnete verballert also 7000 Euro im Monat für Bahntickets, die sie gar nicht bezahlen müsste. Welch eine erschütternd rührende Geschichte! Da sind wir aber froh, dass der Cem da schlauer war.

Zur Wahl Gaucks hatte Özdemir folgenden bemerkenswerten Kommentar beizusteuern:
Das Spannendste an ihm ist, dass er Leuten Angebote machen kann, die mit der Demokratie schon abgeschlossen haben.
Wen kann er damit jetzt meinen? Nazis? Korrupte Politiker? Unrechtsstaatsrechtler? Und worin genau bestehen Gaucks Angebote? In Ausgrenzung, Demütigung, gemeinsamem Gebet? Oder vielleicht doch in Euro und Cent?

Man weiß es nicht, wie so oft bei Özdemir, dessen charakterliche Flexibilität und argumentative Phantasie kaum je etwas ausschließen lassen. Das spannendste an ihm ist wohl, dass er Leuten Angebote machen kann, die mit dem Verstand schon endgültig abgeschlossen haben.

 
notmygauckIch weiß nicht, ob das auch so ein Gesetz ist, vielleicht kann man es ja unter Peters Prinzip* verbuchen, aber diejenigen, die wirklich jeden Anstand abgelegt haben, sich permanent und mit schmerzlichem Nachdruck disqualifizieren, die nicht dort sein dürften, wo sie sind, vor der ihnen übertragenen Aufgabe erbärmlichst versagen und jedes Amt beschmutzen, werden vermutlich nie zurücktreten.

Es gibt ein paar Ansprüche an das Amt des Bundespräsidenten; nicht die höchsten und schon gar nichts, was nicht jeder Sterbliche ohne erhebliche Gebrechen leisten könnte, aber es schickt sich da einer an, zur großen Begeisterung seiner Auftraggeber jeden einzelnen dieser Ansprüche in Grund und Boden zu faseln.

Der Herr, ein Präsident von Gnaden jener Funktionselite aus Emporkömmlingen und Funktionären, die nicht einmal selbst bemerken, wie sie einen Klassenkampf besorgen, in dem sie so ungefähr das Gegenteil eines Mandats haben, dieser Herr also glaubt für irgendwen zu sprechen und etwas sagen zu müssen zu einem Bereich, in dem er ausdrücklich den Rand zu halten hätte:

Erst den Chef fragen

Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren.

“Dies”, das ist die Wahl eines Ministerpräsidenten der sozialdemokratischen “Partei die Linke”. Der eifernde Antikommunist im Staatsamt, der vielleicht die Stellenanzeige hätte lesen sollen, ehe er sich für berufen hielt, tritt den Anspruch der Neutralität in einem einzigartigen präsidialen Amoklauf in die Tonne. Dabei geriert er sich nach wie vor als Sprachrohr einer Opfergemeinschaft des DDR-Terrorregimes.

Es kommt ihm auf seiner Mission weder in den Sinn, die vermeintlich Vertretenen zu fragen, noch sich darüber zu orientieren, was seine Aufgabe ist und was nicht. Oh warte, da gibt es ja noch welche, die er vielleicht fragen könnte: Die Wähler. Diejenigen, die noch daran glauben, dass ihre Stimme etwas zählt. Dass sie nicht den Staatschef fragen müssen, von wem sie sich vertreten lassen und von wem nicht. Aber der ist ja Demokrat und weiß das besser.

*edit: Peter-Prinzip heißt dass, korrigiert mich der Peters.

 
muell

Ich war heute in einem Laden und habe mir auf einer Kaffepackung anschauen wollen, was das wohl für ein Zeug sei. Es sprach zu mir: “Dingsbums ist ein Kaffee für Kenner und Genießer…“. Das war’s dann mit uns beiden. Was ist dann wohl anderer Kaffee? Plörre für Ignoranten und Gourmands, die sich alternativ auch gern Erdöl hinter die Binde kippen? Ich habe keinen Bock mich dauernd für doof verkaufen zu lassen. Erzählt mir, wo das Zeug herkommt, wie es geröstet ist, wieviel von welchen Säuren noch drin ist, meinetwegen einen holprigen Versuch, den Geschmack zu beschreiben, aber nicht diesen ewigen Bingo-Bullshit.

“Bitte bringt euch um!” war die hier neulich verlinkte Aufforderung von Bill Hicks an Werbefuzzis und PR-Schranzen, die inzwischen die ‘Kommunikation’ derart mit luftleerem Gebrabbel ausgehöhlt haben, dass sie gar nicht mehr wissen, wozu sie eigentlich lügen, Hauptsache es klingt fresh hip dumsy glimpsy chillywilly bop. Wahlweise auch, wenn es ‘seriös’ sein soll, edelnobelspitzenelitärgoldprunkseidenexklusiv.

Glaubensfragen

Zum Kaffee fiel mir noch ein, dass die deutschsprachigen Opfer der Semantikzombies seit Jahren mit einem dusseligen Halbsatz lobotomiert werden, der da heißt: “vollendet veredelter Spitzenkaffee“. Diese Wörter haben immerhin einen gewissen Groove – Leckerli an den Texter, aber das geilste daran ist, dass ich sie vermutlich wirklich seit Jahrzehnten kenne und trotzdem nicht weiß, welcher blutige Bohnensud damit feilgeboten wird. Das kann doch nicht gewollt sein?

Das Gelalle ist beliebig, und beliebig sind auch die Mittel, mit denen Dreck zu Gold verklärt wird, mitunter auch umgekehrt, das bringt der Wahn so mit sich. Wer hat sich jemals eine Karre gekauft, weil er im TV gesehen hat, wie die Karikatur einer Familie sich psychotische Texte in die getünchten Gesichter spricht, während sie über leergefegte Straßen schaukelt? Niemand, aber irgendwelche abgebrochenen Psychologen, denen der reale Kontakt zu Menschen Angst macht, haben den Betrieb mit diesem Glauben geimpft, und die Pandemie hält an.

Letzte Tür geradeaus, bitte

Ähnlich ist es mit Technikern, Zahlenschubsern und BWL-VWL-Klippschülern, die herausgefunden haben, dass es irre erfolgreich ist, wenn man Leute, die sich gerade ein Fahrrad gekauft haben, fortan jeden Tag mit Ätz vollspammt, in dem ihnen Fahrräder angeboten werden. Ja fein habt ihr das gemacht. Bitte! Tötet! Euch!

Ich schreibe das nicht, weil es neu ist, jedwede Erkenntnis enthält oder daraus etwas zu lernen wäre. Ich schreibe es erstens, weil es raus muss. Zweitens schreibe ich es, weil – wie ich neulich bereits andeutete – das Pulverisieren der im Säurebad gekochten Wahrheit nicht bloß zum Zwang geworden ist, sondern weil es so komplett sinn- und zwecklos ist. Es folgt gewissen Regeln, die einzuhalten aber nachweislich nie den erhofften Nutzen hat, während rechts uns links der Fahrbahn verbrannte Erde zurückbleibt. Für so etwas muss man sich ab und an bedanken.
Hängt euch auf, ihr Arschlöcher, alle!

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