hck

Mir wird einmal mehr ein Ereignis vor die Füße gespült, das zu einem Gedanken passt, den ich hier ausbreiten wollte. Das Ereignis ist die Klage gegen Netzpolitik.org, in der Tat der Versuch Menschen einzuschüchtern, die informieren wollen und nicht ruhigstellen. Der Vergleich mit der Spiegel-Affäre hinkt zwar ein wenig, er drängt sich dennoch auf.

Als Augstein verhaftet wurde, hat sich ein Bundesminister mit seinen willigen Helfern mit einer journalistischen Institution angelegt. Das hatte ganz andere Dimensionen, und wenn Strauß sich damals durchgesetzt hätte, wäre die Pressefreiheit tatsächlich am Ende gewesen. Man muss hier einfach die Machtverhältnisse berücksichtigen. Wenn eine Ameise wie Netzpolitik.org zerquetscht wird, ist das brutal und belegt, dass der autoritäte Staat weiter auf dem Vormarsch ist. Wäre der "Spiegel" zerschlagen worden, hätte es keinen Damm mehr gegeben.

Jenseits der Hofmedien

Der Gedanke, den ich im Vorlauf hatte, war der, dass der kommerzielle Journalismus ersetzt werden muss. Ich hatte im Zusammenhang mit der wachsenden Macht der 'Dienste' schon darauf hingewiesen, dass Journalisten Teil eines Geheimhaltungsapparates sind, sich ihre Rolle verkehrt hat von der Kontrollinstanz zum Instrument der Macht. Spätestens seit dem Offenbarungseid, dass Journalisten politische Informationen nur noch bekommen, wenn sie darüber schweigen und der Leser bzw. Zuschauer müsse dies ohnehin nicht erfahren, kann jeder, den es interessiert, den Wert der Hofmedien einschätzen.

Wenn wir also weiterhin erfahren wollen, was die Macht - sei es private, staatliche oder verfilzte - den Bürgern verheimlicht, muss die Information anders erhoben und veröffentlicht werden. Was wir brauchen, sind Whistleblower und Hacker, die den Job übernehmen, den früher Journalisten gemacht haben. Dabei ändert sich lediglich die Bezahlung, denn Journalismus alter Schule, wie er Augstein in U-Haft brachte, ist exakt dies: Hacking und Whistleblowing.

Dazu muss der Leser zunächst wissen, dass Hacken nicht der illegale Zugriff soziopathischer Kapuzenträger auf fremde Festplatten ist, die durch magisches Tastaturgeklapper binnen Sekunden das Leben beliebiger Opfer zerstören können. Das ist Hollywood, und das ist Märchen. Hacken bedeutet, sich in ein System hinein zu denken, es zu verstehen und es zu nutzen, ohne sich dabei an Handbuch und offizielle Regeln zu halten. Nichts anderes war investigativer Journalismus einmal. Er war die Kunst, sich Informationen zu besorgen, die der Öffentlichkeit vorenthalten bleiben sollten.

Die Verräter

Die berühmte Watergate-Affäre ist ein Beispiel dafür. Die Hacker Woodward und Bernstein haben sich nicht an die Pressemeldungen des Weißen Hauses gehalten, sondern dem unantastbaren Präsidenten der USA unterstellt, ein Verbrecher zu sein. Sie haben sich Zugriff auf Informationen verschafft, die mit großem Aufwand geheim gehalten wurden. Sie haben gegen die Institutionen gearbeitet, die eine offizielle Legitimation zur Geheimhaltung hatten. Sie haben die Informationen veröffentlicht und zum Beweis der Verbrechen Nixons beigetragen. Heute würden sie dafür von den Kollegen gemobbt und verurteilt, so wie es Ed Snowden ergeht.

Das ist der Vorteil des Internets: Du kannst den Deckel nicht mehr draufhalten, wenn er einmal kurz angehoben wurde. Der Geheimdienststaat kann zwar wütend um sich schlagen, anklagen und vielleicht einsperren, aber dadurch entlarvt er sich bloß umso mehr. Es gibt längst keine Legitimation mehr, nicht juristisch und schon gar nicht ethisch. Nicht bloß, dass wir ein Grundgesetz haben, das nicht zur Debatte stand, als es das selbst verlangte. Dessen Regeln sind dem Staat im Staate obendrein schnuppe, sobald sie seinen Interessen im Wege sind.

Verfassungswidrige Vereinbarungen mit Lobbyisten und (Finanz-)Industrie sind längst die Regel. Illegale Geheimhaltung wird mit den Mitteln der Staatsgewalt durchgesetzt. Dagegen hilft, was schon immer half: Öffentlichkeit. Die kann nur so hergestellt werden, wie sie schon immer hergestellt wurde: Durch Hacking und Whistleblowing. Dass dabei weniger die bezahlten Schreiber gefragt sind, deren Zunft im Dienste der Aufklärung jämmerlich versagt hat, muss kein Nachteil sein.

 
s

Mal sehen, ob etwas entsteht, wenn man einfach anfängt. Eigentlich habe ich zwei Sachen im Vorlauf, die erfordern aber Konzentration, und die ist aus. Also fange ich anders an, und ihr könnt einem Artikel beim Entstehen zusehen. Der Erweiterte Anfang könnte einigen bekannt vorkommen, was soll's:

Ich hab' mir heute einen Peloponnes rotweiß bestellt, und so ein Thessaloniki. Nein, das sind keine Speisen vom Olivenölbaron um die Ecke; das eine ist eine Halbinsel, das andere eine Stadt. War kein Ding, dafür gibt's extrem günstige Kredite, das finanziert sich ganz von selbst durch. Buffet hat sich eine Insel gekauft, hörte ich, und auch ein anderer reicher Depp, Johnny des Vornamens, habe ein Dorf in der Bretagne verkauft, um sich lieber eine Insel zu gönnen. Niemand isst eine Insel? Das war gestern, Freunde! Man kann, nein muss alles kaufen; wenigstens können, denn woher soll sonst das Wachstum kommen? Na also, einen hatte ich da noch:

Wahre Selbstbestimmung

Wir arbeiten derweil an einem Produkt zur Verbriefung von Ablösesummen. Jeder Einwohner kann selbst bestimmen, wie hoch der Preis ist, für den er den Inhaber wechselt. Man wäre ja dumm, sich selbst zu behalten, zumal man sich ggf. auch günstig zurückmieten kann. Wir kennen das aus dem Sport, hier vor allem Fußball: Da kickt wer nach Vertrag für einen Club, wird zu gut für diesen, also kommt ein anderer daher und kauft ihn weg. Ein wunderbarer Wachstumsmarkt, denn, da stimmt die Replik: So geht Liberalismus, jetzt zum Neo- noch der Hyper-, Mega-, Petaliberalissimus.

Das freie Individuum, das sich nicht staatlich gängeln lässt, ist Herr seiner selbst und wirft endlich die Ketten ab, die das halbherzig bürgerliche Recht mit Gesetz ihm auferlegt: Werden wir Händler nicht nur des eigenen Handelns, sondern des ganzen verdammten Selbst, mit Haut und Haar. Selbstbestimmt bestimme ich selbst meinen Preis, zu dem ich mich veräußere und dem Investor hingebe. Wie gesagt, kann ich erst einmal fett absahnen und mich dann nach Bedarf zurückmieten. Sagen wir eine Million für mich, danach eine Miete von zweitausend Euro monatlich, fortlaufend dem Markt und seinen Preisen azupassen. Wer es drauf hat, hat damit ausgesorgt.

Ein völlig neuer Markt für sieben Milliarden Geschäfte zuzüglich der darauf aufsetzenden Finanzprodukte. Das dürfte uns locker über die nächste Dekade bringen und ändert auch nichts Wesentliches an den bereits gegebenen Verhältnissen. Da gibt es absolut nichts zu meckern, Freunde. Versucht es nur, jedes eurer Argumente dagegen wäre eines gegen die Ordnung, die ihr so lange tatkräftig gestützt habt.

 
db

Ich bin es schon lange leid und ich wehre mich. Diese Griechen machen sich von meinem Geld einen lauen Lenz, die Hartzer sowieso, und ein paar Gierhälse haben für die schlimmsten Auswüchse gesorgt. Sie zocken an ihren Zockerbuden und bereichern sich schamlos, während ehrliche Menschen sich ständig nach der Decke strecken müssen. Ich kann ja schon nicht verhindern, dass sie mir Steuern abnehmen und all diese Versicherungen, von denen ich nichts habe, aber der Rest gehört wenigstens mir. Ich werde jetzt dafür sorgen, dass mein Geld nicht für Auswüchse und Verschwendung missbraucht wird.

Seit einigen Monaten hole ich mein Geld immer gleich nach der Lohnzahlung von der Bank ab - genau den Betrag, den ich verdiene. Dann notiere ich mir alle Nummern der Scheine und mache mir ganz kleine Markierungen, die nur ich erkenne. Das ist mein Geld, damit wird getan, was ich will. Das wird niemand zur Börse tragen oder Griechen damit durchfüttern oder Russen unterstützen. Es ist mein Geld! Wenn ich das bei wem finde, der so etwas macht, zeige ich ihn an wegen Diebstahl und Betrug und Geldmissbrauch.

Das Amerikanergeld

Das sollten wir alle so machen. Und wir sollten verbieten, dass auf unser Geld Zinsen und Zinseszinsen genommen werden. Das müsste man doch auch so machen können, dass jeder sein Geld so markiert, dass man es jederzeit erkennt und wiederfindet. Wenn wir zum Beispiel dann sagen, von dem Geld werden keine Waffen gekauft und keine Puffbesuche bezahlt und so weiter, dann können wir die Welt doch ruckzuck ändern.

Ich nehme übrigens ohnehin nur deutsche Euros an. Mir soll keiner kommen mit ausländischen Euros, schon gar nicht mit denen aus Südeuropa. Da hast du doch direkt Schulden in der Hand, wenn du das nimmst, und eines Tages, wenn die aussteigen, ist das von heute auf morgen nichts mehr wert. Ich kann nicht verstehen. dass die Leute so ein Risiko eingehen anstatt mal richtig hinzugucken, was man ihnen da andreht.

Überhaupt verstehe ich nicht, warum Deutschland nicht aus dem Euro rausgeht. Die D-Mark war so hart und stabil, da gab es keine Bankenkrisen und D-Mark-Krisen, und das war eben richtiges deutsches Geld, von fleißigen Deutschen verdient, nicht zu viel Zinsen und keine Zockereien. Genau wie bei deutschen Produkten. die waren Wertarbeit, da hatte man was Bleibendes. Aber dann kamen ja diese - man darf es ja nicht sagen - aus Amerika und haben uns den Euro gebracht, und ihre Manager haben die Arbeit nach China verlegt, wo sie nur noch Schund herstellen. Ich mache da jetzt nicht mehr mit. Es ist immer noch mein Geld!

 

Die erzwungene Deregulierung begünstige aber eindeutig "die Großen gegenüber den Kleinen", weil sie "gleiche Bedingungen für ungleiche Akteure" festlege; dabei sei [dies] nicht "unvermeidbar", sondern "ein politisches Projekt"

German Foreign Policy

Es soll keiner sagen, das seien rein wirtschaftliche Reformen. Ein bisschen Leidenschaft für die Gute Sache® ist schon dabei.

 
udokiezEs ist mal wieder soweit und kommt mir halbwegs gelegen. Ich bringe es, wie ihr schon bemerkt habt, derzeit nicht auf die Reihe, regelmäßig Substanzielles vorzulegen. Einen neuen Underdog sollten wir trotzdem suchen, der aktuelle hat ja nun lange genug im Rähmchen gehangen.

In der Wahnvorstellung, ich hätte Leser/innen, die nicht seit Jahren hierher finden, zur Erklärung: Ich zeichne jährlich ein Blog aus, um deren Betreiber/in ein paar Trolle auf den Hals zu jagen mich in der Nachbarschaft umzuschauen, stets auf der Suche nach Erleuchtung und Erbauung. Gerade in Zeiten einer Propaganda, der man gar nicht zugetraut hätte, dass sie noch derart degenerieren kann, tut gute Lektüre Not.

Ich bitte also wieder um Vorschläge; tolle Blogs, die nicht in den Charts sind, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben oder einfach freaky funky sind, werden gesucht und sollen hier in den Kommentaren vorgestellt werden. Eine objektive Jury, bestehend aus mir, wird dann den Preisträger preistragen lassen. Hier ein kurzer Überblick über die bisherigen Champions :

2007: Kiesow (dauerhaft down)
2008: Hokey's Blog
2009: Der Morgen
2010: Notizen aus der Unterwelt
2011: Die roten Schuhe
2012: daMax
2013: Alarmknopf
2014: Kiezneurotiker

Im letzten Jahr fiel mir die Wahl sehr leicht, daher wurde der Hund auch recht früh ausgeführt. Diesmal bin ich unentschlossen. Es gibt ein zwei Vettern in der Wirtschaft, die da infrage kämen, aber es wäre doch nett, mal ein Blog auszuzeichnen, das ich nicht schon vorher kenne. Wie dem auch sei; es ist ja vor allem eine Gelegenheit, auf ein paar Kolleg/innen aufmerksam zu machen. Wohlan!

 
fx

Der Kollege vom Biokiez hat einen inspirierenden Artikel über Europa geschrieben, dem ich meinen Senf hinzufügen will. Ehe ich auf etwas komme, was ich mir ggf. unter "Europa" vorstelle, werde ich von einer Begegnung in Griechenland vor vielen Jahren berichten:

Ich war Anfang 20 und mit ein paar Leuten irgendwo auf dem Peloponnes unterwegs. Wir sind getrampt und wollten von einer Straße zum Strand hinunter, dazwischen aber lag die Mutter aller Barrieren: Ein Privatgrundstück, mit Haus, und zwar offenbar bewohnt. Wir haben also versucht, möglichst ungesehen um das Haus herum zu schleichen und uns zu trollen. Der Besitzer hat uns aber sofort erwischt und getan, was ein Grieche damals tat, wenn jemand unbefugt sein Grundstück betrat, zumal wenn die Eindringlinge ziemlich abgerissen aussehen: Er lud uns zum Essen ein. Der Mann konnte gut deutsch, weil er lange an der Ruhr gearbeitet hatte, was ihm unter anderem sein Häuschen finanziert hatte. Es gab einen wunderbaren Gemüseeintopf, kaltes Bier und Geschichten aus unserer gemeinsamen Heimat.

Gepflogenheiten

Noch eine andere Anekdote, eine, die nicht ganz so schwelgerische Erinnerungen weckt: Einige Jahre zuvor war ich in England gewesen. Ich ging damals einmal auf einen kleinen Supermarkt zu und sah schon aus ca. 100 Metern Entfernung eine Frau, die die Tür zum Laden aufhielt. Ich konnte das nicht einordnen, war aber recht verwundert, dass sie die ganze Zeit dort stand. Als ich den Laden betrat, sie mich grüßte und die Tür schloss, wurde mir klar, dass sie mir, einem langhaarigen Schnösel, die Tür aufgehalten hatte. Sie war übrigens keine Angestellte, sondern eine Kundin. Britische Höflichkeit scheint manchmal keine Grenzen zu kennen. Wir hatten damals einen dabei, der es nicht drauf hatte mit "please" und "thank you", und jedesmal, wenn er ein Pint bestellte und mal wieder den Satz nicht voll kriegte, halfen wir mit einem dreistimmigen "Please!" aus. Kann ich nur empfehlen, danach waren wir gern gesehene Gäste.

Ich musste sowohl in England als auch in Griechenland Geld umtauschen, was keine Riesenkunst ist und eben seine Vor- und Nachteile für Reisende hat. Der Vorteil lag im Fall Griechenlands im billigen Urlaub. Ich fuhr aber nicht herum, um möglichst billig möglichst hohe Ansprüche zu stellen. Ich wollte Land sehen und mit Leuten reden. Die meisten Europäer, so konnte ich schnell feststellen, waren freundlicher als die meisten Deutschen. Carabinieri waren mindestens so miese Arschlöcher wie unkontrollierte Bullen anderswo. Geschäftemacher sind überall eklig. Wenn man erst mal mit Leuten einen trinkt, verträgt man sich mit den meisten und versteht sich mit vielen, und das bereichert ein Leben ungemein. Das ist meine Welt, das ist mein Europa, und was ich an ihm liebenswert fand, war, dass es nicht so deutsch ist. Nicht akkurat, nicht rechnend, nicht deklassierend, nicht diskriminierend. So habe ich es erlebt.

Der Herrenmensch spricht

Und was haben wir heute? Super, ich muss kein Geld mehr umtauschen. Umtausch ist kein Thema mehr, dafür ansonsten nur noch Geld. Der Ton ist nicht zufällig der vom deutschen Kasernenhof, autoritär und herablassend. Es wird akkurat gezählt, aufgerechnet, bilanziert und präsentiert. Es herrscht der Zwang der stummen Askese. Dieselbe Akkuratesse, die politische Gerichtsvollzieher bei der Auflistung ihrer Forderungen walten lassen, dieselbe Gnadenlosigkeit beim Vollzug, kennen wir noch von damals. Unsere Pflicht, eure Pflicht, da kann man nichts machen, das ist der Befehl, der muss vollstreckt werden. Hätten sie halt rechtzeitig ihre Hausaufgaben® machen müssen. So deutsch ist Europa.

Es ist auch so deutsch, dass es wieder Feinde gibt. Ich meine hier einmal nicht den Spuk des Terroristen, sondern den in Europa. Den Russen und alle, die ihm zur Seite stehen. Mit dem darf man nicht reden, den darf man nicht verstehen, und wer es doch tut, ist kein Europäer, sondern ein Versteher. Ein Verräter. Aber das ist das Europa des Kapitals und seiner Hetzer. Sie haben sicher ihre Mittel, vielen Menschen die Köpfe zu verdrehen und ihre Parolen nachzuäffen. Stellt denen aber mal einen Griechen vor oder einen Russen, stellt was zu essen und zu trinken auf den Tisch, dann hat sich das ganz schnell. Nichts in Europa ist so, wie es seine Herrenmenschen trommeln lassen. Es ist an der Zeit, sich das wieder zu erzählen.

 
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Es ist für aufgeklärte Geister schwer zu ertragen, wie durch Berufspolitik reale Zusammenhänge ignoriert und durch absurde Geschichten ersetzt werden. Gemeinhin wird aus einer Scheinwelt geplaudert, die geschichtliche Erfahrung auf den Kopf stellt, sich immer tiefer in Lügenkonstrukte verstrickt und am Ende eigentlich nichts mehr erzählt. Vermittelt werden diese Stories durch Personen, die nichts mehr verkörpern als das 'Es-ist-so', als sei es unveränderliches Schicksal, das die Zustände hervorbringt.

Die Dekadenz einer Herrschaft, die sich und anderen nichts mehr zu sagen hat, birgt dabei durchaus auch Vorteile. Eine glaubhafte Geschichte, dargeboten durch charismatische Persönlichkeiten, ist nämlich angenehm zu hören und unterhaltsamer, wo aber die Bindungskräfte fehlen, die solchen Geschichten innewohnen, entsteht ein neuer Raum für Wahrheit. Die Lügen werden unverschämt, wo die DJs der Herrschaft überhaupt noch zu deren Legitimation Platten auflegen, Lieder, die kein Mensch hören mag und durchsichtige Texte, an die nicht einmal mehr jene glauben, die sie aufsagen.

Das Märchen wird weltweit erzählt, der Text ist vereinheitlicht: "Es war einmal das Gute, und es lebt glücklich und zufrieden bis ans Ende aller Tage". Es gibt Tage, da möchte ich wenigstens verarscht werden, aber dazu taugt das Narrativ nicht mehr. Das unterscheidet die Parlamentarische Postdemokratie auch von Faschismus. Der wurde als tausendjähriges Reich annonciert, als Einheit von Volk und Rasse, Geburt des Großen und Mächtigen, von dem jeder Volksgenosse ein Teil war. Sie wurde in Teilen sogar umgesetzt.

Nichts ist alles

Was haben wir heute? Erstens, zweitens und drittens Kapitalismus. Der Neokapitalismus, zumeist "Neoliberalismus" genannt, unterscheidet sich in zwei Belangen vor seinen Vorläufern: Er bildet keine nationalen Strukturen mehr aus und er leugnet seine eigene Geschichte, indem er sie weiter erzählt, aber beliebig die Wahrheitswerte umkehrt. Eine solche Strategie kennen wir aus "1984", wo sie "Zwiesprech" oder "Neusprech" heißt.

Der Neoliberalismus war hervorgegangen aus dem Keynesianismus. Dieser firmierte hierzulande unter "Soziale Marktwirtschaft", dem Versprechen, alle würden teilhaben am erarbeiteten Reichtum. Als das nicht mehr funktionierte (das ist so, wenn man eine Zeitlang kapitalistisch wirtschaftet), wurde die neue Erzählung aufgesetzt, das neoliberale "Trickle-Down-" Theorem. Danach gehe es allen gut, wenn man den reichen Eigentümern alle Wünsche erfülle. Der Trick(le): Es wird mehr Reichtum produziert, und von dem, was die oben einnehmen, kommt bei allen unten auch etwas an. Davon profitieren alle.

Die Schizophrenie: Von Anfang an wurde jeder vorgebliche Segen dieses Kapitalismus gleichzeitig als Fluch und Drohung aufgebaut. "Globalisierung", die doch so wunderbar die Produktion ankurbelt, ist gleichzeitig härteste Konkurrenz. Ausgerechnet der abonnierte Exportweltmeister Deutschland, so wurde es hier stets behauptet, sei durch "Globalisierung" bedroht. Konsequenz: Niedrige Löhne, zunehmend schlechtere Sozialleistungen, Privatisierung et cetera. Es gab nie einen Weg und nie einen Modus, auf dem vom Reichtum etwas unten ankommen könnte, im Gegenteil: Jedes weitere Symptom der Krise führte zu weiterer Verarmung der unteren Schichten, jede Erholungsphase ebenso - denn das "Wachstum" war ja sonst bedroht.

Kein Ende in Sicht

Es gibt also keine Geschichte, weder wahr noch gelogen, der die Menschen folgen könnten. Es gibt keine Wünsche, die jemand erfüllt. Es gibt keine Zukunft, auf die sich irgendwer freuen könnte, nicht einmal irgend eine Aussicht auf ein Ende der "Krisen". Genau so sehen sie dann auch aus, die Verwalter dieser aschgrauen Welt. Jeder neue Promi, den die Zombies in Kostüm oder Krawatte hervorbringen, ist ein größerer Lügner als der zuvor, den sein eigenes Geschwätz noch weniger schert. Ob Rautenchucky, die seit jeher taub an allen Sinnen ihre Gefolgschaft beherrscht oder Charakterwracks wie Özdemir, Nahles, Gabriel - es wird immer erbärmlicher.

Es herrscht das Vakuum. Es herrscht, weil es keine Geschichte gibt, die dem mit allerletzter Konsequenz wütenden Kapitalismus noch eine ansehnliche Fassade überstülpen könnte. Es herrscht, weil es noch niemanden gibt, der eine andere Geschichte erzählt, die man ihm glaubt, die ein anderes Ende verspricht, an dem man noch leben möchte. Immerhin: Noch ist es nicht die alte Platte, die immer wieder aufgelegt wird, wenn sonst nichts geht, die von Volkssturm und Feindvolk. Es ist daher noch ein wenig Zeit, eine neue zu schreiben. Vielleicht wird es die von den Menschen Südeuropas, die sich gewehrt haben.

 
natrain

Es gibt keine Idee, die zu dämlich wäre, um nicht von irgendwem ernsthaft vertreten zu werden. Tatsächlich muss eine "Genderdiskriminierung" herhalten für die Abschaffung von Damen- und Herrentoiletten, denn sie seien ja diskriminierend. Dahinter steckt freilich das Gegenteil: Eigentlich ist alles "diskriminierend", was historisch gewachsen ist, denn es entspricht nicht der korrekten, aktuellen und durch Genderexperten_innxe geprüften Differenzierung. Die Toilette 3.0. sortiert nämlich nach sexuellem Produkt. Gleichsam der Mülltrennung, so der Diskurs gewordene Witz, soll es dem Gendermaterial möglich sein, unter seinesgleichen der Wiederverwertung zu frönen.

Kinder höherer Lesekompetenz mögen befürchten, es gehe hier nun auch los mit dem Abarbeiten am Popanz, dem Boulevard der Aufmerksamkeit und seiner Ökonomie. Andere werden stöhnen, das sei nun wirklich nur ein Scherz gewesen, und wer das ernst nehme, sei selbst der Depp. Ja hätte ich denn nicht selbst neulich noch betont: "Ich habe noch nie verstanden, warum sich gesetzte Leute ständig am Popanz abarbeiten müssen" und "wer sich an den Deppen reibt, ist [...] selber einer"? Wohl beobachtet!

Es geht mir daher auch weder um das konkrete Beispiel noch um dessen Urheber. Es geht um die Folgen einer Art zu denken und zu handeln, und die Gendertoilette ist das Fanal einer stillen Koalition der Reaktionäre und Fanatiker, die von beiden Flanken den Granatenhagel besorgen, das "Divide et Impera" in neue Dimensionen der Isolation vortreiben. Sie reißen noch das Individuum in winzige Stücke, so dass es am Ende keines Subjekts mehr bedarf, dass sich der Bürgerlichen Herrschaft unterwirft. Es bleibt nur mehr ein Haufen loser Teile, die jeder über den Flur kicken kann, dem gerade danach ist.

Unverzeihliche Sünden

Die örtliche Trennung der Menschen in Geschlechter zum Zwecke des Betretens von Abortkabinen ist völlig sinn- und zwecklos und repräsentiert bloß die Paranoia sogenannter "Konservativer" vor sexuellem Kontakt. Das ist noch das klassische Subjekt, das sich selbst unterwirft, dem vor jeglicher Regung der Hormone so bange ist wie vor den Objekten möglicher Erregung. Allein die Vorstellung, hinter dem Sperrholz entblößten sich die tabuierten Zonen, birgt ungeahnte Gefahr. Das bedarf zusätzlicher Absperrung, Ausgrenzung, Schlösser und Riegel.

Die Frage, wie man mit Homosexuellen verfährt, deren Existenz das ganze Konzept erschüttert, war lange die Domäne der eifrigsten Fanatiker des Konservatismus, deren Lösungsvorschläge sich entsprechend mittelalterlich gestalten. Jetzt kommt Schützenhilfe aus einem Lager, das wie die Kavallerie durch den Kindergeburtstag prescht. Herrlich, wie das spaltet!

Die lustvolle Variante homosexueller Offenheit als Kontrapunkt zum traditionellen Muff wird jetzt zerfräst von einem Gender-Rigorismus, der sonst verkniffene Protestanten auszeichnet. Die müssen ja immer wie die Schießhunde auf sich und andere aufpassen, weil sie in ihrer Wahnvorstellung von Welt eine einmal begangene Sünde nie wieder loswerden. Der Katholik kann wenigstens beichten, wenn er sich verfickt hat und saufen, bis der Erzengel singt, was noch allemal zur Entschuldigung getaugt hat.

Wir kriegen sie alle

Die protestantische Ethik hat uns hingegen nicht nur den Kapitalismus, Gauck und Göring-Eckardt beschert, sondern eben diese Überkorrektheit, die geradezu wütende Sucht nach Regeln, Kategorien und Kontrolle. Die pietistische Kultur ist ein Clusterfuck, der nie genug regeln kann, zu jeder Differenzierung noch eine weitere findet, auf dass sich bloß nichts der Ordnung entziehe! Und da sind wir dann, in einem Labyrinth von Containern, wo sich jeder zu offenbaren hat, was er nicht ist, was sie gar nicht ist, zu wem oder was man auf keinen Fall gehört. Weil sich das aber nicht realisieren lässt, wird halt mit der denkbar falschesten Argumentation etwas gefordert, das ein Symptom aufhebt und die Ursache zementiert.

Ginge es nach den Kämpfern gegen falsche Diskriminierung, fände am Ende des Ganges jede Unterkategorie eine Kabine, in der man sich so korrekt und eben so einsam es geht entleeren darf. Totale Isolation, geboren aus der Kriegserklärung gegen jede Lust, befruchtet durch Herrschaft als Selbstzweck, jetzt ganz neu unterm Banner der Emanzipation. Anstatt sich die Freiheit zu nehmen, das WC der Wahl aufzusuchen, anstatt zu hinterfragen, wieso es eigentlich getrennte Klos gibt, begegnen sie einer blödsinnigen Vorschrift, die keiner hinterfragt, mit der Vorschrift, die Vorschrift aufzuheben, ohne die Betroffenen zu fragen, was sie davon halten.

Die Experten für soziale Prägung gehen über die soziale Prägung der Opfer ihres Besserwissens ebenso permanent hinweg wie über das Problem der Prägug selbst, die ihnen nicht in den Kram passt. Alles eben falsche Gewohnheiten falscher Menschen, auf die nimmt man keine Rücksicht. Ihnen reicht die Attitüde der moralischen Überlegenheit, während ihre windschiefen Argumente so überzeugend sind wie das Messer bei der Schießerei. Selbst wenn sie einmal versehentlich etwas richtig machen wollen, ist es doch nur die Offenbarung einer Ideologie, die sich "emanzipatorisch" nennt und tatsächlich in jedem Sinne zwanghaft ist.

 
1Der Erfolg ist ihm wohl zu Kopf gestiegen. Haben mich schon lange angewidert, seine ewigen Lobhudeleien über irgendwelche Fressbuden, in denen man sich totes Tier in die Kanalisation eines Gedärms schaufeln kann, dort, wo der Pilz blüht und Industriefraß in Alkohol schwimmt. So oft wie er beteuert, er werde dafür nicht bezahlt, muss er es nötig haben, dieses Mantra des "Ich nehme nichts", ist längst zum Treppenwitz geworden. Es gibt hier aber noch ein paar, die riechen Korruption, wenn sie Korruption ist. Ganz sicher auch unter denen, für die es gedacht ist und auf die eine aufgehaltene Hand nur wartet.

Zuletzt hat er sich als fanatischer Feind der Bäume geoutet, als einer, der sprichwörtlich den Ast absägt, auf dem wir alle sitzen, jetzt kommt er uns mit gefühlsduseligem Verständnis für Faschisten. Ja, alles ganz harmlos! Dabei sollte ihm allein die enge Verbindung zum Gammelfleisch den Weg weisen. Currywurst - welch eine abgefeimte Metapher! Warum bläst er nicht gleich zum Sturm auf die Dönerbuden? Vielleicht hat er ja das Charisma. Eine kaum verhohlene Drohung, die wir verstanden haben.

Wer es nicht glauben mag, stelle sich einfach vor, er hätte dasselbe über den anderen Rand geschrieben - launige Artikel über unsere Helden, Cochise vielleicht oder 'Gänsehaut'. Für die hätte er nur Spott und Häme übrig, und hätte noch eines Beweises bedurft, welch Geistes Kind dieser "Kiezneurotiker" ist, hier hat man es vor Augen, in grellen Farben und großen Lettern. Er ist ein Rechter geworden, und es darf niemanden wundern, wenn bald schon die Trommeln gerührt und nationales Pathos angestimmt werden. Das Liedgut hat ja schon Einzug gefunden.

Erst das Liedgut, dann der Stechschritt

Das war es für mich. Mein Abo ist gekündigt. Nie wieder! Ich habe mir eben einen Feed-reader installiert, aus dem ich ihn sofort entfernt habe. Hier hilft nur totaler Boykott. Sprecht auch mit eurem Freunden, Eltern und Nachbarn darüber! Wehret den Anfängen! Nie wieder Krieg! Postet es auch auf Facebook und Twitter, leistet Widerstand!

Zuschauerreaktionen auch andernorts. Vielleicht ist solches literarisches Daumenkino ja die zeitgemäße Form epischen Theaters, eine weitere Übung der Lesekompetenz. Zu mehr sind wir wohl nicht fähig. Ich hätte nicht nur keine Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhang von Charisma, Mitläufern, Alltag der Abgehängten und politischer Relevanz, ich hätte sogar eine ganze Reihe davon. Ich stelle sie mir bloß nicht.

Mit zunehmendem Abstand zu den Dingen lernt man nämlich, Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden. Von Ersterem bleibt dann wenig übrig, und du kannst endlich alles über alles schreiben oder halt nichts über nichts. Das kann im Einzelfall in jeder Hinsicht besser sein als Appelle. Auf jeden Fall besser als moralische. Zumeist ist es ohnehin irrelevant.

 
Arbeitsplätze - Profit
Augenmaß - Profit
Beschäftigung - Profit
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Fordern - Profit
Gewinn - Profit
Interessen - Profit
Optimismus - Profit
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Recht - Profit
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Stabilität - Profit
Vernunft - Profit
Wachstum - Profit
Wohlstand - Profit
Zielsetzung - Profit
Zukunft - Profit

Ich habe eben nach Lektüre von Burks' Artikel einen geschrieben, der in der Apokalypse mündet. Keinen Bock auf noch mehr davon. Ich spare lieber für eine optimistische kleine Geschichte über ein Quietscheentchen oder ein Kätzchen oder eine süße kleine Heuschrecke, die ihre Mama verloren hat und sie wiederfindet, indem sie das Feld kahl frisst. Oder noch besser: einen Wolf, der sich für multikulturellen Austausch engagiert und eine Dönerbude aufmacht. Ach, es gibt doch so viel Nettes und Schönes, man muss es nur sehen wollen!

Update: Ich muss gerade das Angebot ablehnen, mir ein kurzes Video anzuschauen, in dem sich wieder einmal ein Regierungssprecher zum Horst macht, indem er die Aufrüstung der NATO in Osteuropa zur defensiven Maßnahme erklärt. Will ich nicht hören, nicht mal eine Minute. Ich mag nicht mal kommentieren, was die Verabredungen wert sind, die solche Gebrauchtwagenhändler treffen. Das richtet sich alles selbst.

Auch was in Griechenland abgeht, muss ich nicht mehr kommentieren; das machen andere auch ganz gut. Nichts wird da übrigens mehr "gerettet". Klar, die ganzen Claqueure und Funktionsmöbel müssen bei der Stange gehalten werden. Sie dürfen daher berichten und kommentieren, bewerten und huldigen, aber das Spiel ist aus. Griechenland und Spanien sind keine Laboratorien mehr, sie sind der Vorhof.

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