frogs

Ich verstehe es noch immer nicht. Udo Vetter versteht es auch nicht. Er fragt nach Gründen für den eisernen Willen zum Überwachungsstaat, gegen alle Regeln, ohne jeden Anlass. "Anlasslos", das ist ein Doppelsinn. Es gibt keinen Anlass für die anlasslose Überwachung, auch nicht im Orwellschen Horrorbegriff “Höchstspeicherfrist”, hinter der sich wie immer öfter das Gegenteil verbirgt.

Es gibt keine rationalen Gründe, die uns die Betreiber liefern könnten. Schon gar nicht in diesem internationalen Ausmaß. Die Koalition der Willigen, NATO/EU/USA rüsten auf zum totalitären Regime. In Österreich sieht es genau so aus wie hier, nur dass die noch keinen Naziskandal hatten. Deren "Verfassungsschutz" bastelt aber ebenso fröhlich am "Spitzelstaat". Frankreich steht dem in nichts nach und nützt das Gottesgeschenk 'Charlie Hebdo' seinerseits zum Errichten seines Überwachungsstaats.

Sie wollen alles und alle kontrollieren, und sie werden es tun. Es zeigt sich, dass der notwendige Wille und die Fähigkeit fehlen, diese Staatssicherheitsmonstren auch nur annähernd zu kontrollieren. Was die NSU-Ausschüsse hervorholen, ist eine Tragikomödie imperialer Dimensionen. Wer stellt sich dem entgegen? Wer sorgt für Aufklärung? Wo ist die vierte Gewalt?

War was?

Sie ist taub, blind und beredt, wenn es darum geht, den ekligsten Schmeißhaufen noch für den Wohlduftspender edler Geister zu erklären. Einer, der wenigstens - wenn auch aus Versehen - einen Schritt Richtung Wahrheit wankt, schreibt für seinen publizistischen Lehnsherrn [Link geht zu Fefe, der hat einen auf Springers Postille]:

"Hebt sofort die Exportrestriktionen für die Rüstungsindustrie auf, um der deutschen Industrie faire Chancen im Wettbewerb [...] zu geben."

Totale Überwachung der Bürger, totale Freiheit dem Export! Wir haben es hier nicht mit den Profiteuren selbst zu tun, die uns diese Entwicklung bescheren, sondern mit der Elite aus Politik und Journalismus. Die einen dreschen so lange auf die Verfassungen ein, bis auch der Letzte begriffen hat, dass Widerstand dagegen zwecklos ist. Ihre eigenen Vehikel, die Grundlage ihrer Macht, zerstören sie bereitwillig, um sich dem Neuen anzudienen. Doch was wird das sein? Die anderen blasen zum Halali und machen den Massen klar, das es keine Alternative gibt. Die marktkonforme Demokratie muss sich auch dem totalen Markt anpassen.

Der nicht genannt werden darf

Ich kann es nicht begreifen, und ich begreife übrigens auch nicht, wieso in der Nachbarschaft, bei den Kritischen, den Linken, das kleine Einspluseins nicht stattfindet. Wo ist der Zusammenhang? Auf welchen Begriff bringe ich das, wenn gnadenlos auf allen Ebenen aufgerüstet wird, am stärksten gegen das eigene Volk? In einem Verbund von Staaten, in denen politische Funktionäre immer offener geschmiert werden, wenn sie nicht ohnehin alle selbst Millionäre sind wie im amerikanischen Kongress oder ehemalige Manager von Investmentfirmen wie in vielen europäischen Regierungen? Ganze 76 Personen leisten 42% der Parteispenden in Großbritannien.

Verfassungen, Parlamente, Gesetzgebung, alles wird auf den Kopf gestellt, durchgemixt, kleingeklotzt, zusammengeschustert, gefressen und wieder ausgespuckt, bis es passt fürs Kapital. TTIP zum Beispiel will kein Mensch auf der Welt. Niemand außer ein paar Großaktionären und ihren windigen Vorständen, die die letzten Profite an sich raffen, bevor nichts mehr geht und sich "Stiefel" wieder auf "Gesicht" reimt. Wie nenne ich das? Wie, wenn nicht Klassenkampf?

Und wo wird der enden? Wenn das Kapital wieder einmal endgültig versagt haben wird, wird etwas kommen und dankbar vollenden, was heute vorbereitet wird. All die wunderbaren Werkzeuge zur Dressur der Sklaven werden ihm dienen. Wenn es schon vorbei ist mit Wachstum und Wohlstand, kann man wenigstens welche dafür leiden lassen. Auch dafür steht längst wieder alles bereit.

 
gel

Die DDR war zweifellos ein Unrechtsstaat. Das begann damit, dass sie schon zur Gründungszeit von ihrer Schutzmacht genötigt wurde einen Geheimdienst einzurichten, an deren Spitze Bluthunde standen, die man nur Faschisten nennen kann. Um ihre "Völkerfreundschaft" zu beweisen und die Systemideologie zu verteidigen, folgten die Funktionäre des Staates wie Vasallen den Interessen der Großmacht und ihrer Wirtschaftsreligion, die stets über die des eigenen Volkes gestellt wurden. Dahinter kamen die Interessen der Funktionäre, dann eventuell noch die des Volkes, sofern die nicht im Widerspruch standen zur Ideologie. Letztere also eigentlich nie.

Das ganze Theater wurde inszeniert, um ein absurdes Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, und zwar eben nicht nur national, sondern international. Das starrsinnige Festhalten an der Wirtschaftsideologie führte zu grotesken Effekten: So blieben trotz großer technischer Möglichkeiten, die von den Eliten aber nur zum Eigennutz oder zur unproduktiven militärischen Aufrüstung verwendet wurde, ganze Regionen unterversorgt. Es fehlte oft am Nötigsten. Luxusgüter, die meist im Ausland produziert wurden, konnte sich das Gros der Bevölkerung ohnehin nicht leisten.

Horrorregime

Das Wirtschaftssystem, das von Gegnern von vornherein als Fehlkonstruktion analysiert worden war, durfte nicht kritisiert werden. Es fand keinerlei Debatte über Alternativen statt; wer das versuchte, wurde als Fanatiker und Staatsfeind verfolgt, inhaftiert, mit Berufsverbot belegt. Der Inlandsgeheimdienst schnüffelte eifrig solche Menschen aus und ließ sie verfolgen. Je mehr er gegen demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien verstieß, desto mehr Kompetenzen erhielt er, bis am Ende die totale Überwachung des ganzen Volkes zum Programm wurde - angeblich im Sinne der Sicherheit aller.

Es gab ein parlamentarisches Mehrparteiensystem, aber alle Parteien in den Parlamenten vertraten dieselbe Politik: Am Wirtschaftssystem zweifelte niemand, man stand fest in Treue zur Schutzmacht und auch die Überwachung wurde von keiner Partei grundsätzlich in Zweifel gezogen. Selbst die Sprache der Politiker war so von absurden Konstrukten durchzogen, dass sie oft das Gegenteil dessen suggerierte, was sich dahinter verbarg oder zu hohlen Formeln erstarrte, die niemand mehr ernst nahm.

Einzelne Maßnahmen wurden zum Schein öffentlich diskutiert. In diesem Rahmen gab es dann abweichende Meinungen, um Pluralismus vorzutäuschen. Tatsächlich sind Alternativen spätestens in den oberen Parteiebenen gescheitert. Ein korruptes Konglomerat aus Politik, Militär und Wirtschaftsideologen erstickte jeden Ansatz echter Demokratie im Keim. Man muss sich wundern, wie ein solches Horrorregime sich so lange an der Macht halten konnte.

 
chain

Ich lache hart und weine laut. Jemand hat die ersten vier Folgen der Fantasy-Serie "Game of Thrones" noch vor dem Serienstart der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die also lustig heruntergeladen werden können, während die Zuschauer von HBO (US-Pay-TV-Sender) noch drauf warten müssen. Jetzt geht natürlich ein "Haltet-den-Dieb!"-Spielchen los auf der Suche nach der Person (mutmaßlich wahrscheinlich ein Journalist), die so frei war.

"Game of Thrones" ist ein Fantasy-Epos, von dem bisher fünf Bände erschienen sind; am Ende sollen es sieben werden. Der Autor, George R. R. Martin. lässt sich gern Jahre Zeit dafür. Der erste Band erschien 1996, der letzte 2011, danach hat der Meister sich der Fernsehserie gewidmet. Nach vier Jahren des Wartens bekommt er von seinen Fans oft zu hören, er möge sich doch der Arbeit am sechsten Band widmen. Denen hat Martin zuletzt mit einem entschiedenen "Fuck you!" geantwortet.

Fuck the Fans

Wenn man eine gewisse Größe erreicht, kann man sich das leisten. Die Prioritäten verschieben sich. Es muss geerntet werden, auch wenn die Frucht noch nicht ganz reif ist. Das Tolle an einer gewissen Größenordnung ist, dass man von oben bestimmt. Es ist nicht mehr nötig, Rücksicht zu nehmen ausgerechnet auf diejenigen, von deren Gunst man lebt. Eine Geschichte, so erzählt, dass sie sich optimal verwerten lässt und das Glück, entsprechende Verwerter zu finden, machen aus dem Geschichtenerzähler einen reichen mächtigen Mann.

Er hat die Rechte. Punkt. (Das erinnert mich an dieser Stelle stark an die Meinung Kai Biermanns zu Movie2k.to.) Der Rechteinhaber bestimmt , was wann wie gelesen und geschaut wird, das unterscheidet ihn vom Geschichtenerzähler, der froh sein kann, wenn die anderen für ihn Nüsse sammeln, auf dass er mit speisen darf. Dazwischen ist das Kapital, das scheue unsichtbare Wesen.

Erhatdierechtepunkt bedeutet natürlich, dass er sich reichlich bedient an Vorläufern aus Märchen, anderen Fantasystories und der einen oder anderen Familiensaga. Aber es werden keine Geschichten mehr erzählt, um zu unterhalten und Gemeinschaft zu bilden. Es wird Schöpfungstiefe ausgelotet, produziert und aufgelegt, verlegt, beworben, verkauft und geschützt, als Produkt und Marke. Auch hier - wie schon an anderer Stelle bemerkt - ist der Produktionsprozess von jedem Blick auf soziale Beziehungen befreit.

Geben, nehmen, hängen

Es ist keine Beziehung, und durch diesen Schnitt wird gleichzeitig das Produktionsverhältnis unsichtbar. An die Stelle der Beziehung vom Erzähler zum Zuhörer tritt die des Anbieters zum Abnehmer, wobei der Anbieter das Monopol hat auf seine Geschichte. Was bleibt, ist der Herr, der den Pöbel im Griff hat. "Fickt euch!" ist die Formel für die Ansprüche derjenigen, die ihn durch ihre Arbeit zu dem gemacht haben, als das er sich heute empfinden darf.

Warte, "ihre Arbeit"? War das nicht seine Arbeit, für die er darum allein alle Rechte hat? Ja, so sollen wir es sehen, mit "Punkt". Weil wir von Halbhirnen belehrt werden, die nicht begreifen, dass nur Geld gegen Geld und Arbeit gegen Arbeit aufgerechnet werden kann. In jedem Dollar, den Herr Martin sich angeeignet hat, steckt die Arbeit seiner Kunden, dem "Fickt euch!"- Pöbel. Das ist jetzt alles seins. Punkt. Doch jetzt haben sie ihn bestohlen, sein Werk dem Pöbel zugänglich gemacht, der dafür keine Gegenleistung erbringt. Haltet die Diebe - und vergesst nicht, sie auch zu hängen!

 
hunt

Ich habe heute möglicherweise einen Anschlag geplant. Am Ende hätte ich ein Opfer enthauptet. Mit einem Säbel, also einem breiten Schwert, vielleicht auch einer Machete. Damit das nicht so dilettantisch aussieht wie bei den Terrormoslems, hätte ich den Kopf aber nicht abgeschnitten oder -gehackt, weil man dann immer nachhacken und schneiden muss. Ich hätte vielmehr mit Schwung in einer weit ausholenden und dennoch schneidenden Bewegung von vorn zugeschlagen. Das breite Ende hätte mit seinem Gewicht dafür gesorgt, dass es auch noch durch den Knochen fegt.

Dazu trüge ich Piratenkapitänssachen, also gar nicht einmal so unähnlich den Kostümen der Youtube-Terrorstars. Das ist jetzt schon so detailreich, da kann mir also niemand vorwerfen, das sei kein Plan. Dass ein Plan auch ein Plan ist, wenn er echt schlecht ist, wissen wir schließlich von nichts so gut wie von Terrorplänen. Außerdem sind Pläne sogar Pläne, wenn die Redaktion noch gar nicht weiß, ob sie wirklich geplant sind. Die Redaktion bekommt das immer so am Rande von ihren Kreisen mit. Die sagen ihnen, wenn was im Busch ist, und das schreiben sie dann.

In Spanien gab es einen angeblich möglichen Terrorplan. Da wollte ich jetzt nicht zögern und dem etwas entgegenhalten, den nämlichen Terrorplan siehe oben. Da ist nichts angeblich, das kann man jetzt hier im Internet lesen, wo wir Bösen mit Wunderwaffen schießen und eine Art anonyme Schattenregierung entsteht, die allmählich mehr Macht bekommt als die politischen Institutionen.

Die Märkte schlafen nicht

Ich finde, das sollte Stoff genug sein für eine Story in der Tagesschau, einen wehrhaften Kommentar von Claas Kleber und eine Intensivbefragung von Herrn Teewissen. Andererseits könnte das die Märkte beunruhigen. Die mögen nämlich Schattenregierungen nur, wenn ihr eigener Schatten drüber liegt. Sonst ist ganz schnell Wechsel im Kurs.

Jugendliche und ihre Freunde sollten mir jetzt folgen. Ich stelle einfache Regeln auf, erkenne sie an, und schon machen sie in meinem Namen Terror und sich mit meinem Terror einen Namen. Win-Win. Ich brauche allerdings noch Anschlagsziele und ein Opferprofil. Gar nicht leicht, denn die meisten Feindbilder sind schon besetzt, da droht mindestens ein bestehender Musterschutz, wenn sich nicht die eine oder andere Terrorgruppe längst Patente gesichert hat.

Gute Erfolgsaussichten erfordern überdies ein Alleinstellungsmerkmal. Die Ideologie soll dazu natürlich auch ein bisschen sexy sein. Mag sein, dass die Märkte das gar nicht hergeben, aber ich setze da ganz auf risikobereite Anleger. Kann schließlich nicht sein, dass wir uns von Spanien in den Schatten stellen lassen.

 
by

Ich werde heute einmal eine Querfront ziehen. Der Begriff ist so schön abgenudelt und in der Dummwortliste zirka an zweiter Stelle, gleich hinter "Verschwörungstheorie". Alles, was nicht am gängigen Narrativ mitstrickt, muss irgendwie niedergemacht werden, und da gewisse Medien und das, was sie sich unter ihren idealen Konsumenten vorstellen, mit einem zweiten Schlagwort schon überfordert sind, bringen sie die Dinge halt auf dasselbe. Dazu macht man allerhand passend, nach der Schere und dem Messer kommt da auch gern die Säge zum Einsatz, und wenn das nicht reicht, werden Reste von Logik und Verstand halt mit dem Mixer zu Brei verrührt, damit es passt.

Da ich allerdings der Ansicht bin, dass es 'Rechts' und 'Links' nicht nur gibt, sondern dass sie unvereinbar sind, verläuft meine Grenzziehung woanders. Es gibt da nach wie vor interessante Übereinstimmungen im inneren Aufbegehren linker und liberaler Einstellungen. Ich verbinde das einmal mit der hier schon zitierten berüchtigten Rede Adenauers von 1946, dem nämlichen Absatz:

"Die tieferen, die wirkenden Ursachen dieser Katastrophe liegen klar zutage. [...]

Das deutsche Volk krankt seit vielen Jahrzehnten in allen seinen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat,
[...]
das verheerende Umsichgreifen der materialistischen Weltanschauung im deutschen Volk. Die materialistische Weltanschauung hat zwangsläufig zu einer weiteren Überhöhung des Staats- und Machtbegriffs, zur Minderbewertung der ethischen Werte und der Würde des einzelnen Menschen geführt.
Die materialistische Weltauffassung des Marxismus hat zu dieser Entwicklung in sehr großem Umfange beigetragen.
"

Die Lehre

Ich will nicht wieder auf die atemberaubende Behauptung eingehen, Marxisten hätten den Faschismus verschuldet durch den Akt der Magie, mit dem sie den Deutschen jene Staatshörigkeit eingeträufelt hätten. Die Geschichtsklitterung, die hier die Ursprünge im Preußentum und anderer Wurzeln des autoritären Charakters bis hin zum Kadavergehorsam verleugnet, richtet sich selbst. Interessant ist hingegen, dass Adenauer hier unter der Hand den Anschluss für liberale Ideen schafft.

Zwar schwadroniert er in Richtung eines Spiritismus, der Gott über den Staat stellt (als hätte das den Faschismus aufgehalten), aber er macht deutlich, dass es Kräfte geben muss, die dem autoritären Staat Grenzen aufzeigen. Hier droht zwar der nächste Treppenwitz, dass nämlich das Kapital als Gegengewicht den Staat erst demokratisieren würde - eine Legende, die ich hier nicht erfinde, aber grundsätzlich nehme ich einmal zur Kenntnis, dass selbst das verschrobenste katholische Weltbild noch eine Gefahr in einem unangefochtenen Staat sieht, der die Einzelnen zur Manövriermasse degradiert.

Dies dürfte wiederum die CDU attraktiv gemacht haben für ihren künftigen Partner FDP. Die sogenannten "Liberalen", die in den 70er Jahren sogar erfolgreich als Bürgerrechtspartei auftreten konnten sowie ihre Hardcore-Wirtschaftliberalen eint etwas mit anarchistischen Strömungen, nämlich das, was in höchst unterschiedlicher Auslegung "libertär" genannt wird. Die Ablehnung des Staates als einer Einrichtung, die noch annähernd Autorität hat, der man das Recht zubilligt, verbindliche Vorschriften zu machen, eint Sozialdarwinismus und Anarchismus, ob den jeweiligen Vertreter/innen das nun passt oder nicht.

Welcher Liberalismus?

Wenn ich mich lange als "linksliberal" bezeichnet habe, dann liegt das eben daran, dass mir jede Form autoritärer Gesellschaft zuwider ist, auch und gerade, wenn sie eine nichtkapitalistische sein soll. Auch in einer 'Übergangsphase', denn das ist genau das, was wir schon hatten und was ich nicht brauche. Übrigens trennt mich das auch durchaus von den Wirtschaftslibertären, denn deren Idee endet genau wieder in einer Gesellschaft von Herren und Sklaven. Die müssen schon ziemlich blöd sein, das nicht selbst zu erkennen.

In Bezug auf den Staat aber haben sie bis dahin recht, und das war selbst unter den Kapitalisten lange Konsens, das ist eine Säule des Narrativs, die inzwischen einknickt. Ein autoritärer Staat - und ich fasse darunter ausdrücklich auch supranationale Instanzen wie EU und NATO - zeichnet sich immer auch dadurch aus, wer vor wem Geheimnisse haben darf. In einem Rechtsstaat sind es die Einzelnen, deren Privatsphäre den Staat nichts angehen und der Staat, der sich gegenüber dem Volk zu verantworten hat. Der autoritäre Staat hält es umgekehrt.

Seit Ed Snowden wissen wir, dass die Behauptung von Demokratie und Rechtsstaat nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Es gibt seither zwei Ansichten dieses Umstands: Entweder sind die Staaten von den Diensten unterwandert worden oder sie haben sich aktiv zu Obrigkeitsstaaten entwickelt. Das gängige Narrativ müsste hier zu einem Aufschrei führen, stattdessen aber wird bestenfalls abgewiegelt und großenteils befürwortet. Bemerkenswert ist für mich das Schweigen jener Liberalen, deren Ideologie sich einfach nicht mehr vereinbaren lässt mit dem Entstehen dieser monströsen Krake. Vielleicht war das einer der großen Irrtümer - dass es je einen relevanten Liberalismus gab.

p.s.: Neues von Ed Snowden, eine Inspiration für diesen Artikel (via fefe).

 
guards

Klaus Baum hat jüngst einen Beitrag in seinem Blog, der selbst mir zu lang ist, um ihn ganz zu lesen, aber bis zu der Stelle, an der ich abbrach, habe ich viel zu nicken gefunden. Meine Erfahrung mit dem Arbeitsamt ist die, dass ich mich schon nicht wohl fühle, weil ich diesen Stuss mitmache. Die Alternative wäre allerdings, ihn nur anders mitzumachen und sich dumm zu ärgern. Also komme ich meiner Sachbearbeiterin entgegen, signalisiere ihr, dass ich ihre stumpfen Routinen nicht durch Opposition aus der Wirklichkeit störe, und sie geht mir nicht mehr als nötig auf die Eier.

pu

Was sie dort machen, ist ein Witz. Die Hauptaufgabe ist das Vortäuschen der Jobsuche von ihrer Seite. Das nennt sich "Vermittlungsvorschläge". Diese sind zu einem nicht geringen Teil von der Art, die sich von selbst erledigt. Manchmal steht in der Ausschreibung quasi wörtlich, dass ich für die Stelle nicht infrage komme. Ich mag solche Vorschläge, denn ich schicke dann Standardbewerbungen, bin damit fertig und kann mich Sinnvollerem widmen. Zum Beispiel Kontakte knüpfen, Vitamin B organisieren oder produktive Dinge tun, zum Beispiel an Gitarren herumlöten.

pot

Sie haben wirklich keine Ahnung im Amt, nicht die geringste. Nicht, was man können und wissen muss, um bestimmte Jobs zu bekommen und auch nicht, wer man sein muss. Sie glauben tatsächlich, man könne sich dafür durch "Maßnahmen" "qualifizieren". Das Einzige, das derzeit boomt, ist die Arbeitslosenindustrie. Zig Stellen schreiben sie jede Woche aus für Coaches, Aktivierungs- und Trainingsmaßnahmen. Wir erinnern uns: Als das Amt in "Agentur" umbenannt und von Hartz zum psychischen Folterkeller gemacht wurde, waren sie dort aufgeflogen, weil sie die Vermittlungsstatistiken jahrelang dreist gefälscht hatten. Jetzt wird die Statistik von vornherein manipuliert, "vermittelt" wird nach Schema F, womit der zum Scheitern verurteilte Versuch zum Erfolg undefiniert wird.

Wenn ich keine Ahnung von etwas habe, frage ich nach, ixquicke, probiere aus. Warum klingt die Strat so flach? Sind sicher die Pickups. Also bestelle ich neue. Die passen aber nicht. Tatsächlich sind die alten breiter. Ich könnte sie jetzt in eine Maßnahme zur Verschmälerung schicken, ein Coaching "Erfolg durch Kleinmachen" oder ihnen den Saft um die Hälfte kürzen. Die Alternative: Den Rest auch noch bestellen - ein Brett, drei Potis, einen Schalter. Kabel habe ich noch reichlich, seit mir das Netzteil vom PC abgeraucht ist.

wood

Ich habe nie systematisch gelernt, so etwas zu machen. Ich mache es einfach. Wenn ich etwas können will, lerne ich das halt nach Bedarf. Erzähl' das mal einem von den HRen da draußen (HR="Human Ressources", fka "Personaler")! Die suchen Leute Anfang 20 mit 30 Jahren Berufserfahung und Zusatzausbildung. Bewerben müssen sich 50-Jährige Berufsfremde ohne alles. Das Resultat nennt sich "Fachkräftemangel" und schuld sind die faulen Säcke, die gar nicht arbeiten wollen.

 
neon

Ich werde heute einmal in die Niederungen des Politikerjargons hinabsteigen. In den letzten Tagen habe ich mich gefragt, wie wohl der Aufstieg eines politischen Journalisten von innen aussehen mag. Ich mache das hier seit fast zehn Jahren, und nach so sechs bis acht davon war ich durch mit einer 'Kritik' des politischen Betriebs, die noch irgend etwas ernst nimmt von dem, was er an Verkündungen für das gemeine Volk absondert. Zuerst erkennt man die Propaganda, dann nennt man sie so, dann analysiert man sie vielleicht noch, und dann ist man so weit draußen, dass man es kaum mehr rekonstruiert bekommt, wie die Welt vorher aussah.

Wenn also ein Journalist, der im Grunde dasselbe Problem hat, sich ein ganzes Jahrzehnt lang oder noch länger täglich mit diesem Betrieb befasst, was passiert dann mit dem? Irgendwann muss er sich angewidert oder wenigstens gelangweilt abwenden oder er stumpft völlig ab oder er war es von Anfang an. Man darf also davon ausgehen, dass diejenigen, die es ganz nach oben schaffen, weil sie eine Ewigkeit mitmachen in diesem Theater ohne dessen Kulissen umzuwerfen, kaum eine Verlagsmeinung brauchen, um nur noch Propagandafetzen zu wiederholen. Das muss eine ihrer Kernkompetenzen sein.

Das Beispiel, vor dem ich mich heute ekle, ist im Grunde beliebig. Schäfer-Gümbel, der das rote Schreckgespenst Ypsilanti beerbte, hat der TAZ ein paar windschiefe Argumente verkauft, mit denen er seine Lebenslüge kittet. Was mich noch immer anspringt, sind Formulierungen wie:

"Menschen, die jeden Tag aufstehen, hart arbeiten, aber keine Reichtümer nach Hause bringen".

Shades of Grey Work

Das ist sie, die Lieblingsvision der Partei der Sklaverei. "Harte Arbeit" ist das Wichtigste daran. Vielleicht nehmen wir das einmal wörtlich, um es zu verstehen. Bevor wir zum Kern vordringen, widmen wir uns der Schale: "Menschen, die jeden Tag aufstehen". Also alle? Oder alle außer bestimmten Behinderten und Kranken? Gümbel meint hier eigentlich "früh" aufstehen, denn das ist das ursprüngliche sadomasochistische Bild, daher auch "harte" Arbeit. Hier müsste man eigentlich fragen: Gibt es auch weiche Arbeit? Bei der man den ganzen Tag sitzen oder liegen bleiben kann? Will er vielleicht Schäuble beleidigen?

Nein, es ist das Bild vom gequälten Arbeiter, der schon übermüdet aus den Federn kriecht, um dann bis zur körperlichen Erschöpfung zu malochen, eine knappe Mahlzeit verschlingt und dann wieder in die Falle fällt. Dieser Arbeiter, der optimale Mehrwertgenerator, hat nur ein Recht, nämlich sich zu erheben über jene, die sich nicht genau so quälen. Dieser Sadomasochismus ist es, was übrig geblieben ist vom Ideal der Arbeiterpartei.

Wenn Gümbel sich dann vorlügt: "Auch Menschen mit niedrigen oder ohne Einkommen arbeiten hart und wollen für ihre Kinder nur das Beste", belegt er sein furioses Talent, Absurditäten zu jonglieren. Menschen ohne Einkommen arbeiten hart? Meint er jetzt alle? Oder nur die Hartz-Sklaven, die er aber nicht nennen darf, weil es ihn entlarvte? Aber selbst wenn man bis dorthin noch gewaltsam Sinn erzwingen kann, endet es bei den Kindern. Wenn ich ohne Einkommen arbeite, bekomme ich davon Kinder? Oder will ich für die auch das Beste, wenn ich gar keine habe?

Bis die Ohren bluten

Nein, es ist politischer Kitsch. Gebrochene Metaphern, Sprachbilder wie optische Täuschungen, die nur aus einer Perspektive funktionieren - der des abgestumpften Funktionärs, Ritter des toten Pferdes. Die Kunst der gebrochenen Scheinkritik am irrelevanten Detail beherrscht Gümbel ebenfalls, Markenzeichen jener 'Kritiker', die deshalb in der SPD sind, weil sie an den Tropfen auf dem heißen Felsen glauben, unerschütterlich:

"Mit dem Arbeitslosengeld II wurden Menschen, die zwanzig, dreißig Jahre lang gearbeitet haben, mit Menschen gleichgestellt, die noch nie gearbeitet haben."

Ach was?! Die Lösung war doch gerade Hartz IV, das "aktiviert", "fordert und fördert" und den Abstand der Sozialhilfe zu den Löhnen sichert? War das nicht das Gute daran? Dazu erkämpften sie den Mindestlohn, der dasselbe erreichen soll. Ist das also doch alles "Quatsch"? Muss das ALG II noch weiter gesenkt werden oder kennt Gümbel einen Trick, wie man die Hartz-Gesetze sonst noch anders denn als Strafe für Verlierer auslegen könnte? Und wie vor allem passt der ganze Ausdruckstanz zur Legende von der "harten Arbeit"? Wie bringt man künftig alle dazu, mitzuarbeiten? Die einzige Lösung, die mir dazu einfällt, entsteht farblich durch die Mischung von Rot und Grün.

Bis hierhin vielen Dank! Es lohnt sich mal wieder nicht. Den Rest besorgt ein Blick ins Vokabular: "Themen der arbeitenden Mitte", "nachhaltiges Wachstum". "Chancengleichheit", "Gerechtigkeitslücke", "Soziale Sicherheit" "soziale Stabilität" "Wohlstand und Sicherheit", "Glaubwürdigkeit und Vertrauen". Bla. Bullshit. Bingo.

 
pauls

Noch vor einigen Jahren wähnten sich einige Publizisten, die Blogs als alternative Medien für sich entdeckt hatten, auf einer Insel der Unabhängigkeit. Aus der Innenansicht hat sich daran grundsätzlich auch nicht allzu viel geändert. Wie nicht anders zu erwarten war, aber vielleicht naiv gehofft wurde, ließ das Kapital allerdings nicht lange auf sich warten, um mit der Planierraupe durch unsere Vorgärten zu schroten und ein Regime des Deppenterrors zu errichten.

Dabei ist man noch fast gut bedient, wenn breitbeinige Jungblogger/innen, die sogar im steten Bemühen um so etwas wie Schriftsprache hier und da ein gewagtes Komma setzen, jeden Konsumschrott mit 'wow' und 'toll' anpreisen, den eine Agentur ihnen zum Gutfinden anliefert. Ich musste mir tatsächlich erklären lassen, so gehe Bloggen heute - da sind wir mitten drin im "Heutzutage", und die wenigen Glücklichen, die ein Jahr auf zwei aus der immer gleichen Satzstanze zu den immer gleichen Posen überteuerten Markenschund anbeten, halten sich gern für jemanden.

Tiefer als die Hölle

Meine realistische Einschätzung ihrer Zukunft werten sie als irrelevant und pessimistisch (im Sinne von depressiv, nehme ich an ). Am Ende bin ich vermutlich nur neidisch und eh Nullerjahre. Ein alter Freak halt, den der fröhliche Umzug nicht mitgenommen hat. Die Party läuft ohne dich, Opa. Ich muss wirklich schrecklich alt sein, denn ich kann mich über diese Art schnöseliger Hybris nicht einmal mehr aufregen.

Wie gesagt, ist man mit dieser Art Klientel noch gut bedient, denn zumindest die Simulation einer Kommunikation kann im günstigen Fall stattfinden. Nicht so mit denen, die in der Lotterie das Los des Asistars gezogen haben und auf Youtube unverständliches Zeug brabbeln, um Millionen von Halbhirnen damit zu begeistern, dass es da draußen noch einen Hirngünter gibt, dessen Schwachsinn sogar von Schwachsinnigen als Schwachsinn erkannt wird. Dazu trägt er sie es wiederum Logos, zeigt Spielzeuge mit Logos oder findet irgendwelche Marken einfach so krass geil töfte. Der Markenname ist dabei das Einzige, das deutlich intoniert wird.

Diese Inszenierungen sind wiederum die Schublade im Erdkern, drunter geht einfach nicht mehr. Ich habe mit Moral nichts am Zettel, davon will ich gar nicht anfangen. Was mich vielmehr beeindruckt, ist die Reinheit, mit der ein gestrippter Kapitalismus zutage tritt. Konsum ist hier Inhalt, Stil, Kommunikation, Sinn und Zweck ineins. Das Ideal, das dazu gebraucht wird, ist ein entkernter Restmensch ohne Verstand, Fähigkeiten oder auch nur Geschmack. Die Beliebigkeit wird nur durch ein einziges Element durchbrochen, nämlich den Privateigentümer, der zahlt; der Marke, die dessen Produkte repräsentiert.

Rock'n Roll ohne Rock und Roll

Das Perfideste an dieser erfolgreichen Strategie ist ihre integrative Wirkung. Jeder Idiot kann das, was die Superstars da machen. Jeder erkennt das. Alle sind vereint in ihrer totalen Inkompetenz und dem Traum vom absolut mühelosen Konsum. Der Depp als Star ist das neue Ideal, sein Status leitet sich unmittelbar ab von den Waren, die er erwirbt. Die eine halt im Päckchen von der Agentur, der andere für einen unverschämten Preis im Fachhandel.

Die Szene funktioniert wie Pop allgemein, nur eben ohne alles - ohne Musik, Sport oder sonstwas, wofür jemand noch etwas Spezielles tun müsste. Hysterische Teenager machen sich nass, weil ihr unreifer Narzissmus eben auf die personifizierte Beliebigkeit anspringt, weil die Industrie den Befehl gibt, das gut zu finden. Sex, Drogen und Rock'n Roll ohne Sex, Drogen und eben alles. Fetisch statt Sex, Konsum statt Drogen und nochmal Konsum statt Rebellion. Kurzum: Das Produkt ist hier Subjekt und die Konsumenten die Objekte.

Die gute Nachricht: Um in diesem Schlamm mit zu catchen, kann man nichts tun. Es gibt nichts, das man lernen kann, nichts, dass man tun oder lassen müsste. Vielleicht einen kennen, der gerade bei einer Agentur darüber entscheidet, wer in der nächsten Runde den Dorfdeppen gibt. An die könnte man sich ranzecken, falls die dazu nötige Intelligenz einen nicht schon wieder disqualifiziert.

 
flug

"Hängt das Schwein auf" las ich schon gestern und mich überkam spontan tiefes Mitgefühl mit denen, die schon immer die Todesstrafe für Selbstmordattentäter gefordert haben. Nein, das ist kein Witz. Der Ruf nach härteren Strafen® ist Teil eines Rituals, das mit Sinn und Verstand nichts anfangen kann. Affekt ist gefragt, wogegen ich nicht einmal allzu große Rede halten könnte, wäre es nicht exakt der Affekt, der übermüdeten Kindern den Schlaf raubt. Es kann nie genug sein, nie laut und groß genug, und wenn man die Müllmedien machen lässt, geht das eben wochenlang so und bis zur rasenden Barbarei.

Was die Hetzzeitung hetzt, mag noch immer das strahlende Vorbild sein für den Rest der verseuchten Landschaft, aber in einem sind sie sich längst einig, still und ohne den zartesten Stimulus einer verantwortlichen Synapse: Alles muss raus! Schnellschnell Meldung, Kommentar, Sen-sa-tion. Das ist eben Journalismus 2.0: Wer heute ein Geschäft verpasst, macht es morgen schon gar nicht mehr. It's all about the money.

Boom

Wenn ich also lese - ein beliebiges Beispiel - "Die Ratlosigkeit nach der Katastrophe", ist das genau so Machwerk wie ein "Das ist das Schwein und das seine Schweinefamilie". Es hat keine "Katastrophe" stattgefunden, sondern ein Verkehrsunfall. Niemand ist "ratlos", aber das klingt so schön verzweifelt und passt ins Corporate Design des Verlags, dessen Printausgabe "Ausgeliefert" titelt und den Grusel der Stunde zu nutzen weiß. Gerade haben sie sich noch das ehedem Selbstverständliche als gloriosen Qualitätsanspruch selbstbescheinigt, da reißen sie es mit dem Hintern wieder um. Wer am Wühltisch zögert, geht eben leer aus. Höhere Anforderungen stellen nur "organisiert auftretende, anonyme" Konterrevolutionäre.

Es gibt nichts zu berichten, gar nichts. Es ist eben nicht geklärt, was passiert ist. Guter Journalismus, der leider nicht auf die Verwertungskette zu bringen ist, hätte sich die Weisheit zu eigen gemacht: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten". Ganz im Gegenteil ist aber der Mix aus Leichengeruch, Explosionsstaub und Ungewissheit der optimale Nährboden für jede Art Schauergeschichte und Betroffenheitslyrik. Angesichts des Booms, den das auslöst, sollte man darüber reden dürfen, ob so ein Knall nicht eine Wohltat ist, etwas ungemein Soziales. Wir reden hier schließlich von Arbeitsplätzen!

Für jeden etwas

Wer es lesen will, erfährt also, was das Pilotenschwein geträumt hat, warum der schon immer eine Sau war und man nur den gesunden Volkskörper hätte fragen müssen, wie man solche ausmerzt. Wer es nicht ganz so hart mag, kriegt auf dem anderen Kanal die bemüht kultivierte Version der Denunziation geboten. Auch da war noch nichts bewiesen, aber wir sind ja nicht vor Gericht. Medien Suchen nicht die Wahrheit und können sie eh nicht rechtzeitig finden. Da setzt dann halt ihre Kreativität ein.

Die Resteverwerter kommen ebenfalls auf ihre Kosten, sei es der politische Weihrauchschwenker oder der Longtail, der mit einsetzender Ebbe leisere Töne anschlägt und übergangslos die Heuchelarbeit einleitet. Da muss eine chice Location her, na klar: Der Kölner Dom, weil wir es uns wert sind. Ein bisschen sparsam ist das eher, wir haben reichlich luxuriöse Fußballstadien, in denen auch multimedial mehr geht. Vielleicht beim nächsten Mal. In der Zwischenzeit werden ein paar Gurken sauer eingelegt; ein bisschen transatlantische Handelspolitik, ein paar geostrategische Wühlarbeiten, solche Dinge eben, für die sich niemand interessiert. Irrelevantes Zeug halt.

 
df

Die Jugend war schon immer schlecht. Etwas hat sich aber geändert in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, und zwar hat ein Rollentausch stattgefunden. Inzwischen sind es nicht mehr die Alten, die auf die Unveränderlichkeit der Welt pochen und nichts davon wissen wollen, dass es noch etwas jenseits der eingefahrenen Bahnen gibt. Es ist vielmehr die Jugend, der jede Phantasie fehlt für eine Welt, in der sie nicht ganz selbstverständlich mit Spielzeugen versorgt und von ihnen unterhalten wird. Sinnfreier Konsum ist unterm medialen Overkill zur letzten Alternativlosigkeit geworden. Wir amüsieren uns nicht mehr nur zu Tode, wir sollen nicht mehr akzeptieren, auch nur eine Minute lang unbespaßt zu sein.

Ich muss natürlich zugeben, dass ich aus der Perspektive desjenigen spreche, der weder blöde an seinem Wählscheibentelefon hängen bleibt, weil ihm die geistige Flexibilität fehlt auf Knöpfe oder Tasten zu drücken, noch seine eigene Vergangenheit in der allgemeinen Geschichtslosigkeit vergraben hat. Im Gegenteil, das genau nervt mich nämlich bis zum Anschlag, dass die Jugend keine Zukunft sieht, weil sie unter organisierter Amnesie leidet und blöderweise auch noch stolz darauf ist. Reden wir einmal von diesen elektronischen Spielzeugen:

Keine Ahnung

Oppa hat selbst ein wenig Programmieren gelernt, verschiedene Sprachen gar. Oppa hat den Commodore bedient, den Atari, den PC. Oppa hat haufenweise Betriebssysteme kennengelernt, sie aufgesetzt, zerstört und repariert. Oppa kennt noch das genannte Ding mit der Wählscheibe, Telefonzellen, hat den Nummernblock gehabt, ein erstes Kabelloses, ja sogar Händies. Oppa kannte das Internet schon vor Google, kann heute noch Schnittstellen unterscheiden, Hard- wie Software, und weiß, dass ein ISA-Bus ihn nicht ins Heim fährt. Den ganzen Schnickschnack; analog, ISDN, DSL. Oppa kann einen PC mit verbundenen Augen zusammenschrauben. Was will Oppa damit sagen? Dass er nicht zu blöd ist, einen scheiß Glasstein zu streicheln, sondern dass er denkt, bevor er etwas tut.

Gern sogar weit in die Vergangenheit, lange bevor er selbst geboren war. Davon weiß er! Oppa kennt Sachen aus der Zeit von Uroppa, Ururoppa und Urururoppa. Deshalb hat er auch eine Ahnung, warum die Dinge sind, wie sie sind und sogar eine davon, wie sie werden. Scharen junger Triefnasen hingegen haben keinerlei Vorstellung von ihrer eigenen Zukunft, null Wissen über die Vergangenheit - nicht mal ihre eigene, maßen sich aber an, uns Senioren zu verzapfen, was "heutzutage" ist und was nicht. (Das Unwort "heutzutage" sollte man eh regelmäßig seinem jeweiligen Urheber in den Hals zurück wuchten). Sie kennen kein Gestern und kein Morgen, schwingen sich aber zu Experten fürs Heute auf. Ich finde, über die Prügelstrafe muss man an der Stelle ja wohl einmal reden dürfen.

Nichts weiß die Jugend mehr, gar nichts. Alles war schon immer so, und wer nicht mit der Zeit geht, den lässt sie halt zurück. Fragt einmal die Schnöselei Anfang-Mitte zwanzig, was sie in zehn Jahren tun werden. Die nehmen entweder die Beine in die Hand oder rufen die Bullen.
Was will der Irre? Zehn Jahre! Wen interessiert denn so'n Scheiß?!
Ja, wie soll man auch zwanzig Händies in die Zukunft gucken? Sag denen mal, dass es bald keine Händies mehr geben wird, nur so zum Spaß! Das Geschrei wird herzzerreißend sein, was bei Unbeteiligten wiederum nur den spontanen Reiz auslöst, neue Schuhe zu bestellen.

Wie jetzt?

Das Wort "warum" hat keine Bedeutung mehr, außer in "warum ich und nicht der" oder "warum die und nicht ich?", aber auch da ist es kein Fragepronomen, sondern ein Statement. Es fragt auch niemand mehr: "warum tut's das nicht?". Das heißt: "Gib' neu!", und wenn das passiert, bevor ein neues Modell aus den Kolonien da ist, ist Revolte angesagt. "Geht nicht" geht gar nicht!

Nicht übrigens, dass das Frischgemüse im Vorfeld durch sein Verhalten etwas dazu beitrüge, dass 'Ding tut'. Nö, Ding hat zu tun, ist gefälligst selbsterklärend, bunt, geil und vor allem mühelos! Wenn kaputt wegen mühelos, dann mühelos neu. „Wegen“ müssen wir hier allerdings schon streichen. Als würde etwas nicht funktionieren, weil man es einfach benutzt! Als gäbe es außer fetten hässlichen Nerds irgendwen, der durch sein Verhalten die Technik beeinflusst. "Verhalten" ist nämlich so was von Neunziger Jahre – oder eben eine Art Persönlichkeitsstörung.

Den kenn' ich

Die Idiotengenerationen meiner Eltern und Großeltern haben uns Sprüche wie "Das tut man nicht!", "Das war schon immer so." und "Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh' doch nach drüben!" in den Schädel geprügelt. Mann, müssen die glücklich gewesen sein, als denen endlich eine wandelnde Handtasche erklärt hat, dass es tatsächlich "keine Alternative" mehr gibt! Die Frage "Warum" aus unserer Richtung gab eine Extrarunde Wangenmassage. Es war zum Verzweifeln: Du konntest diesen Graupapageien nicht einmal beibiegen, dass da was gewesen war, ehe im Takt der Demokratie weitermarschiert wurde. Wollten sie nicht wissen. Eigentlich wollten sie gar nichts wissen, schon gar nicht von einer Zukunft, die ihnen geistige Flexibilität abverlangt hätte.

Und jetzt habe ich denselben Salat von der anderen Seite. Mein akademisches Interesse an dieser Geschmacksrichtung von Verzweiflung stellt mich am Ende nur vor die Frage, welche Generation die verkalktere ist und von wem ich eher erwarten darf, dass die Oberstube irgendwann noch einmal einen Tapetenwechsel erlebt. Wahrscheinlich gibt es nur eins, was beide noch aus den Schluffen brächte: Wir brauchen wohl einen neuen Hitler. Das ist eh der Einzige, von dem beide schon mal was gehört haben.

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