adolflatterMan kann Putin nicht mit Hitler vergleichen. Putin ist nicht Hitler. Hitler ist tot. Putin ist schlimmer als Hitler. Außerdem ist Putin Russland. Russland ist derweil immer noch das kommunistische Moskau. Russland ist das Böse. Putin ist das Böse. Ja, so primitiv ist die Propaganda. Sie ist auch so primitiv:

Dabei hat es wohl noch nie einen weniger aggressiven Militärpakt gegeben als die Nato [...] Und dennoch wird jetzt wieder gern die Behauptung Moskaus geglaubt, es sei der Westen, der sich nicht an Vereinbarungen gehalten habe: Er habe Russland im Zuge der Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands versprochen, die Nato nicht nach Osten auszudehnen.

Der Lügner, einmal in Fahrt, kennt nur noch Feindrecht, Feindsicht, Feindjournalismus. Wir gut, die böse. Wer übrigens wissen möchte, was es mit dem Versprechen der NATO-Staaten an die Sowjetunion auf sich hat, ist mit diesem Artikel ganz gut bedient. SpOn einmal gar nicht so schlecht. Und auch so primitiv ist die Propaganda: Das hier hat absolut nichts mit Putin, Russland oder der Ukraine zu tun. Da aber wem Unrecht geschieht, muss das sein “wie in Putins Russland“. Das alles an einem Tag, von einem einzigen Medienerzeugnis. Die anderen sind übrigens auch kaum besser.

Geschichte wird gemacht

Ich bin immer noch kein Freund von Jakob Augstein, schon gar nicht von SpOn, aber dem einen im anderen noch einmal ein Lob, weil er nicht einstimmt ins Gebrüll. Stattdessen ein wenig Geschichtsunterricht. Das bildet, wird aber als Argument nicht gehört werden. Im übrigen muss natürlich festgestellt werden, dass die Propaganda des “Spiegel” keinen Deut besser ist. Allein das Titelblatt “Der Brandstifter – wer stoppt Putin” hält stolz die Stellung ganz unten in der Kommode.

In der nämlichen Schublade aber hält heute Berthold Kohler den Spitzenplatz am Boden. Seine Argumente sind so dumm, dass man sie am Stammtisch genau deshalb gern hört, weil sie eine Aufforderung sind, die nächsten fünf Biere zu exen. Anders nicht auszuhalten. Sie sind von der Art, dass 3+3 nicht 6 sein kann, weil 4+2 schon 6 ist. Ich kann gar nicht böse sein, weil du es bist. Noch ein ‘Argument’:

Wie hätte da ausgerechnet eine deutsche Regierung Nebenabreden mit Moskau treffen können, die den postkommunistischen Ländern in Ostmitteleuropa das Selbstbestimmungsrecht (auch in Bezug auf Bündnisse) verweigern, das Deutschland für sich selbst zu Recht beanspruchte – und das Putin nun vorbehaltlos der Krim zugestand?”

Nichts zu blöd

Na, dreht sich alles? Was Genscher gegenschert hat, tat er im Namen der West-Verbündeten. Der US-Außenminister bestätigte diese Zusage. Okay, das war gelogen und kein Teil des Vertrages. Aber die Guten müssen die Bösen belügen, richtig? Wer in dem Zitat da oben Subjekt, Prädikat und Objekt eindeutig zuordnen kann, möge sich btw bitte melden. Es bedeutet also ungefähr das hier: Ein Militärbündnis kann einem anderen keine Zusagen machen über künftige Mitglieder. Das wiederum ist dasselbe wie die Anerkennung der Souveränität einer Region durch einen annektierenden Staat? Und selbst wenn man dabei bleibt, Deutschland mit der Krim zu vergleichen, wo ist der verdammte Zusammenhang? Hilfe!

Ich könnte wochenlang so weitermachen, mir ginge der Stoff nicht aus. Kollege Pantoufle hat ebenfalls etwas hingelegt, das die Dinge ein wenig zurechtrückt. Wir werden vereimert in galaktischen Dimensionen. Nähme man sich die Argumentationen des Feindjournalismus zum Beispiel, liefe das darauf hinaus, dass Putin ein Heiliger sein muss. Warum? Weil Obama lügt zum Beispiel. Obama hatte versprochen, Guantanamo zu schließen, lässt aber weiter foltern. Er hat den Friedensnobelpreis durch eine Ausweitung der von ihm angeordneten Drohnenmorde gerechtfertigt, mit der er sich auch noch brüstet.

Die USA und die EU destabilisierten außerdem wiederholt die Ukraine, paktieren mit Faschisten und irren Oligarchen. Aus diesen und anderen niederträchtigen Vorgängen muss man also schließen, dass der Feind dieser Feinde nur ein Guter sein kann? Nach dieser Logik schon, denn das kommt dabei herum, wenn man in solchen Kategorien denken lässt. Propaganda von Idioten für Idioten.

 
kirch

Dass der Neoliberalismus religiöse Züge trägt, war hier häufig Thema. Zuletzt fiel mir aber auf, dass nicht nur diese unwissenschaftliche, ideologisch aufgeladene Wirtschaftsverklärung religiöse Züge trägt, sondern generell alle möglichen ‘Theorien’ und Weltbilder zur Religion werden, wo sie sich eben für den Selbsterhalt und gegen die Wirklichkeit entscheiden. Entscheidend für einen solchen Werdegang – selbst von einem wissenschaftlichen Bemühen – hin zur religiösen Verklärung ist das, was unter dem sperrigen Begriff “Theodizee” gefasst wird, der aber recht einfach zu verstehen ist.

Dahinter verbirgt sich die Frage danach, wie das Böse in die Welt kommt, wenn es einen allmächtigen guten Gott gibt. Von der Beantwortung dieser Frage hängt die Ausprägung der Religion ab. Dass aber überhaupt dieser Grundwiderspruch gekittet wird anstatt ihn zu benennen oder auszuräumen bzw. die Theorie an die Wirklichkeit anzupassen, charakterisiert Religion. Der einfache Schluss nämlich, dass es einen solchen Gott unter realen Bedingungen nicht geben kann, ist Tabu. Der Erhalt der festgelegten ‘Wahrheit’, auf der eine Gesellschaft beruht, gilt mehr als eine Wahrheit, die sich der Realität stellt.

Ich zweifle, also bin ich – draußen

Dies stellt sich überall dort ein, wo der Zweifel am Gegebenen unterdrückt wird oder die Zugehörigkeit zu der unter einer bestimmten Weltsicht vereinigten Gesellschaft den Zweifel ausschließt. Das kennen wir von Religionen, aber auch von Fußballvereinen oder eben ‘Ökonomien’. Beim Fußball ist das ganz einfach: Wenn unsere Mannschaft foult, ist das gesunde Härte, tut’s der Gegner, ist er ein mieser Treter. Unsere stehen nie im abseits, die anderen immer, und egal wie deppert wir kicken, wir sind immer die Größten. Da sich dieser Fan-atismus auf einen übersichtlichen Bereich gesellschaftlicher Relevanz begrenzt, ist die Gefahr, die davon ausgeht, ebenfalls begrenzt.

Auf der Ebene einer großen Gesellschaftsformation aber, eines Staates oder Staatenbundes gar, einer globalen Ökonomie oder einer verbreiteten Weltsicht ist das Problem von extremer Brisanz. Dabei besteht es nicht in einer falschen Auslegung von Wirklichkeit, sondern darin, dass der Erhalt der vorhandenen Strukturen zwangsläufig in solchen religiösen Fanatismus mündet. Religion ist reaktionär und alles Reaktionäre nimmt religiöse Züge an. Die Verbindung von Religion und Herrschaft ist also weder zufällig noch gewollt, sondern unvermeidlich, solange Menschen sich mit Tabus und Dogmen das Denken einfach machen.

Es war mir schon sehr früh klar, dass man etwa Faschismus nicht verstehen kann, wenn man sich ihn nicht als beste aller Gesellschaftsformen vorstellt. Genau so klar muss es sein, dass es keine ‘Wahrheit’ geben darf, die nicht infrage gestellt wird und vor allem keine Theorie verboten werden darf. Gar keine, niemals. Das Schlimmste aber, in dem eine Gesellschaft enden kann, ist eine festgelegte Weltsicht, in der gut und böse, wahr und falsch, schön und hässlich nicht einmal mehr verhandelt werden kann. In der allein das Nennen eines Namens zum Schweigen verurteilt, weil dahinter alle die Zweifel drohen, die angeblich ins Verderben führen. Wenn es nicht die Wirklichkeit ist, die über den Wert eines Gedankens entscheidet, sondern der produzierte Common Sense. Das ist der Zustand, in dem Dummheit und Brutalität das Regiment übernehmen.

 
udoalframNein, nicht dass ich den aktuellen Preisträger abwählen möchte. Vielleicht möchte ich dem Grimme Offline Achwat einmal zuvorkommen, dessen schon am Start korrumpierte Jury dereinst den Anlass zur Auslobung des Feynsinn Underdog bot. Es ist nämlich auch so, dass der nächste Preisträger längst feststeht, und da ich die unbestechliche Jury bin, jeder Versuch, dies noch zu beeinflussen, zum Scheiterhaufen verurteilt ist. Nun, es sei denn vielleicht … aber ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass jemand meinen Preis bezahlt – also den, der fällig wäre, um mich zu ‘überzeugen’.

Da das Wetter eh schon Juni gespielt hat, nehme ich also ab sofort Vorschläge entgegen. Es ist dabei ein Äußerstes an Sinnlosigkeit, ein Blog vorzuschlagen, von dem bekannt ist, dass ich es kenne. Metabekanntschaft führt also zum sofortigen Ausschluss des Vorschlagenden, was nicht weniger bedeutet als dass ich ihn ohne Essen ins bett schicke. Die Stadt wird hier eh noch gebraucht. HA! Für diejenigen, die es bis hierher nicht verstehen, weil sie es nicht kennen: Ich suche gute Blogs, die mehr Resonanz verdient haben. Große Kleine, die ich durch die Zuführung von Trollkommentariat – Begleiterscheinung der Prominenz – unglücklich machen kann. Harhar.

Frisches Blut!

Das Hauptmotiv neben dem Hauptnebenmotiv, dem Kollateralanlass also des Feststehens der künftigen Preisträgerschaft, ist mein Bedürfnis nach frischem Blut. Vielleicht ist ja derdiesdas nächstjährige Preisbehang darunter. Wie kommt es aber manifest zu dem Bedürfnis? Nun, ich bin ein wenig unzufrieden mit gewissen Tendenzen, die zu verstärken ich selbst nicht ganz unschuldig bin. Es stellen sich nämlich Lesegewohnheiten ein von der Art, dass immer wieder mal jemand sich auf eine Mission begibt, sein Gehirn in den sicheren Hafen der Reaktion klatschen lässt oder – schlimmster Fall – einfach aufhört zu schreiben, ohne dass ich das genehmigt hätte. In den See mit ihnen! Da geht also immer mal wer verloren, und es kommt nicht so schnell jemand nach.

Ich mag mir auch etwas vormachen, aber ich kehre manchen den Rücken, wenn und weil sie nicht nur zunehmend durch inakzeptable politische Willensäußerungen auffallen, sondern – und das ist entscheidend – durch nichts anderes mehr. Das bürgerlich-gemütliche Geschwalle, das manche nur mehr ablassen, nachdem sie sich die Hörner jugendlicher Attitüde abgestoßen haben, zeichnet sich nicht durch eine ‘falsche Gesinnung’ aus, sondern durch Langweiligkeit. Nichts ödet mehr an als reaktionäre Abwehrrhetorik und die Wiederholung von Parolen. Da wird so mancher Ex-Publizist zum Troll. Anders gesagt: Wenn alt gleich grau, ist das für die Frisur in Ordnung, aber nicht für das Texten. Manche ergrauen in diesem Sinne übrigens schon in den Zwanzigern.

Ich kann mich des Eindrucks auch nicht erwehren, dass ich selbst in der erweitertesten Nachbarschaft schon ziemlich alles abgegrast habe. Sicher gibt es da aber noch Gefilde, die ich nie befuhr, also immer her mit den Reiseberichten aus der Exotei. Wenn ich schon weniger schreibe, will ich wenigstens mehr lesen.

 
brainpipeSie sind der Kitt zwischen Himmel und Hölle, zwischen superreich und sackarm, verblödet und ungebildet. Sie sind der beste Schutz, den es gegen Fortschritt und Aufklärung gibt, die wahren und einzig Gläubigen, Radfahrer, Leuteschinder, Eichmänner, Pflichttuer, Fahnenträger, kurzum: Die Nützlichen Idioten, ohne die es Oberschicht und Unterschicht, Herren und Sklaven, Ordnung und Ungerechtigkeit nicht lange geben kann.

Die Kriecher der Mittelschicht, die stets mit großem G vor ihrem Eifer die Gebetsmühle drehen, der Freiheit das “Ja aber” ins Gesicht prügeln und jede Maßnahme, jeden Befehl mit sadomasochistischem Genuss exekutieren. Sie sind der Double Buttplug, analfixierte Strafbefürworter, die sich nichts sehnlicher wünschen als Härte im Namen der Obrigkeit, die unten zu sicht- und hörbarem Elend führt. Sie kriegen den Finger nicht aus dem eigenen Rektum, während sie ihren Autoritäten so weit von hinten entgegen kommen, dass es schon wieder hell wird.

Nützlich

Nützlich sind sie, weil ihre Herren sich nicht selbst die Finger schmutzig machen. Selbst ihre Lügen lassen die Großen und Mächtigen von ihren Kriechern verbreiten, von ausgebildeten Lügnern, wobei ihnen natürlich die Idioten am liebsten sind, jene verklärten Prediger, die an alles glauben, wenn man ihnen nur eintrichtert, dass es dem Ganzen dient, weil es den Großen dient. Ein bisschen dürfen sie sich dann selbst groß fühlen, immer ein bisschen größer, je weniger noch vor ihnen stehen, die selbst in etwas Größerem stecken.

Der eine verwechselt da schon mal einen anderen mit den Großen selbst. Nehmen wir mal einen Journalisten und nennen ihn “Denkler”, weil er verkündet, was andere denken sollen, ohne dass er selbst auch nur die Regung einer einzigen Synapse verschwendet. Was er zu ‘denken’ gibt, ist das Konstrukt, hinter dem sich der schiere Machterhalt verbirgt. Thesen, die selbst nicht gedacht, sondern nur gemacht wurden, Widerhall vermeintlich göttlicher Ordnung. Ein Denkler schafft es daher, jemanden regulär anzubeten, der seinerseits selbst nur das Mantra derer betet, die noch über ihm stehen. Ein Vasall zweiter Ordnung, der den Präsidenten nicht von der Macht unterscheiden kann, seine abstrakte Eloge aber notfalls auch über eine Parkuhr halten würde, käme die ihm nur wichtig vor.

Zahnlos

Oder nehmen wir einen anderen, meinetwegen namens “Beise”, weil er wie ein Hund daherkommt, der es nicht wagen würde, sein Herrchen je zu beißen und deshalb präventiv den Konsonanten entschärft. Zahnlos, treu und ergeben eben. Dessen Sportlichkeit bleibt unerreicht; wo andere spätestens bei der zweiten Kurve stecken bleiben, kommt er tiefer hinein, kein sperriges Rückgrat stört die Flexibilität. So gelingt es ihm, in tief religiöser Andacht alle die Glaubenssätze zu wiederholen, auch tausendfach, die nur eine Wirklichkeit kennen: Dass alles gut ist.

Was über allem thront, ist unbezweifelt und unfehlbar. Wer es anzweifelt, ist fehlgeleitet, falsch und sündig. Was nicht gut ist, ist eine Prüfung, und wer sie nicht besteht, fehlt im Glauben.
Das tradierte Wort, die heiligen Schriften, sie sind wahr. Die Heiligen, sie sind anzubeten. Frömmigkeit allein verspricht Heil. Ein frommes Volk wird belohnt werden, und wer die Hohen und Heiligen ehrt, wird daran teilhaben. Amen.

Und das noch

Wer das Allerletzte aus der Charge auch noch erträgt, kann sich gern noch mit den kniefälligsten Inquisitoren der Neuzeit befassen, die einem mit seligem Lächeln den Opferdolch in den Leib stoßen und ihn drehen, bis der Deutschlandfunk erklingt. Die aus der Sekte “SPD” und deren Folgeerscheinungen. Religiöser Fanatismus der widerlichsten Sorte.

 
natf

Etwas ziemlich Visionäres habe ich auf den Tag vor sieben Jahren geschrieben, ich wiederhole mich daher mit aufgeschlagenem Rad:


Sie haben sie nicht alle, aber sie kriegen sie! Eine weitere Idee zur aktiven Abschaffung des Datenschutzes ist die europaweite Datenbank für Fingerabdrücke, eine bunte Sammlung von Daten, die “in einer einzigen, gigantischen europaweiten Datei die Fingerabdrücke aller Personen speichern [soll], die Gewaltverbrechen oder terroristischer Aktivitäten verdächtig oder überführt sind”.

Sortieren: Nicht die Datei ist europaweit, sondern die Daten werden europaweit erhoben und abgerufen, und es wird auch keine Datei werden, sondern eine Datenbank. Letzteres ist nicht nur ein technisches Detail, sondern höchst relevant, da man gleich noch DNA und sonstige Daten reinpacken kann, ohne großen Mehraufwand. Wer würde dann übrigens darauf wetten, daß es bei “europaweit” bleibt, zumal bei einer derartigen Verbreitung der Missbrauch vorprogrammiert ist.

Jeder ist verdächtig

Unter solchen Bedingungen ist Datenschutz schlicht unmöglich. Das Beste an der Sache kommt aber im SpOn- Artikel zu kurz: Die Zusammenfassung der Daten von Tätern und Verdächtigen. Böse Zungen mögen sagen: “Zwischen Verdacht und Täterschaft liegt immer nur ein überzeugendes Verhör”. Aber tatsächlich steckt mehr dahinter: Zunächst wird es einige Unschuldige treffen, die ein bisschen schikaniert werden, vielleicht ihren Job verlieren oder sonstige Unannehmlichkeiten zum Wohle der Sicherheit hinnehmen müssen.

Auf lange Sicht aber wird sich herausstellen, dass so viele Menschen verdächtig sind, dass man sie gar nicht mehr verfolgen kann. Die Strafverfolgung wird dem entsprechend ineffizient, es werden daher noch mehr Daten erhoben, die zu noch ineffizienterer Strafverfolgung führt etc.. Die Wahrscheinlichkeit, verhaftet zu werden, wenn eh erst mal alle in der Datei stehen, ist recht gering. Und den “Terroristen” geht’s dabei am besten. Die kriegt nämlich keiner, und ihr Ziel ist erreicht: Einen Rechtsstaat europäischer Prägung wird es dann nicht mehr geben.

Die Symptome waren schon erkennbar, bevor Doc Snowden den ganzen Befund und damit die Diagnose geliefert hat. Es gibt eine Logik des Terrors – sogenannter ‘Sicherheitsdienste’, die man recht verlässlich anwenden kann. Eine angewandte Theorie der Verschwörung führt also durchaus zu korrekten Analysen und ermöglicht zutreffende Prognosen. Man muss wohl – so wie sich die Dinge inzwischen offenbaren – obendrein noch vom Schlimmsten ausgehen und annehmen, dass die Befürchtungen für die Zukunft bereits Gegenwart sind.

 
justitDas Thema “Staat” kreuzt immer wieder die Diskussion, war schon vielfach explizit Thema hier, ich zitiere aus einem der Artikel dazu, um noch einmal auf ein Problem zu verweisen, das viele Linke bagatellisieren:

Es gibt auf dieser Seite nicht einmal haltbare Ideen, wie ein universales Recht sich etablieren kann, ohne dass die Gemeinschaft ein kollektives Rechtssystem einrichtet, das sich wiederum zur Bildung von Klassen und Schichten missbrauchen lässt. Strukturell ist offenbar keine Form der Gesellschaft in Sicht, die das Recht des Stärkeren nicht fördert.

Wir hatten in den letzten Wochen gleich zweimal die Gelegenheit zu beobachten, was eine Unschuldsvermutung wert ist, vor allen wenn sie ausbleibt. Edathy war bereits als öffentliche Person vernichtet, ehe irgendwer wusste, was er überhaupt getan hatte. Juristisch ist ihm bis heute nichts nachgewiesen. Hoeneß wiederum wurde nachgestellt, ehe er verurteilt war, weil gewisse Publizisten die paar Tage nicht abwarten konnten, bis das zuständige Strafgericht sein Urteil fällte.

Alternative Lynchjustiz

Es geht hierbei um nicht weniger als die Verhinderung von Lynchjustiz. Die bürgerliche Gerichtsbarkeit hat mit der Unschuldsvermutung einen einzigartigen Schutz von Verdächtigen etabliert, der die einzig vernünftige Grenze genau an der Stelle zieht, wo der Unterschied zwischen Verdächtigen und überführten Tätern liegt. Diese Grenze zu akzeptieren heißt zivilisiert zu handeln. Sie zu missachten oder zu verschieben – was immer willkürlich ist – ist der entscheidende Schritt in die Barbarei.

Es muss nicht “der Staat” sein, in dessen Rahmen solche Rechtsprechung stattfindet, sie muss nicht “im Namen des Volkes” geschehen, aber es muss eine feste Instanz geben, die nach festgelegten Regeln allein dafür zuständig ist, ein Urteil zu fällen. Nach diesem Urteil steht fest, ob jemand Täter ist oder nicht. Danach erst darf er behandelt werden wie einer, und zwar in jedweder Hinsicht.

Feste Regeln, die nicht nach Laune oder abhängig von anwesenden Interessenten verändert werden können, gemeinhin als Gesetzgebung bekannt, sind wiederum eine Voraussetzung für solche Rechtsprechung. Grundzüge einer solchen Justiz kennt bereits das Altertum; die bürgerliche Gesellschaft hat dem mit der Gewaltenteilung, den Regularien zum Ablauf der Urteilsfindung und der Erklärung der Menschenrechte zivilisatorische Errungenschaften hinzugefügt, die ich für unverzichtbar halte. Es ist keine Einschränkung, sondern eine Aufforderung, dass einige der darunter gefassten Versprechen gern verwässert oder gleich mit Füßen getreten werden.

Vulgäranarchismus

Wo immer staatliche Ordnung zusammenbricht, kann man beobachten, dass Lynchjustiz zurückkehrt, Willkür und Grausamkeit aufziehen. Das Recht des Stärkeren, der größeren oder besser bewaffneten Gruppe setzt sich durch. Dies alles ist unabhängig davon, ob kapitalistische Strukturen vorherrschen. Auf der anderen Seite, das muss ebenfalls zur Kenntnis genommen werden, ist der Staat als solcher korrumpierbar, und zwar um so mehr, je größer die Machtballung ist, die er zulässt. Hierarchien, zentrale Macht und große Vermögen sind dabei eine Grundgefahr für jede Gesellschaft.

Die Konsequenz daraus muss sein, dass sich Gesellschaften Regeln geben. Diese Regeln müssen stabil sein, in einem zivilen Rahmen ausgeführt werden und auf einem breit verteilten Machtgefüge ruhen. Das bedeutet, dass u.a. die Verhinderung von Korruption eine Schlüsselfunktion in einer solchen Gesellschaft innehat. Nicht bloß “Staatsgewalten” müssen sich gegenseitig kontrollieren, sondern jede Form von Macht muss eingeschränkt werden. Es darf keine Herren und keine Sklaven mehr geben. Dies erreicht man u.a. durch die Umkehrung der politischen Zuständigkeit, von der Zentrale in die Region. Die Kommune ist die mächtigste Instanz, überregional wird nicht verfügt, sondern koordiniert.

Ich halte es nach wie vor für einen fatalen Fehler, die Rolle des Staates im Kapitalismus, in dem er als Diener des Kapitals fungiert, für eine Art Vulgäranarchismus theoretisch zu missbrauchen. Genauso wenig liegt mir an einem Staat, der das sozialistische Paradies reguliert. Wer aber ganz generell die Errungenschaften der Zivilgesellschaft aufgibt, weil sie historisch mit dem Kapitalismus verbunden sind, macht sich zum Handlanger der Barbarei.

 
Ich habe mich bereits in diesem Artikel eingangs über das Demokratieverständnis geäußert, das gemeinhin Petitionen zugrunde liegt. Es wird in Zeiten der Langeweile, die manche vor ihrem PC partout nicht totgeschlagen bekommen, aber immer erbärmlicher, was an sogenannten “Petitionen” – die übrigens meist gar keine sind, sondern eine Art Statement zum Abnicken – im Internet kursiert. Für ein Highlight in dieser Hinsicht haben just die Nachdenkseiten samt ihrer Tochterfirma Spiegelfechter gesorgt. Dort heißt es – nachdrücklich ernsthaft – “Anstand retten“, gemeint ist eine Kampagne gegen den Verbleib von Uli Hoeneß im Amt des Präsidenten des FC Bayern, drei Wochen vor dem ersten April. Welch ein intellektueller Limbo!

“Anstand retten”! Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, den in diesem Imperativ geronnenen Schwachsinn zu sezieren. Ein Appell ausgerechnet an die FC Bayern AG, in deren Vorstand schon ein verurteilter Steuerhinterzieher sitzt, deren Ex-Präsident aus steuerlichen Gründen gar nicht erst in Deutschland wohnt und nebenbei keine “Büßerkäppis” oder “Ketten” in Katar zu sehen bekam, womit für ihn das Thema “Sklavenarbeit” dort erledigt war. Ein Verein, dessen sportlicher Anstand seit Jahrzehnten darin besteht, der Konkurrenz die besten Spieler abzukaufen, um sie notfalls auf die Tribüne zu setzen. Vor allem aber, und da darf der Unterkiefer dann endgültig auf den Schuhspitzen Urlaub machen, ein Laden mit Millionen Fans. “Fans”, das ist nicht nur die Abkürzung von “Fanatics”, die sind auch tendenziell so.

Hoffentlich merkt’s keiner

Die Speerspitze der linksliberalen Publizistik macht sich hier also auf, einen millionen Köpfe starken Pöbel mit den Mitteln des Pöbels herauszufordern. Das ist eine der mutigsten Troll-Aktionen, die mir bislang begegnet sind. Hoffentlich merkt das keiner! Immerhin ist diese Aktion en passant dazu geeignet, eine große Schwäche sogenannter “Petitionen” jenseits des Petitionsrechts aufzuzeigen. Es kann nämlich nur dafür votiert werden und nicht dagegen. Ihr Glück diesmal, denn der durchaus mit Siegen verwöhnte FCB würde diesen Mumpitz in einer Weise pulverisieren, die Grund zu einer Extrafeier gäbe. Sowohl der Fußballverein, der da plötzlich zur moralischen Instanz avancieren soll als auch dessen Anhänger- und Kundschaft würden euch also sicher gern zeigen, was sie unter “Anstand” verstehen, aber die werden ja nicht wirklich gefragt.

So viel kurz und launig zum Kontext, in dem sich das bewegt. Was mir aber wirklich die Hand ins Gesicht nagelt, ist das Niveau dieser Hetze, das mit viel Schwung vielleicht die Stammtischkante von unten erreicht. Nur weil das Opfer dieser Ameisen ein Elefant ist, bloß weil man Uli Hoeneß aus nachvollziehbaren Gründen für einen Drecksack halten kann, erklären diese Musterdemokraten einmal mehr das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung für eine Marginalie. Ja richtig: Auch Uli Hoeneß ist unschuldig – im Gegensatz zu Karl-Heinz Rummenigge übrigens. Der Mann ist noch nicht verurteilt, und wer nicht kapieren will, dass exakt das mit “Unschuldsvermutung” gemeint ist, stellt seine selbstherrliche Moral über die Rechtsstaatlichkeit.

Hinzu kommt, aber das kapieren diese Reförmchenschubser ja eh nicht, dass es einem kapitalistischen Unternehmen egal sein muss, welche moralischen Standards ihr Spitzenpersonal spazieren trägt. Im Zweifelsfall sind gar keine die besten. Moral ist ineffizient. Moral kostet Geld. Moral ist etwas für Leute, die es sich leisten können zu verlieren.
Auf der anderen Seite ist sie ein tolles Spielzeug für Leute, die immer recht haben. Die schon den kurzen Prozess kaum abwarten können. Auf jeden Fall für solche, die das intellektuelle Rüstzeug nicht mitbringen, Prozesse und Systeme zu analysieren und stattdessen darauf beharren, sie würden nach Maßgabe eines höheren Willens bestimmt.

 
Ach, es ist herrlich. Wunderbares Wetter, die Leute sind zufrieden, man kann sie mit allem vollstopfen, was die Kreativität der Kreativen hergibt; das Produktmanagement der Mediagroupies schaltet einen Gang höher, der internationale Wettbewerb® macht auch hier keine Atempause. Geschichte wird gemacht, es geht voran.

Krims Märchen

Keine Wertung haben wir heute für die Nachrichtenlage der Sportereignisse zwischen Kiew und Sewastopol. Der eine will russische Truppen anhand russischer Uniformen erkannt haben, der andere sah Söldner von Blackwater/Xi/Academi oder wie ich sie zu nennen pflege: Donald’s Daisies. Einer zählt 20 Demonstranten anti und 3000 pro, der nächste kommt mit dem mindestens Zehnfachen um die Ecke, weiß aber nicht wovon und wofür. Na ja, die Russen, immer besoffen und im Delirium, und diese Ukrainer sind ja auch nur Russen. Oops, hab’ ich das was missverstanden? Wie dem auch sei: Jeder Depp macht sich seine passenden ‘Nachrichten’ draus und überzeugt sich selbst..

Free Uli

Auf Platz vier der heutigen Charts findet sich alles, was Uliuliuli His Royal Hoeneß erwähnt. Ob ernst oder satirisch, kurz oder lang, ein Musthave und Nogo, inhaltsleerer Großskandal in Wartestellung. Der Uli kann nicht in den Knast. Schon weil der Multimillionär, Großschlachter und schwerkriminelle Schweiztourist ein Arschloch von einer solchen Dimension verkörpert, dass es unangreifbar bleiben muss. Woran soll der Zuschauer sonst noch glauben? Wozu sich noch anstrengen, wenn selbst solche Karrieren im Topf enden?

Daily Terror

Platz drei geht an uuuh, Gruusel Al-Kaida, Qaeda oder weiß der Kuckuck wie sich das am besten römisch buchstabieren lässt. Die kommen nämlich jetzt mit der Bravo für Talibanse, dem Terrortagesspiegel, der Dschihaddington Post. Was trägt man heute zum Anschlag, wo ist der Feind am attraktivsten, welche Sure passt am besten zum explosiven Vorhaben? Täglich aktuell und online.

Ill Kim

Nur auf Platz zwei schafft es der dicke Diktatorjunge von Pjöngjang. Vorbei die Zeiten, da sich ‘kommunistische’ Komiker Wahlerfolge von neunundneunzig Komma etwas Prozent bescheinigten und sich damit vor der Welt und den angrenzenden Ortschaften blamierten. Kim 100% kann hundert Prozent. Drunter kann nämlich jeder. Wie er das noch steigern kann, werden wir sicher auch bald erfahren.

Rent a Friend

Da sind wir doch hoch und höchst überlegen in der besten freiheitlichen Demokratie, an die sich mit den passenden Drogen noch glauben lässt – um dennoch brav produktiv und arbeitsfähig zu bleiben. Platz eins geht klipp und klar an David Cameron, der so viele Freunde hat, weil er sich’s eben leisten kann. So macht’s der Profi, der Demokrat, der gewählte Vertreter®. Zeit für den Adelsstand, wenn ihr mich fragt.

 
centKlammheimlich nahm die Zahl dieser Schuhgeschäfte zu. Das ist ja wohl ein bekanntes wirtschaftliches Phänomen, aber traurig, wenn man es wirken sieht, denn je mehr Schuhgeschäfte es gab, desto mehr Schuhe hatte man herzustellen und desto schlechter und immer weniger tragbar wurden sie. Und je weniger die Schuhe tragbar wurden, desto mehr mussten die Leute kaufen, um immer Schuhe an den Füßen zu haben [...] Resultat: Zusammenbruch, Ruin, Hungersnot.

Pispot Gargravarr 1980, Übers.: Benjamin Schwarz 1985

Schuhfetisch einmal anders. Derselben Quelle entstammt übrigens einer meiner Lieblingssätze: “Der Wirt tunkte ein Geldstück in eine Bierlache und wir bedankten uns dafür” (A.Dent). Aber wir müssen wohl erst einen Schritt zurück gehen, um grobe Missverständnisse zu vermeiden.

“Fetisch”, ein Wort, das die Wikipedia daher auch nicht kennt, hat nichts mit “Fetischismus” zu tun. Ein Fetisch ist nicht etwas Seltsames zum Ficken. Es ist vielmehr ein magisches Ding; etwas, dem geheime Kräfte innewohnen, ein Ding mit Macht und Seele, aus der Perspektive des Erwachsenen in der Moderne also eine besondere Form des Irrtums: In dem geschnitzten Stück Holz wohnt nämlich gar kein Gott, der Teddy war schon tot, bevor ich ihm den Kopf abgerissen habe, und es ist nicht das Geld, das den Dingen ihren Wert verleiht. In aller Kürze gesagt.

Magisches Denken eben; in meinem Lieblingssatz oben rutscht der kindliche Augenschein gleich auf die Zunge: Es passiert immer dasselbe, daher besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Immer, wenn das Geld in die Lache getunkt wird, bedanken sich die Leute. Hunde wissen das übrigens auch. Als die Underdogin noch etwas hören konnte, lief sie zu Tür, wenn ich auf den Tisch geklopft habe. Hans-Werner Sinn würde sicher dasselbe tun.

Sofort verstanden

Kommen wir zum Schuhfetisch: Immerhin ist Gargravarrs Beobachtung um einige Stufen komplexer; er stellt sogar mehrschrittige Zusammenhänge her. Leider waltet aber auch in seiner Schilderung noch magisches Denken, er spricht der Erscheinung einen Sinn zu, der woanders zu finden ist. Ihm kann das nebenbei auch egal sein, hat sein Körper sich doch jüngst von ihm getrennt; da lässt sich natürlich leicht fetischisieren.

Es sind aber eben nicht die Schuhläden oder ihre Zahl, die zur Qualitätsminderung führen. Es sind zweitens die Ressourcen, die knapper und teurer werden (eine Korrelation, die übrigens auch keine unmittelbare ist) und erstens die Profitraten, die dazu führen, dass “Leder” bald nicht mehr Tierhaut ist, sondern Pappe, die mit einem chemisch gewonnenen Tierhautextrakt besprüht wurde. Eine doppelt geile Idee, freilich nur für Investoren®, halten die Dinger nämlich erstens nicht mehr vom Laden bis nach Hause, weswegen man gleich zwei Paar kaufen muss, und ist das Material obendrein billiger. Höherer Absatz (nein, nicht der von den Schuhen, ihr Dödel!) bei höherer Marge also. Supergeil!

Hinter dem magischen und tragikomischen Effekt des Untergangs per Schuhfetisch steht also eine strunzlangweilige und dennoch skandalöse Errungenschaft sozialer Marktwirtschaft®: Geplante Obsoleszenz. Ich werde immer wieder mit Mundgeruch eingedeckt, wenn ich diese Vokabel zum Besten gebe; halten mich die damit Behelligten doch sofort für einen unfassbar Gebildeten, Klugen, Wissenschaftler, Magier der kompliziertesten Denkkunst. Wenn ich es ihnen erkläre, verstehen sie aber sofort, wie einfach das ist, was sich dahinter verbirgt. Der globale Wettbewerb®! Die Chinesen! Der allgemeine Verfall der Sitten!

 
Es lichtet sich bedenklich wenig im Gewirr von Informationen, Desinformation, Propaganda und Rechthaberei bei völliger Ahnungslosigkeit, kurz: auf dem Feld, wo jeder Journalist offenbar weiß, was von ihm erwartet wird und er es hemmungslos schreibt, sich mit der Sache gemein macht, die Redaktion und Verlag im Chor der ewigen Kalten Krieger anstimmen lassen. Putin, der Despot, Putin, der “bestraft” werden muss, das imperialistische Russland dort; hier die EU, immer auf der Seite des Völkerrechts, der Menschenrechte, und überhaupt immer im Recht.

Wenige halten dagegen, lobend zu erwähnen Jakob Augstein etwa. Noch deutlicher wurde Egon Bahr [der Link wird in wenigen Tagen vermutlich hinfällig sein, Säzzer] , der es keinem mehr recht machen muss. Es klingt zwar beinahe zynisch, was der Mann zu sagen hat, aber er weiß wenigstens, dass er nicht von einem Sandkastenspielchen redet.

Ich will noch immer nicht die Lage bewerten, obwohl einige Korrekturen sicher bitter nötig sind an dem, was da politisch und medial dilettiert wird. Vor allem die Anerkennung einer ‘Regierung’, die durch ausufernde Demonstrationen an die Macht kam, die Akzeptanz von Faschisten im Bündnis sogenannter “Gesprächspartner” und das völlige Ausblenden von Maulwurfsaktivitäten auf allen Seiten machen mich doch stutzen. Als sei das “Volkes Wille”, was da passiert – schlimm genug – aber gleichzeitig von Rechtsstaatlichkeit zu palavern ist so ungemein dreist, da wird der Mund doch arg trocken.

Spucke weg

Worauf ich mich beziehen möchte ist ein rhetorisches Manöver, das sich derzeit allseits größter Beliebtheit erfreut, obwohl es plumper nicht sein könnte. Weil es aber ‘alle’ machen, ist das scheinbar wie die Benutzung von Facebook und WhatsApp – dämlich, verwerflich, aber Lemmingspflicht: Ich spreche vom Aufrechnen der Missetaten und Makel des einen, um damit die des anderen zu rechtfertigen. Es ist wie im Kindergarten: “Wenn der das darf …”

Wenn ich etwa mit gewisser Bestürzung lese, dass ein eigentlich kluger Mann mir erzählt, “eher” seien es doch die von Putin gesteuerten russischen Medien, die einseitig berichteten, um damit die hiesige Propaganda vom Tisch zu wischen, bin ich dezent befremdet. Was soll das? Selbst wenn Putin jeden Abend Grimms Märchen vorliest, was hat das mit den Ressentiments und der Verblödungsmaschinerie hier zu tun? Natürlich gilt das auch umgekehrt: Selbstverständlich hat auch die russische Nomenklatura (Putin als Despoten zu betrachten, ist übrigens naiv) kein Recht, die Menschen zu belügen, aber ich kritisiere meine Presse hier. Das ist mein Job.

Der kleine Unterschied

Der Unterschied zwischen Rechtfertigung und diskursiver Betrachtung kommt in den Diskussionen als erster unter die Räder. Das Aufrechnen ist eine moralisierende Strategie. Etwas völlig Anderes ist es aber, die Konsequenzen von Handlungen aus der Betrachtung von Machtstrukturen abzuleiten. Legitimation – völkerrechtliche Betrachtungen etwa – ist gut und schön, wer aber weiß, wie es um deren Relevanz in strategischen und militärischen Entscheidungen bestellt ist, kann mir doch nicht mit dem Argument kommen, Russland verletze das Völkerrecht.

Ja warum tut es das denn? Weil es das kann. Warum kann es das? Weil es einen hässlich mächtigen Militärapparat hat. Ja darf es das denn? Nein, genau so wenig wie die NATO im Irak einmarschieren durfte, die Bundeswehr nach Afghanistan oder Killerdrohnen nach Pakistan. Das ist immer noch kein Aufrechnen, weil und insofern man das als Handlungsoption betrachtet. Wenn Legitimation überhaupt irgend eine reale Macht bremsen kann, weil diese ein Ohr für ethische Einwände hat, dann muss diese Ethik erst einmal gelten. Von einem Metzger lässt sich aber niemand das vegane Leben predigen.

Der Westen hat völlig versagt, weil er ein Spiel spielt, das er nicht beherrscht und moralisch längst derart verkommen ist, dass ihn niemand mehr ernst nimmt. Wenn also irgend etwas stimmte an der Legitimität des Illegalen durch das Illegale, dürfte der Mörder morden und der Lügner lügen, weil es Mord und Lüge halt gibt. Das wäre das Ende jeder Ethik. Nein, es ist ihnen nicht erlaubt, auch wenn man wissen muss, dass sie’s tun.

[Update:] In einer aktuellen Pressekonferenz macht Putin u.a. deutlich, dass Janukowitsch der legitime Präsident der Ukraine sei, da seine Absetzung nicht den Vorgaben der ukrainischen Verfassung entsprach. So kann das enden, wenn man auch noch auf dem Gebiet der (juristischen) Legitimität versagt und stattdessen meint, aus einer höheren Moral handeln zu können. Einer Moral basierend auf dem tumben Prinzip “Wir sind die Guten”. (Danke, Jens)

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