sozialzeugs


 
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Na, schon verwirrt? Wird noch schlimmer, denn bislang sind wir nur indirekt beim Thema. Das nämlich ist, wie gleich eingangs verraten, "Gewalt", ein Unterkapitel "Ohnmacht". Der alte weiße Mann hier ist als sehr kleiner weißer Junge auf die Welt gekommen (Nein! Doch! Oh!) und hat quasi vom ersten Tag an Gewalt erlebt. Das hat einen komischen Effekt: Selbst wenn man (und das sind meine frühesten Erinnerungen) eine Idee hat davon, was ungerecht ist und mit dem Gesamtpaket "Leben" irgendwie unzufrieden ist, erscheint Gewalt zunächst als etwas völlig Normales. Man erleidet sie und man wendet sie an. Ganz selbstverständlich.

Wenn man erwachsen wird und das Glück hat, diese Erfahrungen reflektieren zu können, gibt es Wege, nicht zum Gewaltzombie zu werden und sie (was psychologisch quasi der Normfall ist) in Endlosschleife zu wiederholen. Hier gibt es eine entscheidende Schnittstelle, an der Gewalterfahrung, vor der niemand je sicher ist, beherrschbar wird. Richtig; jetzt sind wir bei der Ohnmacht. Nicht Gewalt ist das Problem (sofern sie keine bleibenden körperlichen Schäden hinterlässt), sondern Ohnmacht.

Endlosschleife

Es ist Ohnmacht, die zur Wiederholung drängt, zur berüchtigten "Identifikation mit dem Aggressor". Das Gewaltopfer versucht, die traumatische Erfahrung zu bewältigen, indem es die Situation wiederholt, allerdings mit vertauschten Rollen. Es tritt selbst als Täter auf, als der handlungsfähige Part der Situation, was doppelt blöd ist, denn das funktioniert nicht. Es gibt auch noch andere Strategien, etwa Autoaggression, die das Trauma wiederholen und ähnlich 'erfolgreich' sind. Das alles ist bis hierher höhere Küchenpsychologie. Kommen wir also zum Schluss zum Anfang, zu einer fatalen Strategie, die ich vehement ablehne:

Der Weg aus der Ohnmacht ist die Konfrontation mit ihr, der erlebten Gewalt und der Angst. Dümmste Strategie: Sich für alle Zeiten ohnmächtig zu machen, indem man Angst vor Gewalt kultiviert. Und damit bin ich mitten in meinem Problem mit dem 'Opferschutz'. Wer Gewaltopfer vor Gewalt schützen will, indem er eine ganze Gesellschaft auf Samthandschuh dressieren will, hat den Knall nicht gehört. Obendrein beschlagnahmen die in ihre Opfer verliebten 'Schützer' noch jeden symbolischen Opferstatus, der nicht bei drei unterm Teppich ist: schwarz, weiblich, homosexuell, behindert, bescheuert oder religiös. Ausnahme wie gehabt alles, was mit Klassenbewusstsein zu tun hat, denn da verschmelzen die ganzen schönen Rassen und Vorlieben zu einer einzigen Menschheit, wie eklig!

Wer schützt wen vor was

Was lässt euch eigentlich glauben, dass Gewaltopfer von euch geschützt werden wollen? Die Alibispaten in eurer Peergroup? Will der Homie aus der Bronx wirklich von Veganern aus Kreuzberg vor alten weißen Männern geschützt werden? Das ist genau so geil wie diese antideutschen Israel-Fans. Glauben die wirklich, Israel und seine Bürger wollen "uneingeschränkte Solidarität" von Typen, deren Leistung darin besteht, Nazienkel zu sein? Wenn das der Sigmund wüsste!

Es ist mühsamer, sich realen Gewaltopfern zu widmen anstatt sich Sex-und Rassenlehren anzueignen, mit denen das Böse bekämpft wird. Gewaltopfer haben den Anderen derweil eines voraus: Sie wissen, wie das ist, wenn es passiert. Sie wissen, dass es passieren kann, dass es möglich ist. Es ist kein Unfall und kein magisches Schicksal. Gewalt - na und? Es gibt keine Sicherheit. Es kann keine geben. Na und? Will man sie unbedingt verhindern, wird man sie heraufbeschwören, egal ob aus 'Opferschutz' oder totalitärer Gesinnung. Man muss den Menschen die Angst vor der Gewalt nehmen und sie nicht für die an ihren Vorfahren rächen.

Gewalt ist eine Option für jedermann. Nur wer sich völlig hat kastrieren lassen und glaubt, es sei ein Naturgesetz, dass ein Staat seine Bürger vor jeder Gewalt schützt, kann das verdrängen und glauben, es sei eine Katastrophe, wenn jemand gegen das Gewaltmonopol verstößt. Im Gegenteil ist es für das Bewusstsein und seinen Schutz vor Ohnmacht besser, sich der Gewaltoption zu versichern. Es kommt im Zweifelsfall sogar darauf an, sie ausüben zu können. Auch und gerade gegenüber dem Staat, der zwangsläufig irgendwann auf seltsame Ideen kommt, wo er seine Bürger zu Schäfchen degradiert hat. Die Wahl ist immer die zwischen Ohnmacht und der Fähigkeit zu handeln.

 
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Ich habe den folgenden Artikel in zwei Teile zersägt. Er nimmt lange Anlauf und geht weit über die Dörfer, daher lasse ich ein bisschen Zeit für Reflexion und ggf. erstes Gemecker.

Das ganze Leben ist die Kunst des rechten Maßes. Egal ob 'privat', öffentlich, politisch, sozial, beim Essen, Trinken und den Drogen, Spocht, Unterhaltung und selbst in der Vernunft braucht es Grenzen, innerhalb derer getan und gelebt wird, sonst wird es unerträglich. Ich meine hier selbstverständlich Gesellschaft - die wiederum da anfängt, wo wir es mit mindestens zwei Menschen zu tun haben. Da muss es Grenzen ebenso geben wie Toleranz; wird die Schraube überdreht, fliegt das Ganze auseinander. Dummerweise befinden wir uns in diesem Albtraum mit dem Titel von Maggie Thatcher: "There is no such thing as society" - es gibt keine Gesellschaft.

Das ist nicht bloß die Formel des Wahnsinns, den der Neoliberalismus über die Menschen gebracht hat, es ist durchaus auch eine Diagnose. Extremismus ist der Normalzustand; das Extrem des Individualismus. Das Problem: Der losgelassene Einzelne ist immer extrem, weil durch niemanden eingeschränkt. Welch grandiose Idiotie, die "Freiheit des Einzelnen" zum Ideal zu verklären! Der Einzelne, der sich mit niemandem arrangiert, keine Rücksicht nimmt, nur sein eigenes Ziel vor Augen hat, ist ein Idiot. Er kann gar nichts anderes sein, weil er nicht erkennt, was er denkt und tut, weil er sich nicht erlebt als das, was er immer ist: ein Teil von Gruppen, auf die er Einfluss hat.

Ich und die Anderen

Sozialkompetenz, die Fähigkeit, Wechselwirkungen zwischen Gruppen und Personen zu verstehen, ist mehr als plumpe Berechnung. Wer nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen will, sein Ziel zu erreichen, wird nicht einmal das schaffen. Er erkennt schon den eigenen Einfluss auf andere nicht, wo er ihn nicht mit Leben erfüllt und weiß noch weniger davon, dass seine vermeintlichen Ziele gar nicht seine sind. Er weiß nichts darüber, wie er selbst beeinflusst wird. Über diese Erkenntnisse geht das produzierte Menschenbild der Gegenwart aber hinweg.

So viel zu diesen Voraussetzungen für das, was dann an 'Gesellschaft' übrigbleibt, die ein bloßes Funktionieren des Apparates ist, für den sie keinen Namen mehr hat. Das mag u.a. ein Grund dafür sein, warum das Völkische wieder Konjunktur hat: Wer keine "Gesellschaft" mehr kennt, findet sich vielleicht im 'Volkskörper' wieder. Um die vielen kleinen Extremisten unter Kontrolle zu halten, gibt es reichlich Ideen, vom Strafrecht über Gehirnwäsche bis hin zu autoritären Moralkorsetten. Je nach Geschmack wird damit das Schlimmste verhindert oder für Gerechtigkeit gesorgt.

Das Böse

Dabei sind sich die Meisten einig, dass Gewalt gebannt, geächtet, verboten und möglichst ausgemerzt gehört. Entlang der Empfindlichkeit gegenüber Gewalt kann man wiederum ungefähr ablesen, wie weit ‚links' oder 'rechts' jemand steht. Die Rechten sind für Gewalt noch der brutalsten Art: Todesstrafe, Lynchjustiz, und wo wir die Gefilde des schäumenden Mobs verlassen, wenigstens immer "härtere Strafen", der Kassenschlager der 'Konservativen'. Selbstverständlich ist hier die Rede von Gewalt gegenüber anderen, vor allem gern Schwächeren. Die haben das irgendwie verdient, weil sie minderwertig sind.

Auf der linken Seite müssen wir einen kleinen Schnitt machen rechts von der winzigen Minderheit, die militant auftritt. Dann kommen die neu-Autoritären, die unerbittlich mit null Toleranz gegen Gewalt sind. Zur Not wird Gewalt auch schon mal umdefiniert, aber ganz wichtig ist, dass es keine Gewalt mehr gibt. Das bedeutet ja eben auch, dass Angehörige jeder Gruppe, die auf irgendeine denkbare Art Opfer irgendeiner Gewalt wurden, davor geschützt werden müssen, indem man alles unterdrückt, was dazu imstande wäre, also weiße Hetero-Männer. Die fallen leider dann auch nicht mehr unter Opferschutz, egal wie furchtbar sie gequält oder ausgebeutet werden.

to be continued

 
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Merkwürdig: Ausgerechnet als 'Argument' gegen Sexismus entdeckt Herr De Lapuente plötzlich den Klassenkampf. Manche Manöver sind einfach zu durchsichtig. Leider mag "Dame von Welt" keine Links, aber sie hat zum Thema einen Text verfasst, dem ich weitgehend zustimmen kann. Müsst ihr selbst suchen.

Vor allem der Hinweis darauf, dass die kleinen Weinsteins ein Problem sind; eines, das sich eher nicht in die Kategorie "Klassenkampf" einordnen lässt, ist hier wichtig. Das Original übrigens auch nicht, denn viele von Weinsteins Opfern trennt keineswegs eine Klassenschranke von ihm. Dass Kapitalismus besonders geeignet ist, ausbeuterische Herrschaftsverhältnisse zu fördern, lässt sich zwar nicht leugnen, sexuelle Gewalt aber hat noch eine ganz andere Dimension.

Gar nichts gelernt

Meine Ansichten zum Gender-Sexismus ist gemeinhin bekannt; diese Form von "Feminismus", eine Orgie der Opfermythologie, ist in diesem Zusammenhang eher fatal, weil sie obendrein die Unterschiede schleift zwischen Anmache, Sexismus und Gewalt. Geschenkt. Es geschehen aber Dinge, die mir zeigen, dass wir offenbar noch im tiefsten Hinterwald leben, Mittelalter und Steinzeit. Es ist zum Kotzen.

Noch ein Ansatz: Neulich in Barcelona griff mir eine alte dicke Frau, als sie aus der U-Bahn ausstieg, erkennbar absichtlich und mit einem dreckigen Lachen an den Hintern. "So ist das also", dachte ich, war zunächst perplex und dann eher amüsiert. In der Tat macht es aber einen Unterschied, wenn du weißt, dass sie dir nichts anhaben kann und du das nicht alltäglich erfährst. So ist das also doch eher nicht.

Bemerkenswert derweil, dass es eine Kaste überbezahlter Sternchen ist, bei denen Arschwackeln zum Geschäft gehört, die jetzt aufbegehren. Damit meine ich absolut nicht, sie hätten kein Recht dazu. Im Gegenteil ist es traurig, wenn selbst Frauen (inzwischen auch vereinzelt Männer) mit solchen Ressourcen sich jahrelang nicht trauen sich zu äußern. Geradezu furchtbar, wenn sie es doch tun und auf Mauern der Ignoranz und Verharmlosung stoßen. In dieser Welt leben wir also. Diese Bretter sind also immer noch zu bohren. Hätte ich nicht gedacht.

Bück' dich

Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass das Gegenteil des Opferkultes hier Not tut; dass Frauen, die Situationen solcher Ohnmacht erlebt haben, erfahren, dass sie eben nicht ohnmächtig sind. Eine Zivilgesellschaft muss in der Lage sein, den Wichsern, die sich dergleichen rausnehmen, beizukommen. Das heißt weder, dass man wie de Lapuente den unschuldig verfolgten Jörg Kachelmann ohne Weiteres in einem Satz mit Vergewaltigern und Verdächtigen nennt, noch dass man Frauen, die sich äußern, für hysterisch erklärt oder Vergewaltigung bagatellisiert.

Es heißt offensichtlich, dass man vielen Zeitgenossen noch beibringen muss, was rudimentäre Solidarität ist und man nicht erst vor Gericht das Minimum an Anstand durchsetzen kann. Es heißt, dass die 'westliche' Gesellschaft unter der dünnen Tapete nach wie vor jede widerwärtige Spielart sadistischer Herrschaft duldet und Zivilisation eine Frage des Machtgefälles bleibt. Die Macht des (vermeintlich) Mächtigen zu akzeptieren, heißt zu akzeptieren, was er damit macht. Egal, in welcher Gehaltsklasse.

 
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(Zu Teil 1)

Das Bildungssystem, insbesondere das deutsche, ist eine ganz eigene Erzählung, Der freidrehende Fleiß, dessen Produktivität bei der Massenvernichtung ebenso zuverlässig wirkt wie bei der Massenproduktion, folgt einer Leistungsreligion, deren Gottheit ebenso unsichtbar und außerweltlich bleibt wie ihr Vorgänger im Himmel. Es ist nicht nachweisbar, eher schon widerlegbar, dass einen Zusammenhang gebe zwischen Leistung und Einkommen, aber das ganze System ist durchzogen von Sinnsprüchen, die das Gegenteil behaupten.

Schon in der Grundschule werden Karrieren zerstört, lange bevor so etwas wie Leistungsfähigkeit und kognitive Reife überhaupt beurteilt werden können. Das wird auch von niemandem bezweifelt, den auch nur ein Hauch von Sachkompetenz umweht. Warum ist es dann noch immer so? Hat sich doch bewährt! Sehr zuverlässig ist schon an den Gymnasien das Gros der Unterschicht ausgesiebt. Was von denen noch an der Uni ankommt, frisst nicht allzu viel Brot. Spätestens bei der Drucklegung der Dissertation kann man das noch ausbremsen, und selbst wenn es jemand zur echten Bildungselite schafft, ist das ja keine Garantie auf einen Platz im Stall der Superhengste.

Den Armen helfen

Wie reagiert der sozialdemokratische Teil des Systems, der noch Mitgefühl simulieren muss, darauf? Nicht etwa so, dass die Klassenschranken und Schützengräben im System auch nur diskutiert werden. Ihre Antwort sind Bildungsalmosen. Vielleicht lernen sie ja wenigstens, mit Messer und Gabel zu essen, die "Bildungsfernen".

Das war übrigens früher® keinesfalls besser. Zu meiner Grundschulzeit gab es noch Noten im Bereich "mündlicher Ausdruck"; da konnte man die Kinder gleich ungehemmt für ihre Herkunft bestrafen. Allein dass in der Unterschicht eine andere Grammatik, ländlich auch noch eine ganz andere Sprache vorherrscht, ist ein ein kaum beachtetes Problem. Das Bildungssystem ändert nichts an diesen Makeln, weil sie erwünscht sind, und zwar vor allem von denen, die den Betrieb besorgen. Die Mittelschicht hält sich hier erfolgreich Konkurrenz vom Hals.

Selbsthilfe abgelehnt

Ein Weiteres tut der Einfluss der Eltern. Während eben diejenigen, die ihren Stand verteidigen, dies recht forsch tun und aktiv auf das Geschehen Einfluss nehmen, sind diejenigen, deren Kindern benachteiligt sind, zum Schweigen verdammt. Die Rollen sind klar verteilt: Hie die Leistungsträger und Helikoptereltern, dort die Versager, denen stillschweigend jede Kompetenz in Bildungsfragen abgesprochen wird. Wenn Schantall Probleme hat, liegt das an ihr oder ihrer Hartzer-Familie, ganz sicher nicht an der Schule oder ihren Lehrern. Wenn Sie anderer Ansicht sind, lernen Sie erst einmal, das in angemessener Form vorzubringen!

Die Mär von der Durchlässigkeit, von Gleichberechtigung und Demokratie, wird in den Bildungseinrichtungen in Grund und Boden gestampft. Das hat zur Folge und kann nur so funktionieren, dass dieser Umstand ignoriert und umgedeutet wird, wo er nicht geleugnet werden kann. Dann werden halt "Anreize" geschafft für die "Bildungsfernen" und der "Eigenverantwortung" überlassen. Wenn die Dynastien der Asozialen davon keinen Gebrauch machen oder nur Geld für das Essen ihrer Brut sparen, ist das schließlich der Beleg dafür, dass sie gar nicht wollen. Da kann man dann nix machen.

((Zu Teil 3))

 
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Ich hatte eh eine quasi literarische Frage im Vorlauf, als ich dieses Gespräch las. Eribon analysiert die aktuelle politische Situation immer wieder präzise; was ihn aber vielleicht noch mehr auszeichnet, ist sein Stil. Er erzählt oft anstatt zu dozieren, womit er mehr Menschen erreicht. Dabei verliert sein Blick keineswegs an Schärfe. In dem verlinkten Gespräch geht es außerdem um Bildung und die Frage, ob es ein Entrinnen aus der Klasse gibt, der man abgehört (also in der Regel der Arbeiterklasse).

Ich werde einmal versuchen, das zusammenzuziehen. Aufklärung und Bildung waren nie unmittelbar mit der Idee verbunden, Klassenschranken zu überwinden. Aufklärung war eine Waffe gegen den Adel, dann aber gleichsam für die Bourgeoisie als neue Herrscherklasse. Die Bildungskonzepte der frühen Moderne wie bei Humboldt sahen ebenfalls höhere Bildung nur für höhere Söhne vor. Erst die Nachkriegszeit öffnete kurz das Fenster zu einer Bildung, die Aufstieg ermöglichen sollte. Es wurde halt eine neue industrielle Mittelschicht gebraucht.

Ungenutzt

Mit dem Internet sind Möglichkeiten zu Information und Bildung gegeben, von denen man noch vor einem Wimpernschlag der Geschichte kaum träumen durfte. Wir wissen, wie viel Gebrauch davon gemacht wird. Dass die Menschen, vor allem die Arbeiterklasse, auf das Potential von Bildung verzichtet, ist erst in letzter Instanz eine durchaus beklagenswerte Faulheit. Sie ist vor allem Ergebnis der Erziehung, der Konditionierung von Menschen in den Schulen und anderen Einrichtungen.

Man kann die Gegenaufklärung mit Händen greifen. Die Errungenschaften des 18. Jahrhunderts sind eine Art Wandschmuck, und wo es nicht verboten wird, verschwindet auch der noch hinter einem Kruzifix. Ich kann es noch immer kaum begreifen, wie in allen Schulformen regelmäßig die Kinder sprichwörtlich auf die Knie gezwungen werden. Wie viel Zeit mit Beten und mystischem Firlefanz zugebracht wird und wie wenig mit einer Erziehung zur Mündigkeit.

Zurechtgestutzt

Die Kirchen, deren Anhängerschaft dahinschmilzt, haben nach wie vor Bildung und Politik im Würgegriff ihrer teils verfassungsmäßig gesicherten Verdummungsmaschine. In/im Bewusstsein der "Verantwortung vor Gott und den Menschen" heißt es in den Verfassungen von Bund und Ländern. Man beachte die Reihenfolge! Die göttliche Ordnung geht vor; Demokratie gibt es nur in diesem Rahmen, das halt, was von ihr noch übrig bleibt. Menschen werden schon in den Schulen zugerichtet, auf dass sie sich der Ordnung unterwerfen.

Das deutsche Schul- und Bildungssystem wird seit Jahrzehnten in Grund und Boden 'reformiert'; Ziel und Zweck dieser Reformen sind Unterrichtsinhalte und die Organisation der Bildungseinrichtungen nach den Anforderungen des 'Arbeitsmarktes'. Die wichtigste Funktion des Bildungssystems ist dabei gar nicht Gegenstand der Diskussion: Die Klassenzugehörigkeit festzulegen. Das ist kein Nebeneffekt. Im Gegenteil steht und fällt jede Möglichkeit von Bildung mit dieser Funktion.

(Zu Teil 2)

 
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Quelle: Pixabay

Vor einiger Zeit schrub ich:
"Daher ist Argumentieren auch ein Sport für Leute, die nichts Besseres zu tun haben. Doch, so sehe ich das wirklich. Machen wir uns nichts vor: Du kannst noch so brillant sein, geduldig, präzise und wach; die meisten lassen ihr Weltbild null beeinflussen von Diskursen und hauen Argumente nur raus, weil das ein Ritual ist."
Das kann ich gern noch anreichern, nicht zuletzt aus aktuellen Erfahrungen.

Die Fähigkeit, einen Diskussionsbeitrag von der Person zu trennen, die ihn leistet, ist eine Seltenheit. Wer 'böse' ist, hat Unrecht, egal, was er sagt. Was jemand sagt, wird grundsätzlich als Ausdruck seiner Befindlichkeit gewertet. Kann jemand nicht kühlen Kopfes und bei ruhigem Puls sehr deutliche Worte sprechen? Ist wohl denkbar, dass jemand mit einem dicken Hals und Puls 180 dennoch völlig sachlich bleibt?

Ich sehe was, ...

Oder, noch einfacher: Auf einem belebten Platz stehen an dessen vier ecken vier Menschen und schildern gleichzeitig, was sie beobachten. Können sie alle ehrlich sein und recht haben, obwohl jeder etwas anderes erzählt? Hat das etwas mit ihrer Einstellung zu tun, mit ihrer Laune oder ihrer Biographie? Kann jemand womöglich sogar freiwillig Dinge aus einer Perspektive sehen, die er gar nicht vertritt?

Für die allermeisten Diskutanten ist das zu hoch. Das hält sie aber keineswegs davon ab, sich im Recht zu wähnen. Mehr noch: Sie wissen alles über die anderen, die folgerichtig im Unrecht sind. Für sie gilt nur ihre eigene Erfahrung, ihre eigene Perspektive. Versuche, Dinge jenseits persönlicher Erfahrungen zu betrachten, lehnen sie ab. Das ist alles korruptes Teufelszeug, von Fake News über gefälschte Statistiken bis zur korrupten Wissenschaft. Es gibt keine Wahrheit außer ihrer eigenen.

Kantest du wen raus, weil er trollt, heult er, du ließest seine Meinung nicht zu. Haust du jemanden seinen Kommentar um die Ohren, weil er blödsinnig ist, fühlt er sich persönlich beleidigt. Es steht zwar geschrieben: "Du bist nicht gemeint, nur dein Kommentar"; aber wer liest schon, wenn er stattdessen selbst was schreiben kann?

Der Scharfrichter

Vernunft war einmal der Versuch, vom Besonderen zum Allgemeinen zu kommen und umgekehrt, und zwar auf der Basis von Regeln, die für alle gleich gelten. Dazu war es unerlässlich, persönliche Befindlichkeiten außen vor zu lassen - weil diese niemals gleich sein können. Ich fürchte, diese Haltung hat sich nie durchgesetzt. Im Gegenteil glaube ich eben, dass die Meisten das gar nicht können.

Hier wird es dennoch weiterhin um die Sache gehen, und der große Diktator am Zensurknopf wird weiterhin danach urteilen, was geschrieben steht und ob es zur Sache beiträgt. Dabei ist er gleicher als die anderen, weil den Job sonst keiner machen kann, was wiederum technisch bedingt ist. Paradox wie das Leben so spielt, werde ich weiterhin versuchen, so etwas wie Vernunft in den Diskussionen zu ermöglichen - egal, wer sich dadurch beleidigt fühlt.

 
weitoWas die Meinungsproduktion derzeit zu James Damore ins Sommerloch stopft, läuft nach dem üblichen Schema ab: Abschreiben, Mithetzen, bloß keine prüfbaren Informationen! Dabei werden Vorurteile in Echtzeit bestätigt, anders ausgedrückt: Was nicht ins Narrativ passt, wird niedergebrüllt. Damore habe "gegen Frauen geätzt", "gehetzt", sei "frauenfeindlich" und "sexistisch". Er habe behauptet, Frauen "seien biologisch weniger geeignet" fürs Programmieren. Die Vorwürfe sind frei erfunden.

Zu den Inhalten: Frauen sind mehr an Dingen interessiert als an Menschen. Sie sind weniger kooperativ. Frauen sind mehr an ihrem Status interessiert als Männer.

Ist das diskriminierend? Frauenfeindlich? Sicher! Statusgeile Ischen, die sich nur für ihre Spielzeuge interessieren und deshalb in sozialen Gruppen nicht zurechtkommen. Unverschämtheit! Ich höre sie schon schäumen, wenn jemand so etwas Widerliches behauptet. Tatsächlich hat Damore Studien zitiert, die zu diesem Resultat kommen - allerdings über Männer. Diese Studien, deren Aussagen ich für wissenschaftlich belegt halte, befassen sich damit, welche Prioritäten reale Frauen und reale Männer in unterschiedlichen Gesellschaften für sich setzen. Daraus hat der Verfasser des Google-Memos Schlüsse gezogen.

Inhalt unerwünscht

Er macht auf dieser Basis Vorschläge, wie reale Frauen besser gefördert werden und die realen Unterschiede verringert werden können, für die er - den Studien folgend, auch biologische Gründe annimmt. Diese Denkweise stellt nach Ansicht der Konzernleitung einen Verstoß gegen die Richtlinien des Hauses dar. Diese sehen offenbar vor, dass es nur eine Erklärung geben darf für die geringere Präsenz von Frauen in technischen Berufen: dass sie von Männern unterdrückt werden. Ihr Desinteresse darf keine anderen Gründe haben.

An einer anderen Baustelle kämpft ein Feminist für seinen Onlinepranger. Sein markanter, aber durchaus typischer Fehler: Er befasst sich überhaupt nicht mit dem Gegenstand seines Pamphlets. Es ist ein verdammter Pranger! Dass andere gegen so etwas sind, kann für ihn ebenfalls nur einen Grund haben: Sie sind ein "Netzwerk von Antifeministen", vor denen die Urheber "in die Knie gegangen" sind. Das falle vor allem den "kritischen Wissenschaftlern in den Rücken", die an dem "Wiki" beteiligt waren.

Die üblichen Verdächtigen

"Kritische Wissenschaft" ist es also, wenn man Publizisten öffentlich als Frauenfeinde brandmarkt? Für Nowak ist der Grund klar: Es ist Wahlkampf, deshalb werden die kritisch-wissenschaftlichen Feministen bekämpft. Weil die Grünen jetzt auch rechts sind. An den Argumenten sollt ihr sie erkennen. Die eigene Seite ist immer "kritisch" und wird deshalb unterdrückt.

Das ist übrigens exakt das, was mir jeder zweite Troll erzählt, wenn ich ihn rauskante, weil er sich benimmt wie eine offene Hose. Es werden Fronten gegen Personen aufgezogen; die Argumente der Gegenseite werden abstrakt abgelehnt. Einmal sind "kritische Wissenschaftler" die Opfer, ein anderes Mal ist es Wissenschaft selbst, die "mit Wahrheit gleichgesetzt wird" - was wiederum falsch und daher abzulehnen sei.

Eine Argumentation findet nicht mehr statt. Es wird dekretiert, beschämt, verfolgt, rumgeheult. Jedes Mittel ist recht, jede Aussage wird so ausgelegt, dass sie zu demselben Resultat führt. Dieser 'Feminismus' ist eine stupide Religion von denkfaulen Idioten, die ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. Mir wurde hier vorgeworfen, ich bliese in dieses Horn, obwohl Feminismus eigentlich ganz anders sei. Ich kenne noch solchen Feminismus, den ich sehr ernst nehme und der ein berechtigtes Anliegen hat. Aber wo findet der statt? Und wer hält diese Schwachmaten auf, die überall, wo sie genügend Einfluss gewinnen, ihre Inquisition aufziehen?

 
hn

Könnte Luthers Gott nicht stolz auf mich sein? Ich verbringe derzeit viele Stunden bei einer Affenhitze in einer Dachgeschosswohnung, um dort zu dilettieren, wobei ich das in der mir eigenen Überheblichkeit "renovieren" nenne. Bekanntermaßen lebe ich auf äußerst bescheidenem Niveau von Texten, die ich so vertexte, was jederzeit zu wenig zu werden droht, aber man hält sich so gerade über Wasser. Oft stelle ich mir vor, wie mein Leben als Leibeigener des JobCenters wäre.

Ich meine nicht nur die ganzen Gewaltphantasien, die mir das Fernsehen ersparen. Ich meine auch, wozu ich dann keine Zeit hätte. In irgendwelche Maßnahmen gepresst, zu sinnlosen Terminen geschickt, mit blödsinnigen Bewerbungen schikaniert oder gar in einen prekären Job gezwungen. Das ist schließlich zumutbar, denn alles andere ist der Lenz, der faule und muss sanktioniert werden; bestraft, bestraft!

Wichtig ist ...

Da kannst du nicht mal eben sagen: Hört mal, meine Tochter hat einen sehr anstrengenden Job und obendrein gesundheitlich zu tun, da lasse ich sie doch nicht hängen und sehe zu, dass ihre Wohnung fertig wird. Sie wissen doch, die jungen Dinger, keine Zeit, keine Ahnung. Ich habe von beidem mehr oder weniger genug, da wäre ich doch mit Malerweiß getüncht, würde ich nicht helfen.

Ha! Da kann ja jeder kommen! Wenn Sie keinen wichtigen Grund haben ...
Aber das ist ein wichtiger ...
Ha! Da kann ja jeder kommen! Was ein wichtiger Grund ist, bestimmen wir! Ich kann auch nicht mal eben nach Hause gehen, weil ich ... blablasülz, Pflicht, Ordnung, Vaterland. Amen.

... was Mehrwert schafft

Du kannst, wenn du Glück hast, vielleicht drei vier Minijobs machen, oder einen vollen mit Mindestlohn, dann nämlich kannst du renovieren lassen. Haha, kleiner Scherz. Als könnte sich das irgendwer leisten. Das Prinzip, das dahinter steckt, ist jedenfalls deutlich: Es interessiert niemanden, ob du arbeitest. Du sollst Mehrwert schaffen. Dazu stehlen sie dir, so sie können, jede Freizeit. Wichtig ist, was Mehrwert schafft. Alles andere sind Ausreden, ist Luxus, ist sogar unerwünscht.

Erwünscht hingegen dürfte sein, dass der Zwang zur Dienstleistung - auch auf Seiten privater Auftraggeber - die Kultur gegenseitiger Hilfe abwertet und zerstört. Ich bin wohl doch kein guter Lutheraner, denn der wollte, dass Menschen schuften, um Gottes Gnade zu verdienen und nicht um anderen eine Freude zu machen. Mehrwert, Wachstum, Gottes Gnade, das ist am Ende ein und dasselbe.

Zusammenfassung: Merkel macht einen guten Job. Alle sind zufrieden. Wir brauchen härtere Strafen.

 
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Ich weiß gar nicht, ob ich das gefragt wurde, aber ich greife das dennoch einmal auf, weil es immer verargumentiert wird: alle möglichen Verhaltensweisen und -muster seien "genetisch bedingt". Das ist gemeinhin pure Mythologie. Zuletzt wurde dergleichen in Zusammenhang gebracht mit 'männlichem' Verhalten, Dominanz, Herrschergebaren. Begründung: Das sei ja schon immer so gewesen.

Dazu ein schlichter Widerspruch: Es ist überhaupt kein Anhaltspunkt dafür, dass etwas "genetisch bedingt" ist, wenn es in unterschiedlichen Gesellschaften vorkommt. Beispiel: Wenn jemand wütet, Gewalt ausübt, den Kampf sucht, aggressiv ist, dann atmet er schneller. Es ist also völlig richtig zu sagen, dass unter sehr unterschiedlichen sozialen Bedingungen und übrigens auch 'genetischen' Voraussetzungen schnelle Atmung mit Zorn und Gewalt in Verbindung steht. Ist Atmen deshalb die Ursache für Gewalt?

Das 'Genetik'-Argument zeugt von mangelnder Phantasie und übrigens zumeist Unkenntnis des Umfangs sozialer Bedingungen. Bleiben wir getrost bei männlicher Dominanz und treiben das durch ein paar Epochen: Es ist nicht bekannt, ob es matriarchalische Epochen gegeben hat, bekannt sind hingegen die patriarchalischen vor allem seit Einführung der Schrift. Es gibt seit der Antike einige Strategien, die Männer benutzt haben, um ihre soziale Stellung zu erhöhen, dazu gehört eine Art Bio-Mythos, der lange gepflegt wurde, nämlich die Theorie, Frauen brüteten den Nachwuchs der Männer bloß aus.

Absurde Geschichten

Die christliche Religion ist hier ein herausragendes Beispiel. Ein Gott, der sich selbst als menschlichen Sohn inkarniert, braucht dazu eine menschliche Frau, die auf den Spruch eines Engels hin den Gottmenschen ausbrütet. Diese völlig absurde Geschichte wirkt bis heute. Aber es gibt schon frühere Quellen, etwa Platons "Gastmahl", ein Roman mit einem Erzähler (Sokrates), der wiederum Reden zitiert. Eine dieser Reden hält eine Frau, Diotima, die ein Loblied auf die Liebe hält. Diese sei umso höher zu preisen, je mehr sie von ihrem leiblichen Ursprung abrückt. "Zeugen und Gebären im Schönen" sei schließlich die höchste Form der Liebe. Gleichzeitig gelingt es ihr freilich damit, noch die abgehobenste Abstraktion der Klugscheißer an ihre körperlichen Quellen zu erinnern.

Die gottväterliche Macht war für Jahrtausende das Vorbild der Gesellschaft, könnte man meinen. Tatsächlich ist es vor allem umgekehrt: Die Kultur, zu der auch die Herrschaftstechniken gehören, folgt vor allem der Ökonomie. Das heißt nicht, dass alles wirtschaftliche Gründe hat, sondern, dass es sich auszahlen muss. Die Erzählung muss zum Möglichen und Machbaren passen. Die Macht braucht eine Rechtfertigung, die zu den Möglichkeiten der Gesellschaft passt. Die Feudalherrschaft funktionierte, weil sie die lebensnotwendigen Arbeiten organisieren konnte. Dazu gehörte auch die Kriegsführung, die zur gegebener Zeit eine Sache der Männer war. Sie waren nicht nur stärker (eine entscheidende Größe), sondern Frauen mussten als Mütter auch schlicht geschützt werden. Na und dann war da eben noch dieser Jesus.

Völlig einäugig wäre es aber, die Politik zwischen den Stämmen und Völkern auf Krieg zu reduzieren. Viel erfolgreicher war die Alternative sich zu verbünden, nämlich durch Heirat. Dabei wurden übrigens nicht nur Frauen zwangsverheiratet. Die Männer wurden ebenso wenig gefragt, ob sie nicht vielleicht eine andere liebten. Soll man jetzt aber sagen, dass Heirat oder Zwangsheirat genetisch bedingt sind, weil sie in vielen Epochen und Kulturen vorkommt? Kultur ist immer komplex: Arbeitsbedingungen, technische Entwicklung, Militär, Religion - das Ganze muss stabil sein. In den gut überlieferten Epochen hatten Männer dabei meist eine politisch bestimmende Position, es gab aber zu allen Zeiten auch Ausnahmefälle.

Zeiten ändern sich

Was heißt das für heute? Erstens ist das Gen-Argument so etwas wie 'Schicksal'. Es ginge in die Richtung: "Man kann ja doch nichts ändern". Zweitens und vor allem widerspricht es fundamental den heutigen(!) Möglichkeiten. Ein Patriarchat ist völlig überflüssig geworden und daher auch gewaltig auf dem Rückmarsch. Man muss sich nur anschauen, wie in den hoch entwickelten Ökonomien die Menschen vom patriarchalischen Glauben abfallen, wie sich tatsächlich die Rechte der Frauen in jedem Jahrzehnt weiter verbessert haben und wie erfolgreich die jüngeren Ideologien politisch sind. Dass die Jahrtausende alten Gewohnheiten sich so schnell nicht ablegen lassen, nimmt nicht wunder. Es gibt ja auch immer noch überall Religionen.

Diese Reaktion führt global und in vielen gesellschaftlichen Gruppen dazu, dass es noch reichlich Reste einer überkommenen Gesellschaftsform gibt, aber diese sind in Auflösung begriffen. Was Not tut, ist wie gesagt eine universelle Solidarität, die den Möglichkeiten der technischen Entwicklung entspräche. Der Kapitalismus hat dabei kein Problem mit Frauen, bestimmten Rassen oder Minderheiten. Er mag eben nur keine Solidarität. Daher sind ihm alle Ideologien hoch willkommen, die alte oder neue Konflikte schüren. Alles eine Sache von Ökonomie und Kultur, und die sind immerhin veränderbar.

 
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Zum Thema "Feminismus" habe ich das meiste schon gesagt. Auch ist es mehr als hinlänglich hier durchgekaut, dass "Gender"-Theorien nicht identisch mit Feminismus sind und dass ich sie rundweg zurückweise. Sie sind antiwissenschaftlich und in der Praxis totalitär. Dabei fällt aber immer wieder durchs Raster, dass Frauen nach wie vor benachteiligt werden. Wie gesagt, ist das kein Wunder, denn ihre Position ist schwach, und wo alle ausgebeutet werden, geht es den Schwächsten am schlechtesten. Dem Patriarchat fiel der Kapitalismus in den Schoß. Der hat die Ursachen inzwischen beseitigt, aber nicht die Symptome.

Weder "Feminismus" noch ein anders etikettierter Kampf für die Rechte von Frauen sind aber links. Das hat viele Gründe. Die Überschrift zum Beispiel ist ein Zitat von Andreas Baader, das er gern in Anspruch nahm, wenn ihm eine Genossin widersprach. Dabei wurde er noch von den Frauen der RAF verteidigt; er sei "Kader", ein besonders qualifizierter Kämpfer, der sich in den angeblich gleichberechtigten Strukturen eben durchgesetzt hätte. Das sei keine Hierarchie, denn Hierarchie ist ja "bürgerlich". Dabei hat Baader schlicht unreflektiert das Rollenschema seiner Zeit (und vor allem der Zeit davor) ausgefüllt.

Frauen mussten sich damals von ihren Ehegatten noch die Erlaubnis einholen, wenn sie lohnarbeiten wollten. Die Genossin, die den Pascha nicht überzeugen konnte, musste nach derselben Herrschaftslogik eine dumme Sau sein, die nicht wusste, wo ihr Platz war. Es war also nur gut für sie, wenn ihr das ein höher qualifizierter Kader deutlich machte. Zumindest die in der RAF haben das auch eingesehen. Dass es "'68" auch feministische Nischen in der Protestbewegung gab, macht das nicht zu einer "linken" Sache, nur weil Reaktionäre auch aus politischen Gründen gegen Gleichberechtigung sind.

Falsche Adresse

Ein weiterer Irrtum wird sowohl von rechten Trollen wie von selbsternannten Linken verbreitet: Dass "Grün" und Umfeld "links" seien und damit auch Feminismus. Wie gesagt waren die Grünen angetreten als "Ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei”. Sie waren zwar die ersten, die sich an einer Frauenquote versucht haben, aber das stand nicht einmal oben auf ihrer Agenda. Inzwischen haben sie sich von fast allen Idealen getrennt. Davon ist ein unverbindlicher "Umwelt"-Bezug geblieben und eben die Frauenquote. Beides stört nämlich die Profite nicht; im Gegenteil.

Der Alice-Schwarzer-Feminismus tut ein Übriges. Wer Schwarzer für eine Linke hält, glaubt vermutlich auch, dass Merkel eine Agentin der Linkspartei ist. Schwarzer ist nicht nur eine narzisstische Kriminelle, die Feminismus von Anfang an zum Geschäft gemacht hat. Ihre Fraktion hat sich nie um diejenigen Frauen (und die paar Männer) geschert, die sich um Kind und Kegel gekümmert haben. Frauen sollten den Männern gleichgestellt werden, indem sie sich in Erwerbsarbeit verwirklichen und dort den Männern gleichgestellt werden. Die Alternative wäre gewesen, endlich die Knochenarbeit der Mütter gleichzustellen.

Dem Kapital gefällt es (like!), denn damit wurden Millionen Sklavinnen "für den Arbeitsmarkt verfügbar" gemacht. Das deutsche Exportwunder wäre ohne den Lohn senkenden Effekt dieser Heldentat gar nicht denkbar, und mit den Hartz-Gesetzen hat die "linke" (Tusch!) Bundesregierung Ketten und Peitschen dazu geliefert. Das sind diejenigen, denen hie Feminismus unterstellt wird und von denen dort welcher erwartet wird. Sie sollen Gesetze erlassen, die Gleichberechtigung erzwingen. Dergleichen "weltfremd" zu nennen, wäre sehr sehr gnädig.

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