sozialzeugs


 
bs

Die Welt könnte friedlicher sein. Ich sage das übrigens nicht, wie der Haken auf meiner linken Schulter mir unterstellt, weil ich gestern einmal mehr unfähig war zu moderieren. Immer nämlich, wenn das siebte Bier dem dritten Whisky begegnet, eskaliert das hier. Ich versuche seit Jahren herauszufinden, wie ich das verhindern kann, aber es gibt wohl Konstellationen, die einfach nicht funktionieren. Da muss Zivilisation mühsam zurückgewonnen werden. [Er meint wohl vor allem "Mineralien". Tzis. säzzer]

Es gibt 'Argumentationen, die werden ähnlich unappetitlich, wenn man sie ein zweites Mal betrachtet. Neulich schrieb ein charakterloser rechter Hanswurst etwas wie: es sei "Demokratie", wenn die Mehrheit Menschen von Staats wegen töten wolle, dies dann auch zu tun. Ein wirklich beachtlicher Clusterfuck der Widerwärtigkeit. Die Behauptung, "Mehrheit" sei identisch mit Demokratie, ist schon frech, dient aber dazu, gerade noch unter dem Radar einzufliegen. Daran anzuflanschen, nur die unbedingte Erfüllung des Mehrheitswillens sei "Demokratie", ist schon dreist, aber das mit politisch extremen Inhalten zu verquirlen, ist eines totalitären Arschlochs würdig.

Wegfeiern

Es sei dabei darauf hingewiesen, dass einer der beliebtesten Schlager der Rechtsextremen "Todesstrafe für Kinderschänder" ist. Der Versuch besteht darin, in einem scheinbar konsensfähigen Bereich dafür zu sorgen, dass Menschen wieder für lebensunwert erklärt und folgerichtig auch vernichtet werden. Das wäre der Fuß in der Tür. Der 'Vorschlag' oben geht noch einen entscheidenden Schritt weiter und legt die Hand gleich an die gesamte Zivilisation, die in Rechtsdingen "Verfassung" heißt. Die ist dem sadomasochistischen Herrenmenschen zwangsläufig ein Dorn im Auge.

Ich frage mich immer wieder, und es fühlt sich an wie eine Gummiwand, wie eigentlich wenigstens die wichtigsten, rudimentären Errungenschaften der Kultur erhalten, besser natürlich noch ausgebaut werden können. Ist es die 'Decke der Zivilisation', die so dünn ist oder sind es eher bestimmte Formen der Zivilisation, die die Schweinehunde von der Kette lassen? Wieso, das scheint mir zudem eine zentrale Frage zu sein, muss eigentlich der Mensch durch 'Strafen' an seine Gesellschaft gebunden werden? Wo sind die Feiern, in denen wir uns über gegenseitigen Respekt freuen? Wäre das nicht ein viel besserer Weg, den braunen Dreck wegzufegen?

 
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Der Begriff "Heimat" oder Abwandlungen davon gehören definitiv in die politische Debatte - wobei mir weniger aufgeladene Synonyme lieber wären. Den Kern der rechten Heimatbesoffenheit bildet aber durchaus eine Kritik - ein sich Abgrenzen von dem, was Politik mit unserem Zuhause anstellt. Das kann wütend sein oder kitschig, rückwärtsgewandt und fremdenfeindlich; es kann aber auch bedeuten, dass man sich für das Bedürfnis nach einem Minimum an Ruhe und Geborgenheit einsetzt, das niemandem mehr bleibt, wo der Kapitalismus die Menschen zu reinen Funktionsträgern degradiert.

Ich habe neulich noch die Geschichte gehört von einem Fußballprofi, es mag in den 70ern gewesen sein, der im Stahlwerk gearbeitet hat und dort auch gar nicht weg wollte. Vielleicht ebenfalls eine Legende, aber es deutet an, was sich hinter dem Komplex "Heimat" verbirgt. Man gehört dazu. Man kennt sich aus, hat sein Standing, ist ein Teil davon. Man wird geboren, lebt und stirbt irgendwo. Niemand macht es einem streitig. Dafür stellt sich mancher sogar freiwillig vor einen Hochofen.

Dazugehören

Es war in früheren Jahren den Karrieristen und bestimmten Berufen vorbehalten, geschäftlich nicht nur unterwegs zu sein, sondern auch regelmäßig den Wohnort zu wechseln. Diesen Deal konnte man eingehen oder nicht, die Meisten betrafen derlei Möglichkeiten gar nicht. Nomadentum (und Monadentum; Witz für Auskenner) war ein selbst gewähltes Schicksal, das mit höherem Einkommen vergolten wurde, und selbst diesen Menschen blieb die Möglichkeit, irgendwann zurückzukehren. Man hatte gemeinhin einen Beruf, einen Betrieb und Kollegen, die man kannte.

Inzwischen verlangt uns die große Maschine längst totale Mobilität ab, und zwar ohne Gegenleistung. Im Gegenteil wird gerade den Arbeitenden Armen vorgeschrieben, was sie zu arbeiten haben, wohin sie dafür zu gehen haben und dass sie das auch gegen minimale Bezahlung müssen. Wer in einer Großstadt wohnt, die nicht gerade verkommt, wird aus der Innenstadt vertrieben, und selbst an den Stadträndern arbeitet man hauptsächlich für den Vermieter. Wer dieses Elend noch nicht erlebt, der weiß, dass es ihm droht. Das ist Gesetz, das sagt sogar die Partei für Soziale Gerechtigkeit®.

Millionen hinterlässt das frustriert, wütend, ängstlich und mit dem diffusen Bedürfnis nach ein bisschen sozialer Sicherheit. In dieses Bedürfnis grätscht die Rechte mit Bildern von stolzen Deutschen in schöner Landschaft hinein, die sich gegen die fremde Bedrohung wehren. Diese wiederum hat eine Hautfarbe. Das ist konkret, das kann man anfassen, darin kann man Frust und Wut kanalisieren. Was es nicht kann, ist die Wirklichkeit begreifen und die Bedürfnisse auch nur annähernd real befriedigen.

Welches Problem?

Die Linke hat hier überhaupt keine Konzepte. Die pseudolinken Kinder der besser situierten Mittelschicht kämpfen für eine ideale Welt, in der ihre Probleme durch Vorschriften und Verbote gelöst werden sollen. Diese Probleme betreffen die überwältigende Mehrheit der Menschen gar nicht. Zu den Bedürfnissen der Mehrheit aka Unterschicht, die sich in den o.g. Bildern und Scheinlösungen äußert, fällt ihnen schlicht überhaupt nichts ein. Dabei wären gerade regionale Konzepte, greifbare Solidarität und ein konkretes Miteinander eine politische Ebene, auf der man etwas bewegen kann, und zwar nachhaltig.

Was fehlt, sind sowohl Ideen als auch vor allem Organisationen. Arbeitervereine, Gewerkschaften, Betriebsräte, waren darauf angewiesen, dass sie vor Ort und allgemein abbildeten, was sich in der Unterschicht tat. In einer Welt voller Betriebe mit festen Belegschaften waren sie eine Macht. Als Tarifdealer in einer abstrakten Arbeitswelt, in der sich niemand mehr (aus)kennt, sind sie nur ein Rad unter vielen. Ihre Vertreter wohnen auch nicht mehr nebenan, sie haben ein Büro in der Stadt.

Es braucht gegen den Druck in die Vereinzelung neue Formen der Begegnung und der sozialen Bindung. Man muss sich treffen und miteinander sprechen. Der Trend geht hingegen in die Eiswüste einer Isolation, die uns als "Digitalisierung" auch noch wie ein Segen verkauft wird. Die Pseudolinken verbieten derweil das Rauchen in Kneipen, damit die Asis in ihren Käfigen bleiben. Ich ahne dennoch in diesem Sog einen Ansatz zum Gegenteil. Wir können nicht allein leben. Diese Einsicht bricht sich auch und gerade Bahn im Gedusel um "Heimat". Ein Gegenkonzept muss Formen gegenseitiger Fürsorge anbieten, die nicht in "Sozialreformen" besteht, sondern in konkreter gegenseitiger Unterstützung.

 
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Auf meiner Mission zur Vernichtung der 'Menschheit' als Quelle, Grund und Lösung der großen irdischen Probleme möchte ich ihr heute einmal an die Moral gehen. Wie schon oft gesagt, ist Ethik die Wissenschaft von der sozialen Ordnung, während Moral ein Sammelsurium ethischer Vorstellungen, Regeln und Befindlichkeiten ist, das ich deshalb rundweg ablehne. Moral ist Ethik von Idioten für Idioten. Wie in ihren großen Systemen, die noch mit Gespenstern angereichert sind, den Religionen, fällt Moralisten nicht einmal auf, dass es völlig unvereinbare Moralen gibt, die allesamt dieselbe Legitimität haben. Sie schaffen 'das Gute' als Paradoxon.

Wie so vieles, das man genau deshalb eigentlich nicht diskutieren kann, findet Moral am Ende auf einer persönlichen Ebene statt. Es werden Personen bewertet und gerichtet, und wenn eine gut organisierte Gesetzgebung das nicht verhindert, am Ende stets nach persönlichen Befindlichkeiten. Zwischen Twitter, dem Lynchmob und einer halbwegs zivilisierten Bürgerlichen Gesellschaft steht die bewaffnete Polizei. Wenn sie dazwischen steht und das Lynchen nicht gleich selbst als ihre Aufgabe betrachtet.

Geht doch nicht!

Wenn man es bis auf das letzte Untergeschoss herunterbricht, bleibt eine heikle vermeintliche Instanz: das Gefühl, nennen wir es das für Gerechtigkeit. Aber gibt es das wirklich? Ich habe mir gestern einen alten Hollywood-Streifen angeguckt, in dem das Publikum mit dem großen Hammer auf die rechte Seite getrieben wurde. Der Gute war aber auch so was von gut, während die Bösen - na klar: folterten, was die Peitsche hergibt. Völlig grundlos, versteht sich, sonst macht sich noch wer geschäftsschädigend Gedanken.

Das (ausgerechnet) sind dann Szenen, die einem den Glauben an so etwas wie ein universales Gerechtigkeitsgefühl einimpfen. Da muss sich doch jeder aufregen. Das ist so furchtbar ungerecht! Nun frage ich mich an dieser Stelle, ob nicht sogar dieser Rest einer Moral komplett konstruiert ist. Dazu müssen wir jetzt allerdings noch zwei Aspekte aus dem Weg räumen, die den Gedanken schwer machen: Erstens die typischen Szenerien aka das Narrativ. Natürlich ist das Opfer des bösen eine 'schöne' Frau (als Folteropfer passend gespielt von einem prominenten Hungerhaken). Die Bösen sind hingegen irre böse und haben selbstverständlich schlechte Zähne.

Oder doch?

Zweitens die Einschränkung solcher moralischer Solidarität, die abrupt endet, wenn es Angehörige solcher Gruppen betrifft, die leichterdings abgewertet werden - Schalker, Juden, Moslems, Schwarze, Kommunisten oder Nazis, je nach Geschmack. Die sind gern Freiwild, und es gäbe ja auch keine Lynchmobs oder KZ, wenn ein Gerechtigkeitsgefühl keine überlegene Konkurrenz hätte - so es das überhaupt gibt. Womit wir bei der zentralen Frage sind. Ich schätze, dass selbst ein rudimentäres Gefühl für Moral ein bloßes Konstrukt ist. Es gibt kein menschliches Sensorium für eine universelle Moral.

Was es gibt, sind persönliche Empfindungen, die sowohl anfällig sind für eine Identifikation mit Tätern wie Opfern als auch für grob unterschiedliche Regelauslegung. Die folgt aber jeweils persönlichen Erfahrungen, Prägungen und Stimmungen. Es ergibt sich hier ein Problem, das unabhängig von der konkreten Gesellschaftsform und ihrem Regelwerk zu lösen ist: Der Impuls drängt zur Tat, ist aber dumm und schafft auf der Ebene der Ethik nur Probleme, wo sie eigentlich gelöst werden sollten. Tatsächlich bin ich daher der Ansicht, dass jegliche Rücksicht auf moralische Empfindungen und Instanzen abzulehnen ist.

 
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Es ist schlechte 'abendländische' Tradition, das Chaos zu beschwören und so zu tun, als müsse alles getan werden, um dieses zu verhindern. Kein Zufall, dass solches Chaos gern als 'links' markiert wird ("Anarchie", "Chaoten", "Rot-Grünes Chaos"). So will es das Narrativ, aber wie so oft liegt die Wirklichkeit auf einer ganz anderen Seite. Was immer man 'Linken' an Großübeln vorwirft - "Mauer und Stacheldraht", "Stasi-Methoden", "Diktatur", "Stalinismus", sind Errungenschaften einer strengen hierarchischen Ordnung. Auch der Nationalsozialismus hat im Übrigen nicht durch Chaos gewirkt, sondern durch eine perfekt geordnete, bestens organisierte Mordmaschinerie.

Schon hier bricht die Erzählung, aber es wird nicht besser, wenn man sie mit ihrer vorgeblichen Ethik konfrontiert: Es ist ja nicht das Problem, dass sich Linke mit der Ordnung schwertun. Eine zeitgemäße Linke sieht die Widersprüche in der 'Ordnung' des Kapitalismus und des ihn schützenden Bürgerlichen Staates. Sie widersetzt sich der strengen Ordnung, versucht sich in Modellen von Freiheit, die auch Unsicherheit in die Ordnung bringen und bricht mit liebgewonnenen Gewohnheiten.

Versteh' ich nicht

Dagegen liefert die Rechte ein einfaches Weltbild, nimmt Partei für die, die dazugehören, erklärt die Anderen im Zweifelsfall zum Feind und befürwortet eine Gesellschaft, die durch Oben und Unten, am Ende durch Befehl und Gehorsam geprägt ist. Wo die Linke durch große Toleranz zu instabilen Verhältnissen tendiert, hält es die Rechte mit Übersichtlichkeit, Stabilität und "Null Toleranz". Man muss hier der Rechten vorhalten, dass sie die Widersprüche ignoriert, die sie damit z.T. selbst schafft und nicht der Linken, dass sie nach Lösungen sucht.

Ganz unbezweifelt ist aber erstens der Erfolg der stabilen, intoleranten Struktur von Gesellschaften. Es beherrschte nicht zufällig ein 'Kommunismus' dieses Schlages über Jahrzehnte die Hälfte der Welt. Ihn zeichnete aus, dass er den horrenden Widerspruch nicht einmal wahrnahm: den eines 'Kommunismus', der über die Menschen herrscht. Zweitens ist kein Erfolg eines Modells zu erwarten, das den Menschen ein dauerhaftes Leben in instabilen Verhältnissen abverlangt. Etwas, das ich nicht einmal erfassen kann, werde ich nicht verteidigen, das gilt am Ende noch von meiner eigenen Freiheit. Derweil sammeln sich 'Identitäre' und sonstige Reaktionäre, die an etwas glauben und dafür töten würden.

Es ist daher anzunehmen, dass eine alternative Gesellschaft entweder so alternativ nicht sein wird und der Staatssozialismus wieder im Rennen ist als etwas, das zumindest ein paar Jahrzehnte Stabilität gebracht hat. Oder aber, was mir ein Anliegen ist, es finden sich Ideen und die dazugehörige Praxis, die Identität, Stabilität, Zugehörigkeit und einen möglichst unkomplizierten Alltag versprechen. Dabei ist das Versprechen nicht minder wichtig als die Praxis, denn heute verteidigen rechte Halbgescheite unbewusst das System, das ihnen längst über den Kopf gewachsen ist. Sie erkennen auch den Widerspruch nicht, dass ihre Heile Welt ihren eigenen Kollaps in sich trägt, der schneller käme, als wenn alles beim Alten bliebe. Aber sie sind eben überzeugt.

 
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Vielleicht bin ich ein Freak, ein Nerd, einer, der sich immer übersetzen muss, damit man ihn versteht. An diesem Ort sicher nicht der einzige, aber eben so weit anders, dass die eigene Sprache zur Fremdsprache wird. Ein Beispiel dafür, womöglich das wichtigste, ist mein Beharren auf die Wirkung des Systems, das Spiel der Kräfte, den Rahmen der Optionen, Möglichkeiten, Hindernisse, Illusionen. Dabei ist der Glaube, das sei anders - weil ja schließlich immer Menschen entscheiden - eher eine Modeerscheinung.

Als Foucault am Ende von "Die Ordnung der Dinge" schrieb, der Mensch sei wie ein Gesicht im Sand, das verschwinden werde, hatte er vermutlich Recht. Die Idee "Mensch", der moderne Glaube, Menschen träfen Entscheidungen, womöglich bewusste, und entschieden so über ihr Schicksal und das ihrer Nationen, ist jung und doch schon hinfällig. Noch vor zweihundert Jahren hätte man sich rechtfertigen müssen, wenn man dem Menschen solches Bewusstsein und solche Entscheidungsfähigkeit überhaupt nachgesagt hätte.

Gott lenkt

Es war Gott, der entschied. Was der Mensch tat oder nicht, war das Ergebnis der Wirkung höherer Mächte; Gottes selbstverständlich, aber auch des Teufels, der Dämonen, des Schicksals. Was heute noch in den Religionen - auch und gerade in den christlichen - an Irrationalem lauert und jedem Gedanken an Verstand und Vernunft Hohn spricht, ist ja noch immer nicht neutralisiert. Schaut man sich an, was die Menschen global bewegt, wie sie denken, entscheiden und wonach sie leben, spielen Bewusstsein und Rationalität überhaupt keine Rolle. Das gilt für alle Menschen, also auch für solche, die man "Entscheider" nennt.

Es ist also völlig normal, davon auszugehen, dass nicht die Einzelnen und ihr Wille, Ihr Verstand oder sonst etwas Menschliches darüber entscheidet, was sozial und politisch geschieht. Lediglich der fromme Wunsch der Intellektuellen des 18. Jahrhunderts und die damals als probat erkannte Basis von Verträgen haben dazu geführt, dass Willensbekundungen und Verhandlungen zu einer relevanten Größe wurden. Diese aber mit der Wirklichkeit zu verwechseln, ist allzu menschlich - und völlig widersinnig.

Gehen wir einmal mehr zurück zu Freund Luther und der Befreiung der Christen von der Jahrhunderte währenden Befehlsgewalt einer reaktionären Einrichtung, die jeden geistigen und technischen Fortschritt erfolgreich verhindert hatte. Mit der neuen 'Freiheit' kamen aber ebenso neue Ketten, Denkverbote und ein jetzt noch raffinierterer Psychoterror. Ja, der Mensch wurde befreit aus seiner Rolle als Sünder, der reuig zu seiner Kirche kriechen musste, um sich Gottes Gnade bescheinigen zu lassen. Er war jetzt frei davon.

Dein Wille geschehe

Künftig thronte ein zorniger Gott über ihm, dessen Gnade bis in alle Ewigkeit ungewiss ist. Man kann sich nie genug anstrengen, rechtfertigen, die Ordnung stützen, unterordnen. Besser, man bückt sich im Zweifelsfall tiefer. Man muss sich 'verantworten', all sein Leben lang, und bleibt doch ohne Absolution. Der von der kirchlichen Gnade 'Freie' ist fortan ein hoffnungsloser Sünder - es sei denn, Gottes Wille hat ihm zum Fürsten bestimmt.

In der Moderne sind die Fürsten Oligarchen, die Sünder nach wie vor Sünder, denen man ihre Eigenverantwortung einbläut. In der neuen Hölle erzählt man ihnen, sie seien nicht bloß selbst schuld, sondern sie - als Menschen - selbst ihres Glückes Schmied, denn das Ganze sei die Summe des Willens der Einzelnen und jeder einzelne Wille der Grund für das dazugehörige Los. Alles eine Frage der Mühe, der Einsicht, der Hingabe. Der Kontostand, so die Auslegung der Calvinisten und Kapitalisten, ist dabei der Indikator dafür, was man so 'verdient' hat (an Gottes Gnade).

Das, liebe Freunde des freien Willens, ist die ideologische Basis für den bekloppten Irrglauben an die Macht der Menschen, ihren Willen und wie man diesen bloß gestalten müsste, um jene zur Glückseligkeit aller einzusetzen. Es hat in der Geschichte der Menschheit noch kein Land gegeben, keine Gesellschaft und keinen Staat, deren Form, Wohl und Wehe von irgendeinem menschlichen Willen abhing. So etwas wird es auch niemals geben.

 
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Es gibt sehr offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein gutes Argument sei. Wer die Macht hat, eine große Propagandamaschine zu betreiben, dem gilt vielleicht die dumpfe Wiederholung beliebigen Blödsinns als solches, denn die wirkt schließlich. Putinputinputin! Ganz unabhängig von langfristiger Wirkung und Kriterien wie Schlüssigkeit, Wahrheit und Plausibilität wird auch gern alles genommen, was den eigenen Standpunkt und seine Anhänger bestätigt. Schaalke!

Ich werde aber nicht müde zu lesen, was geschrieben steht, zu sehen, was ist und das nach reproduzierbaren Regeln miteinander zu verbinden. Das tut oft ziemlich weh. Bei Reizthemen durchzudringen mit jeglicher Differenzierung oder Korrektur im Dienste der Wirklichkeit, eine Sisyphusarbeit. Wohlan!

Zum Beispiel Feminismus. Aus sehr unterschiedlichen Gründen sind sie schon auf der Palme, wenn man es nur sagt: "Feminismus"! Feuer! Schnellschnell! Volle Deckung! Ich persönlich verwehre mich gegen jede Form von Sexismus, weswegen mir auch das, was sich heute als sektenartige Empöreria und Sprachpolizei Aufmerksamkeit verschafft, zuwider ist. So wie der solchem Sexismus assoziierte Rassismus, bei dem der weiße Mann böse ist, weil er weiß ist. Dafür muss mir niemand 'Argumente' liefern. Ich lehne das ab. Punkt.

Böser Sexist

Ein paar Beispiele, wie man damit umgehen kann oder nicht: Da ist etwa die propagandistische Wiederholung des Vorwurfs von "Sexismus" gegen Leute, deren Meinung man nicht mag. Prominenter Fall: James Damore. Er hat in seinem berüchtigten Memo wissenschaftliche Studien zitiert, die zu dem Schluss kommen, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind.

Diese Unterschiede hat er benannt, ohne sie zu bewerten und hat Möglichkeiten aufgezeigt, wie man diese Unterschiede verringern oder mit ihnen umgehen kann. Damore argumentiert strikt wissenschaftlich und lässt erkennen, dass er weiß, was eine statistische Verteilung ist. Was er sagt, hat Hand und Fuß, ist belegt und reproduzierbar. Man kann mit derselben Wissenschaftlichkeit dagegen halten, wenn es widersprechende Erkenntnisse gibt. Ist das Sexismus? Ist es 'Ableismus', wenn man keine Rücksicht auf die Argumente von Idioten nimmt?

Männerhasserweib

Ein Beispiel, wie man genauso schnell beleidigt sein kann wie diejenigen, denen man das implizit vorwirft, hat Kollege Epikur vorgelegt. Der wirft Margarete Stokowski vor: "In ihren Artikeln trieft es regelrecht vor Männerhass. Schuld an allem Übel auf der Welt sind -wie könnte es anders sein- Männer." Dann folgen drei Zitate.

Nun, wäre es nicht passend gewesen, ihr den Hass und die Beschuldigung wenigstens ansatzweise nachzuweisen? Soll das Hass sein, wenn wer eine andere Meinung hat und die (obendrein dezent) polemisch äußert? Ich halte Stokowski für eine der wenigen Autoren, die man noch lesen kann beim 'Spiegel', womöglich für die einzige. Sie ist bissig, sie hat Meinung, sie ist absolut nicht beleidigend und sie kann schreiben. Wer ihre Polemik als "Hass" etikettiert, sollte sich sich im Keller verschanzen und sich vor Wattebäuschen hüten.

Dasselbe in schwarz

Wo Substanz ist, Verständnis und Geschichtsbewusstsein, wird es regelmäßig kompliziert. Wie Rassismus, Chauvinismus und Ausbeutung zusammenhängen, erklärt nachgerade schön in seinem Tiefsinn Achille Mbembe (ein alter schwarzer Mann, ist der jetzt eigentlich gut oder schlecht?). Zitat:

"Die Eigenschaft, ein Mensch zu sein, wurde nicht allen menschlichen Individuen zugesprochen, sondern nur einer weißen Person, genauer: dem weißen Mann, nicht etwa Frauen. Der weiße Mann galt als herausragend. Alle anderen waren anders, sie mochten menschliche Wesen sein, aber sie waren nicht wie wir, zwischen ihnen und uns existieren Grenzen."

Das ist exakt das, wogegen sich vorgeblich der o.g. neue Sexismus und Rassismus wenden. Mbembe zeigt hier aber ganz andere Wege und Denkmuster auf, wie man dem begegnen kann. Ausdrückliche Leseempfehlung.

 
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Vernunft und ihre Säule "Logik" sind rhetorisch schwache Waffen - zumal in einer Atmosphäre, in der die Sache selbst nicht vor (geschürten) Emotionen geschützt, sondern einer Aufmerksamkeitsökonomie zum Fraß vorgeworfen wird. Der Fluch des Einzelfalls liegt über dem Diskurs. Etwas ist passiert. Jemand muss etwas tun. Etwas muss verhindert werden (mit allen Mitteln). Das Gute hat versagt, das Böse gesiegt; das darf nie wieder geschehen.

Die Lösung in gefühlt drei Vierteln aller Fälle: härtere Strafen®. Wäre jedes Mal, wenn sich die Schreihälse in den Medien und ihrer Politik darüber einig waren, das Strafrecht verschärft worden, wären die Straßen von baumelnden Leichen gesäumt. Immerhin haben wir aber inzwischen einen hübschen Überwachungsstaat, und die Tendenz im Strafrecht hat auch wieder das Territorium von Vergeltung und Disziplinierung betreten. Es ist nicht mehr die Frage, wie man möglichst effektiv Verbrechen verhindert, sondern wie man sie zünftig rächt.

Feindrecht

Eine freidrehende Moral, die in Deutschland ohnehin noch im Strafrecht lauert, geht dieser Rückreise ins Mittelalter zur Hand. Nicht nur Albernheiten wie eine "Schwere der Schuld" grätschen der Vernunft hier vehement in die Hacken, es gibt auch noch den Passus der "Heimtücke", eine einst auf Juden zugeschnittene Kategorie. Moral verurteilt das Fremde gern hart. Der kriminelle Ausländer® (Flüchtling, Moslem, Jude) ist das wichtigste Vehikel der Rechtsextremen; deren politisch wichtigster Bezugsrahmen ist ihr Feindschema.

Die Formeln dieser Hetze (das ist ein Begriff aus der Jagd; das Ziel ist, die Beute zur Strecke zu bringen) sind: "Es darf nicht sein ...", "Soll das erlaubt sein? "Das kann man nicht durchgehen lassen.". Doch, man kann und man muss. Wer Verbrechen nicht zulassen will, installiert das Verbrechen als Macht. Nur die brutalste Diktatur hat die härtesten Strafen, die schärfste Überwachung und kennt keine Gnade. Dennoch werden durch sie Verbrechen erst recht ermöglicht. Die Frage kann also niemals sein, wie man jeden Einzelfall verhindert, sondern welche man zulässt.

Mit allen Mitteln

Wenn ein Mensch zu Schaden kommt, meinetwegen ein Kind grausam zu Tode kommt, hat der Staat nicht automatisch versagt. Selbst wenn Fehler gemacht wurden - vermeintlich oder tatsächlich. Mehr Verurteilungen und längerer Freiheitsentzug verhindern dergleichen nicht. Im Gegenteil ist eine Gesellschaft gut beraten, alle Möglichkeiten zu nutzen, Schaden zu verhindern, mithin z.B. die Grenze zu finden, an der 'härtere Strafen' zu höheren Rückfallquoten oder zunehmender Brutalität führen, weil die Verurteilten sich endgültig von der Gesellschaft abwenden oder so hoffnungslos sind, dass (weitere) Morde für sie zum schlichten Kalkül werden.

Es ist ja auch nicht so, als hätten die Staaten nicht Jahrhunderte Erfahrung damit. Das ist nicht bloß eine Frage des Geschmacks oder der autoritären Gesinnung. Wer wirklich Kriminalität eindämmen will, weiß, dass Strafen das schlechteste Mittel sind und 'harte' Strafen fast durchweg kontraproduktiv. Das öffentliche Geschrei aber folgt wie alles andere einem Verwertungsinteresse. Wenn die Zeitung nach einem schlimmen Vorkommnis keine Empörung schürt, profitiert die Konkurrenz. Die damit einhergehende Verblödung sorgt dafür, dass der Reflex nur darauf wartet, bedient zu werden. Wer das kritisiert, handelt demnach unmoralisch und schützt die Täter von den Opfern. Inzwischen sieht das auch eine sogenannte "Linke" immer öfter so.

 
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Ich habe mich zuletzt ein paar Mal aus dem Fenster gelehnt, als es um Sex und seinen -ismus ging. Dabei ging es nicht nur um eine neureligiöse Moralität, die nichts von sich wissen will, sondern im Kern vor allem um das Verhältnis zur Zivilisation. Das Subjekt, das sich Unterwerfende, hat den Deal mit der Zivilisation gemacht: Du schützt mich und ich bin brav. Erst in der Zivilisation droht ihm daher der doppelte Einschlag: Mach dich klein und sie machen dich noch kleiner.

Schutzlos in der Zivilisation - ein wahrer Clusterfuck. Das Subjekt verzichtet auf direkte Gewalt, auf Waffen und deren Anwendung, auf töten, schlagen und beißen. Dafür hat es Rechte. Blöd nur, wenn die ihm nicht gewährt werden und obendrein noch die Antiquität der Strafe verhängt wird, wenn es dann doch blutig zurückschlägt. Das Schlimmste dabei: es weiß nichts mehr davon. Es ist ihm nicht einmal mehr vermittelbar. Es ist sich so entfremdet, dass es nur mehr Funktion der Funktion seiner 'Gesellschaft' ist.

Hätschelkinder

Für alles hat es Fachleute: Autowerkstätten, Polizei, Handwerker, Anwälte. Die machen das für mich. Wenn sie es machen, solange sie es machen und wenn ich es mir leisten kann. Alles, was man tun kann, ist mitmachen, worüber man nicht entscheidet, hören, was man nicht versteht und tun, was alle tun. So ist das heutzutage®. Was man darf oder nicht darf, wussten früher die Eltern oder der Pfarrer; heute weiß es die Tagesschau. Die hat auch einen Facebook-Account. Die 'Mitte' hört hier, was die Guten tun und was die Bösen.

Wer davon abfällt, steht erst einmal im religiös-sozialen Nichts. In der Folge suchen sich die Ketzer neue Götter; es gibt Privatmoralen für alle und jeden, sogar komplette Weltbilder. Übers Netz ist man ruckzuck unter 'Vielen' und darf sich wieder stark fühlen. Es gibt reichlich 'Gleichgesinnte', die können ja nicht alle falsch liegen. Dabei transportieren die Teilzeitsekten, die sich so bilden, das verquere Verhältnis zu Moral und Gewalt, das ihnen zweiten Natur wurde. Zwar bricht es zunehmend aus ihnen heraus, eine direkte Konfrontation aber scheuen sie.

Wehrt euch, kauft nicht

Also wird aus dem Dickicht gehetzt, aus dem Hinterhalt getrollt und gedroht. Wir kriegen dich, du Sau! Nichts ist mehr unmöglich, auch der Drecksjude ist wieder dabei - schließlich wurde der von den falschen Propheten des Mainstreams verboten. Die Aggressoren verbreiten mit ihren Lügen Angst und Schrecken, ihre Waffen sind Hetze und Propaganda. Wenn sie damit auffliegen, verstecken sie sich hinter anderen, stapeln Ausreden und sind für nichts verantwortlich. Mit solchen Strategien wehren sie sich gegen das Establishment.

Die Opfer tun dasselbe, nur auf der anderen Seite. Sie berufen sich, sie glauben, sie klagen und erwarten. Schließlich ist das der Kern der Gesellschaft, dass gerechte Entscheidungen auf friedlichem Wege herbeigeführt werden. Es ist halt nur so, dass die Opfer das Unglück einer besonderen Ungerechtigkeit erleiden. Gegen diese kämpfen sie. Mit Anwälten, Petitionen und Öffentlichkeit. In ihrem Namen hängen sich andere dran und trollen zurück. Aber bloß keine Gewalt!

Keine Gewalt?

Ich fürchte, diese Zivilisiertheit ist über jedes Ziel hinaus geschossen. Die Schwachen sind so zivilisiert, dass ihre Angst sie ständig lähmt, doch so tief sie sich auch bücken, sie werden dennoch getroffen. Die Aggressiven nutzen das nach Herzenslust aus und prügeln täglich ein paar Opfer durch. Konsequenzen? Nicht machbar, selbst mit diktatorischen Mitteln, die obendrein noch damit gerechtfertigt werden. Meinung ist gefährlich. Die Gefahr muss eingedämmt werden.

'Wehrhaft' nennt sich dann solche 'Demokratie', eine monopolisierte Staatsgewalt, die leider die Wurzel ihrer Legitimität ziehen muss. Wo sind hingegen die wehrhaften Bürger? Wo stellen sie sich, begegnen sich und geben sich Grenzen? Ein Mensch, der zurückschlägt, wird selten geschlagen. Wo direkte Gewalt droht, droht kein Troll mehr. Diese Gesellschaft hat ein Gewaltproblem. Wir haben uns so eingehegt, dass wir Gewalt vor uns schützen statt umgekehrt. Wer sich damit auskennt, holt sich daher unbeschwert seine Opfer.

 
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Ich bin verwirrt. Dabei lese ich nur noch Überschriften; also größtenteils. Zum Beispiel beim Spon, da gehe ich höchstens einmal am Tag hin und schaue, was sie so annoncieren. Reicht auch, zumal wenn man dann noch einen schnellen Einblick in den Sehnerv gefräst bekommt über das, was ein "bento" für freshen Journalismus hält. Danach kann nichts mehr kommen. Heute las ich also "Der schönste Arsch im Gremium", unter einem Bild von Katja Kipping und irgendwas von wegen "Sexismus". Vorher war mir schon woanders die Zeile begegnet, jemand wechsele die Straßenseite, wenn nachts eine Frau vor ihm gehe.

In Tinder-Zeiten stellt sich die Frage, ob diese Kultur womöglich völlig overfucked and undersexed ist. Ständig blimpen die Äpps um mich herum, weil Hinz und Kunz im datengeilen Ficknetzwerk unterwegs sind. Die Jugend ist sowieso völlig verpornt. Vor allem die Jungs haben offenbar nur noch die Simulation dessen im Sinn, was ihnen die Abspritzpisten vorführen. Standardfrage an die Damen ist längst nicht mehr, ob er ihr in den Mantel helfen darf; es geht da regelmäßig eher um "ins Gesicht spritzen" oder "in den Arsch ficken".

Die andere Seite

Nun könnte man sagen: "Wenigstens reden sie drüber", wenn schon der sprichwörtliche Zugang zum anderen Geschlecht völlig kapitalisiert ist. Dass der anale Charakter sich hier offensiv präsentiert, macht Sigmund schmunzeln. Es scheint sich um so etwas wie fairen Wettbewerb zu handeln. Wer das Ziel am häufigsten trifft, verschafft sich Geltung. Traurig auch: Wir haben uns damals noch richtig geküsst. Ich fand's schöner. Cher hatte übrigens völlig recht, aber das nur am Rande.

Auf der anderen Seite eine Welt aus heimlichem Leiden und Paranoia. Versteht sie mein Schnäuzen als versuchte Vergewaltigung? Ist es sexistisch, wenn ich jetzt die Braue hebe? Es scheint auch in diesem Bezug eine Kluft zu geben zwischen dem geistigen Prenzlberg und dem Rest der Welt. Die meisten Frauen, die ich kenne, freuen sich zumindest still, wenn ihnen ein "geiler Arsch" diagnostiziert wird. Die Männer übrigens auch. Sie wissen sogar zumeist scharf zu unterscheiden zwischen Balzverhalten, Kompliment und der Reduktion auf ein Stück Fleisch, das man nach Gusto verarbeiten und sich einverleiben kann.

Keine Zeit

Allerdings gilt das für eine Gesellschaft von Menschen, die miteinander sprechen. Vielleicht liegt da das Problem. Sie filtern sich zu Tode und haben mit der Welt vor ihrer Nase abgeschlossen. Ich nehme mich da ausdrücklich aus, ausgerechnet als einer, der seit mehr als zehn Jahren eine Menge Zeit mit seinem Blog zubringt. Vielleicht auch wieder gerade darum: 'Kommunikation' als Management von reflexhaftem Datenaustausch ist mir ein Greuel. Schon dieser ständigen Erreichbarkeit habe mich seit jeher verweigert.

Sie aber wissen nicht mehr, was sie tun, allein weil ihnen die Zeit dazu fehlt. Sie telefonieren auch nicht mehr. Sie tauschen Voicemails aus. Keine Zeit für Gleichzeitigkeit. Keine verbindlichen Antworten, lieber irgendwas ins Mikro labern und sich nachher mit einer originellen Interpretation rausreden. Es gibt nicht einmal mehr Missverständnisse, weil Verständnis gar nicht vorgesehen ist. Dasselbe wie früher, nur aus anderen Gründen: Es gibt gar keinen Sexismus. Es herrscht nur totale Ignoranz. Dann kommt sowas von sowas.

 
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Ich muss an dieser Stelle zunächst einräumen, dass ich mich mit dem Thema ein wenig verhoben habe. Das macht aber nichts, denn ich habe andererseits den Eindruck, dass einige dennoch einen leicht veränderten Blick auf 'Gewalt' haben und das vor allem die Frage im Raum steht, was das denn überhaupt ist. Diesbezüglich kriege ich hier garantiert den Deckel nicht drauf, und die Frage wird weitgehend offen bleiben. Ich gehe daher meinem eigenen Gedankengang nach und versuche, den mit Ansätzen aus den Kommentaren zu verbinden.

Mir selbst folgend, habe ich Gewalt als Handlungsoption verstanden, als Gegensatz zur Ohnmacht. In der Situation, die oft traumatisch wirkt, ist das ja auch ganz plastisch so: Der Täter übt Gewalt aus, dass ohnmächtige Opfer leidet darunter. Meine Spekulation ist die, dass dieselbe Situation dem Opfer allein schon dadurch Handlungsspielraum lässt, wenn es von der Gewalt nicht überrascht wird und gelernt hat, mit Gewalt umzugehen - selbst wenn es hoffnungslos schwächer ist. In den Fällen, in denen Täter gerade durch die erkennbaren Ohnmachtsgefühle ihrer Opfer motiviert werden, kann sogar das schon wirksam sein.

Widerstand ist sinnvoll

Vor allem aber gibt es ein Vorher, Während und Nachher des Ereignisses, die eine 'normale' Zeitlinie ergeben. Die Tat wirft das - gelähmte - Opfer nicht aus der Zeit, sondern befähigt es zu handeln, sobald die Macht des Täters endet. Die Ereignisse um H.Weinstein und ähnliche Fälle zeigen hingegen, dass Scham und Schock dazu geführt haben, sich nicht einmal nachher zu äußern. Dies führt obendrein dazu, dass sich die Machtspähre solcher Serientäter enorm erweitert. Zur Vollständigkeit sei bemerkt, dass Gegengewalt ein oft äußerst probates Mittel ist, selbst für Schwächere.

Das Problem, das ich hier sehe, ist das Tabu über Gewalt. Das Motto "Keine Gewalt!" ist strunzdumm. Dazu muss man nicht einmal (was durchaus berechtigt ist) auf strukturelle Gewalt hinweisen. Auch Notwehr ist Gewalt, und wer von vornherein darauf verzichtet, begibt sich freiwillig in die Hand fremder Mächte. Der stumpfe unzivilisierte Faustkampf wird vermutlich als vulgär empfunden, als proletenhaft. Der Diskurs über Gewalt hingegen ist zivilisiert, eine Angelegenheit der Mittelschicht. Da gibt es keine Gewalt. Kurzum: Der gesellschaftliche Umgang damit wird festgelegt von Leuten, die nicht wissen wollen, was das ist.

Akademische Frage

Da kommt dann die akademische Frage auf, was das denn sei? Zwang, Nötigung, Körperverletzung, im Weg Rumstehen - wo fängt sie an, wo hört sie auf? Eine Spezialabteilung entdeckt sie derweil in der brutalen Anwendung von Artikeln, Wortendungen und Astrid-Lindgren-Büchern. Wenn man so weit von realer Gewalt entfernt ist und noch zu blöd zu abstrahieren, dass die Staaten, die hier juristisch eingreifen sollen, gerade massenhaft Menschen töten ('Krieg gegen den Terror'), macht man Fehler. Das führt auch dazu, dass hinter der Fassade solcher Debatten jahrzehntelang vergewaltigt werden kann und es niemand wahrhaben will.

Kurzum: Die Frage, was Gewalt sei, kann man nur beantworten, wenn man sie erlebt - vor allem kollektiv - und offen damit umgeht. Das heißt, dass man es nicht dem Strafgesetz und der Polizei überlassen darf. Diese Gesellschaft muss gewaltbereiter werden. Das bedeutet keineswegs, dass es dann mehr Gewalt gibt. Damit sind wir dann immer noch nicht beim Schlimmsten, das wir inzwischen "Verantwortung Übernehmen" nennen. Diese perverse Kultur schlachtet massenhaft Menschen ab und nennt noch nicht einmal das Gewalt. Ernsthaft: Wir tun pazifistisch und schwafeln von Gewaltlosigkeit, während für uns nicht einmal das Töten von Artgenossen Tabu ist.

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