vt


 
tp

Die Süddeutsche [via Klaus Baum] veröffentlicht aktuell die Auszüge aus TTIP, die "Bundestagsabgeordnete und Europaabgeordnete in Leseräumen lesen dürfen" (Hervorhebung von mir). Immer wieder sei darauf aufmerksam gemacht, dass die verhandelnden Konzerne und ihre politischen Komparsen denen, die ihrer Verabredung gefälligst die entsprechenden Gesetze erlassen sollen, verbieten, sich über den Inhalt dieser Gesetze zu informieren. Das wäre Skandal genug.

Jetzt zeigt sich, wie wir in den kommenden Tagen aufdröseln werden, worin die inhaltlichen Skandale bestehen. Wir dürfen uns dann kurz über die Lügen ereifern, die uns vorab dazu von Funktionären aufgetischt wurden, die vermutlich den Inhalt ebenso wenig kannten wie alle anderen. Was allein Sigmar Gabriel für unerträglichen Mumpitz dazu geredet hat, ist eine Anleitung "Fremdschämen für Profis". Bei der Gelegenheit: Gabriel hat sich kürzlich seinen Platz in der Hall of Fame der Urheber blödester Argumente verdient. Er meinte, eine Krankenschwester, von deren Lohnsteuer unbezahlbare Autos subventioniert werden, habe doch auch etwas davon - wenn sie mit einem Angestellten der Herstellerfirma verheiratet sei. Das ist das Niveau, auf dem wir uns bewegen.

Irre vernünftig

Erfreulich, dass die eine oder andere Zeitung doch noch ihren Job macht und informiert. Witzig, dass es dieselbe Redaktion ist, aus der Marc Beise seine unerträglichen neoliberalen Predigten hält. Dieser Widerspruch ist kein Zufall und liegt schlicht in der Beliebigkeit, die sich aus dem Business ergibt. Zeitungen sind zuallererst Ware. Der eine lobpreist daher den Gott des Erwerbs, der andere veröffentlicht solches Material, weil es ein Geschäft ist, das man sich nicht entgehen lassen darf, wenn man in der Branche überleben will.

Mit dieser Beliebigkeit wiederum geht einher, dass kritische Leser immer häufiger spekulieren müssen, was wirklich so gemeint ist, was wahr, was zurechtgebogen und was dreist gelogen. Jeder Leak ist eine überführte Verschwörung und deckt die Lügen auf, mit denen sie vertuscht werden sollte. Teils sind die Aufdecker und die Vertuscher dieselben, zumal juristischen Personen. Daraus folgt, dass ohne Theorien über Verschwörungen kritisches politisches Bewusstsein gar nicht mehr zu haben ist.

 
ne

In unserer allseits beliebten Serie „Was ist die Verschwörung und wo ist die Theorie dazu“ will ich heute einmal in Augenschein nehmen, was eigentlich das Adabei-Prinzip ist, bzw. das erweiterte Adabei-Prinzip. Wie gesagt ist die wirksamste Manipulation von politischen, journalistischen und sonstigen mittelbeschichteten Funktionsmöbeln, sie einfach mitmachen zu lassen. Lasst sie sich wichtig fühlen und sie tun automatisch das, was ihr tut, trinken, was ihr trinkt und sagen, was ihr sagt.

„Da bin i a dabei“ prahlt er dann im Nachgang, da bin ich auch dabei, bei den Atlantikern, der Sicherheitskonferenz, dem Ball, dem Empfang, dem Kongress, dem Treffen im Café Wichtichmann. Man klopft sich die Schulter und haut sich auf den Arsch; wir sind die Großen der Welt oder zumindest ganz nah dran. Dass es sich bei den Herren (und Damen) der gehobenen Mittelschicht um solche handelt, die keinen Kontakt mehr zum Fußvolk haben, sich aber umso lieber leise im Schlagschatten des einen Prozents bewegen, hat Folgen.

Unter uns

Sie entwerfen ein Bild von Gesellschaft, das ihre Gastgeber durch ihre Kollegen aus der Abteilung fürs erweiterte Catering entwerfen lassen. Die Echokammer dieser exklusiven Gesellschaft ist das, was sie für das Optimum an Leistungsgerechtigkeit halten, mithin das Ideal demokratischer Wirtschaft und Gesellschaft. Das muss ganz selbstverständlich verteidigt werden, denn es ist die beste aller möglichen Welten. Abweichungen davon können nur niederen Motiven entspringen.

Dies bestätigen sie sich, wann immer sie sich treffen, und sie treffen sich andauernd. Das Management, die Verleger, Spitzenjournalisten, Investoren, Militärs, Berater und Lobbyisten. Man kennt sich; aus der Burschenschaft, dem Golfclub, dem “Young Leaders“-Programm, man ist 'einer von uns'. Man ist immer wieder der Kritik von unten ausgesetzt, der Gosse des Internets, der Neider, der Radikalen und Extremisten, der Verschwörungstheoretiker. Man weiß, wie damit umzugehen ist.

Kritisch eingebettet

Alle, die dazugehören, haben nicht nur das gute Essen, die angenehme Atmosphäre und das Prestige davon, sondern auch gute Gründe dafür. Diese Gründe lassen sich am Ende stets als „Interessen“ formulieren oder auch schnöde auf Zahlen in allen konvertierbaren Währungen bringen. Das gilt auch für die Adabeis aus den Medienhäusern. Allein: Sie leben ein Dilemma. Wie soll das einträgliche Verhältnis der Medienbosse und ihren Edelhelfern zu den anderen Bossen und deren Edelhelfern „kritisch“ sein?

Sie behängen sich gegenseitig mit Preisen, für ihre Unabhängigkeit, ihren kritischen Geist, ihre unbeirrten Recherchen und stilprägenden Beiträge. Alles, was es dazu braucht, ist eine Anstellung mit entsprechendem Salär. Was können sie dafür, dass Unabhängigkeit, kritischer Geist, Stil und Recherche nicht auf der Gästeliste stehen? Was weiß der Rezipient schon davon? Sie allein entscheiden, was das alles bedeutet. Sie, die „Gatekeeper", die geistigen Türsteher der Gated Community.

 
wn

Die Theorie der Verschwörung ist ein notwendiger Blickwinkel, um die Gegenwart zu verstehen. Man kann sie auch anders nennen oder den Hebel woanders ansetzen, aber grundsätzlich ist es hilfreich, den Begriff "Verschwörungstheorie" aufzugreifen. "Verschwörungstheorie" ist ein aktuelles Schlagwort, das das Zeug hat, das Narrativ erheblich zu beeinflussen. Gegner der gängigen Hoftheorie werden reflexartig von Journalisten und Politikern damit belegt, was Grund genug ist, sich das Vehikel öfter und genauer anzusehen.

"Verschwörungstheorie" behauptet, jemand habe die wahnhafte Idee einer geheimen Absprache mächtiger Kräfte, die das Schicksal der Welt bestimmt. Das mag irre sein und einem bestimmten psychischen Krankheitsbild entsprechen (ich möchte dabei die Psychiatrie selbst an dieser Stelle nicht problematisieren). Aber schon die gröbste Differenzierung wirft eine sehr interessante Frage auf: Gibt es geheime Absprachen mächtiger Kräfte? Es reicht aus, CETA, ACTA, und TTIP zu erwähnen, um sie zu beantworten. Diese antidemokratischen geheimen Verabredungen mächtiger Konzerne und Staatspolitiker sind real und sie entsprechen tatsächlich dem, was mit Recht als "Verschwörung" bezeichnet werden darf.

Geheim vs. demokratisch

Diese Verabredungen haben sogar weltpolitische Dimensionen. Obendrein ist die NATO mit den beteiligten Staaten im Bunde, ein Militärbündnis, das sich ganz selbstverständlich vorbehält, geheime Entscheidungen zu treffen, die zu kriegerischen Handlungen führen - immer öfter ohne die Legitimation durch nationale Parlamente oder die UNO. Man kommt also nicht umhin, einen gewissen Albtraum als Realität zu betrachten. Die Ermächtigung der NATO-Geheimdienste zur Totalüberwachung der Welt, die an keiner rechtlichen Hürde scheitert, sondern nur an der Machbarkeit, rundet das Bild ab zu etwas, das man früher "Dystopie" genannt hätte. Da hat sich wohl die Wirklichkeit gegen die geistige Gesundheit verschworen.

Was das Ganze bizarr anmuten lässt: Diese Geheimstrukturen sind völlig öffentlich, das heißt sie werden medial begleitet und für 'gut und richtig' befunden. Es haben sich Entscheidungsstrukturen gebildet, die aus lauter Black Boxes bestehen. Man sieht, was hineingeht und was herauskommt, aber was darin vorgeht, soll von Öffentlichkeit, d.h. von den Betroffenen nicht beeinflusst werden. Demokratie, selbst die schwächste, stört das Geschäft. Das Ungewisse ist nötig, um Kritik zu zerstören: Da sich diese auf nichts Handfestes beziehen kann, kann jede Kritik als heillose Spekulation, Bosheit, "Verschwörungstheorie" abgetan werden.

Das Ende der Wahrheit

Wahrheit im klassischen Sinne ist so nicht einmal mehr konstruierbar, aber es kommt noch dicker, was eigentlich auch jeder wissen müsste: In einer Welt der Vernunft und des Interessensausgleichs ist die Lüge ein zerstörerisches Mittel. Der Kapitalismus aber fordert für sich - übrigens schon in den am besten kontrollierten Spielarten - das Recht zur Lüge ein. Er nennt das "Werbung". Die hat sich, um Produkte abzusetzen, jedes psychologischen Tricks bedient, jeder perfiden Manipulation, um Menschen zu verführen. Im nächsten Schritt hat sich ganz selbstverständlich die Politik derselben Techniken bedient, und zwar nicht bloß in Wahlwerbespots, sondern permanent. Die Plapperpuppen sind auf Dauerwerbesendung.

Noch nicht genug? Gut. Es erhob sich aber das Internet, um die Wahrheit zu retten. Jeder kann mitmachen. Ein wirres Chaos von Stimmen, aus dem man sich filtern konnte, was man für relevant hielt. Ein sehr schwieriger Job, bis Google kam und aufräumte. Es ist nur eine Suchmaschine. Deren Suchalgorithmus ist nicht nur geheim, dessen Resultate verändern die Wahrnehmung der Welt auch eklatant.

We Told You What to Dream

Eine Forschergruppe um Robert Epstein am American Institute for Behavioral Research and Technology hat in einer Reihe von Untersuchungen festgestellt, dass 'Informationen', die in Suchmaschinen weit oben angezeigt werden, die (politischen) Einstellungen der Probanden massiv beeinflussen. Derart massiv, dass man (meine Interpretation) schon von Lenkung sprechen kann. Dies ist eine reale Macht, die real genutzt wird; gemeinhin um Zeug zu verhökern. Sie kann aber nicht nur dazu genutzt werden, konkreten politischen Einfluss nehmen, sie wird zwangsläufig solche Wirkung erzielen.

Vor allem wird sie es als alternativlos und 'natürlich' erscheinen lassen, Produkte zu konsumieren und die Welt dieser Produkte zu befürworten. Im klassischen politischen Widerstreit der Kräfte hat das bereits verheerende Wirkung zugunsten einer aggressiven Variante von Kapitalismus. Der Witz im Aberwitz: Es ist der Kapitalismus selbst, der solche Strukturen geschaffen hat und derart grundsätzliche Kritik an ihm im Keim erstickt - jedenfalls wenn sie wirksam sein soll. Er lässt allenfalls die Frage zu, wie man ihn zähmen könnte. Wer meint, eine Welt ohne das Glücksgefühl beim Shopping sei auch nur denkbar, gilt bereits als Irrer.

 
hi

Ein Journalist, der keine verschwörerischen Vorgänge sucht, taugt nichts. Ich wollte eigentlich schreiben "ein politischer Journalist", aber ich weite es durchaus auf alle aus. Der Grund ist schlicht: Egal ob in der Politik, im Sport oder in der Mode, es gibt überall den Kampf um Profite; Einfluss, Geld, Aufmerksamkeit und Macht - in diesem Zusammenhang auch Deutungsmacht. Das Ganze System wird durch eine billionenschwere PR-Maschinerie beeinflusst; sicherlich nicht, weil die Guten, die uns damit versorgen, wollen dass wir prima informiert sind.

Nehmen wir einen Sportreporter, der über Veranstaltungen im Leistungssport berichtet. Hat er auch nur den Hauch einer Ahnung vom Objekt seiner Reportagen, so weiß er, dass es unter der polierten Oberfläche eine Kanalisation gibt, in der Tonnen von Dope transportiert werden. Er darf berichten, dass es Dopingkontrollen gibt und wer dabei 'erwischt' wird. Er darf aber keinesfalls auch nur mutmaßen, dass flächendeckendes Doping die Bedingung für Leistungssport ist. Da muss man sich entscheiden: Wirklich recherchierten und berichten oder den Job behalten?

Woodward-Bernstein-Syndrom

In der Politik ist die Sache noch einfacher. "Watergate" wird bis heute als Sternstunde des Journalismus gefeiert. Woodward und Bernstein haben dabei nichts anderes als eine Verschwörung aufgedeckt. Heute dürften sie nicht einmal die Vermutung äußern, dass es so etwas gibt. Wohlgemerkt: Nicht weil staatliche Zensur das verbietet, sondern, weil die lieben Kollegen über sie herfielen und die Redaktion für solche Spinnereien kein Verständnis hätte.

Dabei gibt es immer wieder mal einen, der plaudert und dem man doch nur zuhören müsste. Wenn ein hochrangiger Journalist von "Veranstaltungen, von denen nicht berichtet werden darf" spricht (wir hatten das auch hier schon), muss einem doch der Hut wegfliegen. Es ist dann nicht weiter überraschend, dass die Herrschaft permanent zu geheimen Treffen lädt, um den Edelhurnalisten das Gefühl zu geben, Elite zu sein und ihnen mit solchen Trüffeln das Maul zu stopfen.

Geisteskrank

Natürlich haben diese Funktionäre der öffentlichen Meinung Angst davor, wenn wer nach geheimen Absprachen, sinistren Zirkeln und hinterfotziger Einflussnahme fragt. Das fängt doch schon damit an, dass kein Journalist sich als Lohnschreiber verstehen darf, der im Auftrag von Geldgebern arbeitet. Da ist für Realität wenig Platz, also schiebt man sie am besten komplett auf die andere Seite: Wer nach der Wahrheit fragt, muss irre sein; wer zweifelt, lügt.

In diesem Club der hirntoten Dichter ist derweil alles unmöglich, was nicht sein darf, während die Guten das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewohnen, sprichwörtlich. Da kommt dann wie gerufen eins zum anderen, und das Kapital, das sich die Wahrheit kauft, bestimmt, was gesunder Menschenverstand zu denken hat. Nämlich, dass man alles kaufen kann und alles uns gehört. Was pfeift der Verschwörungstheoretiker da: "... und morgen die ganze Welt"? Der ist doch reif für die Psychiatrie!

 
sn

Original: Bundesarchiv_Bild_183-11076-0006

Wenn Verschwörungstheoretiker Verschwörungstheoretikern Verschwörungstheorien vorwerfen, ist für Unterhaltung gesorgt. Martin Reeh schreibt für die TAZ. Den Berichten seiner eigenen Zeitung kann man entnehmen, dass er Mitglied bei den Grünen war, jener Partei, die sich kürzlich wieder einmal Pädophilievorwürfen stellen musste. Er war auch Mitglied der SED-Nachfolgepartei PDS. Der Ultralinke wurde in der WASG sogar von Stalinisten als Stalinist bezeichnet.

Zu dieser Zeit wurde wiederum Udo Ulfkotte, den er selbst einen Verschwörungstheoretiker nennt, als "Terrorexperte" hofiert, und zwar von der "Zeit", für die Reeh auch schon geschrieben hat. Aus diesem sauberen Umfeld kommt also einer, der die "linke Tageszeitung" offenbar innenpolitisch auf Kurs trimmen soll. Das hat er ja gelernt, nur dass er inzwischen von ganz links nach ganz rechts gerutscht ist.

Na, macht's Spaß? Solchen Vernichtungsjournalismus kann man sogar mit Quellenangaben aus der Hand schütteln, wenn man handwerklich nicht völlig unfähig ist. Herr Reeh verzichtet darauf, wo er sich mit Albrecht Müller befasst in einem unterirdischen Machwerk, das den Schmutz fleißig in den Ventilator schaufelt ohne jedwede Fakten zu benennen oder sich mit welchen zu befassen. Da sind eben alle finstere Gesellen, die mal einen anderen getroffen haben, alle "Verschwörungstheoretiker", die in irgendeiner Weise anzweifeln, was Herr Reeh für Common Sense hält. Da ist es dann auch egal, wie und wo einer abweicht, sie sind allesamt "wahnsinniger Rand".

Wer kennt wen

Zum Objekt seiner inquisitorischen Betrachtung lässt sich vieles sagen, ich fasse das einmal aus meiner Sicht zusammen: Dass Lieb die Nachdenkseiten verlassen hat, kann eine Chance sein. Ich persönlich bin mit vielem, was Müller zum Besten gegeben hat, auch nicht einverstanden; seine Wortwahl ist da durchaus hervorzuheben, und auch ich hätte hier und da mehr Abgrenzungsbedürfnis. Ausgerechnet aber die Netzwerke von Atlantikern, die die NDS benannt haben, eine schlichte Tatsache also, zur Verschwörungstheorie zu erklären, stinkt. Dieser Unverschämtheit kommt man nur mehr mit Verschwörungstheorie bei; ich halte es da aber mit Überprüfbarem und prognostiziere schlicht, dass wir von Herrn Reeh noch mehr in dieser Richtung hören werden.

Ich habe die NDS vor einiger Zeit aus meiner dynamischen Blogroll entfernt, weil ich dort immer dieselben Quellen angezeigt bekomme und stets eine bestimmte politische Richtung. Das machen andere auch, aber wo ist dann der besondere Wert der NDS? Vor allem, dass sie sich nicht (mehr) streiten, finde ich bedauerlich (schönen Gruß an Herrn Berger). Was die Substanz anbetrifft, nicht zuletzt die Arbeit mit Quellen, sind aber selbst die NDS jenen Journallikern turmhoch überlegen, die nur noch aus der Arroganz ihrer vermeintlich höheren Warte die Wahrheit® verkünden.

Am Ende habe ich keinen Grund, die NDS zu verteidigen, es sei denn gegen eine schon stilistisch entlarvende Verleumdung. Dies auch nicht, weil sie es nötig hätten oder nicht selbst könnten, sondern weil ich einen derart konzentrierten Dreck wie den aus Reehs Giftspritze unerträglich finde. Es bleibt also die Frage, die wir Verschwörungstheoretiker alle irgendwann stellen: Cui bono? Die besseren von uns lassen sie offen.

 
lk

Eine schulbuchmäßige Übung zur Lesekompetenz, einhergehend mit einem sehr lehrreichen Bericht, hat Katrin McClean in der Telepolis hingelegt. Das ist äußerst bedauerlich, denn ich hätte gern nur geschrieben, dass es sich um einen interessanten Bericht handelt. Gegenstand ist ein Dinner beim "Spiegel", der kritische Leserbriefautoren eingeladen hatte. Was Redakteure und Mitarbeiter dort offenbaren, wirft ein Licht auf deren Arbeit, in der endlich etwas sichtbar wird von den Motiven und Einstellungen, die zu einer teils bizarren journalistischen Haltung führen.

Der Begriff "Verschwörungstheorie", der häufig von Journalisten gegen ihre Kritiker gewendet wird, ist deutlich überstrapaziert; es empfiehlt sich aber, ihn hier einmal als Arbeitsbegriff anzunehmen, denn es werden mehrfach verschrobene Ansichten deutlich, die den Fokus verschiedener Diskutanten bestimmen. Leider eben auch den der Autorin, die mit ihrem Schlussatz den bis dahin hervorragenden Artikel zur leichten Beute ihrer Kritiker macht. Dort brandmarkt sie "den fortlaufenden menschenverachtenden Einsatz nuklearer Waffentechnik durch die USA".

Was wie wer wann wo

Der hat nun leider nichts mit dem Rest des Artikels zu tun, weder mit journalistischer Arbeit noch Russenfeindlichkeit oder der Personalisierung auf Putin. Er schwebt da vor sich hin, ohne dass wir auch nur erführen, was damit gemeint ist. Es gibt keinen "fortlaufenden menschenverachtenden Einsatz nuklearer Waffentechnik durch die USA", denn dieser Begriff ist recht eindeutig auf Kernwaffen festgelegt, die seit Nagasaki nicht eingesetzt wurden. Es ist ein Leichtes, hier festzustellen, dass nur ein Spinner so etwas schreiben kann.

Vielleicht - das schlimmste, was man einem Bericht antun kann, ist darüber zu spekulieren, was gemeint ist - meint sie Uranmunition. Die wird nicht nur eingesetzt, sondern hat schon bei 'Übungen' zum Beispiel Sardinien verseucht. Der Vorwurf hätte zwar Substanz, hat aber leider nur sehr am Rande mit dem Thema zu tun. Es bleibt also festzustellen, dass hier noch fix ein verschrobener Vorwurf untergebracht wurde, der zusammenhanglos und unsachlich auftaucht. Dies wiederum ist zumindest ein Element, dessen sich Verschwörungstheoretiker gern bedienen.

Die anderen können das aber auch. Ein Highlight des Artikels ist die Aussage des Spiegel-"Faktenprüfers", er "halte sowohl Obama als auch Putin für gefährlich, nur Putin fände er eben doch etwas schlimmer. Weil der eben nach der Weltmacht greifen wolle". Das glaubt der Faktenchecker des ehemaligen Nachrichtenmagazins, womit er der VT noch einen zünftigen Schritt näher kommt als die Autorin. Da will einer die Weltmacht, und alles, was er tut, folgt diesem Motiv. Daraus lässt sich logisch ableiten, dass der böse Weltherrscher aufgehalten werden muss. Obendrein passt die gesamte Russland-Politik des Spiegel unter diese Prämisse.

Tiefer hängen

Es gibt weitere erhellende Aussagen im Bericht, den ich dringend zur Lektüre empfehle. Hier noch einmal zurück zum Problem 'VT': Tatsächlich sind hier wie gesagt verschrobene Weltbilder am Werk, die einen unheilvollen Einfluss auf die Debatten, Beiträge, Berichte und Meinungen nehmen. Für respektable journalistische Arbeit sind diese völlig inakzeptabel, und so etwas hat in einer vernünftigen Debatte nichts verloren. Es hilft aber gar nichts, jeden solchen Ansatz "Verschwörungstheorie" zu nennen, um den Gegner zu pathologisieren und als Person wie als Teilnehmer an der Debatte zu diskreditieren.

Wer nicht nur den Kriegshammer schwingen kann, sondern auch das Skalpell zu nutzen weiß, kann durchaus auch solchen Beiträgen Erkenntnisse entnehmen, die irgendwo in Paralleluniversen abdriften. Es gibt freilich auch Beiträge, in denen Dogmen, Korruption oder Unwissen derart das Zepter schwingen, dass es keinen Zweck mehr hat. Auch das aber kann man nachweisen. Es gibt journalistische Standards, die recht brauchbar formulieren, was zu tun ist, um nicht zu verschleiern oder zu manipulieren. Die entscheidende Frage ist, ob diese eingehalten werden oder nur noch auf dem Etikett stehen.

 
ks

Wenn ich etwas über Politik wissen will, dann sind die zentralen Fragen: Wer fällt welche Entscheidungen, wie und wann, unter welchen Bedingungen? Mit diesem Einstieg kann man sehr schnell erkennen, wie die Qualität politischer Betrachtungen ist, vor allem sogenannte "Berichterstattung". Gelegentlich erfahren wir noch, was auf einer bestimmten Ebene entschieden wird, z.B, im Bundestag. Das Wie und die dazugehörigen Bedingungen sind in der Regel schon kein Thema mehr.

Dies aber wäre die Aufgabe aller Aufklärung, der selbstredend jede Geheimhaltung im Wege ist. Es gibt Gelegenheiten, da blitzt so etwas auf, weil Vorgänge öffentlich werden. Es wäre die Aufgabe der Medien, das dann zu verbreiten und zu erläutern, ohne sich "mit einer Sache gemein" zu machen. Heute lese ich etwa folgendes:

Dass der Westen "ISIS" unterstützte, konnte man bisher wissen, wenngleich im medialen Freund/Feind-Schema immer der Eindruck erweckt wird, dergleichen seien Pannen oder Versehen. Wenn jetzt aber das Pentagon selbst mitteilt, dass es die Entstehung von ISIS hat kommen sehen, kann man das so nicht mehr darstellen.

Keine Überraschung

Den Amerikanern war bekannt, dass die gegen Assad ausgerüsteten Kämpfer "ein salafistisches Kalifat gründen" wollten und den "Irak destabilisieren" könnten. Sie hielten aber selbst das Entstehen des Kalifats für begrüßenswert, als Einflusszone gegen Assad. Die Strategie der 'Hurensöhne', die zu 100% gescheitert ist, von Pahlevi über Saddam und Gaddafi bis hin zu Al Qaeda, wurde auch auf ISIS angewendet. Das erwartbare Chaos folgte. Wer also an Politik und Geostrategie interessiert ist, muss fragen, wer warum dennoch so entschieden hat. Ich kenne kein deutsches Massenmedium, dass dieser verdammten Pflicht nachkommt.

Stattdessen wird jeder, der im inflationär Geheimen nach Erklärungen sucht - und sie womöglich findet - diskreditiert. Die Medien, hier ein Beispiel aus dem Bahnstreik, (JavaScript erforderlich, Kommentar und via hier) verbreiten lieber ein eindimensionales Bild, das politische Leitlinien erkennen lässt.

Dazu passt auch, dass ein Bericht, der sich vordergründig kritisch gibt, sogleich auf das Dementi der 'Kritisierten' hinweist. Der Geheimdienst, der ständig versagt und nichts weiß, aber wichtig ist, weil er durch seine 'Aufklärung' für Sicherheit sorgt. Der direkte Vergleich zur Darstellung Weselskis zeigt: Es wird stets die Meinung einer bestimmten politischen Linie verstärkt, einmal als "Kritik" "aus der Politik", ohne zu benennen, wer damit gemeint ist, einmal als "Zurückweisung" von Kritik, ohne auf die Motive derer hinzuweisen, die da etwas zurückweisen, was nur zu offensichtlich ist.

Ebenso verhält es sich mit der Kooperation bzw. Identität von Nazis und "Verfassungsschützern". Nachdem(!) ein Verbotsverfahren gegen die NPD gescheitert war, weil der VS überall seine Leute in der Partei hatte, sind jetzt wieder elf seiner Mitarbeiter als Funktionäre der Partei genannt worden. Es werden viele mehr sein, vermute ich, aber was haben allein diese elf noch dort zu suchen? Wo vor allem wird diese Frage erörtert, wer weist darauf hin, dass Nazis und Verfassungsschützer dutzendweise dieselben Personen sind?

Darf nicht, kann nicht

Wenn einmal, in aller Kürze, kritische Fragen gestellt werden, muss man sich schon darüber freuen, selbst wenn wieder die harmloseste mögliche Interpretation gleich zur Überschrift wird. Totales Versagen hat als Ursache für die Vorgänge zu gelten, Absicht wird von vornherein ausgeschlossen. Niemand fragt sich, wie totale Versager so erfolgreich für eine Sache arbeiten können, die eben ausgeschlossen wird. Der Verfassungsschutz steuert Nazis? Der BND bespitzelt Bundestag und heimische Industrie? Kann ja gar nicht!

Eine gute Alternative zur Verschwörungstheorie ist die Religionssoziologie. Will man eine Religion verstehen, nutzt es nichts zu mutmaßen, es hätten sich einige Mächtige zusammengetan, um die Menschen mit Märchen abzuspeisen und in Knechtschaft zu halten. Solche Systeme entwickeln sich und bilden stabile Strukturen aus. So wie die Religion der Soziale Marktwirtschaft® mit ihrer Parlamentarische Demokratie®. Deren Anhänger klären ebenso wenig auf wie ein Pfarrer über den Glauben an höhere Wesen.

Die um sich greifende Besetzung politischer Posten mit Pfarrern und Kirchenfunktionären ist kein Zufall. Aufklärung ist der Feind des Glaubens, daher arbeiten alle Instanzen daran, sie einzudämmen. Die kurze Blüte aufklärerischer Massenmedien ist vorbei, ihre Produktion unterliegt denselben mythischen Zwängen wie die Verteidigung des modernen Glaubens gegen jeden Fortschritt. Der Kampf ist derselbe wie immer, und wer sich trösten will, mag auf die Macht der Wahrheit setzen. Die kann man unterdrücken, manchmal für Jahrhunderte, aber nicht für immer. Das Sein ist da ein unverwüstlicher Verbündeter des aufgeklärten Bewusstseins.

 
box

Um die politischen Tätigkeiten von Parlamenten und Regierungen, ihren Ablegern und Zuträgern, Lobbyisten und Behörden und den ganzen Rest noch zu verstehen, ist Politologie schon lange nicht mehr die richtige Wissenschaft (man darf auch bezweifeln, dass das je eine war). Schon gar nicht kommt man dem bei, wenn man die Herrschaften als Autoritäten bebuckelt und sie nicht in jeden erdenklichen Zweifel zieht. Wenn man dann aber versucht, sich noch irgend einen Reim zu machen, schallt es aus dem Betrieb "Verschwörungstheorie!".

Nun, die Theorie der Verschwörungen ist eine, die Not tut, spätestens, wo die Mafia regiert. Nein, das ist keine Metapher, siehe B wie "Berlusconi" zum Beispiel. Das ist aber Deutschland hier, da läuft das alles dezent eleganter, zum Beispiel, indem die Personalabteilung des Verteidigungsministeriums sich mit Heckler&Koch berät. Man ist halt unter sich, und genau das ist das oberste Prinzip jeder Verschwörung: Gemeinsame Interessen verfilzen, gegen alle Gesetze, im Schatten, verschwiegen.

Drohung mit der Pflicht

Wie schon einige Male hier betont, ist jede Beschäftigung mit Geheimdiensten notwendig eine Theorie der Verschwörung, weil die 'Dienste' eben konspirativ arbeiten, per definitionem. Deshalb ist es auch extrem wichtig, nein, wäre es, sie streng zu kontrollieren. Was aber haben wir? Losgelassene Rechtsbrecher, die das Erbe ihrer Gründungsnazis unkontrolliert ausüben. Die Kanzlerin, ihr Amt, ihre Partei und deren zuständige Minister haben nie versucht, das zu ändern. Die koalitionäre SPD hat neulich immerhin damit gedroht, ihre verfassungsgemäße Pflicht zu tun.

Und jetzt? Wird ein Persilscheinspender gesucht, der dafür sorgt, dass die Dienste ihre Geheimhaltung gegenüber dem Parlament aufrecht erhalten können. Dieser permanente Verfassungsbruch wird also weißgewaschen, indem man so tut, als erführe irgend ein Freund und Helfer von den Schnüfflern, was diese so tun. Dann verkündet er, das habe alles seine Ordnung, und das nennen sie dann "Kontrolle". Noch einmal, zum in die Stirn Ritzen: Kein Geheimdienst darf irgend ein Geheimnis vor dem Parlament haben. Niemals. Alles andere ist sogar eine besonders finstere Verschwörung.

Wie dumm ist noch realistisch?

Man könnte das alles als Versagen auslegen, sich vormachen, sie könnten es halt nicht besser. Das wäre der Ausweg aus der Diagnose "Verschwörung". Dann müsste man aber erstens feststellen, dass so etwas nicht in Regierungen gehört und nicht in Ausschüsse. Wer zu dumm ist, das Grundgesetz zu verstehen, hat dort nichts zu suchen. Zweitens aber fragt man sich, wann Versagen galaktischen Ausmaßes denn jedwede Konsequenzen nach sich zieht. Dazu ein anderes Beispiel, das hier zuletzt besprochene:

Die aktuelle Völkerwanderung aus Nordafrika über das Mittelmeer ist nicht nur als solche ein Problem, die "Lösung" in Form von Schiffchenversenken und Verfolgung von Schleppern so hirnfrei wie zynisch. Die Situation verschlimmert sich aber drastisch durch die Lage in den Zielstaaten, die Länder Südeuropas. Seit Jahren war ersichtlich, dass das von der NATO verursachte Chaos zur Massenflucht führt. In derselben Zeit, bis heute ungebrochen, sorgt die EU mit ihren Kapitalpartnern für das Austrocknen der Staaten Südeuropas. Die Infrastruktur dort ist kaum mehr vorhanden, die medizinische Versorgung selbst für die Einheimischen nicht mehr ausreichend.

Die Panne als Weg

Anstatt also diese Länder mit allen nötigen Mitteln auszustatten, um eine besonders gute Infrastruktur auszubauen, passiert das Gegenteil: Alles, was irgend einem Investor Geld bringt, muss verschleudert werden, alles, was Kosten verursacht, wird dichtgemacht. In tränenreichen Feiertagsreden werden ergänzend das Erstarken von Rechtsextremismus und das Massensterben auf dem Meer bedauert. Nun frage ich mich, wo der Aufschrei bleibt angesichts derart unfassbarer Dummheit und eines Versagens, das man nicht steigern könnte, würde man absichtlich alles falsch machen.

Es kann natürlich auch sein, dass die Schreihälse, die ihre Leser, Zuschauer und Wähler mit dem VT-Vorwurf abbürsten, uns etwas ganz anderes deutlich machen wollen: dass sie nämlich zur Kenntnis nehmen, wie manche allmählich notieren, dass etwas, das aussieht wie Absicht, riecht wie Absicht und wirkt wie Absicht, Absicht ist. Der Titel "Verschwörungstheoretiker" folgt also dem Trend allen Neusprechs, und was einmal eine Beleidigung war, ist heute ein Ausdrucks des Respekts.

 
paris

Kai Gniffke schäumt schon wieder und sieht sich von „Verschwörungstheoretikern“ - die er gleich drei Mal erwähnt - umzingelt. Furchtbar, alle diese Geisterfahrer! Er vergreift sich für einen Mr. Seriös arg im Ton und fürchtet "auf die Fresse" zu kriegen; aber vielleicht ist das auch nur ein sprachlicher Hinweis auf den Tagesbefehl: Fresse halten, Verschwörungstheoretiker! So viel zur Souveränität im Angesicht der Kritik.

Es geht um die Bilder, die suggerieren - und das tun sie nachgewiesenermaßen - Staats- und Regierungschefs hätten den Trauermarsch von Paris angeführt. Tatsächlich haben sie nur in einem abgesperrten Areal posiert. Alles kein Problem, den Gniffke bescheinigt Gniffke:

"Das ist harte journalistische Arbeit, die sich an ethischen und handwerklichen Standards messen lassen muss.".
Die Quintessenz:
"Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung [...] müssen wir uns – bei aller Selbstkritik – nicht [...] aus Angst vor den Verschwörungstheoretikern die eigene Arbeit schlecht reden.."

Der Mann erklärt hier, wenn auch im Eifer verquer formuliert, dass die Arbeit der Journalisten darin besteht, Teil einer Inszenierung zu sein. Der Zuschauer hat das so hinzunehmen - und für was zu halten? Die Wahrheit? Oder nur irgend eine Geschichte, die so erzählt wird, wie sich die Herrschaft eben sehen will? Er bleibt die Antwort schuldig, allemal bleibt es allerdings eine Bankrotterklärung.

Reingefallen!

Einige Beispiele, warum es sehr wohl so aussehen sollte als ob: Spitzenreiter der harten journalistischen Arbeit ist das (auch bei Spiegel Online verlinkte) manager-magazin (Siehe Screenshot oben). Sicher sind sie dort nicht so klug wie die Zuschauer der Tagesschau und deshalb auf die Bilder hereingefallen. Dabei hätte das doch wohl jeder wissen müssen!

Der Tagesspiegel formulierte:

"Als am Sonntag viele Staats- und Regierungschefs in Paris vor dem Trauermarsch für die Opfer der Attentate in Frankreich hermarschierten ..."

Ich war nicht dabei. Glaube ich also jetzt, dass die Herrschaften an der Spitze des Marsches waren oder erkenne ich die wahre Volksnähe dieser solidarischen Mitmenschen?

Und überhaupt, so derselbe an anderer Stelle, sei das ja gar keine "Seitenstraße" gewesen, wo sich die Prominenz traf, sondern ein abgesperrter Teil einer ... na eben Nichtseitenstraße!! Angeblich seien sie sogar "250 m" marschiert. Die Inszenierung hat sich also an der Wahrheit orientiert, die sie gern gewesen wäre. Macht sie das besser?

Der "Spiegel" rührt ein wenig Spannung hinein und schreibt von "eine[r] logistische[n] Meisterleistung der Sicherheitskräfte" – ohne jeden Hinweis darauf, dass die Prominenz unter sich „marschierte“. Was stelle ich mir vor, wenn ich diese Worte lese? Dass da meisterhaft die Straße für ein Foto gesperrt wurde?

Meisterleistung, große Geste - Lobet die Herrschaft!

Die Sueddeutsche stellt im Nachhinein fest:

"Jetzt kommt heraus: Die Aufnahme entstand in einer gesicherten Straße. An der Aufrichtigkeit der Geste ändert das jedoch nichts. … Immer schon war Politik auch Geste, Symbol, Haltung. Der Porträtist wie der Fotograf, der Blick des Betrachters und die Wahrheit im Auge des Betrachters: Das war immer schon Kalkül,"

"Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters". Diese Karikatur einer dümmlichen Ausrede kenne ich aus dem Kinderfilm "Der König der Löwen". Auch hier wird so getan, als hätte sich der Qualitätsjournalismus schon immer als Theater verstanden, in dem Politik nur inszeniert wird.

Auch anderswo wird übrigens über diese Inszenierung diskutiert, ganz Europa ist fest in der Hand der Verschwörungstheoretiker!

Der Trümmerhaufen eines Journalismus, der sich inzwischen völlig der Hoftheorie verschrieben hat, zerfällt zu Pulver. Sie behängen sich mit Preisen, die ihre Unabhängigkeit® betonen, sie behaupten, sich "mit keiner Sache gemein" zu machen und tun das Gegenteil. Die "Gatekeeper", die objektiv "Fakten, Fakten, Fakten" auswerten, bespucken ihr enttäuschtes Publikum, wenn sie als Regisseure eines Schmierentheaters auffliegen und werfen ihm vor, es müsse doch wissen, dass alles nur inszeniert ist. Obendrein gelingt diese Inszenierung über Staatsgrenzen hinweg, fast flächendeckend. Eine konzertierte Inszenierung. Doch, das darf der Zuschauer "Propaganda" nennen und auch "Gleichschaltung", denn es kann ihm nicht abverlangt werden, sich immer differenzierter zu äußern als die Profis, von denen er getäuscht wird.

Ganz folgerichtig wird das - sicher alles andere als schöne oder wohl gewählte - Wort "Lügenpresse" zum "Unwort des Jahres". Was soll das? Ich weiß als Profi schon lange, dass die Journaille inszeniert und arbeite mich seit Jahren daran ab, dass sie dauernd das Gegenteil behauptet. Die Leute da draußen sind maßlos enttäuscht, stinksauer und haben völlig recht, wenn sie von der "Lügenpresse" sprechen. Sie wurden belogen, sie werden belogen, und zwar von denen, denen sie vertraut haben. Wie sollen sie sich jetzt eine Vorstellung machen von dem, was los ist in der Welt? Wenn sie es nur versuchen, werden sie der Majestätsbeleidigung bezichtigt und zu Psychopathen erklärt. Verbrannte Erde.

Update; Ich habe nicht das Ziel, ein vollständiges Bild der Berichterstattung zu zeichnen, aber der hier ist noch wichtig:
"Dutzende Staats- und Regierungschefs aus aller Welt marschierten vorneweg" schrieb wer? Die Tagesschau.

 
engelfrank

Als jemand, der versucht, sich aus widersprüchlichen und teils absurden Informationen ein Bild von der Lage zu machen, wird man inzwischen regelmäßig zum "Verschwörungstheoretiker" erklärt. Ich habe in einigen Artikeln schon dazu Stellung genommen, wo der Unterschied liegt zwischen (pathologischen) Verschwörungstheorien und Theorien, welche spekulieren, wobei sie Verschwörungen nicht ausschließen. Wie sich zuletzt in hoher Schlagzahl bestätigte, sind solche Theorien bitter nötig, um der Wahrheit nahe zu kommen.

Ich habe mich gefragt, wie man das Gegenteil einer VT nennen könnte und schlage daher den Begriff aus der Überschrift vor. Hoftheoretiker und Verschwörungstheoretiker stehen sich gegenüber, zwischen ihnen die Welt und ungefähr in der Mitte die Vernunft. Der VTer lässt heillose Spekulationen und Phantasien in sein Weltbild einfließen und gleicht jeden Einwand dagegen so an, dass er passt. Der Hoftheoretiker verbietet sich jede Spekulation, jede von der offiziellen Erklärung abweichende eigene Idee. Er glaubt an und verteidigt das geltende Narrativ mit allen Mitteln und gleicht jeden Einwand dagegen so an, dass er passt.

Kann gar nicht

In einer Welt, in der die totale technische Überwachung nicht mehr geleugnet werden kann, strickt der Hoftheoretiker sich die Welt so zurecht, dass das gut und demokratisch ist. Für ihn ist Folter gut für die Menschenrechte und Krieg Frieden - wenn und wo die Herrschaft es ihm so erklärt. Dass andere Motive hinter der Aushöhlung des Rechtsstaats stehen könnten, erklärt er zur VT. Wenn alte VTen sich als schreckliche Wahrheiten entpuppen, ist das für ihn Imperfekt - abgeschlossene Vergangenheit. Er lässt sich dieselbe Lüge zum drölften Mal erzählen und glaubt sie, weil sie diesmal eben wahr ist.

Der Zug der Hoftheoretiker, wie wild mit dem Vorwurf "Verschwörungstheorie" um sich zu werfen, erscheint ihnen vermutlich genial, weil sie damit eben nicht die wirklichen Gestörten treffen, deren krude Ideen keiner Überprüfung standhalten, sondern die Vernunft selbst, deren Dynamik die Prüfung fordert und nach Wahrheitsfindung strebt. Damit verteidigen sie ausgerechnet die "Dienste" der 'Guten', einen verschworenen Haufen, der im Geheimen operiert, sich stets für etwas ausgibt, das er nicht ist, sich jeder Kontrolle entzieht, lügt, betrügt, foltert und mordet - was sich gar nicht mehr leugnen lässt.

Auf diese Weise werden vermeintlich die krudesten Geschichten gedeckt, wird die große Erzählung als wahr und wahrhaftig verkauft, wo sie die absurdesten Blüten treibt und die albernsten Märchen hervorbringt. So haben wir heute zum Beispiel zu glauben, dass eiskalte Profis aus der Moslemterrorszene eine Bluttat begangen haben, dann ihren Ausweis hinterlassen, um unverzüglich selbst zu sterben. Diese Mischung aus Schwachsinn und einem Muster, das bislang ein starker Hinweis auf die Beteiligung von Geheimdiensten war, darf keineswegs so genannt werden. Wenn die Herrschaft erklärt, ein Schachbrett zeige kein erkennbares Muster, dann ist das so.

Das Böse vs. Die Guten

Magisches Denken ist das Mittel der Hoftheoretiker wie der VTler. Letztere wissen, dass hinter allem dieselbe finstere Macht steht, mit allem verbunden und überall wirksam. Hoftheoretiker hingegen wissen, dass das Gute immer recht hat, nur Gutes tut (auch wenn es schlecht ist) und immer die Wahrheit sagt.

Es gab ein Attentat, vor dem gewarnt worden war, begangen von Tätern, die schon lange beobachtet wurden in einem Land, in dem es die Vorratsdatenspeicherung gibt. Was schließt der Hoftheoretiker daraus? Wir brauchen mehr Macht und mehr Mittel für Sicherheitsdienste und natürlich endlich die Vorratsdatenspeicherung. Dass solche Persönlichkeiten jeden für irre halten, der anders denkt, ist logisch. Warum sie so konzentriert in der Nähe der Macht auftreten, kann man auch erklären.

Nächste Seite »