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Wie verflochten die Probleme sind in einer Welt, in der aus Geld ständig mehr Geld gemacht werden muss, zeigt sich sehr deutlich an der Entwicklung im journalistischen bzw. publizistischen Bereich. Besonders der Umgang mit dem Publikum, Diskussion und Debatte, offenbaren die Entwicklung einer Spirale, auf der sich die Qualität des Journalismus Richtung Nirwana bewegt.

Wir haben durch das Internet einen immensen wirtschaftlichen Druck auf die Verlage, schon allein weil es nicht mehr nötig ist, Zeitungen aus Papier zu lesen. Der Einbruch bei den Einnahmen von Abonnenten und Anzeigenkunden kann nicht aufgefangen werden. In der Folge werden Journalisten entlassen oder – schlimmer noch für die Qualität – so schlecht bezahlt, dass sie sich den Luxus von Recherche und Gründlichkeit nicht mehr leisten können. Zudem sitzt allen die Angst im Nacken, den Job zu verlieren. Das fördert nicht gerade den Mut zur Kritik.

Nachtbereitschaft?

Eine der Errungenschaften des Internets ist die Möglichkeit für Publizisten, mit ihren Lesern in Kontakt zu treten. Das ist die Domäne der Blogger, die aus Leidenschaft schreiben und ihrer Leserschaft für die Diskussion als Autoren zur Verfügung stehen. Eine solche Möglichkeit haben die Verlage nicht. Alles, was sie bislang in dieser Richtung getan haben, ist nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen, so dass sie zunehmend lieber auf die Diskussion verzichten.

Wie auch immer dies ein Armutszeugnis für die betreffenden Redaktionen ist, so steht dahinter aber auch ein Problem, das unter den gegebenen Umständen nicht lösbar ist: Man kann nämlich niemanden bezahlen für die Arbeit, die Blogger ganz selbstverständlich leisten. Die Zeitspanne, in der Blogger ihre Blogs betreuen, wäre schon als Bereitschaftsdienst unfinanzierbar. Der Aufwand, den die Diskussion bedeutet, kann nicht zur Arbeitszeit werden.

Andererseits kann es auch nicht hingenommen werden, dass Journalisten sich bereit erklären, 24/7 für ihre Verlage im Einsatz zu sein. Schon die Betreuung von Diskussionen als Job im Job würde entweder die Kassen sprengen oder bedeuten, dass solche Autoren für einen sittenwidrigen Stundenlohn arbeiten. Dieser würde wiederum Druck auf die Gehälter des ganzen Standes bewirken. Im Kapitalismus vulgo Marktwirtschaft® ist ein wirklich interaktiver Journalismus nicht organisierbar.

Kapitalismus ohne Markt®

Blogger können also von ihrer Arbeit niemals leben, wenn sie denn ernsthaft welche sind und sich der Diskussion stellen. Das geht nämlich nicht ein bis zwei Stunden täglich, sondern es erfordert eine Dauerpräsenz, auch wenn man nur sporadisch die Diskussion aufruft. Gerade wenn eine solche aber lebhaft läuft, kann man nicht Feierabend machen, schon gar nicht regelmäßig. Modelle, die das Beste beider Welten versucht haben – in der Regel durch roboterhafte Moderation, freie Fahrt für freie Trolle oder Praktikanten im Tageseinsatz, sind kläglich gescheitert.

Hier ist eine weitere Tätigkeit, für die Bedarf besteht, die aber eben nicht verwertbar ist und ihren Akteuren daher nicht das Brot zum Essen einbringt. Wir haben hier eigentlich alles, was Markt® angeblich ausmacht: Angebot, Nachfrage und Produktion. Aber alles, was die Produzierenden in diesem System einfahren, sind Almosen oder Einnahmen aus Werbung, die wiederum alles konterkariert, wofür diese Form des Publizierens steht - und obendrein auch kaum etwas einbringt.

p.s.: Für die Unterstützung meiner Arbeit möchte ich mich bei dieser Gelegenheit wieder einmal herzlich bei allen großzügigen Spender/innen bedanken.

 
Ich möchte hier eine Diskussion aufgreifen, die Pantoufle bei sich angeleiert hat und mit einem Zitat von ihm anheben:

Niemand ist gezwungen, dem Geschrei eines Ken Jebsen zu lauschen so wenig wie denen hysterisch kreischender Blogs und Netzwerke. Dort sitzt die eigentliche Minderheit, die Stimmen, die niemand ohne rot zu werden zitieren mag

In der Diskussion dazu habe ich folgendes gesagt:

"Ich finde Jebsen unerträglich, und es bedarf keiner Kampagnen, um seine Texte ihrer Tendenzen zu überführen. Er arbeitet permanent mit Assoziationen, an die sich alles Mögliche hängen lässt, in denen auch Neonazis finden, was sie gern hören. Das ist die primäre Technik von Demagogen, dass sie mehrdeutig bleiben, es ist die von Trollen, derart Aufmerksamkeit zu erregen und eine Diskussion in die Endlosschleife zu schicken, weil sie nicht eindeutig Position beziehen.

Überreden, über Reden reden

Ich will daher (und werde es auch nicht) hier nicht über Jebsen diskutieren(!), sondern diese strategische ‘Offenheit’ auf die sogenannten “Friedensdemos” beziehen. Sie sind genauso abstrakt wie das Gelaber der Demagogen. Die großen Friedensdemos und -Aktivitäten wie oben [Siehe Artikel in der "Schrottpresse"] benannt, hatten konkrete Anlässe und Ziele. Ende der Irakkriege, Ende des Wettrüstens, gegen den NATO-Doppelbeschluss. Da kann man ganz klar sagen: Ich will das jetzt und das jetzt nicht. Dann geht man hin oder lässt es. Aber irgendwie für Frieden sein, irgendwie gegen irgendeinen Kapitalismus, dann halt auch gegen Wucherer und Israelis und dann doch wieder jüdische Politiker und Bänker, das ist Bullshit. Einen Pudding muss niemand spalten.

Wenn ich jemandes Meinung hören will und sie (weiter) publizieren, dann weil sie mir etwas sagt, ich etwas daraus lernen kann, sie konkret ablehne oder befürworte. Die Trolle, die ewig durch die Diskussionen gerollt werden, bringen nichts auf die Beine und kein Denken oder Tun weiter. Ihre größten Kompetenzen sind ihre Eitelkeit und ihr Talent, Ablehnung zu provozieren, aus deren Ablehnung sie ihren Zuspruch beziehen. Das braucht kein Mensch.
Also meine Bitte: Formuliert konkrete Forderungen und Ziele, wenn ihr etwas bewegen wollt. Dann spart man sich das Gekeile um die Frage, was solche B-Promis eigentlich meinen und was nicht.".

Hier kommen einige Dinge zusammen, die es wert sind, einmal verdichtet formuliert zu werden. Wie auf allen Ebenen in politischen Auseinandersetzungen wird zuerst einmal personalisiert, was ich immer sehr bedauerlich finde. Ich möchte mich mit Inhalten befassen; für mich heißt "Meinung" so, weil es meine ist. Ich habe sie nicht geliehen oder kopiert, und ich will mich auch nicht mit Leihmeinungen befassen. Leider bilden sich aber ständig Gruppen, die sich einer Meinungsführerschaft anschließen.

Leihmeinungen

Jemand hört eine Rede, die ihn überzeugt und lobt den Redner. Prompt kommt ein anderer und sagt: Der Mann ist schlecht, den kannst du nicht zitieren. Reflexhaft wird sich dann verteidigt, und schon bilden sich Fronten. Das gelingt wie gesagt am besten nicht durch kluge Reden, sondern durch demagogische. Man muss sich aber nicht schämen, jemandes Rede gut gefunden zu haben, der sich als Hanswurst entpuppt. Hört auf euch mit Großmäulern zu identifizieren! Ich selbst bin einmal auf Peer Steinbrück hereingefallen, no shit. Ich habe ihn aber nie verteidigen müssen, denn dass einer ein Lügner ist, kann immer sein.

Ich halte schließlich dagegen, dass in Blogs außer Trollen und "Liken" nichts gewesen ist. Im Gegenteil werden sich zwar immer jene Halbhirne die Kelle geben, die sich nie langweilen, weil für sie mangels Möblierung im Oberstübchen jede Runde die erste ist. Der Rest wird auf die Dauer aber weiterziehen. Vielleicht sind es wenige, die sich weiterentwickeln wollen, aber die werden sicher ihre Plätzchen finden, an denen echte Diskussionen stattfinden. Wo nicht, werden halt Clubfähnchen geschwenkt. Die halten aber weder Geist noch Hunger auf. So what?

 
pksk

Die anderen sagen doch auch dauernd dasselbe!

"Planwirtschaft hat erst im Internetzeitalter Aussicht auf Erfolg, und erst die technische Produktivität, die durch die IT (und anderes) möglich wurde, setzt auch solche Gesellschaften in den Stand ausreichend zu produzieren, die nicht auf Ausbeutung und Imperialismus beruhen.

Im Ost-Sozialismus war die Planwirtschaft eine Krücke, man hat nicht einmal das Geld oder eine hierarchische Struktur abgeschafft. Während im Osten der Stalinismus nicht überzeugte, überzeugten im Westen Holocaust, Vietnam und die Ausbeutung der südlichen Kontinente.

Heute überzeugen nicht mehr: Griechenland, Portugal, Spanien ... Alle zu faul oder zu doof die Anreize zu kapieren. Oder warte, das sind "Auswüchse". Je mehr ich dieses Geschwätz höre, desto mehr überzeugt mich das Modell einer kommunal basierten Planwirtschaft mit streng subsidiären Strukturen. Was soll daran eigentlich nicht funktionieren?"

Und das Geschwätz der anderen

Ich halte bekanntermaßen gar nichts von der argumentativen Baseballkeule, man solle doch erst mal Alternativen aufbieten, ehe man etwas kritisiere. Dieses Argument ist schon deshalb dämlich, weil es immer eine gibt, nämlich das zu lassen, was gerade getan wird. Wenn ich auf eine Mauer zurase, ist Bremsen eine Alternative. Die Raser werden freilich sagen, das sei ja nu wohl komplett bescheuert, denn die Bremse würde soundso heiß werden und überhaupt komme man derart nicht voran und so eine Bremse bringt ja gar nichts, wenn der Motor auf Höchstleistung röhrt. Einfach erst mal kein Gas mehr geben ist da natürlich keine Alternative, das ist einfach nur anti.

Was mich wirklich nervt, ist dass im politischen Dauerkarneval überhaupt keine Ideen mehr diskutiert werden, weder alte noch neue, weil sich die Narrenschiffe entweder windschlüpfrig ins Kapital einschmiegen oder ohnehin nur die Bühne für bizarre seelische Störungen des Elferrats bieten. Während die „Linke“ in Richtung Atlantik segelt, sind die „Piraten“ gleich beim Stapellauf auf die Klippe geschrotet; nicht zuletzt, weil sie keine Ahnung haben, welches Potential in der Idee einer netzaffinen Bewegung steckt.

Nicht nur wären die Piraten prädestiniert, das Verhältnis der marktkonformen Staaten zur kommenden Diktatur zu thematisieren, es obläge auch ihnen, Alternative Ökonomien zu skizzieren, die auf völlig neuen Ansätzen von Planung beruhen. Für die schwächeren Mitschüler sei hier angemerkt, dass im Kapitalismus noch mehr geplant wird als in der sogenannten „Planwirtschaft“, also nicht gleich krakeelen, bitte!

 
Der folgende Artikel wird euer Leben völlig verändern. Es gibt kein Zurück zum 'Vorher', also überlegt euch gut, ob ihr das wissen wollt! Was da auf euch zukommt, hat man noch vor wenigen Tagen für völlig unmöglich gehalten - nicht bloß aus ideologischen Gründen, sondern weil es schon physikalisch unmöglich zu sein schien. Eine solche Sensation ereignet sich nur einmal in vielen tausend Jahren, aber wir müssen dem ins Auge sehen. Es mag sein, dass sich Legenden als wahr erweisen. Menschen, die übers Wasser gehen, Feuer speiende Drachen oder Zauberkräfte sind ein müder Abklatsch gegen diese Nachricht. Lesen Sie jetzt bei Clickbaiter's, wie Sie auch bald über sagenhafte magische Fähigkeiten verfügen!

Es gab in den letzten Wochen einige Diskussionen um Medienkompetenz, in deren Rahmen ich u.a. des Begriffs "Clickbaiting" gewahr wurde, den ich noch nicht kannte. Früher benannte man dergleichen mit dem ebenfalls schönen Deutschen Wort "Awareness" in diversen Kombinationen wie -hure oder -schleuder. Die Variante des Clickbaiting ist allerdings nicht nur weit verbreitet, sondern auch besonders nervig. Es reicht mir schon völlig aus, wenn ein Teaser, die kurze Einleitung zu einem Artikel, mir nicht mitteilt, worum es geht. Dann bin ich weg und komme nicht wieder.

+++EILT+++SENSATIONELL+++ACHTUNG+++LOSLOS AUFMACHEN!!!+++

Auch jene Teaser haben es mir schwer angetan, die mir absichtlich eine einfache Information vorenthalten. Man soll dann einen ganzen Artikel aufrufen, um etwas zu erfahren, das auch in drei Wörtern oder zwei Zahlen geht. "So sensationell gewann der FC Bla gegen den VfL Blub" etwa. Anstatt das Ergebnis mitzuteilen, wird der Quatsch aufgeblasen, man soll dann noch eine weitere Seite aufrufen und wird mit noch mehr Werbung beglückt. Das kann jeder, es funktioniert immer gleich und ist nichts als publizistischer Spam.

Natürlich gibt es ganze Domains, die nichts anderes machen, aber ich kenne auch kaum einen Medienverlag, der auf diese Beleidigung der Intelligenz seiner Kunden verzichtet. Es ist die nächste Attacke des Boulevards auf den Restjournalismus. Mich ätzen dabei schon Ankündigungen an, die mit Fragepronomen daherkommen: "Wie Sie ...", "Was er ...", "Warum wir...". Anderes Beispiel; "So" oder "Darum", Beispiele von heute: "Knigge 2.0 So leicht blamieren Sie sich am Handy"; "So kommt die Milch ohne Kleckern aus der Tüte"; "Darum haben Amerikaner mehr Kinder als Deutsche" (alle von stern.de).

Darum ist der Russe so brutal

Derart wird behauptet, es würden relevante Fragen beantwortet, tatsächlich aber hat sie niemand gestellt, die Antwort bleibt aus und der Sermon ist obendrein banal. Vor allem aber ist dieser Ankündigungsstil der Ersatz für eine Information, für die zu interessieren ich mich entscheiden könnte. Wenn ich eine Vorstellung davon habe, was mich erwartet, kann ich mir das anschauen oder nicht.

Das genau aber ist nicht gewollt, ebenso wenig wie Zustimmung oder Ablehnung im Rahmen einer kritischen Lektüre. Es wird vielmehr eine Belehrung angekündigt über eine scheinbar relevante Frage, und dann kommt heiße Luft. Wenn die Entmündigung schon im Auftakt stattfindet, hat das aber Folgen: Auf die Dauer wird der vorletzte Depp lernen, dass es sich nicht lohnt, so einen Stuss zu lesen. Zahlen wird dafür auch niemand mehr. Vermutlich ist dann wieder Google schuld.

 
ijunk

Für mich das Symbol dieses Jahrhunderts: Menschen gehen gebeugt durch die Straßen, kein Blick links oder rechts, schon gar nicht für Mitmenschen, und streicheln ein Spielzeug. Ein Spielzeug, für dessen Besitz sie ungeheure Ressourcen aufbieten müssen und das ihnen dafür suggeriert, sie hätten Kontakt zu anderen Menschen.

Das Phänomen ist nicht von langer böser Hand geplant, aber natürlich ein Kollateralschaden, den der Kapitalismus nicht bloß hinnimmt, sondern nach Kräften vergrößert, weil er den Profiten dient. Eine Voraussetzung für dieses Verhalten ist die beinahe totale Entfremdung, und diese wiederum ist das Resultat einer zeitlichen Verwerfung, die sozial nicht mehr handhabbar ist. Es geht um Kommunikation, für die keine Zeit mehr ist, Kommunikationsersatz in Echtzeit, der die Zeit verschlingt, die für Kommunikation eigentlich nötig wäre.

Der nächste Schuss

Es gab vor dem Internet auch schon Kommunikation in Echtzeit und solche mit Zeitverschiebung. Letztere war der klassische Brief, für den sich die Schreiber gemeinhin Zeit nahmen, häufig ihre Formulierungen wohl bedachten und sich darüber im Klaren waren, dass bis zur Antwort Zeit vergehen konnte - Tage, vielleicht Wochen. Alles andere, telefonieren und das persönliche Gespräch, verlangte Anwesenheit, zumindest direkte Aufmerksamkeit. Das Gespräch hatte einen Anfang und ein Ende. Die Partner bewegten sich bewusst innerhalb dieser Grenzen.

Im Netz ist das anders. Die Kommunikation erfüllt niemals mehr die Erwartungen, weil sie unbegrenzt ist. Niemand kann unbegrenzt kommunizieren, sehr wohl aber unbegrenzte Erwartungen entwickeln. Für Menschen, die nicht die nötige Disziplin und Vernunft aufbringen, ist sie also stets frustrierend und hinterlässt das Bedürfnis nach mehr. Sie sind Getriebene einer unerfüllbaren Erwartung, Süchtige. Sie sind die Mehrheit der Nutzer, zumal der jüngeren.

Die unbegrenzte Zeit der Kommunikation und ihre Erwartung führen dazu, dass ständig irgend eine Antwort auf irgend eine Antwort ersehnt wird, ohne dass man wüsste, ob und wann diese erfolgt. Das Stakkato eingehender Nachrichten ohne Relevanz ist derweil ebenso unerträglich wie das vergebliche Warten, das den Zweifel nährt: Bin ich vielleicht unbeliebt, irrelevant, langweilig?

Bald, vielleicht ...

Eine Gesellschaft, die sich Sorgen um die psychische Integrität ihrer Angehörigen machte, müsste dieses Problem weit oben auf die Agenda setzen und sich mit Strategien befassen, die helfen Grenzen einzuziehen, um der manischen Sucht nicht freien Lauf zu lassen. Man müsste zumindest eine intensive Debatte darüber führen, ob man das so will, es zulassen kann oder gegensteuern will. Es wäre dringend erforderlich zu analysieren, inwieweit diese Entwicklung andere Erfordernisse des sozialen Lebens unmöglich macht.

Selbstverständlich wird diese Diskussion aber nicht ernsthaft geführt, schon gar nicht mit Aussicht auf eine Eingrenzung oder Entlastung der grenzenlos Getriebenen. Schließlich kann ein auf Wachstum® d.h. Profite fixiertes System nur froh und dankbar sein über bewusstlos konsumierende, immer unzufriedene Zombies, denen man vorgaukeln kann, das Glück, die Freundschaft, die Geborgenheit läge vielleicht in der nächsten Maschine, die das alles noch besser kann mit der Kommunikation. Die uns immer dorthin führt, wo alle sind - die uns mögen, alles mit uns teilen oder einfach mal quatschen.

 
Ich kenne deinen Namen, ich weiß, wo du wohnst. Nicht nur das. Ich kenne eine Menge deiner Freunde, ihre Namen, ihre Adressen. Ich weiß, in welche Schule deine Kinder gehen. Habe ich jemals von diesem Wissen Gebrauch gemacht? Nicht, dass ich das nicht könnte. Ich bin nicht irgendwer, weißt du. Ich bin so gut vernetzt und habe so viele Verbindungen auch zu einflussreichen Leuten, ich könnte dich zerquetschen wie eine Laus, wenn es mir einfiele. Wenn ich deinen Namen im Zusammenhang mit gewissen Vorgängen nenne, bist du erledigt. Es gibt kaum ein Land, in das du dann noch auswandern kannst.

Gestern hast du bei Hans kommentiert, ziemlich früh am Morgen. Das machst du doch sonst nicht, konntest wohl nicht schlafen, was? Schlechtes Gewissen? Oder fühlst du meinen Atem schon in deinem Nacken? Hast dich geärgert, dass ich ein bisschen was von dir ausgeborgt habe und es woanders mal ins rechte Licht gerückt? Kannst mich ja verklagen. Doch, meine Anwälte hätten einen Riesenspaß, dich und einen Feld- Wald- und Wiesenjuristen zum Frühstück zu fressen. Sie warten schon drauf.

Vielleicht hast du ja auch andere Ideen, wie du dich rächen kannst. Ich glaube ja nicht, dass du die Eier hast und schon gar nicht die Statur, mir im Dunkeln zu begegnen, aber du musst wissen, dass ich nicht weit laufen muss, um eine immer geladene Knarre zu finden. Nur für den Fall, man weiß ja nicht, was kommt. Wie dem auch sei: Du kannst mir gar nichts und ich dir alles. Wenn du wissen willst, wie es dir geht, kannst du gern bei mir reinschauen. Du weißt ja, ich teile mein Wissen gern.

Ich mache dich fertig

Ich hoffe, dass sich an dieser Stelle alle fragen, ob mir ein ungünstiger Wind wohl alle restlichen Latten vom Zaun geblasen hätte. Es ist nicht wie ihr denkt. ;-) Das da oben ist so eine Art Mustertext. In ihn sind schon einige Erfahrungen geflossen, die ich mit dem Komplex Stalking gemacht habe. Die Form aber und die Techniken sind übertragbar. Anlass ist übrigens dieser Text hier [via].

Ich kann durchaus dazu raten, den Text so zu lesen, dass ihr persönlich gemeint seid. Wenn man so etwas das erste Mal in der Mailbox hat, seinen Namen das erste Mal in einem Haufen Scheiße liest oder das erste Mal von jemandem angesprochen wird, der etwas gehört hat, das ein seltsames Licht auf einen wirft, trifft einen das. Kann einem den Tag versauen. Ängstliche Menschen kann es krank machen. Es ist aber beliebig. Die allermeisten Stalker sind Scheinriesen. Sie fürchten nichts mehr als beim Wort genommen zu werden, denn ihre Inhalte dienen dem Effekt: Aufmerksamkeit und Selbstüberhöhung. Die Vorstellung, man ärgerte sich, hätte womöglich Angst, macht sie geil.

Ich glaube, dass man sich darauf vorbereiten kann, daher auch der Text da oben. Wer in den Fokus gerät, bekommt so etwas zu lesen. Wer das auf sich bezieht, erlebt etwas, das er/sie nicht erleben will und gegen das sich kaum jemand effektiv wehren kann. Das einzige, was hilft, ist die gesetzte Erkenntnis: Du bist nicht gemeint. Er will dir nichts. Der Stalker ist ein kleines Arschloch, das für seine Phantasien ein Abziehbild braucht. Was er über dich sagt, meint er von sich selbst. Gib ihm nicht nach - ignoriere ihn.

p.s.: Ich bin ebenfalls der Ansicht, das man weder gegen solche Trolle noch gegen Terroristen eine freidrehende Justiz braucht.

 
Ich bin ein Aufklärer. Viele Menschen wissen nicht, wie sie sich richtig im Netz bewegen, was wichtig ist was unwichtig und wie man die Dinge hier sehen muss. Ich helfe ihnen gern dabei. Einige Beispiele, wie man auf andere reinfallen kann und worin meine Aufklärungsarbeit besteht:

Jemand glaubt, er könne etwas, das ich nicht kann.

Schreiben zum Beispiel. Jemand kommt lockerer daher als ich. Oder kompetenter. Besser informiert oder besser vernetzt. Kann Dinge schneller auffassen oder in fundiertes Hintergrundwissen einordnen. Und bildet sich natürlich was drauf ein.

Na und? Ich kann auch schreiben. Okay ich weiß nicht so gut wo die Kommas, hinkommen. Ich wahr in der Schule oft krank und kann seiddem nicht gut rechtschreibung. Aber ich kann trotzdem mitreden. Die "Informationen", die ich brauche, habe ich in Nullkommanix von Wikipedia und aus den Blogs, die ich gut finde. Wer das nicht kennt und sich damit nicht befasst, ist sofort entlarvt! "Hintergrundwissen", dass ich nicht lache! Nur Sektengründer arbeiten mit sowas. Ich kann doch auch alles ganz einfach erklären. Seht ihr, schon wieder gewonnen! Wer mir zu flapsig kommt,. ist ein Clown, und wer mich nicht witzig findet, ist ein Spießer. Lasse ich sie dann sofort wissen.

Fotografieren zum Beispiel. Die Fotos werden von vielen gelobt.

Pah, sieht ein Blinder, dass die mit Photoshop bearbeitet sind, kann ja jeder. Ich habe damals noch analog fotografiert und sogar einmal selbst entwickelt. Wer das nicht kennt, hat keine Ahnung. Alles Kitsch hier. Lasse ich die anderen sofort wissen.

Unterhalten zum Beispiel, reden, komisch sein.

Wenn das Taug hätte, käme das im Fernsehen, und überhaupt: Ich mache doch nicht die Glotze aus, um mir hier doch wieder Geflimmer anzutun. Lasse ich sie gern wissen, diese Hobbyanimateure.

Jemand ist beliebt und zieht viele Nutzer an

Ja, wie macht der das wohl? Macht die Leute von sich abhängig. So etwas geht nur mit Techniken, die auch Parteien und Kirchen einsetzen. Wer das nötig hat, hat's nötig. Mache ich denen auch gleich klar und ihren unkritischen dummen Anhängern sowieso.

Jemand wird dauernd nach seiner Meinung gefragt

Wahrscheinlich ist der das alles selber. Kommentiert sich selbst unter verschiedenen Nicks. Stellt sich Fragen und beantwortet die dann. Das kann absolut jeder. Solchen Leuten mache ich ihre Irrelevanz täglich deutlich. Womöglich macht der das auch noch unter seinem Klarnamen. Wer so eitel ist, gibt ganz klar zu erkennen, dass er sich nur größer machen will als er ist. Außerdem haben diese Narzissten keine Ahnung vom Internet, wie kann man nur so blöd sein? Ich schreibe doch auch unter Pseudonym. Kann der Amateur gern von mir lernen.

Jemand stellt unmoralische oder sogar verbotene Inhalte ins Netz

Der muss ja wissen, was er tut, also erzähle ich es ihm. Immer wieder, denn ein bisschen Ordnung muss ja sein. Natürlich - natüürliich macht er das anonym, der Feigling! Wenn er wirklich dahintersteht, warum dann anonym? Ist ja lächerlich!

Das sind nur einige wenige Beispiele, wie mein Widerstand dafür sorgt, dass das Internet nicht ganz zu einem Tummelplatz von Unwissenden und ihren Verführern verkommt. Ich werde hier bald ein anschauliches Beispiel geben, wie ich jemanden widerlegt, entlarvt und bloßgestellt habe. Also Leute, denkt immer dran: Nicht bloß reden!

 
udoalframNein, nicht dass ich den aktuellen Preisträger abwählen möchte. Vielleicht möchte ich dem Grimme Offline Achwat einmal zuvorkommen, dessen schon am Start korrumpierte Jury dereinst den Anlass zur Auslobung des Feynsinn Underdog bot. Es ist nämlich auch so, dass der nächste Preisträger längst feststeht, und da ich die unbestechliche Jury bin, jeder Versuch, dies noch zu beeinflussen, zum Scheiterhaufen verurteilt ist. Nun, es sei denn vielleicht ... aber ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass jemand meinen Preis bezahlt - also den, der fällig wäre, um mich zu 'überzeugen'.

Da das Wetter eh schon Juni gespielt hat, nehme ich also ab sofort Vorschläge entgegen. Es ist dabei ein Äußerstes an Sinnlosigkeit, ein Blog vorzuschlagen, von dem bekannt ist, dass ich es kenne. Metabekanntschaft führt also zum sofortigen Ausschluss des Vorschlagenden, was nicht weniger bedeutet als dass ich ihn ohne Essen ins bett schicke. Die Stadt wird hier eh noch gebraucht. HA! Für diejenigen, die es bis hierher nicht verstehen, weil sie es nicht kennen: Ich suche gute Blogs, die mehr Resonanz verdient haben. Große Kleine, die ich durch die Zuführung von Trollkommentariat - Begleiterscheinung der Prominenz - unglücklich machen kann. Harhar.

Frisches Blut!

Das Hauptmotiv neben dem Hauptnebenmotiv, dem Kollateralanlass also des Feststehens der künftigen Preisträgerschaft, ist mein Bedürfnis nach frischem Blut. Vielleicht ist ja derdiesdas nächstjährige Preisbehang darunter. Wie kommt es aber manifest zu dem Bedürfnis? Nun, ich bin ein wenig unzufrieden mit gewissen Tendenzen, die zu verstärken ich selbst nicht ganz unschuldig bin. Es stellen sich nämlich Lesegewohnheiten ein von der Art, dass immer wieder mal jemand sich auf eine Mission begibt, sein Gehirn in den sicheren Hafen der Reaktion klatschen lässt oder - schlimmster Fall - einfach aufhört zu schreiben, ohne dass ich das genehmigt hätte. In den See mit ihnen! Da geht also immer mal wer verloren, und es kommt nicht so schnell jemand nach.

Ich mag mir auch etwas vormachen, aber ich kehre manchen den Rücken, wenn und weil sie nicht nur zunehmend durch inakzeptable politische Willensäußerungen auffallen, sondern - und das ist entscheidend - durch nichts anderes mehr. Das bürgerlich-gemütliche Geschwalle, das manche nur mehr ablassen, nachdem sie sich die Hörner jugendlicher Attitüde abgestoßen haben, zeichnet sich nicht durch eine 'falsche Gesinnung' aus, sondern durch Langweiligkeit. Nichts ödet mehr an als reaktionäre Abwehrrhetorik und die Wiederholung von Parolen. Da wird so mancher Ex-Publizist zum Troll. Anders gesagt: Wenn alt gleich grau, ist das für die Frisur in Ordnung, aber nicht für das Texten. Manche ergrauen in diesem Sinne übrigens schon in den Zwanzigern.

Ich kann mich des Eindrucks auch nicht erwehren, dass ich selbst in der erweitertesten Nachbarschaft schon ziemlich alles abgegrast habe. Sicher gibt es da aber noch Gefilde, die ich nie befuhr, also immer her mit den Reiseberichten aus der Exotei. Wenn ich schon weniger schreibe, will ich wenigstens mehr lesen.

 
Ich habe mich bereits in diesem Artikel eingangs über das Demokratieverständnis geäußert, das gemeinhin Petitionen zugrunde liegt. Es wird in Zeiten der Langeweile, die manche vor ihrem PC partout nicht totgeschlagen bekommen, aber immer erbärmlicher, was an sogenannten "Petitionen" - die übrigens meist gar keine sind, sondern eine Art Statement zum Abnicken - im Internet kursiert. Für ein Highlight in dieser Hinsicht haben just die Nachdenkseiten samt ihrer Tochterfirma Spiegelfechter gesorgt. Dort heißt es - nachdrücklich ernsthaft - "Anstand retten", gemeint ist eine Kampagne gegen den Verbleib von Uli Hoeneß im Amt des Präsidenten des FC Bayern, drei Wochen vor dem ersten April. Welch ein intellektueller Limbo!

"Anstand retten"! Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, den in diesem Imperativ geronnenen Schwachsinn zu sezieren. Ein Appell ausgerechnet an die FC Bayern AG, in deren Vorstand schon ein verurteilter Steuerhinterzieher sitzt, deren Ex-Präsident aus steuerlichen Gründen gar nicht erst in Deutschland wohnt und nebenbei keine "Büßerkäppis" oder "Ketten" in Katar zu sehen bekam, womit für ihn das Thema "Sklavenarbeit" dort erledigt war. Ein Verein, dessen sportlicher Anstand seit Jahrzehnten darin besteht, der Konkurrenz die besten Spieler abzukaufen, um sie notfalls auf die Tribüne zu setzen. Vor allem aber, und da darf der Unterkiefer dann endgültig auf den Schuhspitzen Urlaub machen, ein Laden mit Millionen Fans. "Fans", das ist nicht nur die Abkürzung von "Fanatics", die sind auch tendenziell so.

Hoffentlich merkt's keiner

Die Speerspitze der linksliberalen Publizistik macht sich hier also auf, einen millionen Köpfe starken Pöbel mit den Mitteln des Pöbels herauszufordern. Das ist eine der mutigsten Troll-Aktionen, die mir bislang begegnet sind. Hoffentlich merkt das keiner! Immerhin ist diese Aktion en passant dazu geeignet, eine große Schwäche sogenannter "Petitionen" jenseits des Petitionsrechts aufzuzeigen. Es kann nämlich nur dafür votiert werden und nicht dagegen. Ihr Glück diesmal, denn der durchaus mit Siegen verwöhnte FCB würde diesen Mumpitz in einer Weise pulverisieren, die Grund zu einer Extrafeier gäbe. Sowohl der Fußballverein, der da plötzlich zur moralischen Instanz avancieren soll als auch dessen Anhänger- und Kundschaft würden euch also sicher gern zeigen, was sie unter "Anstand" verstehen, aber die werden ja nicht wirklich gefragt.

So viel kurz und launig zum Kontext, in dem sich das bewegt. Was mir aber wirklich die Hand ins Gesicht nagelt, ist das Niveau dieser Hetze, das mit viel Schwung vielleicht die Stammtischkante von unten erreicht. Nur weil das Opfer dieser Ameisen ein Elefant ist, bloß weil man Uli Hoeneß aus nachvollziehbaren Gründen für einen Drecksack halten kann, erklären diese Musterdemokraten einmal mehr das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung für eine Marginalie. Ja richtig: Auch Uli Hoeneß ist unschuldig - im Gegensatz zu Karl-Heinz Rummenigge übrigens. Der Mann ist noch nicht verurteilt, und wer nicht kapieren will, dass exakt das mit "Unschuldsvermutung" gemeint ist, stellt seine selbstherrliche Moral über die Rechtsstaatlichkeit.

Hinzu kommt, aber das kapieren diese Reförmchenschubser ja eh nicht, dass es einem kapitalistischen Unternehmen egal sein muss, welche moralischen Standards ihr Spitzenpersonal spazieren trägt. Im Zweifelsfall sind gar keine die besten. Moral ist ineffizient. Moral kostet Geld. Moral ist etwas für Leute, die es sich leisten können zu verlieren.
Auf der anderen Seite ist sie ein tolles Spielzeug für Leute, die immer recht haben. Die schon den kurzen Prozess kaum abwarten können. Auf jeden Fall für solche, die das intellektuelle Rüstzeug nicht mitbringen, Prozesse und Systeme zu analysieren und stattdessen darauf beharren, sie würden nach Maßgabe eines höheren Willens bestimmt.

 
Es lichtet sich bedenklich wenig im Gewirr von Informationen, Desinformation, Propaganda und Rechthaberei bei völliger Ahnungslosigkeit, kurz: auf dem Feld, wo jeder Journalist offenbar weiß, was von ihm erwartet wird und er es hemmungslos schreibt, sich mit der Sache gemein macht, die Redaktion und Verlag im Chor der ewigen Kalten Krieger anstimmen lassen. Putin, der Despot, Putin, der "bestraft" werden muss, das imperialistische Russland dort; hier die EU, immer auf der Seite des Völkerrechts, der Menschenrechte, und überhaupt immer im Recht.

Wenige halten dagegen, lobend zu erwähnen Jakob Augstein etwa. Noch deutlicher wurde Egon Bahr [der Link wird in wenigen Tagen vermutlich hinfällig sein, Säzzer] , der es keinem mehr recht machen muss. Es klingt zwar beinahe zynisch, was der Mann zu sagen hat, aber er weiß wenigstens, dass er nicht von einem Sandkastenspielchen redet.

Ich will noch immer nicht die Lage bewerten, obwohl einige Korrekturen sicher bitter nötig sind an dem, was da politisch und medial dilettiert wird. Vor allem die Anerkennung einer 'Regierung', die durch ausufernde Demonstrationen an die Macht kam, die Akzeptanz von Faschisten im Bündnis sogenannter "Gesprächspartner" und das völlige Ausblenden von Maulwurfsaktivitäten auf allen Seiten machen mich doch stutzen. Als sei das "Volkes Wille", was da passiert - schlimm genug - aber gleichzeitig von Rechtsstaatlichkeit zu palavern ist so ungemein dreist, da wird der Mund doch arg trocken.

Spucke weg

Worauf ich mich beziehen möchte ist ein rhetorisches Manöver, das sich derzeit allseits größter Beliebtheit erfreut, obwohl es plumper nicht sein könnte. Weil es aber 'alle' machen, ist das scheinbar wie die Benutzung von Facebook und WhatsApp - dämlich, verwerflich, aber Lemmingspflicht: Ich spreche vom Aufrechnen der Missetaten und Makel des einen, um damit die des anderen zu rechtfertigen. Es ist wie im Kindergarten: "Wenn der das darf ..."

Wenn ich etwa mit gewisser Bestürzung lese, dass ein eigentlich kluger Mann mir erzählt, "eher" seien es doch die von Putin gesteuerten russischen Medien, die einseitig berichteten, um damit die hiesige Propaganda vom Tisch zu wischen, bin ich dezent befremdet. Was soll das? Selbst wenn Putin jeden Abend Grimms Märchen vorliest, was hat das mit den Ressentiments und der Verblödungsmaschinerie hier zu tun? Natürlich gilt das auch umgekehrt: Selbstverständlich hat auch die russische Nomenklatura (Putin als Despoten zu betrachten, ist übrigens naiv) kein Recht, die Menschen zu belügen, aber ich kritisiere meine Presse hier. Das ist mein Job.

Der kleine Unterschied

Der Unterschied zwischen Rechtfertigung und diskursiver Betrachtung kommt in den Diskussionen als erster unter die Räder. Das Aufrechnen ist eine moralisierende Strategie. Etwas völlig Anderes ist es aber, die Konsequenzen von Handlungen aus der Betrachtung von Machtstrukturen abzuleiten. Legitimation - völkerrechtliche Betrachtungen etwa - ist gut und schön, wer aber weiß, wie es um deren Relevanz in strategischen und militärischen Entscheidungen bestellt ist, kann mir doch nicht mit dem Argument kommen, Russland verletze das Völkerrecht.

Ja warum tut es das denn? Weil es das kann. Warum kann es das? Weil es einen hässlich mächtigen Militärapparat hat. Ja darf es das denn? Nein, genau so wenig wie die NATO im Irak einmarschieren durfte, die Bundeswehr nach Afghanistan oder Killerdrohnen nach Pakistan. Das ist immer noch kein Aufrechnen, weil und insofern man das als Handlungsoption betrachtet. Wenn Legitimation überhaupt irgend eine reale Macht bremsen kann, weil diese ein Ohr für ethische Einwände hat, dann muss diese Ethik erst einmal gelten. Von einem Metzger lässt sich aber niemand das vegane Leben predigen.

Der Westen hat völlig versagt, weil er ein Spiel spielt, das er nicht beherrscht und moralisch längst derart verkommen ist, dass ihn niemand mehr ernst nimmt. Wenn also irgend etwas stimmte an der Legitimität des Illegalen durch das Illegale, dürfte der Mörder morden und der Lügner lügen, weil es Mord und Lüge halt gibt. Das wäre das Ende jeder Ethik. Nein, es ist ihnen nicht erlaubt, auch wenn man wissen muss, dass sie's tun.

[Update:] In einer aktuellen Pressekonferenz macht Putin u.a. deutlich, dass Janukowitsch der legitime Präsident der Ukraine sei, da seine Absetzung nicht den Vorgaben der ukrainischen Verfassung entsprach. So kann das enden, wenn man auch noch auf dem Gebiet der (juristischen) Legitimität versagt und stattdessen meint, aus einer höheren Moral handeln zu können. Einer Moral basierend auf dem tumben Prinzip "Wir sind die Guten". (Danke, Jens)

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