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1994x

Ich lese gelegentlich meine alten Texte. Das ist eine wunderbare Funktion des eigenen Blogs, das auf dessen Bezeichnung als "Log" hinweist (nein, nicht die Vergangenheitsform von "lüge"; das englische Wort für "Tagebuch"): Man kann sich auf einer zeitlichen Ebene reflektieren, die eigene Entwicklung betrachten, um sich zu schämen, auf die Schulter zu hauen, zu nicken oder sich zu schütteln.

Ich weiß, dass ich sehr lange gezehrt habe von Kommentaren zum vor allem politischen Geschehen. Das ist eine sehr dankbare Aufgabe, weil man sich immer an anderen Texten abarbeiten kann, Personen bewerten oder Aussagen prüfen. Das geht an der Stelle nicht mehr, wo man nichts dergleichen mehr findet, wo sich ein surreales Szenario über den Alltag legt und das Leben zu einer PR-geschönten Kopie der Kopie von Leben wird. Wenn so etwas hier längst nicht nur das Nachmittagsfernsehen, sondern genau so den 'Qualitätsjournalismus' und fast die gesamte Kommunikation prägt.

Ich weiß nicht, wann mich diese Krise erwischt hat und das Schreiben ein ganz anderes Gewicht bekam, immer öfter zur Last wurde. Es könnte im September 2009 gewesen sein. Da schrub ich noch über Namen und Parteipolitik, war aber eigentlich bereits fertig damit. Ich wiederhole mich:

quote

Es scheint niemanden so recht zu interessieren, jedenfalls nicht in der Opiumhöhle einer deutschen Medienlandschaft. Das Volk wird eingelullt mit Kuschelbullshit wie “Angie steht auf Richard und Robbie”, während an demselben Tage ein einziger großer Wahlboykott stattfindet – von Seiten der Kanzlerkandidaten. Nachdem Merkel ihr dreistes Versteckspiel mit der Absage der heutigen Elefantenrunde gekrönt hat, hat Steinmeier nachgezogen. Es bleibt also beim Verkündungs- und Stichwortbingo.

Zwar darf man von einem Aufeinandertreffen der Parteichefs bzw. Spitzenkandidaten nicht allzu viel erwarten, aber selbst wenig und mager wären noch eine ganze Menge gewesen im Vergleich zu dem, was uns bislang alles nicht geboten wurde. Die Ausgangssituation wäre sogar äußerst spannend gewesen:

Westerwelle hätte sich fragen lassen müssen, wie er sich auf eine Union festlegen könne und vor allem auf welche. Der aktuelle Steuerporno der CSU etwa – rauf runter, rein raus – kann ihm wohl kaum behagen. Was CDU und CSU überhaupt eint, hätte sicher jemand gefragt. Wie Steinmeier sich den Eismännern der sozialen Kälte anbiedert, mit denen er ja doch irgendwie koalieren will. Was die Grünen eventuell einmal nicht mitmachen und wie die Linke sich in dem Spiel verhält, dessen Zuschauer sie ist. Das sind nur einige wenige Themen, über die eine konzentrierte direkte Auseinandersetzung nicht stattgefunden hat.

Man redet aber lieber “im Zusammenhang”, will heißen: auswendig gelernt, man redet lieber übereinander und setzt eingeübte Schläge und Tritte ins Nichts. Man redet nur über Themen, die zuvor von einem Stab esoterischer PR-Berater freigegeben wurde und nur mit Menschen, deren Unbedenklichkeit schon in die Geburtsurkunde eingetragen ist. Man hat gern recht. Man ist vollkommen unfähig zu jedweder Diskussion.

Die ARD hat den rhetorischen Totalausfällen und Feiglingen vor dem Volk heute eine deftige Klatsche verabreicht, was aber kaum jemand notiert hat. Es wurden, wohl eher aus purer Not, die Elefantenrunden aus früheren Wahlen gezeigt. Nicht nur, daß fast jeder Politiker dieser Generation(en) mehr Format hatte als diese “Elite”. Allein daß diese Sendung zustande kam, ist ein ungemein zynischer Kommentar zur Lage der Nation. Zeigen wir eben historische Wahlkämpfe, wenn es keinen aktuellen gibt. Zeigen wir den Leuten, daß es einmal etwas zu entscheiden gab. Zeigen wir ihnen leidenschaftliche Politik. Stoßen wir sie mit der Nase tief ins Elend des Gehirnwaschsalons 2009.

Was Lobbyisten aus der Gesetzgebung gemacht haben, was Funktionäre aus den Abstimmungsverfahren gemacht haben, haben PR-Berater und journalistische Hofschranzen aus der politischen Kommunikation gemacht. Es wird verkündet und genickt, eingeschärft und geprüft, wiederholt, abgesichert, abgesprochen, noch einmal wiederholt und eingeübt und abgenickt und wieder eingeschärft. Es werden die Begriffe zurechtgebogen und eingeschliffen, tabuisiert und verteufelt, emotional angereichert und nach Effizienzkriterien in der Wählerschaft verklappt. Es werden Alternativen in aufwendigen Verfahren mehrfach ausgesiebt und endgelagert, bis es nur noch eine “Wahrheit” gibt, die dann das oben beschriebene Verfahren durchläuft. Widerspruch ist zwecklos.

Und wenn er dann doch droht, weil es jemanden geben könnte, der etwas sagen könnte oder dazu verleiten könnte, daß etwas gesagt würde, das nicht eingeübt, geprüft und abgenickt ist, dann gehen sie einfach nicht hin. Die Kanzlerkandidaten, alle beide!
Wer sich derart aus dem Kampf verdrückt, wer sich so feige aus dem Staub macht und diejenigen im Regen stehen läßt, die er zu führen beansprucht, dem wird in diesen Zeiten zum Dank noch eine Limousine gestellt, anstatt ihm die Pistole zu reichen. Gerechter wäre es, der Anfang einer kleinen Gerechtigkeit, wenn man nachher wenigstens notieren dürfte: “Auf der Flucht abgewählt”.

Jadoch, es kommt immer ganz dicke, vor allem, wenn man doof ist. Ich habe zwar die allerbesten Ausreden, wieso ich in den letzten Wochen kein Backup gemacht habe, aber keine, warum ich dann ausgerechnet heute die Datenbank lösche. Wer noch Artikel aus April und Mai im Reader oder sonstwo hat - ich wäre sehr dankbar, wenn ihr sie mir schicktet. Werde in den nächsten Tagen auch mal den Cache der großen Müllhalde besuchen, so es den noch gibt. Facepalm ...

Update:

Heißen Dank, die Daten habe ich jetzt offensichtlich, und wenn nicht, weiß ich, wen ich fragen muss. Ihr seid großartig!

 
stratfrat

Nach vier Wochen Pause - der letzte Artikel ist vom 22. November - geht es in den nächsten Tagen mit Inhalten weiter. Ich habe in dieser Zeit einiges sortieren können. Tatsächlich habe ich mich auch gefragt, ob ich überhaupt weitermachen soll. Nicht zuletzt, weil ich trotz Blogpause das zwanghafte Gefühl nicht ganz loswurde, ich müsste unbedingt etwas veröffentlichen. Weil ich scheinbar nie ganz abschalten kann. Ich bezweifle aber, dass das wirklich am Bloggen liegt.

Was mich überzeugt, sind zuerst natürlich all die Leute, die mir deutlich gemacht haben, dass auch wenn ich selbst mein Geschreibsel für überflüssig halte, das nicht unbedingt für andere ebenso ist. Das bestätigte sich nicht zuletzt dadurch, dass ich das Mehr an Zeit u.a. mit dem Lesen von Blogs zugebracht habe und immer ganz gespannt auf die nächsten Artikel war. Als Mrs. Mop ihren Rückzug erklärte, hatte ich dann Gelegenheit, auch von dieser Seite aus zu erfahren, wie das ist, wenn man weiß, dass man vergeblich warten wird.

Solider Grund

Ich fand auch einen Artikel recht motivierend, der sich mit dem Teil des Netzes befasst, den ich eher meide und der nicht alles bleiben darf, was die Zukunft noch bietet. Nee. Blogs sind wichtig. Wenn schon nicht für die politische Entwicklung, dann doch zumindest für Menschen, die nicht allein mit dem ekligen Mampf des Mainstreams gestopft werden wollen. Da draußen gibt es Leute, die wollen lesen. Ich kann schreiben. Das ist Grund genug es zu tun, solange ich morgens noch aufstehe.

Es wird sich einiges ändern, und zwar vor allem in meiner bräsigen Birne. Ob man das da draußen merkt, weiß ich gar nicht. Mein Timing wird sich ändern. Ich werde für einige Artikel länger brauchen, auch mal sorglos ein paar Tage nichts veröffentlichen, die Frequenz wieder nach meiner Inspiration ausrichten und nicht nach dem Bestreben, möglichst viele Leser zu halten. Es wird vielleicht hie und da auch extremer werden. Vielleicht kann man mit Argumenten niemanden überzeugen, aber es ist mir ein Bedürfnis, gelegentlich Statements abzugeben. Wer's nicht glauben will, der soll halt nichts gewusst haben. Sie kommen uns eh irgendwann holen.

Schließlich ist es nicht das Medium, das die Zeit macht. Schreiben kann sehr deprimierend sein. Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind aber weder zufällig noch beabsichtigt, sondern unvermeidlich. Einige von uns haben immerhin noch so viel Rock'n Roll in sich, dass wir trotzdem zu lachen, zu singen und zu saufen haben. ¡No Pasarán!

 
lynn

Die Archivdatenbank wird hiermit für angebunden und gültig erklärt. Anbei eine Dokumentation der Arbeiten. (Ich konnte den Kaffeefilter nicht mehr sehen.)

Sollte das so funktionieren wie ich mir das vorstelle, gibt es jetzt hier eine frische Datenbank und im Keller ein Archiv. Ich werde das bald in der Sidebar verklinken.

Mit der neuen DB ist leider der Umstand verbunden, dass ich alle Erstkommentare freischalten muss, das kann jeweils etwas dauern, schlimmstenfalls ein paar Tage.

Die bisherigen Links auf feynsinn.org bzw. die hiesigen Artikel funktionieren jetzt natürlich nicht mehr; die Adresse muss jeweils von Hand in http://archiv.feynsinn.org/?p=xyz verändert werden.

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