narrativ


 
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Zum Thema Narrativ, Neusprech und Propaganda weist OXI hier auf eine Studie hin, die sich intensiv mit der Karriere des Begriffs "Wirtschaftswachstum" befasst. Fruchtbar ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis auf den einstmals populären Begriff "Bruttosozialprodukt", der nach meinem vagen Empfinden Ende der 80er/Anfang der 90er anderen Floskeln weichen musste. Dieses Detail ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil die sich traditionell als Gatekeeper und Erklärbären auffassenden Journalisten recht flächendeckend nicht gewusst haben werden, was das überhaupt bedeutet. Heute spricht alle Welt nur mehr vom Bruttoinlandsprodukt, einer Größe, die freilich wieder ebenso als Selbstzweck (groß ist gut) dargestellt wird.

Wer es noch schafft, dem Genöle unserer Bundeskanzlerin zu lauschen (die mich immer wieder an Loriots sprechenden Hund erinnert), hört vor allem "Wachstum, Wohlstand. Arbeitsplätze". Mit dem Wohlstand sind sie etwas sparsamer, der taucht gemeinhin nur in Kombination auf und gern als eine Art Aussicht, eher denn als eine Zustandsbeschreibung. Die Menschen könnten sonst allzu schnell aus dem Hemd springen. Die Karriere des "Wachstums" ist vor allem ein Sieg über den Begriff "Profit". Dass jemand profitiert, darf nicht gesagt werden. Ebenso gibt es bis weit in die sich als "links" verstehende Fachexpertenschaft kein Wort mehr für "Kapital". Der Profiteur oder Kapitalist heißt "Unternehmer", "Arbeitgeber" und "Investor", während "Kapital" in Kategorien wie "Investition" und "Vermögen" zerfällt. Wer das Sprechen über Wirtschaft semantisch so zersägt, erstickt das Verständnis für bestimmte Zusammenhänge im Keim.

Unsagbar

Dass die Produktionsverhältnisse soziale Beziehungen sind, steht derweil am ganz anderen Ende des Diskurses. Ein Denken an Machtverhältnisse, wie sie ausgeübt werden und wie diese Verhältnisse beeinflusst werden können, weicht dem gemeinsamen Ziel "Wachstum". Dieser sprachliche Prozess ist ungemein wichtig für die neoliberale Ideologie, denn so können Gewerkschaften darauf festgelegt werden, dem 'Guten' zu dienen, woraus folgt, dass sie nicht mehr ihre Mitglieder bzw. die Lohnabhängigen vertreten, sondern die Interessen der Gegenseite. Das ist dann vernünftig, während Arbeitskämpfe nur das Werk einzelner machthungriger Zerstörer sein können (siehe Weselsky/GdL). Spräche man stattdessen von Profiten, Mehrwert und Beteiligung am erarbeiteten Reichtum, sähe die Welt völlig anders aus.

Wenn die Einkünfte der Reichsten explodieren, weil sie angesichts insgesamt sinkender Profite immer mehr Kapital an sich binden, wenn sich immer schneller immer größere Oligopole bilden, dann ist das halt der Preis, den man fürs Wachstum zahlen muss. Der Neoliberalismus hat das für einige Jahrzehnte gar erfolgreich mit der Lüge vom "Trickle Down" verkauft, die allerdings zunehmend auch vom Mainstream kritisiert wird. Dass aber das Ganze nie dem Ganzen dient, sondern immer nur dem Profit, wäre die korrekte Beschreibung des Zustands. Man muss aus Geld mehr Geld machen. sonst bricht der Laden zusammen. Auf die Dauer kommt es dabei zwangsläufig zur massiven Konzentration von Kapital. Übersetzen Sie das einmal in die Terminologie der Marktwirtschaft®!

 
hl

Das gängige Bild von der Inquisition ist das der Eisernen Jungfrau, Torturen und grausamen Hinrichtungen, aber Inquisition bediente sich im Regelfall ganz anderer Mittel. Die Anfänge liegen vermutlich im beginnenden Spätmittelalter, die Exzesse der Hexenverfolgung, die oft mit der Inquisition verwechselt werden, in der Neuzeit. Dabei waren übrigens Protestanten besonders eifrig, deren Vorgehen mit der Inquisition wiederum gar nichts zu tun hatte.

Inquisition war ein mehrstufiges Verfahren, um insbesondere Ketzer in den Schoß der Kirche zurück zu holen. Es ging darum, deren Wirkung einzudämmen, was in der nämlichen Zeit eine wichtige Säule des Machterhalts für den Klerus darstellte. Dessen geschlossenes Weltbild war durch neue Erkenntnisse, Techniken und die sich allmählich formierende Wissenschaft bedroht. Es gab da ein Denken, das die Religiosität und damit die Autorität im Kern erschütterte. Das musste im Zaum gehalten werden.

Die Mittel dazu waren zunächst der Besuch von dafür ausgebildeten Geistlichen, Gespräche und Befragungen (daher auch der Name). Die Verdächtigen wurden zur Ordnung gerufen und ermahnt. Sie wussten in der Regel schon, was ihnen drohte, wenn sie der Mahnung nicht nachkämen. Dabei war die Möglichkeit des Ausschlusses aus der Kirche gemeinhin nicht weniger beängstigend als das letzte Mittel, Folter und Tod (meist durch weltliche Gerichte).

Zurück ins Glied

Herr Steinmeier hat jüngst auf recht zurückhaltende Weise darauf aufmerksam gemacht, dass eine Konfrontation mit Russland nicht ungefährlich ist. Dabei hat er sogar brav den Dicsclaimer aufgesagt, dass er gar nicht die aktuellen Manöver der NATO infrage stellt. Egal, sie springen sofort aus den Büschen, die Bündnistreuen und sind "empört". Er schwäche die NATO, so CDU und Medien, er erfreue die Linke und man dürfe jetzt "Keine Nachgiebigkeit gegenüber Putin" zeigen.

Ich zitiere im Folgenden aus einer unvollendeten Arbeit, an der ich gerade tippe, es geht um die 80er Jahre und das Original des Kalten Krieges:

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Auf den Punkt illustriert ein Artikel des "Spiegel" aus 1983 das Narrativ, in dem die Reaktionen auf eine Kritik dieses Irrsinns durch den Oberbürgermeister von Saarbrücken aufgezeichnet sind. Der hieß seinerzeit Oskar Lafontaine und hatte gesagt: „Leute, die einen Atomkrieg für führbar und gewinnbar halten, die können niemals unsere Bündnispartner sein. Das sind Verrückte. […] Es gibt Bedingungen, zu denen eine Mitgliedschaft in der Nato nicht mehr tragbar ist, das heißt, wenn diese Nato uns auf ein Pulverfass setzt, bei dem die Lunte gleich mitgezündet wird.

Lafontaine hatte also deutlich gemacht, dass er es für Irrsinn hielt, eine „Partnerschaft“ zu pflegen, bekannt als „Deutsch-Amerikanische Freundschaft“, in der einer den anderen in einem Atomkrieg der Vernichtung preisgibt. Hier nun zeigte sich die geballte Kraft des Narrativs, denn selbst um den Preis der Vernichtung Europas oder der Welt durfte nicht angezweifelt werden, was im Glaubensbekenntnis stets wiederholt wurde. So sprang nicht nur die bürgerliche Presse auf und stellte (durch die Springerpresse) fest, Lafontaine stehe den Sowjets jetzt näher als den „Freunden“, es war auch der Fraktionsführer und Kanzlerkandidat Hans-Jochen Vogel, der sofort öffentlich die „Bündnistreue der SPD“ erklärte und deutlich machte, Lafontaines Kritik sei "nicht mehrheitsfähig".

Im Westen nichtes Neues

Die deutsche Sozialdemokratie stand treu bis in den Tod zu USA und NATO. Der totale nukleare Krieg wurde ebenso wenig infrage gestellt wie die strategischen Interessen, die hinter dem Kalten Krieg standen. Überhaupt ist die SPD zu jeder Zeit die Repräsentanz der deutschen Schizophrenie gewesen. Motto hier: Wir wollen die Vernichtung Europas kritisch begleiten, aber dafür nicht den Kommunisten in die Hände spielen. Obwohl Deutschlands Funktionäre treu bis zum Suizid den neuen Herren dienten und die gewählten Parlamentarier zu 100% mitzogen, obwohl die Medien dem nur äußerst sporadisch etwas entgegensetzten und vielmehr entschieden die NATO-Doktrin propagierten, schloss sich das Volk immer noch nicht der Militärpolitik an. Eines der faszinierendsten Momente in der ungebrochenen Einstellung dieses schrägen Volkes ist der Unwille Krieg zu führen. "

Im Westen nichts Neues. Wer auch nur den leisen Verdacht erweckt, aus der Glaubensgemeinschaft auszuscheren, dem wird sofort die Inquisition geschickt. Zurück in die Reihe, wenn du einer von uns bleiben willst! Die Funktionäre und Eliten, diejenigen, die Zugang zur medialen Öffentlichkeit haben, werden eingeschworen und überwacht, dass sie stets in Treu und Glauben handeln. Draußen wurde dieser Wahn nie angenommen. Seit Jahrzehnten will niemand mehr dem Ruf zu den Waffen folgen, und Feinde haben wir auch keine. Aber so ist das mit dem Klerus, der braucht manchmal ein paar hundert Jahre, um sich mit einfachen Erkenntnissen anzufreunden. Bis dahin müssen sie die Welt halt ein paar Mal anzünden.

 
kr

Die enge Verbindung politischer und kirchlicher Macht vor allem protestantischer Funktionäre ist hier häufig Thema. Wohin man schaut, springen Pfaffen, Pfarrerstöchter und Kirchentagsvorsitzende aus der Schachtel. Deren Erziehung (aktiv wie passiv) ist einen zweiten Blick wert, und der Anblick, der sich einem dort bietet, ist kein schöner.

In der Niederschrift dieses Vortrags von Wolfgang Huber sind einige wichtige Fakten und Äußerungen der Evangelischen Kirche dokumentiert, die eine nachgerade verfassungsfeindliche Haltung belegen. Vor allem aber zeigt sich, dass bis in die 80er Jahre hinein ein völlig ungebrochen autoritäres Weltbild gepflegt wurde. Die Kirche ist nie in der Demokratie angekommen, sie hat sich vielmehr durch Lippenbekenntnisse und Verrenkungen ihren Einfluss auf Staat und Gesellschaft bewahrt. Einige Zitate:

"Die evangelische Kirche kommt aus einer Geschichte, in der explizites Thema kirchlichen Nachdenkens – so die Kundgebung – ... vor allem die Verantwortung der Regierenden und der Gehorsam der Regierten war."

"Und noch 1959 konnte sich der Ratsvorsitzende der EKD, Otto Dibelius, eine Obrigkeit nur in patriarchalischen Formen denken. Eine demokratisch gewählte Regierung besaß für ihn, da sie prinzipiell abwählbar war, keine wirkliche Autorität." Dibelius, glühender Antisozialist, Antisemit und Reaktionär, war einer der einflussreichsten Kirchenführer der Nachkriegszeit.

Der Gehorsam der Regierten

Von dessen Leitlinien hat sich die EKD also 1985 unter Schmerzen verabschiedet. Das Problem der Kirche ist eine begrenzte Autorität und Macht. Sie behielt sich vor, auf unumstößliche weltliche Autorität zu beharren, die ihrerseits die göttliche anerkennt. Dies bedeutet unmittelbar, dass die EKD eine Monarchie oder Diktatur nicht nur bevorzugte, sondern anstrebte. Es sollte freilich keine sein wie bei Hitler, wo Gott und die Kirche zu kurz gekommen waren. Die schlimmste Variante wäre aber eine Gesellschaft freier selbstbestimmter Menschen gewesen. Gehorsam hat der Mensch zu sein. Es ist auch daher nicht verwunderlich, wie geschmeidig die Naziherrschaft in die evangelisch dominierten Regionen Deutschlands einfließen konnte.

In der BRD musste das Bestreben nach autoritärer Macht eingeschränkt werden. Nach einigen Jahrzehnten hat sich diese Einsicht in der EKD durchgesetzt. Sie hat also versucht, in die 'Demokratie' hinein zu retten, was zu retten ist:
"Sie [unsere Kirche] braucht vor allem Bürgerinnen und Bürger, die ihre politische Existenz als den weltlichen Beruf, als die Berufung aller Christenmenschen verstehen. Sie braucht Menschen, die Demokratie wagen, wo immer dies nötig ist, und dort mehr Demokratie wagen, wo es möglich erscheint. Die Ermutigung dazu gehört zu den Aufgaben kirchenleitenden Handelns."

Halt' du sie dumm

Die demokratische politische Gesinnung ist also eine Ableitung aus der religiösen. "Demokratie wagen, wo immer es nötig ist" ist ein Zugeständnis an Demokratie, das nicht einmal die Mindestanforderung erfüllt. Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, versucht's der berufene Christenmensch halt mit dieser Demokratie. Wenn es möglich ist. Wenn nicht, tja, dann hat der Kaiser vielleicht doch Vorrang. Schließlich muss der Christenmensch von seiner Führung in Gehorsam geübt werden. Wie so oft gehen hier die Interessen der Kalten Krieger, der Autoritären und des Kapitals Hand in Hand.

Unter der wird einmal mehr deutlich, dass "Eigenverantwortung" nichts anderes als Schuld bedeutet, die der gehorsame Christenmensch gar nicht loswerden soll. Statt eines mündigen Bürgers, der Entscheidungen für sich selbst trifft, will die Kirche einen Befehlsempfänger, der sich der göttlichen und weltlichen Ordnung fügt. Wenn letztere eine 'demokratische' ist, dann hat er sich halt den 'gewählten Vertretern' zu unterwerfen - solange es keine geborenen oder durchs Schicksal bestimmten gibt. Der gemeinsame Feind ist alles, was daran rüttelt, der Antichrist ist und bleibt der atheistische Kommunist, das quasi archaische Feindbild, das man so gut es geht aktualisiert. Zur Not geht da auch der böse Russe als bleiche Reminiszenz.

Angesichts dieses antidemokratischen und unmittelbar auf den Einfluss illegitimer Macht ausgerichteten religiösen Extremismus' muss man sich eigentlich fragen, ob die Evangelische Kirche zu Deutschland gehört. Bislang scheint es sich eher umgekehrt zu verhalten.

Update: Pfarrer Gauck war diese Kirche übrigens zu "linkslastig".

 
kk

Der Deutsche ist fleißig. Die anderen demzufolge abgestuft faul. Alles, was südlich liegt und zum Urlaubsland taugt, wird von besonders faulen Gesellen bevölkert. Die haben es nicht so mit dem arbeiten. Das weiß der Deutsche seit Jahrzehnten, ganz egal, ob er sich in in der Algarve, bei Antalya, in Rimini oder auf Naxos bedienen lässt, ob seine Gastarbeiter von dort kommen, seine Pizzabäcker und Dönerschmiede, Gyrospommes oder der Kleinwagen, der Deutsche weiß sich den Ausländern überlegen.

Der Fleiß nämlich, der durfte ihm auch nach den zwölf Jahren, in denen er das tausendjährige Reich durchgebracht hatte, noch angeboren bleiben. Der macht ihn besser als die Fremden. Aber nicht nur das, und hier lauert eine dieser typischen Brüche in der Erzählung, eine Kluft gar: Der Deutsche ist immer fleißig, es sei denn, er ist ein Habenichts, dann ist er auch faul. Wie das jetzt kommt, das ist natürlich ein Problem, denn angeborener Fleiß, der durch Armut zu Faulheit wird, das kriegt man schwerlich auf eine Kette.

Fremd, faul, schuldig

Hier kommt etwas ins Spiel, das die Erzählung zwar ins Absurde abgleiten lässt, sie aber dennoch beieinander hält, nämlich die Schuld. Schuld ist etwas sprichwörtlich Mythologisches, weshalb Religion auch nicht ohne sie auskommt. Schuldig ist, wer schuldig ist, das kann jeden treffen. Die göttliche 'Ordnung' und Fügung ist es, die allein dafür sorgt, das jeder kriegt, was er verdient, und da diese Idee in jeder irdischen Ordnung völliger Schwachsinn ist, muss sie halt mit viel Omm-omm und Tamtam eingesetzt werden. Das Mittel: die Schuld, die immer die "Selber schuld!" ist.

Bei den faulen Kanaken ist das selbstredend, hätten sie halt fleißig sein und sparen sollen! Bei den faulen Deutschen ist das wie gesagt etwas schwieriger. Die Einen pfeifen infernalisch im Walde auf die Arbeitslosen das Lied der Eigenverantwortung®, wohl wissend, dass es sie jederzeit selbst erwischen kann. Das ist so neu übrigens nicht, schon früher wusste die Volksseele, dass wer wirklich Arbeit sucht, auch welche findet.

Die Geburt der Nation

Da spreizen sich jetzt die Probleme auf, denn wenngleich man mit geübter Ignoranz darüber hinweg gehen kann, dass sich die Zahl der Arbeitslosen unmöglich nach deren individueller Faulheit richten kann, sind die Rollen der Fleißigen und Faulen eben vergeben. Was macht man aber, wenn man immer mehr Leute kennt, die als fleißige Deutsche faule Arbeitslose werden, die man aber durchaus als fleißige Arbeiter kannte? Wenn zudem fleißige Deutsche von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, obwohl sie doch so bescheiden sind und noch aufs Existenzminimum verzichten?

An der Stelle werden die faulen Fleißigen wie von Blitz getroffen Nation®. Nation sind die, die unschuldig zu Schuldigen wurden und jetzt ganz fix wen brauchen, der ihnen das abnimmt. Nation weiß, dass es nur der Ausländer gewesen sein kann, der Fremde. Das kann der Jud sein, der Moslem, der Pakistani, der Pole oder Putin, nur eines ist sonnenklar: Eine fremde Macht, aka das Böse® macht immer alles durcheinander und sorgt dafür, dass der Deutsche nicht glücklich sein kann. Das funktioniert übrigens auch tadellos, leicht abgewandelt, in anderen Nationen®. Nicht zufällig gibt es da kaum einen Unterschied zwischen Nation und Christenheit, nur dass Nation® übersichtlicher ist, aber grundsätzlich sind Nation und Kirche ein Inzestgezücht.

Ungleichheit für alle!

Gut, jetzt kann der Schwabe vielleicht nicht wirklich mit dem Bayern und der Rheinländer nicht mit dem Sachsen, aber das wäre schon wieder eine dieser Differenzierungen, für die der Patriot sich das Studium nicht leisten kann. Was wirklich wichtig ist, und da lässt er sich weltweit einzigartig absolut nichts vormachen: Mach, was du willst, sei, wer du bist, so lange du bloß nicht Kommunist wirst! Gleichmacherei, Verachtung der Leistung und ihrer Träger, Sozialneid und immer dieses Gelaber von "Ausbeutung"; das ist nicht nur undeutsch, das ist unmenschlich, das ist Unrechtsstaat® und Diktatur.

Neben dem Judentum hat die Nation der Fleißigen den Kommunismus so gut ausgerottet wie es eben geht, da stört ihn auch nicht, dass es in fast jedem anderen Land der Welt normal ist, wenn Kommunisten in Parlamenten sitzen und sich hier und da an Regierungen beteiligen. Das wird wohl damit zusammenhängen, dass die alle fauler sind als wir. Ehe wir einen Arbeitgeber oder Leistungsträger enteignen, sorgen wir durch Bescheidenheit und Fleiß dafür, dass Deutschland immer wirtschaftlich erfolgreich bleibt. Gern arbeiten wir auch mehr für weniger. Wir wissen ja, wer für uns sorgt, und wenn es wieder einmal nicht für alle reicht, wissen wir, wer es uns wegnimmt. Die zünden wir dann aus alter Tradition an und fühlen uns gleich besser.

ph

Eine höchst interessante Karte hat Burks da ausgegraben. Demnach darf man eine Nähe von Protestantismus und faschistischer Ideologie annehmen bzw. eine Empfänglichkeit von Protestanten für die nationalsozialistische Ideologie. Ein Bindeglied zwischen Kapitalismus und Nationalsozialismus bzw. Faschismus wäre daher eine Religiosität, die beidem nahesteht.

Religiosität und Kapitalismus, da war doch was? Ja sicher, Max Weber war da und sein (Pflichtlektüre) Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Weber legt dar, dass eine bestimmte Heilslehre die Entstehung des Kapitalismus ungemein begünstigt hat. Brutal zusammengefasst, verlangt diese Ethik von ihren Anhängern, Reichtümer anzuhäufen, weil es gottgefällig ist, aber dennoch bescheiden zu leben, weil Pomp und Protz eben nicht gottgefällig sind. Das Resultat ist sinnlose Akkumulation, wie sie im Kapitalismus zum Selbstzweck wird.

Unnütze Fresser

Das Menschenbild, das diese Heilslehre prägt, ist das eines Untertanen, der dem Reichtum und der Herrschaft dient und dabei weder sich noch anderen etwas gönnt. Nützlichkeit und freudlose Unterwerfung sind die prägenden Eigenschaften dieses Menschenschlages.

Ich habe jüngst in den Kommentaren dargelegt, was für mich der Kernaspekt des Rassismus ist. Dieser Begriff klärt auch das seltsame Vehikel "Sozialrassismus", ein Paradoxon, das häufiger in politischen Blogs erscheint: Es geht dabei darum, andere abzuwerten, und zwar in der Art, dass es nicht ihr Handeln ist, das zu verurteilen wäre, sondern ihr Sein. Der Makel haftet ihnen an, "die sind so". Diese Art, Menschen zu identifizieren, ist etwas durchaus Alltägliches. Man macht sich vereinfachte Vorstellungen von bestimmten Gruppen, sei es nach ihrer Herkunft, ihrem Beruf, ihrer Religion oder Freizeitgestaltung und bildet entsprechende Stereotypen aus.

Das kann recht harmlos bleiben, rassistisch wird das Ganze aber wie gesagt, wenn es den so Abgeurteilten als Eigenschaft anhaftet. In Form der Rassentheorien oder einer kruden Auffassung von Genetik (wie etwa bei Hitler oder Sarrazin) wird das sehr offensichtlich. Trifft diese Form des Identifizierens Anderer bzw. von Gruppen auf eine sprichwörtlich religiöse Ideologie der Nützlichkeit, ist Faschismus die logische Konsequenz. Menschen werden eingeteilt in nützlich und unnütz, wobei bestimmten Gruppen unveränderliche Nutzlosigkeit nachgesagt wird. Gott will diese Kreaturen nicht. Sie arbeiten nicht, sie schädigen die Fleißigen, sie beten fremde Götter an, sie vergnügen sich hemmungslos, und all das liegt ihnen im Blut.

Die sind so

Wir kennen das in vielen Varianten, als Antisemitismus, als Islamhass, Ausländerfeindlichkeit und Hass auf alles, was man sonst noch diskriminieren kann. "Sozialrassismus" bleibt ein Sonderphänomen, weil Arbeitslose keine Volksgruppe sind, dafür fällt aber das Vorurteil des faulen vergnügten Arbeitslosen auf besonders fruchtbaren Boden. Eine schlimmere Sünde gibt es nicht, und im Gegensatz zu Katholiken wird Protestanten keine Sünde je erlassen.

Zum Schluss noch ein kleiner Rückgriff aufs Narrativ, das natürlich stark geprägt ist von dieser Ideologie. Adenauer hat sich die zugrundeliegenden Erkenntnisse schön zurechtgebogen, sonst hätte er nämlich auf seine Christen losgehen müssen. Aber da gab es ja welche, die schon immer alles schuld waren. In der berühmten Kölner Rede von 1946 heißt es:

"Der Nationalismus* hat den stärksten geistigen Widerstand gefunden in denjenigen katholischen und evangelischen Teilen Deutschlands, die am wenigsten der Lehre von Karl Marx, dem Sozialismus, verfallen waren!". Nein, er hat sich vielmehr dort rasant ausgebreitet, wo die protestantische Arbeitsethik nur einen Schritt davon entfernt war, Untermenschen als Stückgut zu betrachten.

p.s.: Im Text ist bis zu dieser Stelle von "Nationalsozialismus" die Rede. Hier liegt der Verdacht nahe, dass das Transkript fehlerhaft ist.

 
rt

Über die Legenden und kindischen Vorstellungen von Geld, was es sei, in welchen Zusammenhängen es steht und was das mit den Einzelnen zu tun hat, könnte man vielbändige Werke schreiben. Ich möchte nur einige prominente Beispiele geben, unter anderem ein aktuelles. Alles beginnt mit der naiven Vorstellung, es gebe 'eigenes' Geld. Wer sagt: "Es ist mein Geld", dokumentiert damit nur, dass er keine Ahnung hat. Der holde Geldfetisch, der Glaube, alles habe einen quasi natürlichen Preis oder man "verdiene" sein Geld, wird derweil nach Kräften gefördert von denen, die ein Interesse an dummen Bürgern haben.

Gern wird der Glaube bestärkt, es gebe praktisch eine große Portion Geld, von der alle ihre kleine(re) abbekommen. Eifrig schauen sich die Jünger dieses Glaubens um, wer von dieser Portion etwas abbekommt und nölen: "Alles von meinem Geld!". Noch niemand, der je solche Sätze sprach, konnte mir auch nur eine vage Vorstellung davon vermitteln, was Geldschöpfung ist. Sie glauben wirklich und wirklich, dass jeder, der etwas abbekommt, die Portion der anderen verkleinert. Ob Politiker wirklich so dämlich sind, das auch zu glauben, wie der Herr Bundeswirtschaftsminister, oder so dreist lügen, ist die ewige Gretchenfrage.

Dumm wählt gut

Aktuell behauptet er, er höre immer wieder den Satz "Für die macht ihr alles, für uns macht ihr nichts". Sehen wir davon ab, dass dieses neidische rechte Geschwalle ganz anderer Antworten bedarf und seine nationalen Sozialdemokraten nicht nur den Staat ausgehungert haben, sondern "Sparmaßnahmen" mit Absicht als Druckmittel gegen Arbeitslose einsetzen, dann bleibt immer noch der Unsinn, eine unvermeidliche Investition verhindere eine andere. Er wird wohl nicht meinen, man solle jetzt Massenunterkünfte für Deutsche bauen, also geht es eher um so etwas wie Infrastruktur.

Gabriel suggeriert in einem psychedelischen Salto Mortale, die Flüchtlinge seien ein möglicher Hinderungsgrund für andere Investitionen, die schon nicht getätigt wurden, als es noch gar keine Flüchtlinge gab. Das ist nicht nur infam, dahinter steckt auch dieselbe blöde Ansicht, man könne "jeden Euro nur einmal ausgeben". Doppelt und dreifach falsch! Bitte nachschlagen unter "Wertschöpfung" oder sich fragen, wohin denn der Euro geht, wenn er "weg" ist. Ein Euro ist nie "weg", du Idiot, er verweilt nur kurzfristig woanders. Was wiederum den für eine Investition angeht, ist die Sache ähnlich; gebe ich zwei Euro sinnvoll aus, ist der Gewinn doppelt so groß, oder, für den Staat, der Schaden durch marode Infrastruktur so vermeidbar wie der durch obdachlose Flüchtlinge.

Maultaschen feilhalten

Was kommt als Nächstes? Na klar, "die leben auf Pump, das macht die schwäbische Hausfrau auch nicht". Letzteres ein ernsthaftes Argument des Bundesfinanzministers. In seinem Fall gehe ich von widerwärtigster Volksverblödung aus, denn er weiß es definitiv besser. Was macht die schwäbische Hausfrau, wenn sie Geld braucht? Sie erhöht halt die Steuern und Abgaben. Oh, der Vergleich hinkt ja! Schulden sind ohnehin nichts Schlechtes, was jeder Erstsemester in einem beliebigen Wirtschaftsstudium weiß. Ohne Schulden bräche die Wirtschaft sofort zusammen. Wieso sie dann eine "Schuldenbremse" beschlossen haben, fragt ihr? Ich kann nur spekulieren: Weil sie irre sind? Weil im Kleingedruckten eine Hintertür ist? Weil ihnen eure Verblödung echt was wert ist?

Bei all dem befinden wir uns übrigens noch streng auf dem Terrain der Glaubensgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft. Das alles kann man wissen, ohne je eine ernstzunehmende Theorie studiert oder Marx gelesen zu haben. Davon kann ich ohnehin nur abraten, denn wenn man wirklich etwas über Geld, Wert, Wirtschaft und Kapital weiß, ist eine teure Karriere als Medikamentensüchtiger ziemlich sicher.

Fleißig bis zur letzten Kugel

Einen noch zum Schluss, den hatten wir vor vielen Jahren hier schon oft genug: Wir stehen im globalen Wettbewerb. Das ist ganz schlimm, denn darum müssen wir sparen und uns bescheiden, damit wir nicht aufgefressen werden von den Konkurrenten. Komisch eigentlich, denn der Wettbewerb heißt ja sonst immer "fair". Nun sind wir zum Stolz der Stammtische obendrein abonnierter "Exportweltmeister". Wer konkurriert also wen an die Wand? Wer müsste eigentlich mal ein bisschen Luft zum Atmen haben, die da draußen oder wir hier? Und: Was bedeutet das für die Löhne hier? Aha.

Diese irre Erzählung folgt dabei der Mär vom emsigen Deutschen, dessen Fleiß eben alle anderen in den Schatten stellt. Darauf ist er so stolz, dass er immer viel arbeiten muss, wenig für sich beansprucht und eifrig darauf achtet, dass die weniger Fleißigen ja nicht mehr bekommen. Der Deutsche ist ein neidischer Sklave, ein Gottesgeschenk fürs Kapital. Er ist dabei ungebrochen nationalistisch und liebt Hierarchien. Wie das regelmäßig in Rassismus mündet, dazu mehr im nächsten Teil.

 
rm

Ich möchte zur Illustration (man mag es auch Infotainment nennen) hier gelegentlich konkrete Beispiele geben für das, was das Narrativ ausmacht, die Inhalte der großen Erzählung, teils anhand aktueller Äußerungen, teils anhand von 'Weisheiten', die man sich so überliefert. Ich hatte eineige bereits hier erwähnt bzw. verlinkt und möchte gleich aus diesem Artikel zitieren:

"Klassische Beispiele aus dem immer wieder aktuellen politischen Narrativ des Westens setzen auf der Figur des Bösen Russen auf. Hunderte Filmproduktionen befördern es; der Russe ist gefühllos, gedrillt, brutal."
Dieses Muster des Kalten Krieges, der seinerseits die ideologische Fortsetzung des heißen ist, hält sich bis heute:

Brutal, eiskalt, rachsüchtig

"Unsere Schwäche ist das Mitgefühl. Wenn wir das Bild eines Kindes sehen, das tot an einen Strand bei Bodrum liegt, lässt es uns nicht kalt, sondern weckt den Wunsch, das Elend zu lindern.[...]
Zeigen Putin und seine Leute ausnahmsweise Gefühlsregungen, dann sind diese fast immer infantil: Es geht bei ihnen stets um Kränkung und Zorn wegen mangelnder Beachtung, nie um Empathie und Nachsicht
."

("Spiegel Online", dafür gibt es hier keinen Link.) Dieselben kalten Krieger, die solche Stereotypen für Journalismus halten, werfen derweil den bösen Russen vor, diese "drohten" mit einem Kalten Krieg. Das Narrativ darf gern absurd sein, wenn es die Rollenverteilung damit festigen kann.

Jetzt sollen ausgerechnet die rechtslastigen Geheimdienste der BRD nach Belegen suchen, dass Russland die westliche Demokratie durch Propaganda destabilisiert.

Als wäre das nötig, wo Qualitätsjournalisten wie Reinhard Mohr bereits wissen:
Hier sind "russophile Überzeugungstäter wie Matthias Platzeck, altkommunistische Linkspartei-Funktionäre und berufsmäßige Putin-Propagandisten wie Krone-Schmalz" am Werk (No Link, no!), die die "Fakten leugnen" wie:

Fast lückenlose Beweiskette

"Für Putins Regime ist die planvolle Dekonstruktion aller Gewissheiten in diesen Kriegstagen ein probates Mittel, alte Mythen zu platzieren, Verantwortung zu leugnen und alle Schuld anderen aufzuladen. Sein Rache- und Eroberungsfeldzug in der Ukraine ist ein einziges Versteckspiel, ein Verwirrspiel im Namen seiner chauvinistischen Machtansprüche."

Man könnte jetzt jemanden damit beauftragen, diese Sprache zu analysieren, (vergeblich) nach Sachbelegen im Text zu suchen, Formulierungen wie "so gut wie lückenlos belegten Abschuss der Passagiermaschine MH17" oder "Fakten des unerklärten russischen Krieges" mit den Gesetzen der Logik konfrontieren. Man könnte solche Beträge auf psychologische Muster wie Projektion untersuchen oder wenigstens virtuell eine andere Perspektive einnehmen, dann wäre man auf dem Weg einer sachlichen Betrachtung und genügte eventuell rudimentär den behaupteten Ansprüchen journalistischer Arbeit.

Aber es geht hier nicht um Wahrheit, Fairness oder Qualität. Es geht darum, die Geschichte weiter zu erzählen. Dass so dumpfe Propaganda dabei herauskommt, ist den Zeiten geschuldet und dem Eifer der wohl weniger talentierten Erzähler. Dass ihnen solche Skripte nicht krachend um die Ohren gehauen werden, liegt am Narrativ: Der Russe halt. Dem ist alles zuzutrauen. Der freut sich, wenn wir leiden. Der führt immer Übles im Schilde.

 
hi

Ein Journalist, der keine verschwörerischen Vorgänge sucht, taugt nichts. Ich wollte eigentlich schreiben "ein politischer Journalist", aber ich weite es durchaus auf alle aus. Der Grund ist schlicht: Egal ob in der Politik, im Sport oder in der Mode, es gibt überall den Kampf um Profite; Einfluss, Geld, Aufmerksamkeit und Macht - in diesem Zusammenhang auch Deutungsmacht. Das Ganze System wird durch eine billionenschwere PR-Maschinerie beeinflusst; sicherlich nicht, weil die Guten, die uns damit versorgen, wollen dass wir prima informiert sind.

Nehmen wir einen Sportreporter, der über Veranstaltungen im Leistungssport berichtet. Hat er auch nur den Hauch einer Ahnung vom Objekt seiner Reportagen, so weiß er, dass es unter der polierten Oberfläche eine Kanalisation gibt, in der Tonnen von Dope transportiert werden. Er darf berichten, dass es Dopingkontrollen gibt und wer dabei 'erwischt' wird. Er darf aber keinesfalls auch nur mutmaßen, dass flächendeckendes Doping die Bedingung für Leistungssport ist. Da muss man sich entscheiden: Wirklich recherchierten und berichten oder den Job behalten?

Woodward-Bernstein-Syndrom

In der Politik ist die Sache noch einfacher. "Watergate" wird bis heute als Sternstunde des Journalismus gefeiert. Woodward und Bernstein haben dabei nichts anderes als eine Verschwörung aufgedeckt. Heute dürften sie nicht einmal die Vermutung äußern, dass es so etwas gibt. Wohlgemerkt: Nicht weil staatliche Zensur das verbietet, sondern, weil die lieben Kollegen über sie herfielen und die Redaktion für solche Spinnereien kein Verständnis hätte.

Dabei gibt es immer wieder mal einen, der plaudert und dem man doch nur zuhören müsste. Wenn ein hochrangiger Journalist von "Veranstaltungen, von denen nicht berichtet werden darf" spricht (wir hatten das auch hier schon), muss einem doch der Hut wegfliegen. Es ist dann nicht weiter überraschend, dass die Herrschaft permanent zu geheimen Treffen lädt, um den Edelhurnalisten das Gefühl zu geben, Elite zu sein und ihnen mit solchen Trüffeln das Maul zu stopfen.

Geisteskrank

Natürlich haben diese Funktionäre der öffentlichen Meinung Angst davor, wenn wer nach geheimen Absprachen, sinistren Zirkeln und hinterfotziger Einflussnahme fragt. Das fängt doch schon damit an, dass kein Journalist sich als Lohnschreiber verstehen darf, der im Auftrag von Geldgebern arbeitet. Da ist für Realität wenig Platz, also schiebt man sie am besten komplett auf die andere Seite: Wer nach der Wahrheit fragt, muss irre sein; wer zweifelt, lügt.

In diesem Club der hirntoten Dichter ist derweil alles unmöglich, was nicht sein darf, während die Guten das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewohnen, sprichwörtlich. Da kommt dann wie gerufen eins zum anderen, und das Kapital, das sich die Wahrheit kauft, bestimmt, was gesunder Menschenverstand zu denken hat. Nämlich, dass man alles kaufen kann und alles uns gehört. Was pfeift der Verschwörungstheoretiker da: "... und morgen die ganze Welt"? Der ist doch reif für die Psychiatrie!

 
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Ja wo laufen sie denn? Es gab eine Zeit, da wurden sie gefragt, da fand man sie, weil sie bekannt waren. Sie schrieben Bücher, die von Massen Interessierter gelesen wurden und überzeugten durch die Qualität ihrer Gedanken und Argumentationen. Man denke an die Frankfurter, vor allem Adorno und Marcuse. Ja selbst Reaktionäre wie ein Nolte belebten noch einmal die Diskussion, indem ihnen Widerspruch entgegen schlug. Immer ging es um Inhalte und benennbare Standpunkte. Es wurde gestritten. Die Themen ließen sie sich nicht von Politik oder Medien vorgeben, aber wenn ihnen daran etwas nicht passte, äußerten sie sich.

Es folgte, in der Phase nach 1968, die Ära der akademischen Sozialdemokratie. Schriftsteller und Platzhalter wie Böll, Grass und Habermas definierten, was und wie Demokratie zu sein hätte. Immerhin noch in einer gedanklichen Auseinandersetzung, aber schon begrenzt aufs Tagesgeschäft und innerhalb des Narrativs. Marxist sein ging nicht mehr und etwas anderes, das in fundamentaler Opposition stand zum System, blieb aus. Der Vorzeigephilosoph Habermas, ein Abklatsch und Revisionist seiner Lehrer, wurde prominent ohne dass je wer hätte sagen können, wieso. An seinen Werken kann es nicht liegen, die wurden ja nicht einmal von seinen Claqueuren zitiert.

Tief schießen

Danach das nackte Grauen. "Ökonomen" übernahmen, Hand in Hand mit der Springerpresse und dem anderen Boulevard, zu dem auch die verkommenen Reste eines ehedem kritischen Journalismus gehören. "Deutschlands klügster Professor", ein neoliberaler Hardliner. Der Holocaust, das ist für ihn inzwischen Kritik an Managern, Zitat:

"Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager." Ein Intellektueller ganz nach dem Geschmack der Diekmanns.

Flankiert wird dieser Kotau vor der Herrschaft durch Entertainment, gern wird beides im Mix angeboten. Letzterer wurde geradezu verkörpert durch Peter Sloterdijk, einem schon modisch ausgewiesenen 'Intellektuellen' mit dem Chic des Existenzialisten. Leider ist seine 'Philosophie' ein geseiftes Manifest der Beliebigkeit. Die Reflexionen gar nicht einmal uninteressant, leider nur liegt die Spannung darin, dass statt gedanklicher Qualität launisches Lamentieren herrscht. Man weiß nie, was als nächstes um die Ecke kommt. Von Sloterdijks Genie sind vor allem Weisheiten überliefert wie:

"In solchen Anschauungen gründet der für den Marxismus, aber nicht nur für diesen, charakteristische moderne Habitus der Respektlosigkeit vor dem geltenden Recht, insbesondere dem bürgerlichsten der Rechte, dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums."

Der Laberfachmann

Philosophie als neoliberale Talkshow. Das Beste aus dieser Charge hat wenigstens gar nichts mehr zu sagen und schwätzt munter heute dies und morgen jenes, an das man sich schon Minuten später nicht mehr erinnern kann. Richard David Precht steht für die Verschwiegersohnung des geisteswissenschaftlichen Treibguts. Attitüde konnte Sloterdijk vielleicht sogar besser, aber Precht ist dabei noch sympathisch. Vielleicht wird er einmal Rektor der Günther-Jauch-Universität.

Wenn das der Führer wüsste! Der hatte mit dem Großschwätzer Heidegger wenigstens einen korrupten deutschen Geistesdackel, dessen Plappermechanik man sich erarbeiten musste. Das hatte mehr Stil und Unterhaltungswert und war auf einer Ebene reaktionär, die wirklich nur Experten verstehen. Völlig untauglich für ein Schaulaufen eitler Propagandisten. Höchstens Matusseks finden an dergleichen heute noch Gefallen, weil man das so schön beten kann. Kostprobe:

"Der Brauch lässt, Fug und Ruch verfügend, in die Weile los und überlässt das Anwesende je seiner Weile."

Ja sicher! Gibt es denn gar keine Menschen mehr, die durch klare Gedanken, gute Ideen oder wohlorganisiertes Wissen den Diskurs bereichern können? Na klar, aber die sind nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch einfach zu anstrengend. Entweder man versteht sie nicht, oder, was wirklich furchtbar wäre: man verstünde sie und gäbe das ganze Gewese des Betriebs der angemessenen Lächerlichkeit preis.

 
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Es ist ein schwieriger Begriff, nicht zuletzt, weil er so einfach ist. "Was man sich so erzählt", so die einfachste Umschreibung, das ist das Narrativ. Diese drei Beispiele hier finde ich recht gelungen. Sie zeigen, wie Inhalte überliefert werden, ohne dass dahinter etwas steckt, das "Wahrheit" beanspruchen könnte. Hier wird es jetzt kompliziert, denn das heißt keineswegs, ein Narrativ sei grundsätzlich unwahr. Da es sich um Erzählung handelt, vermischt sich fröhlich Wahres mit Unwahrem, einfaches mit Komplexem, am Ende fast alles mit fast allem. Obendrein ändert sich ein Narrativ ständig, obwohl es dabei extrem stabil sein kann.

Ich erlaube mir den Vergleich mit einem großen treibenden Schiff. Das kann man nicht einfach anhalten und in die Gegenrichtung schwimmen lassen. Man kann aber mit recht geringem Aufwand seine Richtung beeinflussen. Das ist dann auch wieder anders als bei der Ideologie oder ihrer Propaganda. Die hat großen Einfluss auf das Narrativ, das kann aber für die Ideologie auch nach hinten losgehen. Siehe die Irrungen und Wirrungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Am Narrativ stricken alle ein wenig mit, es hat tausende Varianten. Das oben erwähnte Schiff kann man erhalten, auf dass es weiter schwimme, man kann es ausbauen, etwas anbauen, ein Loch hinein bohren, es zerlegen und wieder zusammen bauen. Ist es dann noch dasselbe Schiff? Solchen Fragen entzieht sich das Narrativ wie jeder exakten Definition.

Wer sind die Guten

Es gibt in den Narrativen wiederkehrende Inhalte, Motive, Bilder. Es sind diese, die große Wirkung entfalten, weil man daran anknüpfen kann und weil dadurch unpassende Bilder und Motive nur sehr schwer in die Erzählung eingebunden werden können. Sind etwa die Rollen der Helden und Schurken vergeben und die Geschichte oft genug wiederholt worden, lassen die sich nicht so leicht umbesetzen. Das ist übrigens ein Grund, warum das Christentum so erfolgreich war: Die Christen haben die Erzählungen der eroberten Religionen einfach übernommen. Die "christlichen" Feiertage sind fast sämtlich im Ursprung heidnische. Sogar Weihnachten war einst das Fest der Sonnenwende und hat nichts mit Christi Geburt zu tun.

Klassische Beispiele aus dem immer wieder aktuellen politischen Narrativ des Westens setzen auf der Figur des Bösen Russen auf. Hunderte Filmproduktionen befördern es; der Russe ist gefühllos, gedrillt, brutal. Gegen Ende des (quasi offiziellen) Kalten Krieges, im Jahr 1986, kam der äußerst erfolgreiche Film "Highlander" in die Kinos. Die Rolle des Schurken darin war mit einer Figur besetzt, von der erzählt wird, sie stamme aus einem russischen Dorf, in dem die Kleinkinder in eine Grube mit Wölfen geworfen werden. Dieser Typ ist ein Punk, während der 'Gute' ein adretter gebildeter Millionär ist.

In der Serie "Agent Carter" von 2015, die in den 40er Jahren spielt, stammt die (russische) Schurkin aus einem Lager, in dem kleine Mädchen nachts ans Bett gekettet und zu gefühllosen Killern gedrillt werden. Solche Stereotypen finden sich en masse in westlichen Unterhaltungsproduktionen. Das Interessante daran ist nicht bloß, dass es sie gibt, sondern die Unmöglichkeit der Umkehrung. Einen guten Russen kann man sich gerade eben noch vorstellen, das braucht ja auch die Geschichte von der Individualität in dieser Gesellschaft, aber man stelle sich vor, jemand käme mit der Story um die Ecke, in Amerika würden Kleinkinder Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Solch absurde Brutalität wäre auch als Märchen schon "Antiamerikanismus".

Stimmt ja gar nicht

Es gibt eben Geschichten, die kann man nicht erzählen. Dafür ist es umso leichter, absurdes Zeugs zu verbreiten, wenn es eben in den großen Strom des Narrativs passt. Da gibt es Gute und Böse, Freundschaft und Feindschaft, Helden und Schurken. Die sind größtenteils produziert, aber man kann das nicht nach Belieben steuern. Ein Beispiel dafür ist die Umfrage nach den "besten Deutschen" für eine Fernsehshow des ZDF in 2014, die 'passend gemacht', sprich: manipuliert wurde. Der Versuch, das Narrativ einfach zu bestimmen, muss scheitern. Der Clou ist hier allerdings die Erzählung, es könne so etwas wie "beste Deutsche" oder "große Deutsche" überhaupt geben. Diese Kategorien eignen sich hervorragend zum Erzählen einer Geschichte, halten aber keiner Prüfung stand.

Das "Narrativ" bildet also Erzählstrukturen ab und diese haben konkrete Folgen in der Realität, die von der Erzählung nur gestreift wird. Dass es Narrativ ist, nicht Ideologie, Propaganda, Manipulation oder Herrschaftstechnik, liegt schlicht an der Perspektive. Wenn ich mich mit dem Narrativ befasse, dann mit der Erzählung, den Motiven, Handlungssträngen, Figuren. Danach erst stelle ich die Frage, in welcher Beziehung die Erzählung zur Wirklichkeit steht und was daraus folgt. Vor allem, wo die Erzählung, die wiederum von der Mehrheit der Anhänger des Narrativs mit Wirklichkeit verwechselt wird, im Widerspruch zu belegbaren Fakten oder der Logik selbst steht, lässt das oft deutliche Aussagen über die betreffende Gesellschaft zu.

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